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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 115
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.
Entthront.

Aber die Frage, die sich mehr als alle dem Gesetzgeber aufdrängt, ist diese dritte: Was soll geschehen mit König Ludwig?

König Ludwig, jetzt nur für seine eigene Familie in ihren eigenen Gefängnisräumen noch König und Majestät, ist für das übrige Frankreich, diese letzten Monate, nur Louis Capet und Verräter Veto gewesen. In seinen Templebezirk eingeschlossen, hat er den lauten Wirbel der Vorgänge gesehen und gehört, das Geheul des Septembergemetzels, Braunschweigs Kriegsdonner verhallen in Niederlage und Enttäuschung. Alles als passiver Zuschauer nur, wartend, wohin ihn zu treiben dem Wirbel gefallen würde. Von den benachbarten Fenstern konnten die Neugierigen, nicht ohne Mitleid, ihn täglich, zu einer bestimmten Stunde, im Templegarten wandeln sehen, mit seiner Königin, Schwester und zwei Kindern, allem, was jetzt ihm noch gehört auf dieser Erde.Moore, I, 123; II, 224, etc. Ruhig wandelt er und wartet, denn er ist nicht ein Mann von lebhaften Gefühlen, und hat ein ergebenes Herz. Der müde Unentschlossene hat wenigstens nicht nötig, jetzt sich zu entschließen. Seine täglichen Mahlzeiten, die Unterrichtsstunden, die er seinem Sohne giebt, der tägliche Spaziergang im Garten, tägliches L'hombre oder Damenspiel füllen den Tag aus; der morgende Tag wird für sich selber sorgen.

Der morgende Tag, ja; und doch, wie wird es werden? Louis fragt sich, wie? Frankreich, mit vielleicht noch größerer Besorgnis fragt, wie? Es ist nicht so leicht, über einen durch Insurrektion entthronten König zu verfügen. Behält man ihn als Gefangenen, so ist er ein geheimer Mittelpunkt für Unzufriedene, für beständige Komplotte, Versuche 239 und Hoffnungen. Verbannt man ihn, so wird er zum offenen Mittelpunkt dafür, sein königliches Kriegsbanner mit allem, was ihm von Göttlichkeit noch anhängt, entfalten sich, sammelt die Welt um sich. Ihn töten? Es ist ein äußerstes Aushilfsmittel, grausam und auch bedenklich, und doch ist's das wahrscheinlichste in dieser äußersten Not von Empörern, deren Leben und Tod da auf dem Spiele steht; darum ist gesagt worden: Von der letzten Stufe des Thrones bis zur ersten des Schafotts ist nur eine kurze Entfernung.

Aber im ganzen betrachtet, müssen wir hier bemerken, daß die Sache betreffend Ludwig heute, für uns, und aus der Entfernung einer Zeit von vierundvierzig Jahren betrachtet, ganz ein ander Aussehen hat, als damals in Frankreich, wo rund um einen herum man von all dem Ringen verwirrt wurde. Denn wirklich, sie ist immer eine große Lügnerin, die Vergangenheit, erscheint »im Mondlicht der Erinnerung« so schön, so traurig, beinahe wie elysisch geweiht, und scheint es nur. Denn bedenkt, aus der Vergangenheit ist in täuschendster Weise (wir gewahren es nicht) immer ein höchst bedeutendes Element hinweggezogen: das Element der blassen Furcht! Nicht beim heutigen Leser lebt die Furcht, oder die Ungewißheit, oder die Angst; sondern sie war bei den Mitlebenden jener Zeit, verfolgte sie, quälte sie, lief wie ein abscheulicher Mißton durch alle Töne ihrer Existenz, – machte die Zeit zu einer bloß gegenwärtigen für sie! So war es mit der Sache betreffend Ludwig. Warum den Gefallenen schlagen? fragt Großmut, heute glücklich außer Gefahr. Er ist so tief gefallen, dieser einst so hochgestellte Mann, ist weder Verbrecher noch Verräter, nein, wie weit davon, sondern der unglücklichste aller menschlichen Solipsismen; hätte abstrakte Justiz ihn zu beurteilen, so würde sie vielleicht konkretes Mitleid werden und urteilen nur in Seufzen und Entlassen!

