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Die Franzosenbraut

Adolf Pichler: Die Franzosenbraut - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAllerlei Geschichten aus Tirol, 2. Band
authorAdolf Pichler
year1897
publisherGeorg Heinrich Meyer
addressLeipzig
titleDie Franzosenbraut
pages96
created20141208
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Franzosenbraut.

Eine Geschichte aus Tirol

von

Adolf Pichler

 


 

Aus: Allerlei Geschichten aus Tirol
Verlag von Georg Heinrich Meyer, Leipzig
1897

 


 

Zu Innsbruck erinnert sich vielleicht noch mancher an die Larcher Zenz. Bei schönem Wetter saß sie im Spätsommer und Herbst vor der Triumphpforte, einen kleinen Tisch mit etlichen Obstkörben vor sich, gewöhnlich in Unterhandlung mit irgend einem Kinde, das für einen Kreuzer Äpfel oder Birnen holte und gern noch eine Zugabe erfeilscht hätte. Die Larcher Zenz war ein treues Bild der alten Zeit, sie hätte ihre abgeschabte, turbanartige Pelzkappe nicht um den schönsten Hut mit Goldquasten vertauscht; ihr kurzer, weitfaltiger Rock aus schwarzem Sarsinet, die blaue Schürze mit den weißen Blümchen, die Strümpfe mit den farbigen Zwickeln und die weit ausgeschnittenen Schuhe mit einer 113 Seidenborte unterlagen keinem Wechsel der Mode. Als sie mit dem Leben abschloß, war dieses die Tracht der Bürgermädchen und bessern Bauerntöchter; sie forderte nichts von der fortschreitenden Zeit, und gestand daher auch dieser kein Recht zu, etwas von ihr zu fordern. Man möchte daraus schließen, sie sei herb und mürrisch gewesen, das war aber durchaus nicht der Fall; sie gab gern Red' und Antwort, ließ sich einen Scherz gefallen und lächelte freundlich, als ein Zeichner in ihrer Nähe den Dreifuß aufgepflanzt und ihr Bild mit einigen Kindern nebenan auf das Papier übertrug.

Was kann denn eigentlich eine solche Obstlerin für ein Schicksal haben? Dieses fällt höchstens mit den schwankenden Preisen ihrer Ware zusammen, und die Larcher Zenz wartet ja bereits seit einem halben Jahrhundert jenseits aller Geschichte, bis ihr das ewige Licht leuchtet und das letzte Vaterunser gebetet wird.

Doch wir wollen hören.

Ich gehörte seit langer Zeit zu ihren Kunden, es entwickelte sich ein freundschaftliches 114 Verhältnis zwischen uns, sie hinterlegte mir wohl ein besonders schönes Stück Obst zum Dank für einen kleinen Liebesdienst, den ich ihr hie und da erwiesen. Ich hatte nämlich beobachtet, daß sie, wenn gerade kein Käufer drängte, eifrig in alten abgegriffenen Büchern mit ganz umgestülpten und beschmutzten Ecken zu lesen pflegte. Einmal lag ein solcher Band zwischen den Pyramiden von Äpfeln und Birnen; ehe sie ihn noch beseitigen konnte, was sie sonst sorgfältig that, hatte ich mich desselben bemächtigt, es war »Kuno der Bluthund,« oder »das Vehmgericht im Galgentobel.« Die Alte war etwas verlegen. »Was soll ich thun?« entschuldigte sie sich, »ich sitze oft lang müßig da und möcht' auch eine kleine Unterhaltung. Freilich diese Bücher weiß ich fast auswendig, denn ich buchstabiere sie schon seit vielen Jahren durch und bin ich fertig, so fang' ich wieder von vorn an. Es ist gar so schön, wie diese Ritter kämpfen, bis endlich die Tugend siegt und das Laster bestraft wird. Da behauptete jüngst ein naseweiser Student, es sei alles nicht 115 wahr. Was ist denn wahr? Ich habe 1809 gar vielerlei gesehen und hintennach behaupteten Leute, das sei auch alles nicht wahr. Die Rittergeschichten sind doch wenigstens gedruckt.«

Als ich ihren Geschmack erkannt hatte, verschaffte ich ihr eine Menge Bücher dieses Schlages und verpflichtete sie mir so zum innigsten Dank.

Nun hätte ich aber gern gewußt, durch welchen Zufall sie auf diese Lektüre verfallen und daran hängen geblieben sei, denn die alten Weiblein in unserer Gegend lesen sonst nur Goffine oder andere Erbauungsbücher. Darüber erhielt ich zufällig einmal beim Bierstindl Aufschluß, wo sich ein alter Bürger an meinen Tisch gesetzt hatte, der mir überdies noch manches über die Schicksale der Obstlerin erzählte und mich veranlaßte, dieselben zu Nutz und Frommen neugieriger Leser aufzuschreiben. Er hatte mit ihr auf dem Bauerntheater gespielt, sie stellte dort als Kind den Schutzgeist und später die ersten Liebhaberinnen vor, ja arbeitete sogar einige Stücke aus. Als 116 Vorbild wählte sie dabei, wie die Birchpfeiffer, ihre Kollegin, bereits vorhandene Romane, wobei sie der Mühe eigener Erfindung überhoben war und dennoch die Bauern entzückte. Am besten sei ihr »Hirlanda, die unschuldig verfolgte Königin von Britannien« gelungen.

Ich war gerade damals mit Studien über die Bauernspiele in Tirol beschäftigt, diese Mitteilungen erregten mein Interesse in hohem Grad und ich beschloß daher, die Alte in ihrer Wohnung aufzusuchen. Sie verkaufte nämlich nur das Obst, das in ihrem eigenen Garten wuchs und trieb sonst keinen Handel, sodaß sie kaum bis Nikolaus reichte; dann zog sie sich mit ihrem Brettergerüste ganz zurück und ging zwar täglich aus, aber nur in die Frühmesse nach Wiltau.

Der Frühling neigte sich allerdings bereits zum Sommer, ich wollte aber nicht warten, packte einige Scharteken zusammen und erkundigte mich eines schönen Morgens um ihr Häuschen. Es lag seitab, in einer Front mit der Gartenmauer, die zahlreiche Obstbäume, 117 die bereits Frucht angesetzt hatten, überragten. Sie umfaßte im richtigen Verhältnis zu dem schmalen, einstöckigen Gebäude mit einer Mansarde ein mäßiges Viereck, das sich rückwärts in die Wiltauerfelder erstreckte. Die Thüre, über der sich einige Rokokoschnörkel von Gyps ausluden, war fest geschlossen, ich pochte mit dem Löwenköpfchen, das zu diesem Zwecke an einem Nagel hing.

Ein Fenster öffnete sich, die Pelzhaube der Alten schlüpfte heraus und ein unwilliges: »Was ist's!« schallte herab.

Ohne ein Wort zu erwidern, hielt ich ihr die Bücher entgegen.

»Ah, Sie sind's,« rief sie, »gleich, gleich!« Eilig schlürfte sie mit den Pantoffeln über Treppe und Hausflur und sperrte auf.

»Ich dachte,« begann ich, »Sie würden mir die ausgelesenen Bücher zurückbringen und neue holen; weil Sie's jedoch nicht gethan, fürchtete ich fast, Sie seien erkrankt.«

»Muß mich schämen, meinte aber, es liege Ihnen an einer alten Jungfer ebensowenig, 118 als an diesen Büchern, die ich bereits zweimal durchgelesen habe. Jetzt bringen Sie mir gar – aber du lieber Gott, wie grob bin ich, verzeihen Sie, daß ich Sie vor mir auf der Gasse stehen ließ. Das Alter thut's, das Alter.«

Sie trippelte von der Schwelle zurück, indem sie die Klinke der Thüre in der einen Hand behielt und mit der andern unter fortwährenden Menuettknixen, wie eine Bachstelze, mich zum Eintritt einlud. An der Wand des Hausganges, in den ein heller Sonnenstrahl fiel, hingen einige Porträts. Ich blieb einen Augenblick stehen.

»Das ist mein Urgroßvater.« Sie deutete auf das Bild eines Mannes in ehrsam bürgerlicher Tracht mit einer Perücke. »Er war dreißig Jahre Bedienter beim Erzherzog Ferdinand, endlich hat er sich dieses Häuslein gebaut und sich zur Ruhe begeben. Großvater und Vater waren Buchbinder, letzterer überließ sein Geschäft in der Stadt dem Bruder, was sollte er sich plagen? er war kränklich und hatte zu leben. Gott hab' ihn selig. Er starb so 119 früh, daß ich mich seiner kaum erinnere. Wär' vielleicht manches unterblieben, wenn er die Augen nicht so zeitlich geschlossen hätt'!«

Wir waren in ihrem Zimmerchen angelangt. Mephistopheles hätte hier lang herumschnüffeln können und doch kein Stäubchen entdeckt. Die friedliche Stille wurde nur durch das Ticktack einer alten Pendeluhr und den Gesang etlicher Kanarienvögel, welche die Melodie »Freut euch des Lebens« heraborgelten, unterbrochen. Meine Bücher lagen sorgfältig neben einem Glassturz, unter dem ein wächsernes Christkindlein die Arme ausstreckte, aufgestößelt, die andere Seite nahmen Brille, Putzscheere und Leuchter ein.

Ich legte, was ich mitgebracht, auf den Tisch, die Alte griff begierig darnach. Da waren Bände von Kramer, Delarosa, Spieß und wie sie alle heißen diese Klassiker der Nähmamsellen und Wachtstube: es lief ihr das Wasser im Munde zusammen, vor lauter Freude fing sie immer wieder von vorn an, ihre Schätze zu mustern.

Ich betrachtete unterdes zwei Gemälde, 120 zwischen denen ein Kruzifix hing mit einem Weihbrunnkrüglein darunter; an den Rahmen waren Kränze von goldgelben Ewigkeitsblümchen befestigt. Jedes stellte einen jungen Mann dar: der rechts mußte nach der Ähnlichkeit der Züge mit dem Porträt im Hausgang ein naher Verwandter sein; der links blickte mutig in die Welt, die Haare waren zurückgeworfen, die Unterlippe trotzig aufgeschürzt. Ein spitzzugedrehtes Schnauzbärtchen ließ ihn noch kecker erscheinen. Als die Alte bemerkte, daß mein Blick auf dem Bild hafte, schob sie in sichtlicher Verlegenheit die Bücher beiseite und lud mich ein, mit ihr in den Garten zu gehen, damit ich ihr ganzes Hauswesen kennen lerne. Sie wollte meine Aufmerksamkeit ablenken, ich bemerkte dieses gar wohl, mochte aber, da mir überdies andere Dinge am Herzen lagen, nach einem Geheimnis, das mich nichts anging, keine unbescheidene Frage thun. »Vermutlich einst ihr Geliebter!« dachte ich im stillen und folgte ihr über die Treppe in den Garten.

121 Der Frühling hatte Blümchen in Hülle und Fülle hervorgelockt, sie bückte sich und band, mit mir hin und her gehend, einen prächtigen Strauß. »Ich weiß,« sagte sie, mir denselben zierlich überreichend, »Sie sind ein Blumenfreund, und holen fast jede Woche eine Blechbüchse voll vom Gebirg. Das sind freilich keine Jochblumen, droben blüht aber auch keine Rose und Hyacinthe und keine brennende Liebe, die ich hier mitten hinein gefügt. Wie herrlich sie aus den dunklen Blättern des Epheu flammt! Wollen Sie ihn nicht behalten,« fügte sie schmunzelnd bei, »so nimmt ihn gewiß ein Stadtfräulein an. Gerne möchte ich Ihnen eine Freude machen zum Dank für so viel Gefälligkeit und hab' deswegen lang schon hin und her gedacht!«

»Das können Sie sehr leicht,« unterbrach ich sie, »Ihr Strauß gehört einem Stadtfräulein, ich will aber auch etwas von Ihnen, um so mehr, da ich Ihnen bereits in das Handwerk pfuschte. In Ihrem Schrank liegt gewiß noch ein oder das andere Bauernspiel, leihen Sie mir's zu lesen.«

122 »Wissen Sie davon auch?« sagte sie geschmeichelt, »ich meinte, das sei längst alles vergessen.«

»Im Gegenteil! noch immer rühmt man Hirlande von Britannien.«

»Ja, die hat man nicht bloß zu Wiltau, sondern auch zu Schwaz und selbst auf dem Theater zu Kiefersfelden in Baiern aufgeführt. Die Schwazer haben mir einen Kronenthaler dafür gezahlt; doch lassen wir das gut sein!« Über ihr Antlitz flog der Schatten einer traurigen Erinnerung, sie wandte sich ab und pflückte eine Rose, auf der ein schimmernder Goldkäfer saß. »Wie schade,« begann sie wieder, »daß dieses Ungeziefer so schön ist; gestern freute ich mich auf dieses Röslein, heute ist es aufgeblüht und zerfressen. Was ich übrigens von Spielen habe, mögen Sie mitnehmen.«

»Nicht mir sollen Sie es geben, sondern dem Museum.«

»Was fällt Ihnen ein, dort wird man doch keine Bauernspiele aufbewahren! Da gehören 123 nur Bücher hinein, wie Kotzebue und Schiller, von denen man in der Stadt die Stücke aufführt. Wie hat mir Thekla erbarmt, obwohl ich nicht alles verstanden, am besten gefiel mir aber doch Abällino der große Bandit.«

»Den kriegen Sie zu lesen, dafür geben Sie mir Ihre Spiele.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ist doch spaßig, das hätt' ich mir nie vorgestellt, daß ich ins Museum käme! Meinetwegen, Sie mögen es verantworten.«

Während wir in das Haus zurückkehrten, erklärte ich ihr, wie hoch man jetzt alles Volkstümliche schätze.

