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Die Farbigen / Nathan, der Squatterregulator

Charles Sealsfield: Die Farbigen / Nathan, der Squatterregulator - Kapitel 7
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleDie Farbigen / Nathan, der Squatterregulator
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180713
projectid0ded14a0
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Das blutige Blockhaus

I.
Das blutige Blockhaus

Nach einer Weile hub er an:

»Das Hinterwäldlerleben gewinnt sehr bald einen eigentümlichen Reiz, wenn man jung, mit einer ungeschwächten Konstitution ein empfängliches Gemüt für die Urnatur verbindet. Und welches Gemüt würde nicht empfänglich für und hingerissen durch diese Urnatur, die uns im Gegensatze zu der verkünstelten Natur der alten Welt bei jedem Schritte so außerordentliche Kontraste vor die Augen rückt? Dem Neuling ist zumute, als ob er bisher in einen Käfig eingeschlossen, plötzlich aus diesem beengenden Zustande befreit, in unendlichen Räumen umherschwirrte. Ein gewisser leichter Schauder, eine Befangenheit, Ängstlichkeit begleiten diese vagen Empfindungen. Die Unendlichkeit ergreift ihn, die anscheinende Regellosigkeit verwirrt ihn, und Selbstvertrauen kehrt erst zurück, wenn er seine Kräfte versucht, Gefahren überwunden, sich seiner Herrschaft vergewissert hat. Die Springkraft, die der Geist dann erlangt, ist wirklich ein Phänomen. Es entsteht ein eigentümliches, gleichsam trotzendes Bewußtsein inwohnender Kraft, eine der Hauptnuancen in dem interessanten Hinterwäldlercharakter. Und in der Tat, die mannigfaltigen Gefahren und Entbehrungen, die täglichen, stündlichen saltos mortales vom Ersticken im Sumpfe zum Ertrinken im Bayou, von einem Alligator verschlungen zu werden zum Jaguar- oder Bärengefechte, müssen notwendig, indem sie Geist und Körper gleich lebhaft erhalten, wieder jene Gleichgültigkeit gegen sogenannte Akzidenes hervorbringen, die dem Wesen dieser sonderbaren Menschen, ihrer Sprache, ihrem ganzen Sein etwas Eigentümliches verleihen. Originell, häufig poetisch und, obwohl rauh, sehr selten gemein, ist diese ihre Sprache voll von diesen Sprüngen, gibt sich in ihr eine Unbekümmertheit, eine Nonchalance kund, die einem jetzt die Haare gen Berg steigen, im nächsten Augenblick lachen und gleich darauf eine ebenso apathische Contenance anlegen läßt, wie diese Nondeskriptwesen selbst.

Die Stunde, die wir mit dem alten Nathan und seinen Gefährten bei unserm köstlichen Waldmahl verbrachten, gab uns alle diese Sensationen in Fülle. Oft lachten wir so herzinnig, daß uns Tränen in die Augen traten, denn die Ansichten der guten Leute über unsere europäischen Zustände waren mitunter so barock, so originell, so verkehrt und wieder so positiv, mit so kühnen Zügen entworfen, daß sie uns unwillkürlich an Teniers Versuchung des heiligen Antoine erinnerten. Andere wieder, und besonders wenn sie ihr Land und dessen innere Zustände betrafen, waren mit einer Schärfe des Verstandes, einer Klarheit entwickelt, die unsern ersten Staatsmännern Ehre gemacht haben würden. Jetzt merkten wir, daß wir wirklich in einer neuen Welt, unter neuen Menschen uns befanden, deren Kultur, obwohl die Elemente europäisch, durch und durch amerikanische Formen oder vielmehr Natur angenommen hatte, himmelweit verschieden von der der Kreolen und unserer importierten Landsleute, die mir in dem Augenblicke, wenn ich es frei gestehen soll, wie zweimal aufgewärmtes Ragout vorkamen.

