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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 106
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.
Danton.

Aber besser als das Schleifen von Longwy oder das Schelten armer staubbedeckter Soldaten oder Soldatenweiber, war es, daß gestern abend Danton in die Versammlung herübergekommen war und ein Dekret verlangt hatte, das zum Suchen von Waffen ermächtigte, da sie freiwillig nicht hergegeben wurden. Man lasse zu diesem Zwecke »Haussuchungen« vornehmen mit der Strenge eines Gesetzes. Auf 172 die Suche denn nach Waffen, nach Pferden; – rollt doch Aristokratismus in seinen Wagen daher, während Patriotismus seine Kanonen nicht zu bespannen vermag. Auf die Suche nach Kriegsmunition überhaupt »in den Häusern verdächtiger Personen,« – ja, wenn es zweckmäßig erscheint, so ergreife man die verdächtigen Personen selber und werfe sie ins Gefängnis! In den Gefängnissen werden ihre Komplotte harmlos sein, in den Gefängnissen geben sie Geiseln ab für uns, und sind nicht ohne Nutzen. Dieses Dekret hat der energische Justizminister gestern abend verlangt und erhalten, und diesen Abend soll es ausgeführt werden; ausgeführt in dem Augenblick, wo diese staubbedeckten Soldaten begrüßt werden mit »mourir«. Zweitausend Gewehre, wie man zählt, werden so erbeutet, und bei vierhundert neue Gefangene gemacht; und durch das ganze Vorgehen kommt solch ein Schrecken, eine solche Entmutigung über das aristokratische Herz, daß alles, mit Ausnahme des Patriotismus, und sogar der Patriotismus, wäre er seiner eigenen Todesangst ledig, Mitleid fühlen sollte. Ja, Messieurs! Wenn Braunschweig Paris zu Asche brennt, wird er höchst wahrscheinlich die Gefängnisse von Paris mir verbrennen; haben wir einen blassen Schrecken bekommen, so wollen wir ihn auch weiter geben samt allen Tiefen des Schreckens, die darin liegen, – auf diesen wilden Wogen trägt uns alle dasselbe lecke Fahrzeug!

Man kann denken, welch eine Bewegung nun da war unter den »dreißigtausend Royalisten«, wie die Verschwörer oder der Verschwörung Beschuldigten sich alle tiefer in ihre Schlupfwinkel verkrochen, – gleich Bertrand Moleville, ängstlich gegen Longwy zu schauend und hoffend, das Wetter möge günstig bleiben. Oder wie sie sich in Bedientenkleider stecken, wie Narbonne, der »nach England entkam als Famulus des Doktor Bollman«; wie Dame de Staël sich rührte, zu Manuel als eine Schwester in der Literatur fleht, sogar zum Schreiber Tallien, eine Beute namenlosen Kummers«!De Staël, Considérations sur la Révolution, II, 67-81. Der Royalist Peltier, der Flugblattschreiber, giebt eine rührende Schilderung (stark aufgetragener Farben nicht ermangelnd) von den Schrecken jenes Abends. Von fünf Uhr ab am Nachmittag ist eine große Stadt plötzlich in Schweigen versunken, ausgenommen das Wirbeln der Trommeln, den Tritt marschierender Füße und dann und wann das schreckliche Donnern des Klopfers an irgend einer Thür, wo ein trikolorer 173 Kommissär mit seinen blauen Garden erscheint. Alle Straßen sind leer, sagt Peltier, an jedem Ende von Garden besetzt, allen Bürgern ist befohlen, zu Hause zu bleiben. Auf dem Flusse fahren Boote mit Wachen, damit wir nicht zu Wasser entkommen, die Barrieren sind hermetisch verschlossen. Entsetzlich! Die Sonne scheint, neigt sich in vollem Glanze am wolkenlosen blauen Himmel, und Paris ist wie schlafend, wie tot, Paris hält den Atem an in Erwartung des kommenden Schlages. Armer Peltier! Die »Apostelgeschichte« und all die Lustigkeit deiner Leitartikel sind vorbei, und statt dessen ist's bitterer Ernst geworden, anstelle seiner Satire giebt's jetzt grobe Pikenspitzen (aus Eisengittern geschmiedet), und alle Logik ist reduziert auf den einzigen einfachen Grundsatz: Auge um Auge, Zahn um Zahn. – Peltier, der dies traurig gewahr wird, duckt sich tief, entwischt glücklich nach England, um dort den Tintenkrieg von neuem zu betreiben, – nach einiger Zeit vor ein Geschwornengericht gestellt, durch junge Whig-Beredsamkeit freigesprochen und für einen Tag weltberühmt zu werden.

