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Die falsche Geliebte

Honoré de Balzac: Die falsche Geliebte - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorHonoré de Balzac
titleDie falsche Geliebte
publisherDiogenes
year1977
isbn3257204450
translatorOppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080711
modified20171219
projectid61a61b23
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»Paz, liebes Herz,« sagte Laginski, »ist von ebenso altem und edlem Hause wie wir. Bei ihrem Unglück rettete sich einer der Pazzi aus Florenz nach Polen, ließ sich dort mit einigem Vermögen nieder und gründete die Familie der Paz, die den Grafentitel erhielt. Die Familie, die sich in den schönen Tagen unsrer Königsrepublik hervortat, ist reich geworden. Das Reis des in Italien gefällten Stammes hat so kräftig Wurzel geschlagen, daß es mehrere Zweige des gräflichen Hauses Paz gibt. Ich erzähle dir nichts Ungewöhnliches, wenn ich dir sage, daß es reiche und arme Paz gibt. Unser Paz entsproßte einem armen Zweige. Als Waise, ohne andren Besitz als seinen Degen, diente er während unsrer Revolution im Regiment des Großfürsten Konstantin. Er ging zur polnischen Partei über, schlug sich wie ein Pole, wie ein Patriot, wie ein Habenichts: drei Gründe, um sich gut zu schlagen. Beim letzten Kampf glaubte er, seine Soldaten folgten ihm. Er griff eine russische Batterie an und wurde gefangen. Ich war dabei. Dieser Zug von Tapferkeit ermutigte mich. ›Hauen wir ihn heraus!‹ sagte ich zu meinen Reitern. Wir greifen die Batterie als Freischärler an und ich befreie Paz, ich als siebenter. Wir waren zu zwanzig losgeritten und kamen zu acht zurück, einschließlich Paz. Nachdem Warschau verraten und verkauft war, mußten wir daran denken, den Russen zu entkommen. Ein seltsamer Zufall wollte es, daß Paz und ich uns zur selben Stunde, am selben Fleck diesseits der Weichsel wiederfanden. Ich sah den armen Kapitän in die Hände der Preußen fallen, die sich damals zu Jagdhunden der Russen hergaben. Hat man einen Menschen aus dem Styx aufgefischt, so hängt man an ihm. Diese neue Gefahr für Paz schmerzte mich so, daß ich mich mit ihm gefangen nehmen ließ, um ihm zu helfen. Zwei Männer können sich retten, wo ein einzelner zugrunde geht. Dank meinem Namen und einigen Verwandtschaftsbeziehungen zu den neuen Herren unsres Schicksals, denn wir waren damals in Händen der Preußen, drückte man ein Auge über mein Entweichen zu. Ich gab meinen lieben Kapitän als gemeinen Soldaten, als einen meiner Leute aus, und es gelang uns, nach Danzig zu entkommen. Wir schmuggelten uns auf ein holländisches Schiff ein, das nach London abging; dort langten wir nach zwei Monaten an. Meine Mutter war in England krank geworden und erwartete mich dort. Paz und ich pflegten sie bis zu ihrem Tode, der durch den Zusammenbruch unsres Unternehmens beschleunigt wurde. Wir verließen London, und ich nahm Paz nach Frankreich mit. In solchen Schicksalen werden zwei Männer zu Brüdern. Als ich mich in Paris sah, zweiundzwanzig Jahre alt, im Besitz eines Einkommens von einigen 60 000 Franken, ungerechnet die Reste einer Summe, die meine Mutter aus dem Verkauf von Diamanten und Familienbildern gewonnen hatte, wollte ich Pazens Zukunft sicher stellen, bevor ich mich in den Strudel der Pariser Vergnügungen stürzte. Ich entdeckte etwas Schwermut in den Augen des Kapitäns, bisweilen unterdrückte er Tränen. Ich lernte seine Seele schätzen, die von Grund aus edel, groß und hochherzig ist. Vielleicht schmerzte es ihn, sich durch Wohltaten an einen um sechs Jahre jüngeren Mann gebunden zu sehen, ohne ihm Gleiches mit Gleichem vergelten zu können. Sorglos und leichtsinnig, wie ein Junggeselle ist, konnte ich mich im Spiel zugrunde richten, mich von einer Pariserin umgarnen lassen. Paz und ich konnten eines Tages getrennt werden. Obwohl ich mir vornahm, für alle seine Bedürfnisse zu sorgen, erkannte ich doch manche Möglichkeit, ihn zu vergessen oder zur Bezahlung seiner Pension außerstande zu sein. Kurz, mein Engel, ich wollte ihm den Schmerz, die Scham, die Schande ersparen, mich um Geld anzugehen oder seinen Gefährten in der Not vergebens um etwas zu bitten.