»Wenn das so ist, dann gehör' ich freilich auch hinein!«

Sie reichte mir einen Bündel Handschriften.

Zufrieden mit meinem Fang, eilte ich von dannen; nach einigen Tagen erhielt sie ein vom Vorstand der Anstalt unterzeichnetes Dankschreiben mit dem großen Siegel. »Mein Gott, was haben Sie getrieben,« rief sie mir schmunzelnd vom Fenster herab, als ich zufällig einmal

124 vorbeiging. Über den Wert dieser Stücke zu reden, überlassen wir der Geschichte der deutschen Volksbühne, wir versetzen uns dafür in die Zeit zurück, wo sie aufgeführt wurden.

Es war am ersten Sonntag des April 1809.

Im Anger des Wirtes zum Haimon erhob sich eine aus neuen Planken gezimmerte Bude, deren Vorderseite ein blutroter Vorhang mit aufgenähten Sternen von Goldpapier verhüllte. Die Plätze für die Zuschauer bestanden in einer Reihe von Bänken, welche aus ungehobelten Läden, die man über hölzerne Schragen gelegt hatte, improvisiert waren und nach hinten mäßig anstiegen. Die ersten zwei überdeckte ein dunkelblau gefärbter Zwilch, wie man ihn für die Haller Salzsäcke gebraucht; sie sollten zur Aufnahme der Honoratioren dienen. Nur die Bühne war mit einem schlechten Tuch versehen, die Zuschauer mochten sich, wenn ein Spritzer kam, behelfen wie sie eben konnten. Umfaßt war der ganze Raum durch einen mannshohen Bretterzaun, um dessen Astlöcher 125 und Ritzen sich bereits eine lustige Gassenjugend stritt und raufte. Nach und nach besetzten Zuschauer die leeren Plätze, zwischen den Bänken lief die Kellnerin geschäftig mit Bierkrügen hin und her, denn die Nachmittagssonne brannte bereits ziemlich heiß.

»Was stellen Sie heut' für, Trinele?« fragte der dicke Kaufmann Tschurtschenthaler, den Schweiß von den feisten Wangen trocknend.

»Ein Stück aus der heiligen Gschrift, Jael und Sisara. – Ist's gefällig?«

Tschurtschenthaler nahm rasch den überschäumenden Humpen. »Ah, das schmeckt! 's Bier ist eigentlich das einzige, was wir seit –«

Sein Nachbar, der langspindelige Schneider Kempf stieß ihn in die Seite, es hatten sich mehrere französische und baierische Soldaten in ihrer Nähe niedergelassen.

»Ah so!« rief Tschurtschenthaler und tickte unwillig mit dem spanischen Rohr auf den Boden.

»Eigentlich bedeutet das Spiel heut,« 126 flüsterte ihm Kempf in das Ohr, »unsere Zeit, mit den Assyriern meint man die Franzosen, mit den Juden die Tiroler, die Bundeslade ist der kaiserliche Adler.«

Der Seiler Turner, ein herkulischer Mann, klopfte Tschurtschenthaler auf die Schulter:

»Ist der Sandwirt von Passeier noch nicht bei Euch gewesen? Ihr müßt ihm für dieses Frühjahr –« dabei zwinkerte er mit dem Aug', – »Mohnsamen liefern. Er will seinen französischen Gästen Tirolerkrapfen auftischen.«

»Nein!«

»Nun, dann sucht er Euch hier auf, wenn Ihr anders Nachricht zu Haus gelassen habt.«

Das Orchester, bestehend aus zwei Klarinetten, die das Lied des Genius accompagnieren sollten, einer ungeheuren Trommel, zwei Tschinellen wie Hafendeckel auf einer Nudelpfanne und drei Trompeten, begann schon zu stimmen.

Verfügen wir uns hinter die Koulissen.

127 Vor der Rampe stieg bereits der weiß gekleidete Genius mit langen Flügeln und einem Lilienstengel auf und ab, er rezitierte, indem er bald die eine, bald die andere Hand an die Brust schlug, seine Rolle. Seitab lehnte der Student Poldl in der Gestalt des Teufels, der den Assyriern böse Ratschläge in das Ohr zu flüstern hatte, an einem Pfeiler. Er trug das grüne Kleid eines Jägers; um jedoch in seiner Rolle gleich kenntlich zu sein, hatte er sich Augenbrauen wie zwei Bodenbürsten angerußt, ein paar ungeheure Steinbockhörner aufgesetzt und einen langen Ochsenschweif angehängt. Übrigens war er ein ganz sauberer Teufel, wir kennen ihn schon aus dem Porträt bei der Larcher Zenz links an der Wand.

Von der andern Seite erschien Zenz als Prinzessin, ihre Tracht war so gut es ging, dem Gewande der Cymburgis von Masovien, deren Statue sich unter den ehernen Bildern der Hofkirche erhebt, nachgeahmt. Sie blieb mit der langen Schleppe hängen, der Teufel sprang dienstfertig herzu und löste sie los. 128 »Aber heut' bist schön, Zenzele,« redete er sie schmeichelnd an, und legte den Arm um ihren Leib. Sie duldete es. Was er ihr in das Ohr raunte, geht uns nichts an, wir bezeichnen kurz das Verhältnis des Pärchens. Des Pärchens? ja! dafür galten sie in der ganzen Gemeinde. Poldl bereitete sich eben auf den Doktorsgrad vor, das Diplom in der Tasche, wollte er heiraten. Sein väterliches Erbe war zwar mit den Rigorosen aufgezehrt, allein Zenz hatte etliche Kreuzerlein und die Hälfte des Hauses gehörte ihr. Die andere Hälfte besaß ihr Bruder Lois, auch ihn kennen wir schon aus dem Bilde rechts. Heute stellte er den Sisara vor. Er trug einen ungeheuren roten Turban, einen geblümten Shawl als Mantel, einen blauen Weiberrock, an dessen Gurt ein Kürassiersäbel, den er von einem bairischen Kavalleristen geborgt, furchtbar niederrasselte, und große frisch geschmierte Stulpstiefel mit Rappenköpfen genagelt, um durch das polternde Auftreten die unmenschliche Grausamkeit Sisaras anzukünden. Jael, die über ihre 129 gewöhnliche Tracht ein weißes Hemd mit aufgenähten Goldflinserln gezogen hatte, musterte durch ein Loch des Vorhangs das Parterre. Plötzlich eilte sie zur Prinzessin und sagte ihr halblaut: »Geschwind! die zwei schönen Offiziere sind da, die uns letzthin durch die ganze Vorstadt nachschlichen.«

Zenz wollte vorwärts, aber der Teufel, der die Rede verstanden, packte sie beim Arm. »Ganselst du auch den Franzosen nach?« »Angeschaut ist noch nicht geheiratet!« erwiderte sie unwillig.

»Und wenn er ihr gefiele?« fügte Jael, im gewöhnlichen Verkehr Kathi genannt, schnippisch bei, »seid Ihr allein schön? Jedenfalls sind die andern keine so groben Zochen wie Ihr.«

»Ja freilich,« bemerkte Lois, »sie haben eine glatte Salbe, um die Weibsleut' anzuschmieren.«

»Die Buab'n und die Madeln
    Dös ist an alter Stritt,
Die Madeln wöllen boarisch sein,
    Die Buab'n aber nit«

130 sang der Bannerträger der Juden und setzte einen tüchtigen Jodler darauf.

»Bst,« rief Poldl, »es schlagt drei Uhr, richtet euch auf eure Plätze, den Vorhang in die Höh'.«

Er wurde langsam aufgezogen, die Musik begann mit einem greulichen Tschin, Tschin, Tschinderetete. Die Scenerie zeigte den Zuschauern, die bei der ersten Aufführung des Stückes besonders zahlreich waren, den Fürstensaal des Königs von Assyrien. Langsam schritt der Genius vor und verkündete als Prolog in scharfen Nasentönen den Gegenstand der Darstellung. Er deutete mit dem Lilienstengel in den Hintergrund, die Koulissen wichen beiderseits, und von bengalischen Flammen gräßlich beleuchtet, wälzten sich die Assyrier auf dem Boden, ihr Banner in den Farben der französischen Trikolore lag im Kot, Jael stemmte trotzig den Fuß darauf, über ihr schwang ein Jude die Fahne Israels – die Schützenfahne der Wiltauer mit der Mutter Gottes darauf. Die Offiziere steckten flüsternd die Köpfe zusammen, schwiegen jedoch 131 vorsichtig. denn diese Beleidigung der französischen Farben war vielleicht nur naive Unwissenheit der Bauern.

Der Genius verschwand, die Koulissen schlossen sich, wieder »Tschin, Tschin,« und das Stück begann.

Die Prinzessin trat mit ihrem Gefolge auf, von der andern Seite Sisara, ihr Geliebter, mit den Assyriern. Er warf sich ihr zu Füßen:

»O Allerschönste du, jetzt muß ich schnell von hinnen,
Um einen großen Sieg den Juden abzug'winnen.
Ich zeige ihnen heut' in einer großen Schlacht
Assyriens Gewalt und seiner Götter Macht.
Die Priester schlepp' ich fort, her in die Sklaverei,
Damit erkennen sie, daß nichts Jehovah sei.
Den Tempel leer' ich aus, den Schmuck von dem Altar
Den bring' ich, Liebste, dir zu einem Opfer dar.
Du zierest freudig dich mit Edelstein und Glanz,
Dann halten Hochzeit wir und einen frohen Tanz.
Aus goldnen Krügen schenkst du in den Kelch den Wein,
Die Juden müssen zahl'n, wir wollen lustig sein.«

»O, du Lump, du,« schrie zu hinterst ein Bursch' und warf ein faules Osterei, »du machst 132 es ja gerad' wie der Kommissär Hofstetten zu Meran.«

»Sei still,« rief ein Bauer nebenan, »hat dir nicht der Genius gezeigt, wie er mit seinem Anhang in der Höll' brennt und die Tiroler siegen?«

Man war derlei Intermezzos schon gewöhnt und spielte ruhig weiter, auf der Bühne jedoch begleiteten das Stück Pantomimen, die freilich nicht dazu gehörten. Der Teufel, der hinter Sisara stand, um ihm Gotteslästerungen einzublasen, bemerkte nämlich, daß die Prinzessin mehr mit dem Offizier als mit Sisara kokettiere; er schnitt daher grimmige Gesichter, sie verzog jedoch höchstens spöttisch den Mund und lachte ihn aus. Sie glaubte sich alles erlauben zu dürfen, dem war aber nicht so. Poldl machte ihr nach dem ersten Akt einige Vorstellungen; als sie dieselben mit geringschätzigem Achselzucken aufnahm, kehrte er ihr, obgleich er sie sehr gern hatte, schweigend den Rücken. Ihm war die Liebe kein Scherz, sondern ein Ernst für das ganze Leben: von jener 133 unmännlichen Weichlichkeit, die sich in solchen Fällen auf das Girren und Seufzen verlegt, wußte seine kerngediegene Natur nichts, wenn er auch den Schmerz so tief empfand, als mancher, der ihn zur Schau trägt. Mit einem Worte, er war ein junger Mann, der stets mit sich und andern zu rechter Stunde abzuschließen verstand, daher mied er es im Laufe des Stückes, mit ihr zusammenzutreffen, zu sagen hatte er ihr nichts mehr und es deuchte ihn am besten, ihr ungestört Zeit zu lassen, sich zu besinnen. Sein zurückhaltender Ernst sollte ihr eine Warnung sein, er hoffte noch, aber er verrechnete sich.

Zenz war kaum den weiblichen Flegeljahren entwachsen, nicht die Einsicht, sondern der Augenblick beherrschte sie. Poldl hatte ihr gefallen, aber noch besser gefiel ihr der glänzende Offizier. Für echte Liebe war ihr Wesen noch zu wenig vertieft; das ist aber gerade der Zeitpunkt, wo der Umgang mit Männern, die nur ihr Vergnügen suchen, jungen Geschöpfen am gefährlichsten wird und sie für immer dem 134 Untergange weiht. Hier soll die weise Hand der Mutter eingreifen, aber die Mütter sind nicht selten noch thörichter als die Töchter, indem sie jede Huldigung, welche diesen gebracht wird, mit ebenso überschwenglicher Eitelkeit aufnehmen, als hätte sie ihnen gegolten.

Das Stück ging indessen rüstig vorwärts, jede Anspielung wurde mit donnerndem Beifall aufgenommen, den Offizieren, die, der Sprache ohnehin nicht ganz mächtig, vom Dialekt fast nichts verstanden, wurde etwas unheimlich zu Mute; einer wendete sich um, wurde jedoch, als er die vielen Blauröcke unter den Zuschauern bemerkte, wieder ruhig. Es war der Lieutenant Saint Bleu, ein geborner Lothringer. Ohne sich weiter um das Publikum zu kümmern, das ja seine Anwesenheit ohnehin als hohe Gnade zu betrachten hatte, kokettierte er fortwährend auf die Bühne; Zenz antwortete mit den feurigen Blitzen ihres schwarzen Auges.

