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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 113
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Königsmord.

Erstes Kapitel.
Der Konvent.

Also Frankreich hat zwei Dinge recht vollständig gethan: es hat seine kimmerischen Eindringlinge weit über die Grenzen zurückgeworfen, und seine eigene innere gesellschaftliche Ordnung bis in ihre kleinsten Fasern zerrissen und aufgelöst. Gänzlich verändert ist alles, vom König herunter bis zum Dorfbüttel hatten alle Behörden, Magistrate, Richter oder irgend eine Herrschaft ausübende Personen sich plötzlich, so weit als nötig, ändern müssen, oder sonst sich ändern lassen müssen, plötzlich und nicht ohne Gewalt – daß dies geschehe, dafür haben ein patriotischer »vollziehender Ministerrat« mit einem Patrioten Danton dabei, und ferner eine ganze Nation und ein nationaler Konvent Sorge getragen. Da giebt's keinen Gemeindediener, nicht im fernsten Dörfchen, der nicht weichen müßte, wenn er »de par le Roi« gesagt und dem König ergeben war, und Platz machen müßte für einen neuen verbesserten Gemeindediener, der »de par la République« sagen kann.

Solch ein Wechsel der Dinge ist es, daß die Geschichte ihre Leser bitten muß, ihn sich unbeschrieben vorzustellen; eine augenblickliche Umwandlung des ganzen politischen Körpers, wo die politische Seele ganz eine andere geworden, ein solcher Wechsel, wie wenige Körper in dieser Welt, politische oder andere, erfahren können. Ein Wechsel vielleicht, sagen wir, wie der armen Nymphe Semele Körper erfuhr, als sie durchaus, in weiblicher Neugier, ihren olympischen Jupiter in seiner wahren Jupitergestalt sehen wollte – und dann dastand, eben noch Semele, im nächsten Augenblick nicht mehr Semele, sondern eine Flamme und eine Statue von glühender Asche. Wie Semele Jupiter erblickte, so hat Frankreich die Demokratie gesehen, ihr ins Angesicht geschaut.

Die kimmerischen Eindringlinge werden sich wieder sammeln mit weniger anspruchsvollem Sinn und mit mehr oder weniger 225 Glück, die sociale Zerstörung und Auflösung muß sich wiedergestalten zu einer socialen Einrichtung, so gut es eben geschehen kann und mag. Wenn dies der Nationalkonvent, der alles thun soll, »in ein paar Monaten« fertig bringt, wie der Deputierte Paine im besonderen und Frankreich im allgemeinen es erwarten, so wollen wir ihn einen äußerst gewandten Konvent nennen.

In Wahrheit, es ist recht eigentümlich zu sehen, wie dieses lebhafte französische Volk plötzlich aus dem »Vive le Roi« sich hineinstürzt ins »Vive la République« und drauf los geht, brodelnd und tanzend, sozusagen täglich etwas von seinen alten gesellschaftlichen Gewändern, von seiner Denkweise, seiner bisherigen Existenzweise abschüttelt und in den Staub tritt; wie es fröhlich dahintanzt nach dem Regellosen, dem Unbekannten hin, so hoffnungsvoll und nichts als Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit im Munde. Seit am Pikenfeste ganz Frankreich wie eine Stimme himmelhoch aufjauchzte: »Es lebe der Wiederhersteller der französischen Freiheit!« – wie lange ist's denn her, zwei Jahrhunderte oder nur zwei Jahre? Vor drei kurzen Jahren gab es noch immer ein Versailles und ein Oeil-de-Boeuf: jetzt haben wir den wie mit Drachenaugen von den Munizipalen bewachten Umkreis des Tempels, worin, wie an seinem Grabesrande, das Königtum im Erlöschen liegt. 1789 »weinte« der Konstituant Barrière in seiner Morgenzeitung im Anblick eines versöhnten Königs Ludwig, und jetzt, 1792, mag der Konventsdeputierte Barrière, vollkommen thränenlos, darüber nachdenken, ob der versöhnte König Ludwig guillotiniert werden solle oder nicht!

