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Die Farbigen / Nathan, der Squatterregulator

Charles Sealsfield: Die Farbigen / Nathan, der Squatterregulator - Kapitel 3
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleDie Farbigen / Nathan, der Squatterregulator
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180713
projectid0ded14a0
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III.
Die Allains

Auch uns hatte sie Stoff zum Nachdenken gegeben; – eine tiefe Stille war eingetreten, die jetzt durch eine plötzliche unwillkürliche Regung unterbrochen ward. – Doughby biß sich in kentuckischer Manier die Lippen, Richard putzte nacheinander die Lichter, ich war mit ihnen aufgestanden.

Unsere Blicke fielen auf den Grafen.

Er saß in tiefem Nachsinnen wie versunken, die leicht gerunzelten Lineamente seines Gesichtes überflog etwas Düsteres, sein starkes Atemholen verriet Anstrengung, sein Blick war schwer, sein ganzes Wesen das eines Mannes, der litt, seine Stirne war feucht.

Die Kreolen und Franzosen waren sitzen geblieben – nachdenkend, ernst.

Papa Menou schlug jetzt die Augen auf. »Vignerolles, fehlt dir etwas? Du hast dich angestrengt.«

Der Graf winkte ihm und versank in sein voriges düsteres Schweigen.

Abermals fixierte ich den Mann. Jetzt fiel sein Auge auf mich – trübe, nachdenklich. Er holte tief Atem.

Wir setzten uns.

»Es gibt eine Blindheit der Loyalität, eine Blindheit des Hasses, der Rache, des Geistes, der Leidenschaft überhaupt, die zuweilen den stärksten Verstand so übermeistert, so unwiderstehlich mit sich fortreißt, daß das herrliche Wesen, der Mann, der Herr der Schöpfung, gewissermaßen zum Tiere wird, bloß seinem Instinkte folgt;« hob endlich der Graf wieder an. »Ein einziges Mal in meinem Leben habe ich diese Erfahrung gemacht; – es war an und nach jenem merkwürdigen Gewitternachmittage, der Eindrücke zurückließ, als ob ich vom elektrischen Fluidum, das sich an diesem Nachmittage entleert, getroffen worden wäre. Doch ich war ja nicht allein, – Lassalle war ganz auf gleiche Weise getroffen. – Es war etwas Seltsames, das damals mit uns vorging. Uns ging es, wie den vom Alp Gedrückten; eine gewisse Beklemmung, mit einem ganz eigentümlichen Reize verbunden, hatte sich unser bemeistert. Leontine und Zoe kamen uns vor wie zwei häßliche und gleich darauf wieder wie zwei unsäglich reizende Vampire. – Wir schraken zurück vor der Umarmung der Ungeheuer, und doch sehnten wir uns wieder nach ihren Krallen. Wir fühlten, daß sie unser bestes Lebensblut aussaugen, – wir verloren sein mußten; aber es zog uns hin zur Chartreuse, mit unsichtbarer, unwiderstehlicher Gewalt. Wir dachten nur an die Chartreuse. –

Wir waren die folgenden acht Tage ebenso viele Male ausgeritten in der Richtung der Chartreuse, immer aber in der Mitte des Weges stecken geblieben; ein innerer Sturm trieb uns vorwärts, eine innere Stimme wieder zurück, uns ward bei alldem klar, daß ein zweiter Besuch, ein zweites Verweilen in diesem Sirenenverstecke uns den verführerischen Geschöpfen ganz zu eigen machen, wir verloren sein mußten, und doch –

Wir waren einsilbig gegen Hauterouge, gegen Amadee, gegen unsere Diener, gegen alle Welt geworden; wie zwei junge blöde Leute, die in ihrer ersten Liebe befangen sind, sprachen wir bloß miteinander über – Leontine – Zoe – kurz, wir waren auf eine Weise befangen, die Ihnen wohl unglaublich erscheinen mag. – Wir selbst hätten sie uns noch eine Stunde vor diesem fatalen Nachmittage nicht als möglich träumen lassen.

Es war, glaube ich, am zehnten Tage nach diesem unserem fatalen Besuche der Chartreuse. Amadee war soeben aus dem Kirchspiele gekommen, seine Miene drückte Kummer und die Verlegenheit eines getreuen Dieners aus, der Nachrichten bringt, die die Ohren seines Herrn mißfällig berühren müssen. Er wagte es nicht, den Anfang zu machen, ich nicht, ihn zu fragen.

