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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 105
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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September.

Erstes Kapitel.
Die improvisierte Kommune.

So habt ihr's denn aufgestachelt, ihr Emigranten und Despoten der Welt! Frankreich erhebt sich! Lange habt ihr die arme Nation getadelt und geschulmeistert wie grausame ungerufene Pädagogen, eure Ruten von Feuer und Stahl über ihr schwingend; lange habt ihr sie gestachelt und mit Nasenstübern traktiert, und sie geschreckt, als sie in den Leichentüchern ihrer Konstitution dasaß, hilflos, während ihr mit euern Rüstungen und Komplotten, euern Einfällen und grimmen Drohungen von allen Seiten auf sie eindrangt, – und seht, nun habt ihr sie aufs Äußerste gereizt, und sie steht auf und ihr Blut wallt auf. Ihre Leichentücher hat sie zerrissen wie Spinnengewebe, und nun tritt sie euch entgegen in der schrecklichen Naturkraft, die kein Mensch noch gemessen, die bis zum Wahnsinn und zur Weltvernichtung geht. Seht zu nun, wie ihr mit ihr fertig werdet!

Dieser Monat September 1792, der einer der denkwürdigsten Monate in der Geschichte geworden, stellt sich von zwei sehr verschiedenen Seiten dar: völlig schwarz auf der einen Seite, ganz licht auf der andern. Was es nur irgend Schreckliches geben kann in der panischen Wut von fünfundzwanzig Millionen Menschen, das findet sich hier in schroffem Gegensatze nahe bei einander: in einem Gegensatze, der wohl schon erklärlich, wo ein einzelner Mensch plötzlich über alle Schranken hinausgeschleudert wird, um so viel mehr, wo dies mit einer ganzen Nation geschieht. Denn Natur, so freundlich grün sie auf der Oberfläche erscheinen mag, ruht doch, geht man nur tiefer hinunter, überall auf schrecklichem Fundamente, und Pan, zu dessen Tönen die Nymphen tanzen, hat auch eine Stimme, die alles zum Wahnsinn treiben kann.

Gar gefahrvoll ist es, wenn eine Nation ihre politische und gesellschaftliche Ordnung, die für sie zum Leichentuch geworden, nun zerreißt und transcendental wird, und dann ihren 160 wilden Weg sich suchen muß durchs Neue, Chaotische – wo die rohe Kraft noch nicht unterscheidet Gebotenes und Verbotenes, sondern Tugend und Verbrechen ungetrennt durcheinander wuchern – durchs Gebiet der Leidenschaften, durchs Reich der Schrecken und Wunder. Auf solch wildem Wege sehen wir in diesem letzten dritten Bande unserer Geschichte das unglückliche Frankreich während der nächsten drei Jahre.

Sansculottismus in all seiner Größe und abschreckenden Häßlichkeit herrschend, das Evangelium (die Gottesbotschaft) vom Recht wie von der Macht und Kraft des Menschen noch einmal als unumstößlich gepredigt; zugleich und nun noch lauter die schrecklichste Teufelsbotschaft von den Schwächen und Sünden der Menschen! Und all dies in einem solchen Maßstabe und in so ungeheurer Erscheinung: Eine wolkenumhüllte »Totgeburt einer Welt«, die gewaltige Rauchwolke hier gestreift wie mit Strahlen des Himmels, dort umsäumt wie mit Höllenfeuer! Die Geschichte erzählt uns manches, aber was hat sie in den letzten tausend und mehr Jahren uns erzählt, was diesem gliche? Bei diesem Schauspiele laß uns beide denn, o Leser, mit Interesse verweilen und versuchen aus seiner unvergänglichen Bedeutung zu entnehmen, was unter unsern Umständen für uns passen mag.