Alter Schmuck und alte sociale Gewänder fallen ab, so sagen wir, so schnell, weil sie in der That ganz abgenutzt sind, und werden bei dem nationalen Tanze unter die Füße getreten. Und die neuen Gewänder, die neue Weise und Ordnung, wo sind sie? Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind ja keine Gewänder, sondern nur das Verlangen nach Gewändern! Die Nation ist für den Augenblick, bildlich gesprochen, nackt, hat keine Ordnung oder Gewand, sondern ist nackt – eine Sansculotten-Nation.

So weit und in solcher Weise haben denn unsere patriotischen Brissots und Guadets triumphiert, Vergniauds Ezechielvisionen vom Sturz von Thronen und Kronen, die er orakelhaft und prophetisch verkündete im Frühling des Jahres, sind plötzlich in Erfüllung gegangen im Herbst. Unsere beredten Patrioten der Legislative haben durch das bloße Wort ihres 226 Mundes, wie mächtige Zauberer, den Royalismus mit all seinen alten Regeln und Formeln in alle Winde geweht und werden nun ein von Formeln freies Frankreich regieren. Frei von Formeln! Und doch lebt der Mensch nicht ohne Formeln, ohne Gewohnheiten, Methoden des Handelns und Seins; nichts ist gewisser, überall bestätigt von unserem Theetische und von des Schneiders Ladenschrank aufwärts bis zum hohen Senatshause und der feierlichen Tempelhalle, ja durch alle Gebiete des Geistes und der Phantasie, so weit die äußersten Grenzen denkender Wesen sich ausdehnen – ubi homines sunt modi sunt, wo Menschen sind, da sind Regeln. Es ist das tiefinnerlichste Gesetz der menschlichen Natur, wodurch der Mensch ein Handwerker, ein Künstler und »Werkzeuge gebrauchend Tier« wird, nicht der Sklave von Trieben, Zufall und der rohen Natur, sondern gewissermaßen deren Herr. Fünfundzwanzig Millionen Menschen, die plötzlich all ihrer modi entledigt worden, und sie in solcher Weise unter die Füße treten, sind ein schrecklich Ding zu regieren!

Dies Problem gerade haben indessen die beredten Patrioten der Legislative zu lösen. Sie sollen weltberühmt werden bei der Lösung desselben, unter ihren verschiedenen Namen und Spitznamen, als »Staatsmänner, hommes d'état,« »Gemäßigte, modérantins,« Brissotins, Rolandins, endlich Girondins. Denn die fünfundzwanzig Millionen sind dazu noch von gallisch hitzigem Temperament und erfüllt von Hoffnungen auf Unnennbares, auf allgemeine Brüderlichkeit und ein goldenes Zeitalter, und erfüllt vom Schrecken vor dem Unnennbaren, das die Zukunft in ihrem Schoße bergen mag, jetzt, wo das ganze kimmerische Europa sich von neuem gegen uns sammelt. Es ist ein Problem, wie es wenige giebt! Wahrlich, vermöchte der Mensch, wie Philosophen prahlen, wirklich einigermaßen vor und hinter sich zu blicken, was würde wohl in manchen Fällen aus ihm werden? Was würde hier aus den siebenhundertneunundvierzig Männern werden? Der Konvent, wenn er deutlich vor und hinter sich sehen könnte, wäre ein gelähmter Konvent; da er nur deutlich sieht auf die Länge seiner eigenen Nase, ist er nicht gelähmt.

