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Die Fahrten Binjamins des Dritten

Mendele Moicher Sforim: Die Fahrten Binjamins des Dritten - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sforim
titleDie Fahrten Binjamins des Dritten
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten - Die Mähre - Schloimale
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1937
translatorEfraim Frisch
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130827
projectida7c29132
wgs9110
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Wer Binjamin ist, woher er stammt und wie ihn die Reiselust überkommen hat

Alle meine Tage – so erzählt uns Binjamin der Dritte selber –, nämlich bis zu meiner grossen Reise, habe ich in Tunejadowka verbracht. Dort bin ich geboren, dort bin ich erzogen worden und dort habe ich mein frommes Weib, die Frau Selde, sie soll leben, geheiratet. Das Städtchen Tunejadowka ist ein verlorenes Nest, abseits von der Poststraße und von der Welt dermaßen abgeschnitten, daß, wenn es sich einmal ereignet und einer kommt dorthin angereist, sich Türen und Fenster öffnen, um den Ankömmling zu bestaunen. Die Nachbarn befragen einander dann, zum Fenster hinausgebeugt: Ha, wer mag das wohl sein? Woher ist der so plötzlich aus heiler Haut hier aufgetaucht? Was mag so einer hier suchen? Steckt nicht irgendeine Absicht dahinter? Es kann doch nicht sein, daß man einfach sich aufmacht und hierher reist! Sicherlich ist etwas dabei, das ergründet werden muß. Jeder will dabei seine Weisheit, seine Weltläufigkeit erweisen, unzählige aus der Tiefe des Gemüts geschöpfte Vermutungen lassen sich vernehmen; alte Leute erzählen Geschichten und Fabeln von Reisenden, die in dem und dem Jahr angekommen waren, Witzbolde machen darüber nicht eben anständige Späße, die Männer streicheln ihre Bärte und lächeln dazu, die alten Weiber weisen sie scheinbar zurecht, indem sie sie anschreien und zugleich lachen, junge Frauen entsenden einen schalkhaften Blick aus gesenkten Augen, halten die Hand vor den Mund und ersticken fast vor verstohlenem Lachen. Das Gespräch über diese Angelegenheit rollt von Haus zu Haus, wie ein Schneeball, der im Wälzen immer größer und größer wird, bis er ins Bethaus beim Ofen anlangt, an den Ort, wo alle Unterhaltungen über alle Dinge schließlich landen, sowohl über Familiengeheimnisse als auch über Politik, Stambul betreffend, den Türken und den Österreicher; sowohl über Geldgeschäfte, zum Beispiel über Rothschilds Vermögen im Vergleich mit dem der großen Gutsbesitzer und anderer Magnaten, als auch Gerüchte über Verfolgungen, etwa über die sagenhaften »Roten Juden« und dergleichen. Das alles wird der Reihe nach von einem besondern Komitee ehrwürdiger, ernsthafter Männer durchgenommen, die den ganzen Tag bis spät in die Nacht sich dort aufhalten, die Weib und Kinder darüber preisgeben und mit allen diesen Geschäften sich treulich befassen, der Sache ganz um ihrer selbst willen hingegeben, ohne für ihre Mühe und Plage auch nur einen zerbrochenen Heller zu empfangen. Von diesem Komitee gelangen die Angelegenheiten oft ins Dampfbad und auf die oberste Bank und werden dort in einem Plenum städtischer Hausväter endgültig entschieden; damit ist alles festgelegt und besiegelt, so daß hinterher alle Könige des Morgen- und des Abendlandes sich auf den Kopf stellen könnten, sie würden nichts mehr dagegen ausrichten. Der Türke ist mehr als einmal schon in einem solchen Plenum auf der obersten Bank fast ins Unglück gestürzt worden, und wer weiß, was aus ihm geworden wäre, wenn nicht einige aufrechte Hausväter ihm zu Hilfe geeilt wären. Auch Rothschild, der Ärmste, hat dort einmal fast zehn bis fünfzehn Millionen verloren, dafür hat ihm einige Wochen darauf Gott geholfen: man war da oben in bester Stimmung, die Birkenbesen wurden geschwungen und unter ihrem wohltätigen Einfluß gewährte man Rothschild einen Profit von ungefähr hundertfünfzig Millionen Rubel.