Also eines Morgens nach dem Frühstück, als wir beide vorm Kaminfeuer saßen und unsre Pfeifen rauchten, führte ich meinen Vorsatz aus. Nach vielem Erröten, vielen Vorsichtsmaßregeln, als ich sah, wie er mich besorgt anblickte, reichte ich ihm eine Rentenverschreibung auf den Inhaber auf 2400 Franken . . .«

Clémentine stand auf, setzte sich auf Adams Knie, schlang ihren Arm um seinen Hals und küßte ihn auf die Stirn.

»Lieber Schatz!« sagte sie, »wie schön finde ich dich! Und was tat Paz?«

»Thaddäus,« entgegnete der Graf, »erbleichte und schwieg . . .«

»Ach, er heißt Thaddäus?«

»Ja. Thaddäus faltete das Schriftstück wieder zusammen, gab es mir zurück und sagte: ›Ich glaubte, Adam, wir gehörten auf Tod und Leben zusammen und würden uns nie verlassen. Du willst also nichts mehr von mir wissen?‹ – ›Oh!‹ rief ich, ›verstehst du es so, Thaddäus? Schön, reden wir nicht mehr davon. Wenn ich mich zugrunde richte, bist du auch zugrunde gerichtet.‹ – ›Du bist nicht vermögend genug, um als Laginski zu leben,‹ sagte er. ›Brauchst du da nicht einen Freund, der sich deiner Geschäfte annimmt, dir Vater und Bruder ist, ein sichrer Vertrauter?‹ Mein liebes Kind, als Paz diese Worte zu mir sagte, lag in seinem Blick und in seiner Stimme eine Ruhe, die eine mütterliche Empfindung verbarg, aber eine arabische Dankbarkeit offenbarte, eine Hundetreue, eine Indianerfreundschaft, schmucklos und stets bereit. Mein Gott, ich nahm ihn, wie wir Polen uns nehmen. Ich legte die Hand auf seine Schultern, küßte ihn auf den Mund und sagte: ›Also auf Leben und Tod! Alles, was ich habe, gehört dir, mach, was du willst.‹ Er hat mir dies Haus für eine Kleinigkeit gekauft. Er hat meine Zinsenpapiere verkauft, wenn sie hoch standen und gekauft, wenn sie niedrig standen, und wir haben diese Bude mit den Gewinnen bezahlt. Er versteht sich auf Pferde und handelt so gut damit, daß mein Stall mich sehr wenig kostet, und ich habe die schönsten Pferde, die schmucksten Gefährte in Paris. Unsre Leute, brave polnische Soldaten, die er ausgesucht hat, gingen für uns durchs Feuer. Es sah aus, als ob ich mich zugrunde wirtschafte, und Paz führte meinen Haushalt mit solcher Ordnung und Sparsamkeit, daß er dadurch ein paar unüberlegte Verluste im Spiel, Jungeleutestreiche, wett gemacht hat. Mein Thaddäus ist verschmitzt wie zwei Genueser, gewinngierig wie ein polnischer Jude, vorbedacht wie eine gute Hausfrau. Nie konnte ich ihn dazu bestimmen, mit mir auf gleichem Fuße zu leben, solange wir Junggesellen waren. Bisweilen mußte ich den Zwang der Freundschaft anwenden, um ihn ins Theater zu schleppen, wenn ich allein hinging, oder zu Diners, die ich einer fröhlichen Gesellschaft im Speisehaus gab. Er liebt das Salonleben nicht.«

»Was liebt er denn?« fragte Clémentine.

»Er liebt Polen und beweint es. Seine einzige Zerstreuung waren die Unterstützungen, die er mehr in meinem als in seinem Namen an einige unsrer armen Verbannten sandte.«

»Ei, aber ich werde ihn lieben, diesen braven Kerl,« sagte die Gräfin. »Er scheint mir einfach, wie alles wahrhaft Große.«

