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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 111
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.
September in den Argonnen.

Klar ist jedenfalls eines, daß die Furcht, was nur immer davon die aristokratischen Feinde benötigen dürften, über sie gekommen ist. Es wird Ernst damit! Auch der Sanskulottismus ist eine Thatsache geworden, und scheint entschlossen, sich als solche zu behaupten. Dies ungeheure Mondkalb von Sanskulottismus, umherstolpernd, wie junge Kälber thun, ist nicht nur lächerlich und sanft wie ein andres Kalb, sondern auch schrecklich, wenn ihr's stachelt, und durch seine gräßlichen Nüstern schnaubt es Feuer! – Aristokraten, mit blassem Schrecken im Herzen, fliehen in Schlupfwinkel, und ein Licht geht ihnen auf über manches, oder vielmehr ein verwirrender Lichtschein, wodurch für den Augenblick das Dunkel nur dunkler erscheint als je. Aber was wird aus diesem Frankreich werden? Das ist eine Frage! Frankreich tanzt seinen Wüstenwalzer, wie die Sahara tanzt, wenn die Winde erwachen, in Wirbeln fünfundzwanzig Millionen an Zahl, es tanzt nach Stadthäusern, Aristokratengefängnissen und Wahlversammlungen, gegen Braunschweig und nach der Grenze, vielleicht auch einem neuen Kapitel der Weltgeschichte entgegen, wenn hier nicht das Ende und die Abwicklung schon vorhanden ist!

In den Wahlversammlungen ist man jetzt nicht mehr zweifelhaft, sondern alles geht entschieden von statten. Der Konvent wird gewählt, – wahrlich in einem entschiedenen Geiste, und im Stadthause datieren wir schon: Erstes Jahr der Republik. Bei zweihundert unserer besten Gesetzgeber mögen wiedergewählt werden, der Berg ganz: Robespierre mit Marie Pétion, Buzot, Pfarrer Grégoire, Rabaut, bei sechzig alte Konstituants, obgleich wir ehemals nur »dreißig Stimmen« hatten. Diese alle und dazu noch Freunde, die lange schon Ruhm als Revolutionäre besitzen: Camille Desmoulins, obgleich er stottert, Manuel, Tallien und Kompagnie, die Journalisten Gorsas, Carra, Mercier, Louvet, der Verfasser des Faublas, Clootz, der Redner des Menschengeschlechts, Collot d'Herbois, der als Schauspieler Leidenschaften in Fetzen reißt, Fabre d'Eglantine, der 207 spekulative Flugblattschreiber, Legendre, der solide Schlächter, ja sogar Marat, obgleich das bäurische Frankreich es kaum glauben, oder überhaupt nicht glauben kann, daß es einen Marat gebe außer im Druck. Vom Minister Danton, der seine Ministerschaft aufgeben wird um Mitglied zu werden, brauchen wir nicht zu sprechen. Paris ist in voller Wahlhitze, auch das Land bleibt darin nicht zurück. Barbaroux, Rebecqui und glühende Patrioten kommen von Marseille. 745 Männer (oder wirklich 749, denn Avignon sendet nun vier) sammeln sich; so viele werden zusammenkommen, nicht so viele werden zurückkehren!

Der Rechtsanwalt Carrier von Aurillac, der Expriester Lebon von Arras, diese beiden werden sich einen »Namen« erwerben. Die gebirgige Auvergne wählt wieder ihren Romme, einst Professor der Mathematik, nun ein entschlossener Landwirt, der unbewußt einen merkwürdigen neuen Kalender mit Messidors, Pluvioses und dergleichen in petto hat, – und, nachdem er ihn von sich gegeben haben wird, durch sogenannten Römertod dahinscheiden soll. Der alte Konstituant Sieyès wird in den Konvent gewählt, um neue Konstitutionen, so viele man wünscht, zu machen; im übrigen wird er aus seinen klaren Augen vorsichtig Ausschau halten und in mancher unerwarteten Lage sich tief ducken und Schweigen für das Sicherste halten. Jung Saint-Just kommt, von Aisne im Norden gesendet; er gleicht eher einem Studenten, als einem Senator, ist noch nicht vierundzwanzig Jahre alt, hat Bücher geschrieben, dieser schlanke Jüngling mit seiner sanften weichen Stimme, seinem enthusiastischen Aussehen, der olivenfarbigen Gesichtsfarbe und dem langen schwarzen Haar. Féraud kommt aus dem fernen, in den Falten der Pyrenäen liegenden Thale Aure, ein glühender Republikaner, dem Ruhm bestimmt ist, wenigstens im Tode.

