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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 118
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.
Vor den Schranken des Gerichts.

Mittlerweile, nach Verlauf von etwa fünf Wochen, sind wir zu einem anderen Auftauchen des Prozesses gelangt und diesmal zu einem mehr sichtbaren als je.

Am Dienstag, den 11. Dezember, ist der Königsprozeß sehr bestimmt aufgetaucht: in die Straßen von Paris, und in Gestalt des grünen Wagens des Maire Chambon, worin der König selber sitzt mit seinen Begleitern, auf seinem Wege nach dem Konventssaale! Begleitet im grünen Wagen vom Maire Chambon, Procureur Chaumette, außerhalb des grünen Wagens vom Kommandanten Santerre mit Kanonen, Kavallerie und einer doppelten Reihe von Infanterie; alle Sektionen sind unter Waffen, starke Patrouillen durchstreifen die Straßen. So fährt er langsam hin durch das trübe Regenwetter, und ungefähr um zwei Uhr sieht man ihn »im haselnußbraunen Überrock, redingote noisette,« über den Vendômeplatz nach dem Saal der Manège gelangen, um dort angeklagt und gerichtlich verhört zu werden. Der mysteriöse Temple-Umkreis hat sein Geheimnis herausgegeben, das die Welt nun hier, in haselnußbraunem Überrock, mit Augen sieht. Es ist derselbe Ludwig, der einst Ludwig der Ersehnte war. Der unglückliche König, jetzt treibt er nach dem Hafen, seine traurigen Fahrten gehen ihrem Ende entgegen. Was für eine Pflicht er jetzt noch zu erfüllen hat, die Pflicht ruhig zu dulden, die ist er imstande zu thun.

Der merkwürdige Zug fährt dahin, unter Schweigen, sagt Prudhomme, oder unter dem Brummen der Marseillaise, schweigend geht es in den Konventsaal, wobei Santerre mit seiner Hand Ludwigs Arm hält. Ludwig blickt um sich, mit ruhiger Miene, um zu sehen, welch ein Konvent und Parlament dies ist. Sehr verändert, wirklich, – seit dem Februar vor zwei Jahren, als unsere damals geschäftige Constituante für uns den mit Fleurs-de-Lis durchwirkten Sammet ausbreitete, und wir herüberkamen, um ein freundlich Wort hier zu sagen, und sie alle aufsprangen und Treue schwuren, ganz Frankreich aufsprang und schwor und ein Pikenfest daraus machte, das nun zu diesem Ende gekommen ist! Barrère, der einst »weinte,« aufblickend von seinem Redaktionstische, blickt jetzt herab von seinem Präsidentenstuhle, mit einer Liste von siebenundfünfzig Fragen in der Hand, und sagt trockenen Auges: »Ludwig, Sie können sich setzen.« Ludwig setzt sich. 251 Der Sitz ist der nämliche, sagt man, dasselbe Holz und Polster, auf dem er im Herbst vor einem Jahre, inmitten von Tanz und Illumination, die Konstitution annahm. So bleibt das Holz sich gleich, so vieles andere bleibt sich nicht gleich. Ludwig setzt sich und hört zu, mit einer ruhigen Miene.

Von den siebenundfünfzig Fragen werden wir nicht eine hier wiederholen. Es sind Fragen, die in verfänglicher Weise die am 10. August oder kürzlich im eisernen Schranke gefundenen Beweisstücke berühren, Fragen in Bezug auf die Hauptvorfälle der Revolution, und sie fragen im wesentlichen dies: Ludwig, der du König warst, bist du nicht schuldig, bis zu einem gewissen Grade durch Handlungen und Korrespondenzen versucht zu haben, König zu bleiben? Auch in den Antworten des Königs ist nicht viel Bemerkenswertes. Meistens antwortet er in bloßen Verneinungen; er, der Angeklagte, stellt sich auf die einfache Basis eines Nein: ich erkenne das Dokument nicht an, ich habe die Handlung nicht verübt, oder, ich that dies dem damals bestehenden Gesetze gemäß. Und als so die siebenundfünfzig Fragen und hundertzweiundsechzig Beweisstücke erschöpft sind, schließt Barrère das Verhör, nach etwa drei Stunden, mit den Worten: »Ludwig, ich erlaube Ihnen, sich zurückzuziehen.«

