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Die Fahrt ins Nichts

Reinhold Eichacker: Die Fahrt ins Nichts - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorReinhold Eichacker
titleDie Fahrt ins Nichts
publisherUniversal-Verlag
year1924
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150910
projectid00b68581
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Madame Barbuche ging erregt durch den Raum. Ihre großen Augen flammten in unbeherrschtem Zorn, in maßlosem Haß. Lebrun war betroffen von dieser dämonischen, schweigenden Wut. Ihr schönes Gesicht war fast schreckhaft entstellt.

»Werndt! Werndt! Stets dieser Werndt!« zischte sie. »Fühlte ich's doch, daß dieser Mensch wieder am Werk war! Irgendein Teufel muß ihm verbündet sein. Sie haben den Bericht des New-York-Expreß gelesen, Monsieur, die Kommentare der Wissenschaft zu dem Projekt. Die Konstruktion ist genial, ist die Lösung an sich. Was sind wir dagegen mit Ihrem Projekt!«

»Madame!« fuhr er auf.

Sie hörte ihn nicht.

»Sein Boot hat die Fischform, es taucht ohne Kette, es hat viele Fenster, hat eigene Triebkraft, hat – Himmel und Hölle! Was machen wir jetzt mit der albernen Kugel!«

Lebrun schoß das Blut hoch.

»Madame, nicht ich bot Ihnen ja mein Projekt an. Sie wünschten es selber.«

»Weil es das einzige war, das überhaupt in Betracht kam!«

»Werndt hat ein Salonboot. Es ist nur ein Blender. Das Boot soll das Meteor heben, zum Meeresgrund tauchen. Das kann auch die Kugel. Zwei Lösungen stehen sich da gegenüber. Ich weiß wohl, die andere ist eleganter, doch darum ist meine kein Jota verschlechtert. Sie bleibt eine Lösung!«

Sie fing ihren Zorn ein und sah auf die Pläne.

»Wie lange brauchen Sie noch, diesen Bau zu vollenden?«

»Zwei Wochen.«

»In zwei Wochen will dieser Satan auch tauchen. Dies Boot – diese Lösung ... Daß wir sie nicht haben!«

Lebrun überlegte.

»Jetzt, wo die Idee seiner Lösung bekannt ist, da wäre es möglich sie für uns zu bauen. Ich könnte nach diesem System konstruieren und ihn mit den eigenen Waffen bekämpfen.«

Sie blitzte ihn an.

»Und die Bauzeit? Der Vorsprung?!«

»Vier Wochen, wenn wir Tag- und Nachtschichten nehmen.«

»'cre bleu!« zischte sie. »Vier Wochen, vier Wochen! In zwei Wochen fährt er, die Beute zu holen! Was nützt uns sein Tauchboot, wenn alles schon leer ist!«

Der Ingenieur grübelte über der Zeichnung. Dann hob er die Stirne.

»Noch eins wäre möglich. Wir könnten den Rumpf meines Kugelboots nehmen, in ihn meine Tauchbootmotore einbauen und auch noch die Fenster des Werndt-Bootes wählen. Dann wären die Lösungen beide vereinigt.«

»Bauzeit?« frug sie wieder. Sie hielt ihre Finger wie Krallen nach unten.

»Ich würde die Arbeiter nochmals verdoppeln, in Schichten von drei Stunden arbeiten lassen. Man könnte durch Prämien treiben und hetzen, die Leute auspumpen. In zwei Wochen würden wir's dann wohl erreichen.«

»Zwei Wochen? Was heißt das? Er fährt von Tokio. Wir bauen in Sidney. Wir müßten noch drei Tage Vorsprung gewinnen, um gleichzeitig mit diesem Satan zu tauchen.«

»Ich weiß nicht, Madame – – doch ich will es versuchen. Es scheint fast unmöglich.«

Sie stampfte den Fuß auf.

»Es muß möglich werden! Ich zahle noch hundert Millionen als Kaufpreis, wenn Sie es erreichen. Am 15. Februar müssen wir tauchen!«

Ihr Blick blitzte drohend. Er riß sich zusammen.

»Am dreizehnten mitternachts Abfahrt von Sidney. Am 15. Februar – Fahrt in die Tiefe!«

* * *

Der Hafen von Yokohama war ein einziges Festlager. Riesige Tribünen zogen sich kilometerweit an der Küste entlang. Die Stadt selbst schien im Flaggenschmuck fast zu ersticken. Es wehte und flatterte von allen Häusern, von Dampfern und Türmen, von Stangen und Masten. Eilzüge brachten in jeder Minute die Gäste Tokios. Unzählige Autos durchrasten die Gegend. Die Luft war beängstigend voll von den Aeros. Die blitzschnellen Schwalben der Luftpolizei durchsausten das dunkle Gewimmel am Himmel und wiesen den Platz an. Die Flugplätze wurden zu klein für den Andrang.

Werndt und sein Krakon war auf aller Lippen. Man plauderte, fragte und gab frohe Antwort. In zahllosen Sprachen, in Deutsch und Japanisch, in Englisch und Russisch. Das Völkergewimmel war unübersehbar. Schon kurz nach Beginn dieses sonnigen Tages war auf den Tribünen die Kette geschlossen. Kein Mensch hätte oben mehr Platz finden können. Kapellen aus Japan und anderen Staaten verteilten sich über die Städte und Dörfer. Das ganze Land schwamm in den jubelnden Klängen. Zerrissene Fetzen der Nationalhymnen zerflatterten über den Köpfen der Menge.

Der Krakon! Das Wort schrie von Wänden und Riesenplakaten. Mit haushohen Wegweisern wies es zum Meere. Dort lag es seit Tagen wie schlafend vor Anker, bewacht und gesperrt von elektrischen Booten – das goldene Wunder des deutschen Erfinders. Krakon! Wie eine Völkerwanderung war es gewesen. Millionen und aber Millionen von Menschen waren aus Städten und Wüsten gekommen, um hier, am Gestade des ewigen Meeres der Stunde ihr staunendes Opfer zu bringen! Krakon!

