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Die Fernschule

Kurd Laßwitz: Die Fernschule - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBis zum Nullpunkt des Seins und andere Erzählungen
authorKurd Laßwitz
year2001
publisherAllitera Verlag
addressMünchen
isbn3-935284-82-9
titleDie Fernschule
pages7-16
created20010830
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1902
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Kurd Laßwitz

Die Fernschule

(1902)

»Es ist doch ein weiter Weg bis nach Hause – an solch heißen Tagen merkt man's. Ich glaube, ich bin müde. Aber etwas Bewegung tut freilich gut.«

So dachte der Professor Frister, als er nach vier absolvierten Unterrichtsstunden aus dem Gymnasium heimkehrte. Nun hatte er sich's in seinem Studierzimmer bequem gemacht. Er saß am Schreibtisch, stützte den Kopf in die Hände und strich das graue, vom raschen Gang noch feuchte Haar aus der Stirn.

»Es ist gerade noch ein Stündchen Zeit vor Tisch. Also was tun? Arbeiten natürlich. Da liegen zwei hohe Stöße blauer Hefte, Primanerarbeiten, Korrekturen, die erledigt werden müssen. Aber das geht jetzt nicht! Es ist ja freilich sehr interessant, jedes Jahr eine neue Generation, immer neue Individuen den Weg der geistigen Entwicklung zu führen! Welch schöne Aufgabe, denselben Lehrstoff nun zum achtundzwanzigsten Mal mit immer frischen Kräften zu beleben! Schade nur, dass sich die Individuen ein wenig stark wiederholen! Was in den Heften steht, weiß ich ganz genau. Es sind immer dieselben Fehler. Höchst lehrreich für den Statistiker, wie sich bei all den Einzelnen dasselbe Gesetz des menschlichen Irrtums in seiner Entwicklung durchsetzt – höchst interessant! Aber jetzt, jetzt bin ich doch etwas zu müde.«

Frister griff nach einem Stoß Papiere, die seine eigenen Untersuchungen über den Verlauf der täglichen Temperaturkurven enthielten – äußerst wichtig für die Frage der Hitzeferien –, und vertiefte sich hinein. Da lag ein schwieriger Punkt, über den er noch nicht fortgekommen war. Zwar, er wusste den einzuschlagenden Weg, aber die Berechnungen, die erforderten eine Arbeit von vielen Monaten – wo sollte er die Zeit hernehmen?

Er tauchte die Feder ein, machte eine Notiz, legte die Feder wieder hin und stützte den Kopf aufs Neue zwischen die Hände.

»So ginge es schon«, dachte er. »Man müsste nur eben frisch dazu sein. Aber wann? Die vier Stunden, das viele Reden und das Aufpassen und der Ärger über dieselben Dummheiten und der Weg. – Im Ganzen sind wir doch in der Schultechnik noch sehr zurück. Sollte man da nicht ein mal etwas Besseres finden als diese alte Praxis, dass Lehrer und Schüler in eine Klasse zusammenlaufen und... Nun ja, natürlich, eine ideale Aufgabe ist es... indessen, es wird doch viel Kraft vergeudet, und – und es macht etwas müde. Ich meine, die Entwicklung der Technik könnte hier einen ökonomischeren Weg finden.«

Frister lehnte sich in den Stuhl zurück und schloss ein wenig die Augen.

»Ja«, dachte er weiter, »in hundert oder zweihundert Jahren, wie mitleidig wird man auf unsere veraltete kraftverschwenderische Methode zurückblicken! Eine Jugend, der das Verantwortlichkeitsgefühl stärker in Fleisch und Blut übergegangen ist, eine Lehrerschaft, die sich der modernsten Technik bedient; keine Entschuldigungen, keine Täuschungsversuche, keine Kindereien, keine Missgriffe, keine Überbürdung – ideale Zustände! Warum kann ich nicht bis dahin – vielleicht – Urlaub nehmen; komisch, dass mir das noch nie eingefallen ist – sehr komisch –, ich muss doch einmal fragen... Hat es nicht eben geklopft? – Ach, Sie sind es, Herr Kollege Voltheim – das ist ja sehr nett! Eben dachte ich an Sie. Sie sind der Mann der Erfindungen. Kennen Sie nicht eine Einrichtung, die das Unterrichten – wie soll ich sagen? – modernisiert, vereinfacht... hm...«

