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Die Farbigen / Nathan, der Squatterregulator

Charles Sealsfield: Die Farbigen / Nathan, der Squatterregulator - Kapitel 6
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleDie Farbigen / Nathan, der Squatterregulator
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180713
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VI.
Das Intermezzo

Und wir alle erheben uns, um zu folgen, bis auf Vergennes und D'Ermonvalle, die sitzen bleiben, zweifelsohne, um nachträglich ihre Kritiken zu liefern; ihre Mienen werden so richterlich breit. –

Vergennes läßt uns nicht lange im Zweifel, er bricht aus:

»Und was beweist das alles gegen die Farbigen?«

»Bisher noch nichts, das ist wahr,« beschwichtigt ihn D'Ermonvalle, »aber wir sind auch noch nicht zu Ende.«

»Pah, zu Ende!«

»Ja, zu Ende, gerade das Ende,« demonstriert Monteville, der an die Debattierenden zurückprallt; »das Ende ist's, das –«

»Das das Werk krönt,« lacht Vergennes in der kaustisch-zynischen Manier des jungen Franzosentums. »Wie schade, daß wir dieses preziöse Ende nicht gehört! Weiß aber voraus, was es bringen wird; wird zum Beschlusse bringen eine erbauliche Moral – und belohnte Tugend – und bestraftes Laster.«

»Vielleicht wird es noch mehr bringen«, fällt ihm Monteville mit wichtiger Miene und erhobener Stimme ein, die ihm aber inmitten abschnappt; der Mann hat, scheint es, zu viel Champagner mit einfließen lassen. »Vielleicht wird es mehr bringen,« wiederholt er, »vielleicht wird es bringen, wohin ungeregelte Leidenschaften führen.« –

»Um das zu erfahren, brauchen wir keine Farbigen«, spottet Vergennes.

Monteville wird rot wie ein Kampfhahn; er hebt deklamierend die Stimme einen Ton höher, die Diskussion droht abermals heftig zu werden, gerade wie das rasche Vorspiel der den Ball einleitenden Polonäse durch die Flügeltüren hereinrauscht.

» En avant Messieurs!« trompetet Lassalle, der, den Amtsstab in der Hand, als Zeremonienmeister fungiert. –

»Vorwärts! oder ihr seid für immer um euern französischen Tanzmeisterruhm«, ruft Doughby.

Das zieht endlich, die Franzosen sind mittels einer Pirouette im Saale.

» Ma foi donc! Ah! Joli!« lassen sich wechselsweise aus dem Munde der Franzosen hören. Sie sind augenscheinlich überrascht, und wohl mögen sie es! Zweifle, ob sie, ausgenommen um ihr sogenanntes divines Paris herum, im ganzen übrigen Frankreich, auf einer ihrer Campagnes, einen so deliziösen Kranz von Damen zusammenbrächten. Superbe Formen! Transzendente Toiletten! um mit Doughby zu reden. Ein Glanz, eine dreifache Reihe von Figürchen und Figuren, die nicht liebreizender gemalt werden können. Wir haben starken Zuwachs aus der Nachbarschaft erhalten, reife Früchte, reifende und Blüten, im buchstäblichen und figürlichen Sinne. Die Äste und Zweige der Zitronen, Orangen und Katalpas, die durch die Jalousien hereingebogen sind, wölben sich über die Coiffüren so wunderlieblich! Ja, in der Kunst, einen Ball zu improvisieren, sind nun die Kreolen Meister. Nur sie verstehen es in diesen unsern Vereinten Staaten. Wir geben auch Bälle, und drehen uns und mühen uns ab und hüpfen selbst, aber es ist ein eingelerntes, mechanisches Wesen, das weder von Herzen noch von Füßen geht, wenn ich mich so ausdrücken darf, und an die Tretmühle mahnt. Wir sind nun einmal nicht für derlei Zeitvertreibe geschaffen, allenfalls ein Wettrennen, das tut es noch, da können wir doch unsere Politik mitbringen und unsere Präsidentenwahl und Senatorswahlen und Assemblywahlen und unsere Kanäle und Turnpikes und so weiter; wo diese nicht mitdürfen, da hapert es; denn sie hängen sich doch an und lasten wie Blei an unsern Füßen, und unsere Damen, vor lauter Sittsamkeit, oder, wenn ich es frei heraussagen darf, Prüderie, es wäre schier nötig, man faßte sie mit elfenbeinernen Zangen an! – Aber wie ganz anders diese Kreolen und Kreolinnen! Der Ball! O der Ball! All ihr Dichten, Trachten, alle ihre aimablen Passionen, und sie haben deren erklecklich viele, aber alle und alle sind sie jetzt in der einzigen großen Idee: Ball! wie in einem Brennpunkte konzentriert. Zucker- und Baumwollenernte, Reis und Mais, Tabak und Neger, alle sind sie vergessen: der Ball allein steht wie ein Leuchtturm vor ihren tosenden, wogenden, brausenden Sinnen. –

Diese Lust des Genusses! – Ihre Sehnen schwellen, man sieht es, ihre Glieder werden rebellisch. Arme, Hüften, Füße, alle eilen der Begierde zuvor, zittern. – Wer unsere Kreolinnen beim Balle allein kennen lernte, dürfte leicht eine sehr zweideutige und, zu ihrer Ehre sei es bemerkt, irrige Meinung fassen. – Es ist ein schönes Ding um einen Kreolenball!

