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Die Farbigen / Nathan, der Squatterregulator

Charles Sealsfield: Die Farbigen / Nathan, der Squatterregulator - Kapitel 5
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleDie Farbigen / Nathan, der Squatterregulator
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180713
projectid0ded14a0
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V.
Der Zypressen-Sumpf

»Uns war die Besinnung entschwunden«, fuhr der Graf fort. »Wie lange wir so bewußtlos im Boote lagen, kann ich nicht sagen, es mag wohl eine Viertelstunde gewährt haben. Wir wurden endlich aus unserer Ohnmacht durch den Alten aufgerüttelt, der, eine Bouteille Taffia in der Hand, uns anrief, ob wir nicht eine kleine Herzstärkung zu uns nehmen wollten, würden sie brauchen, meinte er.

Wir griffen mit Gier und halbgeschlossenen Augen nach der Bouteille und nahmen einen tüchtigen Zug.

Der Whisky stärkte uns wunderbar. Wir schlugen die Augen auf.

Vor uns lag ein unabsehbarer Zypressensumpf, hinter uns der breite Wasserspiegel der ineinanderfließenden Bayous, über den eine endlose Rauchschicht so hingelagert war, so daß wir die stahlblauen Wasser unten, oben den blauen Horizont sahen, der aber weiter gegen Südwesten wieder durch die hoch hinstrebenden Rauchsäulen unsern Blicken entzogen ward. Nur zuweilen blitzten die Flammen hinter diesen hervor, und die gewaltigen Massen der Zypressen erschienen wie in einem Feuermeer.

›Wir sind doch sicher vor dem Feuer?‹ fragte ich schaudernd.

›Sicher genug,‹ entgegnete der Alte, ›aber es wird spät, die Sonne ist keine Stunde mehr am Horizonte, und wir haben noch ein schönes Stück Weges vor uns.‹

›Und wohin geht dieser Weg?‹ fragte ich.

›Wohin er geht? Je nun, wohin er geht, das kommt auf Euch an. Er geht durch den Zypressensumpf, außer Ihr zieht den Umweg vor.‹

›Der kürzeste Weg ist der beste‹, war meine Antwort.

›Der kürzeste Weg ist der beste‹, polterte der Alte, zu seinen Gefährten gewendet. ›Da seht ihr wieder einmal den Franzosen. Wollen ihn ihm zu Gefallen nehmen, glaube, es ist eben so wohl getan.‹

›James,‹ wandte er sich zu einem der Männer, ›Ihr geht weiter unten durch den Snapping-Turtle-Sumpf, wir gehen mitten durch.‹

›Aber unsere Pferde‹ – bemerkte ich.

›Eure Pferde, die gehen den längern Weg oben hinaus, bis nämlich das Feuer ausgetobt hat. Habe die Notion, wir bekommen diese Nacht einen Regen und dann verbrennen sie sich nicht die Hufe.‹

›Und wohin sollen wir?‹

›Fragt zuviel, Mann‹, versetzte der Alte kurz; – ›werdet es sehen.‹

Wir waren nun am Rande des Sees, der hier, wie gesagt, durch eine Vereinigung der beiden Bayous gebildet wird, vor uns lag der Zypressensumpf.

Ich hatte diese Sümpfe bereits kennen gelernt,« fuhr der Graf fort, »obwohl nur oberflächlich; denn es war uns nie möglich gewesen, tief einzudringen. Aber als ich nun in das düstere Dunkel einschaute, glaubte ich nochmals fragen zu müssen: ›Alter, gibt es denn auch Weg oder Steg durch diesen Sumpf?‹

›Weg oder Steg?‹ versetzte der Mann; ›kein Gentlemens-Park, versichere Euch – kein Gentlemens-Park. Weg oder Steg – je nun, der Weg, den die erschöpfte Natur euch gemacht hat‹, fuhr er fort, auf einen Baumstamm springend, der mit Moos und Lyanen überzogen aus dem bodenlosen Abgrunde hervorragte. ›Seht Ihr, das ist der Steg.‹