Der Konvent selber ist nicht im Zweifel, weder über die Aufgabe, noch über die Art sie zu lösen: die Konstitution muß gemacht, und bis sie gemacht, die Republik verteidigt werden. Schnell genug wird daher ein »Konstitutionskomitee« zusammengebracht, Sieyès, der alte Konstituant, Konstitutionsmacher von Beruf, Condorcet, fähig zu besserem, der Deputierte Paine, 227 fremder »Wohlthäter des Menschengeschlechts,« »mit dem roten Karfunkelgesicht und den schwarz strahlenden Augen,« Hérault de Séchelles, Exparlamentarier, einer der schönsten Männer in Frankreich. Diese, mit untergeordneten Gildenbrüdern, gehen fröhlich ans Werk, wollen noch einmal »die Konstitution machen;« laßt uns hoffen, mit mehr Erfolg als letztesmal. Denn daß die Konstitution gemacht werden kann, wer wollte daran zweifeln – es wäre denn, daß das Evangelium von Jean Jacques vergeblich in die Welt gekommen. Freilich, unsere letzte Konstitution fiel über den Haufen, in einem Jahr, so elendiglich – Aber was thut's, als daß Schutt und Trümmer sortiert und damit neu und besser aufgebaut wird? »Erweitert eure Basis,« fürs erste, wenn nötig auf allgemeines Stimmrecht, dann schließt verfaultes Zeug, Royalismus und dergleichen, aus. Kurz, baut, unermüdlich, o Sieyès und Compagnie! Es sei euch nicht ärgerlich, nicht entmutigend, wenn häufig Gerüst und Geröll gefahrdrohend niederstürzen; fangt immer von neuem an, räumt weg die Trümmer, wenn auch mit gebrochenen Gliedern, so doch mit ganzem Herzen, und baut, sagen wir, in des Himmels Namen! Bis entweder das Werk feststeht, oder die Menschheit es aufgiebt und die Konstitutionserbauer mit Lachen und Thränen abgelohnt werden. Es war Bestimmung, daß einmal im Lauf der Ewigkeit auch dieser Gesellschaftsvertrag probiert werden sollte. Und darum soll das Konstitutionskomitee sich abmühen unter Hoffen und Glauben; – ungestört von irgend einem Leser dieser Seiten.

Also die Konstitution machen und fröhlich heimkehren in einigen Monaten, das ist's, was unser Nationalkonvent prophetisch über sich bestimmt und meint, nach diesem wissenschaftlichen Programm sollten seine Thätigkeit und die Ereignisse sich richten. Doch welch ein Abstand, in solchem Falle, zwischen dem besten wissenschaftlichen Programme und dem, was wirklich geschieht! Denn ist ja nicht jede Vereinigung von Menschen eine Vereinigung von unvorherzusehenden Einflüssen, jeder Teil davon ein Mikrokosmus von Einflüssen, und wie sollte die Wissenschaft das Resultat berechnen oder prophezeien können? Wissenschaft, die mit all ihren Differential-, Integral- und Variationsberechnungen das Problem dreier gravitierender Körper nicht zu lösen vermag, sollte hübsch stille sein hier und nur sagen: In diesem Nationalkonvent sind siebenhundertneunundvierzig sehr eigentümliche Körper beisammen, die gravitieren und noch gar manches andere thun, 228 und die in sehr erstaunlicher Weise wahrscheinlich ausführen werden, was der Himmel bestimmt hat.

Es mag ja etwas vorher berechnet und vermutet werden bei Nationalversammlungen, Parlamenten, Kongressen, die schon lange beisammen, die behäbigen Temperaments und vor allem nicht so »fürchterlich im Ernste« sind; doch selbst diese sind in ihrem Fortschreiten eine Art Geheimnis (woraus denn auch der Zeitungsberichterstatter seinen Lebensunterhalt zieht), selbst diese fahren von Zeit zu Zeit wie toll aus dem Gleise. Um wie viel mehr denn ein armer Nationalkonvent von französischer Heftigkeit des Wesens, der zu solcher Eile angetrieben, ohne Übung, ohne Gleis, Wegspur oder Landmarke, und wo jeder einzelne Mann so schrecklich im Ernste ist. Es ist ein Parlament, wie, buchstäblich, es noch nie eins gab auf der Welt. Die Mitglieder sind neu, ungeordnet, sind das Herz und leitende Centrum eines Frankreichs, das gänzlich in die tollste Unordnung geraten. Und auf dieses Herz im Salle de Manège stürmen stromweise Einflüsse ein aus allen Städten, Dörfchen, vom äußersten Ende Frankreichs und von seinen fünfundzwanzig Millionen hitzigen Seelen, und strömen wieder hinaus: eine solch feurige Cirkulation durch alle Venen und Arterien ist die Funktion dieses Herzens. Niemals, sagen wir, saßen auf unserer Erde siebenhundertneunundvierzig menschliche Individuen beisammen unter originelleren Umständen. Gewöhnliche Individuen, die meisten, oder nicht weit entfernt von der Gewöhnlichkeit, jedoch in Anbetracht ihrer Stellung so merkwürdig. Wie werden diese Männer, ihrer eigenen Führung überlassen, reden und handeln in diesem wilden Sausen eines Wirbelwindes menschlicher Leidenschaften, wo Tod, Sieg, Schrecken, Mut und alle Höhen und Tiefen um sie her schallen und schrillen?

