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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 102
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.
Die Glocken um Mitternacht.

Denn, in Wahrheit, der Aufstand ist gerade reif. Donnerstag ist der 9. des Monats August; wenn an diesem Tage die Absetzung nicht von der gesetzgebenden Versammlung ausgesprochen wird, so müssen wir sie selber aussprechen.

Von der gesetzgebenden Versammlung? Eine arme, lecke, gesetzgebende Versammlung kann nichts aussprechen. Am Mittwoch, den 8., kann sie gegen Lafayette, nicht einmal nach abermaligem, endlosem Debattieren, die Versetzung in 137 Anklagezustand aussprechen, sondern spricht ihn – höre es, Patriotismus! – frei mit einer Majorität von zwei gegen einen. Der Patriotismus hört es, der Patriotismus, gehetzt vom Preußenschrecken, von widernatürlichem Verdacht, tobt den ganzen Tag rund um die Salle de Manège, beschimpft manchen leitenden Deputierten von der freisprechenden rechten Seite, ja, jagt sie, faßt sie mit lauten Drohungen beim Kragen; der Deputierte Vaublanc und andere sind glücklich, in Wachthäusern Zuflucht zu finden und durch Hinterfenster zu entwischen. Und so bringt der nächste Tag unendliche Klagen, Brief auf Brief von beschimpften Deputierten, nichts als Klagen, Debatten und nutzloses Geschwätz. Die Donnerstagssonne geht unter, und Absetzung ist nicht ausgesprochen. Darum endlich zu deinen Zelten, o Israel!

Die Muttergesellschaft hört auf zu reden, die Gruppen hören auf zu harangieren, Patrioten, mit geschlossenen Lippen nun, »nehmen sich gegenseitig unter die Arme,« gehen raschen Schrittes fort, in Reihen, je zwei und zwei, und verschwinden in den obskuren Quartieren des weit entlegenen Ostens.Deux Amis, VIII, 129-188. Santerre ist bereit, oder wir werden ihn bereit machen. 47 von den 48 Sektionen sind bereit, ja selbst die Sektion Filles-Saint-Thomas kehrt die Jakobinerseite heraus, die Feuillantseite hinein, und ist ebenfalls bereit. Es sehe der unbeschränkte Patriot nach seiner Waffe, sei es Pike, sei es Gewehr; und die Brester Brüder, und sie vor allem, die düsterblickenden Marseiller, sollen sich vorbereiten für die Stunde, wo man ihrer bedarf! Syndikus Roederer weiß und beklagt (oder beklagt nicht, je nachdem der Ausgang sein wird), daß »5000 Kugelpatronen innerhalb dieser letzten fünf Tage im Stadthaus an Föderierte verteilt worden sind.«Roederer à la barre (Séance du 9 août, in der Histoire parlementaire, XVI, 393).

Und ihr ebenfalls, ihr tapfern Herren, Verteidiger des Königtums, drängt euch eurerseits in die Tuilerien. Nicht zu einem Lever, nein, zu einem Coucher, wo vieles zu Bett gebracht werden wird. Eure Einlaßkarten sind nötig, nötiger eure Büchsen! – Sie kommen und drängen sich, wie tapfere Männer, die auch zu sterben wissen. Der alte Feldmarschall Maillé ist gekommen, es blitzen seine Augen noch einmal, wenn auch beinahe achtzig Jahre sie getrübt haben. Mut, Brüder! Wir haben tausend rote Schweizer, zuverlässige Herzen, standhaft 138 wie der Granit ihrer Alpen. Die National-Grenadiere sind wenigstens Freunde der Ordnung. Der Kommandant Mandat zeigt loyalen Eifer, will »mit seinem Kopf bürgen.« Mandat bürgt für Ordnung und sein Stab; denn der Stab, obgleich durch Dekret zur Auflösung verurteilt, ist glücklicherweise noch nicht aufgelöst.