Die Paare sind geordnet, die Ungeduld, die liebe Ungeduld, sie läßt sich kaum mehr bezähmen. Die Polonäse schleift ihnen viel zu langsam durch die Säle, sie schwimmen ordentlich. Eine augenblickliche Pause; – leuchtende Blicke, wie die Musik in den rascheren Takt der sanft wogenden Allemande übergeht, freudiges Entzücken, wie sie endlich in die langersehnte stürmische Galoppade umspringt.

Wie das rauscht, wogt, hüpft, sich windet, fortreißt, fortgerissen wird, auf den Sturmesflügeln der Lust und Leidenschaft! –

»Nicht wahr, Luise! Das war ein köstlicher Labetrunk!«

»Ein bloßer Tropfen«, lacht sie keuchend; »ein bloßer Tropfen«, wiederholt sie, die Hand auf den hochklopfenden Busen legend.

»Wir dürfen dieser Tropfen nicht zu viele nehmen, teure Luise, du weißt.« –

»Fürchte nicht, ohnedem kommt jetzt wieder Kotillon. Weißt du, Papa hat«, flüstert sie mir geheimnisvoll in die Ohren, »die Einrichtung getroffen, daß heute bloß Allemanden, Galoppaden und zur Abkühlung Kotillons getanzt werden.«

»Eine sehr weise Einrichtung; also zur Abkühlung Kotillons?«

»Weil nämlich der Ball bloß drei Stunden dauert«, meint sie mit unendlich mysteriöser Miene und mit der einen Hand sich Kühlung zufächelnd, die andere auf den noch immer wild wallenden Busen gelegt.

»Du machst doch den nächsten Kotillon wieder mit?« begann sie nach einer Weile.

»Wenn du es wünschest.«

»Und die Allemande und Galoppade?«

»Die letztere nicht sehr gerne, ich halte diesen Tanz für nichts weniger als dezent. Die Allemande mag noch hingehen.«

»Nichts weniger als dezent!« remonstriert sie. »Was fällt dir ein, George! Dieser Tanz – weißt du, daß ihn die Herzogin von Berry –?«

»Und wenn ihn die alte Duchesse d'Angoulême tanzte, die ein Ausbund von häßlicher Tugend sein soll, so würde ihn das doch nicht dezent machen.«

»Die alte Herzogin von Angoulême Galoppade tanzen!« lachte Luise. »Du bist ein heilloser Spötter, aber wie du nur so sittenrichterlich sein kannst und bist doch ein so guter Tänzer«, fügt sie wieder trostreich hinzu.

»Das hast du meinen Neuyorker Touren zu verdanken und einer gewissen Arthurine, jetzt Mistreß Moreland, die mir die letzte Politur gab.«

»Moreland!« fiel mir von hinten eine Stimme ein; es war die Meurdons. »Hätte bei einem Haare vergessen, daß Mister Moreland, Kapitän und Eigner des Providence-Paketschiffes, bei mir war und Sie vielmals grüßen und Ihnen gratulieren läßt zu Ihrem veränderten Stande. Hatte große Lust, zu Ihnen zu kommen und einige Tage seine Hängematte, wie er sagte, bei Ihnen aufzuschlagen, aber die Zeit wurde ihm zu kurz.«

»Wie, Kapitän Moreland ist bei Ihnen gewesen und hat mich nicht besucht? Was, hat der alte Geselle, der seit so vielen Jahren seine Kajüte in Bowlinggreen gehütet, wieder einmal das Salzwasser versucht. Erzählen Sie doch.«

Meurdon flüstert mir ein Eh und ein Donc in die Ohren und macht dazu ein ominöses, satirisches Gesicht.

»Verstehe; – höre, Luise, der alte Kumpan Moreland, von dem ich dir erzählt, und der mich mit seinen fünfmalhunderttausend Dollars bei der siebzehnjährigen Arthurine ausgestochen, ist wieder zur See, scheint, seine Honigmonde haben nicht sehr lange gewährt. – Freilich fünfzig und siebzehn bleibt ein so fatales surplus von dreiunddreißig, als es nur geben kann.«

Doch die Musik schlägt an zum Kotillon; – wir müssen uns im Kreise stellen. Luise hört nicht mehr, alle ihre Sinne sind auf den Kotillon gerichtet, und wahrlich! man muß sich zusammennehmen, mit solchen Tänzerinnen wie unsere Kreolinnen und Luise par Éminence ist.«

»Vortrefflich, George!« flüstert sie mir während der zweiten Tour zu – »vortrefflich«. Sie ist in einem Meere von Wonne, das gute Kind.

»Also abermals, Allemande?«

Luise lächelt. »Ich sagte dir ja, daß Papa –«

Und fort geht es abermals in die Allemande und die unsinnig hüpfende Galoppade, eine volle Viertelstunde, so daß einem Hören und Sehen vergehen. Gott sei Dank! endlich einmal Waffenstillstand!

»Luise! ich bin wirklich müde.«

»Bloß echauffiert, George, bloß ein bißchen echauffiert – das ist vorüber, du nimmst ein wenig Ananaseis – ich –«

»Gott behüte, Luise! um keinen Preis. – Du die ewige Diätvorleserin und an Ananaseis nur zu denken.«

»Wohl, ich stehe ab, wenn du mir versprichst –«

»Alles, nur kein Ananaseis.«

»Wohl, du tanzest den nächsten Kotillon und Allemande und Galoppade.«

»O du Bösewichtin!«

Sie aber lacht.