»Alle schönen Dinge, die du hier fandest,« fuhr Adam fort, der beim Lobe seines Freundes die edelste Sicherheit verriet, »hat Paz ausfindig gemacht. Er hat sie bei Versteigerungen oder Gelegenheiten erworben. Oh, er ist mehr Kaufmann als die Kaufleute. Wenn du siehst, daß er sich auf dem Hofe die Hände reibt, dann wisse, er hat ein gutes Pferd für ein besseres ausgetauscht. Er lebt meinetwegen; sein Glück ist, mich elegant zu sehen, in einer glänzenden Equipage. Seine selbstgeschaffenen Pflichten erfüllt er ohne Lärm, ohne Aufwand. Eines Abends hatte ich 20 000 Franken im Whist verloren. »Was wird Paz sagen!« rief ich bei der Heimkehr. Paz gab sie mir nicht ohne Seufzen wieder, aber er hat mir nicht einen tadelnden Blick zugeworfen. Dieser Seufzer hat mich mehr gebändigt als alle Vorhaltungen von Onkeln, Frauen und Müttern in solchen Fällen. »Tut es dir leid?« fragte ich ihn. – »Oh, weder für dich noch für mich. Ich denke nur, daß zwanzig arme Paz ein Jahr lang davon leben könnten.« Du begreifst, daß die Pazzi soviel wert sind wie die Laginski. Daher mochte ich meinen lieben Paz auch nie als Untergebenen ansehen. Ich war bestrebt, in meiner Art ebenso groß zu sein, wie er in der seinen. Nie habe ich das Haus verlassen, noch bin ich heimgekehrt, ohne zu Paz zu gehen, wie ich zu meinem Vater gehen würde. Mein Glück ist das seine. Kurz, Thaddäus ist sicher, daß ich mich auch heute in eine Gefahr stürzen würde, um ihn zu retten, wie ich es zweimal getan habe.«

»Das ist viel gesagt,« versetzte die Gräfin. »Aufopferung ist eine blitzartige Hingabe. Man opfert sich im Kriege auf, aber nicht mehr in Paris.«

»Nun eben,« erwiderte Adam, »für Paz bin ich stets im Kriege. Unsere beiden Charaktere haben ihre Schroffheiten und Fehler behalten, aber die gegenseitige Kenntnis unsrer Seelen hat die schon so engen Bande unsrer Freundschaft noch fester geknüpft. Man kann einem Menschen das Leben retten und ihn hernach töten, wenn man in ihm einen schlimmen Gefährten entdeckt. Aber was die Freundschaft unlöslich macht, das haben wir verspürt: bei uns besteht ein beständiger Austausch glücklicher Empfindungen, der die Freundschaft in dieser Hinsicht vielleicht reicher macht als die Liebe.«

Eine hübsche Frauenhand schloß dem Grafen so rasch den Mund, daß die Gebärde einer Ohrfeige glich.

»Ja doch,« sagte er. »Der Freundschaft, mein Engel, sind die Bankerotte des Gefühls und die Pleiten des Vergnügens unbekannt. Die Liebe gibt zuerst mehr, als sie hat, zuletzt weniger, als sie empfängt.«

»Auf der einen Seite wie auf der anderen,« lächelte Clémentine.

»Ja,« fuhr Adam fort, »dagegen kann die Freundschaft nur zunehmen. Du brauchst nicht zu schmollen, mein Engel, wir sind ebenso ein Liebespaar wie ein paar Freunde; wir haben wenigstens, hoffe ich, beide Gefühle in unsrer glücklichen Ehe vereinigt.«

»Ich will dir erklären, wodurch ihr so gute Freunde geworden seid,« sagte Clémentine. »Der Unterschied in euer beider Leben erwächst aus euren Neigungen und nicht aus einer obligaten Wahl, aus euren Liebhabereien und nicht aus eurer Stellung. Soweit man einen Menschen nach flüchtigem Sehen beurteilen kann und nach dem, was du mir erzählst, kann der Untergebene hier in gewissen Augenblicken zum Höherstehenden werden.«

»Oh, Paz steht wirklich höher als ich!« entgegnete Adam treuherzig. »Ich habe keinen andern Vorzug vor ihm als den Zufall.«

Seine Frau küßte ihn für dies edelmütige Bekenntnis.

»Die außerordentliche Geschicklichkeit,« fuhr der Graf fort, »mit der er die Größe seiner Gefühle verbirgt, verleiht ihm eine ungeheure Überlegenheit. Ich habe ihm gesagt: ›Du bist verschlossen. Du hast in deinem Innern große Bereiche, wohin du dich zurückziehst.‹ Er hat Anspruch auf den Titel Graf Paz; in Paris läßt er sich nur der Kapitän nennen.«

»Kurz, der Florentiner des Mittelalters ist nach dreihundert Jahren wieder auferstanden,« sagte die Gräfin. »In ihm ist etwas von Dante und von Michelangelo.«

»Ja, du hast recht,« erwiderte Adam, »er hat die Seele eines Dichters.«

»Da bin ich also mit zwei Polen verheiratet,« versetzte die junge Gräfin mit einer Gebärde, wie sie das Genie auf der Bühne findet.

»Liebes Kind!« sagte Adam, Clémentine an sich ziehend, »du hättest mir viel Schmerz gemacht, wenn mein Freund dir nicht gefallen hätte. Wir hatten beide Angst davor, obwohl er über meine Heirat entzückt war. Du wirst ihn tief beglücken, wenn du ihm sagst, daß du ihn liebst . . . Oh! wie einen alten Freund.«

»Ich will mich also ankleiden, es ist schönes Wetter, wir reiten alle drei aus,« sagte Clémentine und schellte nach ihrer Kammerzofe.