Kommandant Mandat hat mit Maire Pétion korrespondiert, trägt seit drei Tagen eine geschriebene Ordre von ihm bei sich, Gewalt mit Gewalt zurückzuweisen. Eine Schwadron mit Kanonen soll diese Marseiller, wenn sie über den Fluß wollen, auf dem Pont-Neuf zurückweisen; eine Schwadron beim Stadthause soll das heranziehende Saint-Antoine »in dem Momente, wo es aus der Arkade Saint-Jean kommt«, in zwei Stücke schneiden und die eine Hälfte in den obskuren Osten, die andere vorwärts »durch die Pforten des Louvre« treiben. Nicht wenige Schwadronen, und zwar berittene, im Palais-Royal, auf dem Vendômeplatz, alle die sollen im rechten Augenblick angreifen, diese Straße säubern und jene Straße säubern. Einen neuen 20. Juni also sollen wir haben; nur einen vielleicht noch erfolgloseren? Oder vielleicht wird der Aufstand überhaupt nicht wagen auszubrechen? Mandats Schwadronen, berittene Gensdarmen und blaue Garden marschieren, rasselnd und trampelnd, Mandats Kanonen rumpeln. Alles unter dem Schleier der Nacht, beim Schalle seines Generalmarsches, der gerade zu trommeln beginnt, wo man zu Bette gehen sollte. Es ist die Nacht vom 9. August 1792.

Auf der entgegengesetzten Seite korrespondieren die 48 Sektionen durch schnelle Boten, wählen jede ihre »drei Delegierten mit unbeschränkter Vollmacht.« Syndikus Roederer, Maire Pétion werden in die Tuilerien beschieden. Mutige Gesetzgeber sollen, wenn die Trommel Gefahr verkündet, sich nach ihrem Versammlungssaale begeben. Demoiselle Théroigne hat ihre Grenadiermütze aufgesetzt, ein kurz aufgeschürztes Reitkleid angezogen, zwei Pistolen zieren ihre schlanke Taille, und ein Säbel hängt im Wehrgehenk an ihrer Seite.

Ein solches Spiel wird in diesem Pandämonium oder der Stadt aller Teufel gespielt! Und doch ist die Nacht, als Maire Pétion in Tuileriengarten promeniert, »schön und ruhig;« Orion und die Plejaden schimmern ganz heiter hernieder. Pétion ist in den Garten hinausgegangen; die »Hitze« drinnen war so drückend.Roederer, Chronique de cinquante jours; Récit de Pétion; Munizipal-Urkunden &c. (in der Histoire parlementaire XVI, 399-466). In der That, Seiner Majestät Empfang 139 war der denkbar unfreundlichste gewesen, wie begreiflich. Und jetzt ist da kein Ausgang. Mandats blaue Schwadronen weisen ihn zurück an jedem Thore, ja die Filles-Saint-Thomas-Grenadiere lassen ihrer Zunge freien Lauf, wie ein tugendhafter Maire »dafür büßen solle, wenn Unheil entstünde,« und ähnliches; doch sind andere wieder voll Höflichkeit. Sicherlich, wenn irgend ein Mann in Frankreich diese Nacht in mißlicher Lage ist, so ist's Maire Pétion; er ist sozusagen bei Todesstrafe verpflichtet, geschickt zu lächeln auf der einen Seite seines Gesichtes und zu weinen auf der andern – ja, es bedeutet Tod, wenn er's nicht geschickt genug thut. Erst um 4 Uhr am Morgen läßt die Nationalversammlung, als sie von seiner Lage hört, ihn zu sich herüberentbieten, »um Bericht zu erstatten über Paris,« worüber er nichts weiß; indessen kommt er dadurch nach Hause ins Bett, und nur seine vergoldete Kutsche bleibt zurück. Kaum weniger kitzlig ist Roederers Aufgabe, der warten muß, ob er weinen oder lachen darf, bis er den Ausgang sieht. Ein Janus Bifrons, oder Mister Schau-nach-beiden-Seiten, Mr. Facing-bothways, wie unser englische Bunyan sich ausdrückt. Inzwischen spazieren diese beiden Janusköpfe mit anderen Doppelgesichtern, und »sprechen über gleichgültige Dinge.«

