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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 101
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.
Bei Tische.

Es war ein festlicher Tag für Charenton, jener 29. des Monats, als die Marseiller Brüder wirklich in Sicht kamen. Barbaroux, Santerre und andere Patrioten sind hingegangen, den grimmigen Wanderern entgegen. Der Patriot drückt den staubigen Patrioten an die Brust, dann folgt Fußwaschen und Erfrischung, »ein Essen von zwölfhundert Gedecken in der blauen Sonnenuhr, im Cadran bleu,« und tiefe Beratung, von der man nichts Näheres weiß.Deux Amis, VIII, 90-101. Eine Beratung, bei der wirklich wenig herauskommen wird, denn Santerre, mit der offenen Börse, mit der lauten Stimme, hat doch so gut wie keinen Kopf. Indessen ruht man sich heute aus. Morgen ist öffentlicher Einzug in Paris.

Über diesen öffentlichen Einzug haben die Tageshistoriker, Diurnalisten oder Journalisten, wie sie sich nennen, Nachrichten genug hinterlassen. Wie das männliche und das 133 weibliche St.-Antoine und ganz Paris mit Bravorufen und Händeklatschen in dichtgedrängten Straßen brüderlich sie empfing. und alles in der friedlichsten Weise verlief; – außer daß unsere Marseiller hier und da auf eine Bandkokarde wiesen und andeuteten, daß sie abgerissen und mit einer wollenen vertauscht werden solle, was auch geschah. Wie die gesammte Muttergesellschaft ihnen entgegen ging bis zur Stelle der Bastille, um sie zu umarmen. Wie sie dann triumphierend weiter zogen, um vom Maire Pétion umarmt zu werden, nicht weit davon, in der Kaserne Nouvelle France, ihre Musketen ablegten, endlich sich nach der ihnen bezeichneten Taverne in den Champs Élysées begaben, um ein frugales, patriotisches Mahl zu genießen.Histoire parlementaire, XVI, 196; siehe Barbaroux, p. 51-55.

Von all dem mögen die erzürnten Tuilerien durch ihre »Einlaßkarten« Nachricht haben. Rote Schweizer passen doppelt scharf auf an den Schloßgittern; – obgleich doch gewiß keine Gefahr vorhanden? Blaue Grenadiere von der Sektion Filles-Saint-Thomas haben heute dort Dienst; Leute vom Agio, wie wir schon sahen, mit vollen Börsen, Bandkokarden, unter denen auch Weber dient. Eine Anzahl von ihnen mit Kapitänen und verschiedenen Feuillants-Notabilitäten, worunter der Moreau de Saint-Méry mit den 3000 Befehlen, und andere, haben eben in einer Taverne, nahe bei der der Marseiller gespeist; viel respektabler natürlich. Sie haben gespeist und bringen nun loyalpatriotische Toaste aus, während die Marseiller, bloße Nationalpatrioten, im Begriffe sind, sich an ihr frugales Mahl und zu ihren Delfter Steingutkrügen zu setzen. Wie es kam, bleibt bis auf diesen Tag unerweislich, aber die thatsächlichen Vorgänge sind folgende: Einige dieser Filles-Saint-Thomas-Grenadiere treten aus ihrer Taverne; vielleicht ein wenig angeregt, aber gewiß noch nicht betrunken von dem genossenen Weine. Treten heraus mit der ausgesprochenen Absicht, den Marseillern oder der Menge der dort herumschlendernden Pariser Patrioten zu beweisen, daß sie, die Filles-Saint-Thomas-Grenadiere, genau betrachtet, nicht um ein Haar weniger patriotisch sind als irgend eine andere Menschenklasse, welche auch immer.

