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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 10
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.
Windbeutel.

So schreitet die Welt in diesem ihrem Zeitalter des Papiers oder der Hoffnung weiter, zwar nicht ohne Hindernisse, nicht ohne Kriegsexplosionen; aber auf so weite Entfernung klingen sie fast wie eine fröhliche Marschmusik. Doch wie? Wenn einmal dieses finstere, lebende Chaos von Unwissenheit und Hunger, das aus 25 Millionen Menschen besteht, unter euren Füßen euch aufzuspielen begönne?!

Für den Augenblick aber seht nach Longchamp, jetzt, da die Fastenzeit zu Ende geht und die ganze glänzende Gesellschaft von Paris und Frankreich wie alljährlich hinausströmt, nicht um Pumpermetten beizuwohnen, sondern um sich zu sonnen, um sich zu zeigen, um den jungen Frühling zu begrüßen.Mercier: Tableau de Paris, II. 51. Louvet: Roman de Faublas etc. In den reichsten, hellsten Farben, schimmernd von Gold, zieht es in langen, bunten Reihen durchs Bois de Boulogne wie langgestreckte, lebende Blumenbeete von Tulpen, Dahlien und Maililien, alle in ihren wandelnden Blumentöpfen (den neuvergoldeten Karossen), sich selbst eine Augenweide, alle schwelgend in Lebenslust und stolzem Selbstbewußtsein. So rollt und tanzt der Zug so sicher und stolz, als rollte er über festes Gestein und über die Grundmauern der Welt, und nicht über wappengeschmückte Pergamente, unter denen ein Feuermeer glüht. Tanzt zu, ihr Thoren, ihr suchtet weder nach Weisheit, noch fandet ihr sie! Ihr und eure Väter habt Wind gesäet, Sturm werdet ihr ernten. 49 Steht es nicht von alters her geschrieben: »Der Sünde Lohn ist der Tod?«

Aber in Longchamp und an anderen Orten bemerkt man, daß sowohl Dame als auch Kavalier von einer Art dienstbaren Geistes, den man Jockey nennt, begleitet ist, von einem kleinen Knirps oder Kobold, dessen verlebtem Gesicht trotz der jungen Jahre der Stempel des Lasters und der Verschlagenheit aufgedrückt ist: eine vollendete Koboldnatur, aber brauchbar zu allem. Der Name Jockey kommt aus dem Englischen, und auch diese neue Modethorheit selbst bildet sich ein, desselben Ursprungs zu sein. Unsere Anglomanie hat in der That beträchtlich zugenommen und läßt noch vieles voraussehen und erwarten. Wenn Frankreich frei sein will, warum soll es nicht jetzt, da der wilde Kriegslärm verstummt ist auch die Freiheit des Nachbarlandes lieben? Männer von hoher Bildung wie die Herzöge von Liancourt, de la Rochefoucault bewundern die englische Konstitution, den englischen Nationalcharakter und möchten davon so viel als möglich importieren.

Um wie viel leichter läßt sich leichtere Ware einführen, zumal wenn sie leicht wie der Wind ist. Unser Nicht-Admiral der Herzog von Chartres (jetzt noch nicht von Orléans oder Egalité) fliegt über den Kanal hinüber und herüber und führt englische Moden ein, ein Geschäft, zu dem er sich als Busenfreund eines Prinzen von Wales vorzüglich eignet. Nicht nur Wagen und Sättel, Stulpenstiefel und Redingotes, die ridingcoats der Engländer, sondern auch die Reitweise der Engländer führt er ein; denn jetzt reitet kein Mensch mehr, der auf der Höhe der Zeit steht, anders als à l'anglaise (indem er sich in den Steigbügeln hebt) und sieht mit einem verächtlichen Lächeln auf die alte Methode mit ihrem Satteldruck herab, nach der wie Shakespeare sagt, »Eier und Butter zu Markte gehen.« Und fahren kann unser wackerer Chartres daß die Achsen glühen, und in Paris giebt es keinen Kutscher von Beruf, der die Peitsche sicherer und gewandter führt als die Hand Monseigneurs.

