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Die Familie Melville

Balduin Möllhausen: Die Familie Melville - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorBalduin Möllhausen
titleDie Familie Melville
publisherVerlag von Paul List
seriesIllustrierte Romane - Reisen und Abenteuer
volumeZehnter Band
illustratorOtto Meyer-Wegner
editorDietrich Theden
year1908
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created200701906
projectid1c48035a
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Erstes Kapitel.

Am Dardanell-Felsen.

Es war zu Beginn des amerikanischen Bürgerkrieges. Die ersten Schlachten, gleichsam Schulschlachten, waren zwischen den beiden sich wild aufrüttelnden mächtigen Gegnern mit wechselndem Glück geschlagen worden, und bis in die entferntesten Gebiete der Union hinein fanden Gefechte und Scharmützel von geringerer Bedeutung statt. Am entsetzlichsten wütete die Kriegsfurie in ihrem jähen Erwachen westlich vom Mississippi. Im Staate Missouri zeugten brennende Ortschaften, ausgeplünderte und verwüstete Farmen, kühne Guerilla- oder vielmehr Räuberbanden und obdachlose Flüchtlinge von einer Erbitterung und Erbarmungslosigkeit, wie sie eben nur in einem Bürgerkriege gezeitigt werden können.

Auf seiten des Nordens wie auf seiten der Rebellen fochten Indianerstämme. Die Tage des Unabhängigkeitskrieges der Union schienen zurückgekehrt zu sein. Sogar bereits halbzivilisierte Eingeborene griffen zum Skalpiermesser und huldigten altem barbarischem Brauch. Im Staate Arkansas stießen die Rebellen unter Cooper und die Cherokesen unter ihrem Häuptling Opoth-lei-hoho aufeinander. Bald in größeren Abteilungen, bald in kleineren Gruppen stellten sie sich gegenseitig nach. Wo die Übermacht auf seiten der Rebellen war, da glichen Scharfsinn und Verschlagenheit der braunen Krieger und Jäger das Mißverhältnis wieder aus.

Eine entscheidende Wirkung auf das Ganze war von dem Treiben dieser nur wenig zahlreichen Gegner allerdings nicht zu erwarten; wohl aber erhöhte es die Unsicherheit des von ihnen beherrschten Bodens.

 

Es war im Spätsommer des Jahres 1861, an dem Tage, an dem der Dardanellfelsen, ein Punkt etwa 150 englische Meilen oberhalb der Mündung des Arkansas in den Mississippi, als Marke für eine nächtliche Zusammenkunft galt!

Schäumend und wirbelreich wälzte der nach schweren Regengüssen geschwollene Arkansas seine jetzt beinahe ziegelfarbigen Fluten dem Vater der Flüsse, dem Mississippi, zu.

Es war ein wildes, unheimliches Tosen und Brausen; doppelt unheimlich unter dem Mantel einer stürmischen Nacht und in der wechselnden Beleuchtung des zeitweise zwischen jagendem Gewölk hervorlugenden Mondes.

In dem breiten Kamin des am Dardanellfelsen gelegenen, nur ein einziges Gemach umschließenden Fährhauses brannte seit langer Zeit zum ersten Male wieder ein mit Holz verschwenderisch genährtes Feuer. Unstet beleuchteten die in den schwarzen Schlot hineinschlagenden Flammen vier nackte Blockwände und zwei mit diesen gewissermaßen aus einem Stück bestehende rohgezimmerte leere Bettstellen. Außer einem elenden Tisch, zwei lahmen Schemeln und zwei Bänken waren keine Möbel sichtbar. Was nur irgend fortzuschaffen gewesen war, hatte der frühere Bewohner, sobald er sich dort nicht mehr sicher fühlte, mitgenommen, den eintreffenden Reisenden anheimgebend, ihren Übergang über den Strom bei der weiter westlich gelegenen Stadt Van Buren zu bewerkstelligen.

