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Die Flasche und mit ihr auf Reisen

Joachim Ringelnatz: Die Flasche und mit ihr auf Reisen - Kapitel 12
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Flasche und mit ihr auf Reisen
authorJoachim Ringelnatz
firstpub1932
year1932
publisherRowohlt Verlag
addressBerlin
titleDie Flasche und mit ihr auf Reisen
created20060524
sendergerd.bouillon
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Vier Tage Darmstadt

In Mainz angelangt, telefonierten wir nach Groß-Gerau. Der Adlerwirt hieß meine fünf Kollegen willkommen.

In einem Hausflur zog ich mich bis aufs Hemd um. Grischa stand Schmiere, konnte aber nicht verhindern, daß eine Dame pikiert durch unsere Aktion ging. Dann sagte ich ihm und Petra Lebewohl, denn mich rief eine brennende Sehnsucht nach Frankfurt a. M.

Auf dem Bahnsteig begegnete mir plötzlich unser Funduskorb. Ich grüßte ihn mit Hut und Verneigung, und der Mann, der den Korb vorbeifuhr, sagte lächelnd: »Ich weiß Bescheid.«

Im Börsenstübl in Frankfurt traf ich alle die an, die ich dort erwartet hatte, vor allem den lieben und geistreichen Glasmaler L., der »gerade im Moment von mir gesprochen« hatte. Er nahm mich mit nach Haus zu seiner Frau und bewirtete mich ausgiebig. Wir führten so intensive Gespräche, daß wir immer wieder Fäden unterbrachen durch Fäden, die wir wiederum unterbrachen. Da ich hinterher noch die Astoriabar und dann noch die Martinibar aufsuchte, um möglichst viel Erlebnisse im trauten Frankfurt einzuheimsen, erreichte ich schließlich – gegen einen Rausch kämpfend – mit knapper Not den Zug nach Darmstadt. Im Hotel »Zur Traube«, wo ich zuletzt mit Paul Wegener gesessen hatte, schlief ich bis zum nächsten Mittag.

Der B.-Nachweis schrieb, wir sollten an Darmstadt keine großen pekuniären Hoffnungen knüpfen. Dort wäre nicht viel zu holen. Wir sollten aber nicht den Mut verlieren, sondern auf die Großstädte Basel, Zürich, München vertrauen.

Ich erhielt beglückende Briefe von M. und eine Kiste mit vier Flaschen Deinhard-Sekt aus Koblenz. Der Intendant Hartung vom Landestheater begrüßte mich. Er erwähnte, daß er sich für mein neues Stück »Briefe aus dem Himmel« interessiere und daß er sich morgen unsere »Flasche« ansehen wolle.

Ungern und nicht ohne ein Fünkchen Angst vor der Rache des Schicksals – aber notgedrungen – wechselte ich den Dollar ein, den mir ein Berliner Freund, gewissermaßen als Talisman, mitgegeben hatte.

Darmstadt, 10. Juni 1932. Der letzte Beifall ist verrauscht. Wir Männlichen sitzen abgeschminkt, umgezogen in unserer Garderobe, ich vor meinen zwei treuen Bühnentieren, der Möwe und dem Krokodil. Neben mir rechnen Grischa und Regisseur – Zahlenschweiß auf der Stirn – wieder und wieder die Aufstellung der Einnahmen durch. Es dringen Satzbrocken an mein Ohr wie »zwei Parkett – sechzehn Vorzugskarten – Balkon – Sperrsitz – achtzig Plätze, davon sechzig zurück – Studentenkarten – verkauft – davon Freikarten – – –«

Endlich händigt uns Grischa gesenkten Hauptes das Resultat ein. Für mich ergibt das an diesem ersten Darmstädter Abend dreizehn Mark und einige Pfennige. Such is life!

Das Orpheum war früher ein Zirkus. Ein großer, runder Bau, der zirka eintausendzweihundert Plätze faßt. Meist spielt man hier Varieté oder Operette. Mit solcher Erwartung mochte ein Teil des Publikums gekommen sein, denn es gab viele »Lacher an falscher Stelle«. Aber man spendete uns reichlich Applaus, und ich wurde sogar beim ersten Auftritt mit Händeklatschen empfangen.

1. [11.?] Juni. Die »Hessische Landeszeitung« und das »Darmstädter Tagblatt« haben die »Flasche« als Stück verrissen. Mich würde mehr interessieren, was der gescheite Darmstädter Kritiker Michel zu unsrer Aufführung gesagt hätte, auch wenn sein Urteil noch so ablehnend wäre.