Der 15. Februar war für die Erde ein einziger Festtag. Wer nicht selbst zum Schauplatz der Abfahrt gepilgert, der saß diesen Morgen erschauernd im Kino und sah auf der flimmernden Leinwand das ferne Geschehen im Bann Yokohamas, wie in einem Spiegel. Ein Riesenfilm ratterte durch alle Kinos der festlichen Erde. Man sah, wie der ›Krakon‹ gedacht wurde, sah Werndt und sein Zimmer, sah, wie sein Stift über den Tisch fuhr, wie er Integrale und Formeln aufs Blatt warf. Man sah mathematische Tafeln zerblättern, sah die Logarithmen im Trickfilm erstehen, sah Zahlen gehäuft und im Windstoß zerwehen. Man sah, wie der Krakon aus Nichts in das Licht wuchs. Die Kiele, die Rohre, die riesigen Kessel. Man folgte dem Werden der Meßapparate, dem Gießen der Gläser, dem Bau der Motore. Die Ringrohre schlossen sich langsam zum Schiffsrumpf, die Windkessel schwebten an turmhohen Kranen und senkten sich an ihre richtigen Plätze. Das erste Gas lief durch die Rohre der Leitung und ließ die Ventile und Bremskolben spielen. Die Klauen und Greifer, die Rüssel und Steuer entstanden und wurden vollendet, der innere Hohlraum zerteilte sich sichtbar in wohnliche Zimmer. Sie füllten sich magisch mit Türen und Möbeln, mit Meßapparaten und nautischen Karten. Ein ganzes Museum von See-Instrumenten zog über die Leinwand und wurde bewundert. Und dann lag es selbst da, aufblitzend und spiegelnd im blendenden Hochglanz der schmiegsamen Goldhaut, im Sonnenlicht funkelnd, ein riesiger Goldfisch. Er drehte sich langsam und zeigte die Schrauben und wieder die Flanke der anderen Seite. Sein Rumpf wurde breiter, schien näher zu rücken, ein kreisrundes Auge sah starr in die Menge, das Fenster des »Krakon«, von dem alle sprachen, von furchtbaren Klauen und Rüsseln umgeben. Ein Untier der Tiefe, ein lebender Krake, schien wild nach den winzigen Menschlein zu greifen. Ein kaltes Gefühl ungeahnter Gefahren schlich sich in die Herzen. Das wogende Meer schien noch höher zu wallen und nach diesem Wunder der Menschheit zu schnappen. Da blitzte es auf. Das Bild wurde blasser, ein Lichtkegel flutete grell aus der Leinwand ... die Scheinwerfer spielten ... man schloß schnell die Augen ... und staunte von neuem ...

Mondflimmer lag über dem Meere ausgegossen. Die Sterne erstrahlten am nächtlichen Himmel. Und unten, am Grunde der schillernden Fluten schoß es wie ein Schatten zur endlosen Tiefe. Da wuchs es heran, wie ein Märchen der Sehnsucht, die Goldhaut des Krakon schien innen durchleuchtet, unirdischer Glanz hüllte Wellen und Boot ein – –

Und dann riß es ab wie ein Traumband im Weltall ... ein wirbelnder Stern drehte sich auf der Leinwand und sprang auseinander in lautlosem Platzen. Ein einziger Laut stieg aus jubelnden Kehlen, ein einziger Schrei, in der gleichen Minute ... in flammendem Kreis stand der Kopf eines Mannes ... das schlohweiße Haar um die offene Stirne, der schlanke gebogene Rücken der Nase ... zwei stahlblaue Augen, in gütigem Lächeln zum Herzen des einzelnen Zuschauers dringend ...

Werndt! jauchzte es auf in schluchzendem Jubel. Werndt! lief es wie Zittern rings über die Erde. Auch in Yokohama fing man diesen Schrei auf. Ein blitzender Punkt flammte über den Köpfen und wurde zum goldenen Renner der Lüfte. Er schoß steil nach unten und landete spielend am Ufer des Meeres. Weit, wie eine Welle ging es durch die Massen. Der Blick fraß sich fest an der mächtigen Kanzel, die turmhoch die ganze Umgebung beherrschte ... Da tauchte es auf, auf der obersten Plattform. Die Böller der Schiffe zerplatzten als Willkomm. Im Anblick der Welt stand dort oben der Meister, der jubelnd begrüßte Erretter der Erde, der Schöpfer des Krakon, Nihiliumsieger, das größte Genie aller irdischen Zeiten ... und sprach zu der Menschheit, die stumm zu ihm aufsah, das Radiophon an den lauschenden Ohren ...

Da wußten es alle, die dort unten standen, hier in Yokohama wie fern in Europa: ihr Führer, ihr Abgott, kam Abschied zu nehmen, um mit seinen Freunden das Letzte zu wagen. Um nochmals sein Leben der Menschheit zu opfern, im Kampf mit dem Dämon, vor dem allen grauste. Ein weher Ton mischte sich bang in den Jubel. Stand heute die Erde vor ihrer Erlösung? Erlebte sie heute den Tag tiefster Trauer? War dies hier ein Abschied für wenige Stunden? War es nicht ein Gruß des dem Tode Geweihten ...?

... Die Plattform war leer ... Die Menge stand schweigend ...Die Stimme dort oben war lange verklungen. Da donnerten nochmals die Rohre der Schiffe, die Küste stand zitternd im Abschuß der Böller, ein schmetternder Zuruf stieg aus allen Hörnern ...

Da löste das Goldboot die klirrenden Anker. Die Schrauben des Hinterteils peitschten die Fluten. Der Krakon verlor sich im offenen Meere ...

* * *

Werndt kam aus dem vorderen Boot in den Wohnraum und reichte Frau Mabel und Nagel die Hände.

»Die Fahrt zum Nihilium hat nun begonnen. Uns bleibt reichlich Zeit, meinen Plan zu besprechen.«

Er nahm seinen Sessel am länglichen Eßtisch. Don Ebro trug Speisen und kaltes Getränk auf. Werndt gegenüber hing schräg von der Decke die Projektionsfläche, auf der durch prismatische Linsen der Schiffsperiskope ein Mattbild des Horizontkreises vorbeizog. Der Krakon durchschnitt mit vierzig Kilometern pro Stunde das Weltmeer. Ein Steuermann war in der Lage entbehrlich. Werndt konnte in jeder Sekunde vom Wohnraum die Situation ganz genau überschauen. Ein Griff an den Nothebel unter dem Tische genügte, sofort die Maschinen zu stoppen und sie augenblicklich auf Rückfahrt zu stellen.

In Mabels Augen lag noch der Glanz der entschwundenen Stunde. Sie stand ganz im Banne des großen Erlebens. Unsagbare Dankbarkeit gegen den Mann dort, der sie alle führte, und Stolz auf die Rolle, die Werndt ihr gewiesen, zwang sie beide Hände des Meisters zu drücken. Ein gütiges Leuchten der stahlblauen Augen gab ihr stumme Antwort. Sie wußten, es ging jetzt um Tod oder Leben. Gemeinsames Schicksal, wie einst hoch im »Falken«, hielt sie heute wieder zusammengeschmiedet.

Werndt sah sinnend vor sich.

