Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Sealsfield >

Die Farbigen / Nathan, der Squatterregulator

Charles Sealsfield: Die Farbigen / Nathan, der Squatterregulator - Kapitel 14
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleDie Farbigen / Nathan, der Squatterregulator
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180713
projectid0ded14a0
Schließen

Navigation:

VIII.
Squatter-Leben

Hauterouge und Lassalle brachen in ein schallendes Gelächter aus, als wir wieder draußen vor der Niederlage waren.

›Eine Abfertigung so bündig, so deutlich, der Mann ist zum Herrscher geboren!‹ schrie lachend Hauterouge.

›In der Tat polierte, liebe Leute!‹ fiel Lacalle ein.

›Herrliche Aussichten zu einer angenehmen Nachbarschaft, Vignerolles!‹ hob wieder Hauterouge an.

›Zur Abwechslung das Vergnügen des Teerens und Befiederns‹, fügte Lassalle bei.

›Und neununddreißig und damit Holla, – ich.‹

Und alle lachten wir wieder aus vollem Halse.

Unterdessen, trotz dem Mitlachen, ärgerte mich die schier zu unverblümte Geradheit des neuen hinterwäldlerischen Solons, und das um so mehr, als ich zu meinen Freunden in Ausdrücken über ihn gesprochen, die ihnen, und besonders Lacalle, ein wenig exzentrisch klangen und mit meiner noch vor wenigen Stunden so unverhohlen geäußerten Antipathie wirklich stark kontrastierten; aber die Debatten der Gemeindeversammlung und die Festigkeit, mit der er seine Grundsätze gegen die schwierigen Squatters gerechtfertigt, hatten mir die Größe seines Geistes in so schimmernden Farben vor die Augen gerückt – mein sanguinisches Temperament war ordentlich geblendet. – Nur schien es mir jetzt auch wieder an der Zeit, ein wenig mehr Ernst zu zeigen und die einigermaßen klägliche Rolle, die wir gegenüber dem Eisenkopfe gespielt und noch spielten, mehr imponierend werden zu lassen. Als verirrte, verlorne Findlinge der Wildnis hatten wir uns die rücksichtslose Sprache der Squatters gefallen lassen müssen, aber jetzt, vier Franzosen, Krieger, in Gegenwart unserer Diener und eines ganzen Gefolges von Akadiern, deuchte es mir allerdings passend, in unserem Lande auch einen andern Ton, und zwar den Ton von Leuten, die zu Hause sind, anzunehmen. Ein festes Auftreten konnte und mußte Nathan und den Seinigen zeigen, daß wir nicht die Leute waren, die sich in ihrem eigenen Lande en bagatelle behandeln ließen. Zu dieser Sprache forderte uns zudem das Interesse, die Ehre dieses unseres Landes auf. – Was wir gehört hatten, rechtfertigte eine ernste Sprache. Bereits in den Attacapas hatten wir von den mannigfaltigen Versuchen der amerikanischen Regierung vernommen, in Louisiana festen Fuß zu fassen; von geheimen Agenten, die das Land und die westlich gelegenen spanischen Provinzen in allen Richtungen durchkreuzten. Mehrere dieser Agenten, darunter ein gewisser Ingenieur Stille, waren namentlich verzeichnet; es hatten Expeditionen den Missouri, den Red-River hinauf stattgefunden. Mir schien es keinem Zweifel unterworfen, daß auch der Major eines dieser geheimen Werkzeuge sei, dazu bestimmt, die verschiedenen Niederlassungen der eingeschlichenen Amerikaner nach den Plänen seiner Regierung zu lenken. Daß hier Klugheit und Wachsamkeit, mit der nötigen Festigkeit und militärischen Kenntnis verbunden und von dem Gouvernement unterstützt, vieles verhindern könne, war keinem Zweifel unterworfen.

Ich rief meinen Freunden die Äußerungen der Squatters ins Gedächtnis zurück, die mich zum Teil auch bewogen, an der Versteigerung teilzunehmen. – Sie erkannten die Gefahr und stimmten meiner Ansicht bei.