Ludwig zieht sich unter Munizipalescorte in ein anstoßendes Kommissionszimmer zurück, nachdem er, beim Verlassen der Schranken, rechtlichen Beistand verlangt hat. Im Kommissionszimmer lehnt er jede Erfrischung ab, dann, als er Chaumette beschäftigt sieht mit einem kleinen Laib Brot, das ein Grenadier mit ihm geteilt hat, sagt Ludwig, er wollte auch ein Stück Brot essen. Es ist fünf Uhr, und er hatte nur wenig gefrühstückt, an einem Morgen mit so viel Trommeln und Alarm. Chaumette bricht sein halbes Laib Brot, der König ißt von der Rinde, steigt essend in den grünen Wagen, fragt dann, was er mit den Brotkrumen thun solle? Chaumettes Schreiber nimmt sie ihm ab und wirft sie auf die Straße. Ludwig sagt, es sei schade, in einer teuren Zeit Brot wegzuwerfen. Chaumette bemerkt: »Meine Großmutter pflegte zu mir zu sagen: Kleiner, verschwende nie ein Krümchen Brot, du kannst keines machen.« »Monsieur Chaumette,« antwortete Ludwig, »Ihre Großmutter scheint eine verständige Frau gewesen zu sein.«Prudhommes Zeitung (in der Hist. parl. XXI, 314). Armer unschuldiger Sterblicher! So ruhig erwartet er's, wie sein Los fallen mag; – dieser Aufgabe wenigstens 252 wohl gewachsen, für welche Leiden allein, ohne Thätigkeit, genügt. Er spricht auch davon, einmal eine Reise durch Frankreich zu machen, um eine geographische und topographische Übersicht davon zu erlangen, da er immer ein Freund der Geographie gewesen. – Der Umkreis des Temple nimmt ihn wieder auf, schließt sich wieder um ihn. Das gaffende Paris mag sich an seinen Herd, in seine Kaffeehäuser, in seine Clubs und Theater zurückziehen. Feuchte Finsternis hat sich herabgesenkt, und in ihr verhallt das Trommeln und Patrouillieren dieses merkwürdigen Tages.

Ludwig ist jetzt getrennt von seiner Gemahlin und seiner Familie, seinen eigenen einfachen Gedanken und Unterhaltungen überlassen. Schwer liegen diese steinernen Wände um ihn, von denen, die er liebte, ist niemand bei ihm.

»In diesem Zustande der Ungewißheit« schreibt er sein Testament, um sich für das Schlimmste vorzusehen. Ein Dokument, das man noch lesen kann, voll Sanftmut, Einfalt, frommer Ergebung. Der Konvent hat, nach einer Debatte, ihm rechtlichen Beistand nach eigener Wahl bewilligt. Advokat Target fühlt sich dazu »zu alt«, da er über vierundfünfzig ist, und lehnt ab. Mit der Verteidigung des Halsbandkardinals Rohan hatte er große Ehren erworben, aber hier will er keine gewinnen. Advokat Tronchet, der etwa zehn Jahre älter ist,. lehnt nicht ab. Ja, seht, der gute alte Malesherbes tritt freiwillig vor auf seinen letzten Kampfplatz, der gute alte Held! Sein Haar ist in siebzig Jahren erbleicht, und doch sagt er: »Ich wurde zweimal in den Rat dessen berufen, der mein Herr war, als die ganze Welt nach dieser Ehre strebte; und ich schulde ihm denselben Dienst nun, wo es ein Dienst geworden ist, den viele für gefährlich halten.« Diese beiden mit einem jüngeren Desèze, den sie für die Verteidigung bestimmen, machen sich an die siebenundfünfzigfache Klage, an die hundertundzweiundsechzig Beweisstücke; Ludwig hilft ihnen, so gut er's vermag.

