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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 114
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.
Die Exekutive.

Müssen wir darum nicht vermuten, daß sich bei diesem großen Unternehmen, die Konstitution zu machen, wieder, wie zuvor, sehr merkwürdige Zerwürfnisse bilden werden, Fragen und Interessen sich verwickeln, so daß nach den wenigen Monaten oder selbst nach mehreren der Konvent nicht alles abgemacht haben wird? Ach, eine wahre Flut solcher Fragen wogt und siedet auf, immer höher steigend, ohne Ende! Worunter wir, absehend von der den September und die Anarchie berührenden Frage, besonders drei Fragen ins Auge fassen wollen, die öfter als die andern auftauchen und Hauptfragen zu werden versprechen: die Armeen, die Subsistenzmittel, der entthronte König.

Was die Armeen betrifft, so muß die Landesverteidigung offenbar jetzt auf gehörigen Fuß gebracht werden, denn Europa scheint sich wieder gegen uns zu verbinden, ja, man befürchtet, daß selbst England sich hinzugesellen wird. Zum Glück prosperiert Dumouriez im Norden – wie aber, wenn er zu wohl prosperierte, und zum liberticide, zum Mörder unsrer Freiheit würde! Dumouriez prosperiert während dieses Winters, doch nicht ohne jammervolle Klagen. Der glatte Pache, der schweizer Schulmeister, der so schlicht in seinem Gäßchen lebte, das Wunder der Nachbarschaft, ist kürzlich was geworden, was denkt der Leser? Kriegsminister! Madame Roland, der sein schlichtes Wesen aufgefallen war, hatte ihn ihrem Manne als Schreiber empfohlen. Der glatte Schreiber bedurfte keines Gehaltes bei seiner wahrhaft patriotischen Gesinnung; er pflegte, um Mittagessen und Zeit zu sparen, mit einem Stück Brot in der Tasche zu kommen, und, gelegentlich daran kauend, die Arbeit von Dreien in einem Tage zu thun, pünktlich. schweigsam, schlicht, – der glatte Tartüffe, der er war. Weshalb denn Roland ihn beim letzten Umsturz zum Kriegsminister empfahl. Und jetzt, so scheint's, unterminiert er Roland heimlich, spielt den hitzigen Jakobinern und der September-Commune in die Hände, und kann nicht, wie der gewissenhafte Roland, das Veto des Coquins sein!Madame Roland, Mémoires, II, 237, etc.

235 Wie der glatte Pache minierte und unterminierte, das weiß man nicht recht, das aber weiß man, daß sein Kriegsministerium eine Höhle geworden ist für Diebe, und eine Wirtschaft, vor der man schaudern muß. Daß der Bürger Hassenfratz dort sitzt als Hauptsekretär, mit dem bonnet rouge, mit Raub, mit Gewaltthätigkeit und etwas mathematischer Kunstfertigkeit, ein höchst unverschämter Kerl in seiner roten Nachtmütze. Daß Pache mitten unter Haupt- und Untersekretären sein Brot kaut, und das ganze Kriegs-Budget verbraucht hat. Daß Lieferanten in Cabriolets alle Distrikte Frankreichs bereisen und durchstöbern und für den Kriegsminister Geschäfte abschließen und daß trotzdem die Armee so gut wie nichts bekommt, keine Schuhe, obwohl es Winter ist, keine Kleider, einige haben nicht einmal Waffen, »in der Südarmee« klagt ein ehrenwertes Mitglied »mangelt es an dreißigtausend Hosen,« – ein höchst skandalöser Mangel.

Roland's gewissenhafte Seele ist verstört über den Lauf der Dinge. Aber was kann er thun? Sein eigenes Ministerium in strenger Ordnung halten, zurechtweisen und wehren, wo es nur möglich, zum mindesten klagen. Klagen kann er in Briefen und wieder Briefen an den Nationalkonvent, an Frankreich, an die Nachwelt, den Erdkreis, immer verdrossener und empörter kann er werden; und am Ende wird er nicht langweilig werden? Denn ist nicht der Text seiner immerwährenden Predigten, im Grunde, etwas trocken, muß es nicht unbegreiflich erscheinen, daß, in einer Zeit der Revolution und Abschaffung alles Gesetzes außer dem Kanonengesetz, so viel Ungesetzlichkeit vorhanden sein sollte?

O Roland, du unerschrockenes Veto für Schurken, du einfältig getreuer, anständiger, tüchtiger Mann, arbeite du nur in der Weise, die zum Glück in deiner Natur liegt, und arbeite dich ab, wenn auch erfolglos; genützt hat es doch etwas – damals, und heute nützt es deinem Nachrufe! – Die wackere Madame Roland, die beste aller Französinnen, beginnt, Besorgnisse zu hegen; bei Gelegenheit eines republikanischen Diners im Rolandschen Hause zeigt sich ihr Danton zu sehr im »Charakter eines Sardanapal,« Clootz, der Sprecher des Menschengeschlechtes, schwatzt albernes Zeug über eine allgemeine Weltrepublik oder Vereinigung aller Völker und Geschlechter in ein und demselben brüderlichen Band, von welchem Bande man leider noch nicht sieht, wie es geknüpft werden soll. –

Die zweite große Hauptfrage betreffend, so ist es eine 236 unbestreitbare, unerklärliche oder erklärliche Thatsache, daß es immer weniger und weniger Korn giebt. Kornrevolten, tumultuarische Versammlungen finden in Menge statt, nah und fern. Der Maire von Paris und andere arme Maires werden wohl noch Schwierigkeiten bekommen. Pétion war wiedergewählt worden als Maire von Paris, hat aber abgelehnt, da er jetzt Konvent-Gesetzgeber ist. Klug war's abzulehnen, gewiß, denn neben dieser Kornteuerung und allem Übrigen, geht soeben eine improvisierte insurrektionäre Kommune über in eine gewählte gesetzliche, schließt ihre Rechnungen nicht ohne Erbitterung. Pétion hat abgelehnt, doch viele andere wünschen sich und streben in sein Amt. Nach monatelangem Prüfen, Abstimmen, Einwenden und Wortfechten erhält endlich den Ehrenposten ein Doktor Chambon, der ihn nicht lange behalten wird, sondern, wie wir sehen werden, buchstäblich aus ihm herausgedrückt werden wird.Dictionnaire des Hommes Marquants, § Chambon.