»Sie kennen den Plan schon in wichtigen Punkten. Ich habe die Absicht, zunächst auf dem kürzesten Wege in den nahen Bereich der antizyklonischen Strömung zu fahren, dort wo sie sich aufwölbt. Dann will ich schnell tauchen, bevor sie uns abtreibt, um in jene Schichten der Tiefe zu kommen, wo sich der Kreis umkehrt in einen zum Zentrum hin saugenden Wirbel. Dort wollen wir uns mit geringerer Fahrt und in langsamem Sinken dem Wirbel vertrauen und uns in die Tiefe, zum Ziel reißen lassen. Sollte es notwendig werden, das heißt also, sollte der Wirbel zu stark sein, so stellen wir alle vier Schrauben auf Rücklauf. Gewaltsames Aufstoßen unten am Grunde ist immer gefährlich. Und dann, unten angelangt, gilt es, dem Wirbel zu trotzen und willkürlich steuernd den Meeresgrund mit unseren Scheinwerfern rings abzusuchen.«

»Und was dann?« frug Nagel. »Wenn wir die nihilische Masse entdeckten?«

»Das muß sich dann erst aus der Lage ergeben.«

»Werden wir dann gleich versuchen, das Meteor zu ergreifen?«

»Auch das ist nicht sicher. Es kann unter Umständen ratsam erscheinen, nochmals aufzutauchen. Das kann ich erst alles am Ziel selbst entscheiden.«

Frau Mabel folgte dem Bild auf der Scheibe. Mächtige Wogen hoben den Krakon.

»Welche Zeit, glauben Sie, werden wir brauchen?«

»Zur eigentlichen Tauchfahrt rechne ich etwa zwölf Stunden. In dieser Zeit tauchen wir neuntausend Meter.«

»So lange?«

Sie war überrascht.

»Und aus welchem Grunde? Der Krakon taucht doch diese Tiefe weit schneller.«

»Aus Vorsicht, Frau Mabel. Auch fahren wir gegen gewaltige Strömung. Wir dringen in ganz unbekannte Gebiete und müssen dabei stets mit Umständen rechnen, die keiner vorhersieht. Das Meer selbst hat Rätsel, die wir noch nicht wissen, vielleicht auch Gefahren. Und das Meteor ist noch in voller Wirkung. Wir dürfen uns nicht in Gefahren begeben, aus denen kein Ausweg nach oben erkannt ist.«

Er zog seine Uhr.

»Zwei Uhr vierzig. Es wird also Zeit, uns ins Steuern zu teilen. Die ersten sechs Stunden sind Ihnen, mein Lieber.«

Er ging in sein Zimmer, und Nagel erhob sich. Er küßte Frau Mabel und stieg schnell die Leiter zum Turmraum nach oben. Jetzt wo er die Fläche des Meers überblickte, ließ er hohe Fahrt an. Dreitausend Pferdestärken drehten schon an den Schrauben. Sie wurden fünftausend, zehntausend, dann zwanzig. Von Minute zu Minute steigerte er die gewaltige Kraft der Maschinen bis auf achtzigtausend. In voller Fahrt peitschten die Schrauben die Wogen. Der blaue Himmel, der noch über Japans Gestaden geleuchtet, war seltsam verdüstert. Wie aus Nichts erschaffen, erstrahlten unzählige Cirri im Osten und zogen sich zu einer Decke zusammen. Das Barometer fiel jede Minute, als drücke die Faust eines Riesen von oben. Es zeigte bald nur siebenhundert Millimeter, dann sechshundertneunzig, nur sechshundertachtzig. Am Meeresspiegel meldeten sich erste drohende Anzeichen furchtbarer Stürme. Ein ungeheueres Eismeteor mußte in die Lufthülle der Erde getreten sein. Plötzlich sprang jäher Wind an. Er steigerte sich unablässig. Rabenschwarz hing der Himmel. Am Horizont flammte ein schwefliger Streifen.

Dreißig, vierzig, fünfzig Sekundenmeter zählten die Messer. Wie ein goldener Korken tanzte der Krakon auf riesigen Wellen, auf Bergen von Wasser. Er schlingerte heftig. Die rasende Schraube griff oft in das Freie und surrte vor Schmerz wie ein lebendes Wesen.

Nagel hatte die Luke geschlossen. Das Plattformgeländer lag flach umgeschlagen. – Ein pechschwarzer Trichter von Wolken zog sich im Osten zum Meere hernieder und saugte gigantische Säulen von Wasser in riesige Höhen. Der Windmesser raste ...

Da stellte Nagel auf kurze Fahrt über und gab Tiefensteuer. Er stieg schnell nach unten. Durch einige Schalter verlegte er wieder das Zentrum der Nerven des keuchenden Krakon zum vorderen Steuer. Die Lenkflächen neigten sich, langsam und sicher verließ das gehorsame Goldboot die tobende Oberfläche des Meeres und sank in die Tiefe – zehn Meter – zwanzig – dreißig ... wie in weiche Kissen. Das Tosen und Wogen der Ozeanwellen war plötzlich erloschen. Unendliche Ruhe lag rings um den Krakon. Und immer noch sank er – vierzig Meter, fünfundvierzig – fünfzig ... Ein dumpfer Laut, wie eine Explosion ... Des Krakon Puls schlug seinen ersten, vernehmbaren Herzschlag ...

Nagel saß an dem Steuer. Die Mattscheibe vor ihm war nächtlich umdämmert. Er griff nach dem Schalter – es blitzte grell draußen – die Scheinwerfer stießen ihr Licht in die Fluten ... Der Spiegel am Steuer war plötzlich voll Leben. Unzählige Meertiere stiegen und fielen, jagten und drängten sich in ihren Kegel. Mitten ins Licht hinein kamen sie in hellen Scharen, die glotzenden Augen in ängstlicher Starrheit, die Mäuler geöffnet, als schnappten sie nach diesem Störer des Friedens. Auf fünfhundert Meter war alles erleuchtet. Ein Feenreich öffnete sich, wie im Märchen. Selbst Nagel, dem ja dieser Anblick nicht fremd war, genoß dieses Schauspiel mit hellem Entzücken.

»Wie herrlich!« rief es in dem hinteren Zimmer. Er wandte sich um. Der Kopf Mabels schmiegte sich an seine Wange. Sie kam, ihrem Gatten Gesellschaft zu leisten. Sie hatte die Ruhe nicht, um jetzt zu schlafen. Myriaden grotesker Meertiere in allen Formen vom Fisch bis zum Seestern, Mollusken und Quallen leuchteten auf und verschwanden im Spiegel. Die Lichtkegel setzten die Tiefen in Aufruhr.

Nagel drückte jetzt kurz einen Hebel.

»Weißt du, was ich machte?«

Sie sah ihn nur an, seine Antwort erwartend.