Doch waren wieder unsere neuen Bekannten nichts weniger als harmloser Natur, wie wir in uns selbst vergessenden Momenten zu wähnen uns versucht fühlten; denn während sie abwechselnd die Unterhaltung führten, wußte der Alte mit einer Feinheit, einem Takt, die einem Polizeikommissär zum Präsidium verholfen haben müßten, alle unsere Schicksale, Pläne und Aussichten herauszulocken und uns unsern Charakter auf eine Weise aussprechen zu lassen, wie es nur Amerikanern wieder möglich ist. – Wohl sagt man von diesem Land, daß es keiner Polizei bedürfe – jeder Eingeborene ist Polizeimann. Es ist aber dies ein ganz republikanischer Zug.

Wir hatten so gegenseitig, wie gesagt, Meinungen und, was uns betrifft, auch Pläne und Aussichten ausgesprochen, ohne zu bemerken, daß der Alte einsilbig und endlich ganz still geworden war. Er hatte seine Rifle zur Hand genommen, an deren Stein er stärker und stärker hämmerte, wie ich später erfuhr, bei Hinterwäldlern ein untrügliches Merkmal erwachenden Mißtrauens.

Die andern flüsterten und murmelten sich in die Ohren und zogen die Schenkel mehr von uns zurück. Diese Bewegungen fielen uns endlich auf; – wir schwiegen gleichfalls. – Eine Pause von mehreren Minuten war eingetreten.

»Also Ihr habt eine Schenkung erhalten?« fragte der Alte endlich.

»Ja, lieber Mister Nathan.«

»Und die Vollmacht, Euch in irgendeinem Teile Louisianas ein Stück Landes auszuwählen?«

»Eigentlich würden wir es vorziehen am Teche, doch wenn ich es aufrichtig gestehen soll, so –«

»So würdet Ihr nicht viel darum geben,« fiel der Alte, stärker an dem Stein hämmernd, ein, »just den Strich zu wählen, der Euch am besten gelegen scheint.«

»Vorausgesetzt, wenn er nicht bereits vergeben ist,« schaltete ich ein.

»Wie versteht Ihr das? – Habe die Notion, Ihr meint von den spanischen Behörden vergeben?«

»Oder auch dem vormaligen und eigentlich rechtmäßigen Besitzer dieses Landes, der französischen Krone,« fügte ich hinzu; »denn diese beiden sind, so viel ich weiß, die einzigen, die das Schenkungsrecht völkerrechtlich ausüben können und konnten.«

Der Mann schüttelte unwillig den Kopf.

»Also wenn irgendein König in der alten Welt es sich beifallen läßt, einen seiner Lakaien mit einer schmutzigen Flagge herüber zu senden und diese aufzupflanzen an irgendeinem vermoderten Baumwollenbaumstumpfe, glaubt Ihr allen Ernstes, daß dieser Schnickschnack das Recht verleihe, ein paarmal hunderttausend Quadratmeilen als sein Besitztum anzusprechen und es zu verschenken, zu verteilen, wie es ihm oder seinen Trabanten beliebt?«

»Wenn der König oder seine Regierung durch einen Akt, den Ihr Schnickschnack nennt, wirklich Besitz von dem Lande ergriffen, das heißt, zugleich Städte, Niederlassungen und Forts angelegt, dann sollte ich meinen, ja«, versetzte ich bestimmt.

»Die veränderte arrogante Sprache des Hinterwäldlers gefiel uns nicht,« bemerkte der Graf, »und wir glaubten unserm Rechte als Franzosen sowie der Ehre unserer und der spanischen Nation zu vergeben, wenn wir nicht selbst hier diese Anmaßungen zurückwiesen.«

Der Alte schaute mit seinem durchdringendsten Blicke wechselsweise mich und dann Lassalle an.

»Das bezweifelt niemand,« erwiderte er um vieles gemäßigter, »daß Städte und Forts das Recht des Besitzes verleihen. – Niemand wird Euch Euer Recht auf Neuorleans und auf die beiden Stromufer hinauf bis Baton Rouge und Point Coupé streitig machen, aber werdet Ihr auch behaupten, daß Euer König das Recht habe, über Ländereien zu schalten, worauf weder er noch einer der Seinigen je ihren Fuß gesetzt?«

»Wenn sie innerhalb der Grenzen seiner Forts und Niederlassungen sind, ja; wenn nicht, nein.«