Da wurde es unruhig im Theater, leises Murmeln lief durch alle Bänke, auch der Lieutenant schaute sich um, erblickte aber nichts als 135 ganz hinten einen Bauern von großem Wuchse mit einem Passeirerhut, der das rote Gesicht überschattete. Ein schwarzer Bart hing bis auf den breiten Quergurt des grünen Hosenträgers, dessen Farbe mit dem roten Leibchen einen angenehmen Gegensatz bildete. Eine dunkelgrüne Joppe umhüllte Schultern und Rücken. Er musterte die Offiziere mit scheinbarer Gleichgültigkeit. Durch die Zuschauer schob sich ein Unterinnthaler vorwärts, auch er schoß von Zeit zu Zeit aus dem dunklen Auge, das düster unter den buschigen Brauen flammte, einen Blick auf die Offiziere, ohne daß ihn diese beachteten. Es war ein Kopf aus Erz, wie man sie hin und wieder unter den Tirolern sehen kann; da ist alles ausgearbeitet und scharf ciseliert. Er drängte bis zum Kaufmann vor, und gab diesem mit den knochigen Fingern einen erklecklichen Puff ins fette Genick.

Erschrocken fuhr er auf: »Speckbacher!«

»Hat man dir's nicht gesagt, daß der Sandwirt einkaufen will? Er wartet, geh' gleich!«

136 Keuchend erhob sich Tschurtschenthaler und folgte dem Bauern.

Unterdes war man auf der Bühne bei der Ermordung Sisaras angelangt. Er lag auf einem Bündel Maisstroh und schnarchte, um die Sache recht natürlich zu machen, überlaut; Jael bückte sich und hob den Hammer. Als der erste Schlag den Nagel traf, sprang Sisara wütend auf und schrie: »Potz Teufel, du hast ja meinen Ohrwaschel erwischt! – Ich sag dir's, wenn du nicht besser acht giebst und stets nach dem verfluchten Franzosen gaffst,« setzte er leise bei, »so kriegst eine Flumse, daß du den Himmel für eine Baßgeige anschaust!« Damit legte er sich unter dem schallenden Gelächter der Zuschauer wieder ruhig nieder; Jael vollendete die Ermordung.

Der Vorhang rollte nieder.

Das schien dem Lieutenant der rechte Zeitpunkt, mit Zenz persönliche Bekanntschaft zu machen – wer sollte ihm den Zutritt hinter die Koulissen wehren, war er doch zu den Soubretten des Pariser Theaters, wo übrigens 137 der Spaß mehr kostete, gestattet! Bald hatte er die Thür entdeckt, die auf die Bühne führte, und trat ohne Umstände ein. Die Gesellschaft war durch diesen ungewöhnten Besuch nicht wenig überrascht, Poldl, der zugleich die Direktion führte, ging ihm entgegen und fragte höflich aber gemessen um sein Begehren.

»Ich will Fräulein Zenz meine Bewunderung über ihr glänzendes Spiel ausdrücken.«

»Dazu ist hier weder der Ort noch die Zeit, der Zettel an der Thür könnte auch Ihnen anzeigen, es sei ein verbotener Eingang.«

»Pah verboten, das kümmert mich nichts!«

»Ich ersuche Sie, zu gehen.«

Der Franzos warf sich in die Brust und rief stolz: »Ich bin der Lieutenant Saint Bleu.«

»Lieutenant hin und her, in Tirol frägt man nach einem Lieutenant nichts, am wenigsten nach einem französischen.«

Der Lieutenant stieß unwillig mit der Säbelscheide auf den Boden, daß es laut rasselte und wollte Poldl beiseite schieben. Der stand aber wie eine Säule und sprach mit gehobener 138 Stimme, indem er ihn ohne weiteres am Arm faßte:

»Herr Sankt Blau, hier kommandiert der Teufel und kein Heiliger; dort hat der Zimmermann das Loch gelassen, marsch hinaus.«

Er öffnete ihm ohne Umstände die Thüre.

Nun wollte sich Zenz einmischen; sie hatte bisher Poldl nur als den lustigen Burschen gekannt, jetzt warf er ihr aber schweigend einen Blick zu, daß ihr das Wort in der Kehle stockte und die Füße den Dienst versagten. Der Lieutenant überzeugte sich von der Mißlichkeit seiner Stellung um so mehr, da bereits aus den Koulissen verbündete Truppen der Syrer und Juden drohend gegen ihn anrückten, und beschloß das Feld zu räumen. Noch einmal kehrte er sich um: »Ich werde mit euch groben Bauern wegen dieser Beleidigung nach dem Theater abrechnen, merkt euch das!« Unter schallendem Hohngelächter trat er zornig ins Freie.

Der Bannerträger der Juden sang wieder, daß man es im ganzen Hause hören konnte: 139

»Die Buab'n und die Madln
    Hab'n an ewig'n Stritt,
Die Madl'n wöll'n boarisch sein,
    Die Buab'n aber nit.«

Wie bei den Griechen das Satyrspiel, bildete auch hier eine lustige Komödie den Schluß. »Die alte Weibermühl« war sie betitelt. Sausend und klappernd flogen die Räder der Mühle, in welche man oben die alten Weiber hineinstopfte, die unten als junge Diendln davontanzten und ihren alten Ehemännern eine Nase drehten. Der Volkswitz erging sich in der derbsten Weise.

»Gebt acht,« rief der Schalksnarr improvisierend, »jetzt kommen die alten Jungfern dran, da schaut's, wie sie daherlaufen, es ist ihnen endlich eingefallen, daß eine Hochzeit lustiger sei als das Herumschweifen auf dem Sterzinger Moos!«

Es wurde eine alte Hexe hineingeschoben, unten erschien ein schönes Mädchen.

»Wer will die?« schrie der Herold. Die Bauernbursche, in die sich die Assyrier und 140 Juden verwandelt hatten, antworteten im Chor: »Keiner von uns! Sie ist in ihrer ersten Jugend mit Soldaten umgeschlampt, fort mit ihr über den Brenner.«

Das Sterzinger Moos ist der Verbannungsort, wo alte Jungfern, die nicht an Mann gekommen, büßen bis zum jüngsten Tag; die Junggesellen sind übrigens verurteilt, auf dem Berge, der darüber emporragt, die Wolken zu schieben. Sie strecken sehnsüchtig die Arme gegen einander: Vergebens!

Die Offiziere erblickten darin eine Anspielung; Saint Bleu stand auf und winkte einem Soldaten, der alsobald mit den andern flüsterte. Dies blieb auf der Bühne nicht unbemerkt, ein Bursch schlich unter die Zuschauer und bald lief durch die Reihe der Männer das Gemurmel: »Nach dem Spiel beisammenbleiben, es geht mit den Franzosen los, schaut's euch um ordentliche Tremmel.«

Als die Vorstellung zu Ende war, stürzte die Menge auf den Anger, die Frauen stellten sich beim Hause auf in ängstlicher Erwartung 141 der Dinge. Die Buben griffen nach den Stühlen und brachen die Füße los; andere holten die Stangen, die in der Werkstätte eines Wagners lehnten.

Die Soldaten, die von dieser ordre de bataille nichts wußten, wälzten sich, ihre Offiziere voran, in dichtem Knäuel gegen die Thür der Bühne.

Poldl erschien an der Treppe. »Der ist's,« schrie Saint Bleu, »den faßt ab und schleppt ihn auf die Hauptwache!«

Die Soldaten sprangen die Stufen empor, Poldl traf den ersten mit seinem Schlagring so auf den Kopf, daß das Blut herunterrieselte, und er, besinnungslos zurückfallend, die andern hinunterriß.

Wüstes Geschrei erschallte, die Bauern stürmten gegen die Franzosen, die jetzt ihre Säbel zogen, die Knittel krachten auf den Schädeln, bald mischte sich das Geheul der Verwundeten in das Gebrüll der Kämpfer. Da stürzte der Sandwirt aus der Thüre des Hauses. »Landsleut! Landsleut! seid's keine Vieher, no ist nit Zeit!« Das mächtige Kommando wirkte, die 142 Bauern wichen zurück; die Soldaten ordneten sich um ihre Offiziere an der Planke, um bei einem neuen Beginn des Kampfes den Rücken frei zu haben.

»Was giebt's, was ist's?« schrie der Sandwirt.

Saint Bleu trat schäumend vor Wut vor: »Ihr Straßenräuber, ihr Hunde, ihr Canaille, ist's nicht genug an eurem Schauspiel, ihr wagt noch euch an der französischen Uniform zu vergreifen, hängen sollt ihr, wenn ihr die Rädelsführer nicht augenblicklich ausliefert.«

»Ruh geben!« sagte der Sandwirt gebieterisch zu den Bauern, die schon wieder stürmen wollten. »Jetzt redst du, Seiler, und erzählst, was geschehen ist.«

Der Seiler teilte den Sachverhalt ausführlich mit.

Hofer wendete sich an den Offizier: »Schwätzt immer von Ehre, und schämt euch nicht, alle zusammen den Poldl anzupacken? Die Sache ist nur zwischen euch zwei; wenn ihr Schneid habt, rauft sie auf gut tirolerisch aus.«

143 »Ich bin dabei!« schrie Poldl, indem er sich vordrängte.

»Was raufen?« antwortete Saint Bleu.

»Er hat kein Schneid!« schrieen spottend die Burschen.

»Wenn er duellieren will,« antwortete Saint Bleu, »so werd' ich mich dazu herablassen, wer leiht ihm den Degen?«

»Ich brauche keinen,« rief Poldl, »mein Filzhut ist Waffe genug. Um die Ehre roble ich mit keinem Franzosen; wissen Sie was, verlier' ich, so wichs ich den Komödianten am nächsten Sonntag ein Faß Roten auf, sonst thun Sie es. Legen wir das Geld!« Er zog einen ledernen Beutel und zählte einige Kronenthaler in die Hand des Wirtes. Dieser wendete sich nun an Saint Bleu. Der Franzose machte zum bösen Spiel ein gutes Gesicht, er warf geringschätzig einen Louisdor hin.

»Laßt den Platz frei!« rief Poldl.

Ein weiter Kreis wurde geschlossen.

Saint Bleu trat hinein.

»Aug' in Aug'!« rief Poldl und war mit 144 einem Satze mitten im Kreis. Er schwang sein grünes Hütchen.

»Wenn's der Kerl haben will,« murmelte Saint Bleu, »so geschieht ihm recht.« Er zog den Degen und legte zu einem Stoß aus. Poldl, der jeder Bewegung aufmerksam gefolgt war, bog flink aus und fing in demselben Augenblick die Klinge mit dem Hut, daß sie fast bis an den Griff durchfuhr. Ein Ruck, der Offizier fiel entwaffnet ins Gras, Poldl schleuderte den Degen weit weg über den Zaun des Angers und jauchzte hellauf. Ein unermeßlicher Beifallssturm brach los. Soldaten und Offiziere schlichen beschämt davon, die Bauernbursche hoben Poldl auf die Schultern und trugen ihn triumphierend an einen Tisch.

»Brav hast's gemacht!« sprach der Sandwirt, »heut zahl' ich dir eine Halbe; wenn's losgeht, bist Lieutenant.«

Das war das erste Wetterleuchten von 1809!


Zenz blieb während des Kampfes auf der Bühne zurück. Unruhig lief sie hin und her; 145 als der Lärm wuchs, schob sie einen Stuhl zwischen die Koulissen und klammerte sich an einen Balken, gerade in dem Augenblick, wo der Sandwirt den Waffenstillstand zwischen den Parteien schloß. Die Kämpfer traten an, durch ihren Leib rieselte ein kalter Schauer. Sie wollte die Augen schließen, vermochte aber in atemloser Angst gar nicht mehr sich zu regen und starrte schweigend hinab. Das Duell wurde ausgefochten.

»Gott sei gedankt!« seufzte sie aus tiefster Brust, »daß keinem etwas geschehen ist.« – Keinem? – Ihr Blick haftete auf dem Lieutenant. Sie stieg wieder herab, vor dem Anbruch des Abends wollte sie nicht nach Hause gehen, um keinem spitzen Worte ausgesetzt zu sein. Die Zeit währte ihr lang, sehr lang, die Viertelstunden krochen träg dahin und oft glaubte sie, sich verzählt zu haben; ein Blick auf die Stiftsuhr jedoch, welche noch immer hell in der Sonne glänzte, zerstörte stets ihren fast vorsätzlichen Irrtum. Ihr Unwille wuchs fortwährend; anstatt sich aber selbst die Schuld beizumessen, 146 zürnte sie auf Poldl, der ihr plötzlich sehr unliebenswürdig, ja unleidlich erschien. »Kommt er mir in den Wurf,« dachte sie, »will ich ihm die Leviten lesen.«

Sie scharrte mit dem Fuß, ihre Lippen kräuselten sich, da flog die Thür auf.

Es war der Knecht des Wirtes, der das Theater sperren wollte. »Du da,« rief er, »wartest vielleicht auf deinen Franzosen? Der bleibt hundert Schritt vom Platz, wo der Poldl ist!«

Tief beleidigt durch diese Rede, senkte sie den Kopf. Erst jetzt bemerkte sie, daß sie noch im vollständigen Kostüme der Prinzessin stecke. »Pack' dich,« rief sie grollend, »ich will mich umkleiden.«

»So!« erwiderte der Hausknecht roh lachend, »ich meinte, du wolltest etwa gar das heutige Spektakel noch einmal aufführen. Schau, daß du fertig wirst. ich mag nicht lang herpassen.«

Sie wechselte eilig die Kleider, wobei freilich manche Naht riß, mancher Knopf sprang. Behutsam öffnete sie die Thüre, die Tische des 147 Angers waren noch dicht mit Leuten besetzt, die einander den Vorfall erklärten, hie und da erschallte ein lautes Hoch auf Poldl, seitab lagerte jedoch eine Gruppe bärtiger älterer Männer in verschiedenen Landestrachten und was sie heimlich raunten, klang nicht wie Friede, sondern wie Mord und Tod.