»Ich gab das vereinbarte Zeichen des Senders. In diesem Augenblick brechen alle Telekinos der Erde die Vorstellung ab und stellen ihren Projektor hier auf unser Boot ein. In allen Telekinos der Erde erwartet man jetzt mit unendlicher Spannung die erste kinographische Bildstrahlung unserer Fahrt nach dem Dämon.«

Nochmals gab er ein Morsezeichen und senkte den Hebel. Im gleichen Augenblick klappte es leise. Die Hinterwand öffnete rasch eine Luke. Ein Linsensystem schaute in die Kabine, mit tastenden Augen, und sah durch das Rundfenster vorn an der Spitze hinaus in die blendend erleuchteten Fluten.

»Kopf weg!« lachte Nagel. Er duckte sich selber. »Wir stehen sonst mit unseren Köpfen im Wege. Alles das, was die Linse dort sieht, projiziert sich jetzt, in dieser gleichen Sekunde, in allen Theatern der oberen Erde.«

Etwa zehn Minuten lang ließ er das Meerwunder spielen. Dann schaltete er seine Bildstrahlung aus.

»Man darf die Leute nicht gleich so verwöhnen,« meinte er fröhlich. »Und dann braucht das Volk diesen Kuß nicht zu sehen.«

Sie gab ihm die Lippen. Er stand von dem Stuhl auf.

»Wir wollen jetzt wieder hinaufgehen, Mabel. Der Sturm scheint vorüber. Die Sonne liegt oben. Ich will eine Ortbestimmung versuchen. Es ist sechs Uhr vierzig. Das Ziel rückt stets näher.«

* * *

In voller Fahrt schnitt sich das Boot durch die schäumenden Wellen. Nagel saß wieder am Steuer des oberen Turmraums. Der Boden der Plattform lag glitzernd und trocken. Kein Tropfen blieb an der Argauronhaut haften.

Von unten stieg Werndt auf der Leiter nach oben.

»Wir müssen gleich dort sein.«

Der Jüngere nickte.

Werndt hatte das Glas an die Augen genommen. Jetzt gab er es Mabel.

»Dort, schauen Sie bitte – die Kimm im Südosten ...«

Sie sah durch das Fernrohr.

»Die Kimm im Südosten? – Ja, wirklich, jetzt seh' ich's. Ganz deutlich – sie ist nicht mehr gerade –. Wie kommt das? Sie wölbt sich – sie schwillt immer höher ...! Ist das durch die Schnelligkeit, mit der wir fahren?«

Auch Nagel bemerkte es schon ohne Fernglas.

»Na, eigentlich kommt es mir gar nicht so vor, als ob wir noch immer sehr rasch näher kämen.«

Werndt nickte bejahend.

»Wir sind eben schon in der Antizyklone. Der Krakon wühlt sich durch die ihm entgegenkommende Strömung.«

»Wir sind da!« jauchzte Nagel. »Dort sieht man schon deutlich die Wölbung des Meeres.«

»Und drüben, am Hintergrunde des Himmels, steigt die Pyramide. Phantastisch und dunkel.«

»Die Wasserstaubtrombe.«

»Merkwürdig!« rief Nagel, »daß wir sie nicht schon vor Minuten gesehen.«

»Sie scheint außerordentlich schwach zu sein. Wirklich. Alle letzten Berichte meldeten schon ein bedeutendes Nachlassen dieser Erscheinung.«

»Noch stets neue Rätsel.«

»Wir sind jetzt schon näher, als jemals ein Schiff kam. Wir fahren den reißenden Stromberg nach oben.«

Nagel drehte sich um, mit verwunderten Augen.

»Ich glaube nicht, daß wir noch viel weiter kommen. Die Maschinen laufen mit voller Gewalt. Die Annäherung an die Zyklone ist fast Null geworden.«

»Also sind wir am Einstieg zum Ziele, mein Bester. Um sieben Uhr dreizehn. Mit Gott denn zur Tauchfahrt ...!«

* * *

Die Tür der Steuerkabine öffnete sich leise. Werndt ging durch das Zimmer und prüfte die Zeiger. Nagel machte den Steuersitz frei und trat auf die Seite. Mit wenigen Worten verstanden sich beide.

»Fahrt?« fragte Werndt.

»Fünfundzwanzig Kilometer relativ.«

»Richtung?«

»Nordost.«

»Tiefe?«

»Eintausendachtundsiebzig Meter.«

»Ablösung.«

Mit militärischer Knappheit vollzog sich der Wechsel des Steuers.

»Wie stehen wir zum Wirbel?«

»Wir fahren radial darauf zu und halten der antizykloniden Strömung das Gleichgewicht. Absolut genommen stehen wir beinahe am selben Fleck und sinken sehr langsam.

»Schön. Und die umkehrende Schicht?«

»Ist noch nicht erreicht.«

»Dürfte wohl erst bei zweitausend Meter kommen. Gute Nacht, lieber Nagel.«

Die Türe schloß wieder. Walter Werndt war allein. Er setzte sich ruhig und drehte das Licht aus. Nur das Meer vor ihm leuchtete in allen Farben. Er selbst griff die Hebel und Schalter im Dunkeln. Er war wie ein Teil seiner Schöpfung, des Krakon.

Langsam schlichen die einsamen Stunden. Werndt saß in Gedanken, starr, stumm, unbeweglich, wie eine Maschine aus eisernen Nerven. Immer und immer wieder prüfte sein Hirn alle Fragen der Tauchfahrt. Noch war es ja Zeit, in die Höhe zu steigen, erkennbare Fehler des Planes zu ändern. Von ihm, seiner Rechnung, hing heute sein Leben, das Leben der Freunde, das Schicksal der Welt ab. Er kannte die Waffen des Dämons da unten. Er würde sich wehren, es würde ein Kampf sein. Mit Strahlen und Gasen, mit Strömen und Wirbeln. Er wußte das alles und prüfte sein Rüstzeug. Er fand keine Lücke in seiner Berechnung ...

Der Krakon sank stetig. Der Pulsschlag der ehernen Windkessel, jedes Atmen der Ventile lebte in Werndts Brust. Jeder Hebel war mit einer Zelle seines Hirns verwachsen. Er glaubte körperlich das Pendeln der Manometerzeiger zu fühlen, in einer Änderung seines Blutdruckes. Das Schwanken der Kompaßnadel des Magneten, des Nordzeigers des elektrischen Kreiselkompasses griff nach seinen Nerven. In automatischer Reflexbewegung zuckte die Hand nach dem Steuer und stellte den Kurs ein.

Regelmäßig, von fünfzig zu fünfzig Metern, schlug der Herzschlag des Krakon. Eintausendneunhundert Meter waren um zwölf Uhr siebzehn erreicht. Die achtunddreißigste Explosion spie ihr Gas aus der Kammer in die riesigen Kessel und preßte den Druck in die Rohre des Tauchboots ...

Werndts Tauchfahrt hatte begonnen!

