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Die Familie Buchholz

Julius Stinde: Die Familie Buchholz - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorJulius Stinde
titleDie Familie Buchholz
publisherBertelsmann-Lesering
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidf2e06528
created20070128
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Der Weihnachtsmarkt

Zu den vielen ausgesuchtesten Rätseln der Natur gehören, wie man so um Michaelis herum jedesmal in den Zeitungen liest, die Wandervögel, welche schon lange vor der Erfindung des Kompasses schnurgerade nach den fremden Ländern fliegen, und bei den Schwalben trifft es ja auch auf Datum und Stunde zu. Unerklärlich ist mir allerdings, daß sie sämtlich auf einmal abziehen, aber warum sie sich überhaupt aufmachen, das kann einem einigermaßen anschlägigen Kopfe keineswegs unergründlich sein: ... sie gehen der Annehmlichkeit nach, da der Mensch sich genau ebenso verhält. Im Frühling, sobald der erste erwärmende Sonntag lockt, wandert er in die Umgebung, am Karfreitag muß er nach dem Spandauer Bock, Pfingsten wandert er in den Grunewald, ein andermal wandert er nach Stralau oder Treptow, und sobald das Eis hält, ist die Rousseau-Insel im Tiergarten sein Wanderziel. Das liegt ihm so von klein auf in den Geh-Organen. Kommt nun aber die Weihnachtszeit, dann halten ihn keine vier Pferde, dann zieht es ihn mit unerklärlicher Gewalt nach dem Weihnachtsmarkt. Genau ebenso kann man es sich mit den Wandervögeln denken, obgleich der Weihnachtsmarkt nicht ausschließliche Annehmlichkeiten bietet, zumal wenn ein Tauwetter dazwischenfährt und man einen Rand am Zeuge mitbringt, als wäre man von höherer Hand durch den Glitsch gezogen.

Wir hatten uns diesmal gemeinschaftlich mit Doktors, Onkel Fritz und Krauses verabredet, obgleich Doktoren wegen ihrer Praxis ziemlich unsichere Kantonisten sind, aber wir taten es hauptsächlich um Krauses willen, die der Aufheiterung bedurften, denn ihr Eduard hat ihnen zu viel Verdruß bereitet. Kann es auch wohl etwas Bitterlicheres geben, als wenn der Vater, der doch selbst Lehrer ist, seinen eigenen Jungen zu einem anderen Kollegen schicken muß, damit er bei dem seine Schularbeiten macht, was Eduard zu Hause nie einfiel? I bewahre! Anstatt Lateinisch zu lernen, war er ausgerückt und hatte mit den Jungens Räuber und Soldat im Friedrichshain gespielt, oder war auf der Straße umhergestrolcht, und wenn er eingesperrt wurde, hatte er mit der Lampe gekokelt, daß es leicht hätte Brandstiftung geben können. Und wenn sie glaubten, daß er wirklich fleißig sei, weil er sich still und ruhig verhielt, dann hatte er einen heimlichen Robinson oder sonst ein Geschichtenbuch bei sich gehabt, und seine Aufgaben bestanden aus Fehlern und Tintenklecksen. Unbegreiflich war nur, daß die Mutter den Jungen immer noch in Schutz nahm. Wollte sie denn nicht sehen, daß er die ersten Kinderschuhe bereits ausgetreten hatte und kein Samtkittelchen und keine weißen Höschen mehr trug? »Es ist unrecht, das Kind mit so schweren Arbeiten zu quälen,« sagte sie, sogar wenn der Junge dabei war. Eduard brauchte nur gnauen, das Lateinische mache ihm Kopfweh, dann kajolierte sie ihn und sagte: »Papa wird dir einen Entschuldigungszettel schreiben, daß dir nicht ganz gut war, mein Engel,« worauf Edechen in den Wiegestuhl kroch und sich schunkelte, um die Zeit doch nur irgend womit zu vertreiben. Herr Krause durfte natürlich keine Einwendungen machen, denn sie hatte sofort die Überbürdung der Schuljugend auf dem Tapet, und er mußte schweigen wie ein schlecht geputzter Rekrut. Solche Jammerbolle von Mann!

