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Die Familie Ammer ? Erste Abtheilung. Der Herrnhuter.

Ernst Willkomm: Die Familie Ammer ? Erste Abtheilung. Der Herrnhuter. - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Willkomm
year1855
firstpub1855
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Cie.
addressFrankfurt a. M.
titleDie Familie Ammer ? Erste Abtheilung. Der Herrnhuter.
created20100107
sendergerd.bouillon@t-online.de
noteUnter Verwendung der PDF-Version von hproding@sun.ac.za
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Erstes Buch.

Erstes Kapitel. Die Brüder.

Neben der kleinen weißgetünchten Kapelle am Kreuzwege standen zwei Schiebkarren mit Linnen beladen und durch einen Ueberzug von grauer ungebleichter Leinwand gegen Staub und Regen geschützt. Zur Seite sprudelte ein starker Quell, von unbehauenen Granitblöcken eingefaßt. Das helle Wasser rieselte als rascher, murmelnder Bach eine begrünte Bergbahn hinab, die weiter unten ein romantisches, mit allerhand Laub- und Fruchtbäumen bewachsenes Thal bildete. Zu beiden Seiten ordnungslos zerstreut wurden strohbedeckte Häuser eines ansehnlichen Dorfes sichtbar, in dessen Mitte aus hohen Ulmen und Linden eine Kirche sich erhob, deren eigenthümlich geformter Thurm schon erkennen ließ, daß hier katholische Christen wohnten.

In der Ferne schimmerte aus fruchtbarem und reich angebautem Thale das blitzende Silberband eines mittelgroßen Flusses, dessen Lauf man weithin zwischen üppigem Wiesengrün und Gebüsch verfolgen konnte. Ortschaften von verschiedener Größe breiteten sich in der Niederung aus und bedeckten zum Theil auch die Höhen des Flußthales. Ganz in der Tiefe, enger zusammengefaßt, lagerte ein kleines Landstädtchen, und über den bewaldeten Höhen des zur Linken sich verengenden Flußthales leuchteten die vergoldeten Kreuze eines Klosters.

Gegen Süden ward die Gegend gebirgig, die Aussicht aber von schwarzbewaldeten Bergzügen beengter. Wir befinden uns auf einem Stück deutscher Erde, wo vor zwei Jahrhunderten erbitterte Kämpfe stattfanden, nämlich auf der Grenzscheide zwischen Sachsen und Böhmen. Damals war alles Land in jener Gegend weit umher protestantisch, jetzt tauchen überall, mitten zwischen protestantischen Ortschaften die kupfergedeckten, eigenthümlich ausgeschweiften Thurmzinnen katholischer Gotteshäuser auf, eine Folge der Gegenreformation, welche nach der Schlacht am weißen Berge die siegreichen Krieger Kaiser Ferdinands II. mit eiserner Consequenz in Böhmen, Schlesien und den Lausitzen durchführten. Seit jenen denkwürdigen Tagen haben sich bis auf unsere Gegenwart in jenem Grenzlande, das größtentheils den Schauplatz unserer Erzählung bilden wird, mitten in der protestantischen Bevölkerung, eine Anzahl katholischer Enclaven erhalten.

Zwei junge Burschen von neunzehn und zwanzig Jahren saßen auf der Steineinfassung des Bergquells und verzehrten mit dem gesunden Appetit der Jugend große Stücke Schwarzbrod, die sie mit dem klaren kühlenden Quellwasser befeuchteten. Sie sahen kräftig aus und trugen die damals übliche einfache Kleidung der Landleute jener Gegend – kurze Beinkleider von schwarzem Sammet, eine Jacke von gestreiftem Kattun und niedrige, runde Schirmmützen. Als sie ihre frugale Mahlzeit beendigt hatten, klappten sie ihre Einschlagmesser zu, schöpften noch einen frischen Trunk aus der Quelle und weideten sich an dem heitern, erquickenden Landschaftsbilde, das vor ihnen lag. Vom nahen Dorfe herauf klang harmonisches Glockengeläut.

