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Die falsche Mutter Gottes

Ludwig Steub: Die falsche Mutter Gottes - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorLudwig Steub
booktitleDie schönsten Erzählungen
titleDie falsche Mutter Gottes
publisherAlbert Langen, München
printrunErstes bis fünftes Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid9ad311b1
created20070517
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Ludwig Steub

Die falsche Mutter Gottes

Oberbayerische Dorfgeschichte

1871

I.

(Der Ökonom Johannes Duldenhofer zu Grünau schreibt an Herrn Lorenz Rehböckel, Oberförster zu Markwartstein:)

Grünau, den 15. September l869.

Lieber Freund Laurentius!

Es geht jetzt schon in den Herbst hinein und da muß ich Dir doch zu wissen tun, daß ich Deinen Brief zu Ostern richtig erhalten habe. Also Oberförster bist Du worden und geheiratet hast Du auch! Hast Dir wohl Zeit gelassen, lieber Freund, mit der Oberförsterei und mit der Hochzeit! Um so süßer wird er Dir jetzt vorkommen, der neue Stand, der Ehestand nämlich, und auch die hohe Würde und das nahrhafte Einkommen, welches ja die Herren Oberförster haben sollen. Hast es längst verdient, behaupt' ich, eine brave Frau und eine hübsche Lebenszehrung, wobei ich mich Deiner Herzallerliebsten als Unbekannter schönstens empfohlen haben möchte.

Es muß schon lange her sein, daß ich Dir nimmer geschrieben habe, oder weißt Du's schon, daß ich bei der letzten Wahl in der hiesigen Gemeinde Ortsvorsteher geworden bin? Auch sonst bin ich ganz ordentlich vorwärts getrippelt in den guten Zeiten. Vor zwanzig Jahren habe ich als kleiner Bauernmaler allhier meinen verehlichten Lebenslauf angefangen, hab' aber standhaft gehaust und gespart und das kleine Anwesen nach und nach vergrößert und auf Anraten meines lieben Vetters, der schon ganz hoch in der Studi ist, schreib ich mich jetzt auf altgriechisch bereits Ökonom. In etlichen Jahren wär's möglich, daß ich mich wieder in die deutsche Muttersprache übersetze und dann wird, so Gott will, ein »Gutsbesitzer« herausspringen. Auch in der Familie selber geht's mir ganz gut. Meine liebe Frau, die ehemalige Lindenberger Burgel, läßt Dich und die Deinige herzlich grüßen und ist noch friedlich und freundlich wie vor und ehe. Und mein ältester Bue soll nach meinem erhabenen Beispiel ein Maler werden und lernt jetzt auf der Akademie in München und wird's hoffentlich weiter bringen als ich, und die zwei Mädeln gehen dahier in die Schule und lernen fleißig und wachsen sich ganz ordentlich aus.

Überhaupt hätten wir hier das schönste Leben in unserm Örtlein, wenn wir immer unter uns wären; sonderbar ist es nur, daß gerade die geistlichen Herren, die sonst die Engel des Friedens sein sollen, den Unfrieden und die Hetzereien hereinbringen. Du weißt schon, wie wir seit fünfzehn Jahren, seitdem der frühere Pfarrer von Erlbach, der brave Herr, verstorben ist, wie wir seitdem allezeit zu fechten gehabt haben, und ist mir gerade oft, als wenn der liebe Gott alle seine Gesalbten, die er sonst nirgends brauchen kann, zu uns herschickte, zu unserer Buß und Kasteiung.

Und so haben wir wieder eine schwere Geschichte erlebt mit unserem jetzigen Vikari, obgleich er ein weitschichtiger Vetter von mir ist, so daß wir sogar per du miteinander reden. Von unsern früheren Anständen, die wir wegen unserer Gesellschaft »zur Erheiterung« gehabt und wegen unserem Cäcilien-Verein und wegen unserem Liebhaber-Theater will ich jetzt ganz schweigen. Einmal hat er uns auch in den »Landboten« setzen lassen und da wirst Du's schon gelesen haben. Vielleicht hab' ich Dir aber die Geschichten schon erzählt, und wenn nicht, so erzähl' ich Dir alles, wenn wir wieder einmal zusammenkommen.

Jetzt merk' aber auf; jetzt kommt das Neueste. So was hat sich seit der berühmten Trompete in Es nicht wieder zugetragen!

Ich hoffe, Du erinnerst Dich noch an unsere Muttergottes mit den sieben Schmerzen, wie sie auf dem Hochaltar steht und immer so freundlich herunterschaut auf die Gemeinde. Die steht schon eine schöne Weile da droben, lieber Lorenz, nur daß niemand sagen kann, wie lang. Die ist einmal vor alten Zeiten den Innstrom aufwärts geschwommen in der Nacht und hat einen silbernen Glanz um sich geworfen und hat einen Schrei getan, worauf dann mehrere arme Hirten, welche in der Nähe ihre Schafe weideten, ehrfurchtsvoll hinzugetreten sind, sie aus dem Wasser gezogen, gewaschen, getrocknet und angebetet haben. Ein guter Glauben gehört freilich dazu, aber daran hat's bei uns ja nie gefehlt.

Das soll im Schwedenkrieg passiert sein, sagen die einen, aber die andern behaupten, noch ein gutes Stückel früher, zu einer Zeit, allwo wir leider zum großen Teil der lutheranischen Ketzerei verfallen waren, was eben die Mutter Gottes bewogen haben soll, nach Grünau zu schwimmen, sich bei uns häuslich niederzulassen und so besser acht zu geben, daß der falsche Glauben nicht noch mehr auseinandergeht. Die alte Hafnerin aber, die lebt und stirbt darauf, das Bild sei schon bald nach Christi Geburt dahergeschwommen und die Mutter Gottes sei lange Zeit die einzige Heilige und unsere Kirche die erste in der ganzen Gegend gewesen. Wer da Recht hat, weiß ich nicht, und indem wir in unserem Landgericht leider keinen Geschichtsschreiber haben und aus eigenen Mitteln auch keinen halten können, so müssen wir eben solche Sachen den anderweitigen Gelehrten überlassen.