›Dann wollen wir lieber den weitern Weg mit unsern Pferden‹, versetzte ich; ›aber wo sind unsere Pferde? Ich sehe sie nicht.‹

›Tut, wie Ihr am besten glaubt – wir gehen; auch muß ich euch sagen, daß, außer ihr könnt wie eure Pferde zur Not von Rohrblättern euer Abendmahl halten, ihr schwerlich etwas anderes innerhalb vierundzwanzig Stunden auf die Zunge bekommen dürftet.‹

›Aber es gibt doch Wasservögel, Wildpret?‹

›Ja, das gibt es in Fülle, wenn ihr sie roh verzehren wollt wie die Indianer oder zwei Meilen in der Runde einen Quadratschuh festen Boden wisset, euch ein Feuer anzumachen.‹

›Pshaw, wir versäumen nur die Zeit‹, murmelten die jungen Männer.

Die Wahrheit zu gestehen, wurde mir ein wenig bange unter diesen Menschen, und ihre Sprache fing an, mir nicht ganz zu gefallen; sie war so schonungs-, rücksichtslos. Wir waren daran gewöhnt, unsere Wünsche von Menschen dieser Klasse, wenn nicht immer mit unterwürfiger Leichtigkeit erfüllt, doch mindestens nicht auf eine so rauhe Art auf die Folter gespannt zu sehen. – Wir schauten abwechselnd den Alten, wieder seine Begleiter an. Wir hatten von Amerikanern eben nicht die vorteilhafteste Meinung, und besonders den Amerikanern, die als Squatters sich in verschiedenen Teilen Louisianas eingedrängt hatten. Wir hatten sie als Leute schildern gehört, die, weder Gott noch den Menschen fürchtend, nur ihrem Arm, ihren Äxten und ihren Stutzen vertrauend, sich tief in den Wäldern niederließen, wie Wilde in einer Art roher hölzerner Hütten kampierten, Vieh, besonders Pferde stahlen, von Welschkorn und Salzfleisch lebten und den Indianern nur wenig an Wildheit nachgaben. – Es war uns gesagt worden, daß kurz vor unserer Ankunft in den Attacapas in eben der Gegend, wo wir uns nun befanden, einer dieser halbwilden Republikaner sogar eine Belagerung gegen die Truppen der Regierung in seinem Blockhause bestanden habe. Er sollte einen Einfall in die westlichen Parishes Pfarrbezirk. Die alten Kantone von Louisiana werden Parishes genannt, die neuen Counties.> von Louisiana gewagt, einen Trupp wilder Pferde eingefangen, auf seinem Zuge nach dem Mississippi entdeckt und bis in sein Blockhaus verfolgt worden sein, wo er eine mörderische Belagerung ausgehalten. – Das Gerücht hatte ohne Zweifel vergrößert; aber wenn, was über diese Menschen verlautete, auch nur zur Hälfte wahr war, so befanden wir uns eben nicht in der besten Gesellschaft.

Während diese Besorgnisse nacheinander uns durch die Köpfe fuhren, schauten wir uns den Mann und seine Umgebungen nochmals an.

Er war über sechs Fuß lang, hager, aber Sehnen und Knochen verrieten eine außergewöhnliche Stärke; die Gesichtszüge waren scharf, besonders die Augen, die einen wahren Falkenblick hatten – seine Miene sprach von Selbstbewußtsein – sowie sein ganzes Benehmen gegen uns eher Geringschätzung als Achtung hervorblicken ließ, und doch bestand seine Kleidung in einem bloßen Lederwamse mit einem Gürtel, in dem ein langes Messer stak, ledernen kurzen Beinkleidern, einem Strohhut, der aber den Rand verloren hatte, und Mokassins. Ganz ähnlich waren seine Begleiter angetan.

›Wo ist aber Martin?‹ fragte auf einmal Lassalle.

›Meint Ihr den jungen Akadier, der uns bat, euch in Obsorge zu nehmen?‹ fragte der Alte.

