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Die falsche Geliebte

Honoré de Balzac: Die falsche Geliebte - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorHonoré de Balzac
titleDie falsche Geliebte
publisherDiogenes
year1977
isbn3257204450
translatorOppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080711
modified20171219
projectid61a61b23
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Ideale Liebe und Verlangen, beide ebenso mächtig wie Dankbarkeit und Freundschaft, kämpften miteinander, und die Liebe trug für einen Augenblick den Sieg davon. Der arme bewundernswerte Liebhaber wollte auch seinen guten Tag haben! Paz wurde geistreich, wollte gefallen und erzählte in großen Zügen den polnischen Aufstand, als der Diplomat ihn um eine Aufklärung bat. Nun sah Paz, es war beim Nachtisch, wie Clémentine an seinen Lippen hing, ihn für einen Helden hielt und vergaß, daß Adam ein Drittel seines Riesenvermögens geopfert und die Leiden der Verbannung in Kauf genommen hatte. Um neun Uhr, nach dem Kaffee, gab Frau von Sérizy ihrer Nichte einen Kuß auf die Stirn, drückte ihr die Hand und nötigte Graf Adam mitzugehen. Der Marquis du Rouvre und Herr von Ronquerolles blieben noch zehn Minuten und gingen dann gleichfalls. Paz und Clémentine blieben allein.

»Ich will Sie verlassen, Gräfin,« sagte Thaddäus, »denn Sie werden zu den andern in die Oper fahren.«

»Nein,« entgegnete sie, »das Ballett macht mir keinen Spaß. Außerdem wird heute ein scheußliches Ballett gegeben: ›Der Aufruhr im Serail‹.«

Einen Augenblick herrschte Stille.

»Vor zwei Jahren wäre Adam nicht ohne mich gegangen,« fuhr sie fort, ohne Paz anzublicken.

»Er liebt Sie wahnsinnig« . . . versetzte Thaddäus.

»Nun, weil er mich wahnsinnig liebt, wird er mich morgen vielleicht nicht mehr lieben!« rief die Gräfin aus.

»Die Pariserinnen sind unerklärlich,« bemerkte Thaddäus. »Liebt man sie wahnsinnig, so wollen sie verständig geliebt werden, und liebt man sie verständig, so bekommt man den Vorwurf, man verstände nichts von Liebe.«

»Und doch haben sie stets recht, Thaddäus,« lächelte die Gräfin. »Ich kenne Adam gut und grolle ihm nicht. Er ist leichtsinnig und vor allem ein großer Herr. Er wird stets zufrieden sein, mich zur Frau zu haben, und wird mir in keiner meiner Neigungen hinderlich sein. Aber . . .«

»In welcher Ehe gibt es kein Aber?« versetzte Thaddäus sanft, um den Gedanken der Gräfin eine andere Richtung zu geben.

Auch der zaghafteste Mann hätte nun wohl den Gedanken gefaßt, der den Liebenden fast toll machte:

»Wenn ich ihr nicht sage, daß ich sie liebe, bin ich ein Tropf!«

Zwischen beiden herrschte eine Weile ein furchtbares, gedankenschweres Schweigen. Die Gräfin beobachtete Paz verstohlen und ebenso beobachtete er sie in einem Spiegel. Er lehnte sich in seinen Sessel zurück, wie ein satter Mann, der verdaut, mit der Gebärde eines Gatten oder eines gleichgültigen Greises, verschränkte seine Hände auf dem Bauche, drehte rasch und mechanisch die Daumen umeinander und blickte stumpfsinnig auf dies Spiel.

»Aber sagen Sie mir doch etwas Gutes von Adam!« rief Clémentine aus. »Sagen Sie mir, er ist nicht leichtsinnig. Sie kennen ihn doch!«

Dieser Ausruf war großartig.

