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Die Farbigen / Nathan, der Squatterregulator

Charles Sealsfield: Die Farbigen / Nathan, der Squatterregulator - Kapitel 11
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleDie Farbigen / Nathan, der Squatterregulator
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180713
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V.
Squatter-Leben

Unser Erwachen bot einen komischen Auftritt dar. Wir lagen in einem gewaltigen Ehebette mit Moskitovorhängen, und einem Himmel, so groß, daß er zur Billardtafel dienen konnte. In unserer Dachkammer begann es heiß zu werden. Sowohl Lassalle als ich hatten nur selten zu zweien geschlafen. – Eine sonderbare Empfindung kam über uns. So war mir, als ob ich in einem Dampfkessel läge, und die Dünste, die um mich herum aufstiegen, immer beengender würden, so daß ich, nicht mehr imstande ihren Druck auszuhalten, mich weiter zurückschob. Etwas Hinderndes fühlend, wurde plötzlich meine Angst so groß, daß ich erwachte und ausrief, was weiß ich nicht mehr.

Das Etwas neben mir antwortet mit einem: › Parbleu! Wer ist da? Ein Mann!‹

›Wer ist da?‹ schreie ich zurück; ›ein Mann!‹

Morbleu! Was ist das?‹ schreit mein Gegenpart und prallt an mich an.

Ich wieder zurück; so schießen wir aneinander und im Bette herum, und reiben die Augen, und erkennen uns, und brechen in ein lautes Gelächter aus.

›Wo sind wir?‹ fragt Lassalle.

›Wo sind wir?‹ ich.

Und abermals reiben wir die Augen, und Lassalle schlägt die Vorhänge zurück.

Ma foi! In der Residenz Seiner republikanischen Exzellenz, die Sr. katholischen Majestät beider Indien den Krieg erklärt.‹

›Und fünfunddreißig oder mehr Barbe-noirs Schwarzbärte, Spanier.> in die andere Welt gesandt.‹

›Und Besitz von ihrer getreuen Provinz Louisiana ergriffen.‹

›Weil sie ein purer Abfall vom schmutzig groben Gesellen Mississippi ist.‹

Und wieder brachen wir in ein gellendes Gelächter aus, und dann schauten wir aus unserem Käfige, in dem wir wie ein Paar reißende Tiere eingesperrt lagen, in die Kammer hinaus.

Und wieder Gelächter.

Sie war, wie die Kammern und Stuben der Hinterwäldler es häufig sind, mit einer ganzen Familiengarderobe ausstaffiert. Wohl an die zwanzig Weiberröcke und Röckchen an der einen Wand – an der andern lederne Inexpressibles, Jagdhemden, Westen und Röcke in allen Farben des Regenbogens. Was uns aber das Interessanteste erschien, das waren die Tapeten. Die Wände waren wirklich tapeziert, aber womit? Mit Pflügen, mit Stühlen, mit Tischen, Sesseln, Schiffen, Stiefeln, Schuhen, Rindern, grinsenden Negern und Negerinnen, mit Bündeln unterm Arme, trabend und im Entlaufen begriffen, mit Waschzubern, alles zum Sprechen getreu, in Holzstichen, abkonterfeit. Wir rieben uns nochmals die Augen und lasen in zollangen Buchstaben: Poulsons Philadelphia Advertiser, New-York Gazetter, Raleigh Daily, Boston Courier – und sprangen zugleich, im Hemde, wie wir waren, aus dem Bette, um diese neuen Tapetendessins näher zu betrachten, für uns die interessantesten, die es geben konnte.

Es waren Zeitungen, mit denen die Wände von oben bis unten überklebt waren. Da gab es Angriffe gegen George III. und das englische Ministerium, gegen den Kongreß, Washington, Adams, der damals Präsident war, die politischen Tagesneuigkeiten Europas, von Anno 76 herab in amerikanischem Zuschnitte dem republikanischen Publikum aufgetischt; – die Mehrzahl der Kolonnen war jedoch mit besagten Notions, um mich des charakteristischen Ausdrucks Nathans zu bedienen, ausgefüllt: Hüten, Stiefeln, Schuhen, Mehl- und Whiskyfässern, alles recht anschaulich in Figuren den Lesern und Nichtlesern vor Augen gerückt, – das Ganze eine Musterkarte des öffentlichen Lebens, die uns, wie die neueren Pädagogen es mit ihren Zöglingen zu tun pflegen, spielend in die Rudimente der republikanischen Lebenspraxis einzuführen berechnet schien. Und in der Tat wurden diese Zeitungen, wie sie uns den öffentlichen Verkehr, die Kultur, die Sitten und Meinungen gleichsam im Spiegel vorhielten, gewissermaßen Lichtstrahlen, die unsere konfusen Ideen zuerst aufhellten. Was ich früher hinsichtlich Nathans und seiner Gefährten, als Amerikaner, bemerkt, wurde uns nun in bezug auf Republik klar. Wir begannen zu merken, daß wir in der Nähe eines wirklich republikanischen Landes und unter Republikanern waren, gebornen Republikanern, himmelweit von unsern französischen Republikanern verschieden. Es begann uns zu tagen, daß diese Republikaner, ihrem Ursprunge und Prinzipien nach so ganz von den unsrigen verschieden, auch nicht nach dem Maßstabe unserer von oben herab geformten europäischen Massen beurteilt werden dürften, daß, so wie ihre Abhängigkeit von der Krone Englands eine ganz andere gewesen, als die unseres Volkes von ihrem angestammten Monarchen, ihre Revolution und die Folgen auch ganz anders beurteilt werden müßten. Im Eifer und der Hitze unserer Lektüre und den darauf folgenden Debatten hatten wir es ganz vergessen, daß wir noch im bloßen Hemde standen.

