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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 104
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.
Die Konstitution in Stücke gegangen.

So ist der 10. August gewonnen und verloren. Der Patriotismus zählt seine Erschlagenen nach Tausenden und Tausenden, so tödlich war das Feuer der Schweizer von den Fenstern aus; doch wird er die Zahl schließlich auf etwa zwölfhundert reducieren. Kein Kinderspiel war's, noch ist es eines. Bis um zwei Uhr am Nachmittag hat das Morden, Zerstören und Brennen nicht geendet, nicht früher das losgelassene Tollhaus sich wieder geschlossen.

Wie Sündfluten von rasenden Sansculotten in allen Gängen der Tuilerien brüllten, unbarmherzig in ihrer Rachgier; wie die Kammerdiener niedergemetzelt, zerhackt wurden; wie Dame 153 Campan den Marseiller Säbel über ihrem Haupte blitzen sah, wie aber der Finsterblickende sagte: »Va-t-en, mach' dich fort,« und sie unverletzt von sich stieß;Campan, II, 21. wie in den Kellern Weinflaschen erbrochen, Weinfässern der Boden eingeschlagen und sie ausgetrunken wurden; wie bis hinauf zu den Dachstuben aus allen Fenstern kostbare königliche Möbel flogen; und wie mit den goldenen Spiegeln, sammetenen Vorhängen, den Daunen aufgeschlitzter Federbetten, und toten Menschenkörpern der Tuileriengarten keinem anderen Garten auf Erden glich – alles dieses kann, wer Lust hat dazu, weitläufig geschildert finden bei Mercier, beim bitteren Montgaillard oder dem Beaulieu der »Deux Amis.«

Hundertundachtzig Leichname von Schweizern liegen hier aufgehäuft, nackt, erst am zweiten Tage weggeschafft. Der Patriotismus hat ihre roten Röcke in Fetzen gerissen und marschiert triumphierend einher mit den an den Spitzen der Piken flatternden Fetzen. Die gräßlichen nackten Körper liegen da unter der Sonne und unter den Sternen. Die Neugierigen beider Geschlechter drängen sich, sie zu sehen. Was wir nicht thun wollen! Über hundert Karren voll Toter werden nach dem Kirchhof von Saint-Madeleine gefahren unter Jammern und Weinen; denn alle hatten Verwandte, hatten Mütter, wenn nicht hier, dann dort. Es ist eines jener Blutfelder, von denen man liest unter dem Namen »glorreicher Sieg,« wie wir solche auch vor unserer eigenen Thür haben.

Aber die finster blickenden Marseiller haben den Tyrannen des Schlosses niedergeschlagen. Niedergeschlagen ist er, völlig, um schwerlich sich wieder zu erheben. Welch ein Augenblick war es für die hohe Legislative, als der erbliche Repräsentant eintrat unter solchen Umständen, und der Grenadier, der den kleinen Kronprinzen aus dem Gedränge getragen hatte, ihn nun auf den Tisch der Versammlung niedersetzte! Ein Moment – den man mit Reden verwischen mußte, in Erwartung dessen, was der nächste bringen werde. Ludwig sagte wenige Worte: »Er sei hierher gekommen, um ein großes Verbrechen zu verhüten; er glaube sich nirgends sicherer als hier.« Der Präsident Verginaud antwortete kurz, in unbestimmten Worten, etwas von »Verteidigung konstituierter Behörden,« und von Sterben auf seinem Posten.Moniteur, Séance du 10 août 1792. Und so 154 setzte sich König Ludwig nieder, erst hier, dann dort; denn es erhob sich eine Schwierigkeit, da die Konstitution es nicht gestattete, in Gegenwart des Königs zu debattieren. Endlich läßt er sich mit seiner Familie in der »Loge du Logographe,« der Loge eines Zeitungsberichterstatters, nieder, die außerhalb des verzauberten konstitutionellen Bereiches liegt und getrennt ist von demselben durch ein Geländer. Auf eine solche Loge von etwa zehn Quadratfuß, mit einem kleinen Kabinett dahinter an ihrem Eingang, ist der König des weiten Frankreichs nun beschränkt, hier kann er mit den Seinen sechzehn Stunden lang eingepfercht sitzen unter den Augen der Welt, oder sich von Zeit zu Zeit in sein Kabinett zurückziehen. Ein solches eigentümliches Ergebnis hat die Legislative noch erleben müssen.

Aber welch ein Moment war es auch, einige Minuten später, als die drei Marseiller Kanonen losgingen, und das Schnellfeuer der Schweizer, und der allgemeine Donner, wie Lärm des jüngsten Gerichts, anfing zu rasseln! Ehrenwerte Mitglieder springen auf ihre Füße, denn selbst hierher verirren sich Kugeln, schlagen klirrend durch die Fenster, singen ihr Epicedium. »Nein, dies ist unser Posten, hier laßt uns sterben!« Sie bleiben daher sitzen wie steinerne Gesetzgeber. Aber könnte nicht die Loge des Logographen von hinten her gestürmt werden? Reißt das Geländer nieder, das vom geweihten konstitutionellen Bereich sie trennt! Diener reißen und zerren, Seine Majestät selbst hilft von innen. Das Geländer giebt nach, Majestät und Legislative sind dem Raum nach vereint, dasselbe unbekannte Schicksal schwebt über beiden.