›Eben den.‹

Der Alte deutete auf den Rauchvorhang.

›Dort wird er wohl zu finden sein, habe aber die Notion, ihre teuflische Jagd ist vorüber, höre keine Schüsse mehr.‹

›Dann wollen wir zu ihm – aber wo sind unsere Pferde?‹

›Habe die Notion,‹ versetzte einer der jungen Männer, ›der Frencher da weiß nicht recht, was er will. Eure Pferde weiden eine halbe Meile oberhalb im Rohr – werdet doch nicht wollen, wir sollen die armen Tiere eine halbe Meile durch das Bayou hinter dem Boote nachschwemmen; Bill ist bei ihnen.‹

›Und was will er mit ihnen?‹

›Joe geht mit dem Boote hinauf, und wenn das Feuer ausgetobt hat, dann werden wir das weitere sehen. Werdet doch nicht glauben, daß wir eure Pferde –?‹

Der Alte sprach das Wort nicht aus, aber seine Miene verzog sich in ein stolzes Hohnlächeln.

Ich hatte ihn aufmerksam beobachtet, ebenso Lassalle. Wir entgegneten zugleich, daß wir mit ihm gingen und ihm uns anvertrauten.

›Ihr tut wohl daran‹, war die kurze Antwort.

›James!‹ wandte er sich hierauf zu einem der jungen Männer; ›ihr geht also mit Joe weiter unten durch den Snapping-Turtle-Swamp Krokodile-Tortue-Sumpf.>, wir schneiden mitten hier hinein, wird aber nicht schaden, wenn wir uns gleich hier mit Kienfackeln versehen.‹

›Kienfackeln?‹ fragten wir.

Des Alten Blick, den er auf die Abgehenden warf, schien zu sagen: ›Aber müßt ihr denn eure Zunge in allem haben?‹ Dann warf er hin: ›Ei, Kienfackeln, und sind soviel wert in diesem Zypressensumpfe als eure Leben, und hättet ihr deren zehn.‹

›Eine seltsame Sprache haben diese Leute‹, raunte mir Lassalle zu.

Der Alte hatte mittlerweile Feuer geschlagen und einen der Späne, die im Boote lagen, angezündet, aber mit einer so langsam abgemessenen Bedächtlichkeit, die uns trotz unserer unangenehmen Lage zum Lächeln zwang. Er zündete einen zweiten an, schaute nochmals zurück auf das Bayou, dann dem Boote nach, welches im Rohrsaume bereits unsichtbar zu werden begann, und hob dann den Fuß.

›Verdammter spanischer Sumpf,‹ brummte er, ›wäre er nun gut amerikanisch und nicht verräterisch spanisch, so hielte er wie ein ehrlicher Mann aus, bis ihr ihn mit den Armen gefaßt, und wiche nicht und zöge euch nicht nach, ei nach, sage ich euch, und wären eure Köpfe zwanzig Fuß von euern Schuhsohlen.‹

›Folgt mir Schritt auf Schritt, als wenn ihr zwischen Eiern trätet,‹ wandte er sich zu uns, ›und du, Jonas, habe ein Auge auf die beiden Frenchers und warte nicht erst, bis du ihre Beine über die Mokkassins im Schlamme stecken siehst.‹

Uns war nicht ganz erquicklich bei diesen eben nicht sehr trostreichen Weisungen, aber allen unsern Mut zusammennehmend, schritten wir dem Alten nach.