Patrioten aller Art kommen, Lehrer, Landwirte, Priester und Expriester, Kaufleute, Doktoren, vor allem Schwätzer oder das Advokatenvolk. Geburtshelfer, wie Levasseur von der Sarthe, fehlen nicht, auch nicht Künstler: der dicke David mit der geschwollenen Backe, hat lange gemalt mit wie im Krampfe zuckender Genialität, und wird nun Gesetze machen. Die geschwollene Backe, die seine Worte im Entstehen erstickt, macht ihn zum Redner ganz unfähig, aber sein Pinsel, sein Kopf, sein derbes heißes Herz, mit der krampfhaft zuckenden Genialität, werden hier sein. Der ganze Mann ist körperlich und geistig geschwollen, unproportioniert, schlotterig dick, anstatt 208 groß, schwach dabei wie in einem Krampfzustande, und nicht stark im ruhigen Zustande: so laßt ihn seine Rolle spielen. Ebensowenig sind naturalisierte Wohlthäter des Menschengeschlechts vergessen: Priestley, den das Departement Orne wählt, der aber die Wahl ausschlägt; Paine, der rebellische Schneider, vom Pas de Calais gewählt, der sie annimmt.

Wenige Adelige werden gewählt und doch nicht gar keine. Paul François Barras, »edel wie die Barras, alt wie die Felsen der Provence« ist einer. Den sorglosen, so oft schiffbrüchigen Mann, der vor langer Zeit, wo er noch als indischer Kämpfer Segler und Soldat war, an die Küste der Malediven, seitdem als hungriger Pariser Freudenjäger und Pensionierter wieder an manche Circeinsel verschlagen wurde, zeitweise verzaubert, zeitweise in viehischen und schweinschen Zustand verwandelt, – den hat nun das entlegene Departement Var hierher gesandt. Er ist ein Mann voll Hitze und Hast, der Gabe der Rede ermangelnd, ermangelnd wirklich alles dessen, was hier am Platze, doch nicht ohne einen gewissen schnellen Blick, nicht ohne vorübergehenden Mut, ein Mann, der in solchen Zeiten, wenn ihm das Glück hold, es doch weit bringen kann; er ist groß, von hübscher Erscheinung, »nur ist die Gesichtsfarbe ein wenig gelb,« aber »in purpurner Robe, scharlachnem Mantel und trikolorer Feder, bei feierlichen Anlässen,« da wird er sich gut ausnehmen.Dictionnaire des Hommes Marquants. § Barras. Auch eine Art von Edelmann und von enormen Reichtum ist Lepelletier Saint-Fargeau. ein alter Konstituant; auch er ist hierher gekommen, – um die Abschaffung der Todesstrafe zu erlangen? Unglücklicher Exparlamentarier! Aber seht da unter unsern sechzig alten Konstituants Philipp von Orléans, einen Prinzen von Geblüt! Jetzt nicht von Orléans, denn, sowie der Feudalismus aus der Welt weggefegt worden, bittet er die Wähler von Paris, seine werten Freunde, um einen neuen Namen nach ihrer Wahl, worauf denn Procureur Manuel, als literarischer Liebhaber der Antithese, empfiehlt: Gleichheit, Égalité. Ein Philipp Égalité wird also im Konvent sitzen, gesehen von Erde und Himmel.

Solch ein Konvent kommt zu Stande. Nur widerwärtiges Federvieh in der Mauser, mit dem Braunschweigs Grenadiere und Kanoniere ein kurzes Federlesen machen werden. Wenn 209 nur das Wetter, wie Bertrand immer betet, sich ein wenig bessern wollte!Bertrand de Moleville, Mémoires, II, 225.