Die Bewohner von Tunejadowka sind zwar fast alle, nicht euch gesagt, große Habenichtse und arme Schlucker, aber man muß gestehen, daß sie lustige Habenichtse, fröhliche Bettler sind, von begeistertem Gottvertrauen erfüllt. Fragte man einen Bewohner von Tunejadowka etwa, von welchem Einkommen und wie er sich ernährt, so würde er zuerst verwirrt dastehen und keine Antwort darauf wissen. Bald aber wird er zu sich kommen und in aller Unschuld erwidern: »Ich, so arm ich auch lebe, ich, ach es gibt einen Gott, sag ich Euch, der seine Geschöpfe nicht verläßt, er schickt einem zu und wird gewiß auch weiter zuschicken, sag ich Euch!« – »Dennoch, was treibt Ihr? Habt Ihr ein Handwerk oder sonst einen Beruf?« – »Gelobt sei Gott, ich hab, Er sei gepriesen, so wie Ihr mich da seht, eine Gabe von Seinem lieben Namen, ein köstliches Instrument, eine Singstimme und bete an den hohen Feiertagen ›Mussaf‹; in der Umgebung. Ich bin auch ein Beschneider und ein Mazzot-Rädler, wie es kaum noch einen gibt. Manchmal bringe ich auch eine Heiratspartie zustande. So wie Ihr mich da seht, habe ich einen angestammten Sitz in der Schul, außerdem unterhalte ich, unter uns, einen kleinen Ausschank, der etwas abwirft. Ich besitze eine Ziege – möge sie der böse Blick verschonen –, die reichlich Milch gibt, und nicht weit von hier wohnt mir ein reicher Verwandter, der in schlimmen Zeiten sich auch etwas melken läßt. Jetzt, abgesehen von alledem, sage ich Euch, ist ja Gott ein Vater und seine Kinder Israel sind barmherzige Kinder von Barmherzigen. Ihr seht ja – man darf sich nicht versündigen.«

Man muß den Bewohnern von Tunejadowka auch das Lob zubilligen, daß sie mit dem, was Gott gibt, zufrieden sind und, was Kleidung und Nahrung anlangt, nicht sehr anspruchsvoll sind. Ist die Sabbat-Kapote zerschlitzt, zerrissen, am Rand mit Kot bespritzt und auch sonst nicht sehr sauber, so hat das nichts auf sich; ist sie ja doch aus Atlas und glänzt. Sieht stellenweise, wie durch ein Sieb, die nackte Haut hindurch – wer regt sich darüber auf, wer sieht hin? Wie ist es denn zum Beispiel mit der Ferse? Ist das schlimmer als eine nackte Ferse, ist die Ferse nicht Leib? Ein Stück Brot mit Kartoffelsuppe, wenn es das nur gibt, ist ein sehr gutes Mittagessen, und wie erst eine Semmel und ein Stück Suppenfleisch! Am Freitag, wer es nur hat, ist das ja geradezu ein königliches Essen, etwas Besseres gibt es überhaupt nicht auf der Welt, sollte man meinen. Erzählte man ihnen von anderen Gerichten als Fischsuppe, Gebratenem und Zugemüs aus gelben Rüben oder Pastinake, würde es ihnen so seltsam und merkwürdig vorkommen, daß sie sich darüber lustig machten und in lautes Lachen ausbrächen, wie über etwas Verrücktes, Sinnloses, das man ihnen da aufbinden wolle, genau so als wollte man einem weismachen, er sei schwanger oder eine Kuh sei übers Dach geflogen und hätte ein Ei gelegt. Ein Stück Johannisbrot am fünfzehnten Sch'wat ist eine herzerquickende Frucht, blickt man darauf, so erinnert man sich an das Heilige Land, man starrt darauf, und der Brust entringt sich ein Seufzer: »Ach liebherziger Vater, führ uns aufrecht, ja, wahrhaft siegreich in unser Land, wo die Ziegen Johannisbrot essen.« Zufällig hat jemand einmal eine Dattel ins Städtchen gebracht – ihr hättet sehen sollen, wie die Leute zusammenliefen, um das Wunder zu bestaunen! Man schlug die Heilige Schrift auf und bewies, daß Tamar – die Dattel im Fünfbuch steht. Man denke, die Dattel, diese Dattel stammt aus Erez Israel. Während sie auf die Dattel starrten, sahen sie das Heilige Land vor Augen – bald kommt man über den Jordan, hier ist die Doppelhöhle, wo die Erzväter ruhen, hier Mutter Rahels Grab, da die Westwand des Tempels – die Klagemauer. Bald wird man in den Wassern von Tiberias baden, den Ölberg hinaufsteigen, man wird sich mit Johannisbrot und mit Datteln vollessen und die Taschen mit Erde des Heiligen Landes füllen. Ach! seufzten sie, und die Augen standen ihnen voller Tränen.

