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Die Familie Schroffenstein

Heinrich von Kleist: Die Familie Schroffenstein - Kapitel 3
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDie Familie Schroffenstein
authorHeinrich von Kleist
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-001768-8
titleDie Familie Schroffenstein
pages1-3
created19990213
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1803
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Jeronimus.
Nun das erzähl, wie ist das zugegangen?

Kirchenvogt.
Herr, ich erzähls dir ja. Denk dir, du seist
Graf Rupert, unser Herr, und gingst an einem Abend
Spazieren, weit von Rossitz, ins Gebirg;
Nun denke dir, du fändest plötzlich dort
Dein Kind, erschlagen, neben ihm zwei Männer
Mit blutgen Messern, Männer, sag ich dir
Aus Warwand. Wütend zögst du drauf das Schwert
Und machtst sie beide nieder.

Jeronimus.                                     Tat Rupert das?

Kirchenvogt.
Der eine, Herr, blieb noch am Leben, und
Der hats gestanden.

Jeronimus.                     Gestanden?

Kirchenvogt.
Ja, Herr, er hats rein h'raus gestanden.

Jeronimus.                                                   Was
Hat er gestanden?

Kirchenvogt.                 Daß sein Herr Sylvester
Zum Morde ihn gedungen und bezahlt.

Jeronimus.
Hast dus gehört? Aus seinem Munde?

Kirchenvogt.                                             Herr,
Ich habs gehört aus seinem Munde, und die ganze
Gemeinde.

Jeronimus.       Höllisch ists! – Erzähls genau.
Sprich, wie gestand ers?

Kirchenvogt.                         Auf der Folter.

Jeronimus.                                                   Auf
Der Folter? Sag mir seine Worte.

Kirchenvogt.                                         Herr,
Die hab ich nicht genau gehöret, außer eins.
Denn ein Getümmel war auf unserm Markte,
Wo er gefoltert ward, daß man sein Brüllen
Kaum hören konnte.

Jeronimus.                       Außer eins, sprachst du;
Nenn mir das eine Wort, das du gehört.

Kirchenvogt.
Das eine Wort, Herr, war: Sylvester.

Jeronimus.
Sylvester! – – Nun, und was wars weiter?

Kirchenvogt.
Herr, weiter war es nichts. Denn bald darauf
Als ers gestanden hatt, verblich er.

Jeronimus.                                             So?
Und weiter weißt du nichts?

Kirchenvogt.                                 Herr, nichts.

(Jeronimus bleibt in Gedanken stehn.)

Ein Diener (tritt auf).                                         War nicht
Graf Rupert hier?

Jeronimus.                   Suchst du ihn? Ich geh mit dir.

(Alle ab. Ottokar und Johann treten von der andern Seite auf)

Ottokar.
Wie kamst du denn zu diesem Schleier? Er
Ists, ists wahrhaftig – Sprich – Und so in Tränen?
Warum denn so in Tränen? So erhitzt?
Hat dich die Mutter Gottes so begeistert,
Vor der du knietest?

Johann.                             Gnädger Herr – als ich
Vorbeiging an dem Bilde, riß es mich
Gewaltsam zu sich nieder. –

Ottokar.                                         Und der Schleier?
Wie kamst du denn zu diesem Schleier, sprich?

Johann.
Ich sag dir ja, ich fand ihn.

Ottokar.                                     Wo?

Johann.                                               Im Tale
Zum heilgen Kreuz.

Ottokar.                         Und kennst nicht die Person,
Die ihn verloren?

Johann.                         – Nein.

Ottokar.                                   Gut. Es tut nichts;
Ist einerlei. – Und weil er dir nichts nützet,
Nimm diesen Ring, und laß den Schleier mir.

Johann.
Den Schleier –? Gnädger Herr, was denkst du? Soll
Ich das Gefundene an dich verhandeln?

Ottokar.
Nun, wie du willst. Ich war dir immer gut,
Und wills dir schon so lohnen, wie dus wünschest.
(Er küßt ihn, und will gehen.)

Johann.
Mein bester Herr – O nicht – o nimm mir alles,
Mein Leben, wenn du willst. –

Ottokar.                                             Du bist ja seltsam.