Ein Rasseln, ein Donnern nach dem andern, ein atemloser entsetzter Bote stürzt herein nach dem anderen. Des Königs Befehl an die Schweizer geht hinaus. Es war ein schrecklich Donnern, doch wie wir wissen, es endete. Atemlose Boten, flüchtige Schweizer, anklagende Patrioten, Zittern und Beben, endlich das Ende! – Vor vier Uhr ist vieles gekommen und gegangen.

Die neuen Munizipalräte sind gekommen und gegangen, mit drei Fahnen, Liberté, Égalité, Patrie, unter dem Schalle von Vivats. Verginaud, der als Präsident vor einigen Stunden vom Sterben für konstituierte Behörden sprach, hat, als Kommissionsberichterstatter, beantragt, daß der erbliche Repräsentant suspendiert werde, daß ein Nationalkonvent sich sofort versammle, um zu bestimmen, was ferner 155 geschehen solle. Ein geschickter Bericht, den der Präsident fertig in der Tasche gehabt haben muß? Ein Präsident muß in solchen Fällen vieles fertig und doch nicht fertig haben, und, einem Januskopfe gleich, vor und hinter sich sehen.

König Ludwig hört alles, zieht sich um Mitternacht »in drei kleine Zimmer im obern Stock« zurück, bis das Luxembourg und die »Sicherheitswache der Nation« für ihn bereit sein werden. Sicherer wäre, wenn Braunschweig erst hier wäre! Oder, ach, nicht so sicher? Ihr unglücklichen entkrönten Häupter! Am nächsten Morgen kamen Haufen von Menschen, um einen Blick auf sie zu werfen in ihren drei obern Zimmern. Montgaillard sagt, die hohen Gefangenen hätten heiter, selbst fröhlich ausgesehen; die Königin und Prinzessin Lamballe, die sich über Nacht zu ihr gesellt hatte, schauten aus dem offenen Fenster, »schüttelten Puder aus ihrem Haar auf die Leute herunter und lachten.«Montgaillard, II, 135-167. Er ist ein bissiger, verdrehter Mann, dieser Montgaillard.

Was das Übrige betrifft, so kann man denken, daß die Legislative, vor allem aber die neue Munizipalität, fortfahren geschäftig zu sein, Boten vom Munizipalrat oder der Legislative und schnelle Depeschen eilen nach allen Ecken und Enden von Frankreich, voll Triumph, der mit zornigem Jammer gemischt ist, denn zwölfhundert sind gefallen. In diesen Jubel und Jammer stimmt ganz Frankreich ein; der 10. August soll angesehen werden wie der 14. Juli, nur blutiger und größer. Der Hof hat konspiriert? Der arme Hof! Er ist der Besiegte, und braucht für den Schaden sowohl als für den Spott nicht zu sorgen. Wie nun alle Statuen der Könige fallen! Selbst der bronzene Heinrich, obgleich er einst eine Kokarde trug, prasselt vom Pont-Neuf herunter, wo die Fahne »Vaterland in Gefahr« flattert. Noch selbstverständlicher prasselt Ludwig der Vierzehnte auf dem Vendômeplatz herunter, und zerbricht im Fallen. Es kann der Neugierige auf einem Hufeisen seines Pferdes lesen. »12 août 1692« – ein Jahrhundert und ein Tag.

Der 10. August war ein Freitag. Die Woche ist nicht zu Ende, so wird schon unser altes, patriotisches Ministerium zurückberufen, was davon noch zu haben ist: der strenge Roland, der Genfer Clavière; dazu kommen der schwerfällige Monge, der Mathematiker, einst ein Steinhauer, und als 156 Minister der Justiz – Danton, »hierhergeführt durch die Bresche patriotischer Kanonen«, wie er selber sagt in einem seiner gigantischen Bilder. Diese müssen unter Kommissionen der Legislative das Wrack lenken, wie sie können. Verwirrung genug wird es geben, mit einer alten, lecken Legislative und einer neuen, so raschen Munizipalität. Aber ein Nationalkonvent wird zu stande kommen, und dann! Ohne Verzug indessen werde ein neues Geschwornengericht und Kriminaltribunal niedergesetzt in Paris, um über die Verbrechen und Verschwörungen des 10. August abzuurteilen. Der hohe Gerichtshof von Orléans ist fern und langsam, und über das Blut der zwölfhundert Patrioten, sei's mit dem anderen Blut, wie es wolle, muß Rechenschaft abgelegt werden. Zittert, ihr Verbrecher und Verschwörer, Minister der Justiz ist Danton! Auch Robespierre sitzt, nach dem Siege, in der neuen Munizipalität, der insurrektionellen »improvisierten Munizipalität,« die sich Generalrat der Kommune nennt.

