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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 117
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.
Ausstrecken der Prozeßformeln.

Es wäre überflüssig zu verfolgen, wie die Prozeßfrage jetzt, wo sie greifbar aufgenommen ist, durch wochenlanges Wachstum reif wurde. Sie tauchte auf und unter zwischen der unendlichen Menge von Fragen und Verwirrungen. Das Veto der Schurken schreibt klagende Briefe über Anarchie; »verborgene Royalisten,« vom Hunger unterstützt, erregen Kornrevolten. Ach, erst vor einer Woche machten diese Girondisten einen neuen scharfen Angriff wegen der Septembermetzeleien!

Als nämlich an einem der letzten Tage des Oktober Robespierre durch eine neue Anspielung auf jene alte Verleumdung, er strebe nach der Diktatur, auf die Tribüne gerufen worden war und dort zu immer größerer Selbstbefriedigung sprach und sich verteidigte, so schwoll ihm das Herz und mutig rief er in den Saal hinaus: Ist einer da, der mich speziell anzuklagen wagt? »Moi!« rief da einer. Nach einer Pause von tiefer Stille schreitet rasch und zornig eine kleine, magere Gestalt mit breiter, kahler Stirn nach der Tribüne, zieht Papiere aus seiner Tasche und ruft: »Ich klage dich an, Robespierre, ich, Jean Baptist Louvet.« Der Seegrüne wurde talgbleich, schrumpfte zusammen in einer Ecke der Tribüne. Danton rief: »Sprich, Robespierre, viel gute Bürger sind hier, die dich hören.« Aber die Zunge versagte den Dienst. Und so las und recitierte Louvet mit schrillem Tone ein Verbrechen nach dem anderen: herrschsüchtige Sinnesart, Trachten nach ausschließlicher Volksgunst, Einschüchterungen bei Wahlen, Pöbelgefolge, Septembermetzeleien – bis der ganze Konvent wieder aufschrie und beinahe den Unbestechlichen auf der Stelle in Anklagezustand erklärt hätte. Nie war der Unbestechliche in solch kritischer Lage. Louvet wird es bedauern bis zu seinem letzten Tage, daß die Gironde nicht eine kühnere Haltung annahm und dem Unbestechlichen nicht gleich das Lebenslicht ausblies.

245 Sie that es indessen nicht. Dem Unbestechlichen, nahe dran so plötzlich vor die Schranken gestellt zu werden, konnte eine Woche Frist nicht versagt werden. Er ist nicht müßig in dieser Woche, ebensowenig die Muttergesellschaft – sie zittert gewaltig für ihren auserwählten Sohn. Am bestimmten Tage ist er fertig mit seiner geschriebenen Rede, so glatt wie eines Jesuiten-Doktors Machwerk, und überzeugt einige. Und jetzt? Warum steht jetzt der faule Vergniaud nicht auf mit demosthenischem Donnern? Der arme Louvet, unvorbereitet, kann wenig oder nichts mehr thun, und Barrère beantragt, daß diese verhältnismäßig erbärmlichen »Persönlichkeiten« abgethan werden durch Übergang zur Tagesordnung. Und so wird's beschlossen. Barbaroux kann sich nicht einmal Gehör verschaffen, nicht einmal damit, daß er zu den Schranken hinstürmt und als Bittsteller gehört zu werden verlangt.Louvet, Mémoires (Paris 1823) p. 52; Moniteur (Séances, 29 Octobre, 5 Novembre, 1792); Moore, II, 178 etc. Der Konvent, begierig an die öffentlichen Geschäfte zu gehen (wo jenes erste greifbare Auftauchen der Prozeßfrage eben einen jeden reizt), schiebt diese verhältnismäßig als misères und Erbärmlichkeiten angesehenen Dinge beiseite. Der ärgerliche Louvet muß seinen Ärger hinunterwürgen, es lebenslang bedauernd; Robespierre, zuvor dem Patriotismus schon teuer, wird's ihm noch mehr durch die Gefahr, die er gelaufen.