Es ist zu bedauern, obwohl sehr natürlich, daß die Geschichte dieser Periode so allgemein wie in Krämpfen geschrieben worden ist. Übertreibung, Verwünschung, Jammer herrschen vor, und im ganzen bleibt vieles dunkel. Aber so schrie und kreischte auch das verderbte alte Rom seine lauten Verwünschungen in die Welt hinaus, als es von der Erde hinweggefegt werden sollte und die Völker des Nordens und andere schreckliche Söhne unverdorbener Naturkraft dahergestürmt kamen, »Formeln verschlingend«, wie's jetzt die Franzosen thun – so schrie auch das alte Rom, sodaß die wahre Gestalt von manchem für uns verloren ging. Attilas Hunnen hatten bereits Arme von solcher Länge, daß sie einen Stein aufheben konnten, ohne sich zu bücken. In den Namen der armen Tataren nun schaltete die sie verwünschende römische Geschichte einen Buchstaben ein, und so sind sie bis auf diesen Tag Tartaren geblieben mit dem Attribute gräßlicher tartarischer Natur. So bedeckt hier in gleicher Weise, wir mögen in den vielfachen französischen Überlieferungen forschen wie wir wollen, Dunkelheit gar zu häufig die Vorgänge, oder wir werden in die Irre geführt durch Berichte, wie sie die reine Verrücktheit diktierte. Es wird einem schwer, sich 161 vorznstellen, daß in diesem Septembermonate die Sonne schien wie in andern Monaten. Doch ist's eine unbestreitbare Thatsache, daß die Sonne wirklich schien und daß es Wetter und Arbeit gab, ja, was das betrifft, sehr schlechtes Wetter für die Herbstarbeiten! Ein von den Umständen nicht begünstigter Geschichtschreiber mag sein Möglichstes thun, er muß doch immer noch um Nachsicht bitten.

Der wäre ein weiser Franzose gewesen, der, dies wüste Schauspiel des auf neuen unerprobten Pfaden wirbelnden und wogenden Frankreichs aus der Nähe betrachtend, zu unterscheiden vermocht hätte, wo die Hauptbewegung, welche Richtung damals die leitende und herrschende war. Aber aus der Entfernung, nach vierzig Jahren, läßt sich das wohl erkennen. Für uns treten zwei Hauptbewegungen oder bedeutende Richtungen in dem Septemberwirbel nun deutlich genug hervor: das stürmische Strömen nach der Grenze, das rasende Drängen in die Rathäuser und Ratsäle im Innern. Das wild gewordene Frankreich stürmt in verzweifeltem Todesmute nach der Grenze, um sich gegen fremde Despoten zu verteidigen; es drängt sich nach den Rathäusern und in die Wahlversammlungen, um sich gegen inländische Aristokraten zu wehren. Möge der Leser diese zwei Hauptbewegungen wohl ins Auge fassen und auch wie Seitenströmungen und unzählige kleinere Wirbel davon abhängen. Er möge auch selber beurteilen, ob bei solch plötzlichem Schiffbruch aller alten Autoritäten diese beiden an und für sich schon halb rasenden Hauptbewegungen gar sanft sein konnten. Wie in der dürren Sahara ging es zu, wenn die Winde erwachen und sie die ungeheuern Sandmengen in die Luft wehen und umher wirbeln! Die Luft selbst ist dann eine trübe Sandluft, wie die Reisenden erzählen, und es werden in ihr trübe sichtbar die wunderbarsten nebelhaften Reihen von Sandsäulen, wohl an hundert Fuß hoch, die wirbelnd bald nach dieser bald nach jener Seite treiben und gleich tollen tanzenden Derwischen ihren gewaltigen Wüstenwalzer tanzen.