»Nun ist also der Augenblick da, wo ich unübersteigliche Schranken zwischen uns aufrichten muß,« dachte der arme Paz und sann über eine heroische Lüge nach. »Gutes?« . . . wiederholte er laut. »Ich liebe ihn zu sehr, Sie würden es mir nicht glauben. Ich bin unfähig, etwas Schlechtes von ihm zu sagen. Also . . . ist meine Rolle zwischen Ihnen beiden recht schwierig.«

Clémentine senkte den Kopf und blickte auf die Spitzen von Pazens Lackschuhen.

»Ihr Nordländer habt nur körperlichen Mut,« murmelte sie. »Es fehlt euch an Konsequenz in euren Entschlüssen.«

»Was wollen Sie allein tun, Gräfin?« fragte Paz mit der Miene vollkommener Harmlosigkeit.

»Wollen Sie mir nicht Gesellschaft leisten?«

»Verzeihen Sie, wenn ich gehe . . .«

»Wie! Wohin gehen Sie?«

»Ich gehe in den Zirkus. Heute ist die erste Vorstellung in den Champs Elysees. Ich darf nicht fehlen . . .«

»Warum?« forschte Clémentine mit fast wütendem Blick.

»Muß ich Ihnen mein Herz öffnen?« entgegnete er errötend. »Muß ich Ihnen anvertrauen, was ich meinem lieben Adam verhehle? Denn er glaubt, ich liebte nur Polen.«

»Ach, ein Geheimnis bei unserm edlen Kapitän?«

»Eine Gemeinheit, die Sie begreifen und über die Sie mich trösten werden.«

»Sie gemein? . . .«

»Ja, ich, Graf Paz, ich bin toll verliebt in ein Frauenzimmer, das mit der Familie Bouthor durch Frankreich zog. Das waren Zirkusbesitzer nach der Art des Zirkus Franconi, aber sie verdienten ihr Geld nur auf Jahrmärkten. Ich sorgte dafür, daß sie vom Olympia-Zirkus engagiert wurde.«

»Ist sie schön?« fragte die Gräfin.

»Für mich, ja,« entgegnete er schwermütig. »Malaga – so lautet ihr Künstlername – ist kräftig, behend und geschmeidig. Warum ich sie allen Frauen der Welt vorziehe? Wahrhaftig, ich vermag es nicht zu sagen. Wenn ich sie sehe, die schwarzen Haare von einem blauen Atlasband zusammengehalten, das auf ihre bloßen olivengelben Schultern herabfällt, in einer weißen Tunika mit goldner Borte und in einem Seidentrikot, das sie zur lebenden griechischen Statue macht, an den Füßen gestreifte Atlasschuhe, wie sie dann mit Fahnen in der Hand beim Klange der Militärmusik durch einen riesigen Reifen springt, dessen Seidenpapier in der Luft zerreißt, wenn das Pferd in gestrecktem Galopp unter ihr wegeilt und sie mit Anmut wieder auf seinen Rücken fällt, wenn das ganze Volk ohne bestellte Klaque Beifall klatscht . . . ja, das packt mich.«

»Mehr als eine schöne Frau auf dem Ball?« fragte Clémentine mit herausfordernder Überraschung.

»Ja,« antwortete Paz mit erstickter Stimme. »Diese wunderbare Behendigkeit, diese beständige Anmut in beständiger Gefahr scheint mir der schönste Triumph einer Frau . . . Ja, meine Gnädigste, die Cinti und Malibran, die Grisi und Taglioni, die Pasta und die Eißler – alles, was auf den Brettern herrscht oder geherrscht hat, scheint mir unwert, Malaga das Schuhband zu lösen – ihr, die im rasendsten Galopp vom Pferde springt und sich wieder hinaufschwingt, die sich links herunterläßt, um rechts wieder aufzuspringen, die das wildeste Pferd wie ein weißes Irrlicht umschwirrt, die auf einer Fußspitze stehen kann und sitzend, mit herabhängenden Beinen, auf den Rücken des galoppierenden Pferdes fällt, die auf einem ungezäumten Renner steht und dabei strickt, Eier zerschlägt und zur tiefsten Bewunderung des Volkes, des wahren Volkes, Bauern und Soldaten, einen Eierkuchen bäckt! Einst trug diese reizende Kolombine bei der Schaustellung Stühle auf ihrer Nasenspitze, der schönsten griechischen Nase, die ich sah. Malaga, meine Gnädigste, ist die Geschicklichkeit selbst. Sie hat die Kraft eines Herkules und kann sich mit ihrer zierlichen Hand oder mit ihrem kleinen Fuß drei bis vier Männer vom Leibe halten. Kurz, sie ist die Göttin der Gymnastik.«