So viel ist aber landeskundig, daß die Mutter Gottes schon allerhand Wunder gewirkt hat. Fehlt's im Kopf, im Magen, im Fuß, so verloben sich die Bauernleute, kaufen ein Wachsfigürlein oder lassen ein Bildlein malen und hängen es dann an den Altar. Seitdem der Steffelbauern Gretel ihr Geliebter untreu geworden ist, worauf ihr das Herz so weh getan, daß sie ein rosenrotes Herzel von Jungfernwachs geopfert, weswegen ihr die Mutter Gottes ihren Hansel wieder zugeführt hat, seitdem geht's auch wieder ganz stark mit den rosenroten Herzlein und sieht man so alle Quatember wieder ein neues aufgehängt, aber ganz insgeheim, denn wer ein solches Gebresten hat, der laßt's nicht gern wissen. Auch für's Vieh ist sie sehr gut, obgleich das sonst dem heiligen Sankt Leonhard seine Sach' ist, und hat ihr schon manche leidende Kuh und mancher kranke Ochs seine irdische Gesundheit zu verdanken gehabt, wie das die ausgestellten Wachsfigürlein deutlich ausweisen.

Jetzt war aber dem Vikari auf einmal die Mutter Gottes auch nicht mehr recht. Der Widerwillen hat freilich eine ganz besondere Ursache gehabt, und die will ich Dir jetzt gleich auseinandersetzen, lieber Lenzl, und gib nur acht – es kommt was Feines.

Im blauen Hering zu Dachsenbach, weißt wohl, war immer gut zehren. In einer halben Stunde geht man von uns über die Tiroler Grenze und dann steht gleich das saubre Wirtshaus da. Ist ein prächtiger Keller dabei und 's gibt allezeit guten Wein. Nicht zu vergessen, daß die jetzige Wirtin früher Pfarrerköchin gewesen ist, und was Speckknödel und Hirnpavesen betrifft, so steht keine auf über sie. Voriges Jahr haben sie auch eine Laube oder Salettel von Waldreben herrichten lassen im Garten draußen, daß man recht schön auf das Gebirge und den Groß-Venediger sieht; denn der Wirt ist ein unternehmender Mann, und weil man jetzt überall vom Fortschritt spricht, sagt er, so hat er für seinen Teil wenigstens ein Salettel erbauen wollen.

Hat auch nicht Unrecht gehabt, denn der Zuspruch macht sich immer besser und in dem Salettel kommen oft ganz noble Leute zusammen. Neulich hat gar der Herr Landrichter und der Dechant mit dem Wirt tarokt daselbst. Auch der Vikari ist seitdem alle Wochen etliche Male nach Dachsenbach gegangen zum Abendtrunk. Hat's ihm niemand übel genommen, denn der Spaziergang ist nicht weit und sehr angenehm, und der Venediger mit seinem weißen Schnee und der Tiroler Wein mit seinem roten Glanz – es ist schon der Mühe wert, daß man Einsicht davon nimmt.

Aber auf einmal war ein junges Frauenzimmer im blauen Hering angekommen, ein gar schönes Fräulein, ganz schwarz angezogen, aber blütenweiß und rosenrot im Gesicht und lange, blonde Haare hat sie auch. – Sind mehrere Bauern zu mir gekommen und haben mir erzählt, daß sie sie im Wald gesehen haben, oder auf dem Osterberg, wie sie zeichnet und malt. Und meine Frau ist ihr auch einmal auf der Wies' begegnet und ist voller Wunder heimgekommen. Die feine Gestalt, sagt sie, und das feine Gesicht und der schwarze Strohhut drüber, ja, man kann's nicht beschreiben, wie lieb sie ist. Und andere haben sie im Salettel gesehen, wie sie in der Zeitung liest oder ins Gebirg hineinschaut. Und einmal haben sie auch den Vikari gesehen, wie er bei ihr im Salettel sitzt und wie sie miteinander reden.

Aber was jetzt die Leut' zu wispern angefangen haben! Vom Türkenkrieg könnte man nicht mehr ratschen, als von dem Salettel und vom Vikari und von dem Frauenzimmer. Und jeder hat wissen wollen, wer sie denn ist, und haben die Wirtin wohl dutzendmal gefragt. Aber die Wirtin hat sich den Namen nicht merken können, und so oft man sie gefragt hat, so oft hat sie ihn vergessen gehabt. Und so haben wir uns gar nicht zu helfen gewußt, bis zuletzt der neue Postexpeditor gesagt hat: einen Namen muß sie doch haben und so heißen wir sie halt die schöne Unbekannte.

Aber unser Postexpeditor – weißt ja, wie die jungen Leut' jetzt sind – das ist gar ein feiner. Der hat schon allerhand probiert und ist schon überall gewesen, bis in Amerika hinten, wo die unbekannten Länder angehen. Ein Stückel Geld hat er von seiner Mutter gehabt – der Thomahansen Wittib von Westerhamm, tröst' sie der liebe Gott! Da hat er aber – er sagt's ganz aufrichtig – da hat er sich gedenkt, der Bettel macht mich auch nicht reich und da schau ich mir lieber die Welt drum an, und ist auf und davon, fort und fort, über das große Weltmeer hinüber, und hat die fremden Sprachen gelernt und hat allerhand Handelschaft angefangen und hat viel Geld verdient und nachher, sagt er, hat er's Heimweh gekriegt und dasselbige Liedel vom Gamsbock und vom Stiegelspringen, das ist ihm nimmer aus dem Kopf, und so ist er auf einmal wieder dagewesen und hat's in München durchgesetzt und ist Postexpeditor worden bei uns. Und wer weiß, was noch aus ihm wird? Leicht möglich, daß er noch über uns alle weit hinauswachst – denn er weiß von allerhand Sachen und im Zeitungslesen ist er besonders stark. Und etliche scheckete Papierlen hat er auch mitbracht, so amerikanische; die sollen nicht übel sein und leicht mehr wert, als zehn- und elftausend Gulden. Und jetzt einmal ist er gern da, aber er sagt's ganz aufrichtig, daß er's nur probieren will, wie weit man's bei uns bringen kann, und wenn's nicht vorwärts geht, so geht er wieder ins Amerika. Sonst ist es aber ein ganz leutseliger Kund und hat ihn jedermann gern. Und mit den Reisenden auf der Eisenbahn hat er schon oft die fremden Sprachen gesprochen, so daß wir gar nichts verstanden haben.

Und in derselben Zeit – es möchte wohl um Pfingsten herum gewesen sein – da sitzen wir beim Abendtrunk beisammen, und sagt der Schneider-Peterl, der boshafte, der in der »Genovefa« den Golo spielt, der sagt: »Ja, ja, es muß halt doch was dran sein, an der schönen Unbekannten; jetzt ist sie schon über acht Tag da drüben im blauen Hering und traut sich fast niemand hin. Von Ihnen hätt' ich mir mehr erwartet, Herr Expeditor! Jetzt hockt der Vikari den ganzen Abend im Salettel. Etwas Konkurrenz, mein' ich, könnt' da auch nicht schaden.