Paz führte ein so unterirdisches Dasein, daß das ganze elegante Paris sich fragte, wer Clémentine Laginskas Begleiter sei, als man sie zwischen Thaddäus und ihrem Gatten nach dem Bois de Boulogne reiten und zurückkehren sah. Diese Laune einer absoluten Herrscherin zwang den Kapitän zu ungewohnter Toilette. Nach der Heimkehr vom Bois kleidete sich Clémentine mit einer gewissen Koketterie, so daß sie selbst auf Adam Eindruck machte, als sie den Salon betrat, in dem die beiden Freunde sie erwarteten.

»Graf Paz,« sagte sie, »wir gehen zusammen in die Oper.«

Sie sagte das in einem Tone, der bei Frauen bedeutet: »Wenn Sie es ausschlagen, ist unsre Freundschaft aus.«

»Gern, Frau Gräfin,« entgegnete der Kapitän. »Aber da ich nicht das Vermögen eines Grafen habe, nennen Sie mich einfach Kapitän.«

»Schön, Kapitän, geben Sie mir den Arm,« sagte sie, ergriff ihn und führte ihn in den Speisesaal mit einer Geste feierlicher Vertraulichkeit, die Liebende entzückt.

Die Gräfin ließ den Kapitän neben sich Platz nehmen. Sein Benehmen war das eines armen Leutnants, der bei einem reichen General speist. Paz ließ Clémentine reden und hörte ihr mit der Ergebenheit zu, die man einem Vorgesetzten schuldet, widersprach ihr keinmal und wartete eine formelle Frage ab, bevor er antwortete. Kurz, er erschien der Gräfin fast stumpfsinnig. Ihre Koketterien versagten vor diesem eisigen Ernst und dieser diplomatischen Ehrerbietung vollkommen. Umsonst sagte Adam zu ihm.: »Sei doch munter, Thaddäus! Man sollte glauben, daß du nicht alle fünf Sinne beisammen hast. Du hast sicher gewettet, Clémentine zu enttäuschen.« Aber Thaddäus blieb schwerfällig und schläfrig. Als die Herrschaften nach der Mahlzeit allein blieben, erklärte der Kapitän, daß sein Leben gerade umgekehrt verliefe als das der Gesellschaftsmenschen: er ginge um acht Uhr zu Bett und stände früh morgens auf. Damit schob er seine Zurückhaltung auf große Lust zu schlafen.

»Als ich Sie zur Oper aufforderte, Kapitän, war meine Absicht, Ihnen ein Vergnügen zu machen, aber tun Sie, was Sie wollen,« sagte Clémentine etwas verletzt.

»Ich werde mitgehen,« sagte Paz.

»Duprez singt ›Wilhelm Teil‹,« schaltete Adam ein, »aber vielleicht gehst du lieber ins Varieté?«

Der Kapitän lächelte und schellte; der Kammerdiener erschien.

»Konstantin soll den Wagen anspannen,« sagte er zu ihm, »nicht das Kupee. Wir fänden nicht Platz, ohne uns zu hindern,« setzte er zum Grafen gewandt hinzu.

»Ein Franzose hätte das vergessen,« lächelte Clémentine.

»Oh, aber wir sind nach dem Norden verpflanzte Florentiner,« entgegnete Thaddäus mit einer Feinheit im Ton und einem Blick, die sein Benehmen bei Tisch als Absicht erkennen ließen.

Infolge seiner recht begreiflichen Unvorsichtigkeit war der Gegensatz zwischen der ungewollten Art und Weise dieser Äußerung und seiner Haltung während des Essens zu schroff. Clémentine musterte den Kapitän mit einem jener Seitenblicke, die bei Frauen zugleich Erstaunen wie Beobachtung verraten. So herrschte denn während der Zeit, als alle drei im Salon Kaffee tranken, ein Schweigen, das für Adam recht peinlich war, da er den Grund nicht zu erraten vermochte. Clémentine forderte Thaddäus nicht mehr heraus, und der Kapitän nahm seine militärische Steifheit wieder an und legte sie nicht mehr ab, weder unterwegs, noch in der Loge, wo er zu schlafen vorgab.