Wir kamen überein, die Niederlassung sogleich zu verlassen, nach Hause von da nach der Hauptstadt zu eilen, wo ich mit dem Gouverneur sprechen und dann weitere Maßregeln nehmen wollte.

Mit diesem Entschlusse kehrten wir in das Blockhaus Nathans zurück. Unsere Pferde waren während der Gemeindeversammlung von Joe eingebracht und eingestellt worden; – wir befahlen Amadee, sie füttern zu lassen, während wir uns aus unserem Squattersanzuge austun und Vorkehrungen zu unserer Abreise treffen wollten.

In einer Stunde waren wir zum Aufbruche gerüstet. Ich hatte zwei Stücke Merinos, zu Sommeranzügen für mich bestimmt, aus dem Ballen genommen, um sie den Misses Elisabeth und Mary als Entschädigung für die kondemnierten Petticoats zu präsentieren. Als wir den Porch betraten, der zur Stube führte, kamen uns Nathan und der Major aus der Gemeindeversammlung entgegen.

Der Alte schien uns nicht zu bemerken, allein der Major hatte uns kaum ersehen, als er mit einer Zuvorkommenheit auf uns zueilte, die gegen sein früheres steifstarres Wesen sehr abstach. Auch sein Benehmen, früher gravitätisch-pedantisch, hatte jetzt etwas Dezidiertes, Militärisches. Er trat mit einer leichten Verbeugung auf uns zu und gab uns sein Vergnügen zu erkennen, die Bekanntschaft so ausgezeichneter Offiziere machen zu können.

Wir erwiderten natürlich das Kompliment, obgleich nicht mit unserer gewöhnlichen Wärme.

Er schien dieses zu bemerken – und fuhr fort, zu bedauern, daß er uns nicht sogleich bei unserem ersten Zusammentreffen aus unserem Inkognito herausgefunden und so einem gewissen Mißtrauen Raum gegeben habe, das aber natürlich sei in einem Lande, wo kein Bartscherer, kein Krämer aus dem schönen Frankreich ankomme, ohne da ein paar Hofchargen oder Grafschaften zurückgelassen zu haben.

Hauterouge versetzte trocken, das Inkognitospielen sei nun schon einmal zur Mode geworden, einige gäben sich für mehr aus, als sie wären, andere für weniger.

Der Major wandte sich befremdet, und ich, um der Unterhaltung, die ernst zu werden und zu unangenehmen Erörterungen zu führen drohte, eine andere Wendung zu geben, bedauerte, daß wir nicht länger die Ehre seiner Gegenwart haben könnten, indem wir abzureisen im Begriffe ständen; dann wandte ich mich an Nathan, dem ich eröffnete, daß es nun an der Zeit sei, ihm für die genossene Gastfreundschaft zu danken und uns wieder auf den Heimweg zu machen.

›Seid willkommen zum Bleiben! Wenn Ihr aber gehen wollt, können wir Euch nicht aufhalten,‹ versetzte Nathan.

›Die Art und Weise, wie Ihr Euch gegen uns und überhaupt benommen,‹ fuhr ich in einem etwas höheren Tone fort, ›verdient unsere volle Anerkennung und zeugt von einem Charakter, der fest auf seinem Grundsatze beharrt. – Fahrt fort auf diesem Wege, und wenn, wie ich erwarte, wir uns wiedersehen, so hoffe ich, unser Zusammentreffen wird ebenso freundlich sein.‹

›Hoffe es gleichfalls,‹ entgegnete Nathan gelassen; ›hoffe es, obwohl, aufrichtig gesagt, ich der Notion bin, daß Ihr besser getan hättet, Euch ein Haus weiter zu machen; haben aber den Grundsatz angenommen, und soll der Grundsatz, obwohl er für uns unangenehme Folgen haben kann – Euch zum Besten kommen.‹

›Wie versteht Ihr dies?‹ fragte ich, der ich des Alten Meinung wohl begriff, aber ihn sich deutlicher aussprechen lassen wollte. –