Zwei Reiter sprengten in den Hof; es waren Lacalle und Hauterouge, die die letzten Tage beieinander zugebracht hatten; denn wir waren, wie gesagt, ungenießbar geworden.

Beide waren ungemein ernst; sie sahen uns, einander an – waren im Begriffe zu reden – konnten jedoch kaum die gewöhnlichen Begrüßungen hervorbringen.

Ma foi!‹ hob endlich Hauterouge an, ›ich wollte, diese verwünschte Milchkuh wäre beim Teufel, sie hat mehr Unheil angerichtet.‹

›Wie, ist sie noch nicht gefunden, eingefangen?‹ fragte ich.

Lacalle und Hauterouge wechselten Blicke, die zu sagen schienen: er ist ganz und gar blind und taub.

›Du weißt also nicht, Oberst, daß Roche Martin sie den folgenden Tag zurückgebracht hat?‹

›Wohl denn, und was hat die arme Kuh weiter verbrochen?‹

›Was sie weiter verbrochen hat‹, erwiderte Hauterouge ungeduldig; ›nichts weiter, als daß sie Veranlassung zu einem Gerede, einer Klatscherei geworden, von der das ganze Kirchspiel voll ist.‹

›Und dieses Gerede?‹

›Daß ich in der Chartreuse gewesen, da getanzt.‹

›Daran ist die Harthörigkeit dieser Madame Allain schuld‹, fiel Lassalle ein. ›Wir sagten ihr wohl zehnmal, daß ich nicht du, sondern ich der Baron Lassalle wäre.‹

Lacalle, der ein bloßer simpler Edelmann war, verdroß, was er eine Anspielung auf seinen neuen Adel wähnte.

›Auf alle Fälle wäre es auch für den Baron Lassalle besser gewesen,‹ – er betonte das Lassalle spöttisch – ›die Chartreuse, wie sie genannt wird, nicht zu sehen.‹

›In diesem Punkte wird mir Herr von Lacalle erlauben,‹ erwiderte Lassalle hitzig, ›meinem eigenen Rate zu folgen.‹

›Wie es beliebt‹, entgegnete hitzig Lacalle; – ›aber dann wird mir es Baron von Lassalle auch nicht übel nehmen, wenn –‹

›Pfui!‹ verwies Hauterouge; ›pfui, Messieurs! Freunde! Geziemt sich diese Sprache zwischen Kriegs-, Zeltkameraden, die sich zehnmal Freundschaft bis in den Tod geschworen haben? Ich sage dir, Lassalle, – Madame Lacalle hat in meiner Gegenwart erklärt, sie würde weder den Obersten noch dich mehr in ihrem Hause empfangen, wenn ihr nicht die Besuche bei Allains abstellt. Es ist eine Stimme in diesem Punkte in dem ganzen Kirchspiele – jedes Haus ist euch verschlossen, so ihr –‹

Ich hatte bisher geschwiegen, aber dies war mir zu stark. Ich wollte reden, Amadee unterbrach mich: ›Und so hat Monsieur Bossompierre, so hat er erklärt – er würde, so leid es ihm tue, einen so geachteten Herrn wie den Herrn Grafen – doch nicht umhin können, sich seine Besuche zu verbitten, im Falle er nicht die abscheuliche Chartreuse –‹

›Ich bitte Sie um Gottes willen, stellen Sie diese Besuche ein‹, bat Lacalle. ›Ich müßte Ihnen mein eigenes Haus verschließen, oder meine Frau würde es mir tun.‹

›Wir sind nicht in Frankreich, nicht in Paris,‹ remonstrierte Amadee, ›wo diese espèce de gaîté –‹

›Stören Sie nicht den Frieden, die Eintracht, Ihre, unsere Zukunft!‹ beschwor uns Lacalle.

›Wegen solcher Kreaturen!‹ rief wieder Amadee,

›Wegen solcher Kreaturen sich mit der ganzen Niederlassung zu überwerfen, wäre Raserei!‹, Hauterouge.