Dennoch giebt es in allen menschlichen Bewegungen, wären sie auch erst entstanden, immer eine gewisse Ordnung oder den Anfang einer Ordnung, und in dem Saharawalzer der fünfundzwanzig Millionen Franzosen wollen wir zwei Dinge besonders betrachten, oder vielmehr nur eins und die Hoffnung auf ein zweites: die Kommune (Munizipalität) von Paris, die bereits da ist, und den Nationalkonvent, der in einigen Wochen da sein wird. Die insurrektionäre Kommune, die 162 sich am Abend des 10. August konstituierte und durch den Ausbruch diese immer denkwürdige Erlösung Frankreichs bewirkt hatte, muß notwendig es so lange beherrschen, bis der Nationalkonvent zusammengekommen sein wird. Diese Kommune also, die man mit Recht eine selbstgeschaffene oder »improvisierte« Kommune nennen darf, ist für den Augenblick Frankreichs Souverän. Die Legislative, die ihr Ansehen aus dem Alten schöpft, wie kann die jetzt, wo das Alte durch Insurrektion beseitigt ist, nun noch ein Ansehen besitzen? Gewisse Dinge, Personen und Interessen mögen sich noch daran halten, wie an ein schwimmendes Stück eines Wracks: Freiwillige, Schützen oder Pikenmänner in grüner Uniform oder roter Nachtmütze (bonnet rouge), defilieren, zum Marsch gegen Braunschweig gerüstet, noch täglich vor der Legislative, schwingen ihre Waffen, immer mit einem Anfluge von einer Beredsamkeit wie sie Leonidas ausübte, oft mit einer so feurigen Verwegenheit, daß sie einen Herod zu übertreffen droht, wobei die Galerien, besonders die Damen, nicht genug applaudieren können«.Moores Journal, I, 85. Solche oder ähnliche Huldigungen können vor den Ohren ganz Frankreichs entgegengenommen und beantwortet werden, der Saal der Manège ist ja immer noch zu brauchen als ein Platz für öffentliche Bekanntmachungen. Wozu er denn in der That jetzt vorzugsweise dient. Verginaud hält begeisternde Reden, doch immer nur in prophetischem, auf den erwarteten Konvent hindeutendem Sinne. »Unser Andenken mag vergehen«, ruft er, »aber macht Frankreich frei!« worauf alles aufspringt und jauchzend erwidert: »Ja, ja, périsse notre mémoire, pourvu que la France soit libre!«Histoire parlementaire, XVII, 467. Exkapuziner Chabot beschwört den Himmel, daß wir wenigstens »die Könige los werden möchten«, und wieder lodern wir auf und schreien und schwören, die Hüte schwenkend: »Ja, nous le jurons; plus de roi!«Histoire parlementaire, XVII, 437. Was alles, sofern sich's nur um öffentliche Bekanntmachungen und Demonstrationen handelt, soweit gut erachtet wird.

Übrigens läßt sich's nicht leugnen, daß dieser Zustand der Dinge doch für amtswidrig und unbefriedigend gehalten wird von unsern geschäftigen Brissots, unsern gestrengen Rolands, von Männern, die einst Ansehen hatten und es nun mehr und mehr dahinschwinden sehen, von Männern, die das Gesetz 163 lieben und selbst eine Explosion, soweit es möglich, gesetzmäßig vor sich gehend haben wollen. Beschwerden, Versuche werden gemacht, doch ohne Erfolg. Die Versuche prallen sogar zurück und müssen aus Furcht vor Schlimmerem aufgegeben werden: Das Scepter ist ein für allemal dieser Legislative entwunden. So hart war das Schicksal gegen diese arme Legislative, daß es sie hatte fesseln, sich selber wie Andromeda an den Felsen schmieden lassen, und sie da nur noch zum Himmel und zur Erde jammern ließ. Wunderbarer Weise stieg ein beflügelter Perseus (oder eine improvisierte Kommune) aus der Luft herab und erlöste sie – wer aber wird jetzt die entscheidende Stimme haben? Sie mit ihrer Sanftmut und musikalischen Rede, oder er mit seiner Rauheit, seiner scharfen Waffe und dem dröhnenden Schilde? Melodische Übereinstimmung, das gehörte sich! Andernfalls und wenn die Stimmen von einander abweichen, so ist's sicherlich Andromedas Los, zu weinen – wenn möglich, nur Thränen der Dankbarkeit.

Sei zufrieden, Frankreich, mit dieser improvisierten Kommune, so wie sie ist! Sie hat die nötigen Werkzeuge und hat die Hände, und lang dauert es nicht. Sonntag, den 26. August, werden die Urwähler sich versammeln, um Wahlmänner zu wählen; Sonntag, den 2. September (möge es ein Glückstag sein!) werden die Wahlmänner anfangen Deputierte zu wählen, und damit wird ein alles heilender nationaler Konvent zustande kommen. Kein marc d'argent oder Unterscheidung von Aktiven und Passiven beleidigt den französischen Patrioten, sondern jetzt giebt's allgemeines Stimmrecht, unbeschränkte Wahlfreiheit. Mitglieder der alten Konstituante, der gegenwärtigen Legislative sind wählbar, ganz Frankreich ist wählbar. Ja man kann sagen, die Blüte der ganzen Welt (de l'Univers) ist wählbar, denn gerade in diesen Tagen »naturalisiert« man durch einen Beschluß der Versammlung die vorzüglichsten Freunde der Menschheit: Priestley, den wir in Birmingham für uns hinausgefeuert sahen, Klopstock, ein Genie für alle Länder, Jeremias Bentham, den tüchtigen Rechtsgelehrten, den ausgezeichneten, rebellischen Schneider Paine. Von diesen mögen einige gewählt werden, denn so ziemt sich's für einen solchen Konvent. Kurz, siebenhundert und fünfundvierzig unbeschränkte Souveräne, vom Erdkreis bewundert, sollen die unselige Ohnmacht der Legislative ersetzen, von der wahrscheinlich die besten Mitglieder und der Berg in Masse wiedergewählt werden mögen. Roland 164 läßt den Saal des Cent Suisses als vorläufigen Zusammenkunftsort in Bereitschaft setzen, dort in den Tuilerien, die jetzt leer und national und nicht ein Palast, sondern eine Karawanserai sind.