›Habt uns da mit Eurem Kaufe einen kleinen Streich gespielt, – einen kleinen Franzosenstreich, – seid aber in Eurem Rechte, habt so gut das Recht zu ersteigern wie einer von uns, obwohl ich nicht recht weiß, wo es hinaus will.‹

›Kalkuliere so,‹ versetzte ich ironisch. – ›Wollte eben wegen dieses Kaufes mit Euch reden, wollte Euch fragen, ob Ihr den Güterballen, der tausend Livres im Fabrikpreise kostet, hier aber fünftausend wert ist, einstweilen als Bürgschaft annehmt?‹

›Mögt einen Wechsel ausstellen und den Ballen für den Fall als Einsatz lassen, daß Euer Wechsel nicht akzeptiert wird‹, versetzte Nathan trocken.

›So sei es, will Euch einen Wechsel auf Euren Kommissionär ausstellen und hoffe, wenn ich zurückkomme, das Geld in Euren Händen und in Euch einen guten Nachbar zu finden.‹

›Das wird auf Euch ankommen, obwohl die Nachbarschaft mit Euren Landsleuten uns bisher nicht die erfreulichste war. Seid aber in Eurem Rechte, und soll Euch verbleiben Euer Recht, werden aber auch darauf sehen, daß wir in unserem bleiben. – Sind einen Aufhetzer und Zwischenträger los geworden, hoffe nicht –‹

Nathan hielt inne.

›Hoffe nicht,‹ ergänzte ich, ›daß ein ärgerer dafür einkehrt. Nicht wahr, Nathan?‹

Nathan sah mich mit einem Blicke an, der zwar nicht beistimmte, aber zweifelhaft schien. Hauterouge und Lacalle begannen ungeduldig zu werden.

›Wollte das nicht sagen, Oberst!‹ versetzte Nathan. – ›Wollte sagen: hoffe nicht, daß wir mit Euch ebenso fahren werden.‹

›Wollen aufrichtig sein, Mister Strong! Aufrichtig, wie es Männern wohl ansteht‹, sprach ich, bemüht, so gut ich es vermochte, seine Sprache wiederzugeben. ›Seht hier Männer von Stande vor Euch, Männer, die bei dem bloßen Gedanken an das, was Euer Blick nun verriet, Euch, um mich eines Eurer Ausdrücke zu bedienen, die Sporen in die Flanken setzen würden. – Habe meinem angeborenen Monarchen treu seit zehn Jahren gedient, aber nicht in der Rolle, auf die Ihr hingedeutet. Verbieten mein Stand und Rang eine solche Rolle, die dem Syndikus zusagen mochte, aber einem Kavalier und Obersten schwerlich je zugemutet werden dürfte; – aber würde, gestehe aufrichtig, es noch für weit unloyaler halten, still zu schweigen, wenn gewisse Pläne und Projekte in Anregung gebracht werden sollten, mit denen die Ohren loyaler Männer wenigstens in Louisiana, kalkuliere ich, verschont werden sollten?‹

›Welche Pläne und Projekte meint Ihr?‹ fragte Nathan aufmerksam.

›Ich sollte glauben, es wäre nicht nötig, Euch darauf hinzuweisen,‹ fiel Hauterouge heftig ein, ›denn sie verraten sich in jedem Eurer Worte nur zu deutlich für loyale Ohren.‹

›Ah, sind Amerikaner!‹ versetzte Nathan lächelnd, – ›sind Amerikaner, und will heraus, und macht sich Luft ihre Bürgerstimmung. Verstehe jetzt, was Ihr meint.‹

Diese Worte waren an Hauterouge gerichtet; jetzt wandte er sich an den Major und fuhr fort:

›Stehe Euch dafür, sind bei alledem tüchtige Jungens, die nicht mehr darum geben würden, mit einem ganzen Regimente Dons anzubinden, als auf eine Bärenjagd zu gehen. Sage Euch, würden eine Tollheit begehen, wenn sie von dem oben auch nur das Mindeste hoffen könnten. Kennen aber zum Glücke den droben durch und durch, wissen, daß, wenn er die Sklavenstaaten alle nach Kap Horn hinabschieben könnte, er es lieber heute als morgen täte. Kennen seine Abneigung gegen jede Vergrößerung des Landes unter Masons- und Dixons-Linie Eine imaginäre Linie, zwischen den Sklaven haltenden und freien Staaten gezogen.>. Sage Euch, Major, sage es Euch, könnte der alte Tory sich und seine Yankees von den Bürgern, die südlich von der Masons- und Dixons-Linie wohnen, mit einem einzigen starken Risse losreißen und an sein altes England anflicken, würde es tun und würde darüber unter seinen Hamiltons und Föderals der größte Jubel sein.‹

Der Major stand mit verschränkten Armen, nicht ja und nicht nein sagend, in Gedanken versunken; wir mit zorngeröteten Wangen über die beispiellose Frechheit des Alten, der, was wir anzudeuten Anstand nahmen, uns in unverblümter Nacktheit ins Gesicht zu sagen wagte.

Nur mit Mühe vermochte ich Hauterouge von einem Ausbruche zurückzuhalten.

›Aber wißt Ihr, Mister Strong,‹ versetzte ich in strafendem Tone, ›daß eine solche Sprache unziemlich, ja Aufruhr predigend ist, und daß sie Euch in Gefahr, ja in die mexikanischen Bergwerke bringen kann!‹

Nathan gab keine Antwort, fuhr aber, zum Major gewendet, fort:

›Ist aber wieder gut, daß dem droben das Revolutionsfieber so vergangen ist und er seine Lords und Tories lieber hat als gerade, gesunde Demokraten. Hat alles seine Zeit, und wird die Zeit das weitere tun.‹

Auf einmal wandte er sich an mich:

›Redet, wie ein Franzose reden kann und darf, Oberst, und nehme es Euch deshalb nicht übel. Seid kein Amerikaner, kein Bürger, seid ein Franzose, der es nicht besser versteht, eingemauert, wie er ist, in die Bastille seiner Vorurteile und engen Notions.‹

›Mister Strong,‹ versetzte ich heftiger. – ›Ich muß Euch bemerken, daß die Sprache, die Ihr hier führt, ungeziemend für das Land ist, das Euch duldet, und daß wir als Liège-Subjekte Seiner katholischen Majestät sie nicht anhören dürfen, und Euch als Männer, die Euch einige Verbindlichkeit für genossene Gastfreundschaft schuldig sind, raten, eine andere zu führen.‹

›Genug, Fremdling,‹ sprach Nathan mit einer stolzen Bewegung. ›Genug! – Müßt Euch wieder nicht übernehmen. Seid Franzosen, die allezeit an der Stange geführt werden müssen, wenn sie nicht Kapers machen sollen. Müßt Euch wieder nicht übernehmen, Oberst! Lassen Euch Eure Meinung sagen, weil wir die Herren auf unserm Grund und Boden sind, müßt aber deshalb nicht kalkulieren, daß Ihr die Herren seid. Nun, lassen Euch freies Feld bei uns, weil es nichts schaden kann und Ihr schwerlich je einen Konvertiten zu Eurer Meinung machen werdet – aber versteht mich recht. Sind nicht die Männer, die vom Spanier oder irgendeinem Potentaten Gunst brauchen, oder ansuchen, oder angesucht haben. Stehen auf eigenen Füßen in eigenen Schuhen, wissen das Euer Gouverneur und Eure Regenten, und will Euch jetzt etwas sagen, allen vier, und merkt es Euch, kann Euch vielleicht ein neues Licht anzünden. –