›Wissen Sie, Oberst, wer diese Allains sind, diese Bewohner der Chartreuse?‹

›Und wer sind sie?‹ fragten wir. Wir wußten nämlich, wie recht verblendete junge Liebestoren, noch nichts weiter von ihnen, als was wir gesehen und gehört hatten. –

›Die Mutter war die Maitresse eines spanischen Kaufmannes, den sie ruinierte und dessen Familie sie um die Pflanzung bestahl. Von ihm ist die älteste Tochter.‹ –

›Dann war der Vater gerechter als die Welt‹, versetzte ich. ›Er wußte, daß sie seine ehelichen Kinder ihr Glück finden lassen – aber seine farbige Tochter verstoßen würde; er hat in meinen Augen wohl getan, für sie zu sorgen.‹

›Ah,‹ sprach der Graf, ›man wird sophistisch gerecht, wenn Leidenschaft der Stachel ist.‹

›Die beiden jüngern‹, fuhr Hauterouge fort, ›sollen die Töchter eines französischen Kaufmannes von Nantes sein, den sie später in ihr Garn zu locken wußte und gleichfalls bis auf die Haut auszog.‹

›Die älteste Tochter‹, fiel wieder Amadee ein, ›hat einen Pflanzer von Point Coupée zum Beschützer, der, wie es heißt, fünftausend Gourds bar niederlegte und nebstdem die Chartreuse noch herstellte, die das schönste Gebäude in den Attacapas sein soll. Er ist darüber mit seiner Familie zerfallen und lebt auch in der Chartreuse.‹

›Sein Name?‹ fragte ich in Gedanken.

›Pierre Bournet oder Bornet.‹

›Das also war der Pierre‹, sprach ich zu Lassalle.

Lassalle nickte.

Unsere beiden Freunde sowie Amadee verloren alle Geduld.

›Vergib, Oberst!‹ rief Hauterouge heftig, ›aber wahrlich, es ist weder die Zeit noch der Ort zu – Galanterien.‹

Monsieur le baron de Hauterouge‹, sprach ich, mich erhebend, und der Stolz der Vignerolles regte sich: – › Monsieur le baron de Hauterouge‹, wiederholte ich, ›ich bin weit entfernt, Ihnen Vorschriften in irgendeiner Hinsicht erteilen zu wollen, aber ebensoweit entfernt, sie mir erteilen zu lassen.‹

Mich verdroß, was mir damals ein kleinstädtisch ungestümes, ja unzartes Einmischen in meine Angelegenheit schien.

›Aber mein Gott, Oberst!‹ fiel bittend Lacalle ein – ›wer hat je gehört, daß ein Kavalier, ein Mann wie Sie, wegen solcher Kreaturen –?‹

›Was nennen Sie Kreaturen?‹ fiel ich Lacalle in das Wort. ›Ja, sie sind Kreaturen, die reizendsten, verführerischsten, die ich je gesehen, je sehen werde, Kreaturen, die ohne ihre Schuld in ihrer Wiege bereits mit einem Stigma gezeichnet, so gezeichnet sind, daß der elendeste Kreole auf sie wie auf ein verpestetes Wesen herabsieht. Und warum und weshalb? – Weil die Tradition sie einiger Tropfen farbigen Blutes beschuldigt, sie, die an blendender Weiße der ersten Herzogstochter Frankreichs nicht nachstehen. Wer ist die Ursache dieser moralischen Erniedrigung, als dieses Vorurteil? – das sie bereits in der Wiege gezeichnet, in den Windeln zu einem Gewerbe verdammt, das – o diese Ungerechtigkeit ist entsetzlich!‹

Sie sehen,« wendet sich der Graf an Vergennes, »daß ich und Lassalle damals so ziemlich dieselbe Sprache führten, die wir einige Stunden seither von Ihnen vernahmen. Ach, unsere humanen Anwandlungen haben oft, glauben Sie mir es, sehr verdächtige Ursprünge!

›Und wer sind diejenigen,‹ schrie ich bitterböse weiter, ›die diese Farbigen ihres Umganges, ihrer Gesellschaft, ihres Blutes selbst unwürdig erklären? Wer?‹ fragte ich. ›Kreolinnen, Abkömmlinge von Müttern, die großenteils – man kennt ja die Kolonisationsgeschichte von Louisiana.‹

›Die keine Silbe aussprechen können,‹ fiel Lassalle ein, ›die jedes Wort intonieren, wie wenn sie eine Geige stimmen wollten, Z-i-r-a-i-a-l-a z-a-s-s-e, e-t z-e v-o-u-s a-s-s-u-r-e q-u-e z-e r-e-n-t-r-a-i a-v-e-c m-a z-a-r-z-e d-e z-i-b-i-e-rVerdorbene Kreolen-Aussprache statt J'irai à la chasse et je vous assure, que je rentrai avec ma charge de gibier.
Obwohl die Kreolen das Französische ziemlich gut sprechen, so ziehen und dehnen sie häufig die Silben auf eine sonderbar singende Weise, die unangenehm in den Ohren klingt. Viele sprechen auch das j wie z und das ch wie ce oder z. – Es ist dieses natürlich nicht mehr bei den höheren Klassen der Fall, die eine gebildete Erziehung genossen haben.
> spottete er nach.

