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Die Fahrt ins Nichts

Reinhold Eichacker: Die Fahrt ins Nichts - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorReinhold Eichacker
titleDie Fahrt ins Nichts
publisherUniversal-Verlag
year1924
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150910
projectid00b68581
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Werndt hatte den Schalter der Leitung geöffnet. Das Ende des Kabels fiel klirrend zur Erde. Er hatte die Uhr in die Linke genommen und zählte gelassen und wartend die Zeit aus ...

»Fünf – zehn – fünfzehn – zwanzig ...«

Da lief's wie ein Zittern jäh über die Körper. Die Bahren bewegten sich merkbar und wankend ... fast gleichzeitig schlugen die Toten den Blick auf und richteten sich wie Erwachende aufwärts. –

Mit fragendem Staunen sah Cachin wild um sich.

»Werndt!« schrie er auf, in Furcht und Entsetzen.

Der Ingenieur steckte die Uhr ein und griff zum Revolver.

»Fünfundzwanzig Sekunden. – Bon jour, Herr Professor. Sie sind mein Gefangener.«

* * *

Und wieder stand Walter Werndt auf der Kanzel der Welt, um Rechenschaft abzulegen über sein Forschen. Der Riesensaal des Walter-Werndt-Klubs in München, der herrlichen Stadt, die längst schon zur geistigen Hauptstadt des Reiches geworden, erglänzte im Licht der unzähligen Kerzen. Die Fahnen der Weltstaaten wehten vom Giebel, und wartendes Volk hielt die Straßen belagert, den Menschen zu feiern, der ihnen ein Gott war ...

Der »Rat der Tausend«, das Konzil auserwähltester Geister der Erde, dem anzugehören das leuchtendste Ziel war, saß andächtig, tief zu den Füßen des Mannes, der mit kühner Hand alle Schleier hinwegzog, die ewig das Rätsel der Schöpfung verhüllten. Nur diese Tausend erlebten die Stunde im Anblick des Redners, und doch trugen tausende Radiophone in Wänden und Decken des riesigen Saales den Klang seiner Stimme weit über die Erde und ließen die Herzen in Ehrfurcht erschauern im Wunder des Weltalls.

Werndt strich sich die schneeweiße Locke nach hinten, die ihm unbemerkt in die Stirne gefallen. Prophetisch verklärt sah sein Blick auf die Tausend da unten. Dann hob er die Stimme zur letzten Verkündung:

»Und so fand ich Nihilium, den Urstoff der Schöpfung, so lange von Söhnen der Erde vermutet und doch nie gesehen! – Erinnern wir uns an alle Phänomene, die das unbekannte Element bei seiner Erforschung gezeigt hat, erinnern wir uns an die absolute Finsternis und die Erwärmung beim ersten Versuche, an die Verwandlung der Elemente und die Verwandlung der Leiber, an den Verlust der Schwere der Leichen Cachins und seines Begleiters, und endlich an die Erscheinungen, die sich auf dem Meeresgrund zeigten. Dann werden wir Rang und Stellung des Nihiliums im Systeme der Elemente verstehen.

Es gibt nur eine Grundmaterie! Es gibt nur eine Grundkraft! Und es wirkt die Kraft in der Zeit. Die Kraft aber und mit ihr der Grundstoff sind zweipolig veranlagt. Der Stoff will sich vermählen und will sich sondern, die Kraft will anziehen und abstoßen. Die chemischen Elemente aber sind verschiedene Erscheinungsformen der Urmaterie, in denen die Einheiten bereits aus kleinen Welten korpuskulischer Teile bestehen, denen Kraftladungen innewohnen. Die Moleküle der Elemente sind gepaarte, gleichartige Atome, während die Moleküle der chemischen Verbindungen Konglomerate von verschiedenen Atomen verschiedener Elemente darstellen.

Wir wissen nun, daß die Chemie jedem Atome eine gewisse Zahl, das Atomgewicht, zugeordnet hat. Diese Zahl, 1 beim Wasserstoff, 31 beim Phosphor, 226 beim Radium, 0,4 beim Geokoronium, ist von der allergrößten Bedeutung.

Schon Kollins, Ramsay und Soddy erkannten in den ersten zwei Dezennien des zwanzigsten Jahrhunderts, daß das Radium, das Uran, das Thorium und andere der höchstgewichtigen Atome unausgesetzt pro Zeiteinheit einen gewissen Prozentsatz ihrer Atome spalten, wobei vom Atom die einen Teilchen unter Strahlungserscheinungen fortgeschleudert werden, während der Atomrest gleichsam als neues Atom eines neuen chemischen Elementes zurückbleibt. Und dann spaltet sich vom Reste wieder Teil um Teil. Nach rastlosem Forschen kam man zur Erkenntnis. Sie lautet in Worten: Alle Elemente sind radioaktiv, nur vollzieht sich die Verwandlung so langsam, daß wir sie in Jahrtausenden noch nicht bemerken. Nun war die tote Materie kein Festes mehr, das ›Alles fließt‹ riß auch sie mit sich fort, und die Ansicht der Alchimisten, daß die Materie der Veredlung zu Gold von Natur aus zustrebe, daß es also Entwicklung und Zielstrebigkeit, daß es gewissermaßen ein Leben auch im Reiche der Gesteine und Metalle gebe, schien sich zu bestätigen. Nun war die Transmutation der Elemente kein Traum mehr. Sie wissen, daß es mir dann gelang, aus Blei Gold herzustellen, indem ich meine ungeheueren elektrischen Ströme zur Beschleunigung der unendlich trägen, radioaktiven Umwandlung des Bleies benützte. – Aber es war nur ein Teilerfolg, nicht die Lösung des Rätsels. Erst wenn es gelang, durch Mittel, die dann ultrachemische genannt werden müssen, die Atome zu veranlassen, ungeheuere Energiemyrionen aufzunehmen, dürfte man hoffen, eine aufgebaute Atomreihe hervorzubringen und – warum nicht? – auch das Lebenselixir zu entdecken, durch dessen Wirkung auf die lebenden Zellen das Absterben des Protoplasmas und das Altern desselben ins Unendliche verzögert werden kann.

Und es muß dieser Korpuskelaufbau möglich sein! Wäre er es nicht, so müßte die gesamte Materie, die ja doch in einem unausgesetzten, wenn auch Jahrtausende dauernden, radioaktiven Prozesse sich auflöst, endlich in leichtestatomige Stoffe zerfallen sein, und es würde das Ende der Welt von innen heraus durch den Atomzerfall erfolgen.

Dem ist aber nicht so! Das Nihilium ist es, das die Vernichtung der Materie hintanhält, das dank seiner ganz besonderen Stellung im Reiche der Elemente, durch seine ganz außerordentlichen Qualitäten und Tugenden zum Retter der Welt, zum Samen der Materie und zum Elixier des großen Lebens des Makrokosmos, wie des Lebens der Atome und Moleküle wird und den Stoff zu immer höheren Reichen, zu immer unendlicheren Mannigfaltigkeiten, zu immer glorreicherer, zielstrebiger Entwicklung und zu immer großartigerer Entfaltung zwingt, um den Zweck der Welt zu erfüllen!«

Er machte eine Pause und ließ die Erregung des Saales verebben. Dann fuhr er ernst fort.