»Laß nur Zeit,« sprach einer, »wir werden schon fertig, die Kügelen sind für die Franzosen schon gossen!«

Zenz beugte sich vor, um zu horchen, da bemerkte sie der Hausknecht. Rasch sprang er hinzu: »Du hast nichts mehr da zu thun, zu losen brauchst nit. Ich will dich hinten hinaus lassen, dort sieht dich niemand, sonst bringen sie dir ein Vivat, über das du dich schwerlich freust.« Er schob die Planke beiseite, gerade so weit, daß sie durchschlüpfen konnte. Auf den Feldern löste sich ihr Zorn in heftiges Weinen, dann erinnerte sie sich an die Worte, die sie flüchtig aufgefaßt und eilte rasch von banger Angst gejagt nach Hause. »Heute droht keine Gefahr, Saint Bleu geht,« so dachte sie, »heut 148 schwerlich mehr nach Wiltau, aber morgen. da lauern sie ihm vielleicht auf!« Sie hatte die Rede des alten Schützen auf den Gegenstand ihrer Liebe bezogen, und beschloß, ihn zu warnen um jeden Preis.

Ihre Mutter war bereits über das Geschehene von einer dienstfertigen Nachbarin in Kenntnis gesetzt, die es nicht unterlassen hatte, auf Poldl tüchtig zu schmähen, daß seine Eifersucht die glanzvollen Erfolge Zenzis so albern gestört habe. Die Alte, deren Eitelkeit verletzt war, erzürnte sich heftig.

»Er soll froh sein,« sagte sie, »wenn ihn Zenz überhaupt will, was hat er denn? Sein Geldl ist längst verstudiert, die erste Zeit, bis er Prax kriegt, säße er doch mir am Tisch. Solche Liebhaber sind nicht rar, da gehen hundert auf einen Kreuzer, und Zenz ist doch was besseres wert.«

»Recht habt Ihr, Nachbarin,« setzte die Base bei, »ganz recht, man muß den Mannsleuten frühzeitig die Hosen nehmen, sonst thäten sie uns ganz aufgrasen.«

149 »Wenn er nicht abbittet, soll ihn mein Mädel gar nicht mehr anschauen.«

»Ja, als eine Gnade muß er's betrachten.«

»Und mit dem Lieutenant soll sie fein sein, grad extra ihm zum Trotz, damit er Manier lernt und spürt, daß wir nicht von einem solchen Zochen abhängen.«

Sie war in der gehörigen Verfassung, als Zenz mit verweinten Augen eintrat.

»Ich hab' alles gehört,« rief sie ihr entgegen, »so was mußt du in Zukunft nicht mehr leiden. Wär' nicht übel!«

»Du bist das schönste Mädchen in Wiltau,« schnatterte die andere, »du thätst einen Grafen und nicht bloß einen Lieutenant verdienen.«

Ihr Gespräch wurde durch ein paar Bauernbursche unterbrochen, die sich keck dem Fenster gegenüber aufpflanzten, und laut schnalzend ein Trutzliedl anstimmten:

Der Poldl hat 'n Leutnant
    Mit 'm Hütl versprengt,
Aber d' Zenzl, die hat ihm
    Das Herzl ang'hängt.

150 Die Nachbarin riß das Fenster auf und schrie hinab: »Ihr Lumpen, ihr versoffenen, wollt ihr euch heimpacken, oder ich schmeiß' euch die Blumentöpfe auf den Kopf.«

»Courage hat der Teufel,
    So sagen die Leut,
Doch jagt ihn zum Teufel
    Sei' Weib in die Weit!«

klang ein anderes Trutzliedl. Nun rannten aber die Bursche davon.

»Da soll man sich wundern, wenn der Herrgott Pest, Hunger und Krieg schickt,« sagte sie zu Zenzis Mutter, »so frech sind die Buben nie gewest wie jetzt. Das hätt' mir einer anthun dürfen, mit dem wär's aus g'wesen für ewig, für ewig. Gieb du dem Poldl den Laufpaß, denn wer sonst hat sie angestiftet? – und blas ihm einen Marsch, daß ihm kein ehrlicher Hund ein Stückl Brot mehr abnimmt.«

»Das wär' noch das wenigste,« schluchzte Zenz, »aber . . . . aber . . . . sie haben schon Kugeln gegossen und wollen den Lieutenant erschießen.« Sie teilte nun ausführlich den Grund ihrer Besorgnisse mit.

151 Die Frau Base schlug die Hände zusammen und rief: »Wißt was, ich lauf morgen früh nach Sprugg und warn' den Leutnant, daß er sich ja in acht nimmt, sonst werden wir einer fremden Sünde schuldig. Heut gehen wir noch in den Rosenkranz und du zahlst eine heilige Messe.«

Gesagt, gethan. Auf dem Wege zur Kirche bemerkten sie auf mehreren Bergen Feuerzeichen, der Seiler begegnete ihnen mit Schützen, sein Hut war über dem linken Ohr aufgekrempt und mit einem wallenden grünweißen Federbusch geschmückt, der Knecht trug in einem Futteral von Wichsleinwand die Fahne.

»Nachbar, wohin so spät?« fragte Zenzis Mutter.

»Es ist ein großes Schießen im ganzen Land angesagt,« erwiderte dieser, »betet fleißig, daß wir gut treffen.«

Die Schützen verschwanden auf dem Wege zum Bergisel, die Frauen traten in die Kirche. Sie war heute sehr zahlreich besucht. In den Bänken bemerkte man viele Weiber, die still in die vorgehaltenen Schürzen weinten. Als 152 der Rosenkranz vorbei war, stieg der Priester auf die Stufen des Altars und rief mit lauter Stimme:

»Noch ein Vaterunser, unser Herrgott weiß schon, wozu's gut ist.« Er begann von Thränen oft unterbrochen, im vollen Chor erwiderte die Gemeinde: »Herr, erlöse uns von dem Übel!« und wohl nie drang ein innigeres Gebet aus diesen Räumen zum Nachthimmel empor.

Vor der Kirche fragte die Base eine Nachbarin:

»Was hat denn der Pfarrer heut' gemeint?«

Diese erwiderte mit einem finstern Blick: »Euch bindet man das nicht auf die Nase, Ihr verdient ja nicht einmal Tirolerinnen zu heißen!«

Sie ging fort. Auf dem Heimweg wich man Zenz und ihrer Mutter aus wie Pestkranken, niemand wünschte ihnen eine gute Nacht.

Sie saßen am nächsten Morgen beim Frühstück. Da trat Lois ein, den Stutzen in der Hand, einen Schnappsack auf dem Rücken, der aufgekrempte Sturmhut war tief in das Auge gedrückt. »Mutter,« begann er, »ich geh' heut 153 auf eine gefährliche Jagd, macht mir ein Kreuzl und gebt mir Weihbrunn.«

»Schau nur, daß du dich tot fällst, wie gar mancher.«

»Diesmal muß ich noch, ich hab's versprochen, dann will ich's Wildern gern aufstecken.«

Er nahm den Hut ab, sie tauchte den Finger in den Weihbrunntopf, im seinem Auge zitterte eine Thräne.

»Was ist das,« rief sie aus, »was hast du vor?«

Sie wurde von der Nachbarin unterbrochen, die freudig in das Zimmer stürzte. »Da schaut her,« jubelte sie, »da schaut her!« In der einen Hand hielt sie einen Lorbeerkranz mit Seidenbändern hoch empor, mit der andern öffnete sie die Schürze, aus der Orangen schimmerten und Zuckergebäck in zierlichen Goldtüten auf den Tisch fiel.

»Da schaut her!« rief sie noch einmal, »diesen Kranz schickt der Herr Leutnant der Schauspielerin, welche die Prinzessin so musterhaft darstellt, wie er es nur in Paris gesehen; 154 das Konfekt soll ihr eine süße Erinnerung an ihn sein, bis er heute die Ehre haben werde, ihr selbst aufzuwarten.«

»Hab' ich recht gehört?« fuhr Lois auf und stieß den Stutzen auf den Boden.

»Ja freilich,« erwiderte die Nachbarin, »ja freilich! ist es nicht eine große Ehre? Übrigens sollt Ihr Euch wegen des Leutnants gar nicht fürchten, Poldl wird noch heut abgefaßt, um sich vor dem Kriegsgericht zu verantworten.«

Lois warf das Gewehr auf den Boden, riß der Base den Lorbeerkranz aus der Hand, schlug ihr denselben um die Ohren und schleuderte ihn zum Fenster hinaus. Sie ließ erschrocken Konfekt und Orangen fallen, er zerstampfte es wütend zu einem Brei.

»Das auch noch!« schrie er. »Hat Tirol nicht Schmach und Schande genug von diesen französischen Hunden? Selbst in mein Haus . . . . könnte ich ihm das Hirn ausquetschen, wie ich diese Pomeranzen . . . doch wozu? – Mein Haus will ich rein halten . . . . nur einige Tage noch . . . . bis dahin . . . . .« Er schwieg, faßte Hut 155 und Stutzen, riß die Thüre fast aus den Angeln. – »Auf Wiedersehen!« rief er noch mit einem flammenden Blick, sprang über die Treppe, und krachend flog das Hausthor zu.

Die Weiber standen wie versteinert.

»Er ist jähzornig,« begann die Mutter, die sich zuerst faßte.

»Er ist verrückt.« schrie die Base, »hab' ich es so gut gemeint, und er mißhandelt mich wie eine Spüldirn.«

»Er wird bald wieder freundlich!« begütigte die Alte.

»Was hab' ich davon,« unterbrach sie die Base, »hättet Ihr ihn besser erzogen!«

»Das wagt Ihr mir ins Gesicht zu sagen!« kreischte die Mutter.

»Wahr ist's, ich und meine Tochter haben es oft gesagt!«

»Eure Tochter? Weil er diese häßliche Dirne nicht mag, darum schimpft sie.«

»Ich lasse mein Mädel nicht verhohnekeln.«

»Mein Sohn gehört auch nicht in Euer unsauberes Maul.«

156 »Ist das der Dank? Von uns hat noch keines mit Franzosen zu thun gehabt, wie Ihr, aber wart' nur durchs ganze Dorf erzähl' ich's.« Sie ging eilig fort, bis Mittag waren Lorbeerkranz und Orangen schon in der Hütte des letzten Tagwerkers ausgetrommelt.

»Und wenn?« sagte Zenzi, »wir haben uns um die Leute nicht zu scheren.«

»Aber der Lois, der Lois!« jammerte die Mutter.

»Mein Gott!« erwiderte sie leichtfertig, »den hat die Kathi erzürnt, weil sie mit einem Offizier ein freundliches Wort redete. Das vergißt er schon, wenn er eine Gemse schießt. Gut, daß er fort ist!«

Nachmittags kam der Lieutenant. Das eitle Mädchen wußte kaum die überwallende Freude zu bergen, es bedurfte nicht vieler Besuche, daß der schöne, gewandte Mann seine Eroberung vollendete. Wir ersparen uns, zu beschreiben, wie er eine Schanze nach der andern gewann; die Alte saß gewöhnlich mit ihrer ungeheuren Brille auf der Nase dabei und stopfte sorgfältig alte 157 Strümpfe. »Bin auch einmal jung gewesen, dachte sie, das Mädel muß eine Freud' haben und

a Bußl in Ehr'n
Hat Gott und d' Welt gern.«

Um Nachrede und Schimpf einigermaßen zu vermeiden, erhielt der Offizier den Schlüssel zum Thürchen, das von den Wiltauer Feldern in das Gärtchen führte. Dort schützte sie die Mauer vor dem Blick unbefugter Späher.


Der zehnte April! Die Städter wurden durch allerlei Gerüchte beunruhigt, die auch zum General Kinkel drangen und die Sorge, die er wegen der Generale Bisson und Lemoine empfand, sehr verstärkte. Diese sollten nämlich mit einigen tausend französischen Konskribierten über den Brenner anrücken, trafen aber nicht ein, ja sogar jede Nachricht blieb aus, dafür erzählte man von zahlreichen Scharen bewaffneter Bauern, die auf den Waldwegen südlich von Innsbruck hin- und herzogen. Der General beschloß, zu seiner Sicherung 158 Patrouillen auszusenden und die Gallwiese, ein großes einsames Wirtshaus auf der Straße gegen die Dörfer Axams und Götzens, deren Bewohner wegen ihrer Rauflust verrufen waren, zu besetzen.

Zenz saß mit ihrer Mutter im Garten, um des milden Vorfrühlings, der über Berg und Flur seine schönsten Strahlen ausgoß, zu genießen. Sie hatte Hyacinthen, Veilchen und Primeln auf dem Schoße, emsig damit beschäftigt, ein Sträußchen zu binden. »Weiß fehlt noch,« sagte sie zur Mutter, und bog einen Zweig des Kirschbaumes herab, von dem sie einige Dolden pflückte.

Saint Bleu war durch das Pförtchen geschlichen und betrachtete das reizende Schauspiel. »Dieser Strauß gehört wohl mir,« rief er, »weil du ihn so sorgfältig bindest.«

Sie sprang ihm entgegen und verschüttete dabei die Blumen.

»Schade,« sagte er, »wie schade, du hast dir solche Mühe damit gegeben.«

»Lesen wir sie auf!« scherzte das Mädchen 159 und bückte sich. Er kniete zu ihr auf den Boden, und auch die Mutter gesellte sich dazu, so daß die köstlichen Blüten bald wieder gesammelt waren. Zenz band zu dem fast vollendeten Strauß noch einige grüne Blätter und überreichte ihn dem Offizier.

»Vergißmeinnicht,« sagte er, »blüht noch keins. Aber das thut nichts. Du vergißt mich doch nicht, wenn ich dir auch einige Tage fern bleiben muß?« Ein erzwungenes Lächeln spielte um seine Lippen.