Kobold-Jockeys haben wir gesehen, sehen wir uns auch die echten Yorkshire-Jockeys an und die Pferde, die sie reiten und trainieren: englische Renner für französische Rennen. Auch diese verdanken wir Monseigneur und seinem Schutzpatron, dem Teufel. Auch der Prinz von Artois hat seinen Rennstall und dazu den seltsamsten Tierarzt: ein mondsüchtiges, vielduldendes Individuum aus Neufchâtel in 50 der Schweiz, Namens Jean Paul Marat. Ein problematischer Chevalier d'Eon, der sich bald in Männer-, bald in Frauenkleidern zeigt und in London eine ebenso problematische Rolle spielt wie in Paris, giebt Veranlassung zu Wetten und Prozessen. Herrliche Tage internationalen Verkehrs, in denen sich Schwindler und Schurken über den Kanal die Hände reichen und begrüßen. Seht nur, wie bei den Rennen von Vincennes und Sablons mitten unter Fürstlichkeiten und Gaunergrößen in einem englischen Viererzug der Engländer Dr. DoddAdelung: Geschichte der menschlichen Narrheit, § Dodd. stolz einherfährt, ein Mann, dem der Galgen nur zu bald winkt.

Der Herzog von Chartres war, was junge Prinzen öfter sind, ein vielversprechender junger Mann; leider erfüllte er nicht die in ihn gesetzten Erwartungen. Durch das unermeßliche Vermögen der Orléans und das seiner Frau, der Tochter des Herzogs von Penthièvre, (sein junger Schwager Lambelle erliegt eben den Folgen seiner Ausschweifungen), wird er eines Tages der reichste Mann von Frankreich sein. Einstweilen »fallen ihm die Haare aus, sein Blut ist durch frühzeitige, maßlose Ausschweifungen ganz und gar verdorben, sein Gesicht ist mit Karbunkeln, dunkeln Beulen auf kupferfarbigem Grunde, besäet.« Ein ganz besonderer Fall von Entartung dieser junge Prinz! Alles Mark ist in ihm vorzeitig ausgebrannt und fast nichts mehr übrig geblieben als ekler Rauch und Asche erlöschender Sinnenlust; alles, was sich zu Ideen, zu Einsicht, ja selbst zu Charakter hätte entwickeln können, ist abgestorben oder stirbt rasch ab, geht über in geistige Verworrenheit und Finsternis, die nur durch ein trügerisches Aufblitzen erhellt wird, oder artet in tolle Einfälle und Handlungen aus, die man nur mehr für den Ausdruck halber Verrücktheit oder psychischen Zwanges halten kann. Die Pariser machen sich über ihn lustig, er achtet ihres Lachens nicht.

Das aber war kein Tag des Lachens, als er aus Gewinnsucht seine frevelnde Hand an den Garten des Palais-Royal zu legen drohte.1781–82 (Dulaure, VIII, 423.) Die Blumenbeete sollen zerstört werden; die Kastanien-Alleen sollen fallen; fallen soll der altehrwürdige Hain, in dessen Schatten die gegen die Männerwelt nicht unerbittlichen Hamadryaden der Oper sich zu ergehen pflegten; Paris schreit laut auf. So soll Philidor vom Café de la 51 Régence nicht mehr auf das junge Grün blicken? Und die Müßiggänger und Tagediebe der Welt, wohin sollen die jetzt gehen? Umsonst ist alles Klagen. Es blitzt die Axt, und krachend fällt der geheiligte Hain; denn Monseigneur braucht wirklich Geld. Schreiend fliehen die Opernhamadryaden. Schreit nicht, wenigstens nicht so, als ob euch kein Trost bliebe! Euer Garten wird, wenn auch verkleinert, wiedererstehen. Monseigneur wird ihn mit Gebäuden und Arkaden umgeben, ihn aufs neue bepflanzen und durch großartige Wasserkünste verschönern; um Mittag wird die Sonne eine Kanone abfeuern; kurz, der Garten wird noch nie dagewesene Herrlichkeiten bergen, die Herz und Sinne erfreuen; – und das Palais-Royal wird wieder und mehr denn je zuvor die Stätte von Walpurgisnächten und das Satansheim auf Erden sein.

Was werden die Sterblichen nicht noch alles versuchen? Im fernen Annonay in Vivarais lassen die Brüder Montgolfier ihren mit erhitzter Luft gefüllten Papierballon aufsteigen. Die Provinzialversammlung von Vivarais hält an diesem Tage keine Sitzung: ihre Mitglieder müssen Beifall klatschen, und auch die versammelte Volksmenge jubelt. Will die siegreiche Analyse auch den Himmel erklimmen?