Zwei Gestalten saßen vor dem Kamin, die eines älteren, bereits etwas ergrauten Mannes im hellblauen Soldatenmantel und entsprechender Kopfbedeckung, und eine junge Frau, die zum Schutz gegen das Unwetter einen roten Baschlick um Haupt und Hals geschlungen hatte. Beide trugen im Äußeren die unverkennbaren Spuren eines langen Rittes auf morastigen Wegen und unter einem regnerischen Himmel. Nur selten fielen einige Worte zwischen ihnen, und diese klangen wie beiläufige Bemerkungen.

Eine längere Pause des Schweigens war verronnen. Das Holz in dem Kamin knisterte und knackte unter dem verzehrenden Feuer und sandte dumpf polternd seine Flammen in den schadhaften Lehmschornstein hinein.

Da erscholl an der Außenseite der Kaminwand das Stampfen und Scharren eines Pferdehufes, dem mehrfaches Schnauben folgte.

»Die Tiere werden ungeduldig,« bemerkte der Mann, ohne die Blicke von dem Feuer abzuziehen, »kein Wunder bei diesem Wetter. Wir hätten einen günstigeren Tag wählen sollen.«

Die junge Frau warf das Haupt empor. Ihre Augen sprühten förmlich in feindseliger Erregung. Um den lieblichen Mund vertiefte sich dagegen der Leidenszug, indem sie antwortete: »Deinetwegen und um der Tiere willen wäre ein anderer Tag mir recht gewesen. Ich selbst aber hätte um keinen Preis die letzte Entscheidung auch nur um eine Stunde weiter hinausschieben mögen. Lange und schwer genug habe ich gelitten. Entweder alles oder nichts! Einen Mittelweg kenne ich nicht.«

Der Offizier wiegte billigend das Haupt. Auf seinem verwitterten Antlitz einten sich ein Anflug von Befriedigung und der Ausdruck fanatischer Entschlossenheit.

»Recht so,« sprach er finster in den Kamin hinein, »du bewährst dich als meine Tochter, als eine Melville, als ein echtes Kind deines südlichen Vaterlandes. Das soll dir und deinen Kindern gesegnet sein, wie auch immer alles enden mag.«

Er sah empor und rief laut: »Wigham!«

»Herr!« antwortete es von draußen herein.

Schwere Schritte wurden vernehmbar. Gleich darauf trat durch die offene Tür ein Mann, der in seinem blauen Militärmantel und dem wasserschweren Filzhut als Mittelding zwischen Soldat und Diener erschien.

»Die Pferde stehen doch unter ihren Decken?« fragte Melville halb über die Schulter.

»Zu Befehl, Kolonel, eingehüllt wie ein krankes Sechswochenkind,« erklärte der gelbhaarige, vierschrötige Bursche mit scharf ausgeprägtem irländischen Akzent.

»Gut, Wigham,« hieß es zurück, »es mag noch Stunden dauern, bevor wir von hier fort kommen. Bis dahin werden die Gäule nicht zugrunde gehen. Sage das den anderen und rate ihnen, die Augen offen zu halten. Dann begib dich nach der Fähre hinunter und erkundige dich, ob von der anderen Seite des Stromes her noch kein Signal erfolgte.« »Dem Kolonel zu Befehl,« versetzte Wigham, indem er sich der Türe zukehrte, worauf Vater und Tochter wieder in ihr finsteres Brüten versanken.

Wigham war nach dem Kamingiebel herumgeschritten, wo in geringer Entfernung eine auf starken Pfählen ruhende einfache Bedachung eine Art Schuppen bildete. Ein kleines Feuer brannte auf einer durch aufgetürmte Zweige gegen den Wind geschützten Stelle. Es beleuchtete unstet ein halbes Dutzend gesattelter und aufgezäumter Pferde, ferner drei blaumäntelige Soldaten, die sich mit ihren Tonpfeifen die Zeit verkürzten.