»Wir haben gesehen, daß die hochschweratomigen Stoffe mehr radioaktiv sind und leichter zerfallen als die mindergewichtigen. Denken wir uns nun, daß die hochgewichtigen Elemente durch Abspaltung von Helium und anderen Teilchen immer mehr und mehr in geringer wägende zerfallen, so müssen wir schon rein logisch eine Grenze ansetzen. Das kann nicht so ins Unendliche weitergehen, wenn es auch sein mag, daß die Grenze bei einem Atomgewicht liegt, das ein Tausendstel des Wasserstoffs, ja vielleicht nur ein Zehntausendstel des Geokoroniums, des leichtesten, bisher auf der Erde bekannten Gases, beträgt. – Warum wir diese Stoffe, die dem Grenzwerte nahestehen, auf der Erde nicht vorfinden, ist ohne weiteres klar. Die Anziehungskraft der Erde ist nicht imstande, sie auf der Erde festzuhalten, wie ja schon der Wasserstoff frei auf der Erdoberfläche nicht bestehen kann, sondern zu höheren Schichten der Atmosphäre entweichen muß. Darum kannten wir diese Stoffe nicht, obgleich sie gewiß täglich, stündlich an allen Orten der Erde gegen den Zenit verdunsten und zu außerirdischen Räumen entweichen. Darum konnte erst einzig und allein ein Meteor uns Kunde von ihnen bringen, ein Stein, der aus Weltraumsfernen, durch Wolken nihilischen Gases kreuzend, diese Stoffe in sich barg.

Das Nihilium, oder besser gesagt, die Familie der nihilischen Elemente stellt die mindergewichtigste Gruppe des periodischen Systems dar, deren Atomgewichte sämtlich kleiner als ein Zehntausendstel vom Gewichte des Wasserstoffes sein müssen, und die, an der Grenze des Nichts, das äußerste Vorgebirge der Materie gegen das Nichts vorstellen. So ist das Nihilium nicht ein Element; es sind deren viele, ja, es ist eine Plejade von Elementen der untersten Reihe. Und nun, meine Damen und Herren, komme ich zum Wichtigsten! Stellt die Gruppe des Nihiliums den Grenzwert der Atome dar, wo die zersetzende Sucht der Materie sich mit dem Zusammenballungsbestreben vertauscht, wo, wie an allen kritischen Punkten der Physik und Chemie, ein ungeheuerer Umschwung der Dinge sich vollzieht, so muß ihm nach der letzten Spaltung die Eigenschaft zukommen, alle Energien, die ihm zustrahlen, in sich aufzunehmen, ohne sie zu reflektieren. Ja, diese Kraft des Einsaugens von Energie in das durstige Nihilium-Rest-Atom kann derart heftig sein, daß selbst aus den anderen, umgebenden Elementen, welche die Energie in ihren Atomen gebunden halten, diese Energie herausgerissen wird, selbst um den Preis der Zertrümmerung der Atome dieser Elemente. So wirkt das Nihilium in dem kritischen Zustande seiner Erscheinung als ein Katalysator der radioaktiven Vorgänge, ja als ein eigentlicher Erreger und Träger der Radioaktivität, indem es gewissermaßen den Elementen ihr Blut – die Energie – wie ein wütender Vampir aussaugt, ob darum auch die Knochen des Atoms ihren Halt verlieren und die Atomteile auseinanderfliegen.«

Wieder zwang ihn die Brandung der Stimmen entfesselter Spannung zu längerer Pause. Dann war wieder Stille. Sein Wort wurde nüchtern, und doch griff es herrisch nach Herzen und Hirnen.

»Nachdem das Nihilium II, das ist der Zustand des Nihiliums nach dem letzten Zerfall des noch analytischen Nihiliums I, sich mit unermeßlichen Energien auf Kosten seiner Nachbarschaft vollgesogen hat, ist es fähig, synthetisch aufbauend Atomfamilien zu gründen, und wird so aus einem Zerstörer zu einem Erzeuger. Und wie es scheint, schafft es durch seine übermächtige Wirkung Atome von höchstzahligen Gewichten.

Entdeckt, entschleiert ist damit der Lebensweg der Materie, der große Kreislauf der unbelebten Natur. Das hochgewichtige, leichtzerfallende Atom des Radiums zerfällt unter der auflösend wirkenden Allgegenwart des Nihiliums II der Reihe nach in seine Nachkommen, Niton ... Radium B, C, D, E, F-Polonium, und weiter und immer weiter über Stufen und Grade die wir heute erst zu ahnen vermögen, aber noch nicht kennen. Es zerfällt, es spaltet sich in Heliumteilchen und Atomreste. Die Reste spalten wieder ab und so fort, bis endlich, ausgesaugt vom Nihilium II, es selbst den Zustand eines der Mitglieder der Familie des Nihiliums I erreicht hat. – Der letzte Atomrest jedes ursprünglichen, chemischen Elementes ist endlich einmal ein Nihilium I. Und mit einem letzten Krach zerbirst auch dieser letzte Ring von Korpuskeln, und frei und ungesättigt schwirren die einzelnen Nihilium II-Teilchen im Raume. In diesem Moment ist aber schon ihre saugende Leidenschaft erwacht. Vampiren gleich, hängen sie sich an die Atome der Materie, verschlucken die freien, ersaugen sich die zurückgehaltenen Energien unbarmherzig und unnachsichtlich. Aus großen, fetten, schwerwiegenden Atomen mit geringerer Mühe, aus leichter gewichtigen mit größerer Anstrengung, mästen sie sich am Blute ihrer Wirte und werden groß und kräftig. Da kommt der große Moment der Geburt! Und mit der Plötzlichkeit korpuskulischer Vorgänge bauen sich Hunderte, vielleicht Zehntausende von ihnen, vielleicht Millionen zu einem Atom eines neuen, hochgewichtigen Elementes zusammen. Und in diesem Augenblicke beginnt der Kreislauf von neuem. Preisgegeben den unersättlichen Saugern, den überall gegenwärtigen Nihilium II-Urteilchen, beginnt das Riesenatom rasch zu zerfallen. Dies ist auch der Grund, warum nicht beliebig hohe Atomgewichte vorkommen können. Weil solche Gigantenatome nicht lange bestehen und schon im Stadium der Geburt den Saugern erliegen. So werden die Riesen bald kleiner, um endlich, zugestutzt und abgehärtet, dauerhafter zu werden und uns als Atome bekannter Elemente entgegenzutreten. Und wieder wird Uran, und aus Uran Radium, aus Radium Niton, Radium B, C, D, E, F und seine weiteren Nachkommen. Dies ist die Biographie des großen Lebens der Materie, dies meine Entdeckung des Werdens der Welten.«

Es währte Minuten, ehe Werndt weitersprechen konnte. Wie ein Mann hatte der Saal sich erhoben, Heilrufe schollen. Erregte Gesichter hoben sich hoch, man winkte begeistert. Er dankte nur mit einem Heben der Rechten. Nur langsam gewann man die Ruhe zum Lauschen.