Seid Offiziere in der königlichen Armee gewesen, und Hofleute und Barone und Grafen – sehe aber, müßt noch vieles lernen, ehe Ihr ausgelernt habt. Sehe, seid Franzosen, die mit uns vielleicht einen Varianten zu spielen gedenken, vielleicht dasselbe Spiel, das Ginet oben mit den Bostonern gespielt, und mit den Bürgern. – Ließen einige Zeit mit sich spielen, so wie sie den Briten erlaubten, mit ihnen zu spielen, aber schob Vater Washington, den Gott segnen und lange erhalten möge, den Riegel vor und Ginet aus dem Lande. Entstand darüber ein kurzer Krieg, dessen aber Eure Machthaber bald überdrüssig wurden. – Nun hört! Sehe, seid Franzosen, und haltet uns für Republikaner, so wie Ihr sie in Eurem Lande habt, die, statt sich selbst zu regieren, sich vom ersten besten Gassentyrannen am Gängelbande herumführen lassen; – Tollköpfe, die, wenn ihnen ein solcher Ohnehosen ein Wort sagt, den Feuerbrand in das Haus des Nachbars schleudern und dann wie böse Buben sich über das Unheil freuen und rauben und plündern. – Haltet uns für ähnlichen Stoff, kalkuliere ich, für Rasende, die mit hundertundzwanzig Rifles ein ganzes Land zu erobern ausgehen. Sage Euch, ist das Tollheit, daran zu denken, ein Land gegen seinen Willen frei zu machen und einen in Müßiggang und Trägheit versunkenen Haufen von Sklaven mit einem Schlage in Bürger, die sich selbst zu regieren imstande sind, umwandeln zu wollen. Ist das nicht unsere Notion; ist unsere Notion eine andere. Will sie Euch sagen, und wird das, was wir tun und wollen, Louisiana sicherer den Staaten gewinnen und uns und Louisiana zu dem machen, wozu es Gott der Allmächtige bestimmt.‹

›Wenn Ihr darunter versteht, daß es Euch je gelingen werde, die Bevölkerung von Louisiana ihrem Beherrscher abwendig zu machen, dann strafe ich Eure Vorhersagung der Vermessenheit und freventlichen Vertrauens auf das Wesen, das Ihr so ungeziemend mit Euren verruchten Plänen in Verbindung bringt!‹ sprach ich erzürnt.

›Ruhig, Mann!‹ versetzte Nathan kalt. – ›Ruhig! Wollen uns nicht ereifern, werdet Ihr, werden wir die Sache nicht anders machen, noch den Gang des Schicksals aufhalten. – Will Euch aber sagen, ei, und eine Wette niederlegen, und zwar alles, was ich wert bin – hier vor dem Major, und sollt gewonnen haben, wenn binnen zehn Jahren Louisiana nicht den Amerikanern gehört.‹

Wir schüttelten unwillig die Köpfe, ließen aber den Alten fortfahren.

›Glaubt Ihr, die Bürger oben, denen die dreizehn Staaten bereits zu enge sind, und die auf allen Seiten ausbrechen, über die Alleghanies, gegen die Seen hinauf, hinab gegen die spanischen Floridas, herab gegen Euer Louisiana, die schier jedes Jahr einen neuen Staat gründen und sich zu Hunderttausenden in dem großen Mississippitale niedergelassen haben, – glaubt Ihr, diese Bürger, die Kentuckier, Tennesseer, die Bewohner des nordwestlichen Gebietes der Old-Dominion Der heutige Staat Ohio, Indiana usw. gehörte sonst zu Virginien, unter dem Namen nordwestliches Gebiet.> werden lange ruhig sitzen bleiben und ihre Hände in den Schoß legen, wenn ihre Augen ein Land schauen, das ihr Herz erfreut und das Zucker, Baumwolle und Reis und das herrlichste Virginiakraut im Überfluß erzeugt, statt Buchweizen und magern Roggen? Glaubt Ihr, sie werden sich den Mississippi, der auf ihrem Grund und Boden, aus ihren Seen entspringt, und der ihre Ufer tausende von Meilen wäscht, glaubt Ihr, sie werden sich diesen geduldig von Euren Douanenbeamten verschließen und versperren, und sich so den Maulkorb anhängen, ihr Mehl versäuern, ihre Schinken von Würmern fressen und Euch den Schlüssel in der Hand lassen? Sage Euch, seid irrig, wenn Ihr das glaubt. Mag Eure Regierung in ihrer Beschränktheit wähnen, das Recht zu haben, den Mississippi zu verschließen und den Handel zu beschränken, mag aber ebensowohl den Mississippi selbst eindämmen, werden die Dämme, ehe sie sich's versieht, wie Strohgeflecht zerrissen werden. Ist das die Stimme nicht von einem, sondern von Hunderttausenden.‹