Die Katholischen müssen einen Feiertag haben, Fürchtegott, sagte der Aeltere der beiden Burschen zu seinem Bruder. Ich dachte mir's gleich, als ich das Marienbild in der Kapelle mit buntem Flitterwerk umsteckt und Niemand auf dem Felde beschäftigt sah. Ich möcht' schon wissen, wie die Leute hier und drüben in Böhmen bei ihren vielen Feiertagen mit der Feldarbeit zu Stande kommen.

Vermuthlich helfen ihnen die Heiligen, die sie so hoch in Ehren halten, versetzte Fürchtegott, eine spöttische Miene ziehend, denn er machte gern' über Alles seine Glossen und sein nur auf's Praktische gerichteter Sinn hielt wenig von Beten und Singen.

Irgendwo muß aber der Segen doch stecken, sagte Christlieb, denn wenn die katholischen Dörfer auch kein stattliches Aussehen haben, fehlt's ihren Bewohnern doch nirgends am Besten.

Auch nicht an Bettelleuten, fiel Fürchtegott ein. Frag' nur einmal herum auf Jahrmärkten und Kirchweihfesten, wo das viele Bettelvolk herkommt – die Musikanten gar nicht mitgerechnet – und ich will meine Pathengeschenke verlieren, wenn du unter zehn nicht mindestens acht findest, die anstatt »guten Tag« zu sagen, mit »Gelobt sei Jesus Christ!« dich grüßen.

Ja, 's ist ein rechtschaffener Plack, der, wenn man's recht bedenkt, gar nicht geduldet werden sollte.

Es sollte überhaupt vielerlei nicht geduldet werden und Manches nicht einmal geben, sprach Fürchtegott, sein Messer nochmals hervorholend und es heftig auf dem Granit wetzend.

Was ist denn dir nicht recht, Bruder?

Mir? I nu, ich habe schon eine gute Weile das Herumkutschiren mit dem Schiebebocke satt.

Geht uns 'was dabei ab?

Wenn auch nicht, es will mir doch nicht gefallen, weil's eigentlich für uns gar nicht mehr paßt.

Der Vater hat's auch gethan, sagte Christlieb, und es ist ihm dabei kein Stein aus der Krone gefallen. Willst du 'was Besseres sein?

Wir brauchen's nicht, und was Einer nicht braucht, das soll er lassen, erwiderte Fürchtegott. Sieh dich 'mal um unter den andern Webern, Bruder; wo findest du noch einen, der seine eigenen Söhne mit dem Schiebebocke fünf Meilen weit auf die Bleiche schickt?

Das mag sein; der Vater ist nun einmal nicht hochmüthig. Er selbst arbeitet von früh bis in die Nacht wie der Geringste, und es freut ihn, daß ihm Gott die Arbeit segnet.

Er ist der reichste Weber im Lande, sagte Fürchtegott, seine Mütze ärgerlich auf den Rasen werfend, und wir, seine Söhne, wir müssen uns auf den abscheulichen Waldwegen mit dem Schiebkarren abplacken, als wären wir die armseligsten Tagelöhner. Das weiß ich, kann ich erst einmal auf eigene Faust die Weberei treiben, so wird Nicht mehr gegangen – ich fahre.

Laß das gut sein, Bruder, versetzte Christlieb. Das Geschäft versteht der Vater, und hätte er's nicht zusammengehalten sein Lebtage, müßten wir wohl auch noch hinter'm Webstuhle sitzen und für Lohn den »Schützen« schieben.

Kommst du Sonntags auf den Tanzboden, so geht's Hänseln los, sagte Fürchtegott mürrisch, und wenn mich noch einmal Einer mit der einrädrigen Karrete aufzieht, wie letzthin, so gibt's eine richtige Schlägerei. Unserem Alten sollen dann die Augen nicht schlecht übergehen, wenn er die Kosten bezahlen muß.

Warum gehst du hin, erwiderte Christlieb. Gerne hat's weder Vater noch Mutter.

Ich bin und mag kein Duckmäuser sein, sagte Fürchtegott. Muß ich mich die ganze lange Woche hindurch plagen, ohne etwas Anderes davon zu haben, als hämische Gesichter und süßsaure Redensarten, so will ich mich wenigstens Sonntags lustig machen für meine paar Batzen. Ammer's Jüngster soll respectirt sein.