»Ihr seid kurz«, sprach der Alte, der sich während des Wortwechsels erhoben und finster den Schaft seiner Rifle zu Boden stieß; »sehr kurz – und kurz und gut könnt Ihr Euch ebensowohl unser Land als Schenkung anweisen lassen. – Habe aber die Notion, ist ein anderes, sich anweisen lassen und ehrliche Leute von ihrem Lande vertreiben wollen, und sie wirklich forttreiben.«

»Was fällt Euch auf einmal ein, Alter? Wem kam es bei, Euer Land als Schenkung sich anweisen zu lassen?«

»Seid ein Franzose, Mann, habt eine geläufige Zunge, und so hatte sie der Baron, der sich Bostropp nannte; laßt es Euch aber vergehen, in seine Fußstapfen zu treten.«

»Was hat Baron Bostropp getan?«

»Was er getan hat? Will Euch sagen, was er getan hat. Ließ sich eine Schenkung vom Gouvernement erteilen, die zirka fünfzehntausend Acker betrug und sich bis an den Arkansas erstreckte. Hatte aber nicht genug an seinen Ländereien, die doch die schönsten sind, die es geben kann. War da ein Akadier an seiner Grenze, hieß Jean. Wohl, der Akadier hatte mit saurem Schweiße sich eine Pflanzung angelegt und mit seinem Weibe und zehn Kindern bewirtschaftet, und gut bewirtschaftet. Kam eines Tages dieser v–te Baron, sieht die Pflanzung und sofort setzt er seine Maschinen in Neuorleans in Bewegung, und der arme Jean muß weg, muß abermals in die Wildnis, seine Pflanzung dem Baron abtreten – der, weiß der Himmel was für eine geniale Baronsidee mit dieser Pflanzung ausführen will. Zwei Jahre darauf hatte der Abenteurer ausgewirtschaftet, mußte bei Nacht und Nebel aus dem Lande, aber die Pflanzung blieb doch dem armen Jean entrissen. – Jetzt liegen die Gebäude in Schutt und Trümmern, und Opossums und Bären hausen darauf. – Wäre ich Jean gewesen, ich hätte dem Baron statt der Pflanzung eine Kugel abgeliefert.«

Und indem der Mann so sprach, hob er die Rifle schußfertig.

»Was den Baron betrifft, so kann ich weder noch will ich seine Verteidigung übernehmen«, sprach ich, ohne mich durch die Bewegung irremachen zu lassen. »Ist der Fall, wie Ihr sagt, so hat er leichtsinnig, gewissenlos gehandelt.«

Ich hielt inne, denn der Alte war im Gehen begriffen, wandte sich jedoch und horchte mit zurückgeworfenem Kopfe. Wie gesagt, uns verdroß die Anmaßung des Hinterwäldlers um so mehr, als wir Louisiana immer noch als eine französische Kolonie und unser rechtmäßiges Eigentum betrachteten.

Der Alte war sinnend gestanden, während seine Söhne Hirschziemer und Rücken samt ihren Äxten auf die Schultern warfen und Miene machten, ihm zu folgen.

Wir standen still.

»Wollt Ihr nicht mit uns?« fragte der Alte.

»Wir wissen nicht, ob es Euch auch angenehm –«

»Worte sind keine Pfeile, Mann. Es gibt in jedem Volke gute und auch schlechte. Kommt, denn hier würdet Ihr nicht zum besten fahren.«

Und wir folgten.

Der Weg, oder besser zu sagen die Richtung, die wir einschlugen, denn von einem Wege oder Pfade war keine Spur vorhanden, lag über eine Prärie, dann ging es durch einen Wald, darauf kamen wir durch ein Dickicht, das den Fragmenten unserer Garderobe vollends den Rest gab, und hierauf über sogenanntes Wellenland oder rollende Anhöhen, von welchen letzteren herab wir den Präriebrand deutlich sehen konnten. Das Knistern des Rohres, das Krachen der Äste und Zusammenschmettern der Bäume schlug uns bei jeder Wendung, die wir gegen den Luftzug taten, in die Ohren; allein wir waren jetzt bereits so ziemlich daran gewöhnt.