Roederer geht von Zeit zu Zeit hinein, um zu horchen, zu sprechen, nach dem Departementsdirektorium selbst zu senden, da er, dessen Procureur-Syndikus, nicht weiß, wie sich verhalten. Die Zimmer sind alle gedrängt voll, gegen 700 Herren in Schwarz drängen und stoßen sich; rote Schweizer, die dastehen wie Felsen; das Gespenst oder teilweise Gespenst eines Ministeriums, das mit Roederer und Ratgebern um Ihre Majestäten schwebt; der alte Marschall Maillé, der zu des Königs Füßen niederkniet, um ihm zu sagen, daß er und diese tapfern Herren gekommen sind, für ihn zu sterben. Horcht! Durch die ruhige Mitternacht ertönt eine ferne Sturmglocke! Ja, wahrhaftig, Kirchturm um Kirchturm nimmt den wundersamen Ton auf. Schwarze Hofleute lauschen an den Fenstern, die für frische Luft geöffnet sind, unterscheiden die verschiedenen Glocken:Roederer, Chronique de cinquante jours. das ist die Sturmglocke von Saint-Roch, das nun, ist das nicht Saint-Jacques, mit dem Beinamen de la Boucherie? Ja, Messieurs! Und sogar Saint-Germain l'Auxerrois, hört ihr sie nicht? Dasselbe Metall, das vor 220 Jahren Sturm 140 läutete, doch damals auf einer Majestät Befehl, am Abend vor St. Bartholomänsnacht.24. August 1572. So ertönen die Kirchturmglocken, die von den Höflingen unterschieden werden können. Ja, wie es einen deucht, ist das nun die Stadthausglocke sogar; man kennt sie an ihrem Klang! Ja, Freunde, vom Stadthaus dringt der Ton, so wird dort zu der Nacht gesprochen, wunderbar, durch wunderbare Metallzunge und eines Mannes Arm; denn Marat selbst, wenn ihr das wüßtet, Marat ist's, der dort am Seile zieht! Marat zieht am Glockenseile. Robespierre liegt tief verborgen, unsichtbar für die nächsten vierzig Stunden; und gewisse Menschen haben Mut, und andere haben so gut wie keinen, und selbst der Wahnsinn wird ihnen keinen geben.

Welch gärende Verwirrung nun, da der Ausgang langsam näher rückt und die zweifelhafte Stunde in Pein und blindem Kampfe ihre Gewißheit gebiert, die nichts mehr umstößt! Um Mitternacht haben sich die bevollmächtigten Deputierten, drei von jeder Sektion, einhundertvierundvierzig in allem, im Stadthause versammelt. Mandats dort aufgestellte Schwadron hatte ihren Eintritt nicht verhindert; denn sind sie nicht das »Centralkomitee der Sektionen,« das gewöhnlich hier seine Sitzungen hält, wenn auch heute nacht in größerer Anzahl? Sie sind also da, und Verwirrung, Unentschlossenheit und Zungengeplapper führen den Vorsitz. Schnelle Boten fliegen, das Gerücht flüstert von schwarzen Hofleuten, roten Schweizern, von Mandat und seinen Schwadronen, die angreifen sollen. Wär's nicht besser, den Aufstand aufzuschieben? Ja, man schiebe ihn auf. Ha, horcht! Saint-Antoine läutet beredten Sturm, aus eigenem Antriebe! – Freunde, nein, ihr könnt den Aufstand nicht aufschieben, ihr müßt ihn ausführen und mit ihm leben oder sterben!

Schnell nun! Laßt diese gegenwärtigen Munizipalräte ihre Funktionen niederlegen und angesichts der Vollmachten und Mandate des souveränen, wählenden Volkes den neuen Einhundertvierundvierzig Platz machen! Wollen oder nicht wollen, werte alte Munizipalräte, gehen müßt ihr! Ja, ist's nicht ein Glück für manchen Munizipalrat, daß er seine Hände in Unschuld waschen kann und dasitzen darf, gelähmt, ohne Verantwortung, bis alles entschieden, oder sogar zu Hause seine Nachtruhe haben kann?Sektions- und Stadthausurkunden (Histoire parlementaire wie oben). Zwei nur von den alten, oder 141 höchstens drei behalten wir: Maire Pétion, der im Augenblicke im Tuileriengarten wandelt, Procureur Manuel, Procureursubstitut Danton, den unsichtbaren Atlas des Ganzen. Unter unseren Einhundertundvierundvierzig ist der Sturmglocken-Huguenin, Billaud, Chaumette, der Redacteur Tallien, Fabre d'Eglantine, Sergent, Panise, kurz, die ganze aufbrechende oder schon aufgebrochene Blüte des unbeschränkten Patriotismus; und haben wir nicht mit ihnen, wie durch Zauber, eine neue Munizipalität gemacht, die bereit ist, aufs unbeschränkteste zu handeln und sich rundweg als »im Insurrektionszustand« zu erklären! – Vor allem denn rufe man den Kommandanten Mandat mit seiner Ordre vom Maire; auch sollen die neuen Munizipalräte jene Schwadronen besuchen, die angreifen sollten; und laßt die Sturmglocke läuten, so laut sie kann; und im übrigen vorwärts, ihr Hundertundvierundvierzig, denn Rückzug giebt's jetzt nicht mehr für euch!