So waren wir etwa fünfzig Schritte in den Sumpf eingedrungen. Bisher hatte uns das Licht des Tages geleuchtet, die Zypressen standen zehn bis fünfzehn Fuß auseinander, die ungeheuren Stämme erhoben sich fünfzig Fuß, ehe die breiten schirmähnlichen Zweige sich ausbreiteten, Stamm an Stamm gereiht, Krone an Krone, so daß der Sumpf einem endlosen Schirmdache glich, durch das auch kein einziger Sonnenstrahl einzudringen vermochte. Wir sahen noch das vom Uferrande schief hereinfallende Licht mit der Dämmerung kämpfen, in düsteres Dunkel zucken, endlich in Nacht übergehen. In dem Verhältnis, in dem das Tageslicht abnahm, wurde auch die Sumpfluft dicker, erstickender, endlich verpestet; die anfangs hell auflodernden Flammen unserer Kienfackeln wurden schwächer und schwächer, zuletzt schwammen sie vor unsern Augen bloß noch wie Irrlichter.

›Ja, ja‹, murmelte der Alte wieder: ›eine Nacht in diesem Sumpfe zugebracht, mag euch die giftige Aguecake in den Leib bringen; – was Nacht? eine halbe Stunde mag es, so ihr nur drei Poren an eurem Körper offen habt; ist aber keine Gefahr, der Präriebrand hat auch sein Gutes; trocknet den Schweiß, schließt die Poren.‹

Und während der Mann so vor sich hinbrummte, schritt er vorwärts, jeden Stamm, auf den er seinen Fuß setzte, zuerst beleuchtend, dann probierend, aber mit einer Fertigkeit, die bewies, daß er diesen gefährlichen Weg bereits öfters genommen.

›Folgt nur immer,‹ brummte er abermals, ›aber macht euch leicht, ihr Frenchers, so leicht wie ein Frencher sich nur machen kann – haltet den Atem an. – Ah, der Klotz da.‹

›Holla, Nathan!‹ rief er sich zu. ›Holla! Hättest dich bei einem Haare betören lassen, so ein alter Sumpfgänger du bist, und einen sechzehn Fuß langen Alligater für einen modernden Baumstumpf genommen.‹

Der Alte hatte den Fuß gehoben, vorgestreckt, aber zum Glücke zweifelhaft mit dem Schafte seines Gewehres den vermeintlichen Klotz angestoßen – der Klotz war gewichen, der Alte sich zurückwerfend, heftig an mich angeprallt, und ich bei einem Haare von der schmalen Brücke hinab in den Sumpf getaumelt.

›Ah, verräterischer Geselle!‹ rief er, nichts weniger als erschrocken, ›glaubst du, ehrliche Leute durch deine Teufeleien zu hintergehen?‹

›Was gibt es, Alter?‹

›Was es gibt?‹ versetzte er, sein langes Schlachtmesser ziehend; ›nichts, als daß sich ein Alligater – doch, da seht ihr ihn ja.‹

Und statt des Klotzes, der verschwunden war, gähnte uns der Rachen eines Alligators an.

Ich erhob meine Flinte.

›Schießt nicht, Monshur‹, wisperte mir der Alte zu. ›Schießt nicht, so lange Ihr es lassen könnt! – Ihr seid nicht allein hier. Das wird's tun‹, sprach er, sich gemächlich niederbeugend und sein langes Messer dem Tiere in das Auge stoßend, das mit einem furchtbaren Geheule um sich schlug, so daß uns der schwarze Sumpfschlamm über und über bespritzte.

›Da, nimm das,‹ sprach der Alte lachend – ›und das – und das‹, indem er dem Tiere, das sich krümmend nach ihm schnappte, noch einige Male das Messer zwischen den Hals und in die Rippen stieß.

Und dann wischte er das Blut vom Messer, steckte es in den Gürtel und sah sich bedächtig um.

›Habe die Notion, daß da irgendein Baumstamm sein muß – bin doch nicht das erste Mal auf diesem Track Fährte, Spur, Fußpfad.>. Da ist er, aber gute sechs Fuß weit – jetzt Frenchers sind eure Tanzbeine etwas wert.‹

Und so sagend, sprang er mit einem Satze auf das, was er einen Baumstamm nannte.