Eine große Angelegenheit ist nun also in offenem Gang, alle Menschheit in allen Ländern beobachtet ihren Verlauf. Unter welchen Formen und Regeln soll der Konvent sie durchführen, so, daß auch nicht die Spur eines Tadels auf ihn fallen kann? Dies wird schwer sein. Der Konvent ist wirklich in Verlegenheit, er diskutiert und berät. Den ganzen Tag, vom Morgen bis zur Nacht, einen Tag um den andern, erdröhnt die Tribüne von Reden darüber; es muß die alte Formel gestreckt werden, um das Neue damit zu decken. Die 253 Patrioten des Berges spitzen ihr Verlangen, die Sache vor allem schnell erledigt zu sehen, immer schärfer zu; für die einzige gute Form halten sie die schnellste. Dennoch erwägt der Konvent, die Tribüne erdröhnt, von Zeit zu Zeit freilich von Tenor- und sogar von Diskantstimmen übertäubt, da im ganzen Saal alles ringsum schreit in recht heftigem Zorn und unter Herausforderungen. So hat es gedröhnt und geschrien nahezu vierzehn Tage, die grellen Schreie sind immer schriller geworden, ehe wir beschließen können, daß am Mittwoch, den 26. Dezember Ludwig erscheinen und sich rechtfertigen solle. Seine Advokaten beklagen sich, daß die Zeit verhängnisvoll kurz sei, wozu sie als Advokaten wohl Grund haben; aber umsonst, dem Patriotismus erscheint sie unendlich lang.

Am festgesetzten Mittwoch sind daher alle Senatoren, in der kalten Stunde um acht Uhr am Morgen, auf ihrem Platze. Sie erwärmen in der That die kalte Stunde durch eine gewaltige Hitze, wie sie bei ihnen jetzt nur zu gewöhnlich ist, indem irgend ein Louvet oder Buzot einen Tallien, Chabot angreift und so der ganze Berg in Glut gerät gegen die ganze Gironde. Kaum ist dies gethan, um neun Uhr, so treten Ludwig und seine drei Advokaten in den Saal, von Waffengeklirr und Santerres Nationalmacht begleitet.

Desèze entfaltet seine Papiere, spricht drei Stunden lang, sein gefährliches Amt ehrenvoll erfüllend. Eine ehrenvolle Verteidigung, »zusammengestellt beinahe über Nacht,« mutig, doch besonnen, nicht ohne Geist und sanfte pathetische Beredsamkeit. Ludwig fiel seinem Verteidiger um den Hals, als sie den Saal verlassen hatten, und sagte unter Thränen: »Mon pauvre Desèze!« Ludwig selber hatte, ehe er sich aus dem Saal entfernte, der Verteidigung einige Worte hinzugefügt, »vielleicht die letzten, die er zu ihnen sprechen werde«, wie es ihn vor allem schmerze, daß man ihm die Schuld beimesse an dem Blutvergießen des 10. August, oder von ihm denke, er habe je französisches Blut vergossen oder vergießen wollen. Damit verließ er den Saal; – seine Aufgabe darin war in der That vollbracht. Manchen merkwürdigen Gang hatte er in diesen Saal gehen müssen, dieser merkwürdigste ist der letzte.

Und nun, warum will der Konvent zögern? Hier ist Anklage und Beweis, da die Verteidigung, folgt nicht das übrige von selbst? Der Berg und Patriotismus im allgemeinen schreien immer lauter um Beschleunigung, um permanente Sitzung, bis die 254 Sache erledigt. Dennoch beschließt ein zweifelnder, besorgter Konvent, daß er noch erst beraten wolle, daß alle Mitglieder, die es wünschen, Freiheit haben sollen zu sprechen. – An eure Pulte denn, ihr beredten Mitglieder! Legt eure Gedanken nieder, den Wiederhall und das Hörensagen von Gedanken, jetzt ist's Zeit, sich zu zeigen. Frankreich und der Erdkreis lauschen. Die Mitglieder lassen es daran nicht fehlen: eine Rede, eine gesprochene Flugschrift folgt der andern, mit soviel Beredsamkeit, als jeder hat, immer mehr schwillt des Präsidenten Liste an mit Namen von Rednern, die zu sprechen verlangen. Tag um Tag, zu allen Stunden, dröhnt die beständige Tribüne, schreiende Galerien liefern die Tenor- und Diskantbegleitung, sehr abwechslungsreich. Sonst wäre es wohl eintönig.