Auf dies druckt der Expeditor ein Aug zu und sagt ganz pfiffig: »Versteh' dich schon, Peterl. Für was wäre man denn in Amerika gewesen. Ich mein' schon, daß ich dem Vikari gewachsen bin. Ich habe nur keine Zeit gehabt bis jetzt.«

Nu, wir diskurieren wieder von was anderem und hat mir gar nicht geschienen, als wenn die Sache eine Bedeutung haben sollte.

Aber, wie die jungen Leut' jetzt sind – kaum sieht der Postexpeditor am andern Tag den Vikari, wie der wieder nach Dachsenbach geht, so schließt er sich gleich an und geht richtig mit. Ob es dem Vikari grad ganz recht gewesen ist, das will ich nicht behaupten, aber sagen hat er auch nichts können und so sind sie halt miteinander gegangen.

So kommen sie also in den blauen Hering und setzen sich zusammen und schauen ins Gebirg' hinein. Bald kommt aber auch die schöne Unbekannte mit ihrem Malkasten vom Osterberg herunter und geht ins Salettel und sie grüßen einander und fangen einen Diskurs an. Da sagt die andere:

»Heute bin ich in Ihrer Kirche gewesen, Herr Vikar!«

»Ei was,« sagt der, »wie sind Sie denn da hineingekommen?«

»Nun,« sagt sie, »ich wollte doch einmal das freundliche Grünau besehen und den Tempel, in dem Sie Ihren Schäflein den Weg zum Himmel weisen.«

»Ja, weisen täte ich ihn schon, den Weg,« sagt er, »aber sie wollen ihn nicht gern gehen!«

»Das gute Beispiel könnte da wohl das meiste tun,« sagt der Expeditor.

»Aber wie hat Ihnen denn die Kirche gefallen?« sagt der Vikar.

»Je nun, ich bin vielleicht etwas unbescheiden – viel Schnörkelwerk und kein Geschmack!«

»Pst, pst,« sagt der Vikar. »Ich kann nichts dafür!«

»Aber das könnte so leicht anders werden; der Altar ließe sich ja so leicht renovieren. Das Nötigste wäre aber eine neue Mutter Gottes.«

»Ja freilich,« sagt der Vikar, »die alte hat mir nie recht gefallen und eine junge wäre mir auch viel lieber.«

»Ich habe nun eine wunderschöne Idee und die müssen Sie ausführen, lieber Herr Vikar, ja bitte, bitte! Ich werde sie Ihnen nachher gleich vortragen, aber zuerst muß ich Ihnen was aus unserer Familie erzählen. Vor drei Jahren nämlich ist unsere liebe Mutter gestorben und um Ostern starb auch der gute Papa, ein Maler in München; hat uns wenig hinterlassen, aber mir hat er doch ein bißchen malen gelernt und mein lieber Bruder ist Holzschnitzer und Bildhauer in der Stadt, jetzt freilich noch ein junger Anfänger. Und wie der gute Papa, unsere letzte Stütze, gestorben, hat mir das so weh getan und ich bin melancholisch geworden. Und da sagt mein Bruder, ich soll hinausgehen ins Gebirge und soll mich zerstreuen. Und so bin ich heraus aus der Stadt und zum ersten Male herein ins Gebirg, nach Dachsenbach, wo mir die freundlichen Wirtsleute empfohlen waren. Und hier bin ich sehr gerne und sehr fleißig und zeichne und male Landschaften und hoffe, sie werden schon einen Liebhaber finden, wenn sie einmal im Kunstverein ausgestellt sind. Nun aber die neue Mutter Gottes, die sollten Sie meinem Bruder anvertrauen. Ach, ich wäre ganz glückselig, wenn ich meinem lieben Brüderlein einen solchen Auftrag mitbringen könnte! Und der würde sich freuen, eine so schöne Arbeit herstellen zu dürfen und wurde Ihnen ein prächtiges Bild schicken mit den schönsten Farben und dem feinsten Gold. Und wenn man damit zufrieden wäre, so würde vielleicht bald der ganze Altar renoviert und dann würde man auch wieder an ihn denken. Und dann kämen Bestellungen von allen Seiten und sein Lebensglück wäre gemacht. Ach, das wäre herrlich! Und nun noch etwas – aber ganz im Vertrauen – mein lieber Bruder, ach, er hat mich gar so gerne und neulich hatte er die heilige Katharina zu schnitzen und da hat er mich abgezeichnet und ihr Gesicht danach geformt und so bin ich jetzt als heilige Katharina ins Unterland gekommen.«

»Schau,« sagt der Vikari, »das ist nicht übel, da könnten Sie ja als Mutter Gottes auch bei uns einrücken.«

»Ja, freilich, freilich – da hätten Sie immer ein Andenken an mich, lieber Herr Vikar, so lange Sie noch da sind.«

»Ja, das ist eine schöne Idee,« sagte der Vikari, »die gefällt mir schon.«

»Möchte aber doch zu einiger Vorsicht raten!« sagt aber der Expeditor.

»Nein, nein,« sagt sie, »die alte Mutter Gottes muß fort, sie ist wirklich zum Lachen.«

»Da ist nicht viel zum Lachen,« sagt der Expeditor.

»O doch!« sagt sie. »Betrachten Sie nur die steifen Locken, die krumme Nase, den schiefen Mund, die schielenden Augen!«

»Ja, ja,« sagt der Vikari, »und wenn man sie von hinten ansieht, hat sie auch einen kleinen Buckel.«

»Bei der Mutter Gottes,« sagt der Expeditor, »schaut der Bauer mehr aufs Herz, als aufs Gesicht.«

»Wie verstehen Sie das?« sagt sie.

»Ein garstiges altes Bild, das Wunder wirkt, ist ihm viel lieber, als ein schönes neues, das keine Kraft hat.«

»Kann denn die alte Kraft nicht in das neue Bild hineinfahren?« sagt sie.

»Nein, da fahrt sich nichts hinein!« sagt der Expeditor; »am alten Bild hängt die Wallfahrt, die viel Geld ins Dorf bringt, und in dem Punkt verstehen die Bauern keinen Spaß.«

»Also ist der Eigennutz die Quelle ihrer Frömmigkeit?« sagt sie.

»Diese Frage ist hier ganz überflüssig!« sagt er. »Jedenfalls gibt es ein großes Skandal, wenn die Gemeinde nicht gefragt wird, der Vorsteher und der Kirchenpfleger.«

»Ach ja, das ist richtig,« sagt sie. »Nun, lieber Herr Vikari, fragen Sie doch gleich den Vorsteher und den Kirchenpfleger.«

»Das geht nicht,« sagt der Vikari. »Die tun mir nichts zuliebe; die sind gar feindselig und boshaft.«

»Wenn man sie das ganze Jahr lang ärgert und plagt,« sagt der Expeditor, »so stehen sie allerdings nicht immer zu Befehl.«

»Ach, meine liebe, herrliche Idee!« sagt die schöne Unbekannte und läßt einen tiefen Seufzer ab.