»Nun, ich dächte doch«, erwiderte Voltheims Stimme, »unsere Fernschule sei eine ganz vorzügliche Einrichtung.«

»Fernschule? Warum sehen Sie mich so – so seltsam an, Herr Kollege? Ich bin nur etwas ermüdet; bitte, nehmen Sie doch Platz.«

»Ich weiß wohl, Ihre Unterrichtsstunde wird gleich beginnen, aber ich hoffe, Sie dabei nicht zu stören.«

»Heute? Mich? Nein, natürlich nicht. Mir ist so eigen zu Mute, ich habe wohl etwas Kopfschmerz. Was haben wir denn für einen Tag?«

»Den achten Juli neunzehnhundertneunundneunzig, Herr Naturrat.«

»Soso – ganz recht. Hm! Ich dachte nur eben – Naturrat –, Sie müssen doch immer Ihre Späßchen machen.«

»Das ist nun einmal Ihr Titel als Fernlehrer der Geographie am zweihundertelften telefonischen Realgymnasium. Aber hören Sie nicht? Es klingelt. Die Schüler haben ihren Anschluss genommen. Sie können beginnen.«

Frister gab sich Mühe, seinem Kollegen ins Gesicht zu sehen, aber die Züge verschwammen vor seinem Blick. Er vernahm ein leises, melodisches Rasseln, ohne sich erklären zu können, woher es kam. Das ist gewiss so ein Witz von Voltheim, dachte er. Nun gut, ich will ihn nicht stören. Wir werden ja sehen, was er vorhat. Und lachend sprach er: »Lieber Herr Kollege, ich bin ja jetzt gar nicht vorbereitet, auch weiß ich überhaupt nicht, was Sie mit der Fernschule meinen.«

»Oh, ich bitte Sie, Herr Naturrat« – so hörte er deutlich Voltheim wieder reden –, »jetzt wollen Sie mich ein wenig aufziehen. Sie haben ja gestern schon Ihren Vortrag für heute in den Phonographen gesprochen. Und über die Fernschule haben Sie bereits im Jahre neunzehnhundertsiebenundsiebzig eine Broschüre geschrieben. Sie erinnern sich doch?«

»Bin dazu wirklich nicht im Stande.«

Voltheim lachte deutlich. »Nun, dann passen Sie auf«, sagte er. »Sie sehen doch drüben an der Wand die eigentümliche Gemäldegalerie?«

Frister blickte auf. Er war höchlichst erstaunt. In der Tat, an der Wand, wo sonst ein Bücherregal stand, befanden sich einige dreißig rechteckige Rahmen. Aber die Bilder darin waren lebendig. Junge Leute zwischen sechzehn und neunzehn Jahren streckten sich da in bequemer Haltung jeder auf einem Lehnsessel. Und wahrhaftig, das waren ja seine Primaner, wenn auch in ungewohnten Anzügen. Das war sein Primus, dessen glattgeschorener Kopf kaum hinter seiner Zeitung hervorguckte. Und der Meyer rauchte sogar gemütlich seine Zigarre. Andere kauten an ihrem Frühstück.

»Ich möchte wahrhaftig glauben, dort meine Schüler zu sehen«, sagte Frister. »Sehr interessant! Wenn ich nur wüsste, was das bedeutet. Sollte ich etwa wirklich ein Jahrhundert Urlaub gehabt haben? Nehmen Sie das einmal an, Herr Kollege, und sprechen Sie zu mir, als schrieben wir heute tatsächlich das Jahr neunzehnhundertneunundneunzig, ich aber hätte momentan mein Gedächtnis verloren.«