›Die spanische Regierung wird ihre Rechte gegen Eure Eingriffe zu verteidigen wissen, verlaßt Euch darauf.‹

›Solange sie es kann, ohne Zweifel‹, fiel Nathan ein. – ›Wie lange sie es aber können wird, ist eine andere Frage, und noch eine andere, wie lange sie es wollen wird. – Man verteidigt nicht gerne in die Länge das, was uns keinen Nutzen bringt, und Louisiana ist nicht das Land, das dem Spanier Nutzen bringt. Im Gegenteile, kostet Louisiana dem Spanier jedes Jahr blanke zweimalhunderttausend Dollars. Und wäre nicht der spanische Stolz, der sich mit seinen Titeln und Besitzungen wie der Bettler mit seinen Lumpen behängt, Louisiana wäre längst unser.‹

Hauterouge wurde feuerrot vor Zorn, kaum, daß wir ihn mehr von einem Ausfalle auf Nathan zurückhalten konnten, der wieder ruhig lächelnd unsern hitzigen Freund vom Kopf bis zu den Füßen maß.

›Ihr scheint die Finanzen des Landes genau zu kennen‹, bemerkte ich, nicht wenig über die kalte Ruhe des Mannes empört.

›Kalkuliere, kenne sie, und eben weil wir sie kennen, wissen wir uns in Geduld zu fassen. – Warum uns übereilen? Louisiana muß früher oder später doch unser werden.‹

Diese Sprache war wirklich empörend für Franzosen, – kaum, daß ich meinen Zorn unterdrücken konnte.

›Ihr sprecht sehr bestimmt, Mister Strong!‹

›So bestimmt, wie einer, der die Sache versteht, nur reden kann‹, versetzte Nathan unbekümmert. ›Habt Ihr nie das Saatkorn beobachtet, wenn Ihr es ausgesät in die befruchtende Erde? Nie acht gegeben, wie dieses Saatkorn, das, mehrere Zoll tief in die Erde geworfen, mit einer Schicht überdeckt wird, die, hundertmal schwerer als das winzige Saatkorn, es mit ihrem Gewichte erdrücken sollte? Tut es aber dieses? Ist es imstande, das winzige Saatkorn zu ersticken, zu erdrücken? So wenig, daß das winzige Ding ruhig, gemächlich seine Keime hervorschießt, sich Bahn bricht durch die Erdschollen und hervordringt ans Tageslicht, die Last wegschiebt und siegend über die Scholle heraufwächst und das tote Gewicht. Habt Ihr das nie bemerkt? Nie Euer Welschkorn beobachtet, besonders wenn mehrere Körner zusammen liegen und ein Klumpen aufliegt, Pfunde schwer; wie das Welschkorn den Klumpen so spielend zerreißt und sich auf allen Seiten durchzwingt und die ganze schwere Last weghebt? Will Euch sagen, sind wir die Welschkörner und ist Louisiana die befruchtende Erde und Eure spanische Regierung der tote Klumpen, die Last, die über der keimenden Saat liegt und sie gerne am Wachsen verhindern würde, wenn sie könnte. – Kann aber nicht, sind die Keime, die Triebe, die der Allmächtige in die winzige Welschkörner gelegt, zu mächtig für die tote Last, sind zu mächtig die Keime, das heißt unsere schaffigen Arme, unsere Pflüge, Äxte und Köpfe. Sind zu starke Hebel, und werden diese Hebel Eure tote Last, das Gewicht – Eure Regierung, wegschieben, so leicht! Habt keine Notion, wie leicht, und wird Louisiana sprossen und keimen und gedeihen, und wir mit.‹

Der Mann war zum Prediger oder Staatsredner geboren, sein Redefluß glich den kräftigen Strömen seines Landes, kühn, schrankenlos, unaufhaltsam. Mit meinem Entschlusse, ihm zu imponieren, war es vorbei. – Ich wußte ihm auf diese offene Kriegserklärung kein Wort zu erwidern, ja, ich mußte ihm im Herzen Recht geben.