»Ach was!« sagt der Vikari, »das bring ich schon durch; hab' andere Sachen auch schon durchgesetzt. Den Vorsteher und den Kirchenpfleger frag' ich nicht. Wenn die neue Mutter Gottes einmal auf dem Hochaltar steht, so reißen sie die auch nimmer runter. Wir haben genug alte Betschwestern im Dorf, die gerne ein paar Taler springen lassen; man darf ihnen nur nicht sagen, um was es geht. In acht Tagen habe ich schon so viel beisammen, daß es langt und dann fahren wir nach München und der Herr Bruder macht das neue Bild, und was das Gesicht betrifft, so werden wir nachher schon sehen, ob's gut getroffen ist oder nicht.«

»Ja, das würden wir freilich sehen,« sagt der Expeditor. »Aber ich protestiere doch!«

»Herr Expeditor,« sagt da die schöne Unbekannte, »Sie fangen an, etwas lästig zu werden. Der Herr Vikari ist jetzt im besten Zug und Sie wollen ihm stets wieder Angst machen. Wenn Sie keine Freude haben an unserer Idee, so wäre es vielleicht besser, Sie ließen uns die Sache allein besprechen.«

Nu, der Expeditor ist da halt auch etwas scharf worden und hat gesagt: »Die Vernunft wird den einfältigen Leuten freilich oft lästig. Übrigens will ich die süße Eintracht da nicht länger stören und empfehle mich bestens. Adie!«

Der Expeditor kommt also wieder zum Abendtrunk und hat sich gar nichts ankennen lassen. Kommt der Schneider-Peterl, der boshafte, auch und sagt: »Nu, heut haben wir's schon gemerkt, Herr Expeditor, wie Sie mit dem Vikari nach Dachsenbach gegangen sind. Muß ein schönes Kampfspiel gewesen sein! Haben Sie ihn schon ausgestochen bei der schönen Unbekannten, Herr Expeditor, oder wie steht's denn damit?«

Dem Expeditor ist die Frage freilich nicht recht gelegen gekommen, aber er hat sich doch zusammengenommen und hat gelacht und gesagt:

»Peterl, diesmal mußt mir schon einen kleinen Termin geben. Rom ist auch nicht in einem Tage erbaut worden und der Baum fällt nicht auf den ersten Hieb.«

»Schöne Sprüch',« sagt der Peterl, »ist mir gerade, als wenn ich sie schon einmal gehört hätte.«

»Na, Peterl, heut mußt dich schon vertrösten lassen!« sagt der Expeditor und bittet sich einen andern Diskurs aus und dreht sich und fragt den Schmied-Jörgel, den Kirchenpfleger, ob er schon lang keine Krammetsvögel mehr gefangen hat, wovon er ein großer Freund ist.

Wie aber der Abendtrunk geschlossen war, ist der Expeditor mit mir heimgegangen und hat mir alles erzählt, was sie im blauen Hering gesprochen haben. Und wie er mir's erzählt hat, so hab' ich Dir's jetzt geschrieben. Und die neue Mutter Gottes, sagt er, das ist eine dumme Geschichte; das geht nicht. Da würden die Bauern alle rebellisch und die ganze Eintracht wäre dahin. Die einen wären für den Vikari und die andern gegen ihn und da gäb' es Streitigkeiten im Wirtshaus und auf der Kegelbahn und beim Scheibenschießen und überall und da würde das Nest so langweilig, daß es keine Nachteule mehr aushalten könnte. Und das hat mich wahrhaftig geärgert, sagt er, daß die schöne Unbekannte sich nichts sagen läßt und daß sie sich so an den Vikari hinbändelt und daß sie mich so unfein hat abfahren lassen, wo ich's doch so gut gemeint habe. Aber ich krieg sie schon noch, alle zwei. – Und zuletzt sagt er: »Jetzt gib acht, Hansel, jetzt gibt's was. Ich hab' meine Sach' gesagt und sag' jetzt nichts mehr. Aber ich kann mir denken, was jetzt kommt. Halt dich nur ruhig, Hansel, nur ruhig und laß ihn machen.«

Und am andern Tag hab' ich schon gehört, daß der Vikari in den Häusern sammeln geht und den alten Weibern ihren letzten Notpfennig abdruckt und unter fünf oder sechs Kronentalern gar nicht aus dem Haus zu bringen ist. Die alte Hafnerin, die Betschwester, die hartherzige, soll ihm gar bei dreißig Gulden gegeben haben, und was er von der blinden Huzelbäuerin erwischt hat, das weiß man nicht. Was er ihnen alles vorgemacht hat, das weiß man auch nicht recht, aber von der neuen Mutter Gottes hat er nichts gesagt, das ist gewiß! Der alten Hafnerin, die alle Mohren katholisch machen möchte, der soll er vorgespiegelt haben, er wüßte ein paar Heidenkinder, die man loskaufen sollte, und der alten Huzelbäuerin, sagt die Oberdirn, hat er einen Büschel Stroh gezeigt, einen halbverfaulten, auf dem der heilige Vater gelegen sei, und hat sie um einen Peterspfennig angebettelt, daß man ihm einen neuen Strohsack kaufen könne. Und bald darauf ist er mit der schönen Unbekannten und mit all dem Geld nach München gereist und ist etliche Tage ausgeblieben.

Jetzt haben aber die Leute wieder zu wispern angefangen und haben gefragt, was denn der Vikari in München tut und wie er's denn hat mit der schönen Unbekannten und daß er gar niemanden was sagt und daß man nicht weiß, was geschieht. Und derweil ist auch schon allerhand gemunkelt worden von der neuen Mutter Gottes und etliche Guttäterinnen haben ihn gefragt, wie es denn stünde, und da hat er sie ausgelacht und den Schuster-Seppel, der ihn auch gefragt hat, hat er einen Ochsen und den Schmied-Jörgel, den Kirchenpfleger, einen Esel geheißen – nämlich zum ersten Male – aber wie sie ihn vor lauter Neugierde wieder gefragt haben, hat er den Schuster-Seppel einen Esel und den Schmied-Jörgel einen Ochsen geheißen, so daß sich keiner mehr ausgekannt und keiner recht gewußt hat, für was er sich halten darf. Aber das Gerede ist immer lauter geworden, daß die schöne Unbekannte unsere Mutter Gottes werden soll, und da haben sich die Weiber furchtbar drüber aufgehalten und haben den Vikari lästerlich verschimpft.