Wir wurden daran erinnert, als es auf einmal stark an der Kammertüre klopfte.

Ins Bett zurück zu springen, war zu spät, so ergriffen wir das nächste beste, das uns von der Familiengarderobe in die Hände kam, und warfen es ohne weiteres über uns.

Die Türe ging auf, und Nathan trat herein, in Eile, wie es schien, und mit gerunzelter Stirne.

Wie er uns in dem Hinterwäldlerinnen-Aufzuge erblickte, stand er wie erstarrt und sah uns mit großen Augen an. Eine Weile hielt er inne, wie um sich zu fassen, nahm aus seiner blechernen Büchse ein Röllchen Virginiakrautes, schnitt ein sogenanntes Quid Die gewöhnliche Portion eines Tabakkauers.> ab, und es zwischen die Backen schiebend, betrachtete er uns kopfschüttelnd nacheinander.

Wir hatten Mühe, das Lachen zu verbeißen.

›Wohl nun!‹ hob er an, ›das heißt, was ich komplette Frolic nenne, geradezu eine Frolic, beim lebendigen Jingo! Und ich will nicht Nathan Strong heißen, wenn es nicht so ist!‹

›Haben die Notion, es ist so‹; erwiderten wir mit entsprechendem Ernste.

›Vermute, es ist‹, wiederholte der Alte, indem er das Tabakklümpchen von der linken auf die rechte Backenseite translozierte. ›Sage Euch, Monshurs, sage Euch, vermute, Ihr seid in einer glorreich fröhlichen Laune. Ist ein Fakt.‹

›Vermuten, wir sind‹, erwiderten wir.

›Hat je einer in seinem Leben so etwas gesehen, sich in die Petticoats der Mary und Elisabeth zu vermummen. My!‹ rief er wieder, ›das ist ja geradezu Tollheit!‹

›Freund!‹ hob Lassalle an, mit der einen Hand Elisabeths Unterröckchen haltend, die andere in die Seite gestemmt: ›Habe die Notion, Ihr seid ein gewaltiger Mann und ein gescheiter Mann dazu, der, wenn er gleich die Straße nach Amerika nicht entdeckt, doch die nach Louisiana gefunden und Sr. katholischen Majestät von Spanien und beider Indien darüber den Krieg erklärt.‹

Die Miene Nathans verzog sich greulich, aber Lassalle ließ sich nicht irre machen.

›Jedoch trotz Eurem bonapartischen Feldherrngenie,‹ fuhr er fort, ›das die Pässe von Louisiana forciert, so wie jenes die Alpenpässe, dürfte es Euch schier schwer werden, haben wir die Notion, die Eingangspässe in diese Soidisant- und Cidevant-Hosen zu finden.‹

Und so sagend, hob Lassalle mit dem einen Fuß die fragmentarischen Reliquien unserer Kleidung auf.

Nathan langte nach den Bruchstücken und besah sie mit prüfendem Auge von allen Seiten.

›Will Euch meine Notion auf einmal sagen,‹ sprach er kopfschüttelnd, die Bruchstücke wieder fallen lassend – ›will sie Euch sagen. Kalkuliere, daß diese Hosen da nichts weniger als tragbar sind.‹

›Getroffen!‹ fielen wir ein.

›Nichts weniger als tragbar sind,‹ wiederholte er, ohne sich stören zu lassen, ›und daß es schwer werden dürfte, die Stücke, die Ihr in dem Busche und Sumpfe und auf den Prärien verloren, wieder zusammen zu finden. Will Euch aber meine Notion auf einmal sagen. Kalkuliere, daß hier‹ – er deutete auf die Wand – ›Stoff genug ist, zwei solche Monshurs, wie Ihr seid, in dezentes Geschirr zu bringen, und daß Mistreß Strong noch Linnen genug haben wird, Euch ein honettes Hemde in Bargain zu lassen.‹

›Kalkulieren, gegen gute Bezahlung.‹

Er überhörte die Worte und stampfte einige Male mit dem Fuße.

›Das macht mit dem alte Weibe und James und Godsend ab. Mische mich nicht in ihre Sachen, aber schaut, daß Ihr aus den Petticoats herauskommt, denn sehen Euch Mary und Elisabeth in ihrem Geschirre, so bringt sie in ihrem Leben nichts mehr darein.‹

Unter diesen Worten ging die Tür auf und es trat ein –

Ein kompaktes, rundes Weibsstück, stark koloriert, mit einer einigermaßen großen roten Nase, die einige nähere Bekanntschaft mit Madeira oder Magentrost verriet, zusammengezogenen Lippen, eingebogenem Kinn, vollen Backen und scharfen kleinen blauen Augen, die zeitweilige gute Laune offenbarten, obwohl ihre Miene jetzt totale Sonnenfinsternis verriet, oder vielmehr jene Apathie, die, wie ich vermute, einer der Grundzüge des hinterwäldlerischen Charakters ist.

War das Erstaunen Nathans bei unserem Anblick groß gewesen, so war das der Dame übergroß. Eine Weile sah sie ihren Eheherrn an mit fragendem Blicke – ob es auch in unseren Köpfen richtig sei – dann wieder uns.

›Haben wir die Ehre, Mistreß Strong zu sehen?‹ begrüßten wir die Dame, einen Knicks schneidend.

›My!‹ rief sie Nathan zu.

›Sage dir, altes Weib – sage dir – ist ganz richtig. Hat sie nicht, sind aber, vermute ich, Franzosen – weißt du.‹

Die Worte waren mit einem jener Rucke begleitet, die nur Hinterwäldler geben können.

›My!‹ rief die Dame wieder.

›Ist ein Fakt,‹ versetzte er, ›aber hat sie nicht‹, fügte er beruhigend hinzu.