Und so wäre es doch wer weiß wie lange geblieben, wenn die Range nicht Veranlassung zu einem großen Skandal gegeben hätte. Das kam nämlich so. Unmittelbar neben der Landsberger Straße befindet sich nämlich der Georgenkirchhof, wo sie Anlagen eingerichtet und Bänke hingestellt haben, auf denen alte Leute sitzen können und Gebrechliche, denen die Sonne in ihrem Stübchen vielleicht nur des Morgens einen kurzen Augenblick in das Fenster sieht, oder wenn sie auf der Schattenseite wohnen, auch das nicht einmal. An kleinem Volk fehlt es natürlich erst recht nicht, und es läßt sich kein hübscheres Gemälde denken, als wenn eine feine Trauung stattfindet und das junge Paar ganz gerührt aus der Kirche tritt, um mit den Spreewälder Ammen und Wärterinnen, welche sich neugierig mit dem Kindersegen auf dem Arme herandrängen, eine, wenn auch nur flüchtige, so doch verheißend auf die Zukunft deutende Gruppe zu bilden.

Bei solchen Ereignissen bleiben die größeren Kinder jedesmal ohne Aufsicht, und dies benutzte Krausens Eduard zu seiner Schandtat, indem er auf einen Sandhaufen, wo gerade die meisten buddelten, ein kleines Kienrußtönnchen hinpraktizierte, über dessen Erwerb auch noch ein dunkler Schleier schwebt. Nun halten ja Kinder leider Gottes alles für Spielzeug, was ihnen in die Hände fällt, es mag Kienruß darin sein oder sonstiges Schädliches, und es hatte richtig keine zehn Minuten gedauert, da haben die süßen Wesen sich eingerahmt wie die Mohren: Hände und Gesicht, und die Kleider alles voll, und was die weißen Schürzen waren und die Strümpfe, da ist nie wieder Grund hineingekommen. Bei der ersten Wäsche nun einmal ganz bestimmt nicht.

Aber die Nemesis hatte nicht geschlafen. Ein alter Mann, der sich ein bißchen auf einer Bank sonnte, hatte bemerkt, wie Eduard einen Gegenstand auf den Sandhaufen warf und sich dann hastig entfernte, aber weil die Brautkutsche gerade vorfuhr, achtete er nicht früher darauf, als bis das Unglück geschehen war und nichts weiter übrigblieb, als die kleinen Schweine nach Hause zu schaffen, was ohne Schelten und Schubsen und großes Geschrei nicht abgegangen ist. Der Mann hatte erzählt, was er gesehen, und da sie den Bengel sowieso auf dem Strich haben, wußten sie gleich Bescheid.

Nachher sind mehrere aufgeregte Mütter und auch einige laut redende Väter Herrn Krause auf die Bude gerückt und haben ihm das zuschandene Zeug zum Kauf angeboten, worauf er denn auch stellenweise, allerdings mit Widerstreben, eingegangen ist. Die halbe Landsberger Straße sprach noch längere Zeit von Eduards Hinterlist, und die Polizeileutnanten sagte mir, ihr Mann hätte gesagt, wenn ein Antrag eingebracht worden wäre, hätte es leicht kriminaliter werden können, aber der Alte hätte es noch eben rechtzeitig unter der Hand abgemacht. Freilich hat Herr Krause seit dieser Zeit strengere Saiten aufgezogen, aber was nützen die? Es sind ja doch nur Zwirnsfäden. –

Etwas Zerstreuung und Erheiterung war Krauses daher mehr als paßlich und eine Weihnachtswanderung ihnen sehr willkommen. Wir erwarteten sie zu um sechsen bei uns, wie verabredet worden war, aber sie kamen erst um halb sieben. Die Krausen entschuldigte sich damit, sie hätte bemerkt, daß ihr japanesisches Tablett weg wäre, und das hätte sie erst gesucht, ohne es jedoch finden zu können. Ich sagte, so etwas verkröche sich manchmal oder verstecke sich hinter ein Möbel, es würde sich schon morgen oder sonst gelegentlich wieder angeben. Es fand sich auch an, aber anders, als wir gedacht hatten, und, wie ich sagen muß, in niederschmettender Weise. Doch alles zu seiner Zeit. –