»Luise, das geht nicht, wir dürfen nicht den ganzen Abend wie Kletten aneinander hängen, sieht so spießbürgerlich aus.«

»Aber wir haben seit unserer Trauung noch keinen Schritt getanzt, George! Wohl, wenn du nicht willst, nehme ich zur Abwechslung für den Kotillon Papa Vignerolles.«

»Das fehlte noch, du den sechzigjährigen Vignerolles und ich die fünfzigjährige Houston.«

»Ah, du lachst, George. Versichere dir, Papa Vignerolles ist gar nicht so übel; man findet, scheint es, Geschmack an ihm.«

Und Luise lächelt so verschmitzt!

Wir lassen uns auf einem Sofa nieder, müde und glühend, und ich promeniere meine Blicke über die wogenden, schleifenden und schleichenden allerliebsten Nachtgestalten, die Toiletten einiger sind doch allbereits ein wenig derangiert; zerknitterte Blumen, rebellische Locken, die halb erschlafft sich von dem angewiesenen Posten entfernt, werden sichtbar. Und wie ich so examiniere, fällt mein Blick auf eine Gestalt, die ich bisher nicht bemerkt. Ein Teint, so ungemein weiß und zart, wirklich Milch und Blut, um mich eines alten Simile zu bedienen, nußbraune Augen – ein wahrer Zauber in diesen Augen – braune Haare, die Toilette sehr geschmackvoll, einfach und doch reich, eine köstliche Perlenschnur um den köstlicheren Hals geschlungen. Wer mag sie sein? Demoiselle Genievre biegt sich zu ihr herüber. Sie sitzt in der Fensterecke so einsiedlerisch verloren, ein melancholischer Zug, deucht mir, spielt um den lieblichen Mund.

»Sage mir doch, Luise, wer ist das herrliche Mädchen?«

»Wen meinst du?« frägt Luise, deren Auge doch auf der Unbekannten haftet.

»Du hast sie soeben fixiert, sie sitzt im letzten Eckfenster, unter dem Orangen-Baldachin und halb versteckt zwischen den seidenen Vorhängen. Jetzt bringt sie die Locken Genievres in Ordnung.«

Luise schaut, sagt nicht Ja und nicht Nein, wird aber immer gespannter.

»Sie hat die Haare flach von der Stirne zurückgescheitelt«, hebe ich wieder an; »den Knoten à la grecque geschlungen. Sie soll meine nächste Tänzerin sein.«

»Du hast gute Augen, George,« lacht Luise, »aber du darfst nicht mit ihr tanzen.«

»Wer ist sie aber und warum nicht?«

Luise fixiert sie abermals, dann fällt ihr Blick suchend in eine andere Richtung.

»Der herrlichste Teint, den ich je gesehen«, läßt sich's hinter uns aus einer Fenstervertiefung hören. Es ist Vergennes Stimme.

Luise wirft unwillkürlich das Köpfchen empor – ich mußte im Herzen lachen. O Weiber! Weiber! Sie erfreut sich allerdings eines Teints, den ihr bei uns nicht alle Tage zu schauen bekommt.

»Ich fordere dich auf, die Perlen an ihrem Halse zu unterscheiden«, fährt Vergennes, der neben D'Ermonvalle steht, ziemlich laut fort.

Luise wirft nochmals das Köpfchen auf, doch etwas rascher, rümpft dann das Näschen und läßt zugleich die Unterlippen ein wenig, wie schmollend, hängen.

Ich tat, als bemerkte ich nichts.

»Welch' ein Nacken!« entgegnet eine zweite Stimme, »welch eine Büste!« Es ist D'Ermonvalle, der seinen Enthusiasmus laut werden läßt.

» La jeune France könnte auch ein Haus oder, besser zu sagen, ein Fenster weiter mit seinen kritischen Expektorationen ziehen. Nicht wahr, Luise?«

Aber in Luise ist ein stummes Teufelchen eingefahren.

»Habt recht, Jungens!« fällt Doughby lachend ein, der, en passant sei es bemerkt, gar kein unebener Tänzer im Kotillon ist, selbst die Allemande tanzt er recht brav. Wo er es nur gelernt hat? Aber im alten fröhlichen Kentuck lernt sich so etwas. »Habt recht, Jungens,« wiederholt er, »ist ein herrliches Fahrzeug, mit dem sich's wohl einschiffen ließe zur Lebensfahrt – neu und kerngesund, schlank getakelt, herrliche Spieren, sanft schwellende Vorbuge, allerliebstes Brust- und Kopfbild, kein Makel vom Schnabel zum Spiegel.«

Luise hebt das Köpfchen zum drittenmal, wendet es, wirft dem Schwager einen verweisenden Blick zu, den dieser aber nicht bemerkt.

»Aber wer ist die junge Dame?« fragte ich zum zehnten Male.

Doughby fährt fort: »Sie kam gerade, wie ich draußen im Hofe war, mit zwei Ladies, einer alten und einer jungen, angefahren. Vergennes, Ihr solltet Euer Glück versuchen, sie hat von Eurer Negerphilosophie nichts gehört. Bei ihr findet Ihr eine Chance – bei unsern Damen habt Ihr's verhauset.«

»Ich verhauset?« frägt Vergennes betroffen.

»So sage ich Euch und werdet die Wahrheit bald fühlen. Sage Euch, diese Negerphilanthropie ist ein kitzliches Ding – ein sinnliches Ding; – denn Sinnlichkeit liegt, zehn gegen eines zu wetten, zum Grunde. Unsere Damen haben so eine Art Instinkt. Wer die Partei der Schwarzen nimmt, versteht Ihr, mit der Zunge nimmt, der – doch wollen schweigen, hier ist nicht der Ort dazu.«

Und Vergennes schaut Doughby einen Augenblick nachdenklich an – im nächsten Momente fährt er ungeduldig mit der einen Hand durch die Locken, mit der andern kräuselt er das Stutz- und Knebelbärtchen, und so getan, setzt er sich in Bewegung.