Die Leser wissen wohl, daß dieser französische Konvent (ganz zuwider seinem eigenen Programm) die Welt in Erstaunen und Abscheu versetzte, eine Art apokalyptischer Konvent wurde, oder ein schwarzer wahr gewordener Traum, von dem die Geschichte selten anders als in Verdammungen spricht, erzählt, wie er Frankreich bedeckt habe mit Weh, Trug und Wahnsinn, und wie von seinem Schoße der Tod auf blassem Pferde ausgezogen sei. Diesen armen Nationalkonvent zu hassen, ist leicht; ihn zu loben und zu lieben, das auch ist nicht unmöglich gefunden geworden. Wie wir sagten, einst ein Parlament unter den eigentümlichsten Umständen. Für uns, 229 in diesen Blättern, sei er beurteilt wie ein rauchendes feuriges Geheimnis, wo oben sich mit unten berührt, und in solchem Wechsel blendenden Lichts mit schwarzer Finsternis, daß die armen geblendeten Sterblichen nicht wissen, was oben ist, was unten, und wie Sterbliche in solchem Falle thun, in Verwirrung wüten und sich hineinstürzen. Ein Konvent, der sich selbstmörderisch aufzehren und zu ausgebrannter Asche werden muß – mit seiner Welt! Suchen wir nicht seine dunkeln verworrenen Tiefen zu betreten und zu erforschen, dagegen wollen wir verweilen und mit unverwandtem Blick beobachten, wie es da sich wälzt und welche merkwürdigen Phasen und Begebenheiten nacheinander an die Oberfläche kommen werden.

Einen allgemeinen oberflächlichen Umstand bemerken wir mit Anerkennung: die Macht der Höflichkeit. In solchem Maße hat der Sinn für Gesittung doch des Menschen Leben durchsetzt, daß kein Drouet, kein Legendre, selbst im tollsten Redetumult, ihn gänzlich abschütteln können. Senatsdebatten in fürchterlichem Ernst werden selten der Welt offen wiedergegeben, sonst würde man vielleicht überrascht sein. Hat nicht der große Monarch selber einmal seinen Louvois mit geschwungener Feuerzange bedroht? Aber liest man auch ganze Bände dieser Konventsdebatten, alle schäumend in wütendem Ernst, ernst manchmal auf Leben und Tod, so fällt einem doch der Grad von Enthaltsamkeit in der Rede auf, den die Deputierten beweisen, und wie in solch wilder Aufwallung sich immer noch eine Art höflicher Umgangsregeln geltend zu machen suchen, und die Formen des gesellschaftlichen Lebens nie ganz und gar verschwinden. Wenn diese Männer sich auch mit geballten Fäusten bedrohen, so packen sie sich doch nie beim Kragen, ziehen keine Dolche, außer zu rhetorischen Zwecken und dies nicht oft; profanes Schwören ist beinahe unbekannt, obgleich die Berichte offen genug sind – einen oder zwei Flüche nur, Flüche Marats, finden wir wiedergegeben.

