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Die Farbigen / Nathan, der Squatterregulator

Charles Sealsfield: Die Farbigen / Nathan, der Squatterregulator - Kapitel 17
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleDie Farbigen / Nathan, der Squatterregulator
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180713
projectid0ded14a0
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XI.
Aber wen haben wir da?

Der Graf erhebt sich – wir übrigen bleiben sitzen. Während die beiden jungen Franzosen in enthusiastisches Lob des conte délicieux, des Squatter admirable und so weiter ausbrechen, schauen wir einander an. Wohl! diese Squatteraffäre hat bei all ihrer Originalität ein Etwas, das einen ominöseren Hintergrund hervorblicken läßt, als man beim ersten Anblick gewahr wird.

Lassalle und Hauterouge schienen derselben Meinung zu sein; sie schauen nach der Reihe den Grafen und dann mich an.

»Und seine Pläne!« fragte ich nach einer Pause.

»Ah, seine Pläne!« versetzte Lassalle; »seine Pläne! Er ist wohl der Mann, es mit dem Schicksal aufzunehmen, aber nicht seine Pläne laut werden zu lassen. Die Zeit wird sie enthüllen. Sie reifen jedoch, verlassen Sie sich darauf; – und werden Früchte bringen, welche aber? – das weiß der Himmel!«

»Und glauben Sie, daß ihm in Texas gelingen wird, was ihm in Louisiana durch das Zuvorkommen der Regierung vereitelt worden?«

»Gerade Texas ist der Schauplatz für solche Unternehmungen. Eine dünne Bevölkerung, im ganzen Lande kaum zehntausend Seelen.«

»Und Sie glauben, daß er einen solchen Riesenplan nährt?«

»Ich versichere Ihnen, es ist nicht mehr Riesenplan, mehr als zur Hälfte ist er bereits realisiert. Die Niederlassung zählt über tausend Köpfe, ist ein förmlich eingerichteter kleiner Staat.«

»Sahen Sie ihn seit dieser Zeit?«

»Zweimal, denn der Graf verlebte, mit Ausnahme eines Sommers, den er in Frankreich zubrachte, regelmäßig die heißen Monate bei ihm. Er hat in der Tat eine außerordentliche Gewalt über Vignerolles und ist vorzüglich Ursache, daß er nicht mehr nach Frankreich zurückgekehrt.«

Ich schüttelte den Kopf.

»Auch Demoiselle Genievre brachte, ehe sie in die Erziehungsanstalt nach Frankreich abging, mehrere Male die ungesunde Jahreszeit da zu. Das Klima ist, obwohl unter demselben Breitengrade mit Neuorleans, eines der gesündesten, angenehmsten des Erdbodens.«

»Wie, Demoiselle Genievre? Und der Graf wagte sich mit ihr auf die rauhen Wege und unter die Indianer?«

»Es führt eine ziemlich gute Straße, wie Sie wissen, von Nacogdoches nach Antonio de Bexar, von da ist es nicht viel mehr über hundert Meilen; der Weg geht über Prärien und einen prachtvollen Landstrich. Auch sandte Nathan jedesmal eine Bedeckung nach Antonio de Bexar, und gewöhnlich schloß sich ein oder der andere Offizier vom Fort an die Gesellschaft an.«

Seltsam! In der Tat seltsam, diese Orestes- und Pylades-Freundschaft! Es geht jedoch Leuten, die lange in überraffinierter Gesellschaft gelebt, gerade wie jenen Konstitutionen, die durch überwürzte Speisen verdorben, bloß in der natürlichen, einfachen Kost Wiederherstellung finden und einmal an diese gewöhnt, mit Ekel an den Hautgout ihrer vorigen Schwelgerei denken. Aber je länger ich über diese Squattergeschichte nachdenke, desto ominöser erscheint sie mir. Ich habe von dieser Affäre gehört und sie mag Grundlage zu etwas werden, das leicht der ganzen Union ein nur zu starkes Herzklopfen verursachen, ja das Gleichgewicht zwischen Süden und Norden zerstören kann! Eine Feder mag jetzt das Züngelchen emporschnellen. Ein paar Tausend Squatters in diese menschenarmen Gegenden geworfen, und der Strom der Auswanderung zieht sich so pfeilschnell hin! – in weniger denn zehn Jahren mag es da einen neuen Staat geben, und dann! –

Doch der Graf scheint unruhig zu werden; heftig auf- und abschreitend eilt er zum Fenster, reißt die Flügel auf, wirft die Jalousien auseinander – den Kopf hinaus; seine Augen bohren suchend in die sternenhelle Nacht.