Luise hat kaum seinen Schritt gehört, der doch so leise ist, seltsam! daß sie ihn gewahrt; sie schnellt auf und zischt ihm beinahe aufgebracht nach: »Vergennes! Vergennes! Sie werden doch nicht! ohne den Zeremonienmeister!«

»Lasse ihn doch, Luise – der arme Junge erhielt bereits ein halbes Dutzend Körbe, alles wegen seiner Negermanie, und ich kann nicht absehen, warum der Zeremonienmeister hier vonnöten wäre.«

»Aber es ist Sitte, und was wird Charles? –« stockt Luise. Sie hält inne, das Charles war ihr herausgeschnappt.

»Charles?« fragte ich verwundert – »etwas ganz Neues – was hat Charles dabei zu sagen?«

»Was Charles dabei zu sagen hat?« entgegnet Luise ein wenig verlegen – ihr Blick ist gespannt auf die Unbekannte gerichtet, wieder folgt er ungeduldig Vergennes, der in zierlich graziöser Nonchalance den Saal ein-, zweimal durchzieht, hier ein Wort spendet, dort aimabel zu sein versucht, allmählich in leichtere Pas verfällt, und endlich, wie von Schmetterlingsfittichen getragen, an die schöne Einsame heranschwebt.

Luisens Züge werden immer gespannter. Einen Augenblick haftet ihr Blick an dem kecken Cousin, dann durchfliegt ihr Auge den Saal und weilt in der mittlern Fensterecke. – Da ist ja Charles! Ich habe ihn den ganzen Abend nicht gesehen. Wo war er? Tanzte er? Nicht, daß ich sah. »Wo war Charles?«

Luise sieht nicht, hört nicht, ist ganz Spannung. – Sie beugt sich vor, als wollte sie über den ganzen Saal hinüberhorchen, sieht abwechselnd die schöne Einsame, wieder Charles an.

Seltsam! Charles steht starr wie eine Bildsäule, sein Auge stiert Vergennes an. Jetzt gibt er endlich ein Lebenszeichen von sich, die Oberlippe kräuselt sich, die Augen rollen, er wird abwechselnd blaß und wieder rot, fängt an zu zittern. »Was ist auf einmal deinem Bruder zugestoßen?«

»Luise, was ist's? So sage doch! Charles steht wie zum Sprunge gerüstet – Wut spricht sich in allen seinen Zügen aus. Was hat er dagegen, daß Vergennes sein Heil bei der Unbekannten versucht?«

»Sieh nur, wie ihm die Augen in den Kreisen rollen, wie er sich vorbeugt, gerade wie unsere Hinterwäldler oder französischen Fechtkünstler, wenn sie einen Ausfall meditieren.«

Der arme Vergennes, scheint es, wird abermals mit einem Korbe abziehen müssen. Weder Stutz- noch Knebelbärtchen scheinen Eindruck hervorzubringen – sie sieht und hört so gleichmütig zu, und er gibt sich Mühe, man merkt es, seine Attitüde ist so flehend, die ganze Stellung verrät, daß er hart ansetzt.

»Sie schüttelt den Kopf«, flüstert mir Luise triumphierend zu.

»Sie hat refüsiert«, wispert sie etwas lauter und mit einer Schadenfreude, die ich bei Luise gar nicht gesucht hätte.

»Es ist wirklich so – Vergennes retiriert mit verbissenen Lippen, aber ich sehe noch immer nicht ein, was du eigentlich für ein Interesse an dem Mißgeschicke unseres ewig sprudelnden Neveus finden kannst. Doch sieh, Charles ist wie mit Blut übergossen.«

»Das ist wirklich seltsam! Sage mir nur, was eigentlich das Manöver oder die Intrige, denn von letzterer hat es recht vielen Beigeschmack, soll? Er scheint sich für die junge Dame zu interessieren.«

»Sehr natürlich!« versetzte Luise.

»Sehr natürlich? Ja, aber was geht diese Unbekannte Charles an? Er benimmt sich ja mehr als ein eifersüchtiger Ehemann oder Liebhaber und vergißt ganz, daß Emilie War –«

»Ich höre meinen Namen, zwar nur halb ausgesprochen«, lacht die schöne Miß, die leibhaftig vor mir steht.

Und ich schlage die Augen auf und schaue sie an, dann Luise, um deren Mundwinkel ein lächelnd zufriedener Zug spielt; – die holde Miß promeniert am Arme des Grafen Vignerolles, braquiert beifällig ihr Augenglas – um ihre Züge ein eigentümlich indolentes Lächeln spielend, ihr Blick so vertrauensvoll auf de Vignerolles ruhend – seiner wieder so liebevoll auf ihr. Dieser Blick, diese Miene! – Was ist das? Was soll alles dies bedeuten? Ich schaue sie beide an und wieder an. Luisens Gesicht scheint sich zum lauten Lachen verziehen zu wollen.

»Mister Howard!« flötet endlich die Miß. »Sie sehen ja so furchtbar ernst prüfend darein.«

»Das nicht, Miß Warren, aber einigermaßen verwundert, wir leben in so seltsamen Zeiten.«

»Ja, wohl seltsamen«, lacht sie, das Augenglas erhebend und mit der insouciantesten Miene von der Welt Charles lorgnierend.