Übrigens, daß es hitzig zugeht, wer wollte das bezweifeln? Hitze genug, Beschlüsse heute unter Beifallssalven erlassen, morgen unter Toben widerrufen, die Stimmung reizbar, höchst wechselnd im Handkehrum, immer über Hals und Kopf zum Dreinfahren aufgelegt. Die »Stimme des Redners wird vom Lärm übertäubt,« einhundert »ehrenwerte Mitglieder stürzen unter Drohungen nach der linken Seite des Saales,« der Präsident hat »nacheinander drei Glocken zerbrochen,« setzt 230 sich den Hut auf, als Zeichen, daß es beinahe ums Vaterland geschehen ist. Eine grimmig hitzige altgallische Versammlung. Ach, wie doch all die lauten zornigen Laute des Kampfes und des ganzen Lebens, das ein Kampf ist, einer nach dem andern verstummen werden – so laut nun, so stille nach einem kleinen Weilchen. Gewiß hatten auch Brennus und jene alten gallischen Häuptlinge gerade so hitzige Debatten auf ihrem Wege nach Rom, nach Galatien und nach solchen Ländern, wohin sie im wilden Feuereifer zu ziehen pflegten, obwohl diese Debatten kein Moniteur wiedergegeben hat. Sie zankten sich auf keltisch, jene Brennusse, waren auch keine Sansculotten, vielmehr waren gerade Hosen (braccae vielleicht aus Filz oder rohem Leder) das einzige, was sie anhatten, denn sie waren, wie Livius bezeugt, nackt bis zu den Hüften herunter. Und seht, heute ist's noch dieselbe Streiterei und dieselbe hitzige Art von Menschen, wo sie Röcke tragen und mit Nasallauten eine Art von gebrochenem Lateinisch sprechen. Aber wird nicht endlich Zeit diesen gegenwärtigen Nationalkonvent in Vergessenheit einhüllen, wie sie's gethan hat mit jenen Brennussen und den alten hohen Senaten in Filzhosen? Die Zeit gewiß, und auch die Ewigkeit. Die trübe Dämmerung der Zeit – oder ein Mittag, der dämmerig sein wird, und dann folgt Nacht und Schweigen; und Zeit mit all ihrem zornigen Lärm ist von dem grabesstillen Meere verschlungen. Bemitleide deinen Bruder, o du Sohn Adams! Ist nicht sein zornigstes, schäumendes Kauderwälsch, das er schwatzt, eigentlich das Wimmern eines Kindes, das nicht sagen kann, was ihm fehlt, aber offenbar sich innerlich elend fühlt und deshalb immer weiter stöhnen und wimmern muß, bis seine Mutter es in ihre Arme nimmt und – in Schlaf bringt!

Dieser Konvent ist nicht vier Tage alt, die melodischen meliböischen Stanzen, die das Königtum herunterschüttelte, sind noch frisch in unsern Ohren, als schon ein neuer Ton erschallt, – unglücklicherweise ein Mißton, diesmal. Denn es ist von einer schwer zu besprechenden Sache gesprochen worden, von den Septembermetzeleien. Wie diese Septembermetzeleien behandeln, wo wir da die Pariser Kommune haben, die bei den Metzeleien präsidierte? Eine verabscheuungswürdig fürchterliche Kommune, vor der die arme abgelebte Legislative zittern und sich ruhig verhalten mußte. Und wenn jetzt ein junger allmächtiger Konvent nicht so zittern und sich ruhig verhalten will, welche Schritte soll er thun? Eine 231 Departementalgarde in Sold nehmen, antworten die Girondisten und Ordnungsfreunde. Eine Garde von Nationalfreiwilligen, speziell für diesen Zweck von den 83 oder 85 Departements gesandt, die wird Septembermänner und aufrührerische Kommunen in gehöriger Unterordnung halten, den Konvent in der ihm gebührenden Stellung des Souveräns. So haben die Ordnungsfreunde im Komitee geantwortet und beantragt, und selbst ein dahingehender Konventsbeschluß ist erlassen worden. Ja, gewisse Departements, wie Var und Marseille, haben, in bloßer Erwartung und Zuversicht eines Beschlusses, ihr Kontingent schon abmarschieren lassen; die tapfern Marseiller, die am 10. August in der vordersten Reihe standen, wollen auch hier nicht die letzten sein, »Väter gaben ihren Söhnen eine Muskete und 25 Louisdor,« sagt Barbaroux, »und hießen sie sich auf den Weg machen.«