Wir zögerten nun nicht lange, als wir komplett waren, und wanderten dem Schloßplatz zu, denn da ist doch der Hauptmarkt, indessen wir kamen nur langsam vorwärts, teils wegen der Menschenmenge auf der Straße, teils wegen der Läden, die betrachtet werden sollten. Einer machte den anderen auf das aufmerksam, was ihm am besten gefiel. – »Nein, sieh bloß dies hier!« – »Oh, das möchte ich haben.« – »Seht doch nur, wie prachtvoll!« – Und so ging es in einer Tour. Mancher Laden überbot sich auch wirklich selbst. In einem hatten sie sogar eine stilvolle Burg aus lauter Pfefferkuchen aufgebaut mit gleichfalls stilvollen Pflaumenmännern als Ritter.

Und nun erst die Stoff- und Porzellangeschäfte, die Bronzeläden und Seidenwarenhandlungen: alle miteinander hatten sich geputzt, indem sie das Feinste zum Vorschein brachten. Es ist alles prunkhaft um diese Zeit, als wenn Illumination wäre, sämtliche Gasflammen und Lampen, die nur brennen können, haben sie im Gange, und was irgend glitzert und blänkert, liegt in den Schaufenstern aus: man kann eben nicht vorbeikommen. Da wird immer so viel von den Schätzen des Orients geredet und von den Bazaren, die sie dort haben. Was will das sagen? Vor Weihnachten ist das ganze Berlin mit seinen stundenlangen, gasstrahlenden Straßen ein einziger, ungeheurer Bazar.

Zwischen all dieser neuen Pracht liegt der Weihnachtsmarkt, wie die gute alte Zeit. So war es damals, als meine Eltern mich das erstemal mitnahmen, und so ist es geblieben bis auf den heutigen Tag. Das sind dieselben schmalen, langen Budenreihen, dieselben Spielsachen liegen aus, die Verkäufer haben ebenso rotgefrorene Nasen und ebensolche warme Kappen auf wie damals, und die Kinder mit den Dreierschäfken, den Sägemännern, Waldteufeln, Hampelmännern und womit sie sonst ihr kleines Handelsgeschäftchen betreiben, haben noch ebensolche dünne Stimmen wie damals. Und wie balsamisch duften die dunklen Tannenbäume, von denen ganze Wälder umherstehen, dazu die maigrünen Pergamiten, aufgeputzt mit buntem Flitter und besteckt mit Lichtern. Und wie anheimelnd riecht es nach frischen Pfannkuchen und Schmalzgebackenem! Und die vielen Menschen, groß und klein, ergötzen sich, als hätten sie solche Herrlichkeiten nie zuvor gesehen, und bewundern aufs neue, was sie eigentlich doch schon kennen sollten. Die Spaßvögel kommen noch immer aus demselben Neste, sie sind rot und gelb und grün gemalt, mit einer Feder auf dem Kopf, und wenn an der Strippe gezogen wird, klappen sie ebenso zusammen wie in all den Jahren. Dazu wird immer noch gerufen: Vorne nickt er, hinten pickt er, nur einen Groschen der schöne Spaßvogel. Kaufen Sie, Madameken, es ist der letzte! Das klingt so vertraut, wie aus der fernen Jugendzeit. – Mein alter lieber Weihnachtsmarkt. –