Und die Musik beginnt abermals.

»Papa Vignerolles!« lacht Luise. – »Ich habe Sie statt meines faulen George zum Tanz für diesen Kotillon auserkoren, vorausgesetzt, daß –«

»Und mein Taufpatchen erhält einen Korb«, lacht Vignerolles entgegen.

»Da siehst du, George, so mit einer Dame und einem Patchen zu sprechen – Papa ist ganz ausgeartet.«

»Aber Luise, ich wünschte allen Ernstes, daß du wenigstens diese Tour aussetztest – du weißt –«

Und Luise läßt das Mäulchen hängen – wer kann da etwas abschlagen? – »Wohl, Luise, dein Vergnügen ist auch das meinige, nur bitte ich dich –«

Und während ich akkordiere, tritt d'Ermonvalle mit dem ewigen maitre de cérémonies vor Luisen, und sie, graziös, kann ihm bloß diese drei Touren versprechen. Und während des Plauderns hat auch der Magnet in der Fenstervertiefung glücklich Charles angezogen. Die Intrige, scheint es, wird höheren Ortes geleitet, Monsieur le maitre de cérémonies ist d'accord avec le cher Papa. Diese Kreolen, sie können wahrhaftiglich nicht ohne Intrigen leben, sie sind ihnen so zum Bedürfnis geworden, daß sie ihre eigenen Kinder sie abspielen lassen, wenn keine anderen Akteure zu haben sind. Wohin wird nun das Ganze wieder hinauszielen? Wollen die beiden Leutchen ein wenig näher beschauen. Sie beginnen Aufmerksamkeit zu erregen. Die alten Kavaliere senden lauernde Blicke herüber, besonders der Graf. Siehe da, der Papa! – Sein Falkenauge haftet auf den beiden Girrenden, er folgt jeder ihrer Bewegungen – während ein eigentümlich satirisch zufriedenes Lächeln sein einigermaßen vertrocknetes Profil belebt.

Charles hat endlich neben der schönen Unbekannten feste Position gefaßt – aber so de- und wehmütig; das Mädchen ist aber auch schön zum Kopfverdrehen. Ein Schwanennacken wie frisch gefallener Schnee; habe nicht bald ein so herrliches Inkarnat gesehen – und Taille und Füße und Hände; – der Junge hat Geschmack, aber Emilie Warren und Mistreß Houston! – Mir gefällt dieses Changieren zwischen Liebesleuten, und wäre es selbst nur auf einem Balle, gar nicht. Diese Wankelmütigkeit ist auf alle Fälle keine gute Vorbedeutung für einen glücklichen Ehestand. Muß doch hören, was die beiden Leutchen miteinander für wichtige Affären zu verhandeln haben. Sie zupft an den Orangen- und Convolvulusblüten, als ob sie Charpie für den armen verwundeten Charles bereit zu halten gedächte, – er – doch endlich gibt er etwas von sich.

»Sie tanzen also nicht, teure Eleanor?« läßt er sich hören.

»Seit drei Jahren nicht«, versetzt sie im Flötentone und mit einem Seufzer, der einen Stein erweichen könnte, und der dem armen Charles durch Mark und Knochen dringt.

Er entgegnet mit einem Schauder, der mich wider Willen lachen macht:

»Furchtbar!«

Wieder eine Pause. Charles gibt abermals etwas von sich, das rührend klingen muß, denn sie wirft ihm einen schmelzenden Blick zu, und er verdreht die Augen und schlägt sie dann zagend auf, und richtet sie flehend auf sie, und sie auf ihn, und beide erröten. –

Das wird interessant, scheint es. Die Affäre beginnt, so langweilig sie Uneingeweihten oder einem Quäker oder einem Yankee scheinen mag, auf einen gewissen Punkt hinzusteuern. Wollen den Ideen der beiden eine andere Richtung geben, kann nicht schaden.

Und während ich mich vorschiebe, willens, die Schöne ex abrupto zum Tanze aufzufordern, scheinen sie instinktartig meine ungebetene Dazwischenkunft zu erraten, denn sie erheben sich, während Charles wie außer sich stammelt: »Sie machen mich zum glücklichsten Sterblichen!«

»Aber was wird –?« stockt sie.

Der Ton ihrer Stimme hat etwas sanft Malignes. Sie schaut ihn mit einem fein-ironischen Lächeln an, das ihr ungemein gut steht, dann eilt ihr Blick flüchtig im Saal herum, haftet endlich – ja, auf Emilien. Charles wird blaß. Sie richtet abermals den forschend gewordenen Blick auf ihn, der junge Mensch scheint seine Besinnung ganz verloren zu haben, steht wie ein armer Sünder, zitternd tritt er in die Reihen ein, aller Augen sind auf das Paar gerichtet, nur sie sind blind, ja wahrhaftig blind, beinahe blöde ist ihr erstes Auftreten. Dieses wenigstens macht dem kreolischen Tanzruhm keine große Ehre. Doch halt! Unser Urteil wäre beinahe Vorurteil geworden. Die Pas der beiden werden auf einmal so zuversichtlich, so elastisch, ihre Bewegungen so graziös! Seht doch, Wunder über Wunder – in den beiden ist während der zehn Sekunden eine wahre Metempsychose vorgegangen, so urplötzlich, als sie der griechische Philosoph sich gewiß nicht träumen ließ. Diese Sprache! Wahrhaftig, sie ist deutlich genug, jeder Schritt, jede Bewegung redet. Dieser Charles ist ein ganz neuer Mensch geworden, so geschmeidig, leidenschaftlich, als ob er die Verführungskunst bei dem atheniensischen Alcibiades studiert hätte. Und wie sie ihm wieder entgegenschwellt, anschmiegend, hingebend!