Vergebens, o Bertrand! Das Wetter wird sich nicht im geringsten bessern; und wenn es auch thäte? Dumouriez Polymetis erwachte an jenem Morgen des 29. August in Sedan von kurzem Schlummer, um leise, schnell und verwegen zu handeln – was Bertrand eben nicht wissen kann. Etwa drei Morgen darauf bemerkt Braunschweig, seine Augen weit aufreißend, daß die Pässe von Argonne alle genommen, durch gefällte Bäume gesperrt, durch Lager befestigt sind, und daß der, der ihn so überlistet hat, ein äußerst gewandter schneller Dumouriez ist!

Das Manöver kann Braunschweig »einen Verlust von drei Wochen« verursachen, sehr fatal unter den vorhandenen Umständen. Eine vierzig Meilen lange Gebirgsmauer liegt zwischen ihm und Paris, deren er sich hätte bemächtigen sollen; – wie jetzt von ihr Besitz nehmen? Dazu regnet der Regen jeden Tag und wir sind in der hungrigen Champagne Pouilleuse, einem Lande fließend von – Pfützenwasser nur. Wie über diese Gebirgsmauer der Argonnen kommen oder was in aller Welt mit ihr thun? – Nun giebt's ein Marschieren und nasses Waten auf steilen Pfaden mit Sackerment und Flüchen, die auch in der Kehle stecken beiben, Versuche, die Argonner Pässe zu stürmen; die sich aber nicht stürmen lassen, unglücklicherweise. Durch die Wälder erschallt der ausbrechende Krieg, wie eine ungeheure Tamtammusik oder Molochs Kesselpauke, dahingetragen durch den Wiederhall; geschwollene Ströme brausen zornig um den Fuß der Felsen, blasse Menschenleichen mit sich führend. Alles umsonst! Das Dorf Islettes mit seinem Kirchturme bleibt unversehrt im Bergpaß zwischen den Höhen eingebettet, das erzwungene Marschieren und Klimmen wurde ein erzwungenes Gleiten und Fallen. Von den Hügelspitzen siehst du nichts als Felsenklippen und endlose triefende Wälder, die Vache von Clermont (die ungeheure Kuh) zeigt sich von Zeit zu Zeit, wirft ihren Wolkenvorhang weg und nimmt ihn dann wieder auf, eingehüllt in strömenden Regen. Die Argonner Pässe können nicht genommen werden, man muß sie umgehen.

Man kann sich vorstellen, ob die Emigranten-Seigneurs nicht einen Dämpfer für ihren Glanz erwischt haben, ob jenes »Fußregiment mit roten Aufschlägen und Nankinghosen« in 210 Paradeordnung bleiben konnte! An Stelle des Aufschneidens droht eine Art Verzweiflung die Oberhand zu gewinnen und Wasserscheu infolge des Übermaßes an Wasser. Der junge Prinz von Ligne, der Sohn jenes tapferen litterarischen de Ligne, des Donnergottes der Dandies, fällt rücklings hin, erschossen im nördlichsten der Pässe, dem Grand-Pré. Braunschweig arbeitet sich mühsam um das südlichste Ende des Waldes herum. Vier Tage dauert es, Tage eines sündflutartigen Regens, ohne Feuer, ohne Nahrung. Um Feuer zu bekommen, haut man grüne Bäume nieder und bekommt nur Rauch, als Nahrung genießt man grüne Trauben und bekommt Kolik, pestilenzialische Dysenterie, ὀλέκοντο δὲ λαοί. Und die Bauern ermorden uns, halten es nicht mit uns; kreischende Weiber rufen Schande über uns, ja drohen, ihre Scheren gegen uns ziehen zu wollen! O ihr unglücklichen, um eure Hoffnungen betrogenen Seigneurs, ihr wasserscheu gewordenen Nankinghosen und ihr zehnmal unglücklicheren armen fluchenden Hessen und Ulanen, die ihr auf euren Rücken liegt mit grausigem Gesicht, die ihr keinen Beruf hattet, hier zu sterben, ausgenommen den Zwang und drei Sous den Tag. Auch hat die Frau Le Blanc vom goldnen Arm keine gute Zeit in ihrer triefenden Binsenlaube. Mordende Bauern werden gehängt, alte Konstituants, obschon von ehrwürdigem Alter, fahren in Karren mit gebundenen Händen; das sind die Leiden des Krieges.