Dies ist der zweite große Versuch unserer Girondisten-Freunde der Ordnung, den schwarzen Fleck im Gebiete der Ordnung auszulöschen, aber wir sehen, sie haben ihn bei weitem schwärzer und größer gemacht als zuvor! Anarchie, Septembergemetzel, allen liegt das als etwas Gräßliches auf dem Herzen, sehr verabscheuungswürdig ist's besonders dem unentschiedenen respektablen Patrioten, ist ihm etwas, das man so oft und so lange hervorziehen muß, bis es Erfolg hat. Kommt immer wieder darauf zurück, denunziert ihn, tretet darauf herum, ihr Patrioten der Gironde; und dennoch, seht nur, läßt er sich nicht niedertreten, wird immer nur schwärzer und größer. Ihr Thoren, der schwarze Fleck liegt nicht auf der Oberfläche, sondern ist eine aus der Tiefe dringende Quelle! Betrachtet ihn recht, er ist der Apex des ewigen Höllenschlundes, durchscheinend wie Wasser durch dünnes Eis; – sagen wir, wie das finstere Reich der Unterwelt durch euer dünnes Häutchen von girondistischer Ordnung 246 und Respektabilität. O tretet nicht darauf, damit nicht das Häutchen breche und dann –!

Die Wahrheit ist, wenn dies unsere Girondisten-Freunde nur begreifen wollten, wo wäre jetzt der französische Patriotismus mit all seiner Beredsamkeit, wenn diese selbe große Unterwelt, dieses Reich des Wahnsinns, des Fanatismus und der Volkswut nicht aus seiner unergründlichen Tiefe heraufgestiegen wäre am 10. August? Der französische Patriotismus wäre eine beredte Reminiscenz, an preußischen Galgen hängend. Ja, wo würde es in einigen Monaten sein, sollte eben jene Tiefe jetzt sich schließen? – Übrigens wollen Zeitungsleser behaupten, dieser Abscheu über das Septembergemetzel sei selbst zum Teil nur ein später entstandener, Zeitungsleser können Gorsas und verschiedene Brissotins citieren, die das Septembergemetzel, während es vor sich ging, billigten und es als eine heilsame Rache bezeichneten.Siehe Histoire parlementaire XVII, 401; Zeitungen Gorsas und anderer (ebenda citiert 428). Sodaß am Ende vielleicht der eigentliche Beschwerdegrund nicht sowohl gerechter Abscheu wäre, als vielmehr nur der Verdruß über das Schwinden der eigenen Macht. Unglückliche Girondisten!

In der Jakobinergesellschaft klagt darum der entschiedene Patriot, daß es solche Leute gebe, die mit ihren Privatabsichten und Animositäten die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit alle drei miteinander zu Grunde richten würden. Sie hemmten den Geist des Patriotismus, würfen ihm Knüppel vor die Füße und statt zu schieben mit allen Schultern am Rad, stünden sie müßig da, ärgerlich schreiend, was für ein schlechtes Gleis dies sei, was für derbe Stöße wir dem Wagen gäben! Darauf antwortet die Jakobinergesellschaft mit grimmigem Gebrüll und zornigem Kreischen, denn es sind auch Bürgerinnen da, dicht gedrängt auf den Galerien. Bürgerinnen, die ihr Nähzeug oder ihre Stricknadeln mitbringen, und kreischen oder stricken, je nachdem es der Fall erfordert; berühmte tricoteuses, patriotische Strickerinnen, wie mère Duchesse, oder eine ähnliche Deborah und Faubourgmutter, die den Ton angiebt. Es ist eine veränderte und sich immer noch verändernde Jakobinergesellschaft. Wo Mutter Duchesse jetzt sitzt, haben wirkliche Duchesses, Herzoginnen, gesessen. Schön rot geschminkte Damen kamen einst hierher in Juwelen und Flitter. Jetzt, anstatt der Juwelen, kann man die Stricknadeln mitnehmen und der Schminke entbehren, 247 an Stelle der Schminke tritt allmählich das natürliche Braun, rein gewaschen oder sogar ungewaschen und sogar Demoiselle Théroigne wird hierfür zu vornehm angesehen werden. Merkwürdig genug; es ist dieselbe Tribüne, wo ein Mirabeau, ein Barnave und die Aristokraten-Lameths einst donnerten, die allmählich die Brissots, Guadets, Vergniauds, eine hitzigere Sorte von Patrioten im bonnet rouge, ersetzten; rote Glut ersetzte das Licht, kann man sagen. Und nun werden ihrerseits auch die Brissots und Brissotisten, Rolandisten, Girondisten überzählig, müssen wegbleiben oder sich ausstoßen lassen. Das Licht der mächtigen Mutter brennt jetzt nicht mehr rot, sondern schweflig blau. – Tochtergesellschaften in den Provinzen mißbilligen laut den Gang der Dinge, verlangen laut die schleunige Wiedereinsetzung der genannten beredten Girondisten, die schleunige »Ausmerzung Marats, radiation de Marat.« Die Muttergesellschaft scheint sich, soweit es der gesunde Menschenverstand voraussagen kann. zu Grunde zu richten. Indes hat sie dies bei allen Krisen zu thun geschienen, aber sie hat ein widernatürliches Leben in sich, und geht nicht zu Grunde.