Und während die Musik – sie besteht aus dem Pianoforte, zweien aus der Hauptstadt heraufgekommenen Violinen und einem Violoncello, und ist vortrefflich – die letzten Figuren durchspielt, sind aller Blicke auf das neue seltsame Tänzerpaar wie gefesselt. Emilie Warren kann ihre Augen kaum abwenden, sie scheint sie zu bewundern, Freude, Teilnahme leuchtet aus ihren Augen. Der Graf folgt mit wahrem Troste ihren Bewegungen. Die junge Dame ist wie beschämt über ihren Triumph; denn Triumph ist es wirklich – sie überbietet Luisen und Genievre, und das will etwas sagen. Wie sie nun die zauberischen nußbraunen Augen aufschlägt, und ihr berauschter entzückter Partner sie zur Allemande sanft erfaßt, übergießt sie eine Flammenglut. Ich glaube, wenn die beiden in dem Augenblicke stürben, sie hätten glücklich gelebt.

»Papa, was sagen Sie dazu?« fragte ich den gerade an mir vorüberschießenden Schwiegervater, während mein Blick auf Charles deutet.

Der Papa gibt keine Antwort, aber Zufriedenheit, Freude leuchten ihm aus den Augen.

»Was meinen Sie?« fragt er zuletzt.

»Wer ist die junge Dame?«

»Welche?«

»Je nun, die mit dem Charles tanzt.«

»Kennen Sie sie nicht? Es ist Demoiselle Lacalle.«

»Wie, Demoiselle Lacalle, die Tochter Monsieur Lacalles, von dem der Graf Vignerolles –?«

»Eben diese, sie war nicht bei Tische, weil sie mit ihrer Gouvernante einen Besuch bei einer intimen Freundin in der Nachbarschaft abstattete.«

»Also die Tochter von demselben Lacalle, und wie kommt es, daß Charles –?«

»Mehr davon morgen, lieber Howard. Jetzt erlauben Sie –«

Und der schlaue Kreole, wäre er nicht mein Schwiegerpapa, so würde ich mich des Prädikates Intrigant bedienen, dreht sich aalartig von mir weg, um mich – an Julie anprallen zu lassen.

Du mein Gott, wie die nun wieder aussieht! Ich habe immer einen gewissen Penchant zu Kreolinnenindolenz an ihr bemerkt, aber diesen Zug noch nicht. Die Unterlippe, die ganze untere Kinnlade hängt doch so verdrießlich, und die Mundwinkel so schmollend herab! Sie sieht darein wie eine Dreißigjährige, die eine Negerin auspeitschen zu lassen darauf und daran ist.

»Howard, haben Sie Doughby nicht gesehen?«

»Doughby? Ja doch. Es ist noch keine halbe Stunde, mag auch etwas mehr sein.«

»Er ist fort, verschwunden, hat ein Pferd bestiegen, eines von Papas Pferden, und ist mit zwei Herren weggeritten.«

»Trösten Sie sich, Julie; ist er weggeritten, so wird er den Weg schon wieder zurückfinden. Wissen Sie, welche Richtung er eingeschlagen?«

»Stellen Sie sich vor, den Ball zu verlassen!« jammerte Julie mit verbissenem Grimm – »mich, alles im Stich zu lassen, um zu seinen betrunkenen –«

»Pfui, Julie! Nicht so vorschnell, liebe Schwägerin«, flüsterte ich der beleidigten Ehehälfte in die Ohren. – »Doughby ist weder Trunkenbold, noch liebt er deren Gesellschaft, und Sie sind zu aufgebracht, um gerecht zu sein, er verdient das nicht um Sie.«

»Ah, Sie sind ein Amerikaner, und Sie lassen nichts über Doughby kommen.«

»Das bin ich, Julie, Gott sei Dank! Aber Sie sind übler Laune. Wissen Sie, wo Doughby hin ist?«

»Weiß ich es?« schmollt Julie. »Er wurde abgeholt von zwei Männern, heißt es, und hatte bloß so viel Zeit, um Mistreß Richards zu sagen –«

Wieder eine fatale Geschichte, der gute Doughby weiß doch nie, wenn Zeit – Doch siehe da, Mistreß Richards –

»Mistreß Richards!« rede ich die zur Galoppade eintretende Madame an, »was hat es mit Mister Doughby?«

»Nichts, gar nichts. Es kamen Mister Trumbull und Kapitän Blount, um ihn zur Konferenz nach Alexandria über ein sehr wichtiges, unvorgesehenes Ereignis abzuholen – das Komitee ist drüben versammelt. Er hatte kaum noch Zeit, mich zu bitten, ihn bei Mistreß Doughby, die gerade die Allemande tanzte, zu entschuldigen.«

»Das dachte ich. Trösten Sie sich, Schwägerin. Sie sehen, Mister Doughby ist in so guter Gesellschaft, wie ein reeller Amerikaner nur sein kann, freilich auf der unrechten Seite, aber wir leben in einem freien Lande, und der alte Hickory geht auf alle Fälle dem Balle vor.«

»Ah, es ist zu arg, lieber Howard«, fällt die Maman ein, die sich gleichfalls dem Knäuel beigesellt und nun das Konklave neuerdings in Gang zu bringen droht.