Was die selbstgeschaffene Kommune betrifft, so kann man sagen, daß es auf Erden nie einen merkwürdigeren Stadtrat gegeben hat. Ihr ist die Verwaltung nicht einer großen Stadt, sondern eines großen in Empörung und Raserei verfallenen Königreiches zugefallen. Da muß registriert, organisiert, verproviantiert, erfunden, entschieden und ausgeführt werden, sie muß sich wenigstens bemühen, dies und das auszuführen – es ist zu verwundern, daß unter all dieser Last das menschliche Gehirn nicht nachgab und ins Schwanken geriet. Aber glücklicherweise hat das menschliche Gehirn die Fähigkeit, gerade nur so viel in sich aufzunehmen, als es tragen kann und alles übrige zu ignorieren und liegen zu lassen, als ob es nicht da wäre. Wobei für einiges wirklich gesorgt wird, und manches für sich selbst sorgt. Diese improvisierte Kommune schreitet einher ohne den geringsten Zweifel an sich selbst, rasch, ohne Furcht oder Verlegenheit begegnet sie jeden Augenblick den Bedürfnissen des Augenblicks. Stünde die Welt in Flammen, so ein improvisierter trikolorer Munizipalrat hat doch nur ein Leben zu verlieren. Seine Mitglieder sind die Quintessenz und die Auserwählten des sansculottischen Patriotismus sind auf den verlorenen Posten gestellt, wo unbeschreibbarer Sieg oder ein hoher Galgen ihrer wartet. Sie sitzen da im Rathause, diese staunenswerten trikoloren Munizipalräte, im Generalrat, im Aufsichtskomitee (de Surveillance, das sogar zum Comité de Salut Public des öffentlichen Wohls, werden wird) oder was sonst für Komitees und Unterkomitees nötig sind; sie führen eine unendliche Korrespondenz und fassen unendliche Beschlüsse, hört man doch von einem Beschlusse als dem »neunundachtzigsten des Tages.« Bereit sein! Das ist ihre Parole. Sie tragen geladene Pistolen und als Mahlzeit ein improvisiertes Frühstück in der Tasche. Freilich mit der Zeit werden traiteurs für die Beköstigung zu sorgen haben und die Mahlzeiten an Ort und Stelle liefern – zu verschwenderisch, wie später mit Mißfallen bemerkt wird. So haben wir Munizipalräte, mit trikoloren Schärpen angethan, in der einen Hand munizipales Schreibpapier, in der andern Feuerwaffen. Sie haben über ganz Frankreich ihre Agenten gesandt, die in Rathäusern, auf Marktplätzen, Straßen und Nebenwegen 165 agitieren, zu den Waffen rufen, alle Herzen entzünden. Groß ist das Feuer antiaristokratischer Beredsamkeit, ja einige, wie der Buchhändler Momoro, scheinen auf etwas von weitem hinzudeuten, was einem agrarischen Gesetze und einem Aderlaß der allzu geschwollenen Geldsäcke gleicht; wobei freilich der kühne Buchhändler Gefahr läuft, gehängt zu werden, und Exkonstituent Buzot muß ihn wegschmuggeln.Mémoires de Buzot (Paris 1823) p. 88.

Regierende, seien sie in Wirklichkeit noch so unbedeutend, haben meistens Memoirenschreiber in Menge, und der Neugierige späterer Zeit kann aufs Genaueste ihren Lebenswandel erfahren; was eine Art von Befriedigung gewährt, da die Menschen es immer gern wissen, wie ihre Mitmenschen in besonderen Lagen sich benehmen. So war es nicht der Fall mit den Regierenden, die wir jetzt im Stadthause sehen. Und doch, welcher originellste Mitmensch unter den Regierenden, welcher Kanzler, König, Kaiser, Minister des Innern oder des Äußern zeigte sich in solch verschiedenen Wandlungen als hier im Wirbel der fünfundzwanzig Millionen Schreiber Tallien, Procureur Manuel, der zukünftige Procureur Chaumette? O, ihr sterblichen Brüder, – du, Advokat Panis, Freund Dantons, Verwandter Santerres, du, Graveur Sergent, später Agate-Sergent genannt, du, Huguenin, mit der Sturmglocke in deinem Herzen. Aber ach, ihnen fehlte der geweihte Memoirenschreiber (sacro vate), wie Horaz sagt, und wir kennen sie nicht. Es wurde geprahlt mit dem August und seinen Ereignissen und diese aller Welt verkündet, aber mit diesem September wollte keiner, weder jetzt noch später, prahlen. Die Septemberwelt bleibt dunkel, voll Nebel, wie eine Lappländer Hexenmitternacht, aus der allerdings sehr seltsame Gestalten auftauchen werden.