Was mich betrifft, so muß ich wirklich sagen, daß ich ihn nie angeredet habe, und der Expeditor hat es auch so eingerichtet, daß sie nie zusammen kommen sind. Aber beim Abendtrunk haben wir öfter gesprochen von der neuen Mutter Gottes und haben ausgemacht, daß wir sie nicht zulassen wollen. Lieber das größte Spektakel, haben wir gesagt, als daß uns der Vikari wieder hinterrücks so eine eigenmächtige Geschichte anrichtet. Und die schöne Unbekannte, die hat man lang nicht mehr gesehen; die ist wohl in München geblieben bis zuletzt; da ist sie wieder gekommen und ist wieder einmal zu Dachsenbach im Salettel gesessen.

2.

Und die Zeit vergeht, und so kommt Maria Geburt herbei, ein großes Fest, wie Du weißt, was hier gar feierlich gehalten wird, und da ist die Pfarrkirche bis um acht Uhr in der Früh verschlossen gewesen und haben mehrere hundert Leut' heraußen gewartet und wie der Mesner aufmacht und die Leute hineinläßt, da geht der Vikari grad im Meßgewand mit den Ministranten aus der Sakristei heraus und fangt das Hochamt an. Und wie wir alle in die Kirche hineinkommen, so sehen wir, daß oben über der Mutter Gottes ein rosenroter Vorhang hängt, über dem ganzen Bogen, in dem sie drinnen steht. Haben wir alle einander angeschaut, hat keiner gewußt, was das bedeutet, Und vorn auf dem samtenen Betstuhl, wo früher die Frau Gerichtshalterin selig gekniet ist, da kniet ein Frauenzimmer, schön angezogen, in schwarzem Seidengewand und ganz feierlich. Sie hat aber nicht umgeschaut und hat kein Mensch gewußt, wer sie ist. Und die ganze Kirche ist voll gewesen, lauter Bauernleute aus dem Tal und vom Berg und von der Alm.

Item, das Hochamt ist ganz schön vorübergegangen und der Vikari singt zuletzt sein » Ite missa est« und schaut die Gemeinde dabei an, wie es der Brauch ist, und dieweil er so singt, geht auf einmal der rosenrote Vorhang vor der Mutter Gottes hinauf und da sieht statt der alten die neue da – ganz frisch gemalt und vergoldet, mit der Krone auf dem Haupt, wahrhaftig wie die Himmelskönigin in ihrer größten Pracht, daß Du nicht leicht etwas Schöneres sehen kannst.

Was aber jetzt auf einmal für ein Wispern und Räuspern durch die Kirche gegangen ist, ja, ich könnt's Dir nicht sagen. Die alte Hafnerin aber, die geizige Betschwester, hat's am nötigsten gehabt und die hat die Händ' überm Kopf zusammengeschlagen und hat laut aufgeschrien: »Jesus, Maria und Joseph! wo ist mein Geld? wo sind meine Heidenkinder?

Aber der Vikari war darauf schon gefaßt und fangt vom Altar aus gleich eine Predigt an und streckt seine Arme auseinander und spricht ganz gemütlich:

»Geliebteste Brüder und Schwestern in Christo! Weil doch unserer lieben Mutter Gottes heute ihr Geburtstag ist, so habe ich geglaubt, daß man ihr eine kleine Freude machen sollte. Der heilige Sankt Niklas bringt ihr so nichts und auf Weihnachten kriegt sie auch kein Kletzenbrot und so habe ich mir gedacht, damit sie nicht ganz leer ausgeht und am Ende recht empfindlich wird, so könnte man sie heuer einmal wieder neu anmalen und vergolden lassen. Aber das alte Bild wäre so viel Auslagen nimmer wert gewesen und so ist denn lieber ein neues angeschafft worden, Und ich bin überzeugt, daß sie diese Ehrenbezeigung recht freundlich aufnimmt und uns auch fürderhin recht gnädig und barmherzig bleibt. Amen!«

Jetzt ist's aber kein Wispern mehr gewesen, sondern die ganze Kirche ist rebellisch worden und die Weiber und die Männer haben durcheinander geschrien und man hat sein eigenes Wort nicht mehr verstanden. Und jetzt sind sie alle nacheinander aus den Stühlen heraus und sind fürhin in den Chor und haben sich vor den Vikari hingestellt.

Und die alte Hafnerin stellt sich voran und schreit: »Ich bitt' ums Wort! Und wer weiß denn, ob's der Mutter Gottes so viel Freud' macht, wenn sie da von ihrem alten Platz verstoßen wird und kommt ein ganz fremdes Frauenzimmer hinauf!«

»Aber, liebe Hafnerin,« sagt da der Vikari, »die alte Mutter Gottes war ja ganz bresthaft und voller Schmutz und hätte die neue Vergoldung nicht mehr ausgehalten.«

»Was, voller Schmutz?« schreit die alte Hafnerin, »man hätte sie ja leicht waschen können!«

»Ich sag's ja,« schreit der Vikari, »sie hätte nichts mehr ausgehalten, sie war ja ganz wurmstichig!«

»Was wurmstichig?« schreit da der Schmied-Jörgel, der Kirchenpfleger, »sie hat ihre Wunder gewirkt, wie vor und ehe.«

»Passiert,« schreit der Vikari, »es ist schon seit längerer Zeit nicht mehr recht gegangen; man hat die Schwächen des Alters schon lang bemerkt – man hat nur nichts sagen wollen.«

Jetzt fangt der Expeditor auch an (der ist nämlich damals dem Vikari zu lieb gar schön in der Kirche gewesen, obwohl er sonst lieber draußen bleibt, hat auch seine beste Uniform angehabt) und der schreit ganz hochdeutsch: »Was? Schwächen des Alters? und jetzt, wo sie alt und gebrechlich, wenn's nämlich wahr ist, jetzt sollen wir sie vor die Türe setzen – das wäre undankbar, das wäre abscheulich!«

»Ja, undankbar, abscheulich!« schreien da alle miteinander und die alte Hafnerin schlägt in einem Trumm fort die Händ' überm Kopf zusammen. Das war ein Lärm, daß ich Dir's gar nicht beschreiben kann.