Johann.
Du nähmst das Leben mir mit diesem Schleier.
Denn einer heiligen Reliquie gleich
Bewahrt er mir das Angedenken an
Den Augenblick, wo segensreich, heilbringend,
Ein Gott ins Leben mich, ins ewge führte.

Ottokar.
Wahrhaftig? – Also fandst du ihn wohl nicht?
Er ward dir wohl geschenkt? Ward er? Nun sprich.

Johann.
Fünf Wochen sinds – nein, morgen sinds fünf Wochen,
Als sein gesamt berittnes Jagdgefolge
Dein Vater in die Forsten führte. Gleich
Vom Platz, wie ein gekrümmtes Fischbein, flog
Das ganze Roßgewimmel ab ins Feld.
Mein Pferd, ein ungebändigt tückisches,
Von Hörnerklang, und Peitschenschall, und Hund-
Geklaff verwildert, eilt ein eilendes
Vorüber nach dem andern, streckt das Haupt
Vor deines Vaters Roß schon an der Spitze –
Gewaltig drück ich in die Zügel; doch,
Als hätts ein Sporn getroffen, nun erst greift
Es aus, und aus dem Zuge, wie der Pfeil
Aus seinem Bogen, fliegts dahin – Rechts um
In einer Wildbahn reiß ich es, bergan;
Und weil ich meinen Blicken auf dem Fuß
Muß folgen, eh ich, was ich sehe, wahr
Kann nehmen, stürz ich, Roß und Reiter, schon
Hinab in einen Strom. –

Ottokar.                                 Nun, Gott sei Dank,
Daß ich auf trocknem Land dich vor mir sehe.
Wer rettete dich denn?

Johann.                                 Wer, fragst du? Ach,
Daß ich mit einem Wort es nennen soll!
– Ich kanns dir nicht so sagen, wie ichs meine,
Es war ein nackend Mädchen.

Ottokar.
Wie? Nackend?

Johann.                     Strahlenrein, wie eine Göttin
Hervorgeht aus dem Bade. Zwar ich sah
Sie fliehend nur in ihrer Schöne – Denn
Als mir das Licht der Augen wiederkehrte,
Verhüllte sie sich. –

Ottokar.                           Nun?

Johann.                                     Ach, doch ein Engel
Schien sie, als sie verhüllt nun zu mir trat;
Denn das Geschäft der Engel tat sie, hob
Zuerst mich Hingesunknen – löste dann
Von Haupt und Nacken schnell den Schleier, mir
Das Blut, das strömende, zu stillen.

Ottokar.                                                     O
Du Glücklicher!

Johann.                     Still saß ich, rührte nicht ein Glied,
Wie eine Taub in Kindeshand.

Ottokar.                                           Und sprach sie nicht?

Johann.
Mit Tönen wie aus Glocken – fragte, stets
Geschäftig, wer ich sei? woher ich komme?
– Erschrak dann lebhaft, als sie hört', ich sei
Aus Rossitz.

Ottokar.               Wie? Warum denn das?

Johann.                                                       Gott weiß.
Doch hastig fördernd das Geschäft, ließ sie
Den Schleier mir, und schwand.

Ottokar.                                             Und sagte sie
Dir ihren Namen nicht?

Johann.                                 Dazu war sie
Durch Bitten nicht, nicht durch Beschwören zu
Bewegen.

Ottokar.           Nein, das tut sie nicht.

Johann.                                                 Wie? kennst
Du sie?

Ottokar.       Ob ich sie kenne? Glaubst du Tor,
Die Sonne scheine dir allein?

Johann.                                           Wie meinst
Du das? – Und kennst auch ihren Namen?

Ottokar.                                                           Nein,
Beruhge dich. Den sagt sie mir so wenig
Wie dir, und droht mit ihrem Zorne, wenn
Wir unbescheiden ihn erforschen sollten.
Drum laß uns tun, wie sie es will. Es sollen
Geheimnisse der Engel Menschen nicht
Ergründen. Laß – ja laß uns lieber, wie
Wir es mit Engeln tun, sie taufen. Möge
Die Ähnliche der Mutter Gottes auch
Maria heißen – uns nur, du verstehst;
Und nennst du im Gespräch mir diesen Namen,
So weiß ich wen du meinst. Ich habe lange
Mir einen solchen Freund gewünscht. Es sind
So wenig Seelen in dem Hause, die
Wie deine, zartbesaitet,
Vom Atem tönen.
Und weil uns nun der Schwur der Rache fort
Ins wilde Kriegsgetümmel treibt, so laß
Uns brüderlich zusammenhalten; kämpfe
Du stets an meiner Seite.