»Sie sehen, Frau Gräfin, ich bin ein langweiliger Gesell,« sagte er im letzten Akt des »Wilhelm Teil« beim Ballett. »War es nicht richtig von mir, daß ich, wie man sagt, bei meinem Leisten blieb?«

»Meiner Treu, lieber Kapitän, Sie sind weder Possenreißer noch Schönredner, Sie sind sehr wenig Pole.«

»Lassen Sie mich also über Ihre Vergnügungen, Ihr Vermögen und Ihr Haus wachen,« fuhr er fort, »ich tauge nur dazu.«

»Geh, Tartüff!« sagte Graf Adam lächelnd. »Meine Liebe, er hat Herz, er hat Bildung. Wenn er nur wollte, er könnte im Salon seinen Mann stehen. Clémentine, nimm seine Bescheidenheit nicht wörtlich.«

»Leben Sie wohl, Gräfin, ich habe meinen guten Willen bewiesen. Ich benutze Ihren Wagen, um schleunigst nach Hause zu fahren und schlafen zu gehen; dann schicke ich ihn Ihnen zurück.«

Clémentine neigte den Kopf und ließ ihn gehen, ohne etwas zu erwidern.

»Welch ein Bär!« sagte sie zum Grafen. »Du bist viel netter!«

Adam drückte seiner Frau heimlich die Hand. »Armer, guter Thaddäus, er hat sich bemüht, abstoßend zu wirken, wo viele Männer versucht hätten, liebenswürdiger als ich zu sein.«

»Oh,« sagte sie, »ich weiß nicht, ob sein Benehmen nicht berechnet war: eine gewöhnliche Frau hätte er neugierig gemacht.«

Eine halbe Stunde später rief der Jäger Boleslas: »Tür auf!«, und der Kutscher drehte zum Einfahren um und wartete, daß die beiden Torflügel sich öffneten. Da fragte Clémentine den Grafen: »Wo haust denn der Kapitän?«

»Schau, da,« antwortete Adam und wies auf ein kleines Geschoß, das sich in Form einer Attika elegant über der Toreinfahrt hinzog und mit einem Fenster auf die Straße ging. »Seine Wohnung liegt über den Remisen.«

»Und wer wohnt auf der anderen Seite?«

»Noch niemand,« entgegnete Adam. »Die andre kleine Wohnung über den Stallgebäuden ist für unsre Kinder und den Lehrer bestimmt.«

»Er schläft noch nicht,« sagte die Gräfin, als sie Licht bei ihm erblickte. Der Wagen fuhr durch den Torbogen aus Säulen, denen der Tuilerien nachgeahmt, der das übliche Regendach aus Zink mit seiner leinwandartigen Bemalung ersetzte.

Der Kapitän stand im Schlafrock, mit einer Pfeife in der Hand, und sah Clémentine ins Vestibül treten. Es war für ihn ein harter Tag gewesen, und zwar aus folgendem Grunde. Thaddäus hatte eine heftige Herzenswallung gespürt, als Adam ihn eines Tages ins Théâtre des Italiens mitnahm, um ihm Fräulein du Rouvre zu zeigen und sein Urteil zu hören. Dann, als er sie im Standesamt und in der Kirche des hl. Thomas von Aquino wiedersah, erkannte er in ihr die Frau, die jeder Mann ausschließlich lieben muß, denn auch Don Juan gab einer von den Tausendunddrei den Vorzug! Darum riet Paz auch sehr zu der klassischen Hochzeitsreise. Während Clémentines Fernsein blieb er sozusagen ruhig, aber seine Leiden begannen seit der Rückkehr des jungen Paares von neuem. Jetzt rauchte er Latakieh aus seiner sechs Fuß langen Kirschholzpfeife, einem Geschenk Adams, und dachte:

»Ich allein und Gott, der mich für mein stilles Leiden belohnen wird, können wissen, wie sehr ich sie liebe! Aber wie kann es geschehen, daß sie mich weder liebt noch haßt?«