Jetzt nimmt sich der Vikari wieder zusammen und breitet seine Arme wieder aus, wie wenn er predigen wollte, und spricht:

»Liebe Brüder und Schwestern in Christo! Eure Anhänglichkeit und Verehrung für das alte Bild ist ja wirklich nur zu loben, aber die heiligen Bilder, welche doch nur aus irdischen Stoffen verfertigt werden –«

»Was? verfertigt?« schreit die alte Hafnerin. – »Ein gemachter Heiliger wirkt keine Wunder. Die wahren Mirakelbilder sind alle auf dem Wasser daher geschwommen, wie unsere Mutter Gottes, oder im Baum gewachsen, oder vom Himmel gefallen. Das sollten Sie schon wissen, Herr Vikari!«

»Sie gehen aber auch den Weg des Fleisches,« fährt der Vikari fort, »und sind der Vermoderung ausgesetzt, wie wir, sagt der heilige Augustin.«

Jetzt ist alles ganz still worden, denn an den heiligen Augustin hat sich keiner hingetraut, mit dem hat keiner streiten wollen; hat also einer den andern angeschaut, hat keiner mehr gewußt, was er sagen soll, als der Expeditor, und der schreit:

»Das glaub ich nicht! Mir ist kein Fall bekannt!«

Jetzt sind wieder alle lebendig worden und haben zusammen geschrien: »Das glauben wir auch nicht – das ist nicht wahr! Uns ist kein Fall bekannt!«

»Zum Beispiel,« fährt der Vikari fort, »das gnadenreiche Bild zu Altenötting, wer weiß es nicht, daß sein Inneres bereits von den Holzwürmern ganz ausgefressen und vermodert ist.«

»Aber Wunder wirkt's doch noch,« schreit der Vordermaier-Seppel, »oder nicht?«

»Liebe Brüder und Schwestern in Christo!« fangt der Vikari wieder an.

»Halt!« schreit der Expeditor, »Sie haben die Frage zu beantworten, ob das Gnadenbild zu Altenötting noch Wunder wirkt?« Auf diese Frage hätte der Vikari lieber nicht antworten mögen, aber zuletzt sagt er doch:

»Ich weiß es nicht gewiß!«

»Ich weiß es aber gewiß,« schreit der Schmied-Jörgel, »es hat erst den Holzhausern geholfen bei der Feuersbrunst und dem Vordermaier bei seinem Bandwurm und der Grampenmüllerin bei ihrem schweren Kindbett.«

»Freilich hat's geholfen!« schreien jetzt wieder alle zusammen, »den Holzhausern und dem Vordermaier und der Grampenmüllerin; das wissen wir ja alle!«

»Sie haben also,« spricht der Expeditor ganz feierlich, »Sie haben also ein schweres Unrecht begangen, Herr Vikarius! Sie haben ein altehrwürdiges Bild, das auf dem Wasser heraufgeschwommen ist, das in unserer Gemeinde schon viele Wunder gewirkt hat und nach unserem frommen Glauben noch viele wirken konnte, wie ein Ungläubiger verstoßen und ein anderes aufgestellt, welches kaum etliche Tage auf der Welt ist, noch nach der Ölfarbe riecht und nicht die mindeste Sicherheit bietet, daß es das alte und seine Wunderkraft ersetzen kann. Und wenn wir kein Gnadenbild mehr haben, kommen auch keine Wallfahrten mehr zu uns und wir verlieren wieder viele tausend Gulden jedes Jahr. Wer ersetzt uns den Schaden? Sie haben sich zu verantworten, Herr Vikari!«

»Ja, ja, den Schaden muß er gutmachen!« schreien da alle, am besten aber der Unterwirt mit seiner Bärenstimme, »und verantworten muß er sich auch.«

Da nimmt sich der Vikari abermals zusammen und breitet wieder die Arme aus und spricht:

»Geliebteste Brüder und Schwestern in Christo! Nehmt doch ein wenig Vernunft an!«

»Was? Vernunft annehmen?« schreit da der Schneider-Peterl, »hören wir's nicht alle Sonntag von der Kanzel, daß man in der Kirche keine Vernunft mehr braucht, und jetzt sollen wir sie auf einmal wieder annehmen!«

»Und bedenkt,« fährt der Vikari fort, »daß es doch nicht das Fichtenholz sein kann oder die Ölfarb oder die falsche Vergoldung, was die Wunder wirkt –.«

»Jesus, Maria und Joseph!« schreit da die alte Hafnerin, »das ist ja ganz lutherisch!« Und da schreien ihr wieder alle nach.

Aber der Vikari steht noch ganz unverzagt vor dem Altar und ruft mit seiner ganzen Stimme, die weiter nicht wenig ausgibt:

»Wenn ich mich verantworten soll, so muß ich auch sprechen dürfen, und wenn ihr, geliebteste Brüder und Schwestern, hinaufblicken wollt zu unserer gebenedeiten Fürbitterin, so werdet ihr finden und zugeben, daß diese schöne Gestalt, dieses himmlische Antlitz gewiß auch die Gläubigen herbeilocken werden, und wenn ein altersschwaches und wurmstichiges Bild Wunder wirken kann, so wird es ein junges und frisches wohl auch bald lernen, zumal wenn es so lieblich und fein ist, wie das da oben! Schaut sie nur einmal an, um Gottes willen!«

Auf dies haben alle wieder hinaufgeschaut zum Bild und haben gewispert zueinander. Und da dreht sich auf einmal das schwarzseidene Frauenzimmer um, weißt Du, wo ich Dir schon geschrieben habe, daß sie auf dem samtenen Betstuhl kniet, und das ist – – die schöne Unbekannte von Dachsenbach!

Und ich hab' ihr gleich angemerkt, daß sie während der Zeit schon etwas geweint hat wegen dem Skandal, das da ihretwegen ausgebrochen ist, und da wischt sie sich grad' die letzten Zähren ab und nimmt sich zusammen und sagt zu den Bauern, die ihr die Nächsten waren, aber ganz still, so daß es nur wenige verstanden haben: »Ich armes, hilfloses Mädchen! Das schöne Bild hätte wohl einen andern Empfang verdient! Wenn der Aufruhr nur nicht wieder losgeht!«

Und da schaut sie halbverweint die Bauern an, ja, so lieblich und so fein, daß ich Dir's nicht beschreiben kann, lieber Lorenz!

Und da sind die mehreren wirklich ganz mitleidig und friedlich worden und es hat ausgesehen, als wenn jetzt alles ein glückseliges Ende nehmen sollte.