»Dauert's noch lange?« fragte der eine gedämpft, als Wigham herantrat. »Die Nacht mag darüber hingehen,« antwortete dieser mißvergnügt. »Beim heiligen Patrik, ich wartete lieber an jeder anderen Stelle, als gerade hier.«

»Weshalb?« fragte ein anderer.

»Bei Jesus,« flüsterte Wigham, und den feuchten Hut vom Haupte nehmend, strich er mit den gespreizten Fingern durch sein langes, wirres Kraushaar, »ich gehöre gerade nicht zu den Verzagten, allein wir befinden uns hier in dem Bereiche des verdammten Cherokesen Opoth-lei-hoho. Erhält der Wind von unserer Anwesenheit, so gebe ich keine Pfeife Tabak für unserer aller Leben, Mr. Stocton mit eingerechnet. Der streift Euch die Haut schneller vom Schädel, als Ihr eine Nuß knackt.«

»Zum Skalpieren gehören gemeinhin zwei,« spöttelte der Soldat, »nämlich einer, der's Messer hantiert, und einer, der stillehält. Und überall zugleich kann der schlaue Häuptling nicht sein. Gestern erst hörte ich, daß er vier Tagereisen von hier einige der Unsrigen abgefangen habe.«

»Ich will hoffen, daß der rothäutige Schurke etwas weniger schnell reiste, als die Nachricht, und die hat doch denselben Weg zurückgelegt,« versetzte Wigham nachdenklich. »Der Kolonel meint selber, Ihr möchtet die Augen offen halten. Ich soll zur Fähre hinunter, um auszukundschaften, wie's dort steht.«

Wigham hatte kaum die Hälfte des Weges nach der Fähre zurückgelegt, als ein Schatten vor die offene Türe hinglitt. Nach kurzem argwöhnischen Umherspähen trat ein hochgewachsener Mann geräuschlos auf die Schwelle, wo er abermals säumte, offenbar um sich mit der vor ihm liegenden Räumlichkeit vertraut zu machen.

Der flackernde Schein des Feuers streifte ihn nur teilweise, jedoch hinlänglich, um einen Indianer in ihm erkennen zu lassen. Sein braunes Antlitz charakterisierte eine eigentümliche, an Stumpfheit grenzende Ruhe.

Nachdem der geheimnisvolle Fremde sich von der Sicherheit der nächsten Umgebung überzeugt hatte, glitt er auf seinen nassen hirschledernen Schuhen mit einer Gewandtheit und Sicherheit in das Gemach hinein, daß die beiden in ihren Betrachtungen versunkenen Gestalten vor dem Kamin seine Annäherung selbst dann noch nicht merkten, als er schon auf Armeslänge hinter ihnen stand.

»Kolonel Melville,« hob er mit vorsichtig gedämpfter Stimme in fließendem, wenn auch etwas entstelltem Englisch an, »ich bin hier, um Ihnen einen guten Rat zu erteilen. Sie und die junge Lady da schweben in großer Gefahr, wenn Sie nicht vernünftig zu Werke gehen. Still,« fügte er dringend hinzu und legte die Hand flüchtig auf seine Lippen, als Melville und seine Tochter, die beim ersten Ton seiner Stimme aufgesprungen waren und sich ihm zugekehrt hatten, Miene machten, die Wachmannschaft herbeizurufen, »still; die draußen brauchen meine Botschaft nicht zuhören, oder sie mögen ebensogut wieder dahin gehen, woher sie gekommen sind.«

Der Kolonel beruhigte sich, wogegen seine Tochter den braunen Krieger fortgesetzt mißtrauisch, sogar ängstlich betrachtete.

»Wer seid Ihr und wer schickt Euch?« fragte der Offizier nach kurzem Sinnen, »ich vermute, Ihr gehört zu einem der getreuen Stämme, die sich dem für seine und ihre Freiheit kämpfenden Süden angeschlossen haben.«

»Wer ich bin, kümmert niemand, auch nicht, wer mich schickt und wem ich diene,« erwiderte der Indianer gleichmütig, »ich denke, Sie können zufrieden sein, wenn ich Sie warne –«

»Vor wem?« fiel Melville lebhaft ein, und er sandte seiner Tochter einen besorgten Blick zu.