»Vignerolles, was tust du? Du bist erhitzt! Die Nachtluft!« schreien Lassalle und Hauterouge – springen auf. Er sieht nicht, er hört nicht, die Freunde abwehrend, stiert er hinaus; nur mit Mühe gelingt es ihnen, ihn vom Fenster wegzuziehen. Im Augenblick, wo sie diese zu schließen im Begriffe sind, läßt sich etwas wie entferntes Pferdegetrampel hören. Wir alle horchen. Es sind richtig Pferdehufe, die im raschen Trotte sich nähern. Der Graf horcht einen Augenblick und läuft dann zur Klingel, die er heftig zieht.

»Sie kommen, sie kommen!« ruft er wie außer sich dem eintretenden Papa zu.

»Gott sei Dank!« gellt dieser und zerrt nun seinerseits an der Schnur, als ob das Feuer auf dem Dache brannte. Und Hausneger und Negerinnen stürzen herbei mit Fackeln, Lichtern und Laternen, und ihnen auf den Fersen Luise und Genievre und Mama und Emilie.

»Ihr noch auf, Luise? Was treibt Ihr so lange auf? Das heißt doch wirklich fashionable Stunden halten!«

»Nicht wahr, George! Und du dachtest mich im Bette? –«

Aber sie gibt sich nicht Zeit, ihren Satz zu vollenden; den Arm um Genievre geschlungen, tanzen beide auf die Piazza hinaus.

»Sie kommen! Sie kommen! Sie sind bereits am Hofgitter!« rufen sie durch die Salontür herein.

»Sie kommen!« fallen nun alle im Chorus ein und stürmen der Piazza zu, voran die Lichter und Fackeln. Wer Teufel mag das wohl sein?

Das ist doch seltsam, fürwahr seltsam! Wer kann es sein, dem zu Ehren man bis drei Uhr morgens das ganze Haus wach erhält?

Es scheint ein ziemlich zahlreicher Besuch – zwei Damen, dem Geflatter der weißen Petticoats, oder was sie sind, nach zu schließen, – wenigstens ein halbes Dutzend Männer!

»Das ist Papa!« ruft Miß Warren – »Papa! Willkommen, Papa!« ruft die Miß recht kindlich froh.

»Papa! Haben Sie auch meinen zweiten Papa gefunden, Miß Emilie?«

Die Miß sieht mich an. »Es ist Papa«, bedeutet sie mir ganz ernst.

Ich sehe, schaue. Die Züge sind mir bekannt. Wer kann diese steifen Züge je vergessen, wenn er sie einmal gesehen hat? Es ist wahrhaftig Mister Warren.

»Aber wie kommt es, daß Mister Warren uns so plötzlich, so unverhofft das Vergnügen –?«

Es ist jedoch nicht Zeit, zu fragen; eine Überraschung folgt der anderen auf den Fersen. Kaum hat Emilie Papa gerufen, so schreit, kreischt beinahe, wie außer sich, Genievre: »Papa!« fliegt die Stufen der Piazza hinab, gerade unter die Pferde hinein, auf einen der abgestiegenen Reiter zu und ihm um den Hals. Ihr eilt der Graf gleich hastig nach, läuft, rennt – beinahe ungräflich. Die Tochter hängt dem Manne auf der rechten Seite des Halses, der Vater auf der linken. Er bückt sich, um sich erreichen zu lassen; beide – herzen, küssen die groteske Riesengestalt. »Wer ist er; dem ein, wenigstens einerseits so beneidenswerter Empfang zuteil wird?«

»Wer ist er, Luise? Papa?«

Doch weder Luise noch Papa haben Zeit zu antworten. Kaum sehen sie den Grafen der antediluvianischen Riesengestalt sein französisches Embrassement darbringen, so eilen auch sie darauf los, ihre Honneurs gleichfalls darzubringen, strecken jedoch zuerst Mister Warren und der Dame zum Willkommen die Hände dar.

Das Seltsamste, was ich je gesehen! Spielen wir denn eine Komödie?