Von »dreißigtausend«, natürlich, blieben große Mengen unbelästigt, aber, wie gesagt, bei vierhundert, als »verdächtige Personen« bezeichnet, wurden ergriffen und ein unsagbarer Schrecken befiel alle. Wehe dem, der schuldig ist des Komplottierens, des Anticivismus, des Royalismus, des Feuillantismus, der, schuldig oder nichtschuldig, einen Feind in seiner Sektion hat, der ihn als schuldig bezeichnet! Der arme alte Monsieur de Cazotte wird ergriffen, seine junge geliebte Tochter, die ihn nicht verlassen will, mit ihm. Warum, o Cazotte, vertauschtest du dein Märchenschreiben mit deinem »Diable amoureux« gegen eine Wirklichkeit wie diese? Der arme alte Monsieur de Sombreuil, der von den Invaliden, wird ergriffen, ein Mann, den der Patriotismus seit den Tagen der Bastille immer schief angesehen hat; auch ihn will seine zärtliche Tochter nicht verlassen. Junge, schwer unterdrückte Thränen und alte zitternde Schwäche, die noch einmal sich aufrafft, – o meine Brüder, o meine Schwestern!

Berühmte und Angesehene gehen dahin, die Unbedeutenden, wenn sie einen Ankläger haben. Der Halsbandgräfin Lamotte Gemahl (sie ist längst auf dem Londoner Pflaster zerdrückt) ist in diesen Gefängnissen, kommt aber wieder los. Der grobe Morande vom Courier de l'Europe hinkt verzweifelt im Gefängnis hin und her, doch sie lassen ihn auf gar behenden Krücken wieder hinaushinken, – seine Zeit ist noch nicht 174 gekommen. Advokat Maton de la Varenne, in sehr schwachem Gesundheitszustande, wird den Armen seiner Mutter und Verwandten entrissen – denn der trikolore Rossignol (Goldschmiedegeselle und Schurke noch kürzlich, ein in die Höhe gekommener Mann jetzt) erinnert sich an eine alte Gerichtsscene mit Maton! Jourgniac de Saint-Méard, der frische offenherzige Soldat geht dahin; er war bei der Meuterei von Nancy in jenem »hitzigen Regiment des Königs«, – auf der unrechten Seite. Das Traurigste von allem, Abbé Sicard geht dahin, ein Priester, der den Eid nicht leisten, wohl aber die Tauben und Stummen lehren konnte; ein Mann in seiner Sektion, sagt er, habe einen Groll gegen ihn, ein Mann schleudert zur rechten Stunde einen Haftbefehl gegen ihn und der trifft. Im Arsenalquartier geben stumme Herzen mit wilden Gebärden Zeichen des Jammers; er, ihr wunderbarer Heil- und Sprachbringer ist ihnen entrissen.

Man kann sich vorstellen, wie es in den Gefängnissen jetzt aussieht nach den Verhaftungen an diesem Abend vom 29., nach den seit dem 10. bei Tag und bei Nacht in größerm oder kleinerm Maßstabe immer erfolgten Verhaftungen. Überfüllung und Verwirrung, Drängen, Eilen, Gewalt und Schrecken! Von den Freunden der armen Königin, die ihr nach dem Tempel gefolgt und von dort anderswohin ins Gefängnis gebracht worden waren, wird man einige, wie die Gouvernante de Tourzelle, gehen lassen; eine, die arme Prinzessin de Lamballe, wird nicht entlassen, sondern erwartet hinter den Eisengittern von La Force, was weiter geschehen wird.