›Ums Himmels willen, Mann! Ich sehe das Wasser glitzern, steckt Ihr?‹

›Pah, Wasser! Was Euch Wasser zu sein scheint, sind ein paar arme Teufel von Schlangen – ehrliche Mokassin- und falsche Kongoschlangen – wollen auch leben, sind gutes Futter für unsere Schweine. Jetzt setzt an.‹

Die Not verlieh mir Kräfte! Ich drückte den linken Fuß so fest in den im Schlamme schwankenden Stamm als ich vermochte und sprang dann hinüber, Lassalle nach.

›Bravo!‹ murmelte der Alte; ›frisch auf, und Ihr, zweiter Monshur, auch, daß wir weiter kommen. Noch ein paar solcher Passagen, und dann geht es besser.‹

Und wir schoben weiter, Schritt für Schritt, den einen Fuß hebend, leicht auflegend, zurückziehend, bis wir tragbaren Grund gefaßt zu haben glaubten, mit unsern Gewehren zugleich in die Stämme einstoßend. Die Viertelstunde hatte uns wunderbar fertig gemacht, aber Not lehrt diese Fertigkeit auch dem Ungeschicktesten. Und hier tat es not. Der Zypressensumpf erstreckte sich vier bis fünf Meilen dem Bayou entlang – ein tiefer schwarzer Moorschlamm, bedeckt mit einer schmutzig und wieder hellgrün trügerischen Matte von Schlingpflanzen, Lianen, Moos, die Sumpf und Baumstämme überzogen hatten. Diese Baumstämme lagen zwar nicht regelmäßig, aber doch so, daß man sah, daß Menschenhände hier tätig gewesen waren.

›Sagt mir,‹ hob ich an, ›es scheint doch ein Pfad hier durchzuführen; denn –‹

›Schweigt,‹ sprach der Alte, ›bis wir auf festem Grunde sind, schweigt für Euer Leben – merkt nicht auf die Schlangen, sondern tretet mir nach.‹

Und wie ich abermals den Fuß vorwärts streckte und im matt flackernden Lichte der Kienfackel ihn in die Stapfen des Alten zu senken im Begriffe stand, hob sich nicht vier Zoll von meinem Fuße über den Baumstamm herüber aus dem Schlamme ein gräßlicher Alligatorsrachen und schnappte mit solcher Behendigkeit nach mir, daß ich nur noch so viel Zeit übrig hatte, mein Gewehr dem Tiere in das funkelnde Eidechsenauge abzudrücken. Es prallte zurück, gab ein stöhnendes Gebrüll von sich, schlug einige Male im Moraste wie rasend um sich und versank.

Der Alte hatte sich umgesehen, und ein zufriedenes Lächeln spielte um seine geöffneten Lippen, aber ich hörte nicht, was er sagte, denn der Aufruhr, der nun auf allen Seiten ausbrach, war so furchtbar, daß er einige Minuten mich ganz betäubte.

Tausende, Zehntausende von Alligatoren, Bullfröschen, Nachteulen, Ahingas, Reihern, die im Schlamme und den Laubdächern der Zypressen hausten, erhoben nun ihre Stimmen, ihr Gebrüll und Gestöhne und wurden rebellisch, und kreischend brachen sie aus ihren Schlupfwinkeln hervor und umkreisten uns, flogen uns um die Köpfe. Wir hatten unsere Messer gezogen, unsere Arme über die Köpfe und Augen gehalten, aber es war um uns geschehen, wenn nicht –

Im entsetzlichen Aufruhr der gräßlichen Tierwelt fiel ein Schuß, dann ein zweiter. Das Wüten, Toben der Tiere wurde auf einmal heulend, kläglich, die Tiere prallten noch einige Male an uns an, dann flogen sie in weitern Kreisen um uns herum, zuletzt wurde das Geschrei, Gebrülle schwächer – unsere Leuchten waren ausgelöscht; – wir standen in stockfinsterer Nacht.