Was von jeher einen unbeschreiblichen Eindruck auf mich machte, das ist das ernste, schweigende Königsschloß, welches wie ein Riese die Zwerggezelte des Marktes überragt. Da summt es von Menschengewirr, da schimmert es rötlich von Tausenden Lichtlein um das stille, dunkle Schloß herum, als wenn die kribbelnde, wibbelnde Gegenwart keinen geschützteren Platz finden könnte als bei der unverrückbaren Vergangenheit. – »So ist es auch,« bestätigte Herr Krause. »Wo das Volk früher zu den Opferfesten zusammenströmte, wurden die Burgen der Herrscher oder christliche Kirchen erbaut, und deshalb werden noch heute die Jahrmärkte an fast denselben Plätzen und Tagen abgehalten, an denen einst die heidnische Götzenfeier stattfand. Wer weiß, ob nicht gerade hier, wo wir jetzt gehen, zur Zeit der Wintersonnenwende Menschen geschlachtet wurden, während das Volk an der Stechbahn stand, ungefähr da, wo jetzt die sogenannte Radauecke des Weihnachtsmarktes ist, und zu den Göttern zeterte.« – »Herr Krause,« entgegnete ich, nachdem er sich ausgequasselt hatte, »ist Ihnen sonst auch wohl? Glauben Sie, daß ein preußischer König solche Zucht geduldet hätte, ... Menschenopfer und Tumult unter seinen Fenstern? Wozu wäre denn die Schloßwache da?« – »Erlauben Sie, dies alles geschah in der vorgeschichtlichen Zeit, als man noch kein Eisen kannte und sich der Steinmesser bediente.« – »Hier in Berlin?« – »Sicherlich ebensogut wie anderswo!« – »Wem wollen Sie das einbilden?« – »Sehen Sie sich doch die Steingeräte im Museum an, das sind handgreifliche Beweise.« – »Ich will zugeben, daß sie in Berlin vielleicht einmal mit Steinmessern gegessen haben, aber wenn schon, dann doch bloß aus Ulk.« – »Ich habe die vorgeschichtliche Forschung für mich.« – »Herr Krause, Sie sind Lehrer und müssen darum mehr wissen als andere Leute, aber ich will hoffen, daß Sie mit dieser Art Weltgeschichte aus Ihrer Schule bleiben.« – »Durchaus nicht, die Jugend muß mit den ersten Anfängen des Völkerlebens vertraut gemacht werden, wenn sie sich selbst und ihre Stellung als politisches Wesen begreifen soll.« – »Für mich fängt die Weltgeschichte mit dem großen Kurfürsten an und hört mit dem großen Friedrich noch lange nicht auf,« sagte ich, »und wenn jemand begreifen soll, was er als politisches Wesen ist, dann sagen Sie ihm nur, er sei ein Deutscher, der sein Vaterland und seinen Kaiser lieben müsse von ganzem Herzen. Und damit Punktum.« –

Aber was macht die Menschheit konfuse?... Die Überklugheit, und daran scheint Herr Krause auch zu leiden. –

Wir waren jedoch nicht auf den Markt gezogen, um zu streiten, sondern nützliche Sachen einzukaufen. Die Handelsleute wollen ihre Waren absetzen, deshalb kommen sie von nah und fern, und gerade für den Hausstand wird Brauchbares in großer Auswahl feilgeboten. Herr Krause kann sich meinetwegen mit Steinmessern behelfen, wenn es ihm Spaß macht. Wir verteilten uns daher und gingen an das Geschäftliche.

Derweile ich und Emmi eine Reibesatte einhandelten, die ihr so notgedrungen fehlt und die das Erbspüree, an dem der Doktor sich so gern donnerstags mit Eisbein labt, doch bedeutend erleichtert, ging Onkel Fritz an eine Bude und kaufte Honigkuchen mit Inschriften ein, um sie uns zu verehren, aber er hätte es lieber unterlassen sollen, denn auf meinem stand: »Olle, brumme nicht!« und auf Emmi ihrem: »Ewig will ich an dir kleben, Klacks!« Der Doktor steckte den ihm gespendeten errötend in den Paletot. »Fritz,« sagte ich mit einem Anhauch von Mißmut, »ich kann nicht behaupten, daß mir diese Zuckerguß-Poesie behagt.« – Dann kratze sie ab,« erwiderte er, »und lasse dir einen frischen Vers von Leuenfels darauf dichten. Dem Kuchen schadet das nicht.« – Er ist eben unverbesserlich.

Nun wollten wir noch nach der Breitenstraße und Rudolph Hertzogs Auslage betrachten, einmal weil sie das Glanzvollste ist, was man beaugenscheinigen kann, und zweitens, weil mein Karl einzelne Phantasie-Artikel für dies immense Geschäft liefert, die er extrafein weben läßt; aber so gut der Gedanke war, das Hinkommen hatte seine Schwierigkeit, denn solche Drängelbergerei wie an der Ecke vom Schloßplatz und der Breitenstraße gibt es nirgends. Aber wir kamen durch, weil der Berliner bei derartigem Festgedränge stets zur rechten Seite geht und nur der Fremdling gegen den Strom will, bis ihm einer zuruft: »Sie da, mit's Jesichte halten Sie sich rechts, sonst werden Ihnen die Plätteisen abjetreten!« Das hilft dann prompt.