Und er sann bis ins Uferlose über diesen Lehrsatz der Liebesstrategie nach. Man glaube nicht, daß Thaddäus in all seinem Schmerz ganz freudlos lebte. Die hochherzige Falschheit, die er heute geübt, war für ihn eine Quelle innerer Freude. Seit Clémentine und Adam von der Reise zurück waren, genoß er es tagtäglich mit unsäglicher Genugtuung, notwendig zu sein in diesem Hause, das ohne seine Aufopferung sicher zugrunde gegangen wäre. Welches Vermögen konnte der Verschwendung des Pariser Lebens standhalten? Bei einem verschwenderischen Vater aufgewachsen, verstand Clémentine nichts von der Führung eines Haushalts, den heutzutage auch die reichsten und vornehmsten Damen selbst überwachen müssen. Wer kann sich heute einen Haushofmeister halten? Auch Adam, der Sohn eines jener polnischen großen Herren, die sich von den Juden aussaugen lassen, war unfähig, die Reste eines der größten Vermögen in Polen, wo es noch Riesenvermögen gibt, zu verwalten; er besaß nicht Charakter genug, um seine eigenen Launen und die seiner Frau zu zügeln. Alleinstehend, hätte er sich vielleicht schon vor seiner Ehe zugrunde gerichtet. Paz hatte ihn gehindert, an der Börse zu spielen: ist damit nicht schon alles gesagt? Bei seiner Liebe zu Clémentine, die er wider Willen empfand, hatte Paz also nicht einmal die Möglichkeit, das Haus zu verlassen und auf Reisen Vergessen zu suchen. Die Dankbarkeit, diese Lösung seines Lebensrätsels, bannte ihn an dies Haus; er allein war der Geschäftsmann dieser sorglosen Familie. Adams und Clémentines Reise ließ ihn Ruhe erhoffen, aber die junge Gräfin kehrte schöner denn je zurück, und im Vollgenuß der Geistesfreiheit, die die Ehe den Pariserinnen bietet, entfaltete sie alle Reize einer jungen Frau, ja, ich weiß nicht, welche Anziehungskraft, eine Folge des Glücks oder der Selbständigkeit, die sie einem so vertrauensseligen, so durchaus ritterlichen, so verliebten jungen Manne wie Adam verdankte. Die Gewißheit, die treibende Kraft für den Glanz dieses Hauses zu sein, der Anblick Clémentines, wenn sie bei der Heimkehr von einem Fest aus dem Wagen stieg oder des Morgens zum Bois ritt, die Begegnung mit ihr, wenn sie in ihrem hübschen Wagen über die Boulevards fuhr, wie eine Blume in ihrem Blätterkelch – das alles flößte dem armen Thaddäus tiefe, geheimnisvolle Wonnen ein, die in seinem Herzen erblühten, ohne daß sich die geringste Spur davon auf seinem Gesicht zeigte. Wie hätte die Gräfin seit fünf Monaten die Anwesenheit des Kapitäns bemerken können? Er verbarg sich vor ihr, sorgte aber dafür, daß sie die Absicht nicht merkte. Nichts gleicht der himmlischen Liebe mehr als die hoffnungslose Liebe. Muß ein Mann nicht eine gewisse Herzenstiefe haben, um sich in Schweigen und Niedrigkeit aufzuopfern? Diese Tiefe, in der sich ein väterlicher und göttlicher Stolz birgt, bedeutet den Kult der Liebe um ihrer selbst willen, wie die Macht um der Macht willen das Lebensprinzip der Jesuiten war, – ein erhabener Geiz, der beständig schenkt und sich letzten Endes nach dem geheimnisvollen Wesen der Urkräfte der Welt gestaltet. Die Wirkung – ist das nicht die Natur? Aber die Natur ist verführerisch; sie gehört dem Manne, dem Dichter, dem Maler, dem Liebenden. Doch die Ursache – steht sie nicht in den Augen mancher höheren Seelen und mancher gigantischen Denker höher als die Natur? Die Ursache ist Gott. In dieser Sphäre der Ursachen leben Newton, Laplace, Kepler, Descartes, Malebranche, Spinoza, Buffon, die wahren Dichter und die Einsiedler des zweiten christlichen Zeitalters, die spanische Heilige Therese und die erhabenen Ekstatiker. Jedes menschliche Gefühl läßt Analogien auf diesen Zustand zu, worin der Geist die Ursache der Wirkung vorzieht. Auch Thaddäus hatte diese Höhe erreicht, wo alle Dinge ihr Aussehen wechseln. Im Banne unsäglicher Schöpferwonnen war Thaddäus in der Liebe das gleiche, was der Genius in seinen höchsten Ruhmestiteln ist.

»Nein, sie ist nicht völlig irregeführt,« sagte er sich, seine Pfeife weiterrauchend. »Wenn sie einen Widerwillen gegen mich faßte, könnte sie mich unwiderruflich mit Adam verfeinden, und wenn sie mir schöne Augen machte, um mich zu quälen, was soll dann aus mir werden?«

Diese letztere, höchst dünkelhafte Annahme lag dem bescheidenen Wesen und der fast deutschen Schüchternheit des Kapitäns so fern, daß er sich Vorwürfe darüber machte und sich zu Bett legte. Er nahm sich vor, die Ereignisse abzuwarten, bevor er einen Entschluß faßte. Am nächsten Tage frühstückte Clémentine vergnügt ohne Thaddäus, ohne seine Unfolgsamkeit zu bemerken. Es war ihr Empfangstag, an dem sie eine königliche Pracht entfaltete. Sie bemerkte die Abwesenheit des Kapitäns nicht, auf dessen Schultern alle Einzelheiten dieser Galatage ruhten.