Wir mochten so einige Meilen durch Dick und Dünn zurückgelegt haben, als der Boden weich und die Anzeichen eines nahenden Sumpfes bemerkbar wurden. Wir drangen so weit vor, als der Boden uns trug und hielten endlich am Rande des Sumpfes. James und Joe warfen, ohne ein Wort zu sagen, ihre Lasten vom Rücken, nahmen die Äxte zur Hand und begannen in eine der nächststehenden Zypressen einzuhauen. Lassalle und ich standen schweigend, der Dinge, die da kommen sollten, harrend, und die außerordentliche Leichtigkeit, mit der die Hinterwäldler die Bäume fällten, bewundernd. Es war mehr Spiel als Arbeit, die Äxte flogen so leicht wie unsere Rapiere auf die Baumstämme nieder, so regel-, taktmäßig! – es erinnerte uns an die Harmonie der Dreschflegel in den Dörfern am Rhein, die wir im damaligen Korps Condés durchzogen. Ehe fünf Minuten vorüber, krachte der vier bis fünf Fuß im Diameter haltende Stamm zusammen und sank einwärts in den Sumpf. Sowie die Zypresse gefallen, sprangen die beiden jungen Holzschläger auf den Stamm, schritten auf diesem vorwärts und hieben die Äste bis zur äußersten Krone ab, so daß der Baum zwar in dem Sumpf, aber doch mehr auf der Oberfläche zu liegen kam. Hierauf begannen sie einen zweiten zu fällen, einen dritten und vierten – in Zeit von einer halben Stunde hatten die vier Hinterwäldler in aller Stille eine Arbeit getan, die vier Franzosen zum mindesten einen Tag gekostet haben würde.

Wir hatten, wie gesagt, verwundert zugeschaut, und fragten nun, was eigentlich das Ganze zu bedeuten habe.

»Werdet es bald sehen«, versetzte der Alte, der, auf seine Rifle gestützt, düster in den Sumpf hineinstarrte, aus seinen Nachtgedanken jedoch erwachte, sowie die Stimme James sich hören ließ: »Sind fertig.«

»Jetzt kommt, Frenchers«, sprach der Alte.

»Aber weshalb über den Sumpf, und warum die viele Arbeit?« fragten wir.

»Weil dieser der nächste Weg ist und Eure Knochen müder werden dürften, wenn sie den Sumpf umgehen sollten. Viele Arbeit!« brummte er weiter, mit einem verächtlichen Blicke auf den Zypressenstamm. »Wenn Ihr das viele Arbeit nennt, dann habt Ihr noch wenig gearbeitet und hättet in Eurem Lande bleiben sollen, wo es, hör' ich, Narren zu Millionen gibt, die für andere arbeiten. Habe die Notion, Ihr seid einer der Aristokraten, die lieber andere Leute für sich schaffen lassen und es vorziehen, sich ins fertige Nest hineinzusetzen. Wollen Euch aber zeigen, daß es bei uns nicht geht, sich ins fertige Nest hineinzusetzen; – sind keine Jeans, wir, bei Jingo nicht! – Sind nicht die Leute, die sich von einem Baron, und käme er mit hundert und fünfzig angezogen, aus ihrem Eigentum treiben lassen.«

Den Alten verfolgte offenbar die Idee, daß wir, zweite Bostropps, gekommen, sein Land zuerst in Augenschein zu nehmen und ihn dann mit den Seinigen zu vertreiben. So viel schien uns klar, und obwohl geneigt, ihm sein Hirngespinst zu verscheuchen, hatte das arrogante, barsche Wesen, das er auf einmal angenommen, das Abenteuer, der Nachtmarsch, die Gefahren, die wir bestanden hatten, uns auch bereits etwas von hinterwäldlerischem Trotze verliehen, nicht zu erwähnen mehrere Züge Whisky und das kräftige Mahl, so wir zu uns genommen.

»Wollen also sehen!« sprachen wir nach einer hinterwäldlerischen Pause und mit einer Insouciance, die einem vierzigjährigen Buschmanne wohl angestanden wäre.

Und festen Trittes folgten wir dem Alten, der vor uns auf dem Stamme einherschritt. Nachdem wir an der Krone des Stammes, deren Zweige, wie gesagt, nicht alle abgehauen waren, um das Einsinken zu verhüten, angekommen, setzten wir über die quer gelegten Äste auf den zweiten Stamm, von diesem auf den dritten und so fort auf den vierten. Ehe wir das Ende dieses erreicht, befanden wir uns wieder auf festem Boden. Der Alte bedeutete uns, in bisheriger Ordnung, das heißt im sogenannten Indian file Einer nach dem andern.>, zu folgen, und wir tappten, einer dem andern nach, beiläufig eine halbe Meile fort, durch dichtes Gestrüpp.