Indessen wisse man, daß jetzt, wo die Hitze der Schlacht vorüber, der unbestechliche Robespierre nicht fehlt; verstohlen sitzt der seegrüne Mann da, seine Katzenaugen taugen vortrefflich zu dem herrschenden Zwielicht. Auch dies wisse man – ein einzelnes Faktum, das aber viele aufwiegt –, daß Marat nicht nur da ist, sondern, daß man ihm einen Ehrensitz angewiesen hat, eine tribune particulière. Welch ein Wechsel für Marat, aus seinem dunkeln Keller emporgehoben zu sein auf diese lichte »besondere Tribüne.« Aber alle Hunde haben ihren glücklichen Tag, selbst tolle. Jämmerlicher, unheilbarer Philoktetes Marat, ohne den Troja nicht 166 erobert werden kann! Dahin ist Marat gestiegen als ein Hauptelement der regierenden Macht. Royalistische Lettern – denn wir haben unzählige Durosoys, Royous (Herausgeber königsfreundlicher Zeitungen) »unterdrückt«, ja sogar ins Gefängnis geworfen – royalistische Lettern ersetzen die abgenutzten Lettern, die man in früheren bösen Tagen dem »Volksfreund« so oft aus den Händen riß. Auf unserer »besondern Tribüne« schreiben und redigieren wir Plakate voll gehörig warnenden Schreckens, unsere Amis-du-Peuple (jetzt unter dem Namen de la République), und sitzen da, uns des Gehorsams der Menschen erfreuend. »Marat,« sagt einer, »ist das Gewissen des Hôtel-de-Ville«; Hüter, wie andere sich ausdrücken, von des Souveräns Gewissen, das gewiß, in solchen Händen, nicht in einer Serviette versteckt liegen wird.

Zwei große Bewegungen, wie gesagt, erregen den verwirrten Sinn der Nation: ein Stürmen gegen einheimische Verräter, und der Sturm gegen fremde Despoten. Tolle Bewegungen beide, durch kein Gesetz in Schranken zu halten, von den stärksten Leidenschaften der menschlichen Natur diktiert, von Liebe, Haß, rachgierigem Schmerz, prahlerischem ebenso rachgierigem Nationalgefühl und vor allem vom blassen panischen Schrecken! Zwölfhundert erschlagene Patrioten, rufen die nicht (o ihr Gesetzgeber!) aus ihren dunkeln Katakomben mit Totenpantomimen um Rache? So groß war ja die zerstörende Wut dieser Aristokraten am ewig denkwürdigen 10. August. Und, abgesehen von der Rache dafür, lediglich in Anbetracht des öffentlichen Wohls fragt man: Giebt es nicht immer noch in diesem Paris (in runder Zahl) »dreißigtausend Aristokraten« voll der größten Bosheit und nun getrieben, das Äußerste zu wagen, ihren letzten Trumpf auszuspielen? – Seid geduldig, ihr Patrioten, unser neuer Gerichtshof, unser »Tribunal vom Siebzehnten« hält Sitzungen, jede Sektion hat vier Geschworne gesandt, und Danton, der die unwürdigen Richter und unwürdige Praktiken wo immer sie zu finden, unterdrückt, ist »derselbe Mann, den ihr bei den Cordeliers gekannt habt.« Mit einem solchen Justizminister, wird da nicht Gerechtigkeit geübt werden? – So laßt's denn bald sein, antwortet allgemein der Patriotismus, schnell und sicher! –

Man sollte meinen, dieses Tribunal vom Siebzehnten wäre schon schneller denn je eines. Schon am 21., als unser Gericht erst vier Tage alt ist, stirbt bei Fackellicht Collenot 167 d'Angremont, der »royalistische Werber« (embaucheur). Denn seht! Die große Guillotine, wunderbar anzuschauen, steht jetzt da, des Doktors Idee ist Holz und Eisen geworden; die gewaltige cyklopische Axt »fällt in ihren Rinnen wie der Bock der Rammmaschine«, schnell des Menschen Lebenslicht ausputzend!