»Wer ist der Mann, Luise?«

»Hast du denn nicht gehört?«

»Was, wer ist er?«

»Gleich, lieber George, will nur sehen –«

»Howard, lieber Schwager, bin zurück von meiner Nachtexkursion, die ich aber um vieles in der Welt nicht versäumt hätte. Hört! Der Mann hat mehr reelles Blut im kleinen Finger, als ein Pferd schwemmen könnte. Aber wo ist Mistreß Doughby?«

»Aber wer ist er?«

»Aber ich sehe Julien nicht.«

Und fort eilt der Tollkopf, Julien zu suchen. Wird sie finden – im Bette; die ließe sich aus ihrer beliebten Ruhe nicht aufstören, wenn Boni selbst käme. Aber es scheint wirklich, als ob eine Espece Bonaparte unserem Hause die Ehre seines Besuches antue. Alles ist so konfus. Ein Rennen, Laufen und Ehrfurchtsbezeigen vor dem Nimrod; selbst die beiden jungen Franzosen stehen und verneigen und verbeugen sich, als ob hinter ihnen ein Männchen stände, das sie am Draht zöge.

»Aber Papa, sagen Sie mir doch, wer ist der Mann?«

»Ah, ein Mann, der alle Achtung verdient – ein gewaltiger Mann!«

»Aber wer ist er?«

»Gleich, lieber Howard, muß nur sehen.«

»Wohl, hat je einer so etwas gesehen?«

»Da kommt endlich einer, der mir Rede stehen wird. Wo bist du gewesen, Richards? Sage mir doch ums Himmels willen, wer ist das Lederwams im Linseywoolsey-Rocke, dem man Ehren erzeigt, als ob –?«

»Er soll ein Regulator aus Texas sein.«

»Ein Regulator aus Texas – doch nicht Nathan?«

»Ein Mister Strong, der gewaltige Dinge in Texas vollbracht. Doughby ging, um ihn herab zu begleiten. Er hat sich, so viel ich weiß, mit dem Grafen das Rendezvous auf morgenden Sonntag zur Wahl der Elektionsmänner in Alexandria gegeben, und will bei dieser Gelegenheit auch die Seinigen in Louisiana besuchen. Soll ein gewaltiger Mann sein, ein alter Busenfreund des Grafen.«

Das ist er auf alle Fälle, ein Freund, treu, wie ein treues Schwert. Das also der alte Nathan! Aha! Darum also die lange Squattererzählung, statt der von Ducalle, die bei der Anwesenheit der Tochter auf keinen Fall hierher gepaßt hätte. Also Nathan hier! Diese in den Squatterannalen Epoche machende Person! Das ist ja ein förmlicher Roman! Aber der Mann ist wichtig und hat zu etwas den Grund gelegt, das –. Doch wollen den Squatterhelden näher beschauen. Er ist's auf alle Fälle wert. Eine Ehrfurcht gebietende Gestalt, an der wenigstens achtzig Jahre vorübergegangen sind, wahre Riesentrümmer; die Züge stark hervortretend, massiv antik, beinahe grandios; die Stirne, Wangen, wie mit Eisenrost und Moos überzogen, aber nicht abgelebt, nicht widerlich, im Gegenteil, man sieht mit einer Art Ehrfurcht in dieses bemooste, wie rostige Antlitz, und die grauen Augen, deren fester Blick noch zahllosen Squatterfährlichkeiten ruhig die Stirne bieten zu können verspricht. Ein herrliches Exemplar eines Squatterhäuptlings. Und ein herrlicheres Bild, wie er jetzt, den Grafen auf der einen Seite, die Tochter auf der andern, den Stufen der Piazza zugeht. Es ist etwas ungemein Liebliches in dem Kontraste, den die drei darbieten, der Delikatesse, mit welcher der Graf und seine Tochter an ihrem alten Freunde hängen!

Alle weichen beinahe ehrfurchtsvoll zurück, um dem Kleeblatte Platz zu machen. Und wie sie nun in den Salon einziehen, springt Luise vor und häuft auf dem Sofa die Kissen für ihn zusammen, ihm ja den Sitz recht weich zu machen, und Genievre und der Graf lassen ihn so sorgsam nieder! Wäre er ein Urgroßvater, die Zärtlichkeit könnte nicht größer sein. »Und nun geschwind eine kleine Erfrischung vor dem Schlafengehen. Tee, oder vielmehr ein Glas Madeira, ist Euer Schlaftrunk? Nicht wahr, Papa?« lächelte Genievre. »Ihr seht, ich habe nicht vergessen. Es ist schön, daß Ihr unser auch nicht vergessen habt.«

»Weiß es, mein lieber Engel!« erwiderte er. »Habe nicht vergessen, wie du siehst. Mußte doch kommen, obwohl zu Hause meine Gegenwart auch nicht überflüssig wäre; aber kalkulierte, wenn ich noch vor meinem Abzuge dahin, wo wir alle hin müssen, um nicht wiederzukehren, Euch und die Meinigen, die zurückgeblieben sind, und Euer Treiben und Eure Wirtschaft sehen wollte, wäre es hohe Zeit. Wollte mein Land und die Meinigen und die mir Teuren noch einmal in ihrem eigenen Hause sehen. Und kalkulierte, daß ich nicht mehr säumen dürfte, denn, sagt unser Sprichwort: Junge Leute können sterben, alte müssen.«

»Das wird hoffentlich noch weit hinaus sein, lieber, teurer Nathan«, beruhigt ihn der Graf.