Das Gespräch der beiden Brüder ward jetzt durch den Hufschlag eines langsam trabenden Pferdes unterbrochen. Umhüllt von einer Wolke aufwirbelnden Staubes kam ein Reiter den Waldweg vom Gebirge her, der an der kleinen Kapelle die besuchte, nach Schlesien führende Straße kreuzte. In geringer Entfernung von dem Feldbrunnen zügelte der Reiter seinen Klepper, ritt im Schritt bis an die Kapelle und lüftete ein wenig den Hut, ob vor dem Muttergottesbilde oder um sich Kühlung zu verschaffen, war nicht zu errathen. Dabei bemerkte er die am Brunnen ausruhenden Brüder und die seitwärts stehenden, schwer beladenen Schiebkarren. Der Reiter hielt jetzt seinen nicht eben sehr feurigen Klepper vollends an und grüßte die Brüder ungemein freundlich.

Viel warm heute, liebe Brüder, sprach der Reiter, sich gewandt aus dem Sattel schwingend und das Pferd am Zügel haltend, indem er sich dem Feldquell näherte. Woher des Weges? Etwa aus dem Lauban'schen?

Dabei zog er aus der Tasche seines weiten braunen, sehr abgetragenen Rockes einen silbernen Becher, schöpfte Wasser aus dem Brunnen und schlürfte das erquickende Naß mit großem Behagen.

Grüß' Sie Gott, Herr Wimmer, erwiderten beide Brüder zugleich, die nachlässig hingeworfene Frage des Reiters beantwortend. Was suchen Sie denn hier an der Grenze?

Der Fremde schwenkte den Becher in der Luft aus und steckte ihn wieder zu sich. Ein zweideutiges Lächeln lief über sein hageres, fahlgelbes Gesicht, dessen tiefe Furchen und Runzeln ein innerlich vielbewegtes Leben verriethen.

Christenpflicht, liebe Brüder, versetzte Wimmer, dessen ganzes Benehmen den Herrnhuter nicht verleugnen konnte. Ein lieber Geschäftsfreund, mit dem ich schon so manches Jahr Gewinn und Verlust ehrlich getheilt habe, ist von einem böhmischen Handelsmanne arg betrogen worden, und da hab' ich unter der Hand gehorcht, was sich wohl thun lassen möchte, um den Schalk zu bestrafen. Glaubt mir, liebe Brüder, es ist jetzt eine böse Zeit! Die Unredlichkeit nimmt gar zu sehr überhand. Das Wort eines Mannes gilt nicht viel mehr als gar nichts. – Wie geht's dem Herrn Vater?

Christlieb gab darüber die nöthige Auskunft, da er den reichen Handelsherrn als einen Freund seines Vaters kannte. Wimmer hörte dem Bericht kopfschüttelnd zu, dann und wann seinen niedrigen breitkrämpigen Hut bald rechts, bald links, bald nach vorn, bald nach hinten schiebend, und mit seiner Reitgerte auf die blank gewichsten Stulpstiefeln schlagend.

Nun, wie ich sehe, sprach er, bleibt der Herr Vater noch immer seinen alten Grundsätzen treu. Die lieben Söhne müssen wacker die Hände rühren, mit wenigen Groschen in der Tasche in die Welt gehen und sich ihr Brod im Schweiße ihres Angesichtes verdienen, wie der Herr es geboten – ein richtiger Altlausitzer, wie sie alle Tage rarer werden, seit wir das neue Jahrhundert schreiben. Aber freilich, freilich – wie geht's der Frau Mutter? unterbrach er sich plötzlich, ein paar Mal hüstelnd. Doch immer frisch auf – wie? – Alert, wie vor zwanzig Jahren, als ich das erste Liebesmahl mit ihr theilte – wie?

Auch dieser Erkundigung genügte Christlieb, worauf der Herrnhuter fortfuhr:

Apropos, was ich sagen wollte. Wie viele Male des Jahres müßt ihr denn so brüderlich einträchtig, so kindlich gehorsam, wie's unter Geschwistern immer sein sollte, in die Bleiche fahren?