›Alter, ums Himmels willen!‹

›Ei, seid Ihr noch am Leben?‹ lachte der Alte mit einem so sonderbaren Nachklange, daß mir unheimlich wurde – ›und Euer Freund? Habe Euch gesagt, daß wir nicht allein sind, wehren sich auch, diese Bestien, wenn man sie in ihren Schlupfwinkeln angreift; ein einziger Schuß ist hinreichend, euch das ganze Gezücht auf den Hals zu bringen; aber lassen sich wieder die Köpfe zurechtsetzen, wenn sie sehen, daß es Ernst gilt. Zwei Schüsse nacheinander unter die hineingetan, verfehlen selten sie zu belehren, daß sie nur unvernünftige marktschreierische Kreaturen sind.‹

Und während der Alte so sprach, schlug er recht bedächtlich Feuer und zündete eine der Kienfackeln an.

›Zum Glücke haben wir hier etwas breitere Fußung,‹ lachte er, ›aber jetzt vorwärts; es ist hohe Zeit, die Sonne ist unter, ich merke es, und wir haben noch ein schönes Stück Weges vor uns; auch möchte es nach Sonnenuntergang im Carancrosumpfe zu verweilen nicht zweimal ratsam sein.‹

Und er schob abermals vorwärts; Schritt vor Schritt, aber sicher, fest, mit einer Zuversicht, die uns bei jedem Schritte mehr Vertrauen zu dem Manne einflößte.

Wir mochten eine halbe Stunde so fortgezogen sein, als ein blaßheller Schein uns entgegenflimmerte.

›Noch fünf Minuten, und wir sind am Ziele, aber gebt acht – an den Rändern dieses v–ten spanischen Zypressensumpfes halten sich immer am liebsten diese teuflischen Alligaters und auch Snapping-Turtles auf, lieben das feste Land, die Alligaters.‹

Ich hatte in meiner Begierde, endlich festen Grund zu fassen, nicht mehr auf die Worte des Alten gehört, die Bäume lagen hier dichter aneinander; – so war ich dem Alten vorgeschritten. Auf einmal fühlte ich den Stamm, auf den ich den Fuß gesetzt, weichen. Ich hatte nur soviel Zeit, Halt zu rufen, und bereits war ich bis an die Arme im bodenlosen Schlamme.

›Ah, habt in Eurem französischen Leichtsinn einmal Euern eigenen Weg gehen wollen‹, sprach der Alte, lachend vorspringend und mich beim Haarschopfe ergreifend.

›Laßt Euch das zur Warnung dienen, Monshur.‹

Und mit diesen Worten zog er mich wieder auf den Baumstamm.

›Seht Ihr‹, sprach er, und wirklich sahen meine Augen mehrere Alligatoren, die herbeigeschossen waren.

Ich war keines Wortes mächtig, er griff nach der Whiskyflasche.

›Nehmt einen Schluck Herzstärkung, aber nein, wartet, bis wir im Palmetto sind. So, haltet – faßt Euch – laßt das Herzklopfen vorübergehen. – So, mein guter Frencher – ah, wenn Ihr mit dem alten Nathan noch ein paar solche Touren macht, sage Euch, werdet ein ganz anderer Mann werden. Jetzt aber kommt.‹

Und wir schritten nun vollends dem Rande des Sumpfes zu. Die mondhelle Nacht ließ uns ein wogendes Palmettofeld schauen, dessen Millionen Stämme säuselnd und grüßend uns entgegenwogten. – Wir atmeten leichter.

›Jetzt ruht aus und nehmt einen Schluck, einen mäßigen Schluck, dann mögt Ihr einen stärkern nachfolgen lassen. Ruht aus, guter Monshur, sehe, es läßt sich etwas aus Euch machen. Wollen nun auf eine kurze halbe Stunde zur Salzlick.‹

›Wohin?‹ fragten wir.