Sie schaute uns, abermals ihn an. – ›Wohl nun, Nathan, das ist konsiderabel quer.‹

›Ei, so ist es, hat sie aber nicht – altes Weib! – ist aber quer, das ist ein Fakt. – Nun, will dir sagen, ja will dir meine Notion auf einmal sagen: Kalkuliere, daß du den beiden Monshurs da Wäsche bringst, und daß sie sich hier auswählen, was sie brauchen. Ist ihr Geschirr schier so zerfetzt, als wenn es zwei wilden Prärierossen am Rücken gelegen wäre; aber hat sie nicht.‹

›Und es hat sie nicht?‹ fragte sie, offenbar etwas beruhigter.

›So wenig, als es dich und mich hat.‹

›Und es hat sie nicht?‹ wiederholte sie. ›Nun, haben es aber gottlos getrieben mit Reden und Schreien und Lachen und Springen; sind quere Leute bei alledem, und die Petticoats der Elisabeth und Mary!‹

›Ist so ihre Weise, altes Weib, bin aber konsiderabel froh, daß es sie nicht hat. Waren ob dem Blockhause, weiß du, und erzählte ihnen, und sagte ihnen, ist der Sumpf keine tausend Schritte davon und stagniert jetzt der Sumpf, und ist gerade die gefährlichste Jahreszeit, und verbreitet seine Ausdünstungen des Morgens und Abends, die, weil sie leichter sind als die Atmosphäre, sich gerne in die Höhe ziehen. Sah das Nachtgespenst herüber kommen und brach deshalb auf und führte sie ins Haus. Weißt, nehme in solchen Fällen immer ein paar Gläser Madeira und decke mich warm zu und schwitze die bösen Dünste aus, und vertreibt den Ansatz der Madeira, und wenn er sich wie Blutegel in die Poren eingesetzt hätte.‹

›Würde es dir nicht gedankt haben, Nathan,‹ versicherte sie ihm, ›gar nicht gedankt haben, mir da Gäste mit dem Shake Fieber, Fieberrütteln.> ins Haus zu bringen.‹

›Hat sie aber nicht,‹ remonstrierte der Alte ungeduldig, ›sage dir, hat sie nicht, hat sie so wenig, das Shake, als es dich und mich hat, und war es da gar nicht vonnöten, wie närrisch hinüber zu springen und die Türe aufzureißen und Trubel in eine Versammlung zu bringen, die am Abstimmen ist. Hatte kaum Zeit, meine Stimme abzugeben.‹

›Kalkuliere, hast sie aber gegeben, wie sich's für einen Reglähter gehört und gebührt und es, um Ordnung aufrecht zu erhalten, not tut‹, sprach sie, die beiden Arme in die Seite stemmend.

Nathan zuckte wieder mit demselben hinterwäldlerisch eigentümlichen Rucke die Achseln, schob den Klumpen Kautabak aus seinem zeitweiligen Depositorium hinter der rechten Backenseite unter die linke, und gab dann abgemessen folgendes von sich:

›Habe die Notion, altes Weib, würde dein Haarschmuck um kein Item grauer sein, wenn du dein Gehirn weniger mit Dingen beschwertest, die – kalkuliere ich – nicht zur Sache gehören. Sage dir, altes Weib, sage dir, gehören nicht zur Sache, die Dinge drüben; bin jetzt hier von wegen der Dinge hier. Bin hier von wegen dieser beiden französischen Monsheurs, und sage dir, hier sind sie. Ist ein Fakt, altes Weib; sind hier. Wie und warum ist nicht die Frage und geht niemand etwas an. Habe aber die Notion, sie sind just hier, weil ich es so haben will, und sage dir, hier sollen sie bleiben, so lange als sie Lust haben. Und schau sie dir wohl an, und will dir sagen, ei, so will ich, will nicht sagen, daß diese da – Hosen oder was sie sind – ganz sind, aber habe die Notion, sie sind es nicht, und kalkuliere, es würde dich einigermaßen perplex machen, das, was verloren gegangen ist, zwischen hier und Côte gelée zusammen zu finden, und sie wieder in ein Ganzes zusammen zu schweißen; kalkuliere, würde auch nicht allzu reputierlich sein, zwei derlei Mannsgesellen in angebrochenem Geschirr im Hause umhertrollen zu lassen, wenn es Notions genug gibt, sie fix und fertig herzustellen. So kalkuliere ich denn, das Beste, was sich tun läßt, ist just, ein Paar Hemden fix und fertig herauf zu bringen, und unter den Hosen und Wämsern von James und Godsend auszulesen, und sie in dezentes Geschirr zu bringen.‹

›Kalkuliere‹, versetzte die Dame mit bewundernswertem Gleichmute auf dieses Probestück hinterwäldlerischer Argumentation, ›kalkuliere, will die Hemden fix und fertig heraufbringen, und magst du unterdessen unter den Notions da von James und Godsend auswählen, und wird das beste sein, was sich tun läßt, sie so in dezentes Geschirr zu bringen.‹

›Kalkuliere, kalkuliere‹, fiel Nathan ein; ›kalkuliere, wäre das soweit in Richtigkeit, und will ich unter den Notions da auswählen, und wirst du ein gutes Weib sein und dem Plodern und Plaudern ein Ende machen. – Was, du eines Hinterwäldlers Frau, und da Alarums und Tantarums wegen ein Paar zerlumpter Hosen – und Franzosen!‹

»Dieses letzte Kompliment, unsern armen Cidevant-Hosen und ihren respektiven Besitzern gespendet, kam zu sehr all' improvista, als daß wir, die wir nur mit großer Mühe unsere Lachorgane zu zügeln vermochten, länger hätten zurückhalten können«, bemerkt der Graf. »Wir platzten zugleich heraus und lachten so unmäßig, daß Nathan selbst gewissermaßen angesteckt wurde, und die im Abgehen begriffene Dame, schier verwundert, noch einmal den Kopf zur Türe hereinsteckte. Aber wer hätte es auch aushalten können! Da standen wir, Lassalle in Elisabeths, ich in Marys Petticoat, mit der linken Hand besagtes Petticoat haltend, mit der rechten den Mund, während die beiden Eheleute so ungeniert trocken, grob und wieder neckisch naiv über die zerrissenen Hosen und zerlumpten Franzosen debattierten! Sie kamen uns ganz so vor wie ein Paar Bären, die mit einander spielen und über deren drollig linkischem Tappen wir ganz vergessen, daß ihre Tatzen derb auffallen und wehe tun.