»Sie muß stumpfsinnig sein . . .«

»Oh!« entgegnete Paz, »unterhaltend wie die Heldin in ›Peveril du Pic‹! Sie ist sorglos wie eine Zigeunerin, sagt alles heraus, was ihr gerade einfällt, sorgt sich um die Zukunft soviel wie Sie um die Heller, die Sie den Armen hinwerfen, und sie hat herrliche Einfälle. Nie wird man ihr beweisen, ein alter Diplomat sei ein schöner junger Mann; eine Million würde sie nicht dazu bekehren. Ihre Liebe ist für einen Mann eine dauernde Schmeichelei. Sie ist von wahrhaft unverschämter Gesundheit. Ihre Zähne sind zweiunddreißig Perlen von köstlichstem Schmelz in Korallenfassung. Ihre Schnute, so nennt sie den Unterteil ihres Gesichtes, hat nach Shakespeares Wort den Saft und die Frische eines Färsenmauls. Und das ist tief betrübend! Sie liebt schöne Männer, starke Männer, Adolf, August, Alexander, Gaukler und Hanswürste. Ihr Lehrer, ein scheußlicher Kassander, prügelte sie halbtot, und sie brauchte tausend Schläge, bis sie ihre Geschmeidigkeit, Anmut und Unerschrockenheit hatte.«

»Sie sind ja berauscht von Malaga.«

»So nennt sie sich nur auf den Anzeigen,« sagte Paz mit beleidigter Miene. »Sie wohnt Rue Saint-Lazare in einer kleinen Wohnung im dritten Stock, in Samt und Seide, und lebt da wie eine Prinzessin. Sie führt ein Doppeldasein, als Zirkusdame und als hübsches Mädchen.«

»Liebt sie Sie?«

»Sie liebt mich . . . Sie werden lachen . . . lediglich, weil ich ein Pole bin! Sie sieht die Polen stets nach dem Stich, auf dem Poniatowski in die Elster springt; denn für ganz Frankreich ist die Elster, in der niemand ertrinken kann, ein reißender Strom, der Poniatowski verschlang . . . Bei alledem bin ich unglücklich, meine Gnädigste . . .«

Eine Träne der Wut, die aus Thaddäus' Augen, troff, ergriff Clémentine.

»Ihr Männer liebt das Ungewöhnliche.«

»Und die Frauen?« versetzte Thaddäus.

»Ich kenne Adam so gut, daß ich sicher bin, er würde mich über einer Kunstreiterin wie Ihre Malaga vergessen. Aber wo haben Sie sie getroffen?«

»In Saint-Cloud, im letzten September, am Jahrmarktstage. Sie stand in der Ecke des mit Leinwand überspannten Schaugerüstes. Ihre Gefährtinnen, sämtlich in polnischer Tracht, machten eine schreckliche Katzenmusik. Nur sie war stumm und schweigsam; ich glaubte schwermütige Gedanken bei ihr zu erraten. Hatte sie keinen Grund dazu bei ihren zwanzig Jahren? Das hat mich gerührt.«

Die Gräfin hatte eine köstliche Haltung eingenommen. Sie war nachdenklich, fast traurig.

»Armer, armer Thaddäus!« sagte sie.