Aber nun erhält die große Prozeßfrage, während die Kommission dafür eifrig, aber schweigsam daran arbeitet, einen unerwarteten Sporn. Unsere Leser erinnern sich an des armen Ludwigs Neigung für das Schlosserhandwerk und wie in alten glücklicheren Tagen ein gewisser Sieur Gamain von Versailles herüberzukommen pflegte, um Ludwig im Schlössermachen anzuleiten; wie man sagte, ihn oft scheltend seiner Ungeschicklichkeit wegen. Wobei dennoch der königliche Lehrling etwas von dem Handwerk gelernt hatte. Unglücklicher Lehrling, falscher Schlossermeister! Denn jetzt, am 20. November 1792 kommt der schmutzige Schlosser Gamain zur Pariser Municipalität herüber, zum Minister Roland, mit Andeutungen, daß er, Schlosser Gamain, etwas wisse, daß im letzten Mai, als verräterische Korrespondenz so munter im Gange war, er und der königliche Lehrling einen »eisernen Schrank, armoire de fer« angefertigt und aufs geschickteste eingefügt hätten in eine Wand des königlichen Zimmers in den Tuilerien, unsichtbar hinter dem Getäfel, wo der Schrank ohne Zweifel noch stecke! Der treulose Gamain, hingeleitet von Beamten, findet die Stelle im Getäfel, die niemand sonst finden kann, reißt es auf, fördert den eisernen Schrank zu Tage, – voller Briefe und Papiere! Roland nimmt sie heraus, trägt sie in Handtüchern zu der nahebei an emsiger 248 Arbeit sitzenden Prozeßkommission. In Handtüchern, sagen wir, und ohne notarielle Inventaraufnahme; dies ist ein Versehen von seiten Rolands.