So giebt's denn weit und breit über die Abhänge und Pässe der Argonnen ein Zappeln und hin und her Ziehen, und Braunschweig hat einen Verlust von fünfundzwanzig traurigen Tagen. Man ringt und kämpft, bald im Rücken, bald in der Front, wie es die Stellungen mit sich bringen und der Argonner Wald entweder zu umgehen oder zu nehmen versucht wird. Aber mag man Dumouriez von vorn angreifen oder umgehen, wie man will, so bleibt er doch fest wie in den Boden gewurzelt stehen, wie auf vielen Angeln bald hier-, bald dorthin sich drehend; immer macht er wieder von neuem Front, in der am wenigsten erwarteten Weise, und läßt sich auf keine Weise wegbringen. Rekruten strömen ihm zu, mutbeseelt, doch etwas schwierig zu behandeln. Zum Beispiel hinter Grand-Pré auf der unrechten (französischen) Seite des Kampfgebietes, wo wir eben bedrängt und von Braunschweig umgangen sind, kamen unsere »mutbeseelten« Rekruten in einer der Schwenkungen und neuen Frontstellungen aus dem Gleichgewicht, wie es solch »mutbeseelten« leicht passiert, und 211 da erhob sich ein Geschrei »sauve qui peut« und ein tödlicher Schrecken unter ihnen, der beinahe alles verdorben hätte! Sodaß der General herbeisprengen und mit Donnerworten, Gebärden, Säbelhieben sogar sie zurückhalten und sammeln, das Schamgefühl ihnen zurückbringen mußte;Dumouriez, Mémoires, III, 29. ja, er ließ die ersten Schreier und Rädelsführer ergreifen, »ihnen Kopf und Augenbrauen rasieren« und sie so als eine Warnung für die anderen wegjagen. Auch eine Meuterei war in Vorbereitung, denn die Rationen sind in der That klein, und nasses Kampieren mit hungrigem Magen macht verdrossen. Wo dann wieder Dumouriez vor die Reihen kommt, mit seinem Stab und einer Eskorte von hundert Husaren, hinten einige Schwadronen, die Artillerie vorn. Er sagt zu den Meuterern: »Was euch betrifft, so will ich euch weder Bürger, noch Soldaten, noch meine Leute (ni mes enfants) nennen, aber seht vor euch diese Artillerie, hinter euch diese Kavallerie. Ihr habt euch durch Verbrechen entehrt. Wollt ihr euch bessern und in Zukunft aufführen wie diese tapfere Armee, der ihr anzugehören die Ehre habt, so werdet ihr an mir einen guten Vater haben. Aber Plünderer und Mörder leide ich hier nicht. Bei der kleinsten Meuterei werde ich euch in Stücke hauen lassen (hacher en pièces). Sucht selber die Schurken unter euch heraus und jagt sie fort; ich mache euch verantwortlich für sie.«Dumouriez, Mémoires, III, 55.

Geduld, o Dumouriez! Dieser unzuverlässige Haufen von Schreiern und Meuterern wird eine feste Phalanx von Streitern werden, wenn er erst gehörig gedrillt und abgehärtet ist, wird sich nach Befehl wenden und schwenken, schnell wie Wind und Wirbelwind. Wettergebräunte, bärtige Gestalten wird man dann sehen, oft barfuß, sogar ohne die dürftigsten Kleider, aber mit eisernen Nerven, Leute, die nur Brot und Pulver bedürfen, wahre Kinder des Feuers, die geschicktesten, schnellsten, heißesten Reiter vielleicht, die je gesehen wurden seit Attilas Zeit. Sie mögen einmal erobern und Länder überschwemmen in wunderbarer Weise, gerade wie's derselbe Attila that, dessen Lager und Kampffeld du jetzt siehst auf diesem nämlichen Boden,Helen Maria Williams, III, 32. wo er, nachdem er die Welt verwüstet, nach schweren und tagelang andauernden Kämpfen durch den Römer Atius und durch das von ihm sich 212 abwendende Glück angehalten und gezwungen wurde, wie eine Staubwolke wieder im Osten zu verschwinden! –