»Habe die Notion, ist immer gut, sich darauf gefaßt zu machen, in meinen Jahren, lieber Oberst, wenn man so die achtzig auf den Schultern hat. Bin aber gefaßt, habe meine Schuldigkeit getan, so gut ich es vermochte, kalkuliere ich, obwohl auf meine Weise. Und ist ja das alles, was man tun kann. Sagt ja die Schrift selbst, daß einige berufen sind zu Aposteln, andere zu Evangelisten, wieder andere zu andern Dingen. Hat mich der Herr zum Squatter berufen, und habe als solcher getan, was ich konnte, mir und meinen Mitmenschen und der künftigen Generation zum besten.«

»Das habt Ihr, teurer Freund«, fallen der Graf und alle einstimmig ein. »Das habt Ihr. Viel habt Ihr getan in Eurer Art und Weise.«

Doch der alte Nathan erhebt sich jetzt vom Sofa und stößt an mit dem Grafen und dann mit Lassalle und Hauterouge und uns allen.

Wir trinken schweigend. Die wenigen Worte zeigen bereits den Charakter des Mannes. Ein wahrer Sterlingcharakter, noch aus der alten Zeit, nicht durch das Geldmäkeln, Wuchern der heutigen Tage verdorben. Es ist etwas Patriarchalisches in seinem ganzen Wesen. So müssen die alten Patriarchen gedacht, gesprochen, gehandelt haben, mit dieser Kraft, Natürlichkeit und Gott vertrauendem Sinne.

Er verläßt nun das Sofa, um sich zur Ruhe zu begeben. Ruhe sanft, alter Mann, der du der Stürme in deinem Leben so manche erfahren, dem der Ungewitter so manche um den Scheitel gesaust sein mögen! – Ruhe sanft! Der du aus dem Schlamme des Squatterlebens, in dem so viele Tausende erstickt, dich emporgearbeitet und deinen Nächsten und den künftigen Generationen Grundstein zur besseren Existenz wurdest, den göttlichen Funken bewahrtest und deine humble Sphäre zu veredeln gewußt hast. Ruhe sanft!

Wir kehren noch auf einige Augenblicke zurück, um auch mit den übrigen Gästen ein paar Worte zu wechseln. Es sind noch zwei Enkel Nathans mitgekommen. Herrliche junge Männer. Der Graf nimmt seinerseits Mistreß und Mister Warren in Anspruch, bittet um Entschuldigung, daß er seine Zeit ausschließlich zuerst dem alten Nathan gewidmet. »Ist keine Entschuldigung vonnöten, Count de Vignerolles«, versetzte Mister Warren. »Ein solcher Willkommen ehrt den willkommen Geheißenen und Heißenden gleich sehr.« Und jetzt nehmen auch wir Abschied, wünschen uns allseitig gute Nacht. Gerührt, wirklich gerührt schleichen, trippeln alle ihren Schlafgemächern zu.

Als ich aber mit Luise in meine Nußschale geschlüpft war, hatte der leichte französische Sinn mein liebes Weibchen doch schon wieder erfaßt, und schlaftrunken, wie sie sich fühlt, trippelt sie so seelenvergnügt aus einem Kabinett in das andere. »Alles ist herrlich gegangen, alles hat sich so schön gefügt!«

»Aber wie kommt es, daß Mister Warren und Mistreß Warren uns so plötzlich mit ihrem Besuche beehren?«

»Ah!« lacht Luise. »Ah, das ist oder soll noch Geheimnis sein, tiefes Geheimnis; Papa tut so mysteriös, aber halb und halb haben wir es doch schon herausgebracht.«

»Ich glaube, das herauszubringen, braucht es eben kein gerade sehr starkes Kopfbrechen, liebe Luise. Eine Matrimonialaffäre ist das Ganze. Doch ich bin wirklich schläfrig.«

Luise aber ist es nicht. Sie wäre noch eine halbe Stunde zum Plaudern aufgelegt; aber jetzt schlüpft sie in ihr Nestchen und ein Kuß schließt ihr den Mund, und –

»Bin recht begierig auf morgen«, murmelte sie nun total schlaftrunken. »Gute Nacht!«

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