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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 100
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.
Unterirdisch.

Man denke, ob in der Sanssouci-Schönbrunner Auffassung der Revolution etwas Tröstliches gelegen habe für die Sektionen, die alle in Permanenz saßen und berieten, wie die Nationalexekutive in Thätigkeit versetzt werden könnte!

Hoch erhebt sich die Erwiderung, nicht des gackernden Schreckens, sondern des krähenden Trotzes und des 130 Vive la Nation; die jugendliche Tapferkeit strömt nach den Grenzen, stumm winkt auf dem Pont-Neuf die Fahne Patrie en danger. In ihrer permanenten Tiefe sind die Sektionen thätig, und noch tiefer arbeitet der unbeschränkte Patriotismus, sucht das Heil im Komplott. So soll denn wieder einmal, wie es scheint, der Aufstand die heiligste der Pflichten werden? Ein selbstgewähltes Komitee sitzt im Gasthof zur goldnen Sonne, der Journalist Carra, Camille Desmoulins, der Elsässer Westermann, der Freund Dantons, der Amerikaner Fournier von Martinique; ein dem Maire Pétion, der als Amtsperson mit halb offnen Augen schlafen muß, nicht unbekanntes Komitee, nicht unbekannt dem Procureur Manuel, am wenigsten unbekannt dem Procureursubstituten Danton! Er, als Beamter auch in Dunkelheit gehüllt, trägt wie ein unsichtbarer Atlas das Ganze auf seinen Riesenschultern.

Vieles ist unsichtbar, sogar die Jakobiner hüllen sich in Schweigen ein. Aufstand soll es geben, doch wann? Dies nur können wir sehen, daß solche Föderierte, die noch nicht nach Soissons gegangen, auch noch nicht zu gehen geneigt sind, »aus Gründen, die«, wie der Jakobinerpräsident sagt, »nicht zu nennen gut sein dürfte«; daß sie ein eignes Centralkomitee haben, das ganz nahe bei, unter dem Dache der Muttergesellschaft selbst, seine Sitzungen hält. Auch haben die achtundvierzig Sektionen, wie es bei solcher Gärung und Gefahr des Aufstandes gewiß am Platze ist, ihr Centralkomitee zum Zwecke »schneller Mitteilung.« Welchem Centralkomitee die Munizipalität, die angelegentlich wünschte, es in ihrer Nähe zu haben, ein Zimmer im Stadthause nicht verweigern konnte.

Seltsame Stadt. Denn an der Oberfläche von all dem geht das gewöhnliche Backen und Brauen seinen Gang, es hämmert und feilt das Handwerk. Spaziergänger in Halskrausen schlendern unter den Bäumen einher, weißmusselinene Spaziergängerinnen mit grünen Sonnenschirmen lehnen sich auf deren Arm. Hunde tanzen und Schuhwichser wichsen auf demselben Pont-Neuf, wo »das Vaterland in Gefahr« ist. So vieles geht seinen gewohnten Gang; und doch ist der Gang aller Dinge nahe daran, sich zu ändern und ein Ende zu nehmen.

Blickt auf die Tuilerien und den Tuileriengarten. Still alles wie die Sahara, niemand kommt hinein ohne Einlaßkarte! Man schließt die Thore seit dem Tage der schwarzen Hosen; was man die Freiheit hat zu thun. Indessen murrt 131 die Nationalversammlung etwas über die Feuillantsterrasse, daß diese Terrasse an den hintern Eingang ihres Saales anstoße und teilweise Nationaleigentum wäre; und so hat jetzt die Nationaljustiz ein trikolores Band querüber als Grenzlinie ausgespannt, das von allen Patrioten mit verdrossener Gewissenhaftigkeit respektiert wird. Da hängt sie, die trikolore Grenzlinie, trägt »satyrische Inschriften auf Karten«, gewöhnlich in Versen, und alles jenseits davon wird Koblenz genannt und bleibt öde, still, wie ein unheilvolles Golgatha, worauf Sonnenschein und Schatten vergeblich wechseln. Verhängnisvoller Kreis! Welche Hoffnung kann in ihm noch weilen? Geheimnisvolle Einlaßkarten treten ein, sprechen drin von nahe bevorstehendem Aufstand. Rivarols Geniestab thäte klüger daran, Büchsen zu kaufen; Grenadiermützen, rote Schweizeruniformen mögen nützlich sein. Der Aufstand wird kommen, aber wird ihm nicht begegnet werden, er zurückgehalten werden, hoffentlich bis Braunschweig anlangt?

Aber man denke, ob bei dem allen die Ecksteine und tragbaren Rednersessel schweigsam bleiben, ob das Heroldskollegium der Zettelanschläger schlafen wird. Louvets »Schildwache« warnt unentgeltlich an allen Mauern; Sulleau ist geschäftig; »der Volksfreund« Marats und Royous «Königsfreund« krächzen gegeneinander. Denn der Mensch Marat, obgleich er sich seit dem Blutvergießen auf dem Marsfelde lange verborgen hielt, lebt noch. Er hat wer weiß in welchen Kellern gelegen, vielleicht in denen des Schlächters Legendre, sich ernährt mit Steaks von Legendres Schlächterei; aber seit April ertönt seine lautquakende Stimme wieder in heiserstem irdischen Geschrei. Für den Augenblick wird er von blassem Schrecken verfolgt: O guter Barbaroux, willst du mich nicht nach Marseille schmuggeln »verkleidet als Jockey?«Barbaroux, p. 60. Im Palais Royal und auf allen öffentlichen Plätzen herrscht, wie wir lesen, lebhafte Thätigkeit, Privatindividuen beschwören den Tapfern, sich anwerben zu lassen, verlangen, daß die Exekutive in Thätigkeit versetzt werde, daß man royalistische Journale feierlich verbrennen solle; darüber Streit und Debatten, die gewöhnlich mit Stockschlägen, coupes de cannes, enden.Zeitungen, Erzählungen und Urkunden (Histoire parlementaire, XV, 240; XVI, 399). Oder man stelle sich folgenden Auftritt vor: Stunde: Mitternacht; Ort der Handlung: Salle de Manège; die hohe 132 Versammlung gerade im Begriff, sich zu vertagen; »Bürger beiderlei Geschlechts stürzen herein mit dem Ausrufe: Rache, man vergiftet unsere Brüder,« – indem man, in Soissons, gestoßenes Glas in ihr Brot bäckt! Vergniaud muß beruhigende Worte sprechen, wie bereits Kommissäre abgesandt seien, um das gestoßene Glas zu untersuchen und das Nötige in der Sache zu thun; – bis endlich der Sturm der Bürger »in tiefe Stille versinkt« und heim ins Bett geht.

So ist's in Paris, dem Herzen eines Frankreich, das ihm gleich. Widernatürlicher Argwohn, Zweifel, Beunruhigung, namenlose Besorgnis, von einer Küste bis zur anderen. Und mitten durch marschieren jene finsterblickenden Marseiller, staubig, unermüdlich; sie allein nicht in Zweifel. Nach der grimmigen Musik ihrer Herzen marschierend, so legen sie beständig eine Strecke ihrer langen Reise zurück, seit drei Wochen und länger; Schrecken und Gerüchte eilen ihnen voran. Die Brester Föderierten kommen am 26. an, ziehen durch die hurrarufenden Straßen. Auch sie sind entschlossene Leute, mit oder ohne die geweihten Piken von Château-Vieux, und im ganzen entschieden abgeneigt, schon nach Soissons zu gehen. Sicherlich, die Marseiller Brüder kommen näher alle Tage.

 

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