Die Patrioten vom Berg und von den Galerien, die sich nächtlich im Sektionshaus, in der Muttergesellschaft, inmitten ihrer kreischenden Tricoteuses beraten, müssen mit Luchsaugen wachen, ihre Stimme erheben, wo es nötig, gelegentlich sehr laut. Der Deputierte Thuriot, der der Advokat Thuriot und der Wahlmann Thuriot gewesen, derselbe, der von der Höhe der Bastille herab St. Antoine sich in Masse hatte erheben sehen wie der Ocean, dieser Thuriot kann eine Formel ausstrecken, so kräftig als irgend ein Mann. Der grausame Billaud ist nicht schweigsam, wenn man ihn reizt, ebensowenig der grausame Jean-Bon, auch er eine Art von Jesuit; – man schreibe nicht, wie die Diktionärs zu oft es thun, Jambon, was bloß Schinken bedeutet.

Aber im großen Ganzen soll niemand es für möglich halten, daß Ludwig nicht schuldig wäre. Die einzige Frage für einen vernünftigen Menschen ist oder war: Kann der Konvent über Ludwig richten, oder muß dies das ganze Volk thun, in Urversammlungen und folglich mit Verzug? Immer Verzug, ihr Girondisten, ihr falschen hommes d'état! – so schreit der Patriotismus und verliert fast alle Geduld. – Aber wirklich, wenn man's bedenkt, was sollen sie sonst thun, die armen Girondisten? Sollen sie ihre Überzeugung offen heraussagen, daß Ludwig ein Kriegsgefangener sei und nicht ohne Ungerechtigkeit, Widerspruch und Gefahr hingerichtet werden könne? Diese Überzeugung laut werden lassen, und damit vollständig jeden Boden einbüßen beim entschiedenen Patrioten? Ja eigentlich ist's auch nicht einmal eine Überzeugung, sondern eine Vermutung und eine dunkle Frage. Wie viele arme Girondisten sind nur einer Sache sicher: daß ein Mensch 255 und Girondist irgendwo einen festen Boden haben muß, worauf er sicher stehe, ohne es mit den respektabeln Leuten zu verderben! Dies ist's, wovon sie überzeugtSiehe Auszüge aus ihren Zeitungen in der Histoire parlementaire XXI, 1-38 etc. sind und was sie zuversichtlich glauben. Sie müssen ängstlich sich winden, zwischen den Spitzen ihres Dilemmas.

Auch Frankreich ist nicht müßig, noch Europa. Er ist ein Herz, dieser Konvent, wie wir sagten, das Einflüsse aussendet und in sich aufnimmt. Eines Königs Hinrichtung, nenne man sie Märtyrertum, nenne man sie Strafe, würde einen gewaltigen Einfluß ausüben. – Zwei merkwürdige Einflüsse hat dieser Konvent, sehr zum eigenen Nachteil, bereits über alle Nationen ausgehen lassen. Am 19. November erließ er einen Beschluß und hat ihn seitdem bestätigt und in seinen Einzelheiten weiterentwickelt, daß jede Nation, die es für gut finden sollte, die Fesseln des Despotismus abzuschütteln, dadurch sozusagen eine Schwester Frankreichs würde und dessen Hilfe und Unterstützung haben solle. Ein von Diplomaten, Publizisten, internationalen Rechtsgelehrten viel getadelter Beschluß, ein Beschluß, den keine lebende »Fessel des Despotismus«, keine Behörde irgendwo billigen kann! Es war der Deputierte Chambon, der Girondist, der ihn beantragte – im Grunde nur vielleicht als eine rhetorische Floskel.