»Sehr gern, Herr Naturrat, wenn Ihnen das Spaß macht. Diese jungen Leute bilden allerdings die Oberprima des zweihundertelften Fernlehrrealgymnasiums. Sie befinden sich nämlich in Wirklichkeit nicht etwa in einem Klassenzimmer, sondern die meisten von ihnen sitzen in ihren eigenen Wohnungen, geradeso wie Sie selbst. Nur wo die Eltern nicht die Mittel haben, den gesamten Fernlehrapparat im Hause unterzubringen, begeben sich die Schüler zu den dazu eingerichteten öffentlichen Fernlehrstellen. Die jungen Leute wohnen, wie Sie wissen, an den verschiedensten Stellen unseres Vaterlands, denn der Fernlehrverkehr lässt sich bis auf tausend Kilometer und mehr ausdehnen.«

»Ich weiß wirklich gar nichts, Herr Kollege. Sprechen Sie nur weiter. Während meines Urlaubs muss die Technik großartige Fortschritte gemacht haben.«

»Das will ich meinen! Nicht nur der Fernsprecher, sondern auch der Fernseher sind so vervollkommnet worden, dass man mit den Worten des Redenden zugleich seine Gestalt, seine Bewegungen, jede seiner Gebärden aufs Deutlichste wahrnehmen kann. Nun ist es natürlich nicht mehr nötig, dass man die weiten Schulwege zurücklegt, Lehrer und Schüler können hübsch zu Hause bleiben.«

»Sehr erfreulich«, murmelte Frister. »Aber die persönliche Anregung...«

»Fehlt nicht. So wie Sie die Schüler erblicken, so sehen diese den Lehrer, nur in einem bedeutend größeren Rahmen, sozusagen in Lebensgröße vor sich. Dagegen können die Schüler sich untereinander nicht sehen, sondern nur hören, aber was sie reden, das hören Sie dann auch alles. Sie brauchen nur auf die Taste dort vorn zu drücken, so sind Sie angeschlossen, und der Unterricht kann beginnen.«

»Ich verstehe. Wie viel Störungen sind damit ausgeschlossen! Aber ist es denn so eilig? Hören Sie, Kollege, die Einrichtung muss doch den Staat ein gutes Stück Geld gekostet haben!«

»Was tut das? Seitdem die unermesslichen Goldfelder auf Neu-Guinea und die Petroleumquellen in Deutsch-China entdeckt sind, haben wir so viel Geld, dass man es schließlich zu gar nichts Besserem als zu Bildungszwecken zu verwenden weiß.«

»Ei, ei! Was habe ich denn da jetzt für ein Gehalt?«

»Aber Sie wissen doch! Als Naturrat – fünfzigtausend Mark. Doch zur Sache. Natürlich hat die Schulhygiene nicht geringere Fortschritte gemacht. Die Überbürdungsfrage ist erledigt. Die Sessel, auf denen die Schüler ruhen, sind in sinnvollster Weise mit selbsttätigen Messapparaten versehen, die das Körpergewicht, den Pulsschlag, Druck und Menge der Ausatmung, den Verbrauch von Gehirnenergie anzeigen. Sobald die Gehirnenergie in dem statthaften Maß aufgezehrt ist, lässt der Psychograph die dadurch eingetretene Ermüdung erkennen, die Verbindung zwischen Schüler und Lehrer wird automatisch unterbrochen und der betreffende Schüler damit vom weiteren Unterricht dispensiert. Sobald ein Drittel der Klasse auf diese Weise ›abgeschnappt‹ ist, haben Sie die Stunde zu schließen.«

»Sehr gut, scheint mir. Indessen, wenn ich selbst ein wenig müde bin, wie zum Beispiel heute...«

»Aber bei dem Gehalt! Doch auch dafür ist gesorgt. Wenn Sie jetzt anfangen wollen, so legen Sie gefälligst erst diese gestempelte Gehirnschutzbinde an. Sie werden dadurch vor der Gefahr bewahrt, in der Schule mehr Gehirnkraft zu verschwenden, als es der Fähigkeit der Schüler und ihrer eigenen Gehaltsstufe entspricht. Und nun drücken Sie. Hören Sie, es klingelt. Jetzt erscheint Ihr Bild auch den Schülern, und Sie können mit ihnen sprechen.«

»Aber was denn? Ich bin ja nicht vorbereitet«, flüsterte Frister leise zu Voltheim.