»Betrachten wir nun noch ganz kurz die Ereignisse, die Sie schon kennen und die das Erforschen so seltsam ergänzten. – Das Nihilium, von einem Meteor in den Bereich der Erde getragen, befand sich offenbar in dem verhältnismäßig ruhigen und transportablen Zustande des Nihiliums I. Erst durch meine Gewaltmittel zerfiel es beim ersten Versuche in Nihilium II, das heißt: in den korpuskulischen Zustand der Vampiratome. Es erfüllte als ultraatomiges ›Gas‹ den Saal des Laboratoriums. Daher die absolute Finsternis, denn es verschlang alle Lichtstrahlen, die durch die Fenster drangen, absolut. Und darum erwärmte es sich. Es verschlang alle Wärmestrahlen, und es entzog auch, solange es kälter war als seine Umgebung, allen Gegenständen die Wärme durch Leitung. Als es sich aber durch die absolute Absorption aller einstrahlenden Energien über die Temperatur seiner Umgebung erwärmte, da gab es zwar durch Strahlung gar nichts ab, konnte aber natürlich die Miterhitzung der Umgebung durch Leitung nicht verhindern, da seine ›Gas‹-Atome mit unerhörter Wucht an den Wänden trommelten und hämmerten. Darum ward es so heiß, darum glühten die hermetischen Kammern. Aber sichtbar nur von innen, weil die roten Strahlen des Glühens an der Außenseite sofort vom Nihilium verschluckt wurden. Und als sich endlich die Temperatur zu einem kritischen Punkte gesteigert hatte, da erfolgte die zweite, synthetische Explosion, und es entstand wahrscheinlich ein unbekanntes, schweratomiges Gas, das durch das aufgerissene Klappdach nach oben entwich.

Auch die unerhörten Phänomene meines letzten Versuches, die Verklärung der Leiber und die Wiedererstehung von den Toten erklären sich ebenso einfach. Das Nihilium befand sich im Meteor, wie Sie jetzt wissen, im Zustande des Nihiliums I. Infolge der Erwärmung mußte es sich bei seiner kritischen Temperatur, genau wie beim ersten Versuche, in Nihilium II spalten. Diesmal lagen aber die übrigen Umstände etwas anders. Ungeheuere Energiemengen flogen durch die elektrischen Funken von allen Seiten zu. Was geschah? Das Nihilium zerfiel in Nihilium II, und zwar, weil eine so unendlich viel größere Menge als beim ersten Versuche im selben Augenblick frei wurde und den Raum in millionenfach dichterer Konzentration erfüllte, wirkte sie so ungeheuer zerstörend auf alle Elemente, daß deren radioaktive Transmutation sich fast augenblicklich vollzog. Die Vernichtung des Laboratoriums durch Zerstäubung in feine Korpuskel war dadurch gegeben. Die Verwandlung der Leichen ist auch zu erklären. Durch die Gewalt der Verpuffung des Nihiliums wurde bei dem Drucke nach oben der obere Teil des Gebäudes zertrümmert und in Korpuskeln verpulvert, während der untere, von dem beißenden, saugenden Gase minder beeinflußt, einstürzte und die Körper der beiden Verbrecher begrub. Als man sie auffand, zog man ihre Leiber in furchtbarem Zustand hervor. Und doch war dies nur das Stadium unvollendeter Läuterung zu überirdischer Verklärung. Das Nihilium II, das auf alles Leblose so ätzend, so zerstörend wirkte, scheint nämlich auf die belebten Wesen nicht diese Wirkung ausüben zu können. Es drang offenbar in die Moleküle der komplizierten, organischen Verbindungen ein, aus welchen der menschliche Körper besteht, und veränderte diese, doch nicht in der Weise, daß es ihm Leben entzog, sondern nur so, daß es den Körper von Schwerkraft befreite, indem die Nihiliumteile die Schwerkraft, mit der die Moleküle des menschlichen Körpers zur Erde gezogen werden, absorbierte. Ich erkannte dies und jagte eine Million Volt durch die Körper. Den hungrigen Nihilium II-Atomen, die an den organischen, vom Leben zusammengehaltenen Molekülen des Fleisches, der Knochen, des Blutes und des Protoplasmas wie gierige Blutegel saugten, ohne Erfolg zu haben, wurde allein die Schwerkraft zu Nahrung. Aber sie hielten die Moleküle der Körper in einer gewissen Spannung, labil, bereit, beim geringsten Anlasse umzukippen, so wie ein saugender Luftstrom eine hängende Fahne zu sich hinzieht, ohne sie von ihrer Stange losreißen zu können. In dem Augenblick nun, da mein Strom sie durchzuckte, floß den gierenden Korpuskeln Energie in die lechzenden Lefzen, sie verschlangen den Strom und ließen dafür ab von den Atomen der organischen Moleküle des menschlichen Körpers. Diese schnappten zurück in ihre normale Lage, das Fleisch ward wieder Fleisch, Bein wieder Bein, Blut wieder Blut, und die abgesättigten Blutegel entflogen gleich erlösten Seelen zu höheren Sphären, indem sie im Stadium des Entstehens einander haschend, fangend, einholend, sich verbindend, agglomerierend, sich zu vielscharigen Systemen großer Riesenatome von hohem Gewichte vereinten. So erklärt sich alles so einfach. Auch Dumascus Befreiung vom Bann der Hypnose. Als das Nihilium II zum erstenmal im Stadium II im Saal anwesend war, mußte ihm mit dem Erlöschen der Lampen auch die Wellenschwingung des Willens zum Opfer fallen. Jede Kraftübertragung über den Raum ward von ihm verschlungen. – – –

Meine Damen und Herren, Vertreter der Erde! Unten in der Tiefe des Meeres liegt die ungeheure Masse des Meteors. Sei es unter dem hohen Drucke, sei es aus welchem Grunde auch immer, offenbar zersetzt sich auch drunten am Meeresboden das Meteor und spaltet dabei das Nihilium I in Nihilium II. Und dieses, gierig wie eine Rotte von Teufeln, zerstört das Wasser in ungeheueren Massen und verbindet sich mit den Atomresten zu neuen Gasen. Diese Gase steigen im Meere in Form winziger Bläschen empor und verdunsten von dessen Oberfläche gegen den Himmel. Bei ihrer Geschwindigkeit reißen sie Wasserteilchen mit sich und erzeugen so jene Wasserhose oder Nebeltrombe, die Seefahrer dort ständig sehen und von der Piloten berichten. Durch diese Wasserzersetzung unten, durch die aufsteigende Bewegung der immensen, von den Gasen mitgerissenen Wassermassen, entsteht am Grunde des Meeres ein Defizit, eine Leere. Praktisch kommt diese natürlich gar nicht erst zustande, da ebensoviel Wasser stets wieder zuströmt als zersetzt wird. Dieses Zuströmen ist der ganz natürliche Grund des ungeheueren Meerwirbels, der die Wasser des umgebenden Meeres wie Charybdis in immer steileren, immer rauschenderen Spiralen hinabzieht, in den untersten Schlund des Ozeans, wo das Meteor kocht und glost. Und in der Mitte des Wirbels, in seinem Schlunde, steigt wie eine Sonnenprotuberanz das perlende Gas empor und reißt Kubikkilometer Wasser in rasendem Strome nach oben. Die Gasblasen, unten unter tausend Atmosphären Druck stehend, schwellen beim Emporrasen zur Oberfläche infolge des weichenden Druckes auf ihr tausendfaches Volumen an und erzeugen so über dem Zentrum der zyklonischen Meerwirbelbewegung den glockenförmigen, ungeheueren Wellenberg, diese Aufbeulung des Ozeans, und schleudern zerplatzend die Teilchen des Wassers hinauf in die Luft. Der Wellenberg aber fließt nach außen rings ab und erzeugt die antizyklonische Meeresströmung der Oberfläche.