Der zweite Einfluß, von dem wir sprechen, war noch ärmlicheren Ursprungs. Er war entstanden in dem ruhelosen laut klappernden, schwachen Kopfe eines gewissen Jakob Dupont aus der Loiregegend. Der Konvent war gerade über einen Plan vertieft für Nationalerziehung, und der Deputierte Dupont sagte in seiner Rede darüber: »Ich bin so frei zu gestehen, Herr Präsident, daß ich für meinen Teil ein Atheist bin,«Moniteur, Séance du 14. Décembre 1792. – wobei er wohl dachte, daß der Welt daran liege, dies zu wissen. Die französische Welt nahm es auf ohne Kommentar oder mit nicht hörbarem Kommentar, da es sonst so laut herging in Frankreich. Aber die fremde Welt wurde dadurch mit Entsetzen und Erstaunen erfüllt;Mrs. Hannah More, Brief an Jakob Dupont (London 1793); u. s. w. dieser Einfluß oder Eindruck auf sie war ein höchst widerwärtiger! Und wenn jetzt zu diesen beiden ein dritter Einfluß hinzuträte und pulsierend die ganze Welt durchliefe: der Königsmord?

256 Fremde Höfe mischen sich in diesen Prozeß gegen Ludwig, Spanien, England, auf die man nicht hört, obwohl sie – Spanien wenigstens – gleichsam mit dem Olivenzweig in der einen Hand, dem Schwert ohne Scheide in der andern kommen! Aber auch aus Frankreich, aus dem uns umgebenden Paris, welche Einflüsse dringen vollpulsierend herein! Petitionen in Strömen, die um gleiche Gerechtigkeit flehen in einem Reiche der sogenannten Gleichheit. Es fleht der lebende Patriot, flehen nicht auch die toten Patrioten, o ihr Nationaldeputierten, flehen nicht die zwölfhundert Erschlagenen aus ihrer engen Behausung, in stummen Totenpantomimen, beredter als alle Sprache? Verkrüppelte Patrioten hinken an Krücken, Gerechtigkeit heischend, um den Saal de Manège. Die Verwundeten des 10. August, die Witwen und Waisen der Getöteten petitionieren in einem Massenaufzuge, und hinken und defilieren stummberedt durch den Saal; ein verwundeter Patriot, der unfähig ist zu hinken, wird auf seinem Bette hingetragen und defiliert so, schulterhoch, in horizontaler Lage durch den Saal.Histoire parlementaire, XXII, 131; Moore etc. Die Konventstribüne, die bei diesem Anblicke innegehalten hat, beginnt wieder – von rein juristischen Floskeln zu dröhnen. Aber draußen schreit Paris immer ärger. Das Stiergebrüll St.-Huruges und die hysterische Beredsamkeit der Mutter Duchesse wird gehört: »Varlet, der Freiheitsapostel«, mit Pike und roter Mütze, eilt hastig daher, seinen Rednerstuhl tragend. Strafe für den Verräter! schreit die ganze Patriotenwelt. Auch den andern Schrei ziehe man in Betracht, den man laut hört in den Straßen: »Gebt uns Brot oder tötet uns!« Brot und Gleichheit, Strafe für den Verräter, damit wir Brot haben!