Und mit der Gutmütigkeit einer wirklich großen Dame setzte sie nicht ohne ein feines Lächeln hinzu:

»Gehen Sie! Gehen Sie in den Zirkus!«

Thaddäus ergriff ihre Hand, küßte sie und ließ eine heiße Träne darauf fallen. Dann ging er. Nachdem er seine Leidenschaft für eine Kunstreiterin erfunden hatte, mußte er ihr auch Gestalt geben. An seiner ganzen Geschichte war nichts wahr, als die kurze Beachtung, die die berühmte Malaga, die Kunstreiterin der Familie Bouthor, in Saint-Cloud gefunden hatte. Ihr Name war ihm des Morgens auf dem Anschlag des Zirkus aufgefallen. Er hatte den Hanswurst mit einem Fünffrankenstück bestochen und von diesem erfahren, daß Malaga ein Findelkind und vielleicht gestohlen war. Thaddäus ging also in den Zirkus, um die schöne Kunstreiterin wiederzusehen. Mit Hilfe von zehn Franken erfuhr er durch einen Stallknecht, der dort die Theater-Ankleidefrauen vertrat, daß Malaga Margarethe Turquet hieß und in der Rue des Fossés du Temple im fünften Stock wohnte.

Am nächsten Tage ging Paz, den Tod in der Seele, nach dem Faubourg du Temple und fragte nach Fräulein Turquet, während der Sommerzeit Stellvertreterin der ersten Kunstreiterin des Zirkus und im Winter Statistin im Boulevardtheater.

»Malaga!« schrie die Portiersfrau und stürzte nach ihrer Dachstube hinauf. »Ein schöner Herr für Sie! Er erkundigt sich grade bei Chapuzot, der ihn hinhält, damit ich Zeit habe, Ihnen Bescheid zu sagen.«

»Danke, Frau Chapuzot. Aber was wird er sagen, wenn er sieht, daß ich meinen Rock bügle?«

»Ach was! wenn man liebt, liebt man alles an der Liebsten.«

»Ist's ein Engländer? Das sind Pferdeliebhaber.«

»Nein, er sieht wie ein Spanier aus.«

»Um so schlimmer! Die Spanier sollen in der Klemme sein . . . Bleiben Sie doch bei mir, Frau Chapuzot, damit es nicht aussieht, als ob ich allein bin . . .«

»Was wünscht der Herr?« fragte die Portiersfrau, indem sie Thaddäus die Tür öffnete.

»Fräulein Turquet.«

»Meine Tochter,« sagte die Portiersfrau, sich aufspielend, »hier ist jemand, der dich sprechen will.«

Der Kapitän stieß mit dem Kopf an eine Leine, an der Wäsche trocknete, und sein Hut fiel zu Boden.

»Was wünschen Sie, mein Herr?« fragte Malaga, Pazens Hut aufhebend.

»Ich sah Sie im Zirkus. Sie erinnerten mich an eine Tochter, die ich verloren habe, Fräulein; und aus Liebe zu meiner Héloise, der Sie auffällig ähneln, möchte ich Ihnen Gutes tun, wenn Sie gestatten.«

»Wieso? Aber setzen Sie sich doch, General!« sagte Frau Chapuzot. »Nein, wie anständig, wie galant.«

»Ich bin kein Galan, liebe Dame,« versetzte Paz. »Ich bin ein verzweifelter Vater, der sich durch eine Ähnlichkeit täuschen will.«

»So soll ich für Ihre Tochter gelten?« fragte Malaga sehr fein. Sie ahnte nicht, welch tiefe Wahrheit in diesem Vorschlag lag.

»Ja,« sagte Paz. »Ich werde Sie bisweilen besuchen kommen, und damit die Täuschung vollkommen ist, will ich Sie in einer schönen, reich möblierten Wohnung unterbringen . . .«

»Ich soll Möbel bekommen!« rief Malaga und blickte Frau Chapuzot an.

»Und Dienstboten,« fuhr Paz fort, »und alle Bequemlichkeit.«

Malaga blickte den Fremden forschend an.

»Aus welchem Lande sind Sie?«

»Ich bin Pole.«

»Dann nehme ich's an,« versetzte sie.

Paz ging und versprach wiederzukommen.