Lacalle und Hauterouge stürmten bitterböse zur Galerie hinaus. Es war das erste Mal, daß unser innig-freundliches Verhältnis einen Stoß erlitten, aber die Leidenschaft ist blind. – Acht Tage hatte sie in uns wie das Feuer in den Eingeweiden des Vulkans gebrannt – der Widerspruch –

Eh bien,‹ sprach Lassalle, der aufgestanden war und den beiden nachsah, wie sie stürmisch sich auf und in die Sättel warfen und davonflogen. › Eh bien?

›Wir wollen auch fort, Amadee, laß unsere Pferde satteln.‹

Ich wagte es nicht auszusprechen wohin, aber mein Blick verriet es.

›Wir wollen fort,‹ rief Lassalle, ›sogleich – jetzt wollen wir – wollen ihnen zeigen –‹

›Das wollen wir diesen gemeinen Spießbürgern, glauben sie, wir seien gekommen, um uns von ihren Pfahlbürgeransichten über Ehe und derlei – laß unsere Pferde satteln‹, rief ich Amadee heftiger zu.

›Herr Graf!‹ sprach dieser in bittendem Tone und seine Stimme versagte.

›Was ist's, was gibt es? Hörst du nicht?‹

›Herr Graf!‹ sprach er etwas lauter und abermals stockte er.

›Nun, was soll es?‹

›Herr Graf!‹ fuhr er fort, und dem Alten stand eine Träne im Auge – ›Herr Graf, nicht wahr, ich war ein getreuer Diener.‹

Er trat an mich heran und faßte mich bei der Hand, die er küßte.

Ich entzog sie ihm.

›Amadee, was soll das? Wer hat an deiner Treue gezweifelt?‹

›Herr Graf,‹ fuhr Amadee mit schluchzender Stimme fort, ›ich war, helfe mir Gott, ein getreuer Diener – bin Ihnen gefolgt durch Hitze und Kälte, Schlachten und Gefechte.‹

›Das bist du.‹

›Aber in dem, was Sie vorhaben – ich war gefolgt, solange Ehre dabei war – aber in dem, was Sie vorhaben –‹

›Was geht dich das an?‹

›Folge ich Ihnen nicht‹, schluchzte und brach Amadee ab, die Stimme versagte ihm.

›Aber wir brauchen dich ja auch nicht, wir wollen allein.‹

›Eben das – könnten Sie mich mitnehmen; – aber – Sie wollen allein. Herr Graf, wir sind hier nicht in Frankreich; kein ehrlicher Mann könnte seine Stirn erheben. Ah, Herr Graf, wenn Sie gehen –‹

›Und wenn wir gehen?‹

›Dann, verzeihen Sie, geht Amadee auch.‹

›Aber nicht mit uns?‹

›Nein, aber weg – lieber will ich mir mein Brot erbetteln. – Hörten Sie nur, was die Leute alles sagen.‹

›Amadee!‹ sprach ich, – des Dieners Worte hatten mich heftig auf einer empfindsamen Stelle getroffen. –

›Du sollst nicht betteln, du sollst nicht betteln. Willst du deinen Lohn sogleich oder warten bis wir zurück sind?‹

›Keinen, keinen Lohn‹, schluchzte Amadee.

›Du erhältst deinen Lohn und fünftausend Livres, bist du es zufrieden? Jetzt sattle mir die Pferde – oder wenn du nicht willst, so tue ich es.‹

Lassalle war aufgesprungen und in den Stall gerannt, die Pferde zu satteln.

Ich rannte zum Koffer, öffnete ihn und nahm eine Geldrolle, von der ich den Lohn Amadees abzählte – dann nahm ich einen Wechsel auf fünftausend Livres.

Amadee winkte mit der Hand – ›Ich will kein Geld.‹ Er rannte fort.