»Mais vous, Gualches, was habt ihr erfunden?« Dieses? – Der arme Laporte, Intendant der Civilliste, folgt zunächst, ruhig, der sanfte alte Mann. Dann Durosoy, der royalistische Plakatdrucker, »Kassier aller Antirevolutionisten im Inlande;« fröhlich ging er zum Tode, sagte, ein Royalist wie er solle von allen Tagen gerade an diesem Tage am liebsten sterben, am 25. oder Sankt-Ludwigs-Tage. Die alle wurden verhört, verurteilt und der verwirklichten Idee, der Guillotine, überwiesen im Laufe einer Woche, unter jauchzendem Beifall der Galerien. Derer nicht zu gedenken, die wir unter dem Murren der Galerien freigesprochen und entlassen oder gar persönlich ins Gefängnis zurückgeleitet haben, da die Galerien anfingen zu heulen, ja sogar zu drohen und zu stoßen.Moores Journal, I, 159-168. Langsam ist das Tribunal wirklich nicht.

Ebensowenig läßt die andere Bewegung nach, das Stürmen gegen fremde Despoten. Gewaltige Streitkräfte sollen sich begegnen im Kampf auf Leben und Tod, das militärisch gedrillte Europa gegen das tolle ungedrillte Frankreich, und sonderliche Beschlüsse werden der Probe unterworfen werden. – Man stelle sich daher so gut als möglich den Tumult vor, der in diesem Frankreich, diesem Paris herrscht! An allen Mauern flammen mahnend die Plakate der Sektion, der Kommune, der Legislative, des einzelnen Patrioten. Fahnen, das Vaterland in Gefahr verkündend, wehen vom Hôtel-de-Ville, auf dem Pont-Neuf, über den umgestürzten Statuen von Königen. Da giebt's ein allgemeines Sichanwerbenlassen, Drängen der Werbenden, thränenvolles ostentatives Abschiednehmen, ungeregeltes Marschieren aus der großen nordöstlichen Straße. Marseiller singen im Chor ihr wildes »Zu den Waffen«, das nun alle Männer, alle Weiber und Kinder gelernt haben und im Chor singen in Theatern, auf den Boulevards, Straßen; und das Herz erglüht in jeder Brust bei dem »Aux armes! Marchons!« – Oder man stelle sich vor, wie unsre Aristokraten sich in Schlupfwinkel verkriechen, wie Bertrand Moleville versteckt liegt in einem Dachstübchen, »in 168 der Aubry-le-boucher-Straße, bei einem armen Chirurgen, der mich früher kannte.« Madame de Staël hält ihren Narbonne verborgen, da sie nicht weiß, was in aller Welt mit ihm thun. Die Barrieren sind zuweilen offen, meistens aber geschlossen, Pässe sind nicht zu bekommen, Stadthausemissäre, mit Augen und Krallen wie Falken, flattern wachsam auf allen Punkten rings am Horizont! In zwei Worten: Tribunal vom Siebzehnten geschäftig unter dem Heulen der Galerien; preußisch Braunschweig »einen Raum von vierzig Meilen« mit seinen Kriegskarren und schlummernden Donnern und »sechzigtausend«Siehe Toulongeon, Histoire de France, II, 5. Riesenarmen bedeckend, – er kommt, er kommt!

O Himmel, in diesen letzten Tagen des August, da ist er schon da. Durosoy war noch nicht guillotiniert, als Nachricht kam, daß die Preußen die Gegend um Metz herum verwüsteten und verheerten. Etwa vier Tage später hört man, daß Longwy, unsere erste Festung an der Grenze, »nach fünfzehn Stunden« gefallen ist. Schnell darum, ihr improvisierten Munizipalräte, schnell und immer schneller! – Die improvisierten Munizipalräte, sie bieten auch dem die Stirne. Werbungen, Bekleidung, Rüstungen beschleunigen sich. Es tragen sogar unsere Offiziere jetzt nur »wollene Epauletten«, denn wir leben im Reich der Freiheit und auch der Notwendigkeit. Auch nennt man sich jetzt nicht monsieur und Herr; citoyen (Bürger) ist passender, wir sagen sogar du zu einander, wie's »die freien Völker des Altertums thaten«: so haben's Journale und die improvisierte Kommune in Vorschlag gebracht, und so wird's recht sein.