Als wir frei aufatmen konnten und uns in unzerdrücktem Zustande wieder vorfanden, mußten wir eine lange Reihe von kleinen Verkäufern passieren. »Hier wird gekauft,« sagte Onkel Fritz, »Ich gebrauche allerlei, und ihr werdet auch gewiß in euerer Nachbarschaft Leute kennen, die wohl Kinder, aber sonst nichts übrig haben. Denkt nur nach.« – Und merkwürdig, jeder von uns konnte sich besinnen. Wie das Geschäft blühte, als wir alle miteinander in die Portemonaies griffen, das war vergnüglich. Onkel Fritz ramschte gleich ganze Reste, und ein Junge schrie: »Hurra, reeller Ausverkauf; wird meine Mutter aberscht kieken!« – Und fort rannte er. – Für die paar Nickel solche Freude!

Aber noch ein Junge rannte fort, und die Krausen stand da, mit einem japanesischen Tablett in der Hand, sprachlos und entsetzt, wie eine versteinerte Salzstange. Herr Krause rannte ebenfalls davon, hinter dem Ausreißer drein. »Liebe!« rief ich, »was ist Ihnen, was bedeutet das?« – »Unser Tablett,« stöhnte sie. »Oh, Eduard!« – Sie wankte. Onkel Fritz sprang ihr bei und gab ihr seinen Arm, indem er sagte: »Kommen Sie nur zu sich und nehmen Sie die Sache von der heiteren Seite.« Das tat sie aber nicht, sondern zog das Taschentuch und machte eine hysterische Szene.

Mittlerweile erschien Herr Krause wieder. »Er ist entwischt,« rief er zornig. – »Wer?« fragte ich. – »Eduard,« stieß er hervor, »der Junge! Zigarren hat er mir ausgeführt und verkauft sie hier auf dem Weihnachtsmarkt. Auch das Tablett hat er genommen, Löcher hineingebohrt ... Schnur durchgezogen ... sich umgehängt. Steht hier mitten zwischen den armen Kindern. Wie ich ihn erblicke und glaube, ich fasse ihn schon ... er den Kopf aus der Schlinge gezogen und fort. Die Polizei soll ihn verhaften.« – »Wie kannst du so unmenschlich sein?« fing nun die Krausen an, »komm, laß uns nach Hause gehen, er wird sich gewiß ängstigen.« – »Nein,« sagte Herr Krause, »ich bleibe, ich würde zu strenge mit ihm ins Gericht gehen. Morgen früh soll er seinen Lohn haben.« – »Du wirst ihn doch nicht schlagen?« jammerte die Krausen. – »Ich werde ihm verkünden,« erwiderte Herr Krause weicher, »daß er jeden Tag eine Strafarbeit zu liefern hat und,« fügte er mit wehmutsverquollener Stimme hinzu, »daß er nichts zu Weihnachten bekommt.« – »Aber doch einen Baum?« schrie sie. – »Keinen Baum,« seufzte Herr Krause.

»Wenn das Wort 'ne Brücke wäre, ich ginge nicht darüber, « flüsterte mein Karl mir zu. – »In drei Tagen ist alles vergessen,« antwortete ich, »er müßte meiner Meinung nach den Bengel so verbimsen, daß nur noch die Knopflöcher von seiner Jacke zu gebrauchen wären, sonst wird aus dem nie etwas Vernünftiges.« – Ich bin prinzipiell gegen jegliche Prügelstrafe, weil sie unaufgeklärt und inhuman ist, aber Keile muß sein. –

Für die Besichtigung der übrigen Weihnachtsherrlichkeiten, die aus den Fenstern der Läden leuchteten, war kein rechtes Interesse nach diesem Ereignis mehr vorhanden, und so folgten wir denn Onkel Fritz, der uns Revanchierens halber nach Dressel eingeladen hatte, da er in seiner eigenen Wohnung nicht auf Gegenseitigkeitsgesellschaften eingerichtet ist.