Dies waren die Rätsel und dies ihre Lösung.«

Er winkte kurz ab, als Jubel laut aufschwoll.

»Wir sind nicht am Ziele mit diesem Erkennen! Ungeahntes liegt vor uns, liegt noch in der Zukunft. Wer der Herr des Nihiliums wird, wird zum Meister der Welten. Die Materie liegt ihm bezwungen zu Füßen, die Schwerkraft selbst muß seinem Willen gehorchen. Kein Altern, kein Tod kann ihm fernerhin drohen. Kein Erduntergang kann ihn jemals vernichten. Auf anderen Sternen erbaut er sich Welten und ruft neues Leben aus toten Gesteinen. Wer es je besitzt! Wir besitzen – es nicht! Durch ruchlose Tat ist die Frucht uns entrückt, kein kleinstes Atom blieb in unserer Hand. Und doch muß die Menschheit das Letzte erringen. Tief unten im Meere, in zehntausend Meter unendlicher Tiefe, liegt jetzt unsere Hoffnung, die Hoffnung der Menschheit! Sie rufen: unmöglich, sie winken: undenkbar! Es muß möglich werden! Den Elementen zum Trotz und aller Materie! Ihr habt den Ozean durchwühlt, den Granit seiner Sohle durchbohrt, ihr habt den transatlantischen Tunnel erbaut, ihr Kräfte des Menschen. Sinnt jetzt ein Neues! Ruft die Gehirne der Menschheit zum Wettstreit und öffnet die Börsen zum Schmieden des Rüstzeugs. Nicht ohne Grund sandte höhere Fügung das Meteor zu uns und bettete es auf dem Grunde des Meeres. Mensch, der du Erde und Lüfte besiegtest, dringe durch Tausende von Atmosphären, bahne den Weg dir und finde dein Schicksal! Zwingt das Nihilium aufwärts zu steigen und euch zum Herrscher der Welten zu machen, daß eure Urenkel, wenn einst die Erde jäh im vernichtenden Schlage zersplittert, auf fernen Sonnen aus Stunden der Liebe selig gerettetes Leben erzeugen ... Auf, in den Wettkampf, ihr Geister der Menschheit! Es muß unser werden – es muß an die Sonne!

Nihilium heißt unser Ziel, unsere Hoffnung! Das Meteor brachte es unserer Erde. Es wartet auf uns – auf dem Grunde des Meeres!«

* * *

Fünf Monate schon hing das Riesenplakat an allen Litfaßsäulen der Welt

Nihilium-Wettbewerb.

Fünfzig Millionen Dollars zahlt der Völkerbundsrat dem kühnen Erfinder, dem es gelingt, ein praktisch ausführbares Projekt zu erfinden für die Konstruktion eines Tauchboots, das befähigt ist, in zehntausend Meter Meerestiefe zu tauchen und den Meteorkern ans Tageslicht zu heben ...

Fünf Monate hing dies Plakat und hatte die Erde in Wirbel gezwungen. Nihilium war letztes Ziel jedes Menschen geworden. Es saß wie ein Dämon am Grunde des Meeres und zog die Gedanken der Hirne nach unten. »Der Besitz des Nihiliums würde den Menschen zum Schöpfer, zum Herrscher des Weltalls erheben.« Dies Wort war wie Blitz in die Schwüle gefahren. Es lag als Gewitter schwer über dem Leben des nüchternen Alltags und grollte dumpf drohend im Schoße der Erde. Die Menschheit schien nicht mehr zur Ruhe zu kommen. Wie einst vor Jahrzehnten der Krieg sie nicht losließ, bedrängte sie jetzt dieser Aufruhr im Kosmos. Nihilium ließ die Herzen aufjauchzen in seliger Hoffnung, die Jugend erträumte von ihm neue Siege, das Alter erhoffte von ihm die Erlösung, Befreiung vom Tode und ewigen Frühling. Nihilium floß in die Träume der Dichter und stärkte den Trost medizinischer Tränke. Nihilium tanzte als Spuk in den Hirnen tollkühner Erfinder, trieb Riesenmaschinen, ließ technische Märchen zum Leben erwachen. Nihilium spielte mit allen Gesetzen, zersprengte die ältesten chemischen Fesseln und leuchtete aus den Retorten und Linsen. Nihilium spielte mit allen Begriffen und warf jede Philosophie auf den Kehricht. Nihilium sog aus den Hirnen Erkenntnis und spie sie erzeugend, gebärend als Frucht aus. In Reden und Träumen, in Büchern und Bildern, in Weisheit und Wahnsinn. Nihilium drohte die Welt umzustürzen. Es fraß sich als Gift in die nüchternsten Herzen ...

Fünf Monate schon stieg das Fieber der Menschheit. Dann war auch die Kraft dieses Giftes gebrochen. Die Trägheit der Hirne gab weich, wie ein Ball, nach. Der Eindruck des Neuen, des beispiellos Kühnen verflachte allmählich, der Zweifel grub Löcher, der Neid fraß die Weisheit ... Enttäuschung, Habgier und Torheit, Hoffnungslosigkeit, Mißmut und Dünkel rissen die Menschheit zurück in den Alltag, aus dem sie geboren ...

An den Litfaßsäulen der Erde aber klebten noch immer die Riesenplakate ... Fünfzig Millionen dem kühnen Erfinder ...! Fünf Monate schon. Wie eine Verhöhnung. Man hatte erfunden in Rom und in London, Berlin und Chikago, Paris und Kalkutta, Sofia und Moskau, in Wien und Kairo. Techniker, Schreiner, Gelehrte und Schlosser, Dichter und Maler, Laufjungen und Liftboys ... alle, alle hatten sie Pläne entworfen, die Meere durchfahren in schlaflosen Nächten, Nihiliumträume durchleuchteten Dachstuben, Straßen und Keller, irrlichterten in Bureaus und Fabriken. Dreihundert Millionen begeisterter Hirne ermüdeten sich in dem Kampf um Phantome. Millionen von Lösungen flatterten ruhlos, wie seltsame Vögel, der Prüfung entgegen. Mißtrauisch empfangen und höhnisch verworfen. Dann sanken sie in dichten Wolken ins Weltmeer, erfüllten die Lieder der Kabarettisten, ernährten die Witzblätter und die Theater, entblößten sich in den Salons und am Turfplatz, ertranken ohnmächtig im Lachen der Erde ...