Damals – so berichtet Binjamin – fühlte sich ganz Tunejadowka, so groß es ist, ins Heilige Land versetzt, es wurde eifrig vom Messias geredet – bald, bald kommt Gottes Großer Freitagnachmittag. Der neue Polizeigewaltige, der kurz zuvor dorthin versetzt worden war, regierte dazumal das Städtchen mit starker Hand, einigen Juden hatte er die Samtkappen vom Kopf gerissen, einem die Schläfenlocken abgeschnitten, andere spät in der Nacht in einem Seitengäßchen ohne Pässe erwischt, wieder bei andern eine Ziege beschlagnahmt, die ein neues Strohdach abgefressen hatte – so daß unser Komitee am Ofen sich heftig mit dem Türken auseinandersetzte: Wie lange noch wird der Schutzengel Ismaels die Oberhand behalten? Dabei kam die übliche Unterhaltung über die verschollenen Zehn Stämme aufs Tapet, wie glücklich sie in den weltfernen Gegenden leben, in Macht, Reichtum und Ehren, dann wurden die sagenhaften ›Roten Juden‹; hervorgeholt, die ›Mosessöhne‹; und Geschichten von ihren fabelhaften Heldentaten und dergleichen erzählt; auch Eldad der Danit tanzte in diesem Reigen mit, versteht sich. »Den Eindrücken aus jener Zeit verdanke ich am meisten meine späteren Reisen.«

Vorher war Binjamin wie ein Kücken, das noch nicht aus dem Ei geschlüpft ist, oder wie eine Made im Rettich, er glaubte, jenseits von Tunejadowka habe die Welt ein Ende und ein besseres, schöneres Leben als dort sei nicht denkbar. »Ich habe gemeint«, heißt es an einer Stelle seiner Schriften, «niemand könne reicher sein als einer unserer Gutspächter. Welch ein Haus, und erst seine Einrichtung – man denke, vier Paar Messingleuchter, ein sechsarmiger Hängeleuchter mit einem Adler darauf, zwei kupferne Töpfe für Essen, das weder von Milch noch von Fleisch ist, fünf kupferne Pfannen, ein Bord voller Zinnteller und sicherlich fast ein Dutzend neusilberner Löffel, zwei silberne Becher, eine silberne Gewürzbüchse, ein ebensolcher Channekeleuchter, eine Zwiebeluhr mit doppeltem Deckel und einer dicken Kette aus schwarzen Samtperlen, nicht mehr und nicht weniger als zwei Kühe und ein Kalb zum Aufziehen, zwei Sabbatgewänder und noch und noch solchen Gutes. Ich dachte in Wahrheit, ein Weiser sei einzig Reb Aisik-Dowid Reb Aaron Josseis. Man denke, über ihn war das Gerücht verbreitet, er habe in seiner Jugend mit Brüchen zu rechnen verstanden! Er hätte bei etwas mehr Glück Minister werden können. Wer noch, dachte ich, hat ein so majestätisches Aussehen, eine so einehmende Unterhaltung wie unser Chaikel der Stotterer? Oder wer noch ist so ein Meister, so ein Heilkünstler, der Tote ins Leben zurückführt, wie unser Feldscher, der, wie es heißt, die Heilkunst bei einem Zigeuner von den Magiern Ägyptens gelernt hat?«