Seltsam genug ist es! Wir sehen da diese lärmende Konfusion einer Soldateska, die wir schon seit langem in selbstmörderischem Widerstreit aus den Fugen gehend fanden, wie in Nancy oder in den Straßen von Metz, wo der wackere Bouillé mit gezücktem Schwerte stand, und die seitdem sich immer weiter selbst zerstückelt und zermalmt hat, bis sie jetzt in diesen Zustand geriet; und seltsam genug, gerade in dieser lärmenden Konfusion und nicht anderswo, liegt der erste Keim zurückkehrender Ordnung in Frankreich! Ein Keim, um den das ebenfalls selbstmörderisch in Schutt und Chaos fast ganz zerrissene arme Frankreich sich freudig sammeln, wachsen und seinen unorganischen Schutt neugestalten wird: sehr langsam, durch Jahrhunderte erst, durch Napoleone, Louis Philippe und andere ähnliche Medien und Phasen – zu einem neuen, unendlich viel besseren Frankreich, dürfen wir hoffen! –

Diese Schwenkungen und Bewegungen in der Region der Argonnen, alle von Dumouriez selbst getreulich beschrieben und für uns interessanter als Hoyles oder Philidors beste Schachpartien, wollen wir dennoch, o Leser, ganz übergehen und uns beeilen, zwei Dinge zu bemerken: erstens eine Privatbemerkung, zweitens eine Sache von großer öffentlicher Bedeutung. Unsere Privatsache ist die Anwesenheit eines gewissen Mannes im preußischen Heer und bei diesem Kampfspiele in den Argonnen, eines Mannes, der zu den sogenannten Unsterblichen gehört, der in den Tagen seitdem mehr und mehr als ein solcher Unsterblicher erkannt wird, während das Vergängliche mehr und mehr schwindet. Von alters her wurde es beobachtet, daß, wenn die Götter unter den Menschen erscheinen, es selten in kenntlicher Gestalt geschieht: so geben des Admetus Rinderhirten Apollo einen Schluck aus ihrem bocksledernen Trinkgefäße (gut ist's, daß sie ihm nicht Schläge geben mit ihren Ochsenziemern), und lassen sich nicht träumen, daß er der Sonnengott ist. Dieses Mannes Name nun ist Johann Wolfgang von Goethe. Er ist des Herzogs von Weimar Minister, ist mit dem kleinen Kontingente von Weimar gekommen, um unbedeutenden, unmilitärischen Dienst zu versehen und ist beinahe allen unkenntlich. Er steht im Augenblick mit angezogenem Zügel auf der Höhe nahe bei Sainte-Menehould, und stellt einen Versuch an über das »Kanonenfieber«, nachdem er allen 213 Warnungen entgegen auf diese Stelle hergeritten ist in den Tanz und das Feuer der Kanonenkugeln. Er hat einen wissenschaftlichen Drang in sich, zu verstehen, was dieses Kanonenfieber denn sein mag. Er sagt: »Der Ton« (der Kanonenkugeln) »ist wundersam genug, als wäre er zusammengesetzt aus dem Brummen des Kreisels, dem Butteln des Wassers und dem Pfeifen eines Vogels. Sie waren weniger gefährlich wegen des feuchten Erdbodens; wo eine hinschlug, blieb sie stecken, und so ward mein thörichter Versuchsritt wenigstens vor der Gefahr des Ricochettierens gesichert.