»Ich habe nicht viel Zeit,« versetzte der Indianer spöttisch, »solange gefragt wird, kann ich nicht reden. Ohren und Mund arbeiten nicht gern zugleich. Wollen Sie mich hören, ist es gut; sonst kann ich gehen; mein Weg ist offen.«

»Das klingt vernünftig, Freund,« sprach der Kolonel nunmehr zuversichtlich, und nicht ohne Teilnahme betrachtete er die kriegerische Gestalt, »offenbart daher, was Euch hierher führt.«

»Warnen will ich Sie. Opoth-lei-hoho und seine Cherokesen weilen in der Nachbarschaft. Sie sind hier, um den Kapitän Stocton, den Mann der jungen Lady da, zu erwarten. Kapitän Stocton ist ein Freund Opoth-lei-hohos. Opoth-lei-hoho duldet nicht, daß seine Freunde verraten werden. Kolonel Melville brachte vier Soldaten hierher mit sich. Vier Soldaten warten unten bei der Fähre. Viermal vier und mehr halten sich im Walde verborgen. Kapitän Stocton kommt allein. Will man ihn verraten, verläßt kein Soldat diesen Wald lebendig.«

Sobald der Indianer schwieg, glitt ein Lächeln der Überlegenheit über Melvilles wettergebräunte Züge; dann sprach er in gehässigem Tone: »Ihr bekennt also, auf seiten der Unionisten zu stehen? Gut; niemand kann es Euch verwehren. Mich kann dagegen niemand zwingen, Euren Worten zu trauen. Erstens befindet der Cherokesen-Häuptling sich mehrere Tagereisen weit von hier, und ferner würde ich ihn nicht fürchten, wäre er mit seiner ganzen Bande zur Hand.«

Um den sich zuspitzenden Blick zu verheimlichen, senkte der Indianer die Lider träge über seine Augen und mit einem Anfluge von Spott erwiderte er: »Opoth-lei-hoho ist wie der Wind. Niemand sieht ihn, bevor er ihn fühlt. Seine Männer tun, was er ihnen anbefiehlt. Sagt er, die Cherokesen stehen zu den Nördlichen, so ist es gut. Die Cherokesen wollen in Frieden ihre Äcker bestellen und den Hirsch jagen. Die Südlichen sind Feinde der Cherokesen: sie haben um nichts den Krieg begonnen.«

»Was würdet Ihr sagen, wenn ich daraufhin meinen Leuten den Befehl erteilte, Euch als Feind zu behandeln und unschädlich zu machen?« fragte Melville gespannt.

»Es würde mit dreißig Kugeln beantwortet werden,« erklärte der Indianer ruhig.

»Wir sind also umstellt?«

»Umstellt, Kolonel Melville. Sie trauen mir nicht, ich traue keinem Südlichen. Geht Kapitän Stocton ungestört von hier fort, so erfährt kein Soldat, daß inzwischen die Büchse eines Cherokesen auf ihn gerichtet gewesen. Sie mögen ungestört hingehen, woher sie gekommen sind.«

»Wer behauptet, daß man Verrat gegen Kapitän Stocton plant?« fragte die junge Frau, die solange gespannt und mit wechselnden Empfindungen gelauscht hatte, nunmehr entschlossen. »Niemand behauptet es,« lautete die ruhige Antwort, »aber unter den Leuten des Kolonel Melville mag es einen Verräter geben, der ihm hinterrücks eine Kugel zusendet. Geschieht das, so mögen die Pferde ohne ihre Reiter heimkehren; das Weib des Kapitän Stocton dagegen soll die Gastfreundschaft der Cherokesen kennen lernen.«

Das Antlitz der jungen Frau erhielt eine noch bleichere Farbe, ohne indessen den eigentümlichen Ausdruck fanatischer Entschlossenheit zu verlieren.