»Fort gehen! Fern bleiben!« riefen Mutter und Tochter erschrocken wie aus einem Munde.

»Es bestätigt sich wirklich, diese verdammten Bauern wagen einen Aufruhr, indes was liegt daran? In einigen Tagen binden wir sie wie Ochsen an das Joch unseres großen Kaisers.« Er wendete sich rasch um, ihm war, als hätte er ein unterdrücktes Kichern gehört. Nirgends regte sich ein Blatt.

»Mütterchen, wollen wir noch lustig sein? Ihr liebt auch einen guten Magentropfen, ich habe bis zu meiner Wiederkehr dafür 160 gesorgt, mein Bursch' wartet mit einem Korb im Feld draußen.«

Er öffnete die Thüre, statt des Burschen stand Poldl in der vollen Ausrüstung eines Schützenoffiziers davor.

»Du verfluchter Bursche,« schrie Saint Bleu, »kommst du mir wieder in den Wurf, und wagst sogar zu horchen. Diesmal spieße ich dich an die Wand.« Er wollte ziehen.

»Ruhig, Herr Sankt Blau,« erwiderte Poldl eintretend. »Sie sehen, ich habe meinen Hut bei mir, und der genügt, wie Sie wissen, um mich gegen Ihr Krautmesser zu verteidigen. Was Ihren Burschen mit dem Korb voll Madeiraflaschen betrifft, so hab' ich ihn abfassen und zu meinen Schützen führen lassen. Sie verzeihen schon, die Nacht wird kühl und da mundet dann ein so guter Magentropfen ganz vorzüglich. Gehorcht hab' ich nicht freiwillig, wohl aber gehört, was gesprochen wurde, ich mochte nur nicht im Falzen stören. Wir zwei sind nun vorläufig mit einander fertig.«

Er wendete sich an die Frauen, welche 161 erblassend seitab standen. »Zenzele,« begann er, »daß ich dich von Herzen gern gehabt habe und noch gern hab', brauch' ich dir nicht zu sagen; den Kummer, den du mir verursachst, habe ich allein getragen und du weißt nichts davon. In besserer Zeit hätt' ich wohl der Sache ihren Lauf gelassen, hin oder her in Gottes Namen. Jetzt ist es anders. Vor einer Stunde hab' ich mit meinen Schützen die Generalabsolution empfangen, morgen in der Früh kommunizieren wir, vielleicht das letzte Mal auf der Welt. Da ist es mir schwer auf das Herz gefallen, daß ich gegen dich nicht alle Pflichten erfüllt, sondern mich nur schmollend zurückgezogen. Ich muß dich warnen, ich muß dir raten. Was bei einer Soldatenliebe abfällt, solltest du eigentlich längst schon wissen; heute hui, morgen pfui. – Ruhig, Herr Sankt Blau. – Es ist so, du hast nichts besseres, als deine Ehre, du bist eine Tirolerin, mit deiner Ehre verrätst du die Ehre deines Landes an den Feind. Zenzele, laß ihn fahren. Ich sag' es nicht meinetwegen, 162 das weiß Gott im Himmel, dem ich vor einer Stunde beichtete. Willst du aber zu mir zurückkehren, so verzeih' ich dir, so wahr mir Gott im Himmel verzeihen möge, und trotz alles Geredes, das über dich schon umläuft, wirst du, wenn wir diese Hunde hinausgerauft haben, mein gutes, ehrliches Weib!«

Er streckte treuherzig die Hand aus.

Da trat Saint Bleu dazwischen und rief: »Sie ist mein!«

Das Mädchen war tief erschüttert.

»Du sollst entscheiden!« sagte Poldl, »fürchte nichts für den da, ich gelobe dir, zu sorgen, daß ihm niemand ein Haar krümmt und er mit gesunder Haut dem großen Kaiser beschreibe, wie der Tirolerstier die Franzosen in die Luft warf.«

»O meine Mutter,« rief Zenz, »rede du!«

»Gut ist gut, aber besser ist besser!« begann diese. »Wenn du gelost hast, hättest du eigentlich merken können, daß du überflüssig bist. Ein Mensch, wie du, der alles verstudiert 163 hat, wird sich wohl etwa nicht mit einem vornehmen französischen Offizier vergleichen wollen!«

»Ich wollt' nur,« fuhr Poldl auf, »ich wollt' nur, daß du ihn heiraten müßtest, denn es giebt doch nur eine französische Hochzeit. Zwischen mir und dir,« fügte er traurig und ernst sich an Zenz richtend bei, »ist es nun aus für ewig; es wird eine Zeit kommen, wo du gern zu meinem Herzen zurückkehren möchtest, – es ist verschlossen, mit sieben Pforten. Nur eins gelob' ich dir noch, ich will dich rächen.«

»Bist denn taub?« schrie ein Schütz durch das Pförtchen, »hörst nicht, wie es schnöllt und der Bucher Jörgl zu Axams schon drein beißt!«

Poldl horchte hoch auf. Man vernahm deutlich das ferne Krachen von Gewehren.

In diesem Augenblicke stürzte durch die Hausthüre ein französischer Soldat. »Herr Lieutenant,« rief er, »es geht los, wir suchen Sie überall.«

»Und ich werde Sie finden.« sagte Poldl, 164 sich leicht verbeugend und verschwand hinter dem Pförtchen. Er schlich sich mit seinem Begleiter über die Felder durch die bairischen Vorposten, wie er gekommen war.

Das Mädchen warf sich an die Brust des Offiziers:

»Willst du mir treu bleiben?«

»Bis in den Tod!« er küßte sie und enteilte.


Trr! Trr! wirbelten die Trommeln in Wiltau, die Geschütze rasselten und die Hufe der Rosse schlugen Funken auf der Straße; es war Dithfurt, der gewaltige stattliche Held, der seine Scharen gegen den Berg Isel führte, um über Natters den Schützen in den Rücken zu fallen, welche die vorgeschobenen Posten bereits in das Thal gejagt hatten. »Die kleinen Französeln sind nicht gelaufen, sondern über den Schnee, der in den Runsen lag, hinabgekugelt,« erzählte nachträglich ein altes Bäuerlein, das auch mit gerobelt hatte. Dithfurt schob seine Heersäule vom Wiltauer Friedhof 165 über die Straße gegen den Korethhof vor; wie jedoch sein linker Flügel den Vorsprung an der Sill erklomm, wurde er vom andern Ufer aus dem Gebüsch beschossen, ja der Rückzug selbst über die Brücke konnte gefährdet werden.

Er gab daher Befehl, daß die Reserve die Häuser zunächst der Brücke besetzen sollte; um diese vor den Stechschüssen vom Lemanhofe, der sie rechts überhöhte, zu decken, wurde Lieutenant Saint Bleu mit zwei Zügen beordert, die Schützen hinauszuwerfen und sich dort zu halten. Diese Aufgabe war keineswegs leicht, die schmale Brücke führte knapp an eine Felsenwand, wo die Sill hinbrauste; zur linken Seite dehnten sich Felder, die nirgends einen Schirm gewährten, während der Pfad zum Lemanhof steil durch den Wald hinaufzog. Saint Bleu sandte einige Plänkler vor, um wenigstens die Büsche zunächst der Brücke zu säubern, sie wurden aber von einem so mörderischen Feuer begrüßt, daß sie schnell zurückflohen. Wollte er was ausrichten, so mußte er das Bajonett pflanzen lassen und ohne das 166 Feuergefecht aufzunehmen, die Höhe im Sturmlauf gewinnen.

Dies war auch in jeder Beziehung das beste. Die gezogenen Läufe der Schützen gestatten kein schnelles Laden, man konnte sie also leicht, nachdem sie sich verschossen, angreifen. während man noch den Schuß im Rohr hatte. Allerdings mußte man unter ihrem Feuer über die Brücke, der rasche Sturmschritt erlaubte jedoch kein sicheres Zielen, und so durfte Saint Bleu hoffen, ohne namhaften Verlust ins Handgemenge zu kommen, wo die Schützen dem Bajonett nichts entgegenzusetzen hatten. Der scheinbar kühnste Entschluß war der beste. Er zog den Degen, stellte sich an die Spitze der Schar und gab dem Trompeter das Zeichen. Im Flug war er über der Brücke, die Kugeln der Bauern, die kaum Zeit zum Anschlagen hatten, geschweige zum Zielen, flogen unschädlich ins Wasser, und die Soldaten, dadurch ermutigt, warfen sich mit lautem Sturmschrei in die Büsche.

Da erscholl der Ruf: »Stutzen, umkehren, 167 dreinschlagen!« – Aus allen Büschen sprangen die Schützen, ihr Führer Poldl – denn hierher hatte ihn Speckbacher gewiesen – voran. Er begegnete Saint Bleu, beide stutzten einen Augenblick und rannten, ohne ein Wort zu verlieren, auf einander los.

Der Offizier suchte den wütenden Stoß zu parieren, dieser Kraft war er jedoch nicht gewachsen, sein Degen glitt Funken sprühend ab und die Klinge des Gegners fuhr ihm in den Leib, daß ein heller Blutstrahl aufspritzte und er mit einem lauten Schrei in das Gebüsch taumelte.

Poldl kümmerte sich nicht mehr um ihn, denn rechts und links wogte der gräßliche Kampf. Mitten auf dem Wege lag der Seiler durchstoßen vom Bajonett über der Leiche eines Franzosen, dessen Hirn zerschmettert von der Wucht eines Morgensternes auf den Stein floß. »Vorwärts, vorwärts!« schrie Poldl wutentbrannt, die Schützen griffen mit erneuter Heftigkeit an, und die Franzosen flüchteten über die Höhe zur Brücke. Die Tiroler verfolgten sie; als sie 168 jedoch unten ins Freie gelangten, empfing sie aus allen Fenstern eine scharfe Salve der Reserven und sprengte sie wieder über den Berg hinauf.

Dithfurt war unterdes von den Stubaiern unter Furtscheller über den Berg Isel geworfen worden, er ordnete seine zersprengte Schar unter heftigen, wenn auch unverdienten Vorwürfen über ihre Feigheit, hinter den Mauern des Wiltauerklosters, mußte es jedoch aufgeben, sie beim Anbruch des Abends noch einmal zum Sturm vorzuführen.

Schon dunkelte es, als vom General Kinkel Befehl eintraf, sich in die Stadt zurückzuziehen und dort mit dem Hauptkorps zu vereinen, um nicht von der wachsenden Übermacht der Bauern erdrückt zu werden. Unwillig gehorchte der Tapfere, ließ jedoch, um seine Bewegung zu decken, hinter den Mauern des Friedhofs eine Batterie und auf den Feldern zwei Schwadronen Reiterei zurück. Die Kanonen schleuderten noch einige Haubitzen in den Wald beim Lemanhof und zwangen dadurch die Bauern, deren Kugeln nicht 169 so weit reichten, zum Rückzug gegen die Lanserköpfe. Als jede Beunruhigung abgewehrt war, protzten die Franzosen auf und fuhren unter dem Schutz der Reiter durch Wiltau zur Triumphpforte, wo eine geschlossene Truppe Beiwacht hielt. Auf allen Höhen rings um die Stadt flammten die Feuer auf; zu Wiltau, das die zwei erbitterten Gegner schied, waren die Häuser gesperrt, niemand wagte sich auf die Gasse, nur Zenz, gefoltert von Angst, trat später vor die Thüre, um vielleicht von einem Nachbarn etwas zu erfahren, das barsche »Qui vive!« einer Patrouille scheuchte sie aber bald zurück.

Sie flüchtete in ihr Zimmer. Dort hing ein altes Bild »Mariahilf« unter einem roten Baldachin mit seidenen Quasten; eine färbige Lampe, welche jeden Samstag zu Ehren der heiligen Jungfrau zu brennen pflegte, war mit Draht davor befestigt. Zenz zündete dieselbe in lebendigem Vertrauen auf die Gottesmutter heute an und begann eifrig den Rosenkranz zu beten. Da war es ihr, als klirre 170 das Fenster, sie glaubte, der Wind verursache es. Es klirrte wieder. Erschreckt starrte sie in das Dunkel, konnte aber nichts bemerken. »Mein Gott,« dachte sie, »jetzt ist gewiß mein Bruder oder Saint Bleu gestorben und meldet sich, daß ich für die arme Seele beten soll.« Da flog ein Steinchen gegen die Scheibe, daß sie prasselnd sprang. Nun öffnete sie rasch das Fenster: »Wer ist's so spät?« rief sie in den Garten hinab.

»Ich!« antwortete eine schwache Stimme.

»Saint Bleu!« Woher kam der noch spät? Also doch nicht gestorben, sie wußte vor Freude sich nicht zu fassen. Weit vorgebeugt flüsterte sie hinab:

»Bleib drunten, bis ich die Mutter hole und die Thüre öffne.«

»Sei barmherzig,« tönte es matt herauf, »ich bin ja verwundet, rette mich!«

Sie wurde fast ohnmächtig, raffte sich jedoch zusammen und lief eilig in die Kammer der Mutter, die noch andächtig in einer alten 171 Postille blätterte. Auch diese erschrak heftig bei der Nachricht. – Was thun?

Saint Bleu aufnehmen? Wenn ihn ein Tiroler entdeckte, so galt es Gut und Leben. Ihn umkommen lassen oder gar ausliefern? Nimmermehr. Zenz warf sich vor der Mutter nieder und umklammerte krampfhaft schluchzend ihre Kniee. »Ich hätt' halt dieser dummen Liebschaft nicht nachgeben sollen,« brummte die Alte, der jetzt die Sache in einem ganz andern Lichte erschien, »da ist guter Rat teuer! Nu, wein' nicht so,« sagte sie dann mitleidig, »für heut' Nacht wollen wir ihn herbergen, morgen muß man sehen, wie man ihn über die Felder zu seinen Leuten nach Innsbruck liefert.« Sie faßte den Leuchter. Zenz stand auf und folgte ihr über die Treppe. Das Licht verbarg sie im Vorhaus und öffnete die Thüre.