›Je nun, zur Salzlick. Denken, läßt sich noch ein Hirsch oder ein Paar auftreiben.‹

›Und wir sollen hier bleiben?‹

›Fürchtet euch doch nicht? Habt ja eure Gewehre – kommt ein Bär oder ein Kaguar, so wißt ihr, was zu tun ist. Wollen, wie gesagt, sehen, ob wir keinen Hirsch finden.‹

›Aber warum habt ihr nicht am Bayou –?‹

›Warum wir nicht am Bayou?‹ unterbrach er mich ungeduldig – ›am Bayou uns die Todesangst eines armen Hirschbockes oder einer Kuh zunutze machen, wie feige Spanier oder wilde blutdürstige Akadier? – Möge meines Vaters Sohn erschossen werden, so er so etwas; – holla, was ist das?‹

›Ein Donnerschlag.‹

›Ei Donnerschlag! Ihr habt noch wenige Donnerschläge in Louisiana gehört, sonst würdet Ihr die scharfe Rifle eines amerikanischen Hinterwäldlers für keinen Donnerschlag halten – aber freilich, gleich da oben ist ein Immergrün-Eichenwald, der Euch das Echo viermal wiedergibt – ei, es ist James Rifle, er hat einen Hirsch geschossen. Holla, ein zweiter! –‹

Es war wirklich ein zweiter Schlag, der aber wie das mächtige Rollen des Donners von dem ungeheuren Walde gegen das Palmetto herabrollte.

›Holla, Burschen! das ist genug, schont das Wild und euer Pulver und Blei, schont beides. Müssen ihnen aber schon merken lassen, daß wir auch noch in unserer Haut stecken und nicht in einem Alligatorenrachen‹, sprach der Alte, der mittlerweile geladen hatte und die Rifle abschoß.

Der Widerhall rollte feierlich hinüber – kam wieder herüber. – Wir saßen schweigend.

Der Alte deutete auf das Palmetto, winkte uns aufzustehen und nahm den Weg durch das Rohr – seine Wendungen waren so leicht, wie ein schlüpfriger Aal wand er sich durch die Millionen Stämme hindurch, wir folgten ihm, so gut wir es vermochten. In einer halben Stunde waren wir am Salzlick, wo wir seine beiden Söhne mit dem Ausweiden und Zerlegen der Hirsche beschäftigt fanden, in dem sie sich so wenig stören ließen, daß wohl eine Viertelstunde nach unserem Zusammentreffen verlaufen sein mochte, ohne daß ein Laut gehört worden war.

Wir hatten uns gesetzt.

Als Hinter-, Vorderteile und Rücken weidmannsgemäß zerlegt waren, sahen sie den Alten fragend an.

›Was denkt ihr?‹ fragte dieser; ›wollt ihr hier noch einen Bissen versuchen oder warten, bis wir zu Hause sind?‹

›Wie weit ist es?‹

›Je nun, wie weit – mit einem guten mexikanischen Trotter und wären die Wege besser, könnten wir wohl in dreiviertel Stunden zu Hause sein – so dürfte es noch ein paar Stunden nehmen.‹

›Dann ziehen wir es vor, hier einen Bissen zu nehmen.‹

›Wohl, so sei es.‹

Die Söhne, ohne ein Wort zu verlieren, schnitten einen Ziemer von einem der Hinterteile, wir suchten dürres Reisig zusammen, in einer Minute loderte ein fröhliches Wachtfeuer, in der zweiten Minute drehte sich der hölzerne Spieß, eine halbe Stunde darauf saßen wir um einen gebratenen Hirschziemer, der, obwohl wir kein Brot zum Imbiß hatten, uns besser schmeckte als die deliziösesten Perdrix mit Trüffeln gefüllt je an der Marschallstafel von Versailles.« –

Der Graf hielt inne; denn in dem Augenblicke klangen die Töne des Pianoforte aus dem Speisesaale herüber. Luise, Julie und Genievre streckten die Köpfchen durch die Flügeltüre. Wir alle erhoben uns.

»Für heute«, sprach der Graf, lächelnd sich verbeugend.

»Danken wir Ihnen für einen Genuß, der –«

»Ah!« zuckte der Graf, sich nochmals leicht verbeugend und die Hand der Mama erfassend, mit der er in den Tanzsaal einschritt.

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