Gigantische Scheinwerfer jagten die Meldung zum nächtlichen Himmel. Von Zeitungspalästen, vom Dachfirst der Kinos erstrahlten die Worte, von Licht überflutet. Kein Mensch hatte heute die Ruhe zu schlafen. Das Nachtbild der Städte war tot, ausgestorben, vom Leben verlassen. Nur einzelne Aeros durchsausten die Lüfte, gehetzt, wie verspätete Gäste des Schauspiels.

Man saß in den Kinos. Wie in einer Kirche. Kopf dicht neben Kopf, und sah auf die Leinwand. Werndt hatte den Anfang der Tauchfahrt gemeldet. Er hatte versprochen, von diesem Moment an die kinographische Bildübertragung ununterbrochen offen zu lassen. Ohne Pause folgte die Erde den Vorgängen, die sich im Steuerraum zeigten. In Rom und Newyork, in Madrid und Berlin, in Städten und Dörfern, wo Kinos sich fanden, sah man auf der Projektionsfläche dasselbe, was die Kinolinse im Steuerraum schaute: das kreisrunde Fenster, das Wunder des Meeres im Scheinwerferkegel. Und vorne den Steuermann. Meist seinen Kopf nur, wie einen Souffleurkasten, unten am Bilde. Dann Teile des Zimmers, die Meßapparate ...

Mit Spannung und Rührung verfolgte man alles. Wenn Nagel, der stets vollbeleuchtet im Licht saß, sich am Steuer regte, wenn Mabel hereintrat, wenn alle drei sprachen, ging es wie ein Raunen durch alle Theater. Man hörte die Namen, man betete leise für gutes Gelingen.

Dann saß wieder Werndt da. Allein, unbeweglich. Die Kammer war finster, nur vorne im Lichtkreis war ewiges Leben. Werndts Kopf hob sich dunkel vom unteren Rand ab. Unermüdlich starrte die Menge mit ihm in die Fluten. Die Umkehrungsschicht mußte jetzt bald beginnen. Die Nerven der Zuschauer bebten vor Spannung. Das Kaleidoskop dieses Lebens der Tiefe verlor langsam seine Beruhigungswirkung.

Noch immer hob sich auf der Leinwand das kreisrunde Fenster des tauchenden Krakon. – Eintausendneunhundert Meter Tiefe zeigte die Tiefentabelle der Kinos. Da schreckte man auf. Unerwartet, ernüchtert. Das Glotzauge vorne war plötzlich verdunkelt. Das eben noch helle Gewässer war finster, als sei eine Klappe heruntergefallen. Man sah nur das Glühen der zierlichen Lämpchen der Meßapparate, und in ihrem Schimmer Bewegung am Steuer.

Werndts Kopf hob sich hastig, man sah, wie er stutzte. Vermutungen, Fragen durchschwirrten die Menge. Nur kurze Sekunden, dann sprang man vom Sessel, gelähmt von Entsetzen hielt man sich am Klappsitz. Ein einziger Angstschrei brach sich an den Wänden. Das Grauen, die Panik sprang in alle Hirne ...

Das Bild oben war grell von innen erleuchtet, doch vorne erschien jetzt ein scheußlicher Rachen, der Kopf eines furchtbaren Riesenpolypen, die saugenden Rüssel in wilder Bewegung, das kreisrunde Fenster des Krakon verfinsternd. Der Leib dick geschwollen, ein wässeriger Beutel, wie ein Elefant groß, schwamm, wogte und blähte sich hinter den Augen, die starr, glotzend, hypnotisierend von oben herab auf die Zuschauer brannten. Ein Riesenschnabel stieß wütend nach vorne. Acht riesige Schlangen, gepeitscht, tobend, fiebernd, wirbelten aufwärts, in grauser Verschlingung sich vielfach verknotend. Mit gespreizten Saugern, geringelt wie Lindwurmschwänze, in heftiger Zuckung. Nervenpeitschend war dieses Rasen. Wohl zehn Meter lange, menschenleibdicke Kautschukwürmer, durchpulst von taumelndem, wütendem Leben, unzählige Fische vor starrenden Augen verschlingend, erwürgend ...

Es war, als wüchse das glotzende Auge, als griffe das Untier hinein in die Menge, als stoße es mit seinen Schlangen und Rüsseln wutschnaubend hinunter, um sich tausend wehrlose Opfer zu greifen, mit zuckenden Saugern zur Decke zu wirbeln, zerquetscht und zerfleischt in den Rachen zu schlürfen ...

Niemand fand mehr die Kraft, aus dem Saale zu fliehen. Das Auge des Scheusals erwürgte den Willen. Man hing halb erhoben in Stühlen und Sesseln, man tastete hilflos an Wänden und Türen und starrte nur nach jenem Manne da vorne, der dicht, wie zum Greifen vom Rachen sich abhob ...

Man sah, wie er stutzte und heftig zurückfuhr. Nur kurze Sekunden. Dann bog er sich seitwärts. Er – lächelte ... wirklich! Er drehte sich ruhig und lächelnd nach rückwärts und schüttelte freundlich, gelassen, das Weißhaar, als wisse er um diese Panik der Erde. Als wolle er allen sein Handeln erklären, wies er auf die Taster der vorderen Bootswand.

Er löst seine Greifer! – kam es wie ein Aufschrei. Langsam, langsam sank in die Menge ein neues Bewußtsein. Man fühlte sich wieder in sicherer Obhut, als stiller Beschauer des furchtbaren Kampfes. Man staunte Werndts Ruhe stumm an, wie ein Wunder, erinnerte sich wieder an seine Waffen, die Greifer und Klauen, die achtfachen Fenster. Die Panik zerriß sich in Spannung und Grauen ...

Werndt hatte den Taster gedrückt, den er zeigte. Da war es, als schlage der Krakon wild um sich. Riesige Greifer, vergoldete Klauen, größer und massiger, fester und schärfer als die des Polypen, schossen in heftigem Schwunge nach vorwärts. Wie sich ein Blutegel anbeißt, so biß sich der Rüssel des Krakon hinein in den fleischigen, quellenden Rücken des Untiers.

Fürchterlich warf sich das Scheusal ans Boot an. Bäumte sich aufwärts. Grauenvoll schnappte der schreckliche Rachen, der Kreuzschnabel hackte wild nach allen Seiten. Das Auge spie Glut aus und glotzte nach unten, in wütender Drehung.

Noch einmal griff Werndt einen Hebel der Bootswand. Der Riesenleib draußen stieg auf, wie geworfen. Er blähte sich, wie eine platzende Blase, der Rüssel des Krakon fuhr in seine Masse, bohrend, saugend zerfraßen sein gallertartiges Fleisch die chemischen Säuren, die aus feinen Röhren ins Innere trieften.

In rasendem Schmerz warf das Scheusal die Fänge, die ringelnden Schlangen zerpeitschten die Fluten. Mit jedem Hieb traf es auf stählerne Schneiden, die sich aus dem anderen Goldkraken reckten ...