Plötzlich wußten es alle Zeitungen; alle Leser gähnten es nach; alle Laufjungen pfiffen es aus: Der Druck von tausend Atmosphären ist viel zu groß, als daß ihm irgendein Material in der Form eines spindelförmigen oder zylindrischen Hohlkörpers trotzen könnte, wenn das Ganze ein spezifisches Gewicht von 1,0 haben soll!

Niemand wußte, wer das Wort ausgegeben. Doch es klang so gelehrt, so bestimmt und so alt, daß jeder es glaubte wie eine Verkündigung. Wie alle es glaubten seit tausenden Jahren.

Und doch war es Lüge. Nur zwei Menschen spotteten noch dieser Weisheit und saßen in einsamer Nacht vor dem Reißbrett und schoben das Schachspiel der Integralzeichen, der Wurzeln und Formeln in rastlosem Angriff ...

* * *

Der junge Ingenieur drückte die Klingel. Das Dienstmädchen steckte den Kopf durch die Türe. Er winkte sie näher.

»Jeannette, wer hat diesen Brief hier gebracht?«

Die kleine Pariser Zofe lächelte heimlich. Sie fühlte sich gleich als Vertraute des anderen. Irgendein zärtlicher Anlaß war für sie Gewißheit.

»Je ne sais pas, monsieur – vielleicht eine Dame? Der Brief lag im Kasten ...«

»Hat niemand geläutet?«

»Geläutet? Gewiß nicht.«

Er nickte in Sinnen. Sie zögerte etwas. Der Herr war so schweigsam. Er war schlechter Laune. Vielleicht durch den Brief da. Da zog sie ein Mäulchen und knickste zur Türe.

Der Ingenieur sah ihr nachdenklich nach. Er merkte kaum, daß sie schon fort war. Dann las er das seltsame Schreiben noch einmal.

»Monsieur Raoul Lebrun. Ingenieur.

Paris. Boulevard Favre 104.

Mein Herr,

Sie erhielten vor einem Jahre den großen Preis der Pariser Akademie für den Tauchbootmotor, System R. Lebrun. Seitdem kenne ich Sie. Sie haben den Nihilium-Aufruf gelesen und sich um die Konstruktion eines Tauchboots bemüht. Die Idee, die Sie vor drei Tagen verfolgten, ist gut. Sie hat mein Interesse. Doch ihr fehlt noch das Letzte. Ich glaube, Ihnen auch dieses noch bieten zu können. Kommen Sie heute nachmittag vier Uhr zu mir und bringen Sie alle Zeichnungen mit. Das Weitere mündlich.

Paris. Rue des fleurs 3.«

Unwillkürlich strich sich Lebrun über die Stirne. Es war ihm, als narre ihn irgendein Traum. Eine tolle Ausgeburt seiner überanstrengten Phantasie. Er dachte an einen Scherz, doch wer käme in Frage? Er lebte zurückgezogen und einsam. Sein wacher Instinkt sagte ihm auch, daß es Ernst sei. Doch wer stand denn dahinter? Der Brief trug keinen Namen. Nur diese Adresse. Rue des fleurs 3. Er kannte die Straße des vornehmen Viertels. War das seine Wohnung? Seine? Ihre? War es ein Mann? Eine Frau? Der Brief war mit der Maschine geschrieben. Das System war ihm unbekannt. Die Schrift war verschnörkelt, wie eigens gefertigt.

»Seitdem kenne ich Sie.« Er zergrübelte sich vergeblich den Kopf und las langsam weiter. »Sie haben sich um die Konstruktion eines Tauchboots bemüht.« Das war nicht so seltsam. Er war seit dem großen Preise der Akademie Favorit in Paris. Gewissermaßen Spezialist auf diesem Gebiete. Daß er sich beteiligen würde an der Jagd nach der Sphinx, war nicht schwer zu erraten. Das verblüffte ihn nicht. Es wäre ein Unding gewesen, wenn gerade er sich ausgeschlossen hätte von dem Wettbewerb aller. Doch das Weitere traf sein Gehirn wie ein Faustschlag, mit jedemmal stärker, je mehr er es durchlas. »Die Idee, die Sie vor drei Tagen verfolgten, ist gut. Sie hat mein Interesse.« Wer konnte das schreiben? Wer konnte das wissen! Genau vor drei Tagen war die neue Idee in ihm aufgezuckt, wie ein Blitzlicht. Auf einem Spaziergang, im Café, vor der Zeitung. Er war nach Hause zum Reißbrett gerannt. Er hatte Jeannette zum Kaufmann geschickt. Die Tusche war ausgegangen, der Ellipsograph streikte. – Und dann hatte er gerechnet, gezeichnet, den ganzen Tag, bis spät in den Abend. Mit keinem Menschen hatte er darüber gesprochen. Nur mit sich selbst. Seine schlechte Gewohnheit, wenn er sehr erregt war. Aber wer konnte ihn hören, wo er ganz allein war? Und doch – alles stimmte. Der Briefschreiber war im Besitz seiner Lösung. »Sie hat mein Interesse.«

Ein spöttisches Lachen stieg in ihm auf. Mein Interesse! Wirklich? Merkwürdig, wenn ein Fünfzig-Millionen-Preis darauf stand! Mein Interesse! Köstlich! Von ihm zu erwarten, daß er nun gleich hinging, den anderen, Fremden zum Mitwisser machen ...!

Sein Lachen brach ab. Der Brief dort zerriß ihn. Er hielt ihn gefangen, wie mit einer Zange. Er fühlte sie deutlich, im Hirn, an den Nerven ... Der Briefschreiber wollte ja schon alles wissen! Auch, was ihm noch fehlte ... »Ihr fehlt noch das Letzte. Ich glaube, ihnen auch dieses noch bieten zu können ...«

Es war, um verrückt zu werden! Sah er schon Gespenster am sonnigen Tage! Er war überarbeitet, war überreizt – aber der Brief war doch Wahrheit. Sein Inhalt war nüchtern. Da war nichts zu deuteln. Der Briefschreiber wußte, daß seine Idee eine Lücke besaß, daß die Rechnung nicht aufging. Drei Tage schon trieb ihn die Unruhe über die Straßen, von Café zu Café, und drosselte ihm seinen Schlaf in den Nächten. Und jener Fremde behauptete einfach, die Lösung zu wissen, nach der er verlangte, an der er selbst krank war ...!