Nichts regte sich. »Saint Bleu!« flüsterte das Mädchen ängstlich, »Saint Bleu!«

Keine Antwort.

Sie ging hinaus und stolperte . . . »Mein 172 Gott. da liegt er,« schrie sie auf und warf sich nieder, »er ist tot.«

»Still!« flüsterte die Alte, »sonst wecken wir die Nachbarn. So oder so, wir müssen ihn hereintragen und morgen im Garten begraben, sonst sind wir verloren.«

»Jetzt ist mir alles gleich!« jammerte das Mädchen, »sie sollen mich auf seiner Leiche totschlagen, dann hab' ich Ruhe!«

»Laß dein wüstes Geheul, du bringst deine Mutter ins Unglück. Da können wir nicht bleiben.«

Zenz raffte sich auf, die Alte faßte Saint Bleu, der ins Gras niedergesunken war, bei Kopf und Schultern, das Mädchen ergriff seine Füße, und so schleppten sie ihn durch die Thüre und legten ihn auf den Bügeltisch des Vorhauses. Jene schloß leise die Thüre, Zenz preßte das Haupt des Offiziers an die Brust, ihre Thränen flossen auf seine Stirn, sie drückte glühende Küsse auf die Lippen.

Da schlug er, von tiefer Ohnmacht sich erholend, den Blick langsam auf. »Wo bin ich?« 173 fragte er fast besinnungslos und schloß die Augen wieder.

»Er lebt noch, er ist gerettet!« jubelte Zenz und umschlang ihn von neuem.

»Sein Rock ist ganz blutig, wir müssen ihn verbinden!« bemerkte die Alte und ging fort. Bald kehrte sie mit einer Schere, Leinwand und einer Schüssel Wasser zurück. Unter Mithilfe ihrer Tochter zog sie ihm den Rock ab; das Hemd war an der linken Seite des Brustkorbes zerrissen. Sie schnitt es Stück für Stück vom Oberleib, an den es stellenweise durch Blut angeklebt war, los, Zenz wusch die Wunde mit einem Schwamm.

»Gerade wie bei unserem Öchsel vorigen Jahres,« murmelte die Alte, indem sie das Licht näher hielt, »dem riß Turners Stier mit dem Horn die Haut von den Rippen, es ist aber doch wieder gesund worden. Saint Bleu wird es auch, denn der Brustkasten ist ganz.«

Nun trugen sie ihn über die Stiege in Zenzis Kammer, die wegen ihrer Lage nach rückwärts die meiste Sicherheit bot. Der Offizier 174 sank aus der Ohnmacht in einen tiefen Schlummer. Das Mädchen lauschte jedem Atemzug; wer schildert die reine Freude der Liebe bei seinem Erwachen.

Bald hatte er sich so weit erholt, um sein Schicksal am vorigen Tage mitzuteilen. Wir übergehen, was wir bereits wissen. Er war allerdings nicht imstande gewesen, die volle Wucht von Poldls Stoß zu brechen, hatte ihn jedoch in so weit pariert, daß er nicht mitten in die Brust ging, sondern nur die Seite verletzte. Die Gewalt des Angriffes hatte ihn betäubt in das Gebüsch geschleudert; als er zu voller Besinnung kam, überschaute er schnell das Gefährliche seiner Lage und kroch tiefer in die Stauden, wo er jedes Wort der Schützen verstehen konnte, bis sie durch die Haubitzen versprengt wurden. Er wartete unter unsäglichen Schmerzen bis tief in die Nacht, um wo möglich niemand zu begegnen, dann schlich er über die Brücke um die Mauer des Friedhofes, und erreichte die Felder. Hier fühlte er sich vom Blutverlust so erschöpft, daß er in der Nähe 175 des Gartens sich zwischen die Furchen eines Maisackers legen mußte und schon sein Ende nahe glaubte, als ihn die kalte Nachtluft wieder erfrischte. Mit Not und Mühe, mehr kriechend, als gehend, gelangte er zum Pförtchen, dessen Schlüssel er glücklicherweise in der Tasche bei sich trug.

Die Mutter trat mit einer Schale Fleischsuppe ein, sie erzählte, daß er die Thüre offen gelassen, auf die Blutspuren im Kies des Gartens habe sie Sand geworfen. Er aß mit Begierde einige Löffel. Bald jedoch stellte sich das Wundfieber ein, so daß es selbst bei völliger Sicherheit der Straße unmöglich gewesen wäre, ihn nach Innsbruck zu übertragen.

Am elften April kam es zu einigen unbedeutenden Gefechten. Schützen schlichen hinter Zäunen und Hecken vor und brannten hier und da einen Vorposten nieder; dadurch kühn gemacht, wagten sie sich in die offene Gasse; nun sprengten die Chevauxlegers an und hieben mehrere nieder.

Man sah niemand auf dem Wege, nur hier 176 und da schlich eine Patrouille vorsichtig an der Mauer hin und machte schnell Kehrt, wenn ein Schuß fiel. Es war ein Tag voll Angst und Schrecken, hätte ihn Kinkel zum Rückzuge benützt! So gab er dem Landsturm Zeit, von allen Seiten das Netz um ihn zu ziehen, dem er nicht entrinnen sollte. In aller Frühe schallte Sturmgeläute von den Türmen, sinnverwirrend und betäubend; zwischen Musketen und Stutzenknall brummte der Baß der Kanonen, noch übertönt vom schrecklichen Geschrei der Kämpfer. Bald wurde es stille. Wildes Jauchzen klang aus der Stadt über die Felder. Die Alte wagte sich an das Fenster. Ein bekannter Bauer von Natters trottete schwerfällig auf einem Kavalleriepferd daher. »Wie steht's?« rief sie herunter.

»Hast a Glasl Wein und etwas zu essen?« antwortete er, »ich bin durstig und hungrig vom Franzosenerschlagen.«

»Gleich bring' ich dir etwas.« Sie lief um eine Flasche Kirschenwasser, das sie im Herbst selbst abgezogen, und legte einen tüchtigen Keil 177 Brot und Geselchtes dazu. Der Schütz sprang vom Roß und gab ihr den Zaum: »Da heb derweil, Alte!« Er setzte sich auf die Bank vor der Thüre und erzählte, so weit es das Kauen gestattete, den Ausgang des Kampfes. »Ins Spital haben wir uns gestellt und auf die Hauptwache geschossen. Der grimmige Dithfurt ist nun mit den Reitern gegen das Thor gesprengt und hat den Säbel geschwungen, daß die Splitter von den Brettern flogen. Du kennst ja den zrütten Kerl, den Patsch, der hat jetzt das Thor angelweit aufgerissen und der Oberst ist von drei Kugeln getroffen über den Kopf des Rosses in den Hof geflogen. Wir sind drauf zu und er hat fürchterlich geflucht über uns Bauern und noch herumgeschlagen. Da ist der Schuster Gitzl von Mieders hergesprungen und hat ihm den Säbel aus der Faust gedreht. Wie er sich nimmer wehren konnte, habe ich ihn auf einen Bund Stroh gelegt, und der Pater Benizi ist neben ihn niedergekniet, um ihn Beicht zu hören. »Wer hat die Bauern angeführt?« fragte er diesen. »Ich 178 hab' einen Reiter auf einem weißen Rosse gesehen?« – Davon hat weder der Benizi, noch einer von uns was gewußt. Drauf ist er gestorben. Wir haben es aber gemerkt, der Reiter ist niemand gewest, als der heilige Jakob, wie er in der Pfarrkirche porträtiert ist und die Türken davon jagt. Der Kinkel hat nachher auch kapituliert und den Erbach, der mit den Reitern davon galoppieren wollt', hab'ns bei Loreto erwischt. Siehst, Alte, so ist's gegangen, und jetzt schäm' dich mit deinem Madel, daß du zu den Franzosen gehalten hast. Deinen Blau hat der Poldl gestern in die Stauden gestoßen, daß er die Füß' aufgereckt hat und ihn Gott Vater am jüngsten Tag mit der Brille suchen mußt. Schäm' dich. Vergelt' dir Gott Speis' und Trank.« Damit schwang er sich wieder auf das Roß. Der Kranke hatte von diesem Bericht nichts gehört, nur mit Vorsicht wurde ihm nach und nach alles mitgeteilt.

Abends fiel wie Schnee auf junge Blüten mitten in den Siegesjubel die Nachricht: »Bisson kommt morgen mit den Franzosen vom Brenner.« 179 – War er nicht besiegt, was hatte man gewonnen? Von allen Seiten liefen die Schützen zusammen, die Stadt glich wieder einem Kriegslager, während Wiltau unbesetzt blieb. Am nächsten Morgen rückte Bisson, dem niemand eine Botschaft gebracht, arglos über den Berg Isel herab. Die Alte, welche hoffte, ihren gefährlichen Gast los zu werden, ging in das untere Dorf und gesellte sich zum Commis Lener, der ruhig vor dem Laden stehend dem Anmarsch der Franzosen zusah. Da sprengte Bisson, welcher darüber ganz verwundert war, nirgends einer Militärwache zu begegnen, auf ihn los und fragte, ob denn der bairische General Kinkel Innsbruck nicht mehr besetzt halte? Lener erzählte unverhohlen und ausführlich den Kampf der vorigen Tage und die Gefangennehmung Kinkels, sowie den Tod Dithfurts.

»Das ist unmöglich,« schrie Bisson, »ich habe Befehl, mich in Innsbruck mit ihm zu vereinigen!«

Lener zuckte kalt die Achseln und erwiderte: »Schicken Euer Excellenz in die Stadt, um sich von der Wahrheit zu überzeugen.«

180 Der bairische Lieutenant Margreiter erbot sich zu diesem gefährlichen Dienste und stieg rasch zu Pferde. Als er gegen die Triumphpforte sprengte, knallte ein Schuß und er sank tödlich getroffen vom Sattel. Das Pferd wandte sich und schleifte den blutigen Leichnam am Steigbügel durch die Straßen. Wie die Alte dieses sah, lief sie, ohne weiter an einen Versuch zu denken, sich Bisson zu nähern, erschreckt nach Hause. Der weitere Verlauf dieses Tages, der reich an Wechsel von Schrecken und Freude mit der traurigen Ergebung Bissons endete, berührt uns nur insofern, als es der Sieg der Bauern unmöglich machte, den Verwundeten fortzubringen.

Erfüllte schon dieser Umstand die Alte, welche beim Rauschen jedes Blattes erschrak, und noch mehr, wenn jemand die Klingel zog, mit Angst, so konnte sie ihres Sohnes, der zornig geschieden, nur in Thränen und Kummer gedenken. Lebte er noch? Sie betete jeden Abend für ihn; – aber wenn er plötzlich zurückkehrte? Ihm konnte man den Aufenthalt von Saint Bleu nicht verhehlen.

181 Würde er den Todfeind, der auf sein Haus Schmach gehäuft, schützen und auf die Thränen der Schwester Rücksicht nehmen? Da brachte der Bote einen Brief, worin Lois kurz anzeigte, daß er beim Sandwirt in Südtirol sei und vorläufig keine Lust verspüre, heimzukehren. Mutter und Tochter atmeten auf.

Vor den Nachbarn war man insofern sicher, als diese wenig Lust bezeigten, mit der »Franzosenbraut« – diesen Spitznamen erhielt Zenz – viel zu verkehren. An einem Sonntag ging ein Spielgenosse des Bauerntheaters vorbei, er rief spottend zum Fenster hinauf:

»Zenz, heut versaufen wir beim Riesenwirt das Geld, welches dein Franzos gegen Poldl verspielt hat! Wirst wohl auch kommen, bist wenigstens eingeladen!« Da sich niemand zeigte, ging er weiter. Zenz saß bei Saint Bleu im Zimmer; als sie die schmachvolle Herausforderung hörte, blickte sie ihn mit einem Auge voll Thränen an, er faßte ihre Hand und drückte einen zärtlichen Kuß darauf.

Er war nun soweit hergestellt, daß er mit 182 einiger Hilfe im Zimmer auf- und abgehen konnte, ja an einem schönen Abend wagte er sich sogar in den Garten, um die Mailuft zu atmen.

Da verbreitete sich die düstere Kunde, daß Napoleon seine Scharen gegen Tirol losgelassen habe. Am fünfzehnten Mai verkündete sie der Mordbrand von Schwaz, welcher den ganzen Nachthimmel mit einem Glutmeer übergoß. Am 19. sprengte die erste Kavalleriepatrouille durch die öden Gassen der Stadt, bald zog der General Wrede ein und ritt durch die Neustadt gegen das Landhaus, wo ihm ein ehrwürdiger blinder Greis, der Graf Tannenberg, an der Spitze des Landesausschusses entgegentrat, um seine Milde für die Bürger zu erflehen.

»Du alter blinder Salamander,« schnauzte er ihn an, »du bist das Haupt der Rebellen!« und ließ ihn gar nicht zu Wort kommen.

Abends rückte der Oberfeldherr Lefebre, Herzog von Danzig, ein und stieg in der Hofburg ab, das Heer schlug auf dem Saggen, 183 einer weiten Wiese zwischen der Sill und dem Inn, Lager.