»Das wird sich schon finden«, erwiderte dieser ebenso. »Sie, als erfahrener Lehrer – lassen Sie nur die Schüler reden. An jedem Rahmen steht der Name. Ihr Vortrag steckt hier im Phonographen, Sie brauchen bloß zu drücken.«

Man bemerkte sogleich, dass der Lehrer auf dem Wege der Fernwirkung in die Klasse getreten, das heißt den Schülern sichtbar geworden war. Rathenberg steckte seine Zeitung fort, Meyer brachte schleunigst seinen Zigarrenstummel beiseite, Suppard und Neumann schluckten die letzten Bissen ihrer Frühstücksbrötchen hinunter.

Frist überblickte seine Bilderrahmen.

Einer der Schüler, es war Meyer, machte eine Verbeugung und sagte: »Ich habe vorige Stunde gefehlt.«

»Warum?«

»Ich musste mir die zweite Gehirnwindung massieren lassen.«

Frister schüttelte den Kopf. Wie konnte er wissen, ob das eine genügende Entschuldigung nach moderner Auffassung war? »Wozu war denn das nötig?«, fragte er und gab dabei Voltheim einen Wink, er möge ihm einhelfen.

»Ja«, sagte Meyer, »meine Eltern haben meine Träume fotografieren lassen, und dabei zeigte sich, dass ich immer von Pferden träumte.«

»Schwindel!«, flüsterte Voltheim. »Die Pferde sind längst ausgestorben.«

»Aber die Pferde sind ja schon lange ausgestorben«, sagte Frister.

»Eben darum, Herr Naturrat, musste ich mich massieren lassen.«

»Ach was, Geographie ist die beste Gehirnmassage.«

Frister merkte, dass zwei der Rahmen, die noch leer waren, sich eben erst füllten. Er las die Namen und sagte: »Nun, Heinz, wo kommen Sie denn erst jetzt her?«

»Entschuldigen Sie, Herr Naturrat, meine Mama hat gestern unsere Tascheneiweißmaschine im Frauenklub auf Spitzbergen liegen lassen, die musste ich schnell holen, und da es sehr windig war, habe ich mich etwas verspätet.«

»Und Sie, Schwarz, weshalb kommen Sie so spät?«

»Ich, ich – mein Vater ist gestern Geheimer Elektrizitätsrat geworden...«

»Nun, da sehe ich doch keinen Kausalzusammenhang.«

»Ja, wir sind zur Feier an die Zentralsektleitung angeschlossen worden, und deshalb konnte ich nicht gleich in mein Zimmer.«

»Ausrede!« flüsterte Voltheim. »Hat gekneipt.«

»Na, na«, sagte Frister, »die Sache scheint mir nicht ganz klar. Nun sagen Sie mir einmal, Meyer, was haben wir in der vorigen Stunde durchgenommen?«

»Entschuldigen Sie, Herr Naturrat, ich habe gestern gefehlt.«

»Ach richtig. Sagen Sie mir's, Brandhaus.«

»Entschuldigen Sie, Herr Naturrat, ich konnte gestern nicht arbeiten. Hier ist die Entschuldigung von meinem Vater.«

Brandhaus drückte auf den Knopf seines Phonographen, und man hörte die Bassstimme eines ältere Mannes: »Mein Sohn Siemens konnte gestern wegen Übermüdung der Armmuskeln seine Schularbeiten nicht machen. Brandhaus.«

»Wie?«, fragte Fristen »Die Arme brauchen Sie doch nicht zum Repetieren?«

»Unser Motor ist nicht in Ordnung, und so hätte ich den Phonographen, womit ich nachgeschrieben hatte, selber drehen müssen, und das konnte ich eben nicht.«

»Wodurch haben Sie sich die Übermüdung zugezogen?«

»Bei Übungen mit dem Flugrad.«

Frister sah sich verlegen nach Voltheim um.

»Kann schon sein«, murmelte der. »Hat wahrscheinlich eine Luftpartie mit jungen Damen gemacht und zu viel Luftquadrillen getanzt.«

»Na, hören Sie, Herr Kollege, Entschuldigungen scheint's in der Fernschule nicht weniger zu geben als zu meiner Zeit.« Und er wandte sich wieder zu den Schülern.