Der beschränkte oder unentschiedene Patriot steht dem entschiedenen gegenüber. Maire Chambon hört von einem schrecklichen Krawall im »Théâtre de la Nation;« wegen eines neuen Dramas betitelt »Ami des Lios« (Freund der Gesetze) ist es zwischen den Entschiedenen und den Unentschiedenen zu einem Krawall, ja selbst zur Faustarbeit gekommen. Es ist eines der elendesten Stücke, die je geschrieben worden, enthält aber belehrende Anspielungen, infolge deren gepuderte Perücken von Ordnungsfreunden und schwarze Haare von Jakobinerköpfen umherfliegen, und Maire Chambon kommt daher geeilt mit Santerre, in der Hoffnung, den Tumult zu beschwichtigen. Weit davon ihn zu beschwichtigen, wird unser 257 guter Maire so »gedrückt«, wie der Bericht sagt, und auch so geschmäht und beschimpft, wie wir sagen, – daß er mit Bedauern seine kurze Maireschaft aufgiebt, »weil seine Lunge leidend.« Dieser elende »ami des lois« wird selbst im Konvent besprochen, so voll heftiger gegenseitiger Erbitterung sind die beschränkten Patrioten und die unbeschränkten.Histoire parlementaire XXIII, 31, 48, etc.

Und sind nicht zwischen den zwei Klassen Aristokraten genug und Kryptoaristokraten thätig? Spione eilen herüber von London mit wichtigen Paketen, Spione auch nur zum Schein. Einer von diesen, Viard war sein Name, behauptete, Roland und selbst die Gattin Rolands anklagen zu können, zur großen Freude Chabots und des Berges. Aber Frau Roland kam augenblicklich auf die Vorladung hin nach dem Konventssaale, kam in ihrer hohen Reinheit, und mit wenigen klaren Worten zerstreute sie Viard und seine Anklage in Verächtlichkeit und Luft zurück unter den Beifallsrufen aller Ordnungsfreunde.Moniteur, Séance du 7 Décembre 1792. So tobt dieses wilde Paris denn, in Theaterkrawallen, mit »Brot oder tötet uns«, in Wut, Hunger, widernatürlichem Verdacht. Roland wird immer verdrossener in seinen Botschaften und Briefen, fast hysterisch. Marat, den keine Macht auf Erden hindern kann, in Verräter und Rolande hineinzusehen, muß zu Bette liegen, beinahe tot, der unschätzbare Volksfreund, vor Herzeleid, Fieber und Kopfschmerz: »O peuple babillard, si tu savais agir, o Volk von Schwätzern, wenn du nur handeln könntest!«

Um allem die Krone aufzusetzen, ist in diesen Neujahrstagen der siegreiche Dumouriez in Paris angekommen; – man fürchtet, zu nichts Gutem. Er thut, als ob er sich nur über den Minister Pache und die Verschleuderungen des Hassenfratz beklagen, nur Maßregeln verabreden wolle für den Frühjahrsfeldzug. Aber man findet ihn viel in Gesellschaft der Girondisten. Komplottiert er mit ihnen gegen Jakobinismus, gegen Gleichheit und die Bestrafung Ludwigs? Wir haben Briefe von ihm an den Konvent selbst. Will er die alte Rolle Lafayettes spielen, dieser neue siegreiche General? Laßt ihn sich wieder zurückziehen, aber nicht ohne Anklage.Dumouriez, Mémoires, III, 4.

Und noch immer dröhnt es inzwischen auf der Konventstribüne von juristischer Beredsamkeit und von Hypothesen 258 ohne That, und noch stehen an die fünfzig in des Präsidenten Rednerliste. Diese girondistischen Präsidenten bevorzugen ihre eigene Partei; wir haben Verdacht, sie treiben falsches Spiel mit der Liste; die Männer vom Berg kommen nicht zu Wort. Und weiter dröhnt es, den ganzen Dezember hindurch bis in den Januar und das neue Jahr hinein, und noch kein Ende! Paris kreischt ringsum, in unzähligen Stimmen, immer lauter, immer rascher, wie das Pfeifen eines Wirbelwinds. Paris will »Kanonen holen von St. Denis,« man spricht vom »Schließen der Barrièren,« – zu Rolands Entsetzen.

Worauf, seht, plötzlich die Konventstribüne aufhört zu dröhnen: wir brechen die Debatte ab, sei auf der Rednerliste, wer will, und machen ein Ende. Am nächsten Dienstag, den 15. Januar 1793, soll es zur Abstimmung kommen, Name für Name, und so oder so dies große Spiel zu Ende gehen!

 

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