Wir hätten sehr amüsant zusammen sein können, wenn Krauses nicht in zu großer Zerknirschung gewesen wären: er mit den Zornfalten vor dem Kopf und sie mit dem verruinierten Tablett und ziemlich verweint. Onkel Fritz hatte mit Dresseln ein opulentes Abendbrot mit verschiedenen Seltenheiten abgekartet, die sich in die einfache bürgerliche Küche nicht hineinverirren. Er kann es ja, da sein Geschäft flotter geht als zu irgendeiner Zeit und er von Hause aus spendabel veranlagt ist.

Obwohl jedoch alles vorzüglich war, herrschte aus Schonung gegen Krauses ziemliche Stummheit an unserem Tische. Onkel Fritz konnte deshalb nicht umhin, auszurufen: »Herr Jott, sind wir vergnügt und haben es gar nicht nötig.« – »Das sagen Sie wohl,« erwiderte Herr Krause, »aber wenn Ihnen Ihr eigen Fleisch und Blut erstens den Skandal mit der Kienrußbüchse macht ...« – »Er hat nichts Arges dabei gedacht,« fiel seine Frau ihm ins Wort. – »So?« fragte Herr Krause, scharf wie Essigsprit. – »Du weißt doch, daß Eduard ganz ungewöhnlichen Anteil an fremden Völkern nimmt, ich kann wohl sagen, es kommt ihm kein Knabe seines Alters darin gleich, wie gut er alles von Kolumbus und Robinson behält ...« – »Aber Frau, was hat das mit dem Kienruß zu tun und den Kinderkleidern, die ich für schweres Geld einlösen mußte?« rief Herr Krause. – »Nun,« antwortete sie spitz, »mir hat er es gesagt, denn zu mir hat er Vertrauen, weil ich nicht heftig und gefühllos gegen ihn bin ... er wollte nämlich, daß die Kinder ein bißchen Ära Pequenna spielen sollten, wo doch die Schwarzen zu Hause sind ...«

Herr Krause sah seine Adelheid an, als wenn er fragen wollte: »Wen willst du damit wieder betimpeln?«, und sie schwieg verlegen. Onkel Fritz äußerste dagegen, es sei gewiß ein belustigendes Spiel, das voraussichtlich große Zukunft hätte, wenn es sich weniger schwarz einrichten ließe, und nannte Eduard ein kolossales Erfindungstalent. Dies nahm die Krausen nun übel. Ob man Zweifel in ihre Worte setzte? Beleidigen ließe sie sich nicht. Und hurr burr aufgestanden und weggewollt. Zu halten waren sie nicht länger, und unseren Segen hatten sie, als sie gingen.

Wir blieben noch. Herr Dressel, sehr elegant mit weißer Weste, überreichte uns Damen jeder einen reizenden Blumenstrauß und trug selbst Sorge, daß es nicht zu wenig Eis gab, Vanille- und Erdbeereis von unwiderstehlicher Kühle, und wir fanden unsere gute Laune bald wieder. Der Doktor schenkte mit liebenswürdiger Aufmerksamkeit ein und pellte mir eigenhändig eine Apfelsine ab. Wenn er will, ist er doch, bis auf die Donnerstage, recht angenehm.

Zum Schluß stießen wir darauf an, im nächsten Jahre wieder eine Weihnachtswanderung zu unternehmen, aber nur allein die Familie, und ich toastete: »Es ist wie mit den Wandervögeln, wenn die Zeit da ist, muß man mitmachen, ob man nun über das Meer zieht oder von der Landsberger Straße nach dem Schloßplatz oder nach Dressel Unter den Linden, das bleibt sich gleich. Auf die paar Kilometer mehr oder weniger kommt es nicht an, die Hauptsache ist die richtige Empfindung im menschlichen Busen!«

»Wilhelmine,« rief Onkel Fritz, »das hast du wieder einmal sehr schön gesagt. Wärst du ein Mann, ich ließe dich ganz gewiß in meinem Wahlkreise aufstellen.«

Darauf mußte denn noch einmal angestoßen werden.

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