Nach kurzen Minuten ließ schon seine Kraft nach. Gemartert, zerschnitten, zerstückt warf sein Rumpf sich. Der Schnabel sank müde, wie klagend, zur Seite, der Rachen fiel matt, wie ein schwammiger Lappen zusammen ... Der Krakon spie seinen fast leblosen Gegner mit einem Ruck von sich, als ekle er sich vor dem schrecklichen Scheusal. Mattzuckend, mit wehrlosen, tastenden Stümpfen sank es wie ein fleischiger Beutel zur Tiefe ...

Ein Aufatmen ging durch die Kinos der Erde. Wie nach wirren Träumen, die endlich gewichen. Dort oben stand wieder das kreisrunde Fenster, die Scheinwerfer leuchteten weit in die Fluten und zahllose Seepferdchen, Fische und Quallen umspielten wie vorher das tauchende Goldboot ...

* * *

Werndt hatte das Steuer an Nagel gegeben, doch saß er im Steuerraum in einem Sessel. Es war so vereinbart, daß Nagel ihn häufiger ablösen sollte. Werndt mußte zur untersten Tauchfahrt noch frisch sein. Er hielt sich zurück für die Zeit der Gefahren. Er schien leicht zu schlafen. Im Meere war keine Veränderung sichtbar. Da hob Werndt den Kopf ohne sich aufzurichten.

»Wir müssen nun bald an die Wechselschicht kommen. Wie ist jetzt die Tiefe?«

»Zweitausendeinhundert.«

Er schwieg eine Weile.

»Meister,« frug Nagel.

»Ja, bitte.«

»Mir kamen vorhin hier beim Steuern Bedenken.«

»Und welche?«

»Ich dachte darüber nach, daß wir eigentlich steuerlos fahren, wenn wir nicht mehr wissen, wo wir uns befinden. Von den drei Komponenten des Raumes zeigt das Manometer mir zwar stets die Tiefe, die proportional dem oberen Druck ist. Die Fahrtrichtung sehe ich auch aus dem Kompaß. Doch wo wir jetzt sind, ist fast ganz unbestimmbar. Ich kann die Geschwindigkeit zwar relativ zum umgebenden Wasser ermitteln – wie können wir aber hier unten feststellen, um wieviel die Strömung des unterseeischen Wirbels uns abtreibt?«

Werndt nickte bejahend.

»Es ist mir sehr lieb, daß Sie fragen. Ich wollte soeben von diesem Punkt sprechen. Ich habe gestern abend, noch ehe wir tauchten, die Richtung des Wirbelzentrums ermittelt. Wir sind dann mit kurzer Fahrt und in Richtung Nordost in die Tiefe gegangen. Behalten wir diese Richtung bei wie bisher, so muß der Krakon, während er durch den antizyklonischen Wirbel kreuzt, absolut genommen, ziemlich senkrecht ins Wasser sinken, ohne seinen Platz viel zu verändern. Wenn dann in der Tiefe die umkehrende Schicht kommt, wo der ausspeiende und der ansaugende Wirbel sich die Wage halten, so muß sich das bei gleicher Steuerstellung dadurch bemerkbar machen, daß infolge des plötzlichen Umspringens der einen Komponente auch die resultierende Bewegungsrichtung sich ändert.«

»Also muß dann die Kompaßnadel –«

»– ausschlagen, ganz richtig. Der Moment muß bald kommen. Wie tief?«

»Zweitausendeinhundertsechzig Meter.«

Nagel sah unverwandt auf die zitternde Nadel.

»Der Zeiger fällt!« rief er auf einmal. »Noch mehr – immer weiter!«

Werndt trat an das Steuer. Mit kurzem Blick prüfte er selbst noch die Lage. Dann warf er verschiedene Hebel nach unten. In seltsamer Ruhe lag plötzlich der Krakon. Die Strahlstrommaschinen im Innern standen. Das Boot lag jetzt ganz ohne Fahrt. Der saugende Stromwirbel riß es nach unten ...

»Nun gibt's kein Zurück mehr!«

Werndts Stimme war ruhig. »Lassen Sie nun das Steuer ganz los! Der Krakon soll treiben.«

Die Manometerkurven stiegen rasch aufwärts. Mit zunehmender Geschwindigkeit wurde das Tauchboot nach unten gerissen. Beide Männer sahen gespannt auf den Kompaß. Die Nadel kreiste sehr lebhaft. Lange sprachen sie nichts mehr. Nach einer Weile trat Mabel ins Zimmer. Der Synchromkompaß hatte ihr kenntlich gemacht, was jetzt vorging.

»In siebenunddreißig Minuten lief die Nadel einmal herum,« sagte Nagel, die Zahl schnell notierend.

Werndt nickte.

»Das bedeutet nichts anderes, als daß der Wasserwirbel in dieser Schicht diese Rotationszeit besaß. Sie wird immer kürzer werden je tiefer wir kommen, je mehr uns die saugende Wirkung hinabreißt.«

Seine Behauptung bestätigte sich. Der zweite Umlauf der Magnetnadel brauchte nur dreißig Minuten. Werndt ließ jetzt den Kompaß nicht mehr aus den Augen. Sein Antlitz war ernst. Mit feinem Instinkt bemerkte es Mabel.

»Sie haben Bedenken? Ist etwas nicht richtig?«

Er zögerte einen Augenblick mit der Antwort.

»Die Wirbelgewalt dieser unteren Strömung erscheint mir gewaltiger als ich vermutet. Schon in dieser Tiefe –«

»Dreitausendvierhundert –« meldete Nagel.

»Ich weiß es.«

»Dreihundertvierzig Atmosphären.«

»In Ordnung. Wie lange gebraucht jetzt die Nadel zum Umlauf?«

»Beim letztenmal vierundzwanzig Minuten.«

Werndt blickte kurz auf.

»Schon jetzt? Alle Wetter!«

»Und das Manometer steigt immer noch schneller.«

»Wieviel jetzt?«

»Dreihundertsechzig – es läuft mit erhöhter Beschleunigung auf die vierhundert.«

Er fragte nicht weiter, doch nahm er den Bleistift und rechnete ruhig. Die bronzenen Züge bewegten sich kaum noch. Es war alles Spannung an ihm und Bereitschaft.

Diesmal währte es nur noch zehn Minuten, da drehte sich Nagel wie fragend nach rückwärts.

»Viertausend Meter Tiefe. Der Umlauf der Nadel in zwanzig Minuten.«

»Schön. Dann die Maschinen.«

Nagel warf einen Hebel. Durch die Maschinen des Krakon ging es wie ein Knurren, die Stahlwellen kreischten, als wollten sie drehen – ein – zwei – drei Sekunden ... sie bewegten sich nicht. Der Tourenzähler blieb reglos – auf Null.

