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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 1
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Tod Ludwigs XV.

Erstes Kapitel.
Ludwig der Vielgeliebte.

Der Präsident Hénault findet sich bei Gelegenheit seiner Bemerkungen über ehrende Beinamen von Königen und über die Schwierigkeit, nicht nur den Grund, sondern auch die Zeit ihrer Entstehung festzustellen, veranlaßt, in seinem glatten Höflingstone folgende philosophische Betrachtung anzustellen: »Der Beiname Bien-aimé (Vielgeliebter), den Ludwig XV. führt, wird die Nachwelt nicht in gleichem Zweifel lassen. Als dieser Fürst im Jahre 1744 sein Königreich von einem Ende zum anderen durchflog und seinen Eroberungszug in Flandern nur unterbrach, um Elsaß zu Hilfe zu eilen, wurde er in Metz von einer Krankheit aufgehalten, die seinen Lebensfaden jäh abzuschneiden drohte. Bei der Nachricht davon glich Paris unter dem Eindruck des Schreckens, von dem es ganz erfüllt war, einer im Sturm eingenommenen Stadt: die Kirchen hallten wider von Bittgebeten und Wehklagen; Schluchzen unterbrach jeden Augenblick die Gebete der Priester und des Volkes; und aus dieser so liebevollen und zärtlichen Teilnahme bildete sich von selbst der Beiname Bien-aimé, ein Ehrentitel, der alle übrigen, die sich dieser große Fürst erworben hat, noch überstrahlt.«Abrégé Chronologique de l'Histoire de France (Paris 1775), pag. 701.

So steht es geschrieben zur bleibenden Erinnerung an das Jahr 1744. Weitere dreißig Jahre sind gekommen und 2 gegangen, und wieder liegt »dieser große Fürst« krank danieder; aber wie verändert ist jetzt alles! Paris bewahrt stoische Ruhe; die Kirchen hallen wider nicht von überlauten Wehklagen; kein Schluchzen unterbricht die Gebete, weil keine dargebracht werden – außer Litaneien, die der Priester zu festgesetztem Preise für die Stunde abliest oder absingt, – und diese geben keinen Anlaß zu derartigen Unterbrechungen. Schweren Herzens hat sich der Hirt des Volkes von Klein-Trianon heimführen und in seinem eigenen Schlosse zu Versailles betten lassen; – die Menge weiß es und achtet es nicht. Höchstens mag aus der unerschöpflichen Flut des französischen Tagesgespräches (die mit dem Tage nicht verrinnt, sondern nur während der kurzen Stunden der Nacht abnimmt) von Zeit zu Zeit auch die Nachricht von der Erkrankung des Königs auftauchen, – eine Tagesneuigkeit wie jede andere. Ohne Zweifel geht man auch Wetten ein, ja manche »äußern sich sogar laut auf den Straßen.«Mémoires de M. le Baron Besenval (Paris, 1805), II. 59-90. Im übrigen scheint die liebe Maiensonne auf grünende Felder und die vieltürmige Stadt, der Maienabend verblaßt, und die Menschen gehen ihren nützlichen oder unnützen Geschäften nach, als schwebte kein Ludwig in Gefahr.

Dame Dubarry, die mochte wohl beten, wenn sie Talent dazu besaß; auch der Herzog von Aiguillon, Maupeou und das Parlament Maupeou; sie auf ihren Hochsitzen, das geknebelte Frankreich zu ihren Füßen, sie kennen das Fundament, das sie auf ihrer Höhe hält. Lug nur aus, D'Aiguillon, lug scharf aus wie damals, als du von der Mühle zu St. Cast nach Quiberon und die andringenden Engländer auslugtest, du »zwar nicht ruhm- doch mehlbedeckter« Held! Das Glück galt immer für unbeständig, und jedem lächelt es nur einmal.