Leser, denke nicht in deiner ruhigen Lage, daß Insurrektion ein Leichtes sei. Insurrektion ist eine schwierige Sache, jeder einzelne ungewiß selbst seines nächsten Nachbars, vollständig ungewiß seiner entfernten Nachbarn, ungewiß, welche Kraft in ihm, welche Kraft gegen ihn, gewiß nur des einen, daß im Falle Fehlschlagens sein individueller Teil der Galgen sein wird! Achthunderttausend Köpfe und in jedem derselben eine besondere Schätzung dieser Ungewißheiten, eine dementsprechend besondere Theorie des Handelns, und aus so vielen Ungewißheiten geht ohne Aufhören, in jedem Augenblick die Gewißheit und das unvermeidliche, für immer dann feststehende Endresultat hervor; ein Endresultat, das ebensowohl zu Bürgerkronen als zur schmählichen Henkersschlinge führen kann.

Könnte der Leser einen Asmodiflug nehmen und alle Dächer und Privatgemächer durch einen Wink öffnen, vom Nôtredameturme hineinschauen, – welch ein Paris würde er gewahren! Winseln oder Kreischen in den höchsten Diskanttönen, Knurren und zweifelhafte Reden in Baßtönen, Mut, der sich zu verzweifeltem Trotz erhebt, Feigheit, die still hinter verrammelten Thüren zittert; und rundher stumpfe Trägheit ruhig schnarchend, denn immer ist auch Trägheit dabei, die auf ihr Lager faul sich hinstreckt. Und zwischen dem Schall der droben stürmenden Glocken und jenem Schnarchen der Trägheit, welch eine Stufenleiter von zitternder Furcht, Aufregung, Verzweiflung; und über allem nur Zweifel, Gefahr, Tod und Nacht!

142 Streiter von dieser Sektion ziehen aus, hören, daß die mächtigste Sektion es nicht thut, und ziehen sich darauf zurück. Saint-Antoine, diesseits des Flusses, ist unsicher über Saint-Marceau jenseits. Zuverlässig ist nur das Schnarchen der Trägheit, sind nur die sechshundert Marseiller, die zu sterben wissen. Mandat, den man zweimal ins Stadthaus beschieden hat, ist nicht gekommen. Boten fliegen unaufhörlich in verzweifelter Eile, es fliegt das vielstimmige Geflüster des Gerüchts. Die Théroigne und nicht amtliche Patrioten flattern trübe sichtbar, wie Nachtvögel, kundschaftend hin und her. Von den Nationalgarden sind etwa dreitausend Mandat und seinem Generalmarsche gefolgt, die übrigen folgen ein jeder seiner eigenen Theorie der Ungewißheiten, – Theorien, daß man besser thäte, mit Saint-Antoine zu marschieren, unzähligen Theorien, daß unter solchen Umständen das Heilsamste wäre, zu schlafen. Und so erschallt Trommelwirbel, zeitweise wie wahnsinnig, und die Sturmglocken läuten, Saint-Antoine selbst zieht nur aus und wieder ein; der Kommandant Santerre dort drüben kann nicht glauben, daß die Marseiller und Saint-Marceau marschieren werden. Du träges, tönendes Bierfaß, mit deiner lauten Stimme und deinem Holzkopf, ist es jetzt Zeit zu schwanken? Der Elsässer Westermann packt ihn bei der Kehle, mit gezogenem Säbel; worauf der Holzköpfige glaubt. So schwindet unter Aufwallungen, Ungewißheit und Sturmläuten die lange Nacht, die allgemeine Aufregung erreicht einen wahnsinnigen Grad, und nichts geschieht.