Kann etwas richtiger sein? Eine Republik, die sich auf Gerechtigkeit gründen will, muß notwendigerweise die Septembergreuel untersuchen; und soll nicht ein Konvent, der sich national nennt, durch Nationltruppen geschützt sein? – Ach, Leser, es scheint so, und doch ist manches dagegen zu sagen und einzuwenden. Du siehst hier den kleinen Anfang eines Streites, den die reine Logik nicht beilegen wird, zwei kleine Quellen des Streites, die Septembervorgänge und die Departementalgarde, oder im Grunde eigentlich nur eine und dieselbe kleine Quelle, die anschwellen und sich zu einem Gewässer von unerschöpflicher Bitternis erweitern wird, worein von dieser oder jener Seite alle Arten von Nebenflüssen und Bächen sich ergießen werden, bis sie ein gewaltiger Strom von Bitternis, Wut und Feindschaft geworden, – ein Strom, der nur in die Katakomben führen und dort versiegen kann. Diese von großer Mehrheit beschlossene Departementalgarde, nachher widerrufen um des lieben Friedens willen und um Paris nicht zu verletzen, wird mehr als einmal wieder beschlossen, ja, sie tritt theilweise in Existenz, und die Leute, die dazu gehören sollen, sieht man sogar mit eignen Augen durch die Straßen von Paris paradieren, hört sie auch einmal im Weinrausche rufen: »A bas Marat, nieder mit Marat!«Histoire parlementaire, XX, 184. Trotzdem, so oft sie auch beschlossen wird, so oft wird sie widerrufen, und bleibt sieben Monate lang nur eine grimmigen Lärm verursachende Hypothese, eine schöne Möglichkeit, die zur Wirklichkeit werden möchte, aber nie eine wird, bis 232 sie endlich im nächsten Februar nach heftigen Kämpfen ins Grab sinken wird – manches mit sich hinabziehend. So wunderbar sind die Wege der Menschen und ehrenwerter Mitglieder.