Saint Bleu hatte längst schon der Stunde der Erlösung entgegengeseufzt; die stille Idylle der Liebe, verschönt vom Reiz allmählicher Genesung, konnte ihn für den Verlust der Freiheit nicht entschädigen. Um dem Hause, das ihn so lang beherbergt, keine Verlegenheit zu bereiten, beschloß er, nachts Abschied zu nehmen, und sich durch das Pförtchen des Gartens bis zum nächsten französischen Posten, der kaum hundert Schritte entfernt stand, zu schleichen. Er kündete den Frauen seine Absicht an; obwohl sich nichts dagegen und die Art, wie er sie ausführen wollte, einwenden ließ, obwohl dieses vorläufige Ende vorauszusehen war, konnte Zenz doch ihren Schmerz nicht bewältigen und gab sich ihm mit aller Heftigkeit ihres Naturells hin.

»Es muß ja sein!« tröstete er sie; »wenn ich bleibe, kann ich deine Treue nicht vergelten!« Auch die Mutter sprach ihr Mut ein, so daß sie sich endlich faßte.

184 »Ja, es muß sein!« erwiderte sie ruhiger, »du hast mir ja versprochen, bald wiederzukehren, und bis dahin bleiben wir im Herzen vereint.« Sie reichte ihm Helm und Degen.

»Wie soll ich Ihnen danken?« sagte er scheidend zur Mutter.

»Vergelten Sie meinem Kinde, was wir Ihnen gethan!«

»Meine Liebe ist meine Ehre, dafür bürgt mein Wort.«

Noch einmal schlang er den Arm um das Mädchen, küßte sie auf Mund und Stirn und enteilte. Bald verlor ihn ihr feuchtes Auge zwischen den Kornfeldern, sie blickte seufzend zum Nachthimmel, eine Sternschnuppe fuhr leuchtend dahin und erlosch im Dunkel.


Am nächsten Morgen klopfte es heftig an der Hausthüre. Ein Offizier stand davor, die Alte öffnete rasch.

»Sind Sie Frau Larcher?«

»Zu Diensten!«

185 »Seine Excellenz der Herzog von Danzig erwartet Sie bis zehn Uhr zur Audienz.«

Er salutierte und ging, ohne den Grund der Vorladung näher zu bezeichnen, fort.

Die Alte warf sich in den glänzendsten Sonntagsputz und eilte in die Hofburg. Schüchtern stellte sie sich in einen Winkel des glänzenden Vorsaales, wo Ordonnanzen hin und her rannten und Offiziere in glänzenden Uniformen, ohne sich um sie zu kümmern, lustig plauderten. Schlag zehn Uhr trat aus der Zimmerthür im Hintergrund ein Lakai: »Ist Frau Larcher hier?« fragte er forschend umherblickend.

»Hier!« erwiderte sie.

Er öffnete sich tief verbeugend die Thüre, sie stand dem gewaltigen Marschall gegenüber. Er begann in seinem gebrochenen Deutsch:

»Ist Sie Frau Larcher? Tiroler alles Lumpen sein«

Sie zitterte.

»Sie brav sein,« fuhr er fort, »trink Sie Wein« – er bot ihr eigenhändig ein Glas 186 Bordeaux, – »daß Sie kriegt Courage, trink Sie nur auf Gesundheit mein.«

»Sie sollen leben!« sagte sie stotternd und leerte das Glas.

»Sie brav sein, Saint Bleu hat mir erzählt alles, schöne Tochter haben, brav gewesen! Hat gerettet ihn vor den Spitzbuben. Saint Bleu schon heut früh nach München gereist. Wird schreiben dem König, daß er aufnimmt in sein Gnad und Ihnen Auszeichnung macht für Ihre brave That. So jetzt trinken noch einmal auf König Gesundheit.« Er schenkte wieder ein.

»Der König und Ew. Excellenz soll leben!« sagte sie geschmeichelt durch diese Auszeichnung.

»So jetzt à revoir, werd' mich schon erkundigen, daß nichts Böses geschieht Frau und Tochter.«

Er machte eine leichte Handbewegung, die Alte knixte und ging durch Lakaien und Offiziere im Vorsaale, die sie jetzt freundlich grüßten, über die Treppe hinab. Während sie, so schnell sie vermochte, durch die Neustadt nach Hause lief, um der Tochter alles zu verkündigen, schien es 187 ihr vor Freude fast, als ob die Häuser tanzten und sich höflich vor ihr bückten. Nachdem das Mädchen den kunterbunten Bericht vernommen, schüttelte sie den Kopf: »Lieber wäre es mir gewesen, er hätt' dem Marschall nichts gesagt, wir brauchen weder von ihm, noch dem König eine Auszeichnung.«

»Du bist doch lappet,« eiferte die Alte, »niemand kennt sich bei dir aus.«

Da klopfte es wieder. Der Bote brachte einen Brief mit dem Tiroler Adler gesiegelt. Die Alte setzte die Brille auf und las ihn. Sie erblaßte und las wieder, ihrer Hand entfiel das Blatt. Erschreckt hob es Zenz auf: Hauptmann Eisenstecken, unter dem Lois diente, teilte mit, dieser sei in einem Gefecht bei Trient als braver Landesverteidiger gefallen.

»Da hast du's!« schrie die Alte, »da haben wir's!« und schlug die Hände zusammen.

Das Mädchen sank vor einem Stuhle nieder und verbarg das Antlitz mit den Händen.

Die Mutter war zu sehr mit ihrem eigenen Schmerz beschäftigt, um der Tochter einen 188 Vorwurf zu machen, diese erhob gegen sich selbst die bittersten Anklagen. Verlassen wir diese Scene des Leides und der Trauer, bis dort die Ruhe versöhnend wieder einkehrt.


Der Sommer verfloß unter den Stürmen des Aufstandes sehr trübselig; Saint Bleu schickte zwar einige Wochen nach seiner Abreise einen freundlichen Brief; dann aber erhielt Zenz keine Antwort mehr auf alle Zuschriften, die nach und nach immer dringender und zärtlicher wurden, wenn auch leise Vorwürfe einflossen.

»Vielleicht ist er in das Feld gezogen,« sagte die Mutter, um die Tochter zu beschwichtigen, »und kann aus dem Krieg, wo es an jeder Post fehlt, gar keine Nachricht schicken.«

Zenz verstrickte sich jedoch immer tiefer in Zweifel. »Warum ließ er vor seinem Abmarsch aus München nichts hören? Ist er vielleicht schon tot?« Daß er untreu sein könnte, kam ihr gar nicht in den Sinn. Wohl marschierten Franzosen in das Land und wurden wieder 189 hinausgeworfen, sie wagte aber nicht, sich bei einem Offizier zu erkundigen. Schon war das Laub abgewelkt, noch immer keine Botschaft! Da begegnete ihr der Laninger Gruspl, welcher mit seinem Karren Obst nach Baiern zu fahren pflegte und jetzt eben zurückgekehrt war, auf dem Wege zur Kirche. Sie sprach ihn an: »Was bringst Neues von München?«

Er verzog den Mund: »Ich mein', du möchtest etwas von dem Franzosen hören. Gesehen hab' ich ihn, er saß in einer prächtigen Kutsche mit einem schönen Fräulein und ein Gesicht haben sie gemacht, als hätten's Honig geschleckt. Schau nur damisch drein, es ist schon wahr.«

Zenz mochte nichts weiter hören und ging in die Kirche. Ihre Gedanken waren nicht auf die Messe gerichtet. Als der Geistliche, dem sie zu beichten pflegte, vom Altar in die Sakristei getreten war, und kaum den Ornat ausgezogen hatte, ließ sie sich bei ihm melden. Er bestellte sie in den Beichtstuhl. Aufrichtig und ohne Rückhalt erzählte sie alles und bat um seinen väterlichen Rat.

190 »Eigentlich bist ein dummes Mädel gewesen,« sagte er nach einer Weile, »wie konntest du einem Franzosen trauen? Das beste wär', du thätest deine Liebschaft der Mutter Gottes aufopfern. Nun was meinst?«

Das Mädchen schwieg.

»Ich seh' schon, du willst nicht und hast ihn noch immer im Herzen. Da magst du dir nun selber helfen, geh hin und schau. Nach München ist's freilich weit, kannst allein nicht hin, aber mein Bruder Kaspar reist hinaus. Ist ein älterer verständiger Mann, darf ich ihm die Sache unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitteilen?«

Das Mädchen sah ein, daß hier keine Rücksicht mehr nütze, und nickte zustimmend.

»Ich werd' ihn für dich bitten und dir's auf den Abend sagen lassen.«

Sie verließ die Kirche. Abends erhielt sie Botschaft vom Geistlichen, sie möge sich auf Morgen gefaßt halten, um zwölf fahre von Hall ein Schiff nach Rosenheim, dort werde sich schon weitere Gelegenheit nach München finden.


191 Wir haben uns lange nicht um Saint Bleu gekümmert, es ist wohl an der Zeit, daß wir den Leser besser über ihn unterrichten. Franzose und Offizier, hatte er es im Punkte der Liebe nie genau genommen, und seither immer dem Spruche: »Ein andres Städtchen, ein andres Mädchen« nach gelebt. Es wechselte daher, wie es eben kam, ein Roman mit dem andern, doch erblaßten zuletzt alle Flammen vor der Tochter des baierischen Generals Roding, mit der es ihm vor seinem Abmarsch nach Tirol gelang. ein zartes Verhältnis anzuknüpfen. Als er wieder zurückkehrte, mußte die Erinnerung an das Landmädchen bald der glänzenden Gegenwart der jungen Dame weichen, um so mehr, da eine Verbindung mit derselben seiner Eitelkeit auf das Höchste schmeichelte und jedenfalls ein sehr wünschenswertes Ziel war. Der Vater des Mädchens duldete diese Liebe, die Ehe sollte geschlossen werden, wenn Saint Bleu die Epauletten des Hauptmanns trüge. Er war mutig und konnte daher in den endlosen napoleonischen Kriegen auf schnelle Beförderung rechnen. 192 Vorläufig sollte die Verlobung im November gefeiert werden.

Zenz traf mit ihrem Begleiter am zweiten Abend zu München ein und nahm in einem Gasthause der Au Quartier. Er ging noch vor Anbruch der Nacht aus, die Wohnung Saint Bleus zu ermitteln, ein Soldat zeigte ihm gefällig das Haus. Der Lieutenant wohnte bereits im Hause des Generals, zwei Stiegen höher als dieser. Zenz schrieb indessen einen Brief, den sie abgeben wollte, wenn sie ihn nicht anträfe. Am nächsten Morgen um 9 Uhr führte sie ihr Landsmann vor die Thür desselben. Mit pochendem Herzen stieg sie die Treppen empor, und blieb einen Augenblick im Flur des ersten Stockes stehen, um sich zurecht zu finden. Da kam ein Mädchen, sie musterte einen Augenblick die Fremde und fragte dann artig, ob sie jemand suche.

»Saint Bleu,« antwortete sie errötend.

»Der ist bereits auf der Wache. Haben Sie an ihn etwas zu besorgen, ich will es ausrichten.«

193 »Übergeben Sie ihm gefälligst diesen Brief.«

»Sehr gern!« Sie verschwand in der Thür auf der entgegengesetzten Seite.

Zenz ging wieder fort.

Das Mädchen war die Zofe Hortensens, der Tochter des Generals. Als sie den Brief von allen Seiten beguckte, erinnerte sie sich augenblicklich, daß diese Schrift schon mehrmals durch ihre Hände gelaufen sei. Wie nun Zofen einmal sind, konnte sie ihre Neugierde nicht bezwingen und schmolz an der Flamme eines Spanes das Wachs, auf welches statt des Siegels ein baierischer Sechser gedrückt war. Sie las:

Mein teurer Saint Bleu!

Dein stetes Schweigen hat mich mit solcher Sorge und Angst erfüllt, daß ich mich entschloß, selbst nach München zu reisen, um mich von Deinem Zustande zu überzeugen. Wenigstens habe ich jetzt erfahren, daß es Dir sehr gut geht, bald hoffe ich Dich umarmen zu können! Meinen Schritt wirst Du mir nicht verübeln, es ist die Ungeduld aufrichtiger Liebe, welche ihn veranlaßte. Ich bitte Dich, schreib mir 194 alsogleich, wenn Du zu mir kommen willst, oder wenn ich Dich sehen kann. Ich wohne beim Hirschenwirt in der Au.

Dort harrt auf Dich

Deine

Dich innigliebende Zenz.

München, 20. November 1809.

»O Spitzbube!« schrie das Mädchen laut auf und trug ihren Fang alsobald zu Hortense. Diese las den Brief; Zorn, Eifersucht und Liebe begannen einen schweren Kampf in ihrer Brust. Sie trug dem Mädchen auf, vor allem Saint Bleu zurückzuweisen, wenn er etwa zum Besuche käme, denn sie wollte sich, ehe sie ihn wiedersah, mit ihrem Vater, einem braven, vielerfahrenen Manne, zu dem sie volles Vertrauen hegte, beraten. Als er von der Parade zurückkehrte, überreichte sie ihm alsogleich den Brief. Eine finstere Wolke überflog seine Stirne.