Gar verlassen schmachtete noch vor wenigen Jahren der Herzog von Aiguillon, mit Mehl bedeckt, sagten wir; nein, mit Schlimmerem; beschuldigte ihn doch der bretonische Parlamentarier La Chalotais nicht nur der Feigheit und Tyrannei, sogar auch der Konkussion (der Unterschlagung öffentlicher Gelder), Beschuldigungen, die sich durch Hintertreppeneinflüsse leichter »niederschlagen« als widerlegen ließen; auch die Zungen der Menschen ließen sich nicht binden, geschweige denn ihre Gedanken. So mußte denn der Großneffe des großen Richelieu in traurigem Dunkel umherschleichen, nicht 3 geachtet von der Welt, verachtet oder gar vergessen vom unbeugsamen Choiseul, dem schroffen, stolzen Mann. Blieb ihm noch eine andere Aussicht, als in die Gascogne zurückzukehren, seine SchlösserArthur Young; Travels during the years 1787-88-89 (Bury St. Edmunds 1792) I. 44. wieder aufzubauen, in seinen Wäldern zu jagen und ruhmlos zu sterben? Indessen mußte im Jahre 1770 ein aus Korsika heimkehrender junger Soldat Namens Dumouriez »mit Betrübnis sehen, wie zu Compiègne Frankreichs alter König an der Seite eines prächtigen Phaetons stehend, mit abgezogenem Hute im Angesichte seiner Armee einer Dubarry – huldigte.La Vie et les Mémoires du Général Dumouriez (Paris 1822) I. 141.

Das sagte viel. So konnte, um nur eines zu erwähnen, d'Aiguillon den Wiederaufbau seines Schlosses verschieben und zuerst wieder an seinem Glücke bauen; denn der trotzigstolze Choiseul wollte in der Dubarry nichts anderes erblicken als das prächtig herausgeputzte »Weib in Scharlach«Anmerkung des Übersetzers: Offenb. Joh. 17, 4 u. 5. und ging seiner Wege, als existierte sie nicht. Unerträglich! eine Quelle von Seufzern, Thränen, von Grollen und Schmollen, die nicht aufhören wollte, als bis »Frankreich« (La France, wie sie ihren königlichen Lakai nannte) sich endlich ein Herz faßte, vor Choiseul zu treten, um mit dem ihm eigenen – in diesem FalleBesenval Mémoires II. 21. aber natürlichen – »Zittern des Kinns« (tremblement du menton) eine Entlassung zu stottern, die Entlassung seines letzten, ganzen Mannes als Preis für die Besänftigung seines »Scharlach-Weibes.« So stieg d'Aiguillon zum zweitenmal und stieg bis zum Gipfel. Mit ihm stieg Maupeou, der euch Parlamente davonjagt und einen widerhaarigen Präsidenten »zu Croe in Combrailles auf die Spitze steiler Felsen pflanzt, die man nur mit Tragstühlen erreichen kann,« damit er sich dort eines besseren besinne. Auch Abbé Terray, der ausschweifende Finanzmann, steigt mit auf, der acht Pence für den Schilling zahlt, sodaß Witzbolde in einem Gedränge vor dem Theater rufen: »Wo ist Abbé Terray, daß er uns auf zwei Drittel reduciere?« So haben sich die Gesellen (durch schwarze Kunst fürwahr), ein Domdaniel oder ein Zauberreich Dubarry – nennen wir es Armida-Palast – geschaffen, in dem sie ein Leben voll Lust und 4 Wonne führen, wo der Kanzler Maupeou mit der scharlachenen Zauberin »Blindekuh« spielt oder ihr galant Negerzwerge zum Geschenk anbietet, wo ein allerchristlichster König eines unaussprechlich süßen Friedens genießt, mag es draußen gehen, wie es wolle. »Mein Kanzler ist ein Schuft, aber ich kann ihn nicht entbehren.«Dulaure; Histoire de Paris (Paris, 1824), VII. 328.