Paris vernimmt die Kunde mit Erstaunen und brennender Neugier. Nicht lange währt es, und Paris soll das Wunder selbst sehen. Dort in der Rue St. Antoine vor dem bekannten Papierwaarengeschäft Réveillons steigt Montgolfiers neues Luftschiff auf. Heute gehen Hühner und Enten mit; bald sollen es Menschen sein.Oktober und November 1783. Ja, der Chemiker Charles denkt sogar an Hydrogen und imprägnierte Seide; im Garten der Tuilerien steigt er selbst auf; Montgolfier durchschneidet feierlich das Seil. Beim Himmel! Er steigt auf, er und noch ein zweiter! Zehnmal zehntausend Herzen schlagen bange, alle Zungen verstummen vor Furcht und Staunen, – bis sich ein Jubelruf, mächtig wie Meeresbrausen, losringt und ihm auf seiner abenteuerlichen, bahnlosen Fahrt nachhallt. Er schwebt, er steigt, bis er dem Monde am hellen Tage gleich, nur mehr wie eine kleine schimmernde Scheibe, etwa wie eine Turgotine-Schnupftabakdose »Turgotine-Platitude« genannt, sichtbar ist. Endlich sinkt er unter den jubelnden Grüßen der ganzen Welt wieder herab. Die Herzogin von Polignac erwartet ihn mit einer Gesellschaft im Bois de 52 Boulogne, obwohl wir den 1. Dezember 1783 und einen frostigen Wintertag haben. Der ganze Adel Frankreichs reitet ihm entgegen, allen voran der Herzog von Chartres.Lacretelle: 18me Siècle, III, 258.

Welch herrliche Erfindung, wie schön, so ohne Weg und Ziel gegen den Himmel zu schweben! ein Sinnbild für gar vieles, auch für das Zeitalter der Hoffnung, das wegen seiner besonderen Leichtigkeit ebenso majestätisch steigen, schweben und fallen wird, wohin das Schicksal will; ein Glück, wenn es nicht wie Pilâtres Ballon explodiert, herabstürzt und ein um so tragischeres Ende findet. So wähnt der Mensch mit Luftballons das Firmament erklimmen zu können.

Oder seht auch den Herrn Doktor Mesmer an in seinen weiten, magnetischen Hallen. In langwallendem Gewande, ehrfurchtgebietend, das Auge wie in Verzückung aufwärts gerichtet, so schreitet er einher, ein antiker, ägyptischer Hierophant in dieser neuen Zeit. Sanfte Musik unterbricht von Zeit zu Zeit die heilige Stille; um das magnetische Mysterium – für das Auge nur ein mit Wasser gefüllter Kübel – sitzt alles, was im Reiche der Mode und Schönheit einen Namen hat, in Kreisen herum, jeder Kreis eine lebende Passionsblume, alles mit einem Stabe in der Hand, alles in atemloser Spannung und Erwartung der magnetischen Offenbarung und des neugeschaffenen Himmels auf Erden. O Menschen, wie groß ist euer Aberglaube! Wir sehen hier unter den Anwesenden einen Parlamentarier Duport, einen Bergasse, D'Espréménil; ja auch den Chemiker Berthollet als Abgesandten des Herzogs von Chartres.

Hätte sich nur nicht die Akademie der Wissenschaften mit ihren Baillys, Franklins, Lavoisiers ins Mittel gelegt! Sie hat es gethan, – und Mesmer mag sein schweres Geld einstecken und – abziehen. Nun wandelt er schweigend an den Ufern des Bodensees bei der alten Stadt Konstanz und kann über vieles seine Betrachtungen anstellen. Und so offenbart sich abermals trotz der seltsamen neuen Hülle die alte große Wahrheit, die sich durch nichts verbergen läßt, die Wahrheit: daß der Mensch ein wunderbares Wesen ist, mit einer wunderbaren Macht über seine Mitmenschen, ein Wesen mit einem so reichen Leben in sich und mit einer so reichen Welt um sich, daß die siegreiche Analyse mitsamt ihren Physiologien, ihren Nervensystemen, mitsamt ihrer Physik und Metaphysik 53 sie kaum je vollständig wird benennen, geschweige denn erklären können. Daher wird auch zu allen Zeiten der Charlatan auf seine Rechnung kommen.

 

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