»Gut!« sagte Paz bei sich, als er die Equipagen um zwei Uhr davonrollen hörte. »Die Gräfin hat nur einer Laune oder einer Pariser Neugier gefrönt.« Er nahm also sein gewohntes Benehmen wieder an, das jener Zwischenfall für einen Augenblick gestört hatte. Dank den Ablenkungen des Pariser Lebens schien Clémentine ihn vergessen zu haben. Glaubt man etwa, es wäre nichts, dies unbeständige Paris zu beherrschen? Glaubt man etwa, man setzte bei diesem hohen Spiel nur sein Vermögen ein? Die Winter sind für eine Modedame das gleiche, was die Feldzüge früher für die Soldaten des Kaiserreichs waren. Welch ein Werk der Kunst und des Geistes ist eine Toilette oder eine Frisur, die Aufsehen erregen soll! Eine zarte und schwächliche Frau trägt ihren harten, glänzenden Harnisch von Blumen und Diamanten, Seide und Stahl von neun Uhr abends bis um zwei, ja drei Uhr nachts. Sie ißt wenig, um die Blicke auf ihre schlanke Taille zu lenken. Dem Hunger, den sie während der Gesellschaft verspürt, begegnet sie mit entkräftenden Tassen Tee, süßem Kuchen, erhitzendem Eis und Schnitten schweren Gebäcks. Der Magen muß sich den Geboten der Gefallsucht fügen. Das Erwachen erfolgt sehr spät. Dann steht alles in Gegensatz zu den Naturgesetzen, und die Natur ist unerbittlich. Kaum aufgestanden, macht sich eine Modedame an die Morgentoilette und überlegt, was sie am Nachmittag anziehen wird. Hat sie keine Besuche anzunehmen oder zu machen, ins Bois zu reiten oder zu fahren? Muß sie sich nicht täglich in der hohen Schule des Lächelns üben, den Geist anspannen, um Komplimente zu schmieden, die weder trivial noch gesucht erscheinen? Und nicht allen Frauen gelingt das. Man wundere sich also nicht beim Anblick einer jungen Frau, die vor drei Jahren frisch in die Gesellschaft getreten und nun verwelkt und verbraucht ist! Sechs Monate Landaufenthalt vermögen die Wunden des Winters kaum zu heilen. Man hört heute nur von Magenkrankheiten, von seltsamen Leiden, die übrigens den Frauen, die sich um ihren Haushalt kümmern, unbekannt sind. Früher zeigte sich die Dame hin und wieder, heute ist sie stets in Szene. Clémentine hatte zu kämpfen. Man begann ihren Namen zu nennen, und in den Sorgen, die dieser Kampf zwischen ihr und ihren Nebenbuhlerinnen erweckte, hatte sie kaum Zeit, ihren Mann zu lieben. Thaddäus konnte wohl vergessen werden. Und doch! Einen Monat später, im Mai, wenige Tage vor der Abreise nach dem Gut Ronquerolles in Burgund, als sie vom Bois zurückkehrte, erblickte sie in der Seitenallee der Champs Elysées Thaddäus, sorgfältig gekleidet und voller Begeisterung, als er seine schöne Gräfin in ihrer Kalesche mit den flinken Pferden, den funkelnden Livreen, kurz, sein teures, bewundertes Paar erblickte.

»Sieh da, der Kapitän!« sagte sie zu ihrem Gatten.

»Wie er strahlt!« sagte Adam. »Das sind seine Feste. Keine Equipage ist besser gehalten als die unsre, und er genießt es, daß alle Welt uns unser Glück neidet. Ach, du bemerkst ihn zum erstenmal, und er steht fast täglich dort.«

»Woran mag er denken?« fragte Clémentine.

»Er denkt in diesem Augenblick, daß der Winter sehr teuer war und daß wir bei deinem alten Onkel Ronquerolles sparen werden,« entgegnete Adam.

Die Gräfin befahl, bei Paz anzuhalten, und lud ihn neben sich in ihre Kalesche ein. Thaddäus wurde kirschrot.

»Ich werde Sie verpesten,« sagte er, »ich habe Zigarren geraucht.«

»Verpestet Adam mich nicht?« fragte sie lebhaft.

»Ja, aber es ist doch Adam!« erwiderte der Kapitän.

»Und warum soll Thaddäus nicht das gleiche Vorrecht genießen?« lächelte die Gräfin.