Endlich hielt Nathan, und seine Rifle auf den Boden setzend, wandte er sich zu uns und fixierte uns mit wahren Eulenaugen.

»Sagt, wo sind wir?« fragte ich, den Schaft meiner Doppelflinte gleichfalls auf die Erde fallen lassend und so seine Stellung nachahmend.

Der Mann schaute mich an, und sein Gesicht verzog sich in ein eigentümliches Lächeln. »In Louisiana sicherlich, zwischen dem Redriver, dem Golf von Mexiko und dem Mississippi, innerhalb der Grenzen, die sich Euer König gesetzt, und doch an einem Orte, wo sein Arm zu kurz befunden worden, so lange Arme Könige auch haben sollen.«

Der Ton, in welchem er dieses sprach, hatte einen so schneidend höhnischen Nachklang, daß mein Blick unwillkürlich auf den Sprecher fiel, um aus seinen Zügen herauszubringen, was er eigentlich mit uns im Schilde führe.

Sie waren apathisch, wie immer. – Meinen Arm ergreifend, führte er mich einige Schritte seitwärts und deutete auf eine dunkle Masse, die mit einem Erdwalle Ähnlichkeit hatte.

»Vielleicht eines der indianischen Gräber?« sprach ich im hingeworfenen Tone.

»Ei, ist ein Fakt, habt es erraten, ein Grabmal ist's, obwohl nicht der Rothäute, sondern das eines Mannes; kein besserer fuhr je den endlosen Strom herab. Könnt aber auch mit den Rothäuten recht haben, habe die Notion, es war einst, was sie einen Indian Mound nennen. Wollt Ihr nicht nähertreten?«

Wir traten näher und sahen Pallisaden und hinter diesen ein Balkendach, das vielleicht zehn Fuß über jene hervorragte.

»Was sagt Ihr jetzt?«

»Das Ganze scheint mir weniger zur Wohnung als zur Verteidigung eingerichtet.«

»Oben finden wir Kienspäne«, sprach der Alte. »Jetzt wartet, bis die Leiter kommt, dann werdet Ihr das weitere sehen.«

Eine Leiter wurde nun herabgelassen, auf der wir den steilen Erdaufwurf hinaufkamen; einer der jungen Männer öffnete eine in den Pallisaden angebrachte Pfostentüre, und wir traten in den inneren Raum des sonderbaren Bauwerkes.

Es war aus ziemlich starken, unbehauenen Zypressenstämmen aufgeführt, die ineinandergefügt wohl Vierundzwanzigpfündern widerstehen konnten. Das Ganze bildete ein Viereck mit einem niedrigen, gleichfalls aus Baumstämmen aufgeführten Dache. Es mochte vierzig Fuß in der Länge und ebenso viele in der Breite haben; im Innern war nichts zu sehen als ein Kamin von ungebrannten Backsteinen und, als wir näher schauten, eine hölzerne Tafel, die in einer Ecke des Blockhauses aufgerichtet war.

»Tretet nicht auf diesen Hügel«, sprach der Mann feierlich; »es ist heiliger Grund.«

»Heiliger Grund?« fragten wir.

»Heiliger Grund, Mann! Liegt unter dieser Tafel begraben einer, ein so braver Hinterwäldler, als je den Mississippi herabschwamm.«

»Also dieses ein Grabmal«, sprachen wir nicht wenig erschüttert.

»Ein Grabmal, Mann – sein Grabmal – sein Blockhaus, das er gebaut, das er verteidigt, in dem er fiel, das sein Blut benetzte, das er ein blutiges getauft, kaum als es fertig war.

Sollt mehr von diesem blutigen Blockhause hören, hören wie sechs amerikanische Rifles es mit fünfundachtzig spanischen und französischen Musketen aufnahmen.«

Wir schüttelten ungläubig die Köpfe.