Ein vorschnelles Unternehmen! Denn wie kann die herumschlendernde Menge so etwas glauben, oder überhaupt etwas anderes thun, als mit herausforderndem und herausgefordertem Hohn darauf antworten? Bis dann die Grenadiersäbel sich 134 nicht länger in der Scheide halten lassen, und daraufhin ein gellendes Geschrei sich erhebt: »A nous, Marseillais, zu Hilfe, Marseiller!« Schnell wie der Blitz, denn das frugale Mahl ist noch nicht aufgetragen, fliegt die Marseiller Taverne auf, durch Thüren, Fenster laufen, springen, stürzen die 517 noch nicht gesättigten Patrioten heraus und sind, den Säbel von der Seite ziehend, auf dem Kampfplatz. Wollt ihr parlamentieren, ihr Grenadierkapitäne und ihr Amtspersonen, »mit plötzlich erblaßten Gesichtern,« wie die Berichte sagen?Moniteur, Séances du 30 et 31 juillet 1792 (Histoire parlementaire, XVI, 197-210). Ratsamer wäre augenblicklicher, mäßig schneller Rückzug! Die Filles-Saint-Thomas-Leute ziehen sich zurück, mit dem Rücken voran, dann, ach, mit dem Gesicht voran, in dreifachem Geschwindschritt, während die Marseiller, wie ein Augenzeuge berichtet, »über Hecken und Gräben setzend hinterher waren, wie Löwen: Messieurs, es war ein imposanter Anblick.«

So ziehen sie sich zurück, die Marseiller folgen. Schneller und schneller, gegen die Tuilerien zu, wo die Zugbrücke die Hauptmasse der Fliehenden aufnimmt und, rasch aufgezogen, sie rettet; oder sonst thut es der grüne Schlamm des Grabens. Die Hauptmasse, doch nicht alle, ach nein! Moreau de Saint-Méry zum Beispiel, der zu fett war, konnte nicht schnell fliehen, erhielt einen Hieb, nur einen flachen Hieb über die Schultern, und fiel hin – und verschwindet da für die Geschichte der Revolution. Schnitte gab es auch, Stiche in die hintern, fleischigen Körperteile, viel Kleiderzerreißen und verschiedene andere Verwüstungen. Aber welch ein Los befiel den armen Unterlieutenant Duhamel, einen unschuldigen Börsenmakler! Er kehrte sich gegen seinen oder seine Verfolger mit einer Pistole, feuerte und fehlte, zog eine zweite Pistole, feuerte und fehlte wieder und lief davon; leider vergeblich. In der Rue Saint-Florentin erwischten sie ihn, stachen ihn in glühendem Zorn durch den Leib. Das war für den armen Duhamel das Ende der neuen Aera und Aeren überhaupt.

Friedliche Leser können sich vorstellen, welch Tischgebet für den frugalen Patriotismus das Ganze gewesen. Auch wie das Bataillon Filles-Saint-Thomas »in Waffen auszog«; glücklicherweise ohne weiteres Resultat. Wie Anklage vor die Schranken der Legislative kam, und Gegenklage, und Verteidigung, die Marseiller das Urtheil einer freien Jury forderten, – die nie gebildet wurde. Wir fragen vielmehr, 135 was das Ende all dieser immer wilder sich häufenden Verwirrungen wohl sein wird? Irgend ein Ende, und die Zeit dafür rückt heran! Rastlos thätig sind die Centralkomitees der Föderierten in der Jakobinerkirche, und der Sektionen im Stadthause, die Vereinigung von Carra, Camille und Compagnie in der goldnen Sonne. Thätig wie unterirdische Gottheiten, oder nennen wir sie Sumpfgötter, die im tiefen Schlamme arbeiten, bis alles bereit ist.