Auf einmal aber schreit der Schneider-Peterl, der boshafte, der schreit:

»Aber wer ist denn die hölzerne Person da oben? Das ist ja gar nicht das Gesicht von der Mutter Gottes; so hat sie ihr Lebtag nicht ausgesehen! Das ist das Konterfei von der schönen Unbekannten, die alleweil zu Dachsenbach im Salettel hockt; da steht sie ja, kann sie jeder vergleichen.«

Jetzt hab' ich schon gemeint, ich muß ihn zerreißen, den Schneider-Peterl, den dalketen, denn jetzt ist's wieder losgegangen. »Jesus, Maria und Joseph!« – schreit die alte Hafnerin und schlagt die Hände überm Kopf zusammen; »sind wir denn Heiden worden über Nacht!« – Und die andern, die Bauern, die Grünauer, die Osterberger und die Westerhammer, fangen wieder an und schreien: »Die alte Mutter Gottes muß her! – 'naus mit dem Vikari und mit der falschen Mutter Gottes! – 'naus mit der seidenen Mamsell!« – Und die Westerhammer Burschen gehen jetzt auf die schöne Unbekannte los, und einer, der Lippen-Kaspar, nimmt sie schon beim Arm und sie schreit nach Hilf', wie eine arme Seel' im Fegefeuer; da steigt aber der Expeditor auf die Burschen zu, die eigentlich seine Landsleut' sind, weißt wohl, und reißt den ersten weg und ruft mit einem sakrischen Schneid und mit der stärksten Stimm': »Diese fremde Dame rührt keiner an; sie kann nichts dafür, daß sie der Mutter Gottes gleich sieht. Wäre nur zu wünschen, daß ihr auch was gleich sähet, ihr Lümmel, ihr einfältigen!« – Auf dieses haben sich die Burschen gleich wieder ans die andere Seite gezogen und jetzt hättest nur sehen sollen, lieber Laurentius, wie dankbar die schöne Unbekannte den Expeditor angeschaut und wie sie ihm in der Geschwindigkeit die Hand gedruckt hat. Auf der andern Seite aber sind die jungen Rüpel auf den Vikari zu und haben ihn wirklich vom Altar heruntergeschoben, so daß er kaum noch in den Chorstuhl hineingekommen ist, und da hat er eingesehen, daß er seine Sach' nicht durchbringt, und schaut mich bitterlich an und sagt: »Geh, Hansel, geh, hilf mir, lieber Vetter, hilf mir aus der Patsch!« und ich sag': »Ja, wenn du nachgibst!« Auf dies sagt er: »Mir ist alles recht – nur daß das Spektakel ein End nimmt!« Und der Expeditor schaut mich auch an und druckt ein Aug' ganz pfiffig zu und sagt: »Jetzt Hansel, jetzt ist's genug; jetzt geh' du voran und' sag einen schönen Spruch!« Und ich hab' mir denkt, man muß dem lieben Frieden auch was zulieb' tun und hab' allen Verdruß vergessen, den mir der Vikari schon gemacht hat, und so spring' ich auch gleich da hinauf, wo er vorher gestanden ist, und der Expeditor und der Schneider-Peterl und der Schmied-Jörgel schreien »Silentium« und auf einmal wird alles ganz mäusestill und ich fang also zu reden an und sag':

»Meine lieben Leute aus der Gemeinde von Berg und Tal! Alle Menschen sind sündhaft und unser hochwürdiger Herr Vikari hat halt auch einen Fehler begangen, indem er die hochzuverehrende Mutter Gottes, die schon so viele Wunder gewirkt, leichtsinnig verstoßen und eine andere hergebracht hat, die uns ganz fremd ist. Er sieht aber seinen Fehler jetzo ein und will gern nachgeben und ihn wieder gutmachen. Und damit die neue Mutter Gottes nicht beleidigt wird, wollen wir sie in der neuen Kapelle auf dem Friedhof aufrichten, wo sie niemand verdrängt, und die alte wird der Herr Vikari gleich wieder herstellen lassen. Und bis dies geschehen ist, danken wir jetzt dem lieben Gott, daß er uns wieder zum süßen Frieden verholfen hat und bitten den Herrn Vikari, daß er den Rosenkranz vorbetet, und nachher, liebe Leute von Berg und Tal, gehen wir zum Versöhnungsmahl nach Dachsenbach und beschließen die heutige Feier im blauen Hering bei einem guten Seidel Tiroler Wein.«

So hab' ich gesprochen! Und wie ich fertig war, ist ihnen alles recht und ist alles voller Freud' gewesen und haben alle geschrien: »Wir wollen ja nur das alte Bild und wir brauchen keinen Streit und keinen Unfrieden, und wie's der Vorsteher gesagt hat, so ist's recht.«

Und der Vikari war auch froh bis ins Herz hinein, daß es so gut ausgeht, und kniet sich gleich an den Altar und fangt den Rosenkranz an, und wir beten alle nach. Wer aber am andächtigsten gewesen ist, das war die schöne Unbekannte, denn die hat dein lieben Gott wohl danken dürfen, daß sie den Westerhammer Burschen wieder ausgekommen ist.

Und während der Zeit wir den Rosenkranz beten, fallt der rote Vorhang oben wieder herunter und der Mesner und seine Söhn', die schon beim Aufrichten dabei gewesen sind, die haben sich gleich darüber gemacht und haben die alte Mutter Gottes aus der Sakristei wieder herausgeholt, und der Aufzug und die Leiter sind auch noch gestanden, und so haben sie das neue Bild wieder heruntergelassen und das alte wieder hinaufgezogen. Und grad' wie wir mit dem Rosenkranz fertig sind, zieht der Mesner auch den roten Vorhang wieder auf und da steht die alte Mutter Gottes wieder an dem alten Ort und der Schneider-Peterl schreit ganz laut: »Vivat hoch die alte Mutter Gottes!« und wir schreien alle nach.

Und jetzt ist wieder alles vergessen und sind wir wieder alle ganz gut und freundlich gewesen mit dem Vikari; nur die alte Hafnerin ist voller Verdruß aus der Kirchen fort und hat in einem Trumm geschrien: »Um Gottes Christi willen, wo ist mein Geld? wo sind meine Heidenkinder?«

Und nun gehen wir gleich von der Kirche weg nach Dachsenbach, denn wir haben uns alle gefreut auf das Friedensmahl. Die schöne Unbekannte ist aber ganz weich und bleich gewesen von dem Hochamt und hat nicht recht mitwollen und hat meine Frau heimlich ersucht, ob sie nicht in Heimgarten kommen und bei ihr bleiben dürfte bis zum Abend. Sie hat gemeint, es möchte ihr gar zu laut werden im blauen Hering, aber der Expeditor ist auch daher gekommen, und hat ihr freundlich die Hand gegeben, und hat gesagt, sie soll doch ja mitgehen und er hätt' noch gar viel mit ihr zu reden, und meine Frau, die hat so Mitleid mit ihr gehabt und hat ihr wieder so gefallen und hätt' ihr so gerne eine gute Stund' vergunnt auf den Schrecken hinauf, so daß sie das Mädel gar nicht mehr ausgelassen hat und hat mit ihr gehen müssen zum Mahle. Und ich bin mit der Wirtin von Dachsenbach gegangen, denn die ist auch herüben gewesen, weil ihr das Fräulein heute früh schon gesagt hat, daß die neue Mutter Gottes aufzieht, und so sind wir miteinander gegangen und haben allweil geratscht von der schönen Unbekannten. Ja, ja, sagt die Wirtin, sie ist recht fleißig und still und friedlich und spielt gern mit den Kindern und tut keinem Menschen was zu leid und haben sie alle gern. Und was die dummen Bauern gewispert haben, sagt die Wirtin, weil sie etwa einmal mit dem Vikari im Salettel gesessen ist, das ist zum Lachen. Wenn sie was geredet haben zusammen, so haben sie von der Mutter Gottes geredet und von dem neuen Bild, und überhaupt ist sie die ordentlichste Person von der Welt.