›Wohl, kalkuliere,‹ fuhr der Alte fort, ›das wäre abgetan, und will Euch sofort Euer Geschirr auslesen. Habt sie aber erschreckt, die Mistreß Strong, mit Euren Quer- und Kreuzsprüngen und Phantasieren und Alarums, und dachte nicht anders, als es hätte Euch das Dunstgespenst gestern nachts erfaßt, wie wir drüben standen am Blockhause, und machte Euch das Shake kapriolen. Kommt hinüber gesprungen in unsere Versammlung, gab gerade meine Stimme ab, und raunt mir schier verstört zu, wie Ihr es treibt, schier ärger als der alte Tom, der Whisky-Tom, wie er hieß, der neulich draufgegangen; hatte auch das Shake, der alte Tom, und dann die Aguecake und trieb es, – ist just die Jahreszeit dazu – hat sich's auch am Sumpfe geholt. Bin aber froh, daß es anders ist – ei bin recht froh. Und will Euch jetzt Euer Geschirr auslesen.‹

Und mit diesen Worten ging der gute Nathan, uns, wie er sagte, unser Geschirr auszulesen.

›Habe die Notion,‹ hob er wieder an, indem er ein Paar lederne Beinkleider herabnahm und uns wechselseitig maß, ›diese ledernen Konvenienzen da werden es tun. Sind nagelneu, kalkuliere ich; hängen noch draußen die Schinken von dem Bocke, dem die Haut angehörte, und hat sie der Leather-Ned gegerbt, kalkuliere ich –‹

Er hielt plötzlich inne, horchte, tat einen gewaltigen Schritt gegen die Dachluke zu, und hatte kaum hinausgesehen, als er mit den Worten: › D–n! Über den tollen Frenchern da ganz die drüben vergessen‹, zur Türe eilte.

›Aber Nathan, unser Geschirr!‹ rief ich, ihm den Weg vertretend.

D–n Euer Geschirr!‹ brummte er, mich auf die Seite schiebend, und durch die aufgerissene Tür mit großen Schritten die Treppe hinab eilend.

Wir sahen ihm einen Augenblick nach und brachen wieder in ein lautes Gelächter aus.

Aber was fiel ihm auf einmal ein?

›Etwas muß draußen vorgegangen sein‹, bemerkte Lassalle.

Und er steckte sofort den Kopf durch das Dachfenster oder vielmehr die Luke.

›Wohl, Lassalle! Was siehst du?‹

›Die Niederlassung scheint stark zu sein,‹ gab Lassalle zur Antwort. ›Ich zähle bereits dreißig Köpfe.‹

›Wohl, was sind es für Leute?‹

›Wetter- und sonnverbrannte Gesichter, athletische Formen, aber darunter einige schöne junge Männer.‹

›Was tun sie? Was wollen sie?‹

›Das ist schwer zu sagen, sie kommen noch immer aus dem Blockhause, bereits zähle ich an die vierzig. Morbleu! was soll das? Einer im bloßen Hemde.‹

›Im bloßen Hemde! Was soll der? Doch nicht Kirchenbuße tun, oder wollen sie ihn gar wie Kannibalen zum Gabelfrühstück verspeisen? – Laß doch schauen, Lassalle, täuschest du dich nicht?‹

»Und ich«, lacht der Graf, »zerrte Lassalle ungeduldig bei Elisabeths Unterröckchen von der Dachluke zurück und schob meinen Kopf hindurch. Es war, wie Lassalle gesagt hatte.

Vor einem Blockhause, das etwa zweihundert Schritte von uns am Abhange des Kammes in einer Gruppe von Catalpabäumen stand und zu Gemeindeversammlungen bestimmt zu sein schien, waren an die vierzig Squatters, umgeben von einer zahlreichen Brut kleiner Squatter und Squatterinnen, versammelt, in der Mitte ein Geselle im bloßen Hemde.

Der Wicht schien sich nicht ganz behaglich zu fühlen, seinen Grimassen und wütenden Gebärden nach zu schließen. Er schlug heftig um sich, sprang bald an den einen, bald an den andern Hinterwäldler heran, drohte mit den Fäusten, ohne jedoch bei den apathischen Seelen einen sichtbaren Eindruck hervorzubringen. Einige rauchten, andere besprachen sich, keiner schien eine besondere Eile bei dem vorliegenden Geschäfte zu haben; doch brachte die Ankunft Nathans einige Bewegung in die phlegmatische Masse, der Knäuel formte sich in einen Kreis und horchte seinen Worten, die wir aber wegen der großen Entfernung nicht verstehen konnten. Zwei der Squatters legten hierauf ihre Tabaksröhren auf die Fenster des Blockhauses und auf den Hemdemann zugehend, versuchten sie sich desselben zu bemächtigen. Er retirierte, schlug um sich, wurde aber, trotz seiner verzweifelten Gegenwehr, bald festgenommen und an eine der Catalpas mit Stricken gebunden, den Rücken gegen die Versammlung gekehrt.