»Unter diesen Umständen konnte ich jedoch bald bemerken, daß etwas Ungewöhnliches in mir vorgehe; ich achtete genau darauf und doch würde sich die Empfindung nur gleichnisweise mitteilen lassen. Es schien, als wäre man an einem sehr heißen Orte und zugleich von derselben Hitze völlig durchdrungen, sodaß man sich mit demselben Elemente, in welchem man sich befindet, vollkommen gleich fühlt. Die Augen verlieren nichts von ihrer Stärke oder Deutlichkeit, aber es ist doch, als wenn die Welt einen gewissen braunrötlichen Ton hätte, der den Zustand, sowie die Gegenstände noch apprehensiver macht. Von Bewegung des Bluts habe ich nichts bemerken können, sondern mir schien vielmehr alles in jener Glut verschlungen zu sein.«Goethe, Campagne in Frankreich (Werke, XXX, 73).

Dies ist das Kanonenfieber, wie ein Weltdichter es fühlt. – Ein Mann, der allen noch unkenntlich ist, in dessen unkenntlichem Kopfe inzwischen das geistige Gegenstück (oder nennen wir's Complement) dieser ungeheuern Totgeburt einer Welt wahrscheinlich vorhanden ist. Was beides jetzt vor sich geht, äußerlich in den Argonnen in solchem Kanonendonner, innerlich in dem unkenntlichen Kopfe, ganz anders als durch Donner! Merke dir den Namen, o Leser, als das Merkwürdigste von allem Merkwürdigen in der Argonner Campagne! Was wir von ihm sagen, ist kein Traum, keine rhetorische Floskel, sondern eine wissenschaftliche historische Thatsache, wie viele, nun aus der gegenwärtigen Entfernung, sehen oder zu sehen anfangen.

Aber die Sache von großer öffentlicher Bedeutung, die wir zu bemerken hatten, ist die, daß am 20. September 1792 ein rauher sehr nebeliger Morgen war, daß von drei Uhr an Sainte-Menehould und die Dörfer und Höfe, die wir von früher her kennen, erregt wurden durch das Rasseln von 214 Artilleriewagen, durch Hufschläge und den vielfüßigen Tritt von Menschen, daß alle Truppen, Patrioten und Preußen auf den Höhen von La Lune und anderen Höhen Stellung nehmen, sich hin und her schieben, wie in einem schrecklichen Schachspiel, das der Himmel zu einem guten Ende wenden möge. Der Müller von Valmy hat sich vom Staub der Mühle weg verkrochen; seine Mühle, und triebe der Wind sie noch so wohl, wird heute einen Rasttag haben. Um sieben Uhr am Morgen verschwindet der Nebel, sieh nun da Kellermann, den zweiten Befehlshaber nach Dumouriez, mit »achtzehn Stück Kanonen« und enggeschlossenen Reihen, um diese stille Windmühle stehen; Braunschweig, auch mit geschlossenen Reihen und Kanonen, schaut finster auf ihn herüber von La Lune, nur der kleine Bach und seine kleine Schlucht trennt sie jetzt.

So ist denn das Langersehnte endlich gekommen, statt Hunger und Dysenterie werden wir scharfe Schüsse haben und dann –! Dumouriez sieht zu von einer benachbarten Höhe, wo er mit Streitkräften und in sicherer Stellung steht; er kann nur mit Wünschen, schweigend, helfen. Sieh, die achtzehn Stücke poltern und bellen, antworten auf das Gepolter von La Lune und Donnerwolken steigen in die Luft, und der Wiederhall brüllt durch alle Schluchten weit hinein in die Tiefen des nun verlassenen Argonnerwaldes, und Glieder und Leben von Menschen fliegen zerstreut hierhin und dorthin! »Kann Braunschweig etwas ausrichten?« Die niedergedrückten Seigneurs stehen da und kauen sich die Nägel; diese Sansculotten wollen ja nicht fliehen wie Federvieh! Gegen Mittag reißt eine Kanonenkugel das Pferd Kellermanns unter ihm weg, es fliegt ein Pulverwagen hoch in die Luft mit einem alles übertönenden Knall. Da wird ein Wanken und Schwanken bemerkbar – Braunschweig macht einen ernstlichen Vorstoß! »Camarades,« ruft Kellermann, »vive la patrie! Allons vaincre pour elle! Kommt, laßt uns für das Vaterland siegen!« »Es lebe das Vaterland!« schallt es zur Antwort durch die Luft, wie ein sich mit Windesschnelle hinwälzendes Feuer, und unsere Reihen festigen sich zu Felsen und Braunschweig mag unverrichteter Dinge über die Schlucht zurückgehen in seine alte Position auf La Lune, nicht ungeschlagen zudem. Und so geht es einen Septembertag lang weiter, polternd und bellend mit weithin schallendem Gebrüll! Die Kanonade dauert bis Sonnenuntergang, die wenigen noch vorhandenen Glocken der 215 Umgegend schlagen sieben – zu dieser späten Stunde des Tages macht Braunschweig noch einen Versuch. Mit nicht besserem Erfolge! Felsenreihen, nicht Soldaten, und der Ruf »Vive la patrie« empfangen ihn, er wird zurückgetrieben, nicht ungeschlagen. Worauf er's aufgiebt, sich »ins Wirtshaus von La Lune« zurückzieht und sich daran macht, sich zu verschanzen, damit er nicht angegriffen werde!