Wie wir aber in den blauen Hering kommen, da hat der Expeditor schon hintelegraphiert gehabt und war schon alles aufgedeckt und haben grad' niedersitzen dürfen zu einem einfachen ländlichen Mahl mit Speckknödeln, Hirnpavesen und Gamsbraten. Und ich sag': »Die Hauptpersonen gehören zusammen, und mir als Vorsteher steht das Kommando zu,« und so setze ich den Vikari oben hinauf und neben ihn die schöne Unbekannte und neben die schöne Unbekannte den Expeditor in seiner schönen Uniform und auf der andern Seite bin ich gesessen und neben mir meine Frau und nachher der Schmied-Jörgel und so weiter. Den Schneidei-Peterl habe ich weiter hinuntergesetzt, weil er ihr gar so weh getan hat mit seiner dummen Red'. Er ist aber nachher schon heraufspaziert zur schönen Unbekannten und hat sie um Verzeihung ersucht, und sie ist recht freundlich mit ihm gewesen und hat ihm alles verziehen. Ja, sogar der Lippen-Kaspar ist hingegangen und hat ihr die Hand gegeben.

Aber was wir damals lustig gewesen sind, das könnt' ich Dir nit sagen, lieber Lenzl! Und ist nit lang' hergegangen, so haben's mit den Trinksprüchen angefangen und der Vikari hat einen ausgebracht auf die Eintracht in der Gemeinde – wird wohl am besten gedeihen, wenn er sie nicht selber wieder durcheinanderbringt – und der Schmied-Jörgel, der Kirchenpfleger, auf das Wohl der berühmten Wallfahrt und der Schneider-Peterl, der boshafte, hat getrunken auf die Aufklärung in Grünau und sofort nacheinander. Dem Schneider-Peterl sein Trinkspruch hat freilich nicht recht zum vordern gepaßt, aber den Bauern hat einer so gut gefallen wie der andere. Und nachher ist die Lehrer-Marie gekommen und hat ihre Zither mitgebracht und hat aufgespielt und die Westerhammer Burschen haben gar schön gesungen dazu. Ich und meine Frau haben aber am liebsten den Expeditor betrachtet und die schöne Unbekannte, und wie die miteinander umgehen. Und zuerst haben sie einander allerhand kleine verzuckerte Bosheiten gesagt und nachher mehr so feine zierliche Sachen und zuletzt hat man vor dem Singen und der Musik nichts mehr recht gehört. So viel ist aber sicher, daß sie immer zutraulicher worden sind und aus einmal stoßt mich meine Frau und da haben sie einander unter dem Tisch gar die Hand gegeben. Nu, denk' ich mir, das ist nicht übel – aber ehevor ich mir's recht ausdenkt hab', steht der Expeditor auf und spricht:

»Hochansehnliche Landsleute und Freunde! Seit mehreren Wochen ist mir's im Geiste vorgegangen, daß mir die alte Mutter Gottes von Grünau zu einer schönen jungen Frau verhelfen wird. Deswegen habe ich mich denn heute nach besten Kräften um sie angenommen, damit sie nicht von dem ehrenvollen Platz, den sie seit vielen Jahrhunderten einnimmt, verdrängt werde. Sie hat auch aus Dankbarkeit heute nachmittag schon wieder ein Wunder gewirkt, indem sie das Herz ihrer lieblichen Doppelgängerin so mild und hold gestimmt, daß ich Verzeihung erlangt habe für alles, was sie früher etwa verdrossen haben mochte. Sie ist übrigens nicht mehr die schöne Unbekannte und hat es auch nie sein wollen. Ihr Name ist nur bisher nicht bekannt geworden, weil ihn die gute Frau Wirtin von Dachsenbach, welche wir heute auch in unserem Kreise sehen, immer wieder vergessen hat, da er so schwer zu merken ist. Das Fräulein nennt sich nämlich Marie Müller und ist aus einer sehr braven Familie der Haupt- und Residenzstadt München. Übrigens haben wir uns soeben entschlossen, in drei Wochen hier unsere Hochzeit zu halten, wozu ihr alle freundlich eingeladen seid. Ich aber beschließe meinen Spruch, indem ich euch liebe Landsleute und Freunde, hiemit vorschlage, meiner holdseligen Braut ein herzliches Lebehoch auszubringen.«

Kannst Dir denken, lieber Lenzl, wie wir da geschrien haben, und mich wundert heute noch, daß das Haus nicht eingefallen ist. Und den größten Spaß haben wir mit der Wirtin von Dachsenbach gehabt und was die ausgelacht worden ist, nein, ich könnte Dir's wirklich nicht beschreiben. Und so ist's fortgegangen, ja, wie noch einmal im ewigen Leben, bis in die Nacht hinein, und nachher sind wir im schönsten Mondenschein unter lauter Gesang wieder heimgewandert und haben den Vikari und den Expeditor begleitet bis an ihre Wohnung. Und ich muß schon sagen, seit zwanzig Jahren ist's in der Gemein nicht mehr so lustig zugegangen, wie heuer auf Maria Geburt.

So, lieber Freund, das habe ich Dir jetzt zusammengeschrieben, damit Du doch auch weißt, wie es bei uns zugeht. Mich reut aber die Zeit nicht, wenn Du die gute Lehr' daraus ziehst, daß Du bald wieder herüberkommen mußt in Deine alte Heimat, und die beste Gelegenheit wäre dem Expeditor seine Hochzeit. Und weil er Dich auch gar gern kennenlernen möchte, so hat er mir aufgetragen, Dich herzlich dazu einzuladen, und indem ich dies tue, bleibe ich Dein alter getreuer Freund

Johannes Duldenhofer, Ortsvorsteher zu Grünau.








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