»Der ist aber stark!« sagte Margarethe Turquet und blickte Frau Chapuzot an. »Ich fürchte nur, der Mann will mich ködern, um irgendeine Laune zu befriedigen. Bah, ich riskiere es!«

Einen Monat nach diesem seltsamen Besuch wohnte die schöne Kunstreiterin in einer vom Tapezierer des Grafen Adam prächtig ausgestatteten Wohnung, denn Paz wollte, daß im Hause Laginski von seiner Torheit geredet würde. Malaga, für die dies Abenteuer ein Traum aus Tausend und Einer Nacht war, hatte das Ehepaar Chapuzot als Dienstboten und Vertraute zu sich genommen. Die Chapuzots und Margarethe Turquet erwarteten irgendeine Lösung, aber ein Vierteljahr verfloß, ohne daß weder Malaga noch die Chapuzot sich die Laune des polnischen Grafen zu erklären vermochten. Paz pflegte jede Woche eine Stunde hinzukommen. Er blieb die ganze Zeit im Salon und wollte nie das Wohnzimmer noch gar das Schlafzimmer Malagas betreten, trotz aller geschickten Manöver der Kunstreiterin und der Chapuzots. Der Graf fragte nach den kleinen Erlebnissen, die das Leben der Zirkusdame ausmachten, und ließ jedesmal zwei Vierzigfrankenstücke auf dem Kaminsims zurück.

»Er sieht recht gelangweilt aus,« bemerkte Frau Chapuzot.

»Ja,« antwortete Malaga, »dieser Mann ist kalt wie Eis . . .«

»Trotzdem ist er ein guter Kerl!« rief Chapuzot, hocherfreut über seinen blauen Tuchanzug, der ihm das Aussehen eines Bürodieners aus dem Ministerium gab.

Durch seine regelmäßigen Spenden gab Paz der Margarethe Turquet eine monatliche Rente von 320 Franken. Diese Summe, im Verein mit ihrem kärglichen Zirkusgehalt, gestattete ihr ein glänzendes Dasein im Vergleich zu ihrem früheren Elend. Unter den Zirkuskünstlern entstand ein seltsames Gerede über Malagas Glück. In ihrer Eitelkeit machte die Kunstreiterin aus den 6000 Franken, die ihre Wohnung dem zurückhaltenden Kapitän kostete, das Zehnfache. Nach der Behauptung der Clowns und Statisten schwamm Malaga in Geld. Außerdem erschien sie im Zirkus in reizenden Burnussen, Kaschmirschals und prächtigen Schärpen. Kurz, der Pole war das herrlichste Geschöpf, das einer Kunstreiterin begegnen konnte, durchaus nicht kleinlich und eifersüchtig. Vielmehr ließ er Malaga alle Freiheit.

»Es gibt Frauen, die es recht gut haben!« sagte Malagas Nebenbuhlerin. »Mir, die ein Drittel von den Einnahmen bekommt, würde so was nicht passieren.«

Malaga trug reizende Hütchen, zeigte bisweilen ihren Kopf (so lautet der reizende Ausdruck des Frauenzimmer-Lexikons) im Wagen im Bois de Boulogne, wo sie der eleganten Jugend aufzufallen begann. Kurz, man begann in der Halbwelt von Malaga zu sprechen und griff ihr Glück mit Verleumdungen an. Man behauptete, sie wäre ein Medium, und der Pole galt für einen Hypnotiseur, der den Stein der Weisen suchte. Einige noch giftigere Reden machten Malaga neugieriger als Psyche, sie erzählte sie Paz unter Tränen wieder.

»Wenn ich etwas gegen eine andere habe,« sagte sie zum Schluß, »so verleumde ich sie nicht. Ich behaupte nicht, man hypnotisierte sie, um Steine dabei zu finden. Ich sage, sie ist bucklig, und beweise es. Warum kompromittieren Sie mich?«

Paz wahrte das grausamste Schweigen. Die Chapuzot kriegte schließlich Namen und Titel von Thaddäus heraus, dann erfuhr sie im Hause Laginski Positives: Paz war Junggeselle. Daß eine Tochter von ihm gestorben sei, war nicht bekannt, weder in Polen noch in Frankreich. Nun konnte Malaga sich eines Gefühls des Schreckens nicht erwehren.