An diesem vierten Tage von des Konvents Existenz, welcher Tag der 25. September 1792 ist, kommt, wie gesagt, der Kommissionsbericht über das Dekret betreffend eine Departementalgarde und zugleich ein Antrag, es zu widerrufen; es werden Denunziationen von einer Seite auf die andere geschleudert, von »Anarchie«, von »Diktatur«, – die der seegrüne Unbestechliche beherzigen mag. Es werden auch Denunziationen erhoben gegen ein gewisses Journal de la République, einst Ami du Peuple genannt, und so kommt am Ende zum Vorschein, sichtbar einher und auf die Tribüne steigend, sichtbar oben stehend, zum Sprechen bereit, das leibhafte Gespenst Marats, des Volksfreundes. Schreit, ihr siebenhundertneunundvierzig, es ist wirklich Marat, er und kein anderer. Marat ist kein Hirngespinst, kein bloßer lügnerischer Abklatsch von Drucklettern, sondern ein Wesen von Fleisch und Blut, und von einer deutlich erkennbaren kleinen Gestalt; da seht ihr ihn in seiner Schwärze, in seiner dunkelschmutzigen Erscheinung, ein lebender Teil des Chaos und des Reichs der Nacht, zu Fleisch geworden und begierig zu sprechen. »Es scheint,« sagt Marat zu der schreienden Versammlung, »daß eine große Anzahl von Personen hier meine Feinde sind.« – »Alle, alle!« schreien hunderte von Stimmen, genug um jedes Volksfreundes Stimme zu ersticken. Doch Marat will nicht ersticken, er spricht, er krächzt Erklärungen, krächzt mit so viel Verstand, mit einem solchen Anschein von Aufrichtigkeit, daß bedauerndes Mitleid den Zorn abkühlt, und das Geschrei sich legt oder sogar zum Beifall wird. Denn dieser Konvent ist unglücklicherweise die verdrehteste aller Maschinen; in diesem Augenblick zeigt sie mit eigensinniger Vehemenz nach Osten, da berühre man nur geschickt eine Feder, und die ganze Maschine rasselt und stößt siebenhundertfach und dreht sich mit einem ungeheuern Krach – im nächsten Moment zeigt sie nach Westen! So wird Marat absolviert und applaudiert, siegt in diesem Gange des Gefechts. Im weiteren Verlauf der Debatte wird er von einem gewandten Girondisten wieder angegriffen, wieder erheben sich die schreienden Stimmen gegen ihn und ein Beschluß, ihn anzuklagen, ist im Begriff durchzugehen, wo dann der schmutzige Volksfreund nochmals auf der Tribüne auftaucht, nochmals sich einen günstigen 233 Augenblick der Ruhe erkrächzt und das Anklagedekret zu Falle bringt. Worauf er eine Pistole hervorzieht, sie vor seinen Kopf, diesen Sitz so großer Gedanken und Prophezeihungen, hält und sagt: »Wäre die Anklage beschlossen worden, so hätte ich, der Volksfreund, mir eine Kugel durch den Kopf geschossen.« Ein Volksfreund ist dazu fähig. Was im Übrigen die Affaire mit den zweihundertundsechzigtausend Aristokratenköpfen betrifft, so sagt Marat offenherzig: »c'est là mon avis, das ist meine Meinung.« Auch ist es nicht bestreitbar: »Keine irdische Macht kann mich verhindern, Verräter zu durchschauen und zu entlarven« – wohl durch meinen so außerordentlich überlegenen Geist?Moniteur No. 271, 280, 294, année première; Moore's Journal, II, 21, 157 etc. (das indes, wie in ähnlichen Fällen, vielleicht nur eine Copie des Zeitungsberichtes sein mag). Ein ehrenwertes Mitglied, wie diesen Volksfreund, haben wenige irdische Parlamente gehabt.

Wir gewahren indes, daß dieser erste Angriff dem Ordnungsfreunde, so scharf und schroff er war, fehl ging. Denn auch Robespierre, durch Gerede über Diktatur herausgefordert und bei seinem Erscheinen auf der Tribüne mit dem nämlichen Lärm begrüßt, kann nicht ins Gefängnis geworfen, nicht in Anklagezustand versetzt werden, trotzdem daß Barbaroux offen gegen ihn zeugt und sein Zeugnis unterzeichnet. Mit welch heiliger Sanftmut bietet der Unbestechliche seine seegrüne Wange dem Schlage, erhebt seine dünne Stimme und spricht mit jesuitischer Gewandtheit und prosperiert; zuletzt noch fragt er in seiner erfolgreichen Weise: »Aber welche Zeugen hat der Bürger Barbaroux, um sein Zeugnis zu unterstützen?« »Moi!« ruft der hitzige Rebecqui, aufspringend, und mit beiden Händen sich auf die Brust schlagend, »mich!«Moniteur, ut supra: Séance du 25. Septembre. Nichtsdestoweniger ergreift der Seegrüne wieder das Wort und macht seine Sache gut. Der lange Tumult, »nichts als Persönlichkeiten« während soviel öffentliche Angelegenheiten liegen bleiben, hat mit dem Übergang zur Tagesordnung geendigt.

O, Freunde von der Gironde, warum wollt ihr unsere hohen Beratungen ausfüllen mit erbärmlichen Personensachen, während die große Nationalsache in solchem Zustande liegt?

Die Gironde hat heute im Convente an den faulen schwarzen Flecken ihres als Ordnungsfreunde ihr zukommenden Gebietes gerührt, hat auf ihm herumgetreten und doch ihn nicht 234 ausgetreten. Ach, es ist, wie wir sagten, eine unerschöpfliche Quelle, dieser schwarze Fleck, und läßt sich nicht austreten!

 

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