»Nun, denn, Rathenberg, was haben wir durchgenommen?«

»Die Lichtfernsprechstellen mit Amerika. Aber die gibt's nicht mehr. Sie sind alle wieder eingezogen, weil man sie durch den chemischen Ferntaster ersetzt hat. Die neuentdeckten chemischen Lösungsstrahlen durchdringen nämlich das heiße Innere des Erdballs, und man ist somit in der Lage, durch die Erde hindurch auf chemischem Wege zu sprechen.«

Frister wiegte vor Verwunderung den Kopf hin und her.

Der Schüler nahm dies als Zeichen eines Einwands und fuhr fort: »Herr Naturrat nannten allerdings noch die Verbindung ›Kreuzberg-Chimborasso‹, aber die ist seit heute früh auch eingezogen. Ich habe es eben im Berliner Fernanzeiger gelesen.«

»Schon gut – nun, Hornbox, fahren Sie fort.«

»Die wichtigsten Staaten Amerikas sind das Kaiserreich Kalifornien, das Königreich New York, die Anarchistenrepublik Kuba, der Kirchenstaat Mexiko und das südamerikanische Sonnenreich.«

Was man da alles hört! dachte Frister. Aber er sagte nur: »Fahren Sie fort, Schwarz.«

Schwarz begann mit einer Geläufigkeit, dass Frister den Worten kaum zu folgen vermochte: »Nachdem durch die direkte Verwendung der Sonnenstrahlung zur Arbeitskraft die Techniker der herrschende Stand geworden waren und die Arbeitsmittel der Menschheit in ihrer Hand vereinigt hatten, gründeten sie einen Staat auf Aktien, indem sie alles in Südamerika zwischen den Wendekreisen verfügbare Land ankauften. Da sie ihre Macht direkt von der Sonne ableiteten, benannten sie diesen Staat den Sonnenstaat. Über die hohen Gebirge wie über die Baumwipfel und Steppen der weiten Ebenen zogen sie ihre Strahlungssammler...«

»Aber, Schwarz, Sie bewegen ja gar nicht die Lippen beim Sprechen. Und warum spielen Sie denn immerfort mit den Fingern da auf Ihrem Tisch? Sie lesen wohl gar ab?«

»Bitte sehr, Herr Naturrat« – und Schwarz fingerte weiter auf seinem Platze –, »ich spiele ja auf der Sprechmaschine. Ich kann nämlich nicht selbst sprechen, weil ich mir die Zunge verbrannt habe.«

»So fahren Sie fort.«

»So weit waren wir gerade gekommen.«

Frister wandte sich verlegen nach Voltheim um. »Was nun?«, fragte er.

»Lassen Sie Ihren Phonographen reden.«

Frister drückte auf das Instrument, und zu seiner größten Verwunderung hörte er jetzt seine eigene Stimme: »Wir betrachten nun die Entdeckungsfahrten nach dem Südpol. Wir haben es heutzutage freilich leicht, mit unseren Flugmaschinen über die Eiswüste zu gleiten, aber bedenken Sie, welche Schwierigkeiten sich noch vor hundert Jahren boten, welcher Mut dazu gehörte, mit jenen gebrechlichen Wasserschiffen und auf dürftigen Hundeschlitten in die unzugänglichen Regionen sich zu wagen. Wenn unsere Vorfahren so bequem gewesen wären wie Sie, so wären wir niemals an den Südpol gelangt. Das waren ganz andere Leute! Nie wäre es einem Schüler des neunzehnten Jahrhunderts eingefallen, während des Unterrichts heimlich Kunstspargel zu essen, wie ich das neulich leider bemerken mußte, noch dazu ein Genussmittel, das fast an Schlemmerei grenzt. Denken Sie daran, welche Qualen des Hungers die Forschungsreisenden mitunter ausstehen mußten! Es kam vor, dass sie wochenlang nichts hatten als rohen Vogelspeck, aber auch dann verloren sie den Mut nicht, und mitten in den Qualen des Heißhungers schrieb einer jener Helden in sein Tagebuch das denkwürdige Wort...«

»Emil, willst du heut Abend Kunstspargel essen? Sie sind nicht teuer.« Es war eine hohe Frauenstimme, die an dieser Stelle des Vortrags plötzlich zwischen den Worten des Redners sich vernehmen ließ.