Ich hatte Freunde zu Besuch, aber die Sorge, wie ich das Geld für die Weiterreise, fürs Hotel, für eine notwendige Hutreparatur und anderes aufbringen sollte, machte mich griesgrämig. Wir waren alle deprimiert, und dieser Unmut wuchs, als wir abends in dem riesigen Theater nur wenige Zuschauer erblickten. Wir konnten uns das absolut nicht erklären. War die Reklame ungenügend? War dieser schwache Besuch eine Folge der unflätigen Kritik im »Darmstädter Tagblatt«? Oder war Bestechung im Hintergrund? Wir wurden nach allen Seiten hin mißtrauisch und gingen sehr bedrückt einher. Ich selbst fand allerlei an meinen Freunden auszusetzen. Glücklicherweise sprach ich das nicht aus, denn am nächsten Tage war ich schon wieder anderer Meinung. Ich wappnete mich mit Energie und fuhr nach dem Frühstück nach Frankfurt. Eine mir wohlgesinnte Redaktion zahlte mir einen Honorarvorschuß aus und, da ich kluge und herzliche Gesellschaft genossen und obendrein eine Flasche Whisky und Briefpapier geschenkt erhalten hatte, kehrte ich abends sehr reich und stark nach Darmstadt zurück.

Ich saß auf der Terrasse meines Hotels. Auf dem Platz davor staute sich eine aufgeregte Menge. Autos mit Polizisten rasten hin und her. Polizisten zu Pferd erschienen und verteilten sich. Polizisten zu Fuß mit Gummiknüppeln in der Hand standen irgendwo und liefen plötzlich im Laufschritt anderswohin. Dann passierte ein langer Zug sozialdemokratischer Demonstranten. Musik – Sprechchöre – leuchtend rote Fahnen mit Silberpfeilen – Schilder mit Aufschriften wie z. B. »Fegt Hitler weg« – dahinter Leute mit geschulterten Besen – dahinter Leute in Reih und Glied, die immerzu riefen »Deutschland erwache«. Dahinter jüngere Mädchen und Burschen, die zur Marschmusik einer zweiten oder dritten Kapelle sangen »Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt«.

Das war ein Theater, das unserem Theater gewiß nur Schaden bringen mußte. Dazu kam noch die plötzlich eingetretene, unerträgliche Hitze. Aber ich wußte, daß an diesem Abend eine große Gesellschaft von meinen Bekannten aus Frankfurt sich die »Flasche« ansehen wollte. Mit denen verbrachte ich hinterher noch schöne Stunden, wieder auf jener luftigen Terrasse.

Die fünf von uns, die in Groß-Gerau wohnten, hatten inzwischen im »Adler« die Kleinstadtbühne vorbereitet, mit einem emsigen Fleiß aus altem vernachlässigten Kulissenkram alles Nötigste für die Flaschendekoration zusammengestellt, Plakate angeschlagen und in der Lokalzeitung wie auch mündlich in der Umgebung Propaganda für unsere Nachmittagsvorstellung gemacht. Sonntags früh waren wir alle im Adler versammelt, auch der Funduskorb war zur Stelle. Der Adlerwirt setzte uns mittags gebratne Hähnchen vor. Dazu tranken wir Deinhard-Sekt. Oho! Auf den Straßen vor dem Gasthof waren die Groß-Gerauer und die Nachbardörfler in lebhafter Bewegung. Ungeachtet der Gluthitze spielten sie Militär, traten an, zählten ab, schwenkten links, marschierten hin und her mit Musik. Männer, Frauen und Kinder wurden des politischen Schreiens nicht müde.

Im Pissoir des »Adler« hatte ein Unbekannter an die Wand geschrieben »der Arbeiter, wo Hindenburg oder Hitler wählt, gehört mein Lebetag gequält«.

Um halb vier Uhr sollte unsere Vorstellung beginnen. Um halb vier Uhr waren als Publikum erschienen: zwei Damen und ein Knabe. Denen dankten wir für ihr Erscheinen und erklärten die Vorstellung für abgeblasen. Die Witzeleien, die wir daran knüpften, kamen uns nicht recht aus dem Herzen. Der Kraftwagen, der uns nach Darmstadt zurückbrachte, prellte uns, daß uns die Knochen schmerzten, und er kostete vierzehn Mark. Als wir ausstiegen, schüttelte der Chauffeur jedem von uns die Hand und sagte: er schäme sich als Groß-Gerauer, daß wir in seiner Vaterstadt keinen Erfolg gehabt hätten.

In der letzten Darmstädter Vorstellung waren fast nur persönliche Bekannte von mir anwesend. Mit dem Bildhauer Fiori und andrer Gesellschaft saß ich noch auf der Terrasse, empfahl mich aber bald, weil wir sehr früh weiterreisen wollten. Ich meldete ein Ferngespräch nach Berlin an und unterhielt mich lieb mit M. von Bett zu Bett. M. sagte: »Ich sehe gerade durchs Fenster eine große Feuersbrunst, etwa in der Richtung Funkturm.«

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