»Ich bürge für seine Sicherheit,« sprach sie, und gewaltsam unterdrückte sie das Beben ihrer Stimme, »ich selbst würde ihn mit meinem Leben verteidigen. Eure Vorsicht ist daher überflüssig. Das hätte Kapitän Stocton selber wissen müssen.«

Der Cherokese lächelte geringschätzig.

»Kann die junge Lady eine Kugel zurückrufen, nachdem sie den Pistolenlauf verließ?« fragte er ruhig; »kann sie Stahl in Blei verwandeln, daß eine Messerspitze sich auf warmem Menschenfleisch umlegt? Nein. Ihre Bürgschaft ist nicht wert ein welkes Blatt. Geladene Büchsen sind eine bessere Bürgschaft. Aber auch ich rufe keine abgeschossene Kugel zurück; jede muß an ihr Ziel gehen.«

Ratlos sah die junge Frau auf ihren Vater. Dieser starrte einige Sekunden finster vor sich nieder und kehrte sich dem Indianer wieder zu.

»Gilt die Bürgschaft meiner Tochter nicht, so ist die meinige kaum mehr wert. Ich will indessen noch einmal den Befehl an meine Leute erteilen, daß derjenige, der Verrat an dem Kapitän Stocton begeht – und das könnte nur hinter meinem Rücken geschehen – sein Tun mit dem Leben büßt. Ich hoffe, dies Versprechen genügt Euch.«

»Es genügt, wenn Kapitän Stocton wohlbehalten von hier fortgeht,« antwortete der Indianer gelassen.

»Seine Sicherheit kann nur mein Wunsch sein,« versetzte der Kolonel kalt, »im übrigen hatte ich ihm mehr Mut zugetraut, mehr Zuversicht in das Wort eines Ehrenmannes. Nicht zum Zweck gegenseitiger feindlicher Angriffe ist diese Zusammenkunft verabredet worden. Es lag für ihn daher die Notwendigkeit nicht vor, hinter einer Rotte Eingeborener Schutz zu suchen.«

Der Cherokese zuckte die Achseln und erklärte geringschätzig: »Kapitän Stocton ist ein Mann; einem furchtsamen Weibe würde Opoth-lei-hoho seinen Beistand nicht leihen. Kapitän Stocton weiß nicht, daß Opoth-lei-hoho ihn überwacht; er hätte es ihm verwehrt. Opoth-lei-hoho kennt seine Freunde, kennt seine Feinde; er weiß, wem er trauen darf,«

»Zum Henker mit Eurem ewigen Opoth-lei-hoho,« versetzte der Kolonel ungeduldig, »er ist kein Gott, daß er einen freien Mann zu etwas zwingen dürfte.«

»Kennt der Kolonel Melville den Cherokesen-Häuptling?« fragte der braune Krieger.

»Leider sah ich ihn nie, hoffe aber, über kurz oder lang einem Manne zu begegnen, der in kindischer Verblendung wähnt, mit einer Handvoll Jäger dem Süden Abbruch tun zu können. Vielleicht vergeht ihm dann die Kriegslust.«

»Sie vergeht ihm nicht, Kolonel,« nahm der Cherokese wieder das Wort, und schärfer prägte sich Spott in seinen braunen Zügen aus, »an Mut fehlt es ihm ebenfalls nicht, oder er stände jetzt nicht vor dem Kolonel Melville.«

»Opoth-lei-hoho?« sprach der Kolonel erstaunt, indem er den sich nachlässig auf seine Büchse lehnenden Krieger ungläubig betrachtete.

»Opoth-lei-hoho,« bestätigte dieser, und den Büchsenkolben wieder unter seine Decke bergend, schritt er in zuversichtlicher Haltung zur Türe hinaus.

Erst nachdem er aus der nächsten Nachbarschaft verschwunden war, ohne die Aufmerksamkeit der Soldaten auf sich gezogen zu haben, kehrte der Kolonel sich seiner bestürzten Tochter zu.