»Schlimm, sehr schlimm.« rief er aus. »Mag nun die Geschichte hinzielen, wo sie will, unangenehm bleibt sie stets. Ist das Verhältnis unsauberer Natur, nun, so mußt du denken, daß 195 es vor der Hochzeit stattfand. Welterfahrung wird dich bald lehren, daß Männer, welche in dieser Beziehung völlig rein sind, eben so selten vorkommen, als weiße Raben. Da liegt die Entscheidung in deinem eigenen Gemüte, ob du Saint Bleu, vorausgesetzt, daß er ehrlich beichtet, verzeihen willst oder nicht. Es kann aber auch der Fall sein, daß die Pflicht gebietet, älterem Rechte zu weichen, und vielleicht, vielleicht ist es ein Glück, daß dir der Zufall diesen Brief in die Hände spielte, ehe du unlöslich mit einem – doch ich will ihn nicht beschimpfen, ehe die Sache klar zu Tage liegt – verbunden bist. Vor allem thut es not, das Mädchen zu hören. Dir müßte es nur schmerzlich sein, der Nebenbuhlerin gegenüber zu treten, wenigstens jetzt, und deine Aufregung könnte die Sache verwirren, – wie gut wäre es, wenn deine Mutter noch lebte! Doch überlaß es mir, ich suche diese Tirolerin auf, und werde mit ihr ganz ruhig sprechen. Dann läßt sich ja nach Recht und Ehre verfahren.«

Der Greis ergriff den Helm, den er auf 196 das Sofa gelegt hatte. »In einer Stunde hast du Nachricht.« Er wollte gehen, noch einmal kehrte er sich um: »Gieb mir den Brief!« – Er steckte ihn in die Brusttasche. – »Deinem Stubenmädchen drohst du, wenn sie sich noch einmal unterfange, einen Brief, der nicht ihre Adresse trägt, zu öffnen, ernstlich mit Entlassung. Wir haben freilich den Vorteil von dieser Unehrlichkeit, aber wir können nichts dafür. Also Geduld, mein Kind.«

Er nahm einen Wagen und fuhr zum Hirschen. Der Wirt, welcher eine Schürze um den dicken Bauch gebunden, die grüne Sammetmütze auf dem Kopfe vor der Thüre aus einer Ulmerpfeife nebelte, war über diesen vornehmen Besuch nicht wenig erstaunt und wies ihn in den zweiten Stock. Als er sich der angezeigten Thüre näherte und klopfen wollte, flog diese weit auf, Zenz hüpfte ihm rasch entgegen und prallte ebenso schnell wieder zurück.

Er faßte sie bei der Hand. »Das Klappern meines Säbels hat Sie getäuscht, ich weiß, Sie haben anderen Besuch erwartet.«

197 Das Mädchen stand betroffen, er maß sie prüfend von oben bis unten, endlich ruhte sein Blick in ihren klaren, redlichen Augen, sie bargen kein unlauteres Geheimnis. »Verzeihen Sie,« fuhr er fort, »wenn ich mich als Fremder an Sie dränge. Dieser Brief ist durch einen Zufall, den ich später aufklären werde, in meine Hand gelangt, der Inhalt ist von solcher Wichtigkeit, nicht bloß für Sie, sondern auch für meine Tochter« – –

»Das schöne Fräulein, mit dem Saint Bleu in der Kutsche gefahren ist,« unterbrach sie ihn hastig, »o nun ist alles wahr, alles wahr!«

»Ich glaube, Ihnen und mir ist am besten gedient, wenn ich den Sachverhalt unverhüllt bespreche. Saint Bleu hat Sie betrogen. Schon eh' er nach Tirol marschierte, bestand zwischen ihm und meiner Hortense ein Verhältnis, das nach seiner Rückkehr fortgesetzt wurde, übermorgen sollte die Verlobung erfolgen.«

»Der Nichtswürdige, Elende! und dennoch 198 schlich er sich bei mir ein. Seien Sie ruhig, Herr General, ich weiß ältere Rechte zu würdigen, das arme Mädchen giebt dem vornehmen Fräulein gegenüber jeden Anspruch auf. Noch heute kehr' ich nach Wiltau zurück und müßte ich zu Fuß laufen. Noch giebt es einen Gott, der Undank und Treubruch rächen wird, ihm überlasse ich alles.«

»Sie mißverstehen mich. Es handelt sich vorläufig hier um keine Ansprüche. Meine Tochter nimmt keinen Bräutigam, dessen Ehre nicht spiegelrein ist. Sie kennen Hortense nicht und haben folglich kein Recht, dieselbe zu beleidigen. Zuerst müssen wir in Ihrem und in unserem Interesse erfahren, ob Saint Bleu aus Schlechtigkeit oder bloßem Leichtsinn so gehandelt hat. Im ersten Fall giebt es ein Ehrengericht, im letzteren verwickelt sich freilich der Knoten. Vertrauen Sie mir, ich werde, da uns das Schicksal auf solche Weise zusammengeführt, nicht bloß für meine Tochter, sondern auch für Sie als Vater auftreten. Ich betrachte das als eine Pflicht, – übrigens 199 will ich Ihre Freiheit in keiner Weise beeinträchtigen.«

Das Mädchen, gerührt von seiner männlichen Rede, bot ihm die Hand.

»Es gilt!« sagte er. »Ich werde Saint Bleu den Brief übergeben, von seiner Antwort hängt alles ab. Gestatten Sie, daß Sie morgen früh – wahrscheinlich noch heute – mein Wagen in meine Wohnung bringe? Sie sollen von mir und meiner Tochter keineswegs als Feindin, vielleicht als Freundin scheiden.«

»Verfügen Sie über mich, – ich vertraue Ihnen wie einem Vater.«

Sie wollte ihn über die Treppe zum Wagen geleiten, er verbot es aber, um nicht die Neugierde des Wirtes und der Kellnerinnen zu sehr zu reizen.

Zu Hause erzählte er seiner Tochter, was vorgefallen, sie war mit dem Plane völlig einverstanden. Bald darauf klingelte Saint Bleu an der Thüre, sie zog sich auf ihr Zimmer zurück. Als er eintrat, blickte er überall herum.

200 »Meine Tochter kann heute Ihre Gesellschaft nicht genießen,« sagte der General, »begnügen Sie sich indes mit diesem Briefe.« Er überreichte ihm das Schreiben, welches die Zofe indes wieder mit einem Sechserstück gesiegelt hatte.

Saint Bleu ergriff es rasch; als er es durchflogen, konnte er seine Verwirrung kaum bergen.

»Unangenehme Nachrichten?« fragte Roding mit forschendem Blicke.

»O nein,« dabei schob er den Brief schnell in die Tasche, »es hat mir die alte Tirolerin, der ich meine Rettung verdanke, geschrieben, daß sie kränkle, wahrscheinlich bedarf sie einer Unterstützung.«

»Hat der Marschall dem Könige noch nicht Bericht erstattet, daß sie eine Auszeichnung erhalte?«

»Er vergaß wahrscheinlich im Drange der Ereignisse darauf.«

»Nun, so ist es Ihre Pflicht, dafür zu sorgen.«

201 »Ich werde nächstens bei Sr. Majestät eine Audienz nehmen.«

Er verabschiedete sich. Der General verfügte sich zu Hortense, seine Mitteilung zerstörte jede Hoffnung.

Die Zofe erschien und brachte einen Brief, den ihr Saint Bleu zur Bestellung auf der Post übergeben hatte. Der General las die Adresse, sie lautete an Zenz beim Hirschen.

»Einspannen, und das Mädchen abholen!« befahl er.

Nach einer Viertelstunde klopfte es schüchtern, Zenz trat ein. Hortense erhob sich rasch und bot ihr die Hand: »Ich denke, wir können uns als Schwestern betrachten, haben wir doch beide das Gleiche erfahren!«

Der General übergab ihr den Brief. Sie bat ihn denselben vorzulesen. Er öffnete das Siegel.

»Ewiggeliebtes Mädchen!

Wie konntest Du, wenn ich Dir auch nicht schrieb, an meiner Liebe zweifeln? Mein Herz gehört Dir, bis es zu Staub zerfällt; was uns 202 trennt, ist die Bosheit des Schicksals. Der Kaiser Napoleon hat seinen Offizieren auf das strengste verboten, eine Braut aus einem feindlichen Volke zu freien. Meine Liebe gehört Dein für immer, aber ich muß Dich bitten und beschwören, München auf das schleunigste zu verlassen, wenn Du mich nicht in Unglück stürzen willst. Ich bleibe Dir treu, vielleicht kann ich Dich in einigen Jahren heimführen.

Dein

Saint Bleu.«

München, 20. November 1809.

»Der Mensch verdient nur noch Verachtung!« rief Hortense empört aus.

»Danken wir dem lieben Herrgott,« setzte Zenz bei, »daß er uns von ihm erlöst hat; er hat mir viel Herzeleid bereitet, ich hab' es aber durch meinen Leichtsinn verschuldet und will gern büßen.«

»Er wird der Strafe nicht entgehen!« sagte der General. »Morgen sollte die Verlobung sein, da mag er ernten, was er gesäet.«

Wir teilen den Plan, den der General 203 entwarf, hier nicht mit, und gesellen uns zu der Versammlung, welche der Abend des nächsten Tages in dessen glänzendem Salon vereinigte. Sie bestand großen Teils aus Personen des höheren Militärstandes: Herren und Damen, welche im lebhaften Gespräch oder flüsternd auf und ab wandelten, ohne Saint Bleu irgend eine Aufmerksamkeit zu schenken. Da trat der General ein, auch dieser würdigte ihn keines Wortes. Er wendete sich an die Gesellschaft: »Meine Herren und Damen! Die schriftlichen Gründe meines heutigen Verfahrens, über welches Sie vorläufig einig sind, liegen hier in der Mappe.« Er löste ein seidenes Band und hielt Saint Bleu seinen Brief entgegen: »Kennen Sie diese Schrift?«

Der Offizier hätte mögen in den Boden sinken.

»Das dürfte genügen,« fuhr der General fort, »aber auch die lebendigen Zeugen treten Ihnen gegenüber.«

Die Thüre des Salons ging auf. Hortense und Zenz erschienen Hand in Hand.

204 Saint Bleu war vernichtet.

»George!« wendete sich der General an einen Bedienten, »öffne dem Herrn Lieutenant die Thüre!«

Der Bediente gehorchte.

»Herr Lieutenant,« kommandierte der General, »rechts um, Marsch!«

Saint Bleu fuhr ab, ohne daß er noch wagte, den Blick zu erheben.

Vor der Thür empfing ihn der Profoß, forderte ihm den Degen ab und überreichte ihm ein Dekret, dem zufolge er wegen Bruch des Wortes schmählich kassiert ward.

Diese Geschichte endet ja wider allen Fug ohne Hochzeit.

Haben die schönen Leserinnen Poldl ganz vergessen? Sie atmen auf und denken sich in der Stille: »Ah, doch eine Hochzeit, Poldl wird seinem Charakter untreu und heiratet Zenz.« – Leider nicht! Er lieferte keinen Nachtrag zu »Menschenhaß und Reue« und verschmähte die sentimentalen Thränen, die vielleicht die Zukunft über seinen Edelmut geweint 205 hätte. Nach der Niederwerfung des Aufstandes floh er aus Tirol, wo sein Haupt als das eines Rädelsführers dem Tode verfallen war. Zu Wien erhielt er ein Stipendium, widmete sich an der Hochschule, welche ihm die meisten Hilfsmittel bot, einem gründlichen Studium der Arzneikunde. Bei seinen zahlreichen botanischen Streifzügen lernte er in einem Landhäuschen, wo ihn ein Gewitter einzukehren veranlaßte, die Tochter eines wohlhabenden Bürgers von Klosterneuburg kennen und vermählte sich ihr nach einigen Jahren. Als Tirol wieder unter die Herrschaft Österreichs zurückfiel, beschloß auch er in die schönen unvergeßlichen Berge heimzukehren und in Wiltau die Praxis zu üben. Er kaufte ein Haus, rechts ober der Triumphpforte; wer auf den Berg Isel geht, erkennt es an dem Giebeldach und breiten Söller; bald erlangte er einen glänzenden Ruf und zählte zu den ersten Ärzten des Thales.

Versöhnte er sich nie mehr mit Zenz? – Diese reiste, nachdem sie innige Freundschaft mit Hortense geschlossen, nach Wiltau zurück. 206 Ihr ganzes Wesen war verwandelt. Die Erfahrungen, welche über sie verhängt waren, hatten es geläutert. Anfangs mußte sie freilich manche Spötterei hören, ruhig nahm sie dieselbe als Buße hin und gewann bald durch ihr ernstes, würdiges Betragen die allgemeine Achtung, so daß man die Thorheiten ihrer Jugend vergaß. Auf der Bühne trat sie nie mehr auf, doch verfaßte sie später für dieselbe einige Stücke, von denen wir bereits gesprochen. Sie verhehlte ihre Absicht, die Jugend zu belehren, keineswegs, und so ist die moralisierende Richtung derselben begreiflich. Als auf den Brettern Unfug und Zotten einrissen, zog sie sich ganz zurück, indem sie den Tod ihrer Mutter zum nächsten Anlaß nahm.

Poldl war mit seiner Familie gekommen. Sie fühlte, daß sie an ihm schweres Unrecht gut zu machen habe, und that es auf eine edle Weise. Ohne ihn selbst aufzusuchen, bat sie den Beichtvater, statt ihrer ein offenes Bekenntnis abzulegen und ihn um Verzeihung zu bitten. Schon am nächsten Morgen eilte Poldl 207 zu ihr. Sie standen sich einen Augenblick in sprachloser Rührung gegenüber, dann reichten sie sich zum Freundesbunde für das ganze Leben die Hand. Und sie sind auch Freunde geblieben. Man sah sie noch als Greise oft im Garten sitzen, wie sie von alten Zeiten redeten, Poldls Enkel spielten zu ihren Füßen. Er starb vor ihr. Sie betrauerte ihn auf das tiefste und war fortan die treueste Stütze der Witwe, bis auch diese an der Seite des Gatten eingesargt wurde. Links ist Zenz begraben.

Sei ihnen allen die Erde leicht!

 


 








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