»Mein Kind,« sagte die Chapuzot, »dies Ungeheuer . . .«

Ein Mann, der ein hübsches Mädchen wie Malaga nur verstohlen und schief anblickte, der sich über nichts auszusprechen wagte, kein Vertrauen hatte, mußte nach der Ansicht der Frau Chapuzot ein Ungeheuer sein.

»Dies Ungeheuer will dich nur ködern, um dich zu etwas Unrechtem oder zu einem Verbrechen zu mißbrauchen. Bei Gott, wenn du vor Gericht kämst oder gar, ich schaudre vom Kopf bis zu den Füßen, ich zittre, wenn ich nur davon spreche, vor die Zuchtpolizei, wenn dein Name in die Zeitungen kommt . . . Weißt du, was ich an deiner Stelle täte? Na, an deiner Stelle machte ich zu meiner eigenen Sicherheit Anzeige bei der Polizei.«

Eines Tages quirlten die tollsten Gedanken in Malagas Hirn, und als Paz seine Goldstücke auf den Samt des Kaminsimses legte, nahm sie das Gold und warf es ihm mit den Worten ins Gesicht:

»Ich will kein gestohlenes Geld!«

Der Kapitän gab Chapuzot das Geld und kam nicht wieder. Clémentine verbrachte damals die schöne Jahreszeit auf dem Gut ihres Onkels, des Marquis von Ronquerolles in Burgund. Als die Zirkustruppe Thaddäus nicht mehr an seinem Platze sah, entstand ein Gerede unter den Künstlern. Die einen stellten Malagas Seelengröße als Dummheit hin, die andern als Gerissenheit. Auch den erfahrensten Frauen, denen das Benehmen des Polen erklärt wurde, kam es unerklärlich vor. Thaddäus bekam in einer einzigen Woche siebenunddreißig Briefe von leichtlebigen Weibern. Zu seinem Glück erregte seine erstaunliche Zurückhaltung keine Neugier in der großen Welt und blieb nur ein Gesprächsstoff der Halbwelt.

Zwei Monate später steckte die schöne Kunstreiterin tief in Schulden, und so schrieb sie ihm folgenden Brief, den die Dandys damals als Meisterstück ansahen.

»Sie, den ich noch meinen Freund zu nennen wage, haben Sie noch Mitleid mit mir nach dem Vorgefallenen, das Sie so falsch ausgedeutet haben? Alles, was Sie verletzen mochte – mein Herz leugnet es ab. Wenn ich das Glück hatte, daß Sie Gefallen am Zusammensein mit mir fanden, so kehren Sie wieder, sonst versinke ich in Verzweiflung. Das Elend ist bereits da, und Sie wissen nicht, was für dumme Sachen es mir beschert hat. Gestern habe ich von einem Hering für zwei Sous und einer Semmel für einen Sou gelebt. Ist das das Frühstück Ihrer Liebsten? Ich habe die Chapuzots, die mir so ergeben schienen, nicht mehr. Ihr Verschwinden hat mich auf den Grund der menschlichen Anhänglichkeit blicken lassen . . . Ein Hund, den man gefüttert hat, verläßt einen nicht mehr; die Chapuzots sind fort. Ein Gerichtsvollzieher, der den Tauben spielte, hat alles im Namen des herzlosen Wirtes beschlagnahmt, und im Namen des Goldschmieds, der keine zehn Tage warten kann. Denn mit Ihrem Vertrauen ist auch der Kredit futsch! Welche Lage für Frauen, die sich nichts vorzuwerfen haben als Freude! Mein Freund, ich habe alles, was irgend von Wert war, ins Leihhaus gebracht, ich habe nichts mehr als die Erinnerung an Sie, und die schlechte Jahreszeit steht vor der Tür. Im Winter werde ich ohne Heizung sein, denn im Boulevardtheater werden nur Stücke mit stummen Rollen gegeben, und ich habe dort nur ganz kleine Rollen zu spielen, die eine Frau nicht herausstreichen. Wie konnten Sie an der Lauterkeit meiner Gefühle für Sie zweifeln, denn schließlich haben wir doch nicht zweierlei Art, um unsere Dankbarkeit auszudrücken! Sie schienen so froh, daß es mir gut ging, und nun haben Sie mich im Elend gelassen! Oh, mein einziger Freund auf Erden, verzeihen Sie mir, daß ich wissen wollte, ob ich Sie für ewig verloren habe, bevor ich wieder mit dem Zirkus Bouthor auf den Jahrmärkten herumziehe, denn so werde ich wenigstens meinen Unterhalt verdienen! Wenn ich in dem Augenblick, wo ich durch den Reifen springe, an Sie denken muß, kann ich mir leicht die Beine brechen, indem ich ein Tempo verpasse! Wie es aber auch sei, ich bin fürs Leben Ihre