Herrlicher Armida-Palast, dessen Bewohner, eingewiegt in die süße Musik der Schmeichelei und überhäuft von allen Herrlichkeiten der Welt, ein Märchenleben führen, während doch der ganze Zauber – es ist wunderbar – wie an einem einzigen Haare hängt. Wie? wenn der allerchristlichste König stürbe, ja nur fürchtete zu sterben? Mußte nicht einst auch die schöne, hochmütige Chateauroux, von murrenden Pfaffen vertrieben, von jener Fieberscene in Metz mit thränenfeuchten Wangen und flammendem Zorn im Herzen fliehen? Nur mit harter Mühe kehrte sie zurück, nachdem Fieber und Pfaffen wieder in den Hintergrund gedrängt waren. Mußte nicht sogar eine Pompadour damals, als Damiens die königliche Majestät »unter der fünften Rippe leicht« verwundet hatte und unsere Fahrt nach Trianon ganz unnötigerweise unter Angstgeschrei und wie toll geschwungenen Fackeln vor sich ging, packen und zum Gehen bereit sein? Sie ging nicht, weil es sich herausstellte, daß die Wunde kein Gift enthielt; denn Seine Majestät ist gläubig, sie glaubt wenigstens – an den Teufel. Und nun eine dritte Gefahr, und wer weiß, was sie birgt. Machen doch die Doktoren ernste Gesichter, fragen insgeheim, ob nicht Seine Majestät vor langer Zeit die Blattern gehabt habe, und zweifeln, daß es die echten gewesen. Ja, Maupeou, runzle nur deine finstere Stirn und sieh scharf zu mit deinen unheimlichen Rattenaugen! Der Fall ist zweifelhaft; gewiß ist nur, daß der Mensch sterblich ist, daß mit dem Tode eines einzigen Sterblichen der wundervollste Talisman für immer zerbricht und das ganze Dubarry-Reich krachend in den unendlichen Raum hinabstürzt, und ihr, gleich Spukgestalten der Hölle, spurlos verschwindet und nichts zurücklasset als – Schwefelgestank.

Diese und ihre Schleppträger mögen beten zu Beelzebub, oder wer immer sie hören will; das übrige Frankreich aber betet nicht, oder es betet in ganz anderer Art, wie sich dies »laut in den Straßen äußert.« Weder in Schlössern noch in Palästen, wo ein aufgeklärtes Freidenkertum über gar manche 5 Dinge grübelt, fühlt man Neigung zum Beten, und Siege wie bei Roßbach oder Terray'sche Finanzen oder die, sagen wir, nur »60,000 lettres de Cachet,« (die auf Maupeous Rechnung kommen) laden auch nicht dazu ein. O Hénault! Gebete? Was für ein Gebet kann von einem Frankreich kommen, das (durch schwarze Kunst), von Plagen über Plagen heimgesucht, nun in Schmach und Schmerz daliegt, den Fuß einer Dirne auf dem Nacken? Sollen etwa jene ausgezehrten Jammergestalten beten, die hungergequält auf allen Haupt- und Seitenstraßen des französischen Daseins umherstreichen? Oder die Millionen Stumpfsinniger, die sich in der Werkstatt oder auf dem Ackerfeld am Rade der Arbeit bis zur Erschöpfung abquälen wie der Gaul am Göpel, der am ruhigsten geht, wenn er blind ist? Oder die Unglücklichen, die im Bicêtre-Hospital liegen (acht kommen auf ein Bett!) und auf Erlösung warten? Blöde sind ihre Köpfe, stumpf und leer sind ihre Herzen; sie kennen den großen Fürsten nur als den großen Brotwucherer. Wenn sie von seiner Krankheit hören, werden sie teilnahmslos erwidern: Tant pis pour lui, oder fragen: »Wird er sterben?«

Ja, wird er sterben? Das ist jetzt für ganz Frankreich die große Frage und Hoffnung, durch sie allein erregt des Königs Krankheit noch einiges Interesse.

 

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