›Was ist das?‹ sprach ich zu Lassalle – ›hat sich alles gegen uns verschworen? Wir wollen fort – komm.‹ Und wir rannten, füllten unsere Jagdtaschen mit Pulver, Blei, Zigarren, einigen Bouteillen Wein, haschten nach unsern Gewehren und stürzten aus der Galerie. Auf dem Hofe standen Amadee und Jean – beide mit Tränen in den Augen.

›Wann sind Sie wieder zurück, Herr Graf?‹ schluchzte Amadee.

›Vielleicht bald, vielleicht nicht. Bleibe oder gehe, mir ist alles gleich.‹

Unser Diener rief ein: ›Mein Gott!‹ und warf uns trostlose Blicke nach.

Wir waren etwa zweitausend Schritte vom Hause in den Liquidambarwald eingeritten, als Pferdehufe an unser Ohr schlugen. Es war Martin, der Enkel des alten Roche Martin, der uns auf seinem zottiggekrausten mexikanischen Pferdchen nachkam.

›Herr Graf!‹

›Was gibt es?‹

›Gehen Sie in die Chartreuse?‹

›Was frägst du? Du bist ein kecker Bursche!‹

›Wenn Sie gehen, so bitte ich mir es zu sagen, dann gehe ich nach Hause.‹

›Wie du willst. Hat dich Amadee ausgezahlt?‹

›Nein, aber wenn Sie die Güte haben wollten. Ich habe gerade zehn Tage bei Ihnen gearbeitet.‹

›Recht, wenn wir zurückkommen. Geh du auf die Pflanzung und arbeite weiter; – dein Lohn wird dir nicht davonlaufen.‹

Der Junge kratzte sich hinter den Ohren.

›Er dürfte es, wenn Sie in die Chartreuse gehen. – Die Herren, die in die Chartreuse gehen, haben oft in weniger als zehn Tagen ehrlicher Leute Lohn davonlaufen gemacht.‹

Und so sagend, hielt der junge stockische Mensch an, seine Hand halb vorgestreckt, die Berichtigung seines Lohnes erwartend.

Wir sahen einander an. Diese Sprache war uns neu. Unauslöschlich wie der Eindruck war, den diese reizenden Geschöpfe in uns zurückgelassen hatten, ein Eindruck, der um so unwiderstehlicher werden mußte in der sonderbaren Lage, in der wir uns befanden, in dem hitzigen, fieberischen, aufregenden Klima, im Müßiggange, umgeben von halbrohen Pflanzern und Herdenbesitzern, so hatte die Sprache unseres Amadee bereits stark diesen Eindruck erschüttert – die des Akadiers noch stärker.

Wir hielten und schauten uns abermals an. Noch vor einer Viertelstunde war unser trotzender Entschluß fest gestanden, in die Chartreuse zu reiten; jetzt wankte er. Umgeben wie wir waren von Kreolen – abhängig von ihren Dienstleistungen, gutem Willen, Meinungen, trat uns jetzt die Gefahr, der wir uns durch dieses Trotzen der öffentlichen, freilich, wie wir glaubten, spießbürgerlichen Meinung aussetzten, ganz vor Augen. Wo blieben unsere Aussichten! Wo die Gründung unserer Existenz! Und Eleonore! rief mir plötzlich eine innere Stimme.

›Wir wollen auf die Jagd, Martin‹, sprach ich zum Akadier. ›Gehe du nur zurück.‹

›Auf die Jagd? Dann brauchen Sie einen Führer. Ich kenne die Pfade bis hinauf nach Opelousas, zur Côte gelée – die meisten Pflanzershäuser.‹

›Wir wollen keine Pflanzershäuser, wir wollen auf die Prairies, wir wollen jagen, uns zerstreuen.‹

›Dann will ich mit Ihnen. Ohnehin würde es mir bange zwischen den vier Pfählen. – Chretien ist jetzt auf der Jagd und Großvater Roche.‹

›Wir wollen nicht zu deinem Großvater.‹

›Aber Sie werden mich brauchen können‹, rief der junge Mensch entschlossen. ›Wir wollen zusammen auf die Jagd.‹

Wir schauten einander an.

›Vielleicht ist es so besser‹, raunte mir Lassalle zu. ›Nehmen wir ihn mit.‹

Und wir ritten – wohin? wußten wir selber nicht.« –

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