Hier nun sind Briefe genug, die mit Beweiskraft die Korrespondenz eines verräterischen auf Selbsterhaltung bedachten Hofes offenbaren, und nicht mit Verrätern nur, sondern mit sogenannten Patrioten! Barnaves Verrat durch Korrespondenz mit der Königin, und sein freundlicher Rat, den er ihr gab seit der Affäre von Varennes, wird hier offenbar; wie gut, daß wir ihn haben, diesen Barnave, daß er wohlverwahrt im Gefängnisse von Grenoble liegt, seit September, da er schon lange verdächtig war. Talleyrands Verrat, manch eines Mannes Verrat, wird hier, wenn nicht völlig, so doch nahezu offenbar. Mirabeaus Verrat, weshalb seine Büste im Konventsaale »mit Flor verhüllt wird,« bis wir uns völlig überzeugt haben. Ach, es ist nur zu überzeugend. Seine Büste im Jakobinersaal, gegen die Robespierre von der Tribüne aus die Anklage schleudert, wird nicht erst verhüllt, sondern augenblicklich zu Scherben zerbrochen; rasch steigt ein Patriot hinauf mit einer Leiter und schmettert sie hinunter auf den Boden, – sie und andere, unter lautem Zurufe.Journal des Débats des Jacobins (in der Histoire parlementaire. XXII, 296). So ist ihre Vergeltung und ihr Lohnsatz, jetzt: nach dem Prinzip von Angebot und Nachfolge. Schlosser Gamain, nicht entsprechend gelohnt für den Augenblick, kommt etwa fünfzehn Monate später mit einer demütigen Petition, worin er auseinandersetzt, daß, kaum sei der wichtige eiserne Schrank von ihm vollendet gewesen, so habe (wie er sich jetzt erinnere) Ludwig ihm ein großes Glas Wein gegeben. Dieses große Glas Wein habe im Magen des Sieur Gamain die schrecklichste Wirkung hervorgebracht, offenbar auf seinen Tod abgezielt, und wurde dann durch ein Brechmittel wieder herausgebracht; es hat aber dennoch die Gesundheit des Sieur Gamain gänzlich zu Grunde gerichtet, sodaß er nicht arbeiten kann für den Unterhalt seiner Familie (wie er sich jetzt erinnert). Wofür die Belohnung ist: »Eine Pension von 1200 Francs« und »ehrenvolle Erwähnung.« So verschieden ist zu verschiedenen Zeiten das Verhältnis von Angebot und Nachfrage.

So hat, unter Hinderungen und antreibenden Förderungen., die große Prozeßfrage zu wachsen; auf- und untertauchend, 249 gepflegt vom besorgten Patriotismus. Von den Reden, die darüber gehalten, von den mühsam ausgesonnenen Formen für den Prozeß, von den Rechtsgründen, um ihn als gesetzlich gelten zu lassen, und von all den unendlichen juristischen und anderen Fluten des Scharfsinns und der Redekunst, werde in dieser Geschichte keine Silbe berichtet. Juristen-Scharfsinn ist gut, aber zu was ist er hier nütze? Wenn die Wahrheit gesprochen werden soll, o hohe Senatoren, so ist das einzige Gesetz in diesem Falle: Vae victis, der Verlierende bezahlt! Selten sagte Robespierre ein weiseres Wort, als da er in seiner Rede den Wink gab, daß es unnütz sei zu sprechen vom Recht, sondern daß hier, wenn auch sonst nirgends, die Macht unser Recht sei. Eine Rede, die von den Jakobiner-Patrioten bis zur Ekstase bewundert wurde: wer will sagen, daß Robespierre nicht ein ganzer, energischer Mann sei, kühn in seiner Logik zum mindesten? Im gleichen Sinne, oder eher noch deutlicher, sprach der junge Saint-Just, der schwarzhaarige Jüngling mit der weichen Stimme. Danton ist während dieser vorläufigen Dinge abwesend mit einem Auftrag nach den Niederlanden. Die übrigen, was man von ihnen liest, wälzen sich hin und her in Völkerrecht, Sozialkontrakt, Juristerei und Syllogistik, für uns unfruchtbar wie der Ostwind. Was kann wirklich auch nutzloser sein als der Anblick von siebenhundertundneunundvierzig erfinderischen Leuten, die lange Wochen hindurch mit allem Eifer und Fleiß sich abmühen, um im Grunde nichts zu thun, als die alte Formel und Rechtsphraseologie auszustrecken, damit sie das neue, widersprechende, ganz unbedeckbare Ding bedecken möge. Wobei denn die arme Formel nur reißt, und die Ehrlichkeit des Streckenden mit ihr! Willst du von einem Ding, das fühlbar heiß und brennend ist, durch Syllogismen beweisen, daß es gefroren sei? Dieses Ausstrecken von Formeln, bis sie reißen, ist, besonders in Zeit schnellen Wechsels, eine der traurigsten Aufgaben, die die arme Menschheit hat. 250

 

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