»Kommen Sie heute nachmittag vier Uhr zu mir und bringen Sie alle Zeichnungen mit. Das Weitere mündlich.«

Wie ein Befehl griff es ihn an. Kein Wort der Bitte. Keine Frage, kein Zweifeln. »Kommen Sie heute!« – Er sah auf die Uhr. Noch fünfzehn Minuten bis vier. Er würde eine halbe Stunde brauchen, wenn er hinginge. Wenn – doch er dachte nicht daran. Wie kam dieser Fremde dazu, ihn zu rufen? Ohne sich vorzustellen. Warum kam er nicht selbst her, wenn er etwas wünschte? »Ich glaube, Ihnen dies Letzte auch bieten zu können.« Das war doch kein Wunsch mehr. Das war wie ein Geben, sah wie ein Geschenk aus. Warum wollte er zögern? Noch zwölf Minuten war es bis vier. Pünktlich konnte er doch nicht mehr sein. Der Fremde da drüben – ob er wirklich glaubte ...? Er mochte nur warten. Mißmutig steckte er wieder den Brief ein und räumte den Tisch auf. Da lagen die Zeichnungen, die er verlangte. Er hatte vor ihnen gegrübelt, als plötzlich der Brief kam. Eins, zwei, drei zählte er ruhig und rollte die Bogen vorsichtig zusammen. Und das Blatt mit den Zahlen. – Wo war denn sein Hut hin? Ah – er hatte ihn auf! Wann hatte er ihn denn schon aufgesetzt? Er schob die Rolle unter den Arm und ging nach der Treppe. Unruhig sah er die Uhr nach. Noch zehn Minuten. Er kam viel zu spät hin. Ob der Fremde noch dort war? Seine Füße hasteten über die Stufen. In der Türe noch pfiff er dem Auto. Rue des fleurs 3, rief er im Setzen. Sein Blick glitt erstaunt über Häuser und Straßen. Wie kam er dazu, sich ein Auto zu nehmen? Er hatte nicht einmal gedacht, sich die Kosten zu machen, nur weil dieser Fremde ...

»Huup!« machte der Fahrer und wich einem Cab aus. Na, schaden konnte die Sache ja auch nicht. Ohne seine Berechnungen konnte man gar nichts beginnen. Er hätte seine Idee ausstellen können, mit Zeichnung und Aufriß. Damit war nichts gewonnen. Die praktische Lösung lag in seinen Zahlen. Und dann war die Lücke, das fehlende Letzte. Mochte der Fremde es sagen. Ihm konnte es recht sein. Was war da zu fürchten? Er mußte auf jeden Fall dabei gewinnen und gar nichts verlieren.

Eine heitere Sicherheit kam über ihn. Er begriff nicht mehr, wie dieser Brief ihn verwirren konnte. Was war denn dabei? Ein nüchternes Angebot, wie zahllose andere. Vielleicht ein Geschäft, ein glücklicher Zufall ...

»Drei Franken fünfzig,« sagte der Fahrer und hielt ihm die Hand hin.

»Pardon!« meinte er lächelnd. »Ich war in Gedanken.« Dann sprang er vom Trittbrett. Vor ihm lag eine kleinere Villa. Er ging durch einen Vorgarten und prüfte die Türe. Ein Namensschild war nicht zu sehen. Doch da war die Klingel. Er drückte sie ruhig. Da setzte die Kirchenuhr oben zum Schlage an. Vier hallende Schläge. Sie zitterten in seinen schwingenden Nerven. Es war ihm, als nähmen sie sanft einen Druck fort, der unbemerkt auf seinem Kleinhirn gelagert.

»Lebrun,« sagte er zu einem Diener. »Ich werde erwartet.«

Er trat in ein Zimmer und machte die Tür zu. Wenige Minuten später teilte sich schon der Vorhang der Rückwand. Er machte erstaunt eine leichte Verbeugung ... Vor ihm stand ein Weib, eine lächelnde Frau, von seltener Schönheit, schlank, rassig, exotisch. Ihre glutvollen Augen ruhten prüfend und eindrucksvoll auf ihrem Gast. Sie gab ihm die Hand.

»Monsieur Lebrun? Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind. – Ossun!« rief sie ins andere Zimmer zurück.

Sofort teilte sich wieder der Vorhang. Eine lange, hagere Gestalt stand in der Türe. Trotz des eleganten, schwarzen Anzugs und der verbindlichen Haltung hatte der Mann etwas unsagbar Abstoßendes an sich. Das Haar war geschoren und stand an den Schläfen in Borsten breit seitwärts. Die Augen waren durch eine Hornbrille von bläulichem Glase geschützt. Der obere Rand war in Brauen versenkt, dickbuschig und grau. Die Nase sprang wie ein Kreuzschnabel vor. Der Hals stak in einem handhohen Kragen. Trotzdem drängten sich einzelne Haare hervor.

Geiervisage! schoß es Lebrun durch den Kopf. »Ein Geier mit Brille!« – Die schöne Frau sah seinen prüfenden Blick.

»Monsieur Barbuche, mein Mann – Herr Lebrun,« stellte sie vor.

Mit einem physischen Widerwillen gab ihm Lebrun kurz die Hand.

Dieses Scheusal der Mann jener Frau? Wehrte sich nicht die Natur gegen ihn?!

»S'il vous plait?«

Sie setzte sich und zeigte auf einen Stuhl.

»Bitte, nehmen Sie Platz, Herr Ingenieur.«

Sie sah ihn aufmerksam an.

»Sie haben meinen Brief erhalten. Ich hoffe, Sie werden es nicht bereuen, daß Sie meiner Bitte gefolgt sind.«

Ihre Augen hatten einen bezaubernden Charme, einen seltsamen Glanz. Er senkte sich in diese Augen hinein. Es tat ihm so wohl. Er nickte nur stumm.

»Ihre Idee hat mich sofort interessiert.«

»Woher erfuhren Sie, Madame –«

Sie lächelte leicht. Gutmütig, wie eine Mutter auf törichte Fragen des Kindes.

»Darüber später. Sie werden sehen, ich bin informiert. Sie wollen Ihrem Tauchboot die Kugelform geben und es mit Greifern ausstatten. Es soll an einer Kette zum Meeresboden herabgelassen werden. Sie haben die Schwierigkeit gut überwunden.«

Sie sprach, als bemerke sie nicht sein Erstaunen. Vergebens versuchte er zu unterbrechen.

»Das Prinzip der Türe ist richtig gelöst. Die Idee der Metallwahl war ganz ausgezeichnet. Was jetzt noch fehlt, wird sich auch lösen lassen.«

Es hielt ihn nicht mehr.

»Madame!« fuhr er auf. »Wer konnte Ihnen verraten, was ich allein weiß!«

»Sie allein?« lächelte sie. »Vielleicht irren Sie doch. Natürlich kenne ich nur das Prinzip. Das Nähere nicht. Das genügt mir auch schon. Ich habe keinen persönlichen Ehrgeiz als Erfinder, monsieur. Ich bin nicht Konkurrenz. Mich interessiert nur das Ziel. Das Meteor. Ich möchte Ihnen behilflich sein, dies Ziel zu erreichen. Ich kann es vielleicht. Würden Sie jetzt monsieur Barbuche und mir kurz einmal erklären, was Sie bisher lösten?«

Wieder kam das große Erstaunen ihn an, mit welcher Selbstverständlichkeit diese Frau alles aussprach. Er räusperte sich.