Wimmer wischte sich hierbei mit umgekehrter Hand eine Thräne der Rührung über das seltene Glück der Familie Ammer aus den Augen und lüftete den Hut, diesmal, wie es schien, wirklich vor dem Marienbilde in der Kapelle.

Es kommt darauf an, ob viel oder wenig Bestellungen einlaufen, versetzte Christlieb. Sie wissen, Herr Wimmer, daß unser Vater bloß auf feste Bestellungen arbeitet, nie auf Speculation. Er will nur Weber, nicht Kaufmann sein, und da ist's freilich nicht immer gleich. Durchschnittlich können wir aber doch annehmen, daß monatlich einmal die Bleiche von uns besucht wird.

Das weiß Gott und der heilige Nepomuk! fiel Fürchtegott ein. Und Sie mögen's glauben, Herr Wimmer, ist die Webe fertig, so müssen wir arme Teufel über Hals über Kopf fort, mag's nun Keulen schneien oder Ziegenböcke regnen.

Ja, ja, sagte lächelnd der Herrnhuter, ich kenne meinen liebwerthen Freund. 's ist, so zu sagen, ein grausam pünktlicher Mann. – Die Zeitungen lest ihr wohl nicht regelmäßig, liebe Brüder?

Meinen Sie's Wochenblatt? fragte Christlieb. Das können Sie Sonnabends Nachmittags zwischen zwei und drei allemal bei uns finden.

Und die wirklichen politischen Zeitungen? forschte Wimmer, beide Brüder immer mit halb gutmüthigem, halb hämischem Lächeln von der Seite anschielend.

Ist denn ein Wochenblatt keine wirkliche Zeitung? versetzte Christlieb ärgerlich. Es lesen's doch alle Rathsherren, auch ist's privilegirt, wie nur 'was Rechtes in Deutschland privilegirt sein kann.

Nein, lieber Bruder, ein Wochenblatt ist keine richtige Zeitung, sondern bloß eine schlecht nachgemachte, erwiderte Wimmer. Aber ich hätte mir's denken können – hätte mir's denken können, fügte er hinzu, abermals den Kopf schüttelnd, den Hut vom linken auf's rechte Ohr schiebend und die Stulpenstiefeln mit seiner Reitpeitsche klopfend. Es ist recht schade, daß ihr keine ordentliche Zeitung lest.

Fürchtegott ward ungeduldig. Ihn ärgerte das Heimlichthun des Herrnhuters und doch wollte er gern wissen, weßhalb der erfahrene Handelsmann ihre Unkenntniß der Zeitungen bedauerte.

Stehen denn so wichtige und ergötzliche Dinge in den Zeitungen, verehrter Herr Wimmer? fragte er, sein letztes Stück Schwarzbrod dem schnuppernden Pferde vorhaltend.

Der Herrnhuter ließ einen scharfen Blick auf den Neugierigen fallen und sagte mit seiner ewig lächelnden Miene und mit sanfter, milder Stimme:

Ergötzlich sind die Zeitungen selten, wichtig immer und ein Kauf- oder Geschäftsmann, liebe Brüder, kann eigentlich ohne sie gar kein vernünftiges Leben führen. – Ja, wenn euer Herr Vater speculativ wäre und nicht so eingefroren in tausend veraltete Gewohnheiten und Grundsätze, da ließe sich ein Geschäft machen, das leicht doppelten und dreifachen Gewinn abwerfen könnte.

Der Vater ist aber bloß Weber, bemerkte Fürchtegott.

Weber hin, Weber her, entgegnete der Herrnhuter, zu Geschäften gehört weiter nichts, als Geld und Verstand. Das Erste hat mein Freund Ammer, und zum Zweiten –

Nun – zum Zweiten? fragte Fürchtegott.

Würden sich, falls er selbst keine Lust zur Leitung des Geschäfts haben sollte, andere umsichtige Leute finden. Wie wär's zum Beispiel mit euch Beiden? Hätte Keiner Lust, den Schiebkarren mit der Schreibstube oder unter besonders günstigen Verhältnissen mit einem Schiffe zu vertauschen?

Auf der Stelle, Herr Wimmer, sagte Fürchtegott. Bringen Sie unsern Vater dazu, daß er Andere in die Bleiche schickt, und Sie sollen mit mir machen können, was Sie wollen.