»Sie sehen!« rief Nagel, »ich kann die Maschinen –«

Mabel blickte erstaunt. Nur in Werndts Gesicht zeigte sich keine Regung.

»Ich dachte es mir. Dieser Wirbel ist stärker. Geben Sie zweite Geschwindigkeit, bitte!«

Nagel drückte den Hebel nach vorwärts. Zehntausend Pferdekräfte drehten jetzt an den Schrauben. Da lief es wie Knistern zurück durch den Krakon. Der Tourenzähler schlug aus. Die mächtigen Bootsschrauben drehten sich rückwärts.

Wie eine Erlösung ging es durch die Herzen. Werndt schien nicht verwundert.

»Etwas Reibung zuviel irgendwo. Ich will sehen was los ist.«

Er verschwand in dem Korridor, ging durch den Wohnraum zur Turmkammer und stieg in den Maschinenraum hinunter. Er prüfte jedes Lager, untersuchte die Schmierung, befühlte die Büchsen, ob nicht eine heiß war. Es war nichts zu finden. Er stieg wieder aufwärts und ging schnell nach vorne.

Mabel blickte ihn an, als wollte sie von seinen Lippen ablesen.

»Ein Defekt der Maschinen?«

Werndt war seltsam ruhig. Seine Stimme klang tiefer. Man sah, er beherrschte selbst eine Erregung.

»Ein Defekt? Nein. Die Strahlstrommaschinen sind zwar ganz in Ordnung –«

»Aber?« frugen sie beide.

»Trotzdem laufen die Schrauben bei zehntausend nominellen Pferdekräften nur die Touren, die sie bei fünftausend Pferdekräften laufen müßten. Dieser Ausfall an Kraft ist nur so zu erklären, daß die von Nagasaki bezogene, elektrische Kraftzustrahlung der Maschinen nur halb in Aktion tritt. Ausgesandt wird sie sicher in voller Kraft werden.«

»Donner, ja,« meinte Nagel. »Das wäre ja reizend.« Er hob rasch den Kopf. »Aber schlimm werden kann das doch auch nicht. Wir könnten die Zustrahlung doch ganz entbehren, da alle Maschinen für doppelten Antrieb gebaut sind, und wir auch Betriebsstoff im Überfluß haben. Dann nehmen wir die Explosionsmotoren, wenn die elektrische Strahlung zu schwach wirkt.«

»Ganz richtig, mein Lieber. Das ist's eben nicht. Die Ursache liegt leider nicht oben, am Werk Nagasaki ...«

»Wo sonst denn?«

»Hier unten. Wenn uns von der Zentrale in Japan die Kraft voll gesandt wird und hier doch nur halb wirkt, kann sich dieser Ausfall doch nur so erklären, daß eben die Hälfte vom Meerwasser selber verschlungen, absorbiert wird. Und da sonst das Meerwasser nicht diese Kraft hat, muß es wohl hier unten von Vampirkorpuskeln, Nihilium II-Teilchen, so stark durchsetzt sein, daß diese die Strahlkraft zur Hälfte verschlingen.«

»Der höllische Steinklotz!« schalt Nagel erbittert.

Werndt hatte sich wieder vollkommen gefangen.

»Er macht uns zu schaffen, der höllische Steinklotz! Das werden wir nun mal in Kauf nehmen müssen. Wenn hier schon das Wasser so reichlich durchsetzt ist, wird's unten zum äußersten Kampf mit ihm kommen. Und diesen Kampf müssen wir eben bestehen, so gut wir es können.«

»Dann los!« brummte Nagel. »An mir soll's nicht fehlen.«

Der Druckmesser zeigte die Tiefe fünftausend. Infolge des mächtigen Rücklaufs der Schrauben kreiste der Krakon in einundzwanzig Minuten einmal um das Zentrum des furchtbaren Wirbels. Je tiefer er sank, desto weiter schob Nagel den Krafthebel vorwärts. Doch immer mehr Kräfte verschwanden im Meere, spurlos weggezogen, und unten der Wirbel riß stärker und stärker.

»Meister!« frug Nagel in wachsender Sorge. »Wenn das nun so fortgeht? Der Hebel hier zeigt fünfzigtausend Pferdekräfte an. Die Wirkung kann aber kaum zehntausend stark sein. Auch neigt sich die Spitze des Bootes steil abwärts.«

»Sie haben recht,« meinte Werndt. »Man kann kaum noch hier stehen. Unter zwanzig Minuten darf die Rotationszeit nicht sinken. Wir werden zum Explosionsantrieb übergehen müssen. Dann haben wir wieder die vollen Pferdekräfte und das Meerwasser kann unsere Kraft nicht mehr schwächen.«

»Es ist doch weit besser so,« äußerte Mabel, im Wunsch, sich zu trösten, »als wenn die Maschinen defekt wären, Werner.«

»Gewiß, denn dann wären wir jetzt schon ein Spielball des Zyklons und sicher verloren.«

»Wir wollen umstellen,« entschied Werndt gelassen.

»O weh!« meinte Nagel. »Beim Wechsel des Antriebs kommt ja die Maschine vollkommen zum Stehen.«

»Nur eine Minute. In dieser Minute wird es etwas jäh in die Tiefe da gehen. Doch macht das nichts weiter, da viertausend Meter noch unter uns liegen. Es ist aber gut, deshalb jetzt schon zu wechseln. Je eher, je besser. In kurzer Zeit würde es doch schon so weit sein. – Und nun ist die Reihe an mir, lieber Nagel.«

Er setzte sich selbst an das Steuer und prüfte.

»Es wird höchste Zeit. Lange wären wir auch nicht mehr fähig gewesen, die Rotationszeit über zwanzig zu halten. Los also, gewechselt!«

Er legte schnell einige Schnappschalter seitwärts und setzte den Strahlkraftmotor außer Wirkung. Das leise Gebrumm der Maschinen war plötzlich verstummt. Das Leben des Krakon stand schlagweise still. Im gleichen Augenblick raste das Manometer nach oben. Die Nadel des Kompasses schlug zur Seite. In fünfzig Sekunden beschrieb sie wild springend ein Viertel des Kreises. Der Druckmesser schnellte in einer Minute auf sechshundertzehn Atmosphären hinauf. Der Meerwirbel saugte das Boot wütend an sich. In furchtbarem Sturz schoß der Krakon zur Tiefe, die Spitze des Bootes fast senkrecht nach unten.