»War es der verschlagene Häuptling selber,« sprach er zweifelnd, »so sind wir in der Tat umstellt. Unmittelbare Gefahr droht uns indessen nicht – wer möchte wagen, gegen meine Befehle zu handeln – aber ein eigentümliches Licht wirft es auf den Unionisten-Kapitän Stocton, daß er sich zum Freunde und Genossen wilder Eingeborener herabwürdigte.«

»Es kann nur geschehen sein, um die Zusammenkunft überhaupt zu ermöglichen,« versetzte die junge Frau noch immer heftig erregt, »ich kenne ihn; nach dieser Richtung hin trifft ihn kein Vorwurf; er ist zu stolz. Du hörtest, was der Häuptling sagte: Stocton ahnt nicht, daß ihn jemand überwacht.«

»Gleichviel,« erwiderte Melville düster, »meine Hoffnung, der Konföderation einen begabten Offizier, dir den Gatten und deinen Kindern ihren Vater zu erhalten, ist vernichtet. Hinge es von mir allein ab, so ließe ich sofort die Pferde vorführen –«

»Nein, Vater,« fiel Mrs. Stocton leidenschaftlich ein, »ich will ihn sehen, muß ihn sehen. Ein letztes Wort will ich an ihn richten, bleibt er auch dann noch ungerührt, so bin ich nicht verantwortlich für die Folgen, und ergebungsvoll beuge ich mich unter das Verhängnis. Aber des Häuptlings Worte klangen so zuversichtlich, zeugten von einer so genauen Kenntnis aller Vorgänge: sollte er nicht dennoch ausgekundschaftet haben, daß einer der Unsrigen in blindem Eifer oder im Auftrage eines weniger gewissenhaften Patrioten sich mit irgendeinem unheilvollen Plane trägt? Ich zittere bei dem Gedanken, daß die Zusammenkunft, zu der ich selbst ihn herbeirief, ihm zum Verderben gereichen könne,« und als hätte ein ihr vorschwebendes Schreckensbild sie erschüttert, ließ sie sich schwerfällig auf ihren Schemel nieder.

»Fürchte nichts,« beruhigte sie der Kolonel finster, »Möglichkeiten, wie sie deine Phantasie schafft, sind ausgeschlossen. Ich wäre ja entehrt, wenn – doch nein, meine Befehle lauteten unzweideutig; aber ich will sie erneuern, mag es immerhin überflüssig sein.«

Er schritt aus dem Gemach und nach dem Schuppen hinüber.

»Korporal!« rief Melville in den Schuppen hinein, »besteigen Sie Ihr Pferd und reiten Sie zum Nachtrab. Schärfen Sie den Leuten ein, daß der Kapitän Stocton unter meinem eigensten persönlichen Schutz stehe. Eine feindselige Handlung gegen ihn wäre gleichbedeutend mit einem Angriff auf mich oder meine Tochter selbst!«

»Dem Kolonel zu Befehl,« lautete die Antwort des Korporals, der aufgesprungen und neben sein Pferd hingetreten war. Er hatte die Decke vom Sattel genommen, als Melville streng hinzufügte:

»Raten Sie zur größten Wachsamkeit. Der Teufel traue dem listigen Cherokesen-Häuptling, Er kann ebenso gut in der Nachbarschaft, wie auf jeder anderen Stelle lauern. Was sich auch ereignen mag, es wird nicht angegriffen. Kein Schuß darf, vor einem unzweifelhaften feindlichen Angriff abgegeben werden.«

»Zu Befehl,« wiederholte der Korporal, indem er sein Pferd aus dem Schuppten führte, und gleich darauf trabte er davon.

»Es ist nichts mehr zu befürchten, selbst wenn der braune Schurke die Wahrheit gesprochen haben sollte,« begann Melville, als er wieder neben seiner Tochter vor dem Kamin Platz genommen hatte, »Fasse also Mut; zeige dich auch fernerhin als eine würdige Tochter des Südens, die nicht schwankt, sogar ihr Herz auf den Altar des Vaterlandes niederzulegen.«

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