Johann.                                   – Gegen wen?

Ottokar.
Das fragst du hier an dieser Leiche? Gegen
Sylvesters frevelhaftes Haus.

Johann.                                           O Gott,
Laß ihn die Engellästrung nicht entgelten!

Ottokar.
Was? Bist du rasend?

Johann.                               Ottokar – Ich muß
Ein schreckliches Bekenntnis dir vollenden –
Es muß heraus aus dieser Brust – denn gleich
Den Geistern ohne Rast und Ruhe, die
Kein Sarg, kein Riegel, kein Gewölbe bändigt,
So mein Geheimnis. –

Ottokar.                             Du erschreckst mich, rede!

Johann.
Nur dir, nur dir darf ichs vertraun – Denn hier
Auf dieser Burg – mir kommt es vor, ich sei
In einem Götzentempel, sei, ein Christ,
Umringt von Wilden, die mit gräßlichen
Gebärden mich, den Haaresträubenden,
Zu ihrem blutgen Fratzenbilde reißen –
– Du hast ein menschliches Gesicht, zu dir,
Wie zu dem Weißen unter Mohren, wende
Ich mich – Denn niemand, bei Gefahr des Lebens,
Darf außer dir des Gottes Namen wissen,
Der mich entzückt. –

Ottokar.                           O Gott! – Doch meine Ahndung?

Johann.
Sie ist es.

Ottokar (erschrocken). Wer?

Johann.                                   Du hasts geahndet.

Ottokar.                                                               Was
Hab ich geahndet? Sagt ich denn ein Wort?
Kann ein Vermuten denn nicht trügen? Mienen
Sind schlechte Rätsel, die auf vieles passen,
Und übereilt hast du die Auflösung.
Nicht wahr, das Mädchen, dessen Schleier hier,
Ist Agnes nicht, nicht Agnes Schroffenstein?

Johann.
Ich sag dir ja, sie ist es.

Ottokar.                               O mein Gott!

Johann.
Als sie auf den Bericht, ich sei aus Rossitz,
Schnell fortging, folgt ich ihr von weitem
Bis Warwand fast, wo mirs ein Mann nicht einmal,
Nein zehenmal bekräftigte.

Ottokar.                                     O laß
An deiner Brust mich ruhn, mein lieber Freund.

(Er lehnt sich auf Johanns Schulter. Jeronimus tritt auf)

Jeronimus.                                                                 Ich soll
Mich sinngeändert vor dir zeigen, soll
Die schlechte Meinung dir benehmen, dir,
Wenns möglich, eine beßre abgewinnen,
– Gott weiß das ist ein peinliches Geschäft.
Laß gut sein, Ottokar. Du kannst mirs glauben,
Ich wußte nichts von allem, was geschehn.
(Pause; da Ottokar nicht aufsieht.)
Wenn dus nicht glaubst, ei nun, so laß es bleiben.
Ich hab nicht Lust mich vor dir weiß zu brennen.
Kannst dus verschmerzen, so mich zu verkennen,
Bei Gott so kann ich das verschmerzen.

Ottokar (zerstreut).
Was sagst du, Jeronimus?

Jeronimus.
Ich weiß, was dich so zäh macht in dem Argwohn.
's ist wahr, und niemals werd ichs leugnen, ja,
Ich hatt das Mädel mir zum Weib erkoren.
Doch eh ich je mit Mördern mich verschwägre,
Zerbreche mir die Henkershand das Wappen.

Ottokar (fällt Jeronimus plötzlich um den Hals).

Jeronimus.
Was ist dir, Ottokar? Was hat so plötzlich
Dich und so tief bewegt?

Ottokar.                                   Gib deine Hand,
Verziehn sei alles.

Jeronimus.                     – Tränen? Warum Tränen?

Ottokar.
Laß mich, ich muß hinaus ins Freie.

(Ottokar schnell ab; die andern folgen.)

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