Und wie ein Schiff ohne Steuer, halb umgestürzt, verharrt unsere Nationalversammlung, während von den Galerien herab kreischende Weiber, Föderierte mit Säbeln gräßlich auf sie einbellen. Sie wartet, wo die Wogen des Zufalls sie auf den Strand treiben mögen, argwöhnend, ja auf der linken Seite wissend, welche unterseeische Explosion inzwischen vorbereitet wird! Petitionen um die Absetzung des Königs kommen oft daher, von Pariser Sektionen, von patriotischen Provinzstädten, »von Alençon, Briançon und den Handelsleuten auf der Messe von Beaucaire.« Und wenn's nur die wären! Aber am 3. August kommen Maire Pétion und die Munizipalität, um für Absetzung zu petitionieren – ganz offen, in ihren trikoloren Schärpen. Absetzung ist's, was alle Patrioten jetzt wünschen und erwarten. Alle Brissotins wünschen die Absetzung mit dem kleinen Kronprinzen als König und sich selbst als Protektoren über ihm. Föderierte fragen die Legislative nachdrücklich: »Könnt ihr uns retten oder nicht?« 47 Sektionen haben sich auf die Absetzung geeinigt; nur die Sektion Filles-Saint-Thomas maßt sich an, nicht übereinzustimmen. Ja die Sektion Mauconseil erklärt, daß die Absetzung eigentlich schon ausgesprochen sei, indem sie ihrerseits, »von diesem Tage an,« dem letzten Juli, »dem König den Gehorsam versage,« und dies vor allen Menschen zu Protokoll gebe. Ein jetzt laut getadelter Schritt, der aber laut gepriesen werden wird: und der Name Mauconseil oder schlechter Rat wird dann umgewandelt werden in Bonconseil oder guter Rat.

Präsident Danton in der Cordeliers-Sektion thut etwas anderes. Er ladet alle passiven Bürger ein, an den Sektionsgeschäften teilzunehmen so gut wie die aktiven, da auch dieselbe Gefahr alle bedrohe. Das thut er, obgleich er Beamter ist, er, der wolkenumhüllte Atlas des Ganzen. Ebenso bewirkt er, daß das düster blickende Bataillon der Marseiller in neue Quartiere kommt, in seiner eigenen Region im entlegenen Südosten von Paris. Der glatte Chaumette, der grausame 136 Billaud, der Deputierte und Exkapuziner Chabot, Huguenin mit der Sturmglocke im Herzen werden sie dort begrüßen. Dabei immer und immer wieder die Frage: »O Gesetzgeber, könnt ihr uns retten oder nicht?« Arme Gesetzgeber mit ihrer lecken Gesetzgebung, unter der eine vulkanische Explosion sich vorbereitet! Absetzung soll am 9. August besprochen werden; jene elende Angelegenheit, Lafayette betreffend, wird voraussichtlich am 8. zu Ende kommen.

Will vielleicht der teilnehmende Leser einen Blick werfen auf das Lever vom Sonntag, dem fünften August? Das letzte Lever. Seit langem nicht, »niemals,« sagt Bertrand de Moleville, war ein Lever so brillant, wenigstens so gedrängt voll gewesen. Eine traurige Ahnung war auf jedem Gesichte zu lesen, Bertrands eigene Augen waren voll Thränen. Denn, wirklich, jenseits des trikoloren Bandes auf der Feuillantsterrasse debattiert die Legislative, defilieren Sektionen, ganz Paris ist in Bewegung gerade diesen Sonntag und verlangt déchéance.Histoire parlementaire, XVI, 337-339. Hier indessen, diesseits des Bandes, ist zum hundertstenmal ein großer Vorschlag auf der Tagesordnung, der Vorschlag, Seine Majestät nach Rouen und dem Schlosse Gaillon zu führen. Schweizer sind bereit in Courbevoye, vieles ist bereit, die Majestät selbst scheint beinahe bereit. Nichtsdestoweniger, zum hundertstenmal, tritt der König, wenn der Augenblick zum Handeln nahe, zurück; schreibt, nachdem man einen endlosen Sommertag unter Herzklopfen gewartet, daß »er Grund habe zu glauben, der Aufstand sei nicht so reif, als man vermute.« Worüber Bertrand de Moleville außer sich gerät »vor Ärger und Verzweiflung,Bertrand de Moleville, Mémoires, II, 129.

 

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