Man bedenke auch, ob der Privatsansculotte nicht in einer teuern Zeit seine Not haben muß. Brot kostet nach dem Volksfreund »sechs Sous das Pfund bei einem Tagelohn von nur etwa fünfzehn Sous,« und es ist grimmiger Winter. Ein Wunder, wie der Arme leben bleibt und so selten verhungert! Zum Glück kann sich in diesen Tagen der Mann anwerben und sich von den Österreichern in einer ungewöhnlich befriedigenden Weise totschießen lassen: für die Menschenrechte. – In dieser so bedrängten Lage des Kornmarktes und unter der Herrschaft von Gleichheit und Freiheit schlägt Kommandant Santerre durch die Zeitungen zwei Mittel oder zum wenigsten Palliativmittel, vor: Erstens, daß alle Menschenklassen zwei Tage in der Woche nur von Kartoffeln leben sollen, zweitens, daß jeder seinen Hund hängen soll. Dadurch würde, wie der Kommandant denkt, sehr viel erspart werden, da er in der That das Sparen nach so mancher Tasche berechnet. Lustigere Form erfinderischer Dummheit, als Kommandant Santerre besitzt, giebt's in keines Menschen Kopf. Erfinderische Dummheit, vereint mit Gesundheit, Mut und Gutmütigkeit, sehr zu empfehlen. »Meine ganze Kraft,« so sagt er einmal im Konvent, »ist Tag und Nacht zu Diensten meiner Mitbürger; wenn sie mich wertlos finden, werden sie mich entlassen, dann kehre ich nach Hause zurück und braue Bier.«Moniteur (in der Histoire parlementaire, XX, 412).

237 Oder man stelle sich vor, was für Korrespondenzen ein armer Roland, Minister des Innern, führen muß in dieser Angelegenheit der Getreidenot allein! Freihandel in Korn, Unmöglichkeit, die Kornpreise zu fixieren, schreit's hier; Geschrei und Notwendigkeit, sie zu fixieren, dringt von dort auf ihn ein; die Nationalökonomie predigt vom Bureau des Innern aus mit Beweisen so klar wie die Bibel – aber nutzlos für den leeren Nationalmagen. Der Maire von Chartres, nahe daran, selber gefressen zu werden, ruft den Konvent um Hilfe an. Der Konvent sendet eine Deputation ehrenwerter Mitglieder, die versuchen, durch wunderbare geistige Mittel die Menge zu sättigen, aber es nicht können. Die Menge kommt brüllend an sie heran, trotz aller Beredsamkeit, verlangt, daß die Kornpreise fixiert werden und zwar in mäßiger Höhe, oder sonst – sollen die ehrenwerten Mitglieder auf der Stelle gehängt werden. Die ehrenwerten Mitglieder erzählen dies dem Konvent in ihrem Bericht und gestehen, daß sie, am Abgrunde eines fürchterlichen Todes, den Kornpreis fixiert haben oder so thaten, als ob sie es vermeinten; wofür (dies auch sei bemerkt) der Konvent, ein Konvent, der nicht mit sich spielen lassen will, es für gut findet, ihnen einen Verweis zu erteilen.Histoire parlementaire, XX, 431-440.

Was aber den Ursprung dieser Kornrevolten betrifft, ist es nicht höchst wahrscheinlich, daß dahinter wieder die geheimen Royalisten stecken? Ein Schimmer von Priestern war bei der Revolte in Chartres erkennbar, – für das Auge des Patriotismus. Oder mag nicht wirklich »die Wurzel alles Unheils im Gefängnis des Temple liegen, im Herzen eines meineidigen Königs,« so gut wir ihn auch bewachen?Histoire parlementaire, XX, 409. Unglücklicher, meineidiger König! – Und so stellt man sich bald wieder in Reihe vor die Bäckerläden, bildet Queues, deren Stimmung nach und nach reizbarer wird als je. An jedes Bäckers Thür ist ein eiserner Ring und daran ein Strick, an dem wir, mit festem Griff uns haltend, zu beiden Seiten unsere Queue bilden; aber boshafte Leute zerschneiden den Strick und unsere Queue wird ein Menschenknäuel. Statt des Strickes muß darum eine eiserne Kette dienen.Mercier, Nouveau Paris.

Auch sollen die Kornpreise jetzt fest bestimmt werden. Aber nun ist kein Korn käuflich, Brot nicht zu haben als 238 durch eine Karte vom Maire, wenige Unzen täglich für einen Mund, nach langem Hängen mit festem Griff an der Kette der Queue. Und Hunger wird durchs Land schreiten, schrecklich, und mit ihm Zorn und Verdacht, verschärft bis zum Widernatürlichen; wie jene übernatürlichen »Gestalten von Göttern in ihrem Zorne« gesehen wurden dahinschreitend »in Glut und Flammen jenes Feueroceans«, als Troja fiel! –

 

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