Kurz, das Leben in seinem Städtchen erschien Binjamin wunderschön und vollkommen. Zwar lebte er in grosser Not, sein Weib und seine Kinder gingen in Lumpen, aber hatten denn Adam und Eva im Paradies sich geschämt, weil sie nackt und barfuß waren? Doch die wundersamen Geschichten von den »Roten Juden« und den Zehn Stämmen drangen tief in sein Gemüt, und seitdem wurde es ihm eng zu Hause, es zog ihn dorthin, nach den fernen Ländern. Seine Seele sehnte sich danach, wie kleine Kinder die Händchen sehnend nach dem Mond ausstrecken. Auf den ersten Blick fragt man sich, was kann wohl eine Dattel, ein Polizeigewaltiger, ein Samtkäppchen, eine Schläfenlocke oder ein in einem Seitengäßchen spät in der Nacht ohne Paß erwischter Jude, was eine Ziege und ein neues Strohdach damit zu tun haben? Aber eben das hat so tiefe Veränderungen in ihm bewirkt und dazu geführt, daß er die Welt mit seiner berühmten Reise beglücken sollte. Oft genug macht man die Erfahrung, daß kleine Ursachen große, weittragende Folgen haben: der Bauer hat seinen Weizen und seinen Roggen gesät, der Müller hat es gemahlen, davon kam ein Teil in die Brennerei und wurde zu Branntwein, ein anderer Teil des Mehls geriet in die Hände Gitels, der Schankwirtin, sie hat es gesäuert, geknetet, gewälzt und Pasteten daraus gemacht – nimmt man dazu, daß die Phönizier vor einigen tausend Jahren das Glas erfunden haben, wodurch Becher und Schnapsgläser in die Welt kamen – aus allen diesen kleinen Ursachen sind bei uns in vielen Städten jene wüsten Gemeinde-Gewaltigen, jene berüchtigten »Macher« entsprungen.

Möglich auch, daß in Binjamin der Funke eines Weltreisenden glomm, aber dieser Funke wäre erstickt, hätten die Umstände und die Erzählungen von alten Zeiten ihn nicht entfacht; selbst wenn man annehmen wollte, der Funke wäre nicht ganz erloschen, so hätte er gerade noch gereicht, um aus Binjamin einen Wasserführer, bestenfalls einen Fuhrmann zu machen. Ich bin in meinem Leben sehr vielen Fuhrleuten und Austeilern von Peitschenhieben begegnet, die, ich schwöre es, fähig gewesen wären, genau solche Reisende zu werden, wie viele, die heutzutage unter Juden herumziehen. Doch bleiben wir bei der Sache.

Seitdem pflegte Binjamin mit größter Hingabe sich in die Reisen Rabba Bar Bar Chanas übers Meer und durch die Wüste zu vertiefen. Später geriet ihm das Buch »Eldad der Danit« in die Hand, ebenso »Die Reisen Binjamins«, der vor siebenhundert Jahren auf seinen Fahrten bis ans Ende der Welt gelangt war; ferner das Buch »Das Lob Jerusalems«, durch Zugaben vermehrt, und die Schrift »Schatten der Welt«, die auf dem knappen Raum von sieben kleinformatigen Seiten alle sieben Wissenschaften umfaßt und wunderbare und erstaunliche Dinge von der ganzen Welt und ihren seltsamen wilden Geschöpfen zu erzählen weiß. Diese Schriften öffneten ihm die Augen und verwandelten ihn einfach in einen andern Menschen. »Diese wunderbaren Erzählungen«, so äußert sich Binjamin in seinem Buch, »machten mir den tiefsten Eindruck. Ach, ach, habe ich oft genug vor Begeisterung aufgeschrien, wenn mir doch Gott vergönnte, ein Hundertstel wenigstens davon mit meinen eigenen Augen zu sehen! Mein Sinn war in weite, weite Fernen entrückt.«

Seitdem wurde ihm deshalb Tunejadowka in Wahrheit zu eng. Er beschloß, mit aller Gewalt von dort sich loszureißen, wie das Kücken, das mit seinem Schnabel die Schale zu durchbrechen beginnt, um aus dem Ei in die helle Welt hinauszuschlüpfen.

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