Unter den vielen Hunderten, die, von den geschleuderten Haftbefehlen betroffen, nach dem Stadt- oder Sektionshaus in vorläufige Gefangenschaft geschleppt und hier wie in Viehställe geworfen werden, müssen wir noch einen anderen erwähnen: Baron de Beaumarchais, den Autor des Figaro, den Bezwinger Maupeouscher Parlamente und Goezmanscher Höllenhunde, einst unter die Halbgötter gerechnet und nun –? Wir verließen ihn in seinem höchsten Glanze; welch schrecklicher Niedergang ist's jetzt, wo wir wieder einen Blick auf ihn erhaschen! »Um Mitternacht« (es war erst der 12. August) »tritt der Bediente, im Hemd, mit schreckensstarren Augen ins Zimmer«: »Monsieur, erheben Sie sich, das ganze Volk ist gekommen, Sie zu suchen, man klopft, als sollte die Thür eingeschlagen werden.« »Und wirklich klopft man auf eine fürchterliche Weise (d'une façon terrible). Ich werfe meinen Rock über, vergesse sogar die Weste, nichts als Pantoffeln an 175 den Füßen, und sage zu ihm« –. Und er, ach, antwortet bloß verworrenes Zeug, Ausrufe des Schreckens. Und durch die Fensterladen und Spalten, vor und hinter dem Hause, zeigen die düstern Straßenlaternen nur Straßen voll hagerer Gesichter, schreiend, mit erhobenen Piken, und verzweifelt stürzt man nach einem Ausgang und findet keinen, und hat keine Zuflucht zu nehmen zum Küchenschrank drunten und muß da stehen »vier Stunden lang«, mit klopfendem Herzen, in der unvollständigen Bekleidung, während Lichter am Schlüsselloch vorübertanzen, droben Füße umhertrampeln und ein Höllenlärm herrscht. Und alte Damen in demselben Quartier sprangen auf (wie wir am nächsten Morgen vernehmen), läuteten kreischend ihren bonnes um Tropfen; und alte Herren, im Hemd, »sprangen über Gartenmauern«, fliehend, wo niemand verfolgte – einer derselben brach unglücklicherweise ein Bein.Beaumarchais' Erzählung Mémoires sur les prisons (Paris 1823), I, 179–190. Die sechzigtausend holländischen Gewehre (die nie kommen) und die kühne Geschäftsspekulation, wie sind uns die so übel bekommen! –

Beaumarchais entwischte diesmal, aber nicht das nächste mal, zehn Tage später. Am Abend des 29. ist er noch im Chaos der Gefängnisse, in traurigster, zappelnder Lage, nicht imstande, Recht, ja auch nur Gehör zu erlangen; »Panis kratzt sich den Kopf«, wenn man mit ihm spricht und macht sich davon. Indessen möge der Liebhaber des Figaro wissen, daß Procureur Manuel, ein Bruder in der Litteratur, ihn aufsuchte und noch einmal erlöste. Aber wie der magere, jetzt seines Glanzes beraubte Halbgott sich in Scheunen verstecken, in Todesangst über Ackerfurchen hin irren mußte, wie er unter Dachtraufen wartete, im Dunkeln »auf dem Boulevard zwischen Haufen von Pflaster- und Bausteinen« saß, sehnsüchtig und vergeblich auf ein Wort von einem Minister oder Ministerschreiber wartend wegen jener verfluchten holländischen Gewehre, während im Herzen Lebensüberdruß, Schrecken und unterdrückte hündische Wut kochten; wie, ach, der schnelle, verschlagene Jagdhund, einst würdig, Dianen anzugehören, sich seine alten Zähne zerbricht, jetzt wo er an wahren Granitsteinen nagt, und wie er »nach England fliehen« und, zurück von England, in die Ecke kriechen und ruhig liegen muß, zahnlos (geldlos), – all dies mag der Liebhaber des Figaro sich vorstellen und ihn beweinen. Wir, ohne Thränen, doch 176 nicht ohne Trauer, wir winken hier dem verwelkten zähen Mitsterblichen unser Lebewohl zu. Sein Figaro ist wieder auf die französische Bühne gelangt, ja, er wird, gerade heute, dort zuweilen das beste Stück genannt. Und in der That, solange das menschliche Leben sich nur auf künstlichen Schein und Dürre zu gründen vermag, solange jeder neue Aufstand und Dynastiewechsel nur eine neue Schicht von Schutt nach oben bringt und noch kein fruchtbarer Boden zu Tage tritt, – mag es da nicht gut sein, gegen solch ein menschlich Leben zu protestieren, auf vielfache Weise und selbst in der Weise des Figaro?

 

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