Brav, brav, mein lieber Bruder, sprach Wimmer. Das hat Muth, das hat Unternehmungsgeist, das kann es zu 'was bringen in der Welt! – Wißt ihr, wo Amerika liegt?

Ein paar tausend Meilen über'm großen Wasser, versetzte Christlieb, dem diese Wendung des Gespräches nicht sonderlich gefiel. Ist wieder Krieg in Amerika?

O nein, sagte der Herrnhuter, kein Krieg, in dem sich die lieben Brüder mit den Waffen tödten, nur mit den Waffen des Geistes kämpft man dort, und die hohe, aber auch schwere Kunst, Speculation geheißen, gilt dort für die edelste und unschätzbarste aller Künste.

Kann uns das 'was nützen in der alten Welt? fragte Fürchtegott.

Wenn wir dreierlei Dinge haben, ja! Diese Dinge heißen: Geld, Muth und Handelsklugheit.

O wäre ich doch an Ihrer Stelle, Herr Wimmer, rief Fürchtegott aus, wie bald wollte ich mir die amerikanische Speculation, wie Sie sagen, zu Nutze machen.

Du wünschest dir etwas sehr Unkluges, lieber junger Bruder, erwiderte der Herrnhuter mit seinem stereotypen süßlichen Lächeln. Vielmehr möchte ich in deinem oder deines Bruders Alter stehen, und es sollte mir, so Gott meine Arbeit und mein Gebet segnen wollte, gewiß nicht fehlen!

Sie machen uns neugierig, Herr Wimmer, sprach Christlieb, der jetzt auch nicht mehr zweifeln konnte, daß der umsichtige Handelsherr, dessen Verbindungen mit Amerika schon längst kein Geheimniß mehr waren, irgend eine wichtige Unternehmung im Schilde führen möchte. Wir freilich können nichts thun, da wir weder mündig sind, noch eigenes Vermögen besitzen; wenn Sie aber wirklich glauben, es sei mittelst größerer Capitalien und Handelsklugheit ein bedeutender Vortheil zu erringen, so möchten wir Sie bitten, uns einige Winke zu geben. Vielleicht ließe sich der Vater unter der Hand doch zur Theilnahme bewegen.

Ja, Herr Wimmer, sprechen Sie, bat jetzt der lebhaftere Fürchtegott, und hat's eine haltbare Seite, so verlassen Sie sich auf uns.

Ich halt' es für ein offenbares Glück, daß ich euch so zufällig begegne, sagte Wimmer nach kurzem Ueberlegen. Manchmal ist der Zufall ein sichtbarer Wink des Schöpfers. Wißt denn, liebe Brüder, ein Weber, der sein Geschäft versteht, ist heut zu Tage der glücklichste Mensch, wenn er die Sache recht angreift. Sein Handwerk still vor sich hintreiben, mag ganz lobenswerth sein, allein es hilft nur langsam fort und führt zu einem sehr kleinen Ziel. Speculirt dagegen ein wohlhabender Weber, tritt er mit redlichen Freunden in Verbindung und versteht er zu rechter Zeit mit Vorsicht zu wagen, so muß er in kurzer Frist ein Millionär werden.

Ein Millionär! rief Fürchtegott. Bruder, das wäre gerade, was ich wünsche. Da hätte die verdammte Schiebekarrenreiterei ein Ende.

Ein paar zuverlässige sehr liebe Freunde in New-York und New-Orleans, mit denen ich schon seit Jahren in Verbindung stehe, fuhr Wimmer fort, haben mir im Vertrauen geschrieben, daß mit ächten Leinenwaaren in Amerika große Geschäfte zu machen sind. Leider bin ich nicht selbst Producent, ich muß mich auf Andere verlassen, kann nur in Verbindung mit Andern überseeische Geschäfte eingehen. Nun weiß ich aber aus Erfahrung, daß euer wackerer Herr Vater der zuverlässigste Mann unter der Sonne ist, die solideste Waare liefert und, wenn er's einmal mit der Speculation versuchen wollte, durch Vermehrung seiner Webstühle leicht eine große Menge Waare liefern könnte. Man rüstete ein eigenes Fahrzeug aus, befrachtete es mit eigenen Linnen, schickte es hinüber nach Amerika und verkaufte die Ladung dort um den doppelten Preis. Das gäbe schon ansehnliche Fonds, mit denen sich weitere Unternehmungen machen ließen, was dann eine feste Verbindung zur Folge hatte und zur Begründung eines überseeischen Handelshauses unter der Firma »Ammer und Söhne« unausbleiblich führen müßte. Wie gefällt euch der Vorschlag?