Drei Tage lang hat jetzt Ludwig mit seiner Familie den Debatten der Legislative in der Loge des Logographen zugehört, und sich jede Nacht in seine kleinen obern Zimmer zurückgezogen. Das Luxembourg und die Sicherheitswache der Nation konnten nicht bereit gemacht werden, ja, das Luxembourg scheint zu viele Keller und Ausgänge zu haben; keine Munizipalität kann es auf sich nehmen, es zu bewachen. Das feste Gefängnis des Temple, das freilich nicht so elegant ist, wäre viel sicherer. In den Temple also. Am Montag, den 13. August 1792, fahren, in Maire Pétions Wagen, Ludwig und sein trauriger suspendierter Haushalt dorthin. Ganz Paris ist auf den Beinen, um sie zu sehen. Als sie über den Vendômeplatz kommen, liegt Ludwig des Vierzehnten Statue zerbrochen auf dem Boden. Pétion ist besorgt, die Blicke der Königin könnten für verächtlich gehalten werden und das Volk provozieren; sie schlägt ihre Augen nieder und schaut überhaupt nicht. Das Gedränge »ist ungeheuer,« aber ruhig; hier und da wird »Vive la Nation!« gerufen, aber meistens schaut man schweigend. Das französische Königtum verschwindet hinter den Thoren des Temple, die alten, spitzen Türme bedecken es wie spitze Lichtlöscher oder bonsoirs; dieselben spitzen Türme, aus denen vor fünf Jahrhunderten das französische Königtum den armen Jacques Molay und seine Tempelritter zum Feuertode führte. So ist hienieden der Wechsel des Schicksals. Fremde Gesandte, der englische 157 Lord Gower, haben alle ihre Pässe verlangt, eilen empört in ihre Heimat zurück.

So ist also die Konstitution in Stücke gegangen? Für immer und ewig! Dahin ist dies Wunder der Welt; dies erste zweijährige Parlament, leck geworden, wartet nur, bis der Konvent kommt, und wird dann in die Tiefe sinken. Man kann sich die stille Wut der alten Konstituants denken, der Konstitutionsbauer, der erloschenen Feuillants, die dachten, die Konstitution werde marschieren! Lafayette, an der Spitze seiner Armee, erhebt sich zur Höhe der Situation. Kommissäre der Legislative sind auf dem Wege zu ihm und der Armee an der nördlichen Grenze, um ihm zu seiner Freisprechung zu gratulieren und ihn zu überreden; er befiehlt der Munizipalität von Sedan, diese Kommissäre zu verhaften und sie in strengem Gewahrsam zu halten als Rebellen, bis er weiteres verfügen werde. Der Municipalrat von Sedan gehorcht.

Der Munizipalrat von Sedan gehorcht. Aber die Soldaten von Lafayettes Armee? Die Soldaten von Lafayettes Armee haben, wie alle Soldaten, eine Art dunkeln Gefühles, daß sie selber Sansculotten, wenn auch in ledernen Gürteln, daß der Sieg des 10. August ein Sieg war auch für sie. Sie wollen sich nicht gegen die Legislative empören und Lafayette folgen gegen Paris, sie wollen sich lieber empören und ihn hinschicken! Am 18., also schon am nächsten Samstag, nachdem Lafayette seine Linien so gut als möglich geordnet hat, reitet er mit zwei oder drei empörten Stabsoffizieren, darunter der alte Konstituant Alexandre de Lameth, schleunig über die Grenze nach Holland. Reitet, ach, schleunig in die Klauen der Österreicher! Nachdem er lange schwankend und flimmernd am Rande des Horizonts gestanden, ist er nun im Kerker von Olmütz untergegangen. Diese Geschichte sieht ihn nicht mehr. Lebe wohl, du Held zweier Welten, du dünner, aber fester ehrenwerter Mann! In der langen, harten Nacht der Gefangenschaft, inmitten anderer Tumulte, Triumphe und Wechsel des Glücks wirst du immer festhalten und »fest verankert an der Washington-Formel« bleiben, der Held und vollkommene Charakter bleiben, wäre es auch nur der Held einer Idee. Die Munizipalräte von Sedan bereuen und beteuern ihre Unschuld, die Soldaten rufen »Vive la Nation!« Dumouriez Polymetis, in seinem Lager von Maulde, sieht sich zum Oberbefehlshaber ernannt.

Und nun, o Braunschweig, sage, welche Art von 158 »militärischer Exekution« hat Paris jetzt verdient? Vorwärts, ihr wohlgedrillten Vertilger mit euren Artilleriewagen und klappernden Feldkesseln! Vorwärts, du stattlicher, ritterlicher König von Preußen, ihr prahlenden Emigranten und du, Kriegsgott Broglie! Vorwärts, »zum Trost für die Menschheit,« die wahrlich einigen Trostes bedarf! 159

 


 

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