Margarethe Turquet.«

»Dieser Brief,« sagte sich Thaddäus herausplatzend, »ist meine 10 000 Franken wert!«

Clémentine kehrte am nächsten Tage zurück, und Paz sah sie am folgenden Tage schöner und anmutiger denn je. Während der Mahlzeit trug die Gräfin gegen Thaddäus die größte Gleichgültigkeit zur Schau, aber nachher, als der Kapitän fortgegangen war, kam es zu einer Szene zwischen dem Grafen und seiner Gattin. Unter dem Vorwand, Adam um Rat zu fragen, hatte Thaddäus ihm gleichsam versehentlich Malagas Brief dagelassen.

»Armer Thaddäus!« sagte Adam zu seiner Gattin, als Paz sich gedrückt hatte. »Welch ein Unglück für einen Mann seines Ranges, der Spielball einer Kunstreiterin niedrigster Sorte zu sein! Er wird dabei alles verlieren, wird sich erniedrigen, wird in kurzem nicht wiederzuerkennen sein. Da, Liebste, lies,« sagte der Graf und reichte seiner Gattin Malagas Brief.

Clémentine las den Brief, der nach Tabak roch, und warf ihn mit einer Gebärde des Ekels fort.

»Wie dicht die Binde auch sei, die er vor den Augen trägt,« versetzte Adam, »irgend etwas wird er doch gemerkt haben. Malaga wird ihm Streiche gespielt haben.«

»Und er geht wieder zu ihr!« sagte Clémentine. »Er wird ihr verzeihen. Nur für solche scheußlichen Weiber habt ihr ja Nachsicht!«

»Sie haben es auch sehr nötig,« versetzte Adam.

»Thaddäus kam wieder zu sich . . ., als er ihr fernblieb,« fuhr sie fort.

»Oh, mein Engel, du gehst sehr weit,« sagte der Graf. Es war ihm zwar sehr lieb gewesen, seinen Freund in den Augen seiner Gattin herabzusetzen, aber den Tod des Sünders wollte er nicht.

Thaddäus, der Adam genau kannte, hatte ihn um tiefste Verschwiegenheit gebeten. Er hatte gleichsam gebeichtet, um Verzeihung für seine Verschwendung zu finden und seinen Freund um die Erlaubnis zu bitten, tausend Taler für Malaga zu leihen.

»Er ist ein Mann von stolzem Charakter,« fuhr Adam fort.

»Wieso?«

»Nun, er hat nicht mehr als 10 000 Franken für sie verausgabt und läßt sich einen solchen Brief schreiben, ehe er ihr das Geld zur Bezahlung ihrer Schulden bringt! Für einen Polen, weiß Gott, ist das viel.«

»Aber er kann dich doch zugrunde richten,« sagte Clémentine mit dem scharfen Ton der Pariserin, wenn sie ihr katzenhaftes Mißtrauen äußert.