Der Bursche schrie, als ob er am Spieße stäke.

Ich weiß nicht,« unterbricht sich der Graf, »war es der rosenfarbige Humor, in dem wir erwacht, und der uns alles, was an diesem Morgen passierte, durch ein heiteres Medium sehen ließ, oder die grotesk hölzerne und doch wieder durchgreifende Art und Weise der Hinterwäldler – der ganze Auftritt, so wenig er sonst geeignet war, unsere Lachmuskeln in Bewegung zu setzen, machte uns laut auflachen; aber wie gesagt, das Benehmen dieser Squatters erschien uns so quer! – man muß diese Leute bei solchen Gelegenheiten gesehen haben.

Die zwei jungen Hinterwäldler, die den Mann im Hemde angebunden, entledigten sich nun ihrer Hunting-Shirts, streiften die Hemdärmel auf und ergriffen jeder eine Rute, die, wie wir später erfuhren, Ochsenziemer waren, und begannen zugleich auf den Rücken des Wichtes loszuhauen. – Schlag auf Schlag fielen die Hiebe hageldicht, ich habe nie eine Exekution in kürzerer Zeit abgetan gesehen, und mit mehr Wirkung. In weniger denn einer Minute war das Hemd in Stücke gehauen, und der Mann stand mutternackt, mit blutigem Rücken – bloß um die Lenden noch ein Stück Cotton gebunden. Der Bursche brüllte vor Schmerzen; aber bei alledem zeigte er noch eine Unbändigkeit, eine Wut, die nichts weniger als Mitleid einflößten. Nathan winkte endlich den beiden, einzuhalten.

Während dieser Exekution waren die Squatters ganz ruhig gleichmütig gestanden, einige aus ihren Tabakspfeifen, andere Zigarren rauchend, eine dritte Partie war mit der jungen Brut auf die abgelegene Seite des Hauses abgetrollt, wohin die beiden Zuschläger, nachdem sie den Züchtling vom Baume losgebunden, nun gleichfalls abgingen, Nathan und den übrigen folgend.

Ich zog den Kopf aus der Fensterluke zurück, da ein vorspringender Giebel des Daches mir die Aussicht auf dieser Seite nahm.

Lassalle hatte mittlerweile einen der strohgeflochtenen Sessel auf den Tisch gestellt, sich auf den Querbalken des Daches promoviert, eine der Dachdauben losgemacht, und so die Hinterwäldler wieder zu Gesicht bekommen.

›Willst du nicht herauf?‹ rief er mir zu. ›Es ist der Mühe wert, eine gloriose Aussicht – wirklich mächtig transzendentes Land.‹

›Ja, aber was treiben die Buschmänner?‹

›Sie haben ihn auf die andere Seite gezerrt, er schlägt noch immer wie ein Alligator um sich.‹

›Wohl, was haben sie weiter mit ihm vor?‹

›Was sie vorhaben? Was sie vorhaben?‹ erwidert Lassalle und bricht auf einmal in ein lautes Lachen aus.

›Was gibt es?‹

›Komm doch ums Himmels willen! Sieh nur – so wahr ich lebe, sie haben den Wicht rabenschwarz gefärbt.‹

Ich sprang auf den Tisch, den Sessel, schwang mich auf den Dachbalken, hob eine zweite Dachdaube auf, und schaute – einen Augenblick das gloriose Panorama überfliegend, im nächsten die Squatters, die wieder in einem Knäuel standen.

Wohl, Messieurs!« fährt der Graf fort, »es dauerte eine Weile, bis ich ausmitteln konnte, was die Leute vorhatten.

Der Haufen war in großer Bewegung, die junge Brut heulend, schreiend, die Alten um zwei mannshohe Fässer herum gruppiert. Aus einem dieser Fässer ragte ein menschlicher Kopf heraus, den ich aber nicht mehr zu erkennen vermochte, denn Hals und Kopf waren rabenschwarz, oder vielmehr bronziert schwarz, wie unsere alten Negerköpfe. Um ihn herum mehrere Hinterwäldler mit langen hölzernen Löffeln, die sie ins Faß eintunkten und dann auf dem Kopfe des Wichtes leerten – er schreiend, tobend. Die Szene war eine seltsame!

Jetzt kamen ein paar Squatters mit Stangen, schoben sie zwischen die Arme des Negrisierten, hoben ihn aus dem ersten Fasse und transferierten ihn in das zweite, in das sie ihn unter lauten Hurras plumpen ließen.

Eine Wolke von Federn verhüllte uns einen Augenblick die ganze Horde.

Das Faß, in dem der Wicht stak, war mit Federn gefüllt, und zehn Hinterwäldler rieben ihm nun die Federn auf Kopf, Schultern, Armen, allen Teilen, die aus dem Fasse herausstanden, ein. Bald war er ganz und gar befiedert – eine gräßliche Karikatur auf das zweibeinige Geschlecht, die uns ein hysterisches Lachen auspreßte. – Der Aufruhr, das Toben wurde immer ärger, die Hurras brüllender. Einige Squatters hatten sich auf die Rücken ihrer Pferde, die an das Gebäude angebunden standen, geworfen, andere den geteerten und befiederten Wicht aus dem Fasse gehoben, die Stricke, mit denen ihm die Arme gebunden waren, losgeschnitten, und auf ein Zeichen, von Nathan gegeben, setzte sich der ganze Knäuel in Bewegung, den Abhang hinab, gegen die Prärie zu, unter brüllenden Hurras. Der Befiederte schaute einen Augenblick um sich, stieß einen gellenden Schrei aus und begann im Kreise umherzutanzen. Der Teer, obgleich heilend, mußte ihm wütenden Schmerz verursachen, denn er wurde wie rasend, sprang hoch auf, brüllte entsetzliche Flüche, und mit den tollsten Rundsprüngen kapriolte er den Abhang hinab, so, daß seine Verfolger kaum Schritt halten konnten.