Mabel hatte sich bleich an den Sessel geklammert, der glücklicherweise am Boden verschraubt war. In wortlosem Grauen sah sie in den Strudel. Der Herzschlag des Krakon stieß pausenlos, scharf, Schuß folgte auf Schuß, in furchtbaren, dröhnenden Explosionen, die hämmernd die angstvolle Stille zerrissen. Selbst Nagel hing fassungslos an einer Bootswand. Werndt hielt sich mit übermenschlicher Kraft am Ruder und warf den anderen Hebel nach unten. Es kreischte als schreie der Krakon wild fauchend. Ein Zittern und Rollen lief durch seinen Körper. Ein ohrenbetäubender Donner brach nieder.

»Die Explosionsturbinen!« rief Mabel beseligt. Der Lärm schien ihr Wohltat, war ihr wie Erlösung.

Werndt nickte ihr zu.

»Die Strahlkraftmaschine war leiser, Frau Mabel.«

»Ah, – Macht ist das! Leben!« rief Nagel als Antwort. »Das ist doch noch Wille, man fühlt seine Kräfte!«

Die Zeiger verlangsamten wieder den Umlauf. Die Bootspitze aber klomm langsam nach oben. Jetzt, wo alle Kraft ungekürzt auf die Bootsschrauben wirkte, gelang es, mit dreißigtausend Pferdestärken schon, dem Wirbel zu trotzen und durch seinen Strudel nach Willkür zu kreuzen.

»Donner, ja,« meinte Nagel, sich reckend und dehnend. »Die letzte Minute, die ging auf die Nerven! Jetzt fühlt man sich anders.«

Er blickte vom hinteren Bootsraum nach außen. Da sprang er zum Steuer. Er beugte sich vorwärts.

»Hallo –! Ja, was ist das ...? Ein Fisch? Ein Polyp ... da!«

Auch Werndt saß, nach vorne gebeugt, vor dem Steuer und bohrte die Blicke durchs Fenster nach außen. Er gab keine Antwort. Ein starkes Erstaunen sprach aus seiner Miene.

»Man sieht noch Gespenster!« rief Nagel verwundert. »Das schaut doch wahrhaftig genau wie ein Boot aus!«

»Ein Wrack?« fragte Mabel.

»Hier, in dieser Tiefe? Es wäre schon längst von dem Wirbel zerrissen.«

Der Scheinwerfer brannte sein Licht in das Dunkel. Sein äußerster Kegel traf auf etwas Schwarzes, undeutlich erkennbar. Es schwamm jetzt noch höher, doch kam es in wirbelnder Fahrt immer näher. Dann tauchte es wieder ins Dunkel der Ferne.

Werndt richtete sich auf dem Stuhl in die Höhe.

»Es wird wiederkommen. Es schwimmt in dem Strudel, wird also wie wir um das Zentrum gewirbelt.«

Er sah auf die Uhr, die Minuten verfolgend.

»Da ist es!« schrie Nagel in größter Erregung.

»Wahrhaftig! Ein Tauchboot!«

»Es ist eine Kugel. Mit Greifern und Zangen.«

Das seltsame Wesen stand jetzt voll im Lichtschein. Man sah es ganz deutlich. In rasender Fahrt schoß es über den Krakon, als pralle es ungestüm mit ihm zusammen. Kaum vierhundert Meter entfernt, schnitt die Masse den Scheinwerferkegel in voller Beleuchtung. Es war eine Kugel von riesigem Umfang. Vier Stahlschrauben peitschten am hinteren Ende.

»Sieh nur! – Eine Kette! – Da oben – die Kette!« rief Mabel, und klammerte sich an den Gatten. Auch Nagel und Werndt hatten es schon gesehen. Es war unverkennbar der Teil einer Kette. Sie wurde vom Strudel im Kreise gerissen und schlug mit dem unteren Teil auf den Bootsrumpf. In kaum zehn Sekunden war alles verschwunden.

»Beim Himmel, was war das?« frug Nagel, fast sprachlos. »Ich dachte zuerst, eine Spiegelung – Täuschung – –«

»Es war keine Täuschung.«

Werndt stand vor dem Steuer. Wie zu einem Sprunge. Dann warf er den Hebel auf einmal auf Vollkraft. Neunzigtausend Pferdestärken donnerten in den Motoren. Er starrte gespannt auf die kreisenden Zeiger. Er atmete heftig. Sie stoppten erheblich.

»Was ist?« forschte Mabel. Die jähe Erregung des eisernen Mannes war ihr nicht entgangen.

Werndt war wieder ruhig.

»Das Kugelboot hätte den Krakon zerschmettert, wenn wir seine Fahrt nicht noch abgestoppt hätten. Es wirbelt in nur elf Minuten im Kreise und schnitt uns zuletzt schon auf vierhundert Meter. Beim nächsten Mal müßte es gegen uns rennen.«

»Ja – um Himmels willen! – Das wäre das Ende.«

»Und kann es noch werden,« ergänzte Werndt ernsthaft. »Ich hoffe, daß wir diesem Anprall entgehen. Mehr konnte ich unsere Fahrt nicht mehr stoppen. Es bleibt uns nichts übrig, als ihm in dem Wirbel den Vortritt zu lassen. Vielleicht, daß es unter dem Krakon vorbeisackt.«

»Wie kann aber hier noch ein anderes Tauchboot ...? Es ist doch undenkbar!«

»Da!« schrie Nagel wieder ins donnernde Tosen der Tauchbootmotore. »Da kommt es – da vorne!«

In rasender Fahrt schoß es rechts aus dem Dunkel. Vor Grauen stumm starrten ihm alle entgegen. Ein Anprall der Boote schien ganz unvermeidbar. Das Kugelboot wuchs wie ein Spuk in den Lichtschein.

»Gott – hilf!« stöhnte Mabel. Sie hielt sich nur mühsam. Das kalte Entsetzen fraß an ihrem Hirne.

»Jetzt – jetzt!« keuchte Nagel. »Da – wir sind verloren!«

Das Kugelboot stürzte heran wie ein Felsen. Ein kreisrundes Fenster – in greller Beleuchtung, schien dicht vor dem Auge des Krakon zu stehen – zwei Kopfsilhouetten, blitzartig umrandet – die Augen entsetzensstarr aufwärts gerichtet, erschienen im Rahmen des Bildes da draußen – – dann war alles wieder im Dunkel verschwunden ...

Sekundenlang herrschte im Steuerraum Schweigen. Frau Mabel hielt zitternd den Gatten umschlungen. Die Nerven versagten ihr nach dieser Spannung. Sie suchte vergebens sich wiederzufinden.

»Erkannten Sie diese Gesichter da drüben?« frug Nagel. Er zweifelte noch, ob er richtig gesehen.

Werndt stellte die Kraft des Motors wieder rückwärts. Mit fünfzigtausend Pferdestärken fuhr der Krakon von neuem, in steigender Schnelligkeit, jäh in die Tiefe.

»Die Herrin der Inder,« gab Werndt kurz zur Antwort. »Und Ossun, der Geier.«

* * *

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