›Mister Strong! Ohne mit Euch und Euren Gesinnungen rechten zu wollen, mache ich Euch nur darauf aufmerksam –‹

Er unterbrach mich.

›Laßt das, laßt das, weiß, was Ihr sagen wollt. Nicht Ihr, nicht ich werden den Gang des Schicksales hemmen, das Louisiana bestimmt ist von dem, der droben über den Sternen die Schicksale der Menschen sowie der Länder lenkt. – Nicht Ihr, nicht ich; aber so viel ist uns schwachen Menschenkindern gestattet, den Gang dieses Schicksales mehr oder weniger abzusehen und zu entnehmen, je nachdem unsere Vernunft mehr oder weniger durch Vorurteile eingeengt oder durch Laster und Torheiten geschwächt ist. Sage Euch, ist heilsam, den Gang des Schicksals, den Strom der Zeiten zu entnehmen; hätte der König, dem Ihr so treu anhängt, den gesunden Blick Nathan Strongs gehabt, er wäre noch König. Seid aber Franzosen, und mag Euch nicht zu meinen Notionen bekehren, hätte sie nicht erwähnt, kein Wort darüber gesprochen, habt aber selbst angefangen, und kalkuliere, ist ebenso wohlgetan, ja Pflicht und Schuldigkeit, Euch meine Notion zu sagen und sie frei auszusprechen, wie es einem freigebornen Bürger der Union geziemt, der selbst in Louisiana seine Meinung frei bekennen darf, weil er sein Recht zu behaupten vermag. – Und jetzt kommt, ist Mittagszeit und das Essen fertig, wartet die Alte auf uns.‹

›Mister Strong, wir müssen scheiden; die Freunde, seht Ihr, warten ungeduldig.‹

›Wie Ihr wollt, dachte, Ihr wolltet Eure künftigen Nachbarn kennen lernen und das Grundstück, das Ihr ersteigert. – Dachte, Ihr wolltet das, wäre vielleicht das beste, was ihr tun könntet. – Seid freundlich willkommen, zu bleiben; mögt aber tun, wie Ihr wollt, nur, kalkuliere ich, werdet lange auf eine zweite Einladung warten müssen.‹

›Ich bin von Eurer Freundschaft überzeugt, aber –‹

Hauterouge und Lacalle standen abseits, heftig miteinander debattierend, um keinen Preis wollten sie bei dem alten Verruchten bleiben, um keinen Preis – das war der Refrain, der zu meinen Ohren drang.

Ich war in nicht geringer Verlegenheit. Ging ich, so stieß ich einen Mann vor den Kopf, der mir wichtig geworden, und dessen Rat und Beistand für das Gedeihen meiner Entwürfe unentbehrlich war; blieb ich, so verletzte ich bewährte Freunde. – In dieser Verlegenheit kam Jean mit der Nachricht, daß unsere beiden Pferde von der Anstrengung des vorigen Tages so erschöpft wären, daß ans Nachhausereiten gar nicht zu denken sei.

›Wohl!‹ riefen Hauterouge und Lacalle, ›so wollen wir zu einem Akadier; lieber in der schlechtesten Hütte, als einen Augenblick länger hier bleiben.‹

Ich remonstrierte. – Nathan, bemerkte ich, wäre von mir zu dem Meinungskampfe herausgefordert worden – und wir hätten nicht das Recht, ihn wegen seiner ausgesprochenen Meinung zu verdammen.