Es war etwas so wild Aufregendes in diesem Spektakel, etwas so rasend mutwillig Tolles! – Das scheußlich befiederte Zerrbild, mit seinen koboldischen Sprüngen – hinter ihm drein die Brut der jungen Squatters und eine Herde hemdeloser kleiner Neger – Wechselbälge beiderlei Geschlechts, Hunde, Katzen, alle heulend, schreiend, bellend, die Reiter mit ihren Peitschen knallend.

Gerade vor uns breitete die rollende Prärie ihren Blumenteppich unabsehbar der blauen dunstigen Ferne zu; in der Morgenbrise bewegten sich die Gräser, wie Wogen des gefächelten Ozeans hin und wieder wallend; rechts und links, dem wellenartig sich erhebenden Kamme entlang, standen Klumpen von kolossalen Baumwollenbäumen, unter denen die Hütten der Squatters, Pagoden nicht unähnlich, hervorguckten, umgeben von Welschkorn-, Tabak- und Baumwollenfeldern, die sich zu beiden Seiten des Abhanges hinabbreiteten: aus allen diesen nicht unlieblichen Verstecken schoß die schwarze Negerbrut mit rasenden Sprüngen hervor, über die Umzäunungen kletternd, purzelnd, heulend, schreiend, gellend, in der eigentümlich grellen Manier der Schwarzen, hohnlachend und wie Kobolde der dämonischen Jagd sich anschließend. – Die Squatters selbst hatten am Abhange des Kammes gehalten, von wo aus sie die wilde Jagd dirigierten, der jungen Brut zubrüllend, den Befiederten ja nicht zu schonen, sondern zu hetzen und zu jagen und zu schlagen; – aber es bedurfte dieser Aufmunterungen nicht, denn die Hetzjagd hatte einen so wilden Charakter angenommen! – Es war eine Jagd auf Leben und Tod geworden – wir erwarteten jeden Augenblick den Elenden in den Klauen seiner Verfolger und zerfleischt und zerrissen zu sehen.

Er war mit verzweifelten Sprüngen, wie blind – denn Teer und Federn hatten ihm ohne Zweifel die Augen verklebt – den Abhang hinab gerade auf die Prärie zugesprungen, bald aber, durch das ellenhohe Gras aufgehalten, wieder zurückhopsend, hatte er sich rechts gewendet, eine Umzäunung übersprungen und sich in ein Welschkornfeld geflüchtet. Aus diesem vertrieben, war er wieder links gelaufen, die ganze Brut seiner zwei- und vierbeinigen Verfolger hinter ihm. Der Spektakel wurde peinlich, empörend, wir waren nicht imstande, den Anblick auszuhalten, mußten uns abwenden. –

Unser Blick fiel in die Dachkammer hinab.

Mistreß Strong war in der Kammer und stand am Tische, die für uns bestimmten Linnen so gleichmütig ausbreitend, als wenn es zu einer Methodistenpredigt gehen sollte.

›Um Gottes willen, Frau! Was soll der entsetzliche Auftritt, diese unmenschliche Treibjagd?‹ schrien wir hinab.

›My!‹ rief sie, schier verwundert zu uns aufschauend, aber im nächsten Augenblicke die Hand vor die Augen haltend und uns den Rücken wendend. ›My!‹ rief sie wieder, ›kalkuliere nichtsdestoweniger, ist nicht richtig in Euren Köpfen, was auch Mister Strong dagegen sagen mag, und hat Euch das Shake oder etwas noch Ärgeres.‹

›Um Gottes willen, Weib! Tut Einhalt diesem entsetzlich grausamen Spiele!‹ schrien wir abermals.

›Spiel nennt Ihr das?‹ versetzte die Mistreß – ›Spiel? Ei, wollte das Spiel nicht oft sehen, ist ein grausames Spiel, ist, habe die Notion, eine wilde Frolic.‹

Und sie verließ die Kammer.

Abermals schauten wir hinaus.

Der Gejagte war wie ein Stier mit verbundenen Augen links fortgerannt, von der ganzen Horde verfolgt, die Reiter hinterdrein, ihre Peitschen knallend und laute Hurras brüllend. Er hatte abermals eine Umzäunung erreicht, aber nicht mehr imstande, hinüberzukommen, sie krampfhaft erfaßt und, mit den Zähnen wütend in die Zaunriegel einbeißend, diese zugleich mit beiden Armen umklammert. Die ganze Horde strömte an ihn heran, und wir erwarteten jetzt den gräßlichen Beschluß.

Die Reiter ließen ihre Peitschen stärker knallen, hieben links und rechts auf die Hunde, Katzen, Neger und Negerinnen ein, und nachdem sie sich so einen Weg zu dem Schlachtopfer gebahnt, umringten sie es. Einer warf ihm eine Schlinge über die Schultern, und mit demselben plötzlichen Ruck, mit dem der Lassoreiter sein Pferd auf die Hinterbeine bringt, wendet und das gefangene wilde Roß in seinem Laufe zurückwirft, warf er den Elenden vom Zaunriegel und zu Boden, riß ihn wieder mit der Schlinge empor, und ihn an dieser nachschleppend, schlug er mit den andern Berittenen die Richtung gegen den westlichen Waldessaum zu ein.

Wir schauten einen Augenblick der wilden Rotte nach, wie sie unter den Bäumen verschwand, und dann auf die Hunde, Katzen, Neger und Negerinnen, die bei diesem letzten Auftritte plötzlich stumm geworden, ja mit einer Art Schauder den im Waldesdunkel Verschwindenden nachstierten. Es war uns kein Zweifel übrig, daß die Unmenschen ihr Schlachtopfer in den Wald schleppten, um ihm da den Garaus zu machen.