Dies göttliche Lächeln besaß solche Macht, daß es Pazens heroischen Entschluß besiegte. Er blickte Clémentine mit der ganzen Glut seiner Seele an, aber diese Glut wurde gedämpft durch den himmlischen Ausdruck der Dankbarkeit, die das Leben dieses Mannes erfüllte. Die Gräfin kreuzte ihre Arme unter ihrem Schal, lehnte sich sinnend in die Kissen, so daß sie die Federn ihres hübschen Hutes drückte, und blickte auf die Vorübergehenden. Dieser Blitz einer großen und bisher entsagenden Seele reizte ihr Feingefühl. Welche Vorzüge besaß Adam schließlich in ihren Augen ? Mutig und hochherzig zu sein, war doch nur natürlich! Aber der Kapitän! . . . Thaddäus war Adam unendlich überlegen oder schien es doch zu sein. Verhängnisvolle Gedanken ergriffen die Gräfin, als sie von neuem den Unterschied zwischen der schönen Vollnatur des Thaddäus und der dürftigen Natur Adams bemerkte, einem Zeichen für die notgedrungene Entartung alter Adelsgeschlechter, die so töricht sind, stets untereinander zu heiraten. Diese Gedanken erfuhr nur der Teufel, denn die junge Frau blieb bis zum Hause stumm und träumte unbestimmt vor sich hin.

»Sie essen mit uns, sonst bin ich böse, daß Sie mir ungehorsam waren,« sagte sie beim Eintreten. »Sie sind für mich Thaddäus, so gut wie für Adam. Ich weiß, welchen Dank Sie ihm schulden, aber ich weiß auch, was wir Ihnen alles zu danken haben. Für zwei ganz natürliche hochherzige Handlungen sind Sie täglich und stündlich hochherzig. Mein Vater kommt zum Essen zu uns, ebenso mein Onkel Ronquerolles und meine Tante Sérizy. Ziehen Sie sich an,« sagte sie und ergriff seine Hand, die er ihr entgegenstreckte, um ihr beim Aussteigen behilflich zu sein.

Thaddäus ging hinauf, um sich anzukleiden. Sein Herz frohlockte und krampfte sich doch zugleich in furchtbarem Zittern zusammen. Er kam so spät wie möglich herunter und spielte während der Mahlzeit wieder seine militärische Rolle, die nur für einen Haushofmeister paßte. Aber diesmal ließ Clémentine sich durch Paz nicht irreführen; sie wußte seit jenem Blicke Bescheid. Ronquerolles, der geschickteste Botschafter nächst dem Fürsten Talleyrand und jetzt eine Hauptstütze de Marsays während seines kurzen Ministeriums, erfuhr von seiner Nichte die ganze Bedeutung von Paz, der sich so bescheiden als bloßen Verwalter seines Freundes Mizislas hinstellte.

»Wie kommt es, daß ich den Grafen Paz zum erstenmal sehe?« fragte der Marquis von Ronquerolles.

»Ei, er ist verschlossen und menschenscheu,« versetzte Clémentine und warf Paz einen Blick zu, damit er sein Benehmen ändre.

Wir müssen es gestehen, auf die Gefahr hin, den Kapitän herabzusetzen: Paz war wohl seinem Freund Adam überlegen, aber kein bedeutender Mann. Seine offenbare Überlegenheit dankte er dem Unglück. In den Tagen des Elends und der Einsamkeit in Warschau las er, unterrichtete sich, verglich und dachte nach, aber den schöpferischen Funken, der den großen Mann macht, besaß er nicht. Und läßt er sich je erwerben? Paz hatte allein ein großes Herz und streifte hier das Erhabene, aber in der Geistessphäre war er mehr ein Mann der Tat als des Gedankens und behielt seine Gedanken für sich. Sein Denken diente damals nur dazu, ihm das Herz zu zernagen. Und was ist zudem ein unausgedrückter Gedanke? Bei Clémentines Bemerkung tauschten der Marquis von Ronquerolles und seine Schwester einen eigentümlichen Blick und sahen dabei auf ihre Nichte, Graf Adam und Paz. Es war eine jener ganz kurzen Szenen, die nur in Italien und Paris möglich sind. An diesen beiden Stätten, sämtliche Höfe ausgenommen, können die Augen alles sagen. Um die ganze Kraft der Seele ins Auge zu legen, ihm die Macht der Rede zu geben, ein Gedicht, ein Drama mit einem Schlag auszudrücken, dazu bedarf es entweder äußerster Knechtschaft oder höchster Freiheit. Adam, der Marquis du Rouvre und die Gräfin bemerkten diese blitzartige Erkenntnis einer alten Kokette und eines alten Diplomaten nicht, aber Paz, der treue Hund, begriff, was dieser Blick verhieß. Es war wohlgemerkt das Werk zweier Sekunden. Den Orkan schildern zu wollen, der die Seele des Kapitäns durchtobte, wäre in der heutigen Zeit zu weitläufig.

»Wie! Onkel und Tante glauben schon, ich könnte Liebe finden?« sagte er sich im stillen. »Jetzt hängt mein Glück nur noch von meiner Keckheit ab! . . . Und Adam? . . .«

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