Herr Wimmer, versetzte Fürchtegott, ich will Ihnen auch einen Vorschlag machen. Besuchen Sie unsern Vater in einigen Tagen. Inzwischen wollen wir ihm die Sache vortragen. Daß er gleich darauf eingehen wird, glaube ich zwar nicht, indeß läßt er sich doch vielleicht bereden, und gelingt nur der erste Versuch, so findet sich wohl später die Lust von selbst.

Du scheinst mir ein kaufmännisches Genie zu sein, sagte der schlaue Herrnhuter. Ich finde, daß du Recht hast, und werde in nächster Woche bei meinem alten lieben Freunde vorsprechen. Seid inzwischen nicht unthätig, aber fein vorsichtig. Euer Vater ist ein wackerer, nur etwas allzu vorsichtiger, um nicht zu sagen argwöhnischer Mann. Er mag die Neuerungen nicht leiden, obwohl Handel und Wandel einzig und allein durch Neuerungen gedeihen können. Ueberlegt, was ich euch gesagt habe, und seid überzeugt, daß ich nur euer Bestes will. Den Schiebkarren können andere Leute in die Bleiche fahren. Junge Menschen von Kopf müssen die Feder in die Hand nehmen. Da lassen sich mit ein paar Worten, zu rechter Zeit geschrieben, Tausende gewinnen. – Nun Gott befohlen, liebe Brüder! Es ist jetzt Zeit, daß ihr euch wieder auf den Weg macht, wenn ihr noch vor Sonnenuntergang nach Hause kommen wollt.

Dann grüßte der Herrnhuter, schwang sich in den Sattel und trabte langsam den zum Thal führenden Weg hinunter in das Dorf. –

Fürchtegott war durch diese Unterredung mit dem klugen Handelsherrn sehr heiter gestimmt. Er ging singend nach seinem Schiebebocke und schob die schwere Last munter vor sich her. Christlieb folgte dem Bruder still und nachdenkend.

»Ammer und Söhne«, sagte Fürchtegott, das klingt prächtig. Ich wette, ehe zehn Jahre in's Land gehen, bewohnen wir einen Palast, sind Fabrikherren und berühmte Kaufleute in der alten und neuen Welt, und wer weiß, ob uns nicht die größten Potentaten Ordensbänder und Kreuze durch Couriere in's Haus schicken. Ich habe irgendwo einmal gelesen, daß ein Augsburger Leinweber, der, glaub' ich, Fugger hieß, mit dem deutschen Kaiser umging, als ob's sein Bruder wäre, ihm Millionen vorschoß zu seinen Kriegszügen, auf purem Golde speiste, den Ofen mit Zimmet heizte und zuletzt in den Reichsgrafenstand erhoben wurde. »Graf Ammer« müßte gar nicht schlecht klingen. Wenn wir Glück haben, Bruder, können wir's auch noch so weit bringen.

Christlieb ließ den sanguinischen Bruder schwärmen. Auch ihm behagte der Vorschlag des Herrnhuters, er besaß aber nicht genug Energie, um sich so leicht wie Fürchtegott über die tausend Schwierigkeiten hinwegsetzen zu können, die alle erst besiegt und überwunden werden mußten, um einem so groß angelegten Plane gedeihlichen Fortgang zu verschaffen. Indeß überschlug er im Stillen die mancherlei Vortheile, die aus einem solchen Unternehmen sich ergeben konnten, und schon die Aussicht, aus einem schlichten und unbekannten Weber dereinst ein Fabrikant zu werden, genügte den bescheidenen Ansprüchen, die der junge Mann an das Leben zu machen wagte.

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