Wir hatten zur Genüge vom Hinterwäldlerleben gesehen, so zur Genüge, daß wir, ohne ein Wort zu sagen, die Öffnung im Dache wieder verschlossen, den Sessel und Tisch herabstiegen und unsere zerrissenen Kleider zur Hand nahmen, fest entschlossen, diese wilden Squatters unverzüglich zu verlassen.

Lassalle war bemüht, den Eingang in die Bruchstücke seiner Beinkleider zu finden; ich hatte die meinigen in der Hand, als – Nathan eintrat.

Seine Miene hatte etwas von amtlicher Würde und verriet hohe Zufriedenheit. – Einen Augenblick schaute er uns beide fragend an, und dann trat er zur Familiengarderobe an die Wand, und mehrere Kleider herablangend, hob er wieder an:

›Kalkuliere, diese ledernen Konvenienzen da werden es also für Euch tun und diese da für Euch.‹

Die letzteren Worte waren an mich gerichtet.

›Glaube, wollen uns mit den unsrigen behelfen, so arg sie auch mitgenommen sind‹, gab ich zur Antwort. ›Wollt Ihr uns ja einen Gefallen erweisen, so mögt Ihr uns einen Wegweiser zur Pflanzung des nächsten Akadiers verschaffen.‹

Nathan sah uns mit großen Augen an, ohne daß sich jedoch ein Zug in dem impassiblen Ledergesichte verändert hätte.

›Einen Wegweiser zum Hause des nächsten Akadiers wollt Ihr? Ei, den könnt Ihr haben, ist keine hundert Meilen, kalkuliere ich, aber doch – werdet Euch doch zuvor dezent machen und ein Frühstück nehmen.‹

›Danken Euch für Euer Frühstück; wollen sehen, ob wir nicht im Hause des Akadiers eins bekommen.‹

›Habe nicht die Notion, Euch aufzuhalten,‹ versetzte Nathan in demselben kalten Tone, ›werdet Euch aber doch zuvor in dezentes Geschirr werfen und ein Frühstück nehmen, ist zwar keine Tagreise, aber doch ein sechs bis sieben Meilen zum Blockhause des nächsten Akadiers; haben auch noch ein Wort miteinander im Gemeindehause darüber zu reden.‹

›Danken Euch für Euer Frühstück und Euer Geschirr; wüßten wahrlich nicht, was wir miteinander zu verhandeln hätten‹, entgegneten wir etwas vornehm.

›Danken Euch für Euer Frühstück und Euer Geschirr, und wüßten wahrlich nicht, was wir miteinander zu verhandeln hätten?‹ murmelte Nathan in sich hinein. ›Psaw! Hielt Euch für sensible Franzosen, für Leute, die Dezenz im Leibe haben und Manieren, und nicht in einem Geschirre hinaustrollen, das ein Neger mit seinen Fußtatzen wegstoßen würde, und das so angebrochen ist wie ein zertrümmertes Boot, mit Rippen und Seiten, die im vollen Reißausnehmen begriffen sind. – Hat kein Geschick, Fremdlinge, sage es Euch, angebotene Gastfreundschaft so schnöde wegzuweisen; sage es Euch, und nehmt es.‹ –

Die letzten Worte waren rauh, ja drohend gesprochen. Wir sahen den Mann stolz an.

›Sag' Euch, was es ist, Fremdlinge. – Will es Euch sagen. Habe die Notion, ei, kalkuliere, habt ein Haar gefunden an dem, den Ihr da drüben teeren und befiedern gesehen habt?‹

›Und Ihr fragt!‹ brachen wir aus, kaum imstande, unsere Entrüstung zu meistern. ›Ihr fragt, nach diesem unmenschlich rohen, teuflisch mutwilligen Spiele mit Menschenleben und Würde? Dieser Schandszene, die Kannibalen entehrte, um so mehr Christen und Republikaner, wie Ihr zu sein Euch brüstet?‹

Wir waren nicht imstande, zurückzuhalten, es mußte heraus, und folgte, was wollte.

Nathan jedoch stand unbewegt, kaum daß ein leichtes spöttisches Lächeln seine harten Züge überflog.

›Ah, die Republikaner, die Republikaner! Guckt endlich der Pferdehuf da hervor! Eine gewisse Freude, nicht wahr, so ein Jucken, ja echt französisches oder kreolisches Jucken, Amerikanern so etwas abgelauert, abgepaßt zu haben, was Ihr einen Schandfleck nennt für Kannibalen! – – Ei! ei!‹

Und der Mann hielt lächelnd inne.

›Kenne Euch Franzosen und Kreolen seit den sieben Jahren. Ei, Ihr Franzosen‹, fuhr er mit dem trockensten sardonischen Lächeln fort, ›seid quere Leute, kalkuliere ich, zuzeiten so empfindsam weich, daß Ihr, lasse ich mir sagen, über alte Geschichten in Euren Komödienhäusern wie alte Weiber Zähren vergießt, und wieder so mächtig stark und hart, daß Ihr das Blut Eurer eigenen Landsleute wie Wasser verschütten könnt und ihnen die Köpfe abhacken, so methodisch, die Axt tut es nicht mehr bei Euch, müßt Maschinen haben, betreibt es recht systematisch, das Gewerbe, und ersäuft Eure Schwestern, Weiber, Töchter, Mütter und tanzt dazu lustige Tänze – Carmagnolen nennt ihr sie, kalkuliere ich, steht da in den angeklebten Zeitungen an der Wand – könnt es lesen –‹, lächelte der Mann, auf die angeklebten Zeitungen deutend.