»Maman! Doughby ist einer der Komiteemänner, er ist Politiker, ist seiner Partei verpflichtet. Er konnte nicht anders, mußte. – Ereifern Sie sich nicht – er mußte kommen.«

Die Maman ist im Begriffe, zum neuen Angriff gegen den armen Doughby auszuholen, aber zum Glücke springt die Allemande in die Galoppade um, und aus dem Wirrwarr der Stimmen erhebt sich die Harmonie der Töne. Eleanor und Charles, die in einem Meere von Seligkeit schwimmen, – schwirren vor ihr vorbei, und Doughby ist glücklich vergessen. Es ist aber wirklich eine Freude, die beiden zu sehen, sie zittert, errötet bis zur Nagelspitze! Welches sechzehnjährige Kind wird es nicht bei diesem Hüften-, Gliederspiele und Gewoge! Widerstrebend heben sich anfänglich die wunderlieblichen Füßchen, dann werden sie aufschnellender – Charles kennt sich nicht mehr, wie er sie im Arme, in dem wollüstigen Tanze hinhüpfend, umschwingt.

Luise mit Monteville galoppieren an mir vorüber. – »Luise!« flüsterte ich, gerade wie sie an mir vorüberrauscht, aber Luise hört nicht – endlich muß sie, denn sie ist offenbar erschöpft.

»Luise, das ist die letzte, versprich mir es.«

»Die letzte, das verspreche ich dir«, lacht sie keuchend.

Der Tanz ist vorüber. Luise nähert sich Eleanor, die beiden umarmen sich, die Maman hat ganz Doughbys Ausbruch vergessen und trippelt heran mit einem Schal, den sie so sorgfältig um die Schultern des lieblichen Kindes breitet; – die übrigen Damen lassen sich ditto die ihrigen reichen. Es ist ein allgemeines Einschalen.

»Wieso, Papa, der Ball also zu Ende?«

»Die Glocke hat zwölf geschlagen.«

»Aber warum nicht noch eine Tour, Papa, lieber Papa?« bettelt Luise. »Sieh nur, Eleanor hat bloß eine einzige Galoppade und eine armselige Allemande, und einen langweiligen Kotillon durchgemacht, und wir nicht mehr als drei –«

»Fünf, liebes Kind«, zählt ihr der Papa arithmetisch auf den Fingern nach. – »Fünf, du hast dich verzählt, und fünf Kotillons, Allemanden und Galoppaden sind für drei Stunden mehr als genug. Auf den morgenden Tag folgt auch eine Nacht, und du weißt, daß ich es nicht leiden kann, wenn der Ball fatigant wird. Ist ein großer Fehler, Mister Howard, wenn junge Damen – nichts Horribleres als schwitzende junge Damen mit blassen oder aufgedunsenen roten Gesichtern, schlaff herabhängenden Locken, zerknitterten Blumen.«

Die Worte des alten Praktikus sind halb an mich, halb an Luisen gerichtet. Er wispert uns noch zu: »Unsere Damen gehen ab – muß nachsehen«, und huscht dann weg. Luise ist gleichfalls im Begriffe nachzuhüpfen.

»Halt, Luise! und vergesse den Schal nicht, die Nachtluft ist kühl.«

»Die Damen gehen.«

»Doch nicht auf die Zimmer, – so warte doch, Luise, ich begleite dich.«

»Wir gehen zu Maman, und nehmen noch bei Maman einige Erfrischungen. Ich muß zu den Damen, du bleibst hier bei den Herren.«

»Aber Luise, so sage mir doch – man ist wie verraten und verkauft – was soll es mit Charles? Was gibt es mit Emilien?«

»Ah, Charles und Emilie und Doughby. – Ah, stelle dir nur vor, George, Doughby! Die Maman hat sich abscheulich geärgert.«

»Wir reden jetzt nicht von Doughby. – Doughby tat, was in seiner Lage auch ich getan hätte.«

»Aber die Maman ärgert sich gewaltig«, lacht Luise, mir ein Kußhändchen zuwerfend, und in der Türe des Appartements der Maman verschwindend.

»Das ist zum Ärgern«, rief ich ärgerlich aus – mich von der Türe wendend, wohin, wußte ich selbst nicht recht.

Aus dem Speisesaale schallt lautes Gelächter herüber, vom Negerdorfe her läßt sich ähnlicher Jubel vernehmen. Die Schwarzen halten gleichfalls eine Art Ball, aber nicht so ganz con amore, wie es scheint; – die Schönen ziehen es vor, an den Jalousien zu hängen und die Bewegungen ihrer Herrschaften zu schauen, um sie bei nächster Gelegenheit in ähnlicher Vollkommenheit produzieren zu können. Mir ist der Kopf so voll, dieses Versteckensspielen ärgert mich. Sind nun en famille, wie es heißt, und in Intrigen, die dem Hofe eines deutschen Duodezfürsten Stoff zu achttägigem Divertissement geben könnten. Was will nur dieser alte Graf, der sich wie ein alter halbvermoderter Kottonbaum von der frischen Weinranke umfangen läßt? Wird doch nicht? – Das Ganze ist abgekartet, soviel ist klar. Selbst Mistreß Houstons essigsaures Gesicht hat sich so friedsam ruhig geglättet! – Bin nur begierig, was aus dem feinen Gewebe für ein Gespinst zum Vorschein kommen wird!