So steht's, ihr traurig gewordenen Seigneurs, macht, was ihr wollt! Ach, und Frankreich erhebt sich nicht in Masse rund um uns, die Bauern gesellen sich nicht zu uns Seigneurs, sondern morden uns – weder hängen noch schöne Worte kann sie für uns gewinnen! Die alte sie auszeichnende Liebe zum König und Königsmantel haben sie verloren, – ich fürchte, ganz und gar, und wollen sogar kämpfen, um sich dessen zu entledigen. So ist jetzt ihre Stimmung! Auch prosperiert weder Österreich noch die Belagerung von Thionville. Die Thionviller haben ihre Unverschämtheit auf den epigrammatischen Gipfelpunkt getrieben, haben ein hölzern Pferd auf ihre Stadtmauer gestellt mit einem Bündel Heu und der Aufschrift: »Wenn ich mein Heu gefressen haben werde, dann werdet ihr Thionville nehmen.«Histoire parlementaire, XIX, 177. Ja, auf eine solche Höhe ist der Wahnsinn der Menschheit gestiegen!

Die Gräben von Thionville mögen sich schließen, aber was hilft's, wenn schon die von Lille sich öffnen? Die Erde lächelt uns nicht und nicht der Himmel, sondern weint und blickt traurig in langweiligem Regen, der so unangenehme Folgen hat für uns. Sogar unsere Freunde beleidigen uns, wir werden tief verletzt im Quartier unserer Freunde: »Seine Majestät von Preußen hatte einen Überrock, wenn der Regen kam, und er zog ihn (allen bekannten Regeln zuwider) an, obgleich unsere beiden französischen Prinzen, die Hoffnung ihres Landes, keinen hatten!« Und was konnte in der That, wie Goethe zugiebt, darauf geantwortet werden?Goethe, XXX, 49. – Kälte und Hunger und Schmach, Kolik und Dysenterie und Tod, und wir kauern hier verschanzt, gar nicht furchtbar verschanzt, zwischen den »auseinandergerissenen Korngarben und auf stachlichen Stoppeln,« auf der kotigen Höhe von La Lune, um das gemeine Wirtshaus von La Lune herum! –

Dies war denn also die Kanonade von Valmy, bei der der Weltdichter Untersuchungen über das Kanonenfieber anstellte, 216 bei der die französischen Sansculotten nicht flohen wie Hühner. Für Frankreich von höchstem Gewinn! Jeder Soldat that seine Pflicht, und der Elsässer Kellermann (weit vorzuziehen dem alten, entlassenen Luckner) fing an größer zu werden; und Égalité fils, ein flinker, tapferer Feldoffizier, zeichnete sich durch Unerschrockenheit aus. Er ist derselbe unerschrockene Mann, der jetzt, als Louis Philipp, ohne die »Gleichheit,« unter traurigen Umständen darum kämpft, für einige Zeit König von Frankreich genannt zu werden.

 

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