Indes wäre es unendlich viel besser, wenn wir angeben könnten, wo Waffen zu finden sind. Für den Augenblick singen unsere Citoyens im Chor: »Zu den Waffen«, und haben keine Waffen. Man sucht leidenschaftlich nach Waffen, freut sich über jede aufgefundene Muskete. Zudem sollen rings um Paris Verschanzungen aufgeworfen werden; man gräbt und schaufelt auf den Anhöhen des Montmartre, obschon selbst der Einfältigste es für ein verzweifeltes Unternehmen ansieht. Man gräbt; trikolore Schärpen halten ermutigende und zur Eile antreibende Reden. Ja zuletzt, um nicht bloß zu ermutigen, sondern um selbst Hand anzulegen und zu graben, »gehen zwölf Mitglieder der Legislative täglich« hin – so ward's beschlossen unter Beifallsrufen. Waffen müssen 169 entweder hergeschafft werden oder der menschliche Erfindungsgeist mag sich darüber den Kopf zerbrechen und verrückt werden! Der magere Beaumarchais denkt dem Vaterlande zu dienen und nach alter Weise ein gut Geschäft zu machen, er hat sechzigtausend gute Gewehre aus Holland bestellt, wollte der Himmel, um des Vaterlandes und um seinetwegen, sie wären da! Unterdessen werden eiserne Geländer ausgerissen, in Piken umgehämmert, selbst Ketten werden zu Piken umgeschmiedet. Sogar die Bleisärge der Toten werden ausgegraben, um Kugeln daraus zu gießen. Alle Kirchenglocken müssen herunter in den Ofen, um Kanonen zu werden, alles Kirchengeräte in die Münze, damit Geld daraus gemacht werde. Seht auch die schönen Schwanenscharen, die Citoyennes, die sich in Kirchen niedergelassen haben und den Schwanenhals beugen über Zelte und Uniformen, die sie da nähen! Auch fehlt es nicht an patriotischen Spenden derer, die noch was übrig haben, auch ist man dabei nicht karg: die schönen Villaumes, Mutter und Tochter, Putzmacherinnen in der Rue St. Martin, geben einen »silbernen Fingerhut und ein Fünfzehnsousstück,« nebst anderem ähnlichen, und erbieten sich, wenigstens thut es die Mutter, auf die Wache zu ziehen. Männer, die nicht einmal einen Fingerhut haben, geben einen Fingerhut voll – wär's auch nur ein Fingerhut voll Erfindung. Einer hat eine hölzerne Kanone erfunden, von der einstweilen Frankreich allein soll Nutzen ziehen. Sie soll von Küfern aus Stäben hergestellt werden, im Kaliber beinahe unbegrenzt, doch nicht ganz zuverlässig, was die Stärke betrifft! So hämmert, sinnt, näht, gießt alles von ganzem Herzen, mit ganzer Seele. Zwei Glocken nur sollen in jeder Gemeinde erhalten bleiben, zum Sturmläuten und anderen Zwecken.

Aber man bemerke nun auch, gerade während die preußischen Batterien bei Longwy am lebhaftesten im Nordosten spielten und unser feiger Lavergne nichts zu thun wußte, als sich zu ergeben, gerade da kommt im Südwesten, in der entlegenen patriarchalischen Vendée, der saure Gährstoff wegen der nicht beeidigten Priester nach langem Wirken zur Reife und zum Ausbruch – im unrechten Moment für uns! Nun haben wir »achttausend Bauern in Châtillon-sur-Sèvre«, die sich nicht als Soldaten anwerben lassen wollen, ihre Pfarrer nicht belästigen lassen wollen. Zu denen werden sich die Bonchamps, Larochejaquelins und noch genug andere Herren vom Royalistenschlage gesellen mit Stofflets und Charettes, 170 mit Helden und Chouan-Schmugglern und dem loyalen Eifer eines schlichten Volkes, der angefacht worden ist zu Flammen und Wut durch theologische und lehensherrliche Blasebälge. So daß es dort Kämpfe kosten wird hinter Gräben, und tödliche Salven aus Dickicht und Schluchten hervorbrechen werden, daß Hütten brennen, bedauernswerte Weiber mit ihren Kindern auf dem Rücken nach einem Zufluchtsorte nmherirren werden über zertretene mit menschlichen Gebeinen übersäete Saatfelder, daß »achtzigtausend Menschen von jedem Alter, Stand, Geschlecht alle auf einmal über die Loire fliehen werden« mit weit vom Winde hingetragenem Jammern und Wehklagen; kurz, auf Jahre hinaus solch eine Reihe von Greueln, wie ein ruhmvoller Krieg sie seit Jahrhunderten nicht aufzuweisen hatte, nicht seit unseren Albigenserkriegen und Kreuzzügen, ausgenommen freilich ein gelegentliches »Sengen und Brennen« in der Pfalzgrafschaft oder dergleichen, das wir als unvermeidliche Ausnahme in Scene zu setzen hatten. Für den Augenblick wird man die Auseinandertreibung der »achttausend in Châtillon« bewerkstelligen, das Feuer dämpfen, nicht auslöschen. Zu den Schlägen und Wunden auswärtigen Kampfes kommt von nun an ein tödlicherer innerer Brand.