»Madame – auf diese Lösung sind fünfzig Millionen gesetzt. Sie werden verstehen, daß ich die Idee nicht –«

Sie strich mit der Hand sein Bedenken beiseite.

»Wenn Ihre Idee eine brauchbare Lösung enthält, erwerbe ich sie zum doppelten Preise.«

Er stand heftig auf.

»Hundert Millionen?!« stieß er heraus. War diese Frau dort im Sessel verrückt? Oder narrte sie ihn!

»Hundert Millionen,« wiederholte sie kurz, als spräche sie von einem Ding ohne Wert. Sie wandte sich an ihren schweigenden Gatten. »Willst du bitte Herrn Lebrun als erste Anzahlung für seine Liebenswürdigkeit einen Scheck fertig machen, mon cher? Zehn Millionen. Für jeden Fall, auch wenn wir die Lösung nicht ankaufen sollten. Für Ihre Bemühung.«

Irgend etwas drehte sich in seinem Schädel. Er hob die Hand, um die ihre zu fassen, doch ließ er sie sinken. Er wollte wohl sprechen, doch fand er das Wort nicht. Stumm sah er den Scheck, den der Geierkopf reichte. Erst jetzt, wo der Mann durch das Zimmer herankam, sah er, daß er hinkte. Er zog das Bein schleppend nach.

»Stimmt es?« fragte die Frau.

»Zehn Millionen Dollars,« stotterte er.

»Würden Sie die Freundlichkeit haben?«

Ihr Auge stand groß und sah ihn starr an. »Aber stecken Sie bitte den Scheck vorher ein. – Wie kamen Sie gerade zur Wahl einer Kugel?«

Ihr Blick und sein Reichtum verwirrten ihn ganz. Jeder Zweifel war plötzlich wie ausgewischt. Es war ihm Bedürfnis, sich äußern zu können.

»Der ungeheure Druck des Wassers in so großer Tiefe zwang mich zu der Lösung. Mit je zehn Meter Tiefe steigt dieser Druck um eine Atmosphäre. In zehntausend Meter ist er tausend Atmosphären stark. Ein zylindrischer oder spindelförmiger Hohlkörper würde plattgedrückt werden, bevor er am Ziel ist. Der Druck würde sich allein gegen die Mittellinie des Körpers richten. Ganz anders bei einer Kugel. Dort verteilt sich der Druck stets gleichmäßig und dauernd. Es gelang mir, durch ein System innerer Versteifung die Widerstandskraft noch zu heben. Meine Kugel erträgt tausend Atmosphären vollkommen.«

»Sie werden es jedenfalls genau ausgerechnet haben. Ein Lebrun ist kein Pfuscher. Sie wissen, daß jede Unebenheit, jeder Ritz, jede Öffnung die Druckverteilung vernichtet, der Kugel zur ernsten Gefahr werden muß.«

»In meiner Kugel gibt es keinen Riß, keine Öffnung.«

»Sie wollen doch Menschen ins Innere lassen.«

»Die Türfrage bot Schwierigkeit, ja. Ich habe sie in einer Weise gelöst, die vollkommen ist. Die Oberflächenspannung der Kugel ist nicht unterbrochen.«

»Sie werden mir das nachher an Hand Ihrer Zeichnung erklären. Ihr Tauchboot ist ohne eigene Triebkraft. Die Kugel ist mit Greifern ausgerüstet und soll von innen bedient werden. Ihre Richtung erhält sie allein durch den Strudel. Sie soll an einer Kette hinabgelassen werden. Sie sind sich doch klar, daß diese Kette nach allen Begriffen unmöglich erscheint?«

»Eine gewöhnliche Kette, gewiß. Eine massive Kette ist gänzlich undenkbar. Selbst der glänzendste Stahldraht, in Seilen geflochten, hat eine Reißlänge von achttausend Metern. Ein Drahtseil von achttausend Metern, frei aufgehängt, ist also so schwer, daß es durch sein eigenes Gewicht reißen würde. Am oberen Ende. Bei einer massiven Gliederkette käme dies Reißen natürlich noch früher.«

»Sie wählten also eine hohle Kette?«

»Das war mein nächster Gedanke. Ich sagte mir: wenn ich eine hohle Kette nehme und jedes Glied so bemesse, daß die ganze Kette, wie jedes einzelne Glied das spezifische Gewicht des Wassers, also 1,0 hat, so verliert diese Kette im Wasser ihr ganzes Gewicht und ihre Reißlänge im Wasser wäre unendlich.«

»Ausgezeichnet.«

»Leider nicht ganz. Die Gewichtsfrage war zwar gelöst, doch blieb noch ein Fehler: die Drucklast des Wassers. Wenn meine Rechnung auch zweifellos stimmte – unter dem ungeheueren Drucke der tieferen Schichten wäre die stählerne Hohlkette, deren Wandstärke wegen des kleinen Gewichtes ja auch ziemlich schwach war, einfach plattgedrückt worden.«

»Und wäre zerbrochen!«

»Gewiß. Bei der notwendigen großen Sprödigkeit des Materials wäre irgendein Kettenglied sicher gebrochen. Doch auch ohne dies – sie wäre gerissen. Durch das Zusammenpressen der Kette wären die Hohlräume alle natürlich verschwunden. Die plattgedrückte Kette wäre wieder massiv gewesen, ihr spezifisches Gewicht dann entsprechend gestiegen ... Sie wäre, wie jede gewöhnliche Kette – gerissen! Als ich dies erkannte, war ich wie erschlagen!«

Sie nickte ihm zu.

»Ein Lebrun läßt sich durch eine Schwierigkeit wohl kaum entmutigen.«

Er fuhr schneller fort.

»Nein, Madame. Ich fand keine Ruhe. Bis auch das noch gelöst war.«

»Bravo!«

»Da eine Kette aus lauter gleichen Hohlgliedern unmöglich wurde, kam ich auf den Gedanken, die Berechnung eines Systems ungleicher Glieder zu wagen.«

»Und der Erfolg?«

»Ich rechnete und berechnete, ich logarithmierte und differenzierte und ermittelte so genau für jedes Kettenglied, wie dickmassig die Stahlwandung gewählt werden mußte, mit welchen Versteifungen sie innen gestützt werden mußte, damit sie den Wasserdruck jeweils ertrüge. Ich fand, daß die Kettenglieder im untersten Tausend Meter fast massiv, in den minder tiefen Schichten, je weiter nach oben, um so hohler und dünnwandiger ausfallen mußten. So erhielt ich in tiefen Schichten sehr hohe Gewichte, in höheren kleinere als die des Wassers.«

Sie folgte ihm aufmerksam und voll Verständnis.

»Auf diese Weise mußte sich auch der kritische Punkt ergeben, wo das spezifische Gewicht eines Gliedes gerade gleich eins war –«

Ihr Verständnis begeisterte ihn.