›Was!‹ schrie Lacalle. ›Was, Oberst! Sie verteidigen die Grundsätze dieses Rebellen, dieses Barbaren?‹

Nathan, obwohl er zum Teil verstand, was wir debattierten, verzog keine Miene; aber jetzt nahm der Major das Wort.

Pardon, junger Mann! – Pardon! wenn ich Euch in Eure Rede falle – aber die Meinung, die Mister Nathan ausgesprochen, ist die Meinung, zu der sich Millionen Amerikaner mit Stolz bekennen, und mit diesen Major Henry Gale.‹

›Und mit denen wir nichts zu tun haben, und die wir bekriegen und bekämpfen wollen!‹ fuhr Hauterouge heraus.

›Das – steht Euch frei, Messieurs. – Steht Euch frei, zu sagen, was Ihr gehört, in Neuorleans, in den Attacapas, überall. Weiß Euer Gouvernement unsere Meinung, machen kein Geheimnis daraus.‹

Ich suchte zu vermitteln – aber Nathan fiel mir in die Rede.

›Stille, Fremdlinge! Kalkuliere, werden nicht von Euch, die Ihr die ersten Rudimente, Achtung vor dem Hause eines Bürgers noch nicht kennt und wie Narren durch das Fenster inmitten seiner Familie und Gäste einspringt – werden von Euch nicht Grundsätze der bürgerlichen Gesittung lernen. Sage Euch, bin hier auf meinem Grund und Boden, und zwar so lange, bis mich eine stärkere Gewalt als die Eurige vertreibt. – Bin hier und spreche meine Meinung aus vor Gott und der Welt und Eurem Gouvernement; mögt wieder sagen, was Ihr gehört und gesehen – und gehen, denn, habe die Notion, seid nicht die Männer, mit denen ich lange verkehren wollte.‹

Lacalle schäumte vor Zorn. Ich hatte ihn nie so gesehen. Hauterouge am Arm fortreißend, schrie er:

›Ich sehe, daß der alte Reglähter die Aussicht hat, die Zahl seiner Schutzbefohlenen mit unserem Oberst zu vermehren!‹

Dies waren die letzten Worte; ohne auf unsere Vorstellungen zu achten, schwangen sich unsere hitzköpfigen Freunde auf ihre Pferde und galoppierten wie im Sturme davon.

Nathan war ganz ruhig gestanden und hatte gelassen von Martin und den Akadiern Abschied genommen, die nun den beiden nacheilten.

›Werden ihnen die Köpfe bald leichter werden, wenn sie bei den Akadiern einkehren‹, lachte der Alte in sich hinein. ›Ein einziges Nachtlager wird sie heilen. Sind – die Umwege mit in Anschlag gebracht – fünfundvierzig Meilen von Hause, werden sehen, was es heißt, die Gastfreundschaft eines Akadiers gegen die eines Amerikaners zu vertauschen.‹

›Habt aber wohl getan, zu bleiben,‹ wandte er sich an uns – ›wohl getan, seid willkommen – sehe an Eurem Entschluß, daß Ihr ein Mann seid, der Welt gesehen. Liebe es, mit solchen Männern zu sein.‹

›Sie haben wohl getan, zu bleiben, Oberst und Major,‹ sprach Major Gale, unsere Hände ergreifend. ›Sie werden sehen, was es heißt, die Freundschaft eines Mannes wie Mister Strong gewonnen zu haben.‹

Im ganzen genommen, war ich froh, daß ich geblieben, und selbst daß Hauterouge und Lacalle gegangen; denn die Attacapas waren mir zuwider, von ganzem Herzen zuwider, und der loyale Ungestüm meines lieben Hauterouge würde ein ewiger Zankapfel geworden sein. Hier, das fühlte ich; war der Schauplatz, wo meine Tätigkeit sich entwickeln konnte, obwohl ich gewünscht hätte, das Scheiden von unseren Freunden wäre auf eine für sie weniger verletzende Weise vor sich gegangen.

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.