Indessen kommt Mandat auf die dritte Ladung, kommt ohne Schutzwache, erstaunt, eine neue Munizipalität zu finden. Sie fragen ihn scharf aus über den Befehl des Maires, der Gewalt mit Gewalt sich zu widersetzen; über seinen strategischen Plan, Saint-Antoine in zwei Hälften zu schneiden. Er antwortet, was er kann. Man hält es für recht, diesen strategischen Nationalkommandanten ins Abbaye-Gefängnis zu senden und einen Gerichtshof über ihn entscheiden zu lassen. Ach, draußen drängt und stößt sich schon ein Gericht, nicht des geschriebenen Rechts, sondern des ursprünglichen Faustrechts; in der gereiztesten Stimmung, grausam wie die Furcht, blind wie die Nacht. Solch ein Gerichtshof und kein anderer entreißt den armen Mandat seinen Wächtern, schlägt ihn nieder, massakriert ihn auf den Stufen des Stadthauses. Nehmt euch in acht, ihr neuen Munizipalräte, ihr Leute im Insurrektionszustande! Blut ist vergossen, Blut muß 143 verantwortet werden! Ach, in solch wahnsinniger Erregung wird noch mehr Blut fließen, denn hier ist's wie mit dem Tiger, wenn er einmal Blut geleckt hat.

Siebzehn Individuen sind vom kundschaftenden Patriotismus in den Champs Élysées ergriffen worden, als sie trübe sichtbar vorüberflatterten an dem ebenfalls trübe sichtbar flatternden Patriotismus. Ihr habt Pistolen, Rapiere, ihr Siebzehn? Seid wohl eine dieser verfluchten »falschen Patrouillen,« die umherstreifen mit antinationalen Absichten, und suchen, was sie erspähn, was sie für Blut vergießen können? Die Siebzehn werden nach dem nächsten Wachthause gebracht; elf davon entwischen durch hintere Gänge. »Wie geht das zu?« Demoiselle Théroigne erscheint am vorderen Eingange mit Säbel, Pistolen und Gefolge, schmäht über verräterisches Einverständnis, verlangt und ergreift die übrigen sechs, damit der Volksjustiz nicht Hohn gesprochen werde. Von diesen sechs entwischen weitere zwei inmitten der Verwirrung und der Debatten des Faustrechtgerichtes; die letzten unglücklichen vier werden wie Mandat massakriert: zwei ehemalige Leibgardisten, ein verunglückter Abbé, ein royalistischer Publizist, Sulleau, dem Namen nach uns bekannt, ein Schöngeist und tüchtiger Redacteur. Der arme Sulleau – so kommen seine »Apostelgeschichte« und seine witzigen Plakatjonrnale (denn er war ein begabter Mann) zu einem Ende; leichter Scherz endigt plötzlich in schrecklichem Ernste! Unter solchen Thaten dämmert der Morgen des 10. August 1792 herauf.

Man denke, welch eine Nacht die arme Nationalversammlung gehabt hatte, die »in großer Wenigkeit« dasaß und zu debattieren versuchte, zitternd und bebend, wie die Magnetnadel beim Sturm nach allen 32 Azimuts zeigend! Wenn der Aufstand erfolgt! Wenn er erfolgt und mißlingt! Ach, werden in diesem Falle nicht schwarze Hofleute mit Büchsen, rote Schweizer mit Bajonetten siegestrunken zu uns herüberstürzen und uns fragen: Du unerklärliche, lecke, zerrüttete, selbstmörderische Legislative, was thust du hier, warum versinkst du nicht? –