»Ja, Madame! Und da kam die zweite Enttäuschung. Als ich die Auftriebsspannung der über dem kritischen Punkt liegenden, zu leichten Kettenglieder summierte und das Integral über den Zug des nach der Tiefe zu spannenden, zu schweren Kettenteils bildete, riß meine Kette sofort wie ein Strohhalm! Oben zerrte der Auftrieb, unten die Masse. Der Zug war zu mächtig, auch für besten Weltstahl.«

Sie nickte nur kurz.

»Und da kam die neue Idee, vor drei Tagen. Sie telefonierten sofort an Herrn Stivsen, den Aluminiumfürsten ...«

Ungläubig, aufgeregt sah er sie an.

»Sie wissen auch das?!«

»Bitte, fahren Sie fort!«

Er wollte noch einmal fragen, doch sie winkte ab. Es währte Sekunden, bis er wieder sprach.

»Der Gedanke war da. Wie ein Blitzlicht, ganz plötzlich. Ich brauchte nur an Stelle des Stahles ein Metall auszuwählen, das die Stärke des Stahles bei einem spezifischen Gewichte von weniger als vier besaß. Oder die halbe Zugbeanspruchung bei einem spezifischen Gewichte gleich zwei ertrug. Dann konnten die untersten Kettenglieder massiv, die mittleren sehr dickfleischig genommen werden, ohne daß die Kette zu schwer war, da die größere Wasserverdrängung des voluminöseren Leichtmetalls ihr Gewicht hinreichend aufhob.«

Und dieser Gedanke kam Ihnen im Boston-Café bei der Zeitung. Zufällig fiel Ihr Auge auf eine kurze Notiz, daß es Stivsen gelungen sei, ein neues Leichtmetall zu erfinden, das Alminal hieße und –«

Er starrte sie an. Sie lächelte nur.

»Sie wundern sich, daß ich dies weiß? Es ging alles natürlich und wunderlos zu. Ich will es verraten. Sonst halten Sie mich noch für ein Gespenst. Monsieur Barbuche saß zufällig hinter Ihnen, im Boston-Café. Sie waren in Gedanken und rechneten selbst im Café, mit dem Bleistift. Sie sind jedem bekannt. Aus den Zeitschriften schon. Ihr Benehmen mußte die Neugierde reizen. Sie nahmen die Zeitung, sahen die Notiz, beugten sich impulsiv vor. Dabei stießen Sie gegen Ihr Glas. Ein wenig Absinth floß über den Tisch. In Ihrer Erregung wischten Sie mit ihrem Finger hindurch und legten den Finger kurz auf die Notiz. Dann stürmten Sie fort. Monsieur nahm die Zeitung, die Sie fortgelegt, sah den Fleck und wußte sofort, was Sie so erregt. Am nächsten Tage fragte ich Stivsen sofort. Durchs Radiophon. Er ist unser Freund. Er sagte mir, daß ich ganz richtig vermutet. Sie hätten am Tage vorher antelefoniert und sich nach dem Alminal erkundigt ...«

Er lachte laut auf.

»Sie nehmen eine seelische Drucklast von mir. Ihr Wissen war mir tatsächlich unheimlich geworden.«

»Und das Alminal?« warf sie schnell wieder ein.

»War das, was ich suchte. Stivsen ist es gelungen, durch ein neues Verfahren elektrischer Ionisation das Aluminium zu stählen. Dem Aluminium wurde nur Kohlenstoff beigemengt –«

»Und seine Widerstandskraft?«

»Gleich drei Viertel des Stahls. Sein spezifisches Gewicht etwa 2,4.«

Ihr Blick glänzte auf.

»Sie bauen die Kette jetzt aus Alminal?«

»Sie und auch das Boot. Ich kann meiner Kugel die dreifache Wandstärke geben bei gleichem Gewicht. Sie würde jetzt zweitausend Atmosphären ertragen.«

Freudige Genugtuung trieb ihn vom Stuhle.

»Und was fehlt noch, trotzdem?«

Sofort war sein Auge verfinstert und matt. Es fiel ihm nicht auf, daß sie auch dies wußte, was zu jener Szene, von der sie gesprochen, ganz ohne Bezug war. Tiefe Entmutigung hielt ihn gefangen.

»Die Fenster! Die Fenster!« stöhnte er auf. »Ich kann mein Boot doch nicht blind tauchen lassen! Es gibt aber nirgends ein Material, das durchsichtig ist und mehr als zweihundert Atmosphären ertrüge!«

Sie stand ruhig auf.

»Ist das Ihr letztes Bedenken? Der einzige Fehler?«

»Gewiß. Alles andere ist unbestreitbar.«

»Sie würden Ihr Tauchboot nötigenfalls sofort konstruieren und herstellen können?«

»In wenigen Wochen. Hier sind meine Risse und hier alle Zahlen.«

»Schön. Die Fensterfrage ist auch gelöst. Sie sprechen von Glas und Durchsichtigkeit. Haben Sie nie an Kappa- und Rhostrahlen gedacht?«

»An? – Wie –? Ich verstehe nicht ganz.«

»Sie sind kein Chemiker. Aber Sie haben wohl von diesen Strahlen gehört?«

»Natürlich. Gewiß. Der Physiker Blackstone –«

»Sie sind informiert. Diese Strahlen haben die Eigenschaft, daß sie durch alle Metalle hindurchgehen, daß sie aber trotzdem durch Erzeugung von eigenartigen Fluoreszenzerscheinungen befähigt sind, ein Bild der getroffenen Körper auf chemische Platten zu werfen.«

Er hatte den Stuhl mit den Fäusten umklammert.

»Madame!« rief er laut, mit Jubel im Ton. »Also kann ich mit Hilfe der Strahlen doch sehen! Die äußere Umwelt der Kugel betrachten, auf Platten verfolgen –«

»Gewiß. Sie brauchen also einfach durch die Panzerwand mit der Kapparholampe zu leuchten und können dann aufnehmen, was draußen vorgeht. Kein Schwermetall ist undurchdringlich für diese –«

Lebrun war erbleicht.

»Kein Schwermetall?!« rief er. »Alminal ist doch Leichtmetall! Aluminium gestählt!«

Die Stirne der schönen Frau war plötzlich bewölkt. Ein fremdländischer Fluch entfloh ihrem Munde. Ihr Auge schoß Wut.

»Daran hat dieser Narr nicht gedacht!« stieß sie zischend hervor. Den Blick auf Barbuche. »Alminal ist für die Kapparhostrahlen immun.«

Lebrun stand am Tisch. Plötzlich lachte er auf.

»Und ich mache es doch!«

Sie sah ihn stumm an.

»Ich setze der blinden Kuh Stahlaugen ein!«

»Was heißt das, monsieur?«

»Sehr einfach, Madame. Ich setze der Kugel nur Stahlplatten ein und leuchte mit Kapparhostrahlen hindurch. Wie durch dicke Glasfenster, ohne Gefahr, und wären die Stahlplatten zwei Meter dick!«

Ihr Blick flammte auf. Ihr Antlitz war rot und freudig erregt. Sie gab ihm die Hand.

»Tiens, Herr Lebrun! Ich kaufe die Lösung. Für hundert Millionen.«

* * *

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