Er nahm uns beide am Arme und führte uns aus dem Gebäude durch die Stockade; auf einem Vorsprunge von etwa sechs Quadratfuß angekommen, hielt er.

»Es mit fünfundachtzig französischen und spanischen Musketen aufnahmen«, wiederholte er mit fester Stimme. »Es war Asa mit dreien seiner Brüder, seinem Schwager und Cousin und ihren Weibern. Ist wie ein Mann, wie ein echter Hinterwäldler, wie ein braver Amerikaner gefallen, hat aber zuvor fünfunddreißig Spaniern das Lebenslicht ausgeblasen. Dort«, er deutete bei diesen Worten auf einen Kranz von Kottonbäumen, in deren mondbeleuchteten Kronen sich wirklich die Geister der Gefallenen umherzutreiben schienen; »dort unter diesen Kottonbäumen, unter deren Schatten sie gefochten, sind sie gefallen und begraben.«

Die Stille der Nacht, der Silberschein des Gestirnes, der die in die Prärie hinaus öffnende Waldesbucht in seinen verklärenden Strahlen gleichsam badete, die düstern Wälder zu beiden Seiten des Blockhauses, in tiefe Schatten gehüllt und nur an den Rändern von dem Vollmonde aufgehellt – alle diese Umstände, verbunden mit dem feierlich gewordenen Benehmen des Alten, wirkten allmählich auf unsere Lebensgeister. Wir standen, ohne ein Wort zu erwidern.

»Ja«, wiederholte er, auf seine Rifle gelehnt, »hier fielen fünfunddreißig Spanier gegen einen Amerikaner.«

»Und dieser Amerikaner hieß?«

»Was fragt Ihr, wie er hieß? Was fragt Ihr nach Namen, als wäret Ihr Pferdedieben auf den Fersen? Fragt überhaupt nicht so viel. Schaut mit Euren Augen, hört mit Euren Ohren, aber haltet Eure Zunge im Zaume, denn die Bäume haben Ohren, so gut wie die Wände in Eurem Lande.«

»Vergebung, wir hatten keine Beleidigung im Sinne«, besänftigte ich den Alten.

»Beleidigung im Sinne«, versetzte der Alte hohnlächelnd. »Kalkuliere, daß Ihr die nicht im Sinne habt; – kalkuliere, kalkuliere. Wollte auch den sehen, der den alten Nathan zu beleidigen oder zu beeinträchtigen, oder was immer in den Weg zu legen sich gelüsten sollte. Würde ihm das Gelüste bald vertreiben, der alte Nathan, solange er seine Rifle und seinen Dolch innerhalb Armeslänge hat. – Ist ein Fakt; – so wie ich sage, so ist's. Der Mann, der das Blockhaus da gebaut, und schaut es Euch recht an, denn es ist nur wenig verändert, bis auf das Dach, das eigentlich die Ursache seines Todes war – liegt jetzt in seinen eigenen vier Pfählen und war eine Zierde der Hinterwäldler. Haben aber die Spanier seinen Tod teuer bezahlen müssen, und ist ihnen die Lust vergangen, sich an Asas Niederlassung zu wagen. Ei, werden Asa Nolins nicht so leicht vergessen!«

»Also Nolins«, fiel ich ein, »mir deucht, ich habe von diesem Manne gehört.«

»Noch die Lehre,« fuhr er fort, ohne auf meine Worte zu achten, »die er ihnen gegeben.«

»Also Ihr habt gehört von Asa, und was habt Ihr gehört?« wandte er sich auf einmal finster zu mir.

Ich hatte mich während der kurzen Pause besonnen, denn beide hatten wir immer mehr zu gewahren angefangen, daß das Temperament unseres neuen Bekannten ein heiklig kitzliges war.