Oder man denke sich die armen Nationalgarden, die dort in Zelten bivouakierten oder in Reihen stehen, bald auf dem einen, bald auf dem anderen Beine die ganze lange Nacht hindurch, während neue Munizipalräte dieses befehlen, alte Kapitäne Mandats jenes. Procureur Manuel hat befohlen, die Kanonen vom Pont-Neuf zurückzuziehen, und niemand 144 wagte, ihm den Gehorsam zu versagen. Es scheint gewiß also, daß der alte längst verurteilte Stab endlich in diesen Stunden aufgelöst wurde und nicht Mandat, sondern Santerre unser Kommandant ist? Ja, Freunde, von nun an Santerre, – sicherlich nicht mehr Mandat! Die Schwadronen, die angreifen sollten, sehen nichts so Gewisses, als daß sie kalt, hungrig und vom Wachen müde sind; daß es traurig wäre, französische Brüder zu erschlagen, trauriger, von ihnen erschlagen zu werden. Außerhalb und innerhalb des Umkreises der Tuilerien beherrscht diese Leute eine verdrossene, unsichere Laune. Nur die roten Schweizer bleiben fest. Diese werden jetzt von ihren Offizieren mit etwas Branntwein erfrischt, woran die Nationalen, die für Branntwein schon zu weit abtrünnig geworden sind, sich weigern teilzunehmen.

König Ludwig hatte sich inzwischen einen Augenblick niedergelegt, um zu ruhen; seine Perücke hatte, als er wieder erschien, auf der einen Seite den Puder verloren. Der alte Marschall Maillé und die Herren in Schwarz werden immer um so zuversichtlicher, je länger die Insurrektion nicht erfolgt; es läuft nun der Witz um: »Le tocsin ne rend pas,« die Sturmglocke, wie eine dürre Milchkuh, ergiebt keinen Ertrag. Übrigens, könnte man nicht das Kriegsrecht proklamieren? Nicht leicht, denn nun ist, wie es scheint, Maire Pétion fortgegangen. Andererseits beklagt sich unser Interimskommandant, da der arme Mandat eben »nach dem Stadthause« gegangen, daß die vielen Hofleute in Schwarz den Dienst erschweren, den Nationalgarden ein Dorn im Auge sind. Worauf Ihre Majestät mit Nachdruck antwortet, daß sie in allem gehorchen, sich allem unterziehen werden, daß gerade diese zuverlässige Leute seien.

Und so erlischt in des Königs Palast über solcher Scene das gelbe Lampenlicht in der grauen Morgendämmerung. Einer Scene des Stoßens und Drängens, der Verwirrung und des Endes, denn die Sache ist im Begriffe zu enden. Roederer und gespenstische Minister drängen sich durch die Menge, beraten in Nebenzimmern mit einer oder mit beiden Majestäten. Schwester Elisabeth führt die Königin zum Fenster: »Schwester, sieh, welch ein schöner Sonnenaufgang,« gerade über der Jakobinerkirche und jenem Stadtteil! Wie glücklich, wenn das Sturmläuten nichts einbrächte! Doch 145 kehrt Mandat nicht zurück, Pétion ist fort, vieles hängt schwankend in der unsichtbaren Wagschale. Ungefähr um fünf Uhr erhebt sich vom Garten her ein Ton, wie von einem Jauchzen, das in Geheul endigt, anstatt mit Vive le roi mit Vive la nation! »Mon Dieu!« ruft ein gespensterhafter Minister aus, »was thut er da unten?« Denn es ist Seine Majestät der König, der mit dem alten Marschall Maillé hinunter gegangen ist, die Truppen zu mustern; und die vordersten Compagnien haben so geantwortet. Ihre Majestät bricht in einen Strom von Thränen aus. Doch als sie aus dem Seitenzimmer wieder heraustritt, sind ihre Augen trocken und ruhig, ihr Blick ist sogar ermutigend. »Die österreichische Lippe und die Adlernase, heute noch mehr hervortretend als gewöhnlich, gaben,« wie Peltier sagt,Toulongeon, II, 241. »ihrem Antlitze eine Majestät, von der sich diejenigen, die sie nicht in jenen Augenblicken sahen, kaum einen Begriff machen können.« O du, Theresias Tochter!

König Ludwig tritt wieder ein, sehr außer Atem von der Anstrengung, im übrigen aber mit seiner alten Miene der Gleichgültigkeit. Von allen Hoffnungen nun wäre gewiß die erfreulichste, daß die Sturmglocke nichts einbrächte.

 

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