Ein schallendes Gelächter sämtlicher Schüler begrüßte diese Unterbrechung. Entrüstet wandte sich Frister nach Voltheim um.

»Was war das?«, fragte er.

Voltheim lächelte ebenfalls. »Da muss«, sagte er, »gestern während Ihrer Vorbereitung zum Unterricht wohl gerade ihre Frau Gemahlin mit dieser Frage eingetreten sein, und der Phonograph hat die Worte natürlich getreu reproduziert.«

»Aber, lieber Herr Kollege, das ist doch etwas fatal bei dieser Fernschule...«

»Sehen Sie, das hat auch sein Gutes. Dieser Lachkrampf hat die Schüler so angestrengt, dass acht Klappen herabgefallen sind. Diese Schüler sind übermüdet. Noch drei, und Sie müssen den Unterricht schließen.«

»Oh, das wäre mir wirklich recht, denn ich bin – wie ich Ihnen, glaub' ich, schon sagte – selbst etwas angegriffen. Nun hören Sie nur, was ist denn das wieder, diese hohe Glocke?«

»Das ist das Zeichen des Direktors, er möchte mit ihnen sprechen.«

In der Tat vernahm Frister jetzt deutlich eine fremde Stimme: »Entschuldigen Sie, lieber Herr Naturrat, dass ich Sie störe. Aber eben erfahre ich, dass der Kollege Brechberger mit seinem Luftrad gegen einen Schornstein gerannt ist und sich etwas erschreckt hat. Sie müssen so gut sein, ihn in der nächsten Stunde zu vertreten.«

»Oh, recht gern...«

Der Direktor klingelte ab.

»Was soll ich denn nun anfangen, bester Voltheim«, klagte Frister, »die übrigen Schüler scheinen noch ganz munter, und an den Phonographen wage ich mich nicht mehr.«

»Lassen Sie sie doch das Vorgetragene wiederholen.«

Frister wandte sich wieder zur Klasse: »Nun wiederholen Sie mir einmal, was ich gesagt habe.«

Er sah jetzt, wie alle Schüler fast gleichzeitig auf ihre Phonographen drückten, auf denen sie den Vortrag fixiert hatten. Die Apparate schnurrten ab. In ungeregeltem Zusammenklange brausten die vorgetragenen Worte von zwei Dutzend Phonographen an sein Ohr, immer schneller und schneller summte und brummte es, er fühlte, wie ihm in diesem betäubenden Gewirr schwindlig wurde, er stöhnte auf, griff nach seinem Kopf, und auf einmal war es still – ganz still.

»Ach, die Hirnbinde!« dachte er. »Gewiss bin ich zu ermüdet, da ist der Unterricht von selbst geschlossen – ich bin ausgeschaltet. Gott sei Dank!«

Da fuhr er plötzlich in die Höhe. Der Rahmen vor ihm war verschwunden. Seine alten Bücher standen wieder dort.

»Aber sagen Sie doch, was ist denn das, Kollege Voltheim?«

Sein Kollege Voltheim stand neben ihm und sprach: »Entschuldigen Sie vielmals, Herr Professor – hoffentlich habe ich Sie nicht aufgeweckt. Als ich eintrat, schlummerten Sie so schön, dass ich mich ganz leise hier aufs Sofa setzte, um Sie nicht zu stören.«

»Soso, ich schlummerte? Ich hörte Sie doch noch kommen! Denken Sie, da habe ich etwas Merkwürdiges geträumt. Fünfzigtausend Mark Gehalt! Aber zuletzt sollte ich einen Kollegen vertreten...«

»Ja, das ist nun leider Wirklichkeit, deswegen kam ich her – der Kollege Treter...«

»Was Sie sagen! Wann denn?«

»Morgen früh um acht Uhr.«

»In der Klasse?«

»Wo denn sonst?«

»Ich dachte, in der Fernschule. Sie wundern sich? Ja, wenn Sie wüssten! Ich hatte nämlich hundert Jahre Urlaub! Na, nehmen Sie Platz, Kollege. Also morgen? Das ist mir lieb, denn heute bin ich wirklich etwas angegriffen.«








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