»Könnte es Euch nicht wohl genau sagen«, versetzte ich ablenkend. »Erinnere mich nur, den Namen des Mannes gehört zu haben, haben aber so vieles gehört und anhören müssen, daß wir die Hälfte aller dieser Geschichten wieder vergessen –«

»Verstehe«, versetzte der Alte, – »habe die Notion – wollt nicht recht mit der Sprache heraus und mag vielleicht ebenso gut, auf alle Fälle klüger sein. Sag' Euch, wenn Ihr von hier in den Kottonwald hineinseht, so sieht es Euch schwarz vom Rande herüber aus; steigt Ihr aber herab und geht die sechzig Schritte hinüber, wird es Euch dort hell und hier schwarz vor den Augen. Ist ein Fakt – kommt auf den Gesichtspunkt an, von dem Ihr ein Ding anschaut.«

Und nach dieser Abschweifung hielt der Mann abermals inne, schaute uns prüfend an und fuhr dann gemächlich fort:

»Will Euch sagen, was Ihr gehört habt. Habe die Notion – Ihr habt gehört, daß der Mann, dessen Todeshügel Ihr gesehen, in Eure Niederlassung eingebrochen und da Pferde gestohlen hat. Habt Ihr nicht? Und daß er ein blutdürstiger Rebelle gewesen?«

»So etwas, die Wahrheit zu gestehen, obwohl ich mich nicht deutlich entsinne.«

»Und ich sage Euch«, fuhr der Alte heftig heraus, »möge ich erschossen sein, wenn es nicht die ver–teste Lüge ist. Hat nicht mehr Pferde gestohlen, Asa, als ich, der ich Reglähter Regulator. Das nähere über diese eigene Art Hinterwäldler-Obrigkeiten weiter unten.> bin und beauftragt von meinen Mitbürgern, Ordnung zu handhaben, und was den Rebellen betrifft, so war er ein Amerikaner, und der ist nie Rebelle, denn er ist frei geboren.«

»Reglähter?« fragte ich, den freigeborenen Amerikaner, der nie Rebelle sein konnte, überhörend.

»Reglähter«, wiederholte der Mann mit selbstgefälligem Nachdrucke. »Wißt wahrscheinlich nicht, was das sagen will? – Ist ein Amt, das wir in den Hinterwäldern geschaffen, wo wir das Gesetz selbst in die Hand nehmen, und es nicht von bezahlten Richtern und Lawyern um so und so viel per Dollar vermessen lassen. Werdet später mehr davon erfahren, aber zuvor sollt Ihr von Asa und seinem Blockhause hören, das er da getauft das blutige, und welches da geworden ist das blutige.«

»Wäre es nicht besser, dies auf einen andern Zeitpunkt zu verschieben?«

»Auf einen andern Zeitpunkt zu verschieben?« wiederholte der Alte. »Merkt Euch das: Narren verschieben, Gescheite handeln, für alles ist eine Zeit; und jetzt ist die Zeit, von Asa zu reden, denn Ihr betretet seine Niederlassung und sollt hören, ehe Ihr sehet; – morgen ist nicht mehr Zeit dazu.«

Des Mannes Sprache begann sehr unbequem zu werden, seine finstere Gemütsart brach inmitten seiner breiten Weitschweifigkeit wie unheilschwangere Blitze durch, und obwohl wir es noch immer nicht bereuten, uns den einigermaßen gefährlichen Schroffheiten dieser Hinterwäldler-Charaktere anvertraut zu haben, so wollte uns doch allmählich bedünken, daß weniger Entgegenkommen unsererseits gar nicht überflüssig gewesen wäre. Ohne jedoch weiteres Mißvergnügen blicken zu lassen, nahmen wir unsere Position in einer Weise, die unsere Willfährigkeit, die Geschichte Asas anzuhören, zu erkennen geben sollte.«

»Herr von Vignerolles!« bemerkt Meurdon gähnend, »Sie haben das Wesen und die Natur unserer Hinterwäldler so trefflich aufgefaßt.«

»Ihre Schilderungen sind so lebendig«, lallt ein zweiter, den Rauch seiner Havannazigarre von sich blasend.

»Müssen es wohl sein«, erwiderte der Graf lachend und an seinem Glase nippend. »Wenn man unter den Klauen dieser seltsamen Menschen ist, sorgen sie dafür, daß ihre Eindrücke sich nicht bald verwischen.«

Bin wirklich begierig auf die Geschichte dieses Lacalle, obwohl die Abschweifung unsere Geduld ein wenig in Anspruch nehmen zu wollen scheint. Er schildert jedoch so interessant und für einen Franzosen so getreu, ist dabei so versessen auf seine Hinterwäldler – kaum daß er sich Zeit zum Anfeuchten nimmt.

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