So denkt die nur zurückblickende Großmut, aber der gegenwärtige, vorausblickende Kleinmut – Leser, du hast nie, monatelang, unterm Rasseln preußischer Henkerstricke gelebt, nie warst du ein Teil eines Saharawalzers einer Nation, wo fünfundzwanzig Millionen wahnsinnig rennen, Braunschweig zu bekämpfen. Sogar die fahrenden Ritter erschlugen gewöhnlich die Riesen, wenn sie sie bezwungen hatten, Gnade gab's nur für andere fahrende Ritter, die Höflichkeit und Kampfregeln kannten. Die französische Nation hat in gemeinsamer, verzweifelter Anstrengung und wie durch ein 240 Wunder des Wahnsinns den allerfürchterlichsten durch das Wachstum von zehn Jahrhunderten ungeheuer gewordenen Goliath niedergeworfen. Sie kann's nicht glauben, obgleich sein Riesenleib, ganze Felder bedeckend, auf dem Boden liegt, gebunden mit Knebel und Stricken, daß er sich nicht wieder erheben, wieder Menschen verschlingen werde, daß der Sieg nicht nur ein Traum. Schrecken hat seinen Skeptizismus, wunderbarer Sieg seine wütende Rache. Dann, was das Verbrecherische betrifft, ist denn auch der gefällte Riese, der uns verschlingen wird, wenn er sich wieder erhebt, ein unschuldiger Riese? Pfarrer Grégoire, jetzt gar konstitutioneller Bischof Grégoire, versichert in der Hitze der Rede, daß das Königtum schon seiner Natur nach ein Kapitalverbrechen sei, daß Königspaläste seien, was die Höhlen wilder Bestien.Moniteur, Séance du 21. Septembre, année première (1792). Schließlich bedenke man dieses: daß die Geschichte schon einmal einen Prozeß des Königs Karl des Ersten verzeichnet. Dieser gedruckte Prozeß Karls des Ersten wird gegenwärtig in Paris verkauft und überall gelesen:Moore's Journal, II, 165.Quelle spectacle! So also hat das englische Volk seinen Tyrannen gerichtet, und ist das erste freie Volk geworden. Kann nicht Frankreich mit England wetteifern, durch die Gnade des Schicksals, indem es die gleiche That vollbringt? Skeptizismus des Schreckens, die Wut des wunderbaren Sieges, das erhobene Schauspiel für den Erdkreis, – alles, alles weist auf einen verhängnisvollen Weg hin!

Solche Hauptfragen und ihren unzähligen gelegentlichen Nebenfragen – über September-Anarchisten und Departementalgarde, über Kornrevolten und den klagenden Minister des Innern, über Armeen, Hassenfratzens Verschwendungen und was mit Louis anzufangen – bestürmen und verwirren diesen Konvent, der so viel lieber die Konstitution machen möchte. All diese Fragen sind dazu, da wir oft davon zu drängen anfangen, im Wachstum begriffen, sie wachsen in jedem französischen Kopf; und das Wachstum kann auch beobachtet werden, sehr merkwürdig ist's, in diesem mächtigen Treiben der parlamentarischen Debatten und der öffentlichen Angelegenheiten, die der Konvent zu besorgen hat. Eine Frage taucht auf, so unbedeutend zuerst, wird hinausgeschoben, hinabversenkt; aber immer wieder taucht sie auf, größer als zuvor. Das Wachstum 241 solcher Fragen ist wirklich eine merkwürdige unbeschreibliche Art von Wachstum.

Indessen bemerken wir, aus dem häufigen Auftauchen und raschen Anwachsen, daß diese Frage betreffend König Louis alle anderen Fragen hinter sich lassen wird. Und wahrlich, sie wird den anderen Fragen vorangehen in einem tieferen Sinne. Denn wie Aarons Stab die anderen Schlangen alle verschlang, so wird auch hier die erste Frage, welche es immer sei, alle anderen Fragen und Interessen absorbieren; und aus ihr und ihrer Lösung heraus werden sie alle sozusagen geboren werden oder neu geboren, und ihre Gestalt, Physiognomie und Bestimmung entsprechend erhalten. Es war vom Schicksal bestimmt, daß in diesen weithin treibenden, merkwürdig wachsenden, ungeheuerlichen, verwirrenden Konventsgeschäften, unter allen Fragen, Kontroversen, Maßregeln und Unternehmungen, die da zum Staunen der Welt sich entwickeln sollten, die große Hauptfrage diese Frage betreffend König Ludwig sein sollte.

 

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