›Das sind auch Republikaner, Mister Nathan,‹ versetzten wir, ›Republikaner, denen Ihr immerhin brüderlich die Hand reichen könnt nach dem Heldenstücke, wie Ihr es heute produziert.‹

›Ei, und wer hat sie dazu gemacht, Mann?‹ fragte Nathan, ›wer sie, wer uns zu Republikanern gemacht? Wer, als Eure Aristokraten und unsere englischen Tories?‹

»Diese Logik des Hinterwäldlers«, bemerkte der Graf, kam uns so unerwartet, daß wir ihn starr ansahen.

›Sage Euch,‹ fuhr er fort, ›wollen nicht über diesen Punkt streiten. Gehen uns Eure Angelegenheiten nichts an. Euch unsere nichts, kehre jeder vor seiner Türe. Und laßt Euch, was Ihr gesehen, nicht anfechten, ist ganz in Ordnung, was Ihr gesehen, ja, will Euch mehr sagen und sage Euch keine Lüge, wenn ich sage, daß wir expreß gestern hinabgegangen an die Côte gelée und unter Eure wilden Akadier, Euch Botschaft zu senden, heraufzukommen.‹

›Ihr hinabgegangen an die Côte gelée, uns, die Ihr nicht kennt, Botschaft zu senden?‹ fragten wir, ungläubig die Köpfe schüttelnd. ›Das ist etwas ganz Neues.‹

›Mag Euch neu sein, ist aber nichtsdestoweniger ein Fakt. Sind hinabgegangen und hatten die Notion, Euch durch einen der Akadier sagen zu lassen, Ihr oder einer von Euch möchte heraufkommen. Gehen sonst nicht leicht hinab zu den rohen Akadiern.‹

›Kennt Ihr uns?‹ fragten wir etwas vornehm.

Nathan gab keine andere Antwort, als daß er seine Backen des ausgesogenen Quids entledigte, einen frischen abschnitt, einen Strahl brauner Jauche durch die Dachluke hindurchspritzte und dann einen frischen Abschnitt einschob.

›Ihr habt aber doch gestern den ganzen Abend keine Silbe geäußert, die uns auf die Vermutung bringen könnte?‹ bemerkte Lassalle.

›Ob wir Euch kennen, das wird sich zeigen,‹ versetzte er endlich, ›wozu und weswegen wir Euch hier haben wollten, das werdet Ihr sehen und hören. Habe Euch schon einmal gesagt: alles hat seine Zeit -‹

›Und Ihr habt uns also zu diesem gräßlichen Spektakel haben wollen?‹

›Ei so wollten wir, ist ein Fakt, sollet sehen mit Euern Augen, hören mit Euern Ohren und die Freiheit haben, zu sagen, was Ihr gesehen, wo und wann Ihr wollt. Halten nicht hinterm Busch. Ist der alte Nathan nicht der Mann, der hinterm Busch hält. Darf sich nicht scheuen, der ganzen Welt zu zeigen, was er getan als Reglähter.

Sage Euch,‹ nahm er abermals das Wort, ›ist ein Fakt. Sind expreß gestern hinabgegangen an die Côte gelée, um einem von Euch, Vignerolles mit dem Geschlechts- und Comte, habe ich die Notion, mit dem Taufnamen, Botschaft zu senden; waren auf den jungen Akadier gestoßen, der uns sagte, Ihr wäret selbst der Mann und am Bayou schier verhungert und verdurstet.‹

Wir schauten den Alten an, einander; jetzt konnten wir wohl an seinem Vorhaben nicht mehr zweifeln, so seltsam dieses auch klang. Aber dieses starre Hinhalten, dieses brütende Verschlossensein, es kam uns unheimlich, beinahe grausenhaft vor. Der Mann dünkte uns ein furchtbarer Charakter. Er war zum Inquisitor geboren und würde unter den rasendsten Zuckungen seines Schlachtopfers ebenso gleichmütig sein Quid angebissen haben, als er es vor uns tat. Was hatte er vor mit uns? Was sollten wir hier?

Diese Fragen schwirrten uns durch, verwirrten uns die Köpfe.

›Aber was sollen wir hier?‹ fragte endlich Lassalle. ›Wir kennen Euch nicht, Ihr uns nicht. Ihr seid ein seltsamer Mann!‹

›Wer ich bin, werdet Ihr sehen und hören,‹ versetzte Nathan trocken. ›Jetzt bringt Euch in ein dezentes Geschirr, daß Ihr den Meinigen und meinen Nachbarn, ohne Ärgernis zu geben, unter die Augen treten könnt. Wollen zum Frühstücke und werdet dann sehen und hören.‹ –

Und unter diesen Worten verließ er die Kammer.

Wir schauten einander abermals an. Der Mann hatte etwas so unheimlich zäh Hin-, Hinternachhaltendes, etwas so starr allen Widerstand Niederbeugendes, das gewissermaßen erdrückte. Was konnten wir tun, in seiner Gewalt, wie wir waren! Nichts Besseres, als uns in die Linnen der Mistreß Strong und die ledernen Konvenienzen und Wämser und Jagdhemden James' und Godsends einzutun und das Weitere abzuwarten!

Wir taten uns also in die Squatteruniform James' und Godsends ein und waren fertig bis auf die Mokassins, als Nathan wieder eintrat. Er half uns diese anlegen und führte uns dann die Treppe in den Hof und aus diesem einige zwanzig Schritte den Abhang hinab einem sogenannten Quellhause zu, wo er ein Becken voll Wasser schöpfte und uns reichte.

Nachdem wir auf diese patriarchische Weise unsere Toilette beendet hatten, folgten wir ihm zum Hause zurück und traten in die Wohnstube ein, die wir stark gefüllt fanden.

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