Im Saale läßt sich jetzt die Stimme des Grafen deutlicher vernehmen. Der alte Kavalier will mir nicht aus dem Kopfe. – Neid ist es nicht, denn ich tauschte nicht für zehn Emilien. Sie ist ein wahrer Eisberg, dieses Mädchen, kalkulierend wie die Yankeeinnen alle – die, hören sie von einem Grafen oder Marquis, der Dollars hat; – ja, ich glaube, das wird der Punkt sein.

»Siehe da, Mister Howard! Hamletisierend?« lacht Hauterouge. – »Wollen Sie nicht in den Saal? Die Gesellschaft ist die aufgeweckteste, die ich seit langer Zeit gesehen.« –

»Ich höre es«, versetzte ich mißmutig, von dem alten Baron in den Saal hineingezogen, in dem ein wahres Junggesellenleben an der Tagesordnung ist. Ein halbes Dutzend Sofas und Ottomanen, aus den beiden Sälen zusammengeschleppt, sind um den Tisch gereiht; auf diesem eine gewaltige Bowle mit Champagner- und Ananaspunsch, Kannen und Tassen mit hasse caffe, aller Augen auf den Grafen gerichtet, der auf einem Fauteuil wie ein Triumphator thronend – ein Lächeln hoher Zufriedenheit um die dünnen Lippen – einen Augenblick die versammelten Tafelfreunde übersieht, und dann gravitätisch aus dem Punschglase nippend, frägt:

»Also, Sie wollen sich nochmals ennuyieren mit unsern Abenteuern, Messieurs?«

»Sie erzählen so angenehm, Graf«, meinen die polierten Franzosen-Kreolen.

»Ohne Komplimente, Messieurs! Sie sind so gütig, Anteil zu nehmen, und es wäre unartig, Ihrem Wunsche nicht nach Kräften zu entsprechen, nur bedauere ich, wenn Ihre Erwartungen nicht ganz befriedigt werden sollten; da wir aber denn doch noch einige Gäste erwarten, und Messieurs Doughby und Richards abgegangen sind –«

»Wie, auch Richards, Monsieur de Vignerolles? Davon wußte ich kein Wort, ich glaubte bloß mein Schwager allein.«

»Ah, Monsieur Doughby«, fällt der Graf lachend ein, »ging, um uns einen neuen Präsidenten nach seinem Geschmacke zu schenken, und gelegentlich sich selbst den Weg zum pouvoir zu bahnen.«

»Und Sie glauben –?« fragen mehrere.

»Ich glaube nicht bloß, ich bin vollkommen überzeugt, daß dieser junge, zwar noch nicht ganz geglättete, aber gediegenes Gold enthaltende Charakter, ehe viele Jahre vergehen, eine bedeutende Rolle spielen wird. Er ist ganz der Mann für unsere heutige Demokratie, und glücklich wir, wenn die Gewalt in keine schlimmeren Hände fällt. Ich habe nicht bald so vieles Aplomb, wie bei diesem jungen Manne, gefunden – er ist ganz das Holz, aus dem man bei Ihnen Ihre Staatssekretäre und Präsidenten schnitzt.«

Die Wahrheit zu gestehen, so kommen mir oft ähnliche Gedanken. Blöde ist der gute Doughby nicht, und wenn Keckheit und eine allzeit fertige Zunge und Takt –

»Aber warum, Herr von Vignerolles, ist Richards gegangen?«

»Ein sehr angenehmer Besuch aus dem Norden, für den Freund Menou bereits Empfangsvorkehrungen trifft. Wir werden das weitere in wenigen Stunden hören.«

Der gute Kavalier scheint mehr zu wissen als der Sohn des Hauses. Ein wenig verdrießt mich diese Geheimnistuerei – ich kann meinen Ärger nicht ganz verbeißen – wer könnte es auch!

»Das ist doch seltsam, ein Besuch nach Mitternacht, von dem –«

»Von dem«, fällt der Graf lächelnd ein, »de Vignerolles weiß, und Mistreß Howard im dunkeln ist – nicht wahr?«

»Neugierde ist mein Fehler nicht, Monsieur de Vignerolles«, sprach ich abbrechend.

Meine Lippen kräuseln sich unwillkürlich, der Graf sieht mich einen Augenblick forschend an, dann wendet er sich zur Gesellschaft mit einer Miene so insouciant vornehm! – V–t seien diese Franzosen! Sie halten bessere Leute, als sie sind, geradezu für Narren.

»Aber wo blieben wir?« frägt er nach einer Pause wohlgefällig.

»Bei Ihrem Waldmahle.«

»Ah, richtig – bei unserm Waldmahle. Lassalle, erinnerst du dich noch dieser Nachtszene? Des prachtvoll in alle Farben des Regenbogens spielenden Vollmondes, wie er sein grünes Zauberlicht über die Millionen Palmettos ausgoß, hier eine Zypresse in mildstrahlender Verklärung aufdämmernd, dort eine zweite, dritte in ein phantastisches clair-obscur verschwimmend – die ganze Landschaft vor unseren trunkenen Blicken tanzend; im Südwest der rosarot aufgehellte Himmel, gegen Nordwest das apfelgrüne Firmament – alles so matt verschmelzend, so zauberisch verklärt! Und wir gruppiert à l'Indienne, auf unsern Schenkeln um das Feuer hockend, auf den Knien Kottonbaumblätter – auf diesen Stücke von Hirschbraten, die einem Nimmersatt genügen konnten und so schnell verschwanden, daß selbst unsere Hinterwäldler ob unseres gräßlichen Appetits staunten und starrten.«

Der Graf hält inne. – –

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