Dieser Aufstand in der Vendée wird bekannt in Paris am Mittwoch, dem 29. August – gerade als wir unsere Wahlmänner gewählt hatten und trotz Braunschweig und Longwy immer noch hofften, wenn es dem Himmel gefiele, einen Nationalkonvent zu bekommen. Aber sonst auch ist wirklich dieser Mittwoch als einer der merkwürdigsten anzusehen, die Paris bisher gesehen: düstere Botschaften kommen eine um die andere wie Hiobsposten, werden aufgenommen mit düstern Erwiderungen. Von Sardinien, das sich erhebt, um im Südosten einzufallen, und von Spanien, das den Süden bedroht, sprechen wir nicht. Aber sind nicht die Preußen Herren von Longwy (das durch Verrat übergeben, wie es scheint), und im Begriff Verdun zu belagern? Clairfait und seine Österreicher halten Thionville umschlossen, verdüstern die Lage im Norden. Jetzt wird nicht bloß die Gegend um Metz, sondern auch das Clermontais wird verwüstet, fliegende Ulanen und Husaren sind auf der Straße von Chalons gesehen worden fast bis nach Sainte-Menehould. Faßt ein Herz, ihr Patrioten! Wenn ihr den Mut verliert, ist alles verloren!

Nicht ohne dramatische Erregung liest man in den parlamentarischen Berichten von diesem Mittwoch Abend, »nach sieben Uhr,« die Scene mit den militärischen Flüchtlingen 171 von Longwy. Müde, staubig, mutlos treten diese armen Leute um oder nach Sonnenuntergang in die Legislative, geben den rührendsten Bericht über die furchtbare Lage, in der sie waren: Myriaden von Preußen, die ringsum wogten, wie aus Vulkanen, fünfzehn Stunden lang, ein wahres Feuerspeien; wie spärlich verteilt auf den Wällen, kaum ein Kanonier für zwei Kanonen, unser feiger Kommandant Lavergne sich nirgends zeigend, die Zündung will nicht Feuer fangen, kein Pulver in den Bomben – was konnten wir thun? »Mourir sterben!« antworten sofort einige Stimmen,Histoire parlementaire, XVII, 148. und die staubbedeckten Flüchtlinge müssen anderswohin schleichen um Trost. – Ja, mourir, das ist jetzt die Parole. Longwy soll unter französischen Festungen zum Sprichwort und zum Spott werden, laßt es (sagt die Legislative) lieber hinweggetilgt werden vom geschändeten Antlitz der Erde – und so ergeht ein Dekret, daß Longwy, wenn einst die Preußen hinaus wären, vom Erdboden »rasiert werde«, und nur mehr bestehe als überpflügter Grund.

Sind die Jakobiner milder? Wie könnten sie, sie, die Blüte des Patriotismus? Die arme Dame Lavergne, Gattin des armen Kommandanten, nahm ihren Schirm eines Abends und kam, begleitet von ihrem Vater, herüber in den Saal der mächtigen Mutter, und »liest eine Denkschrift vor zur Rechtfertigung des Kommandanten von Longwy.« Präsident Lafarge antwortet: »Bürgerin, die Nation wird Lavergne richten; die Jakobiner haben die Pflicht, ihm die Wahrheit zu sagen. Er würde seinen Lebenslauf in Longwy beschlossen haben (terminé sa carrière), hätte er die Ehre seines Landes geliebt.«Histoire parlementaire, XIX, 300.

 

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