»Oh, ich kenne ihn!« entgegnete Adam, »er würde Malaga für uns preisgeben.«

»Das werden wir sehen,« erwiderte die Gräfin.

»Wäre es zu seinem Glück nötig, so zauderte ich nicht, ihn zu bitten, daß er sie aufgibt. Wie Konstantin mir sagte, ist Paz, der bis dahin so nüchtern war, zur Zeit seines Verhältnisses bisweilen stark angeheitert heimgekehrt . . . Artete er zum Trunkenbold aus, ich wäre ebenso betrübt, wie bei meinem eigenen Kinde.«

»Ich will nichts mehr davon hören,« rief die Gräfin mit einer neuen Gebärde des Ekels.

Zwei Tage später merkte der Kapitän am Benehmen, am Tonfall und in den Augen der Gräfin die furchtbare Wirkung von Adams Indiskretion. Die Verachtung hatte Abgründe zwischen dieser reizenden Frau und ihm aufgerissen. So versank er denn in tiefe Schwermut und wurde von dem Gedanken verzehrt:

»Du selbst hast dich ihrer unwürdig gemacht!«

Das Leben wurde ihm zur Last, die schönste Sonne war in seinen Augen grau. Und doch fand er in diesem Meer bittrer Schmerzen noch Augenblicke der Freude: ungefährdet konnte er sich seiner Bewunderung für die Gräfin überlassen, die ihn nicht mehr der geringsten Beachtung würdigte, wenn er bei Festen stumm, aber ganz Auge und Herz, in einer Ecke stand und keine ihrer Stellungen, keins ihrer Lieder verlor, wenn sie sang. Er lebte endlich wieder jenes schöne Leben, konnte selbst das Pferd pflegen, das sie ritt, konnte sich der Wirtschaft dieses glänzenden Hauses widmen, für dessen Gedeihen er seine Hingebung verdoppelte. Diese stummen Freuden blieben in seinem Herzen begraben wie die einer Mutter, von deren Herzen das Kind ja auch nichts weiß; denn ist das Wissen, wenn man etwas nicht weiß? War dies nicht schöner als Petrarcas keusche Liebe für Laura, die sich noch schließlich bezahlt machte – durch einen Schatz von Ruhm und den Triumph der Dichtkunst, die sie eingeflößt hatte? Wiegt das Gefühl, das ein d'Assas bei seinem freiwilligen Heldentod empfand, nicht ein Leben auf? Dies Gefühl hatte Paz täglich, ohne zu sterben, freilich auch ohne den Lohn der Unsterblichkeit. Was liegt also in der Liebe, wenn Paz trotz dieser geheimen Wonnen von Kummer verzehrt ward? Der Katholizismus hat die Liebe so groß gemacht, daß er in ihr Achtung und Edelsinn sozusagen unlöslich verbunden hat. Liebe ist ohne die hohen Eigenschaften, auf die der Mensch stolz ist, nicht möglich, und man wird so selten geliebt, wenn man verachtet wird, daß Thaddäus an den selbstgeschlagenen Wunden starb. Zu hören, daß sie ihn geliebt hätte, und zu sterben! . . . Damit hätte der arme Liebhaber sein Leben hinreichend bezahlt gefunden. Die Ängste seines früheren Daseins schienen ihm erträglicher, als das Leben in ihrer Nähe, wo er sie mit Edelmut überhäufte, ohne anerkannt, verstanden zu werden. Kurz, er wollte den Lohn seiner Tugend! Er wurde mager und gelb, bekam einen Fieberanfall und wurde so krank, daß er den Januar hindurch das Bett hüten mußte, wollte aber keinen Arzt kommen lassen. Graf Adam machte sich lebhafte Sorge um seinen armen Thaddäus. Die Gräfin war so grausam, in kleinem Kreise zu sagen:

»Laßt ihn doch! Seht ihr nicht, daß er an einer olympischen Krankheit leidet?«

Dies Wort gab Thaddäus den Mut der Verzweiflung. Er stand auf, ging aus, versuchte sich zu zerstreuen und genas.

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