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Die Fahrt ins Nichts

Reinhold Eichacker: Die Fahrt ins Nichts - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorReinhold Eichacker
titleDie Fahrt ins Nichts
publisherUniversal-Verlag
year1924
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150910
projectid00b68581
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In immer steigender, innerer Unruhe stand Mabel vom Stuhl auf und ging durch ihr Zimmer. Vom Fenster zur Türe, von der Türe zum Fenster. Die Standuhr der Diele schlug elf laute Schläge. Das steigerte noch ihre Angst. Gestern abend gegen sieben Uhr hatten Werndt und ihr Gatte die Villa verlassen, um das letzte Experiment zu beginnen. Der Ingenieur hatte ihre Ängste bemerkt und ihr mehrmals versichert, daß der Versuch ohne jede Gefahr sei, auch wenn er mißlinge. Warum kamen sie dann nicht? Die ganze Nacht hatte sie geduldig gewartet, bis sie gegen Morgen eingenickt war, von wüsten Gedanken und Träumen gefoltert. Mit einem Angstschrei war sie erwacht. Und doch gab nichts ihr Veranlassung zu diesen Sorgen. Auf jede Anfrage in der Werndt-Stadt kam immer die Antwort, daß alles in Ordnung. Warum litt sie so stark? Es war nicht das erstemal, daß ihr Mann eine Nacht in der Stadt draußen fortblieb. Und sie war ruhig gewesen. Warum jetzt diese Furcht? Sie begriff sich nicht mehr. Sie schalt sich nervös und nahm schnell ein Buch. Doch es hielt sie nicht mehr. Mit raschem Entschluß hob sie die Muschel des Radiophons. Obwohl Werndt es nicht gerne sah, rief sie das Laboratorium an. Es dauerte lange, bis sie Antwort erhielt.

»Hallo!« kam es endlich. »Wer ist da?«

Die Antwort überraschte sie leicht. Ihr Gatte wußte doch, daß nur sie mit ihm sprach. Aber sie war zu erregt. Ihr Herz klopfte laut.

»Werner, bist du's?« fragte sie schnell.

Sie glaubte, ein Flüstern zu hören.

»Ja ..., was gibt's?« kam es zurück. Die Stimme kam ihr fremd vor. »Werner?« fragte sie nochmals.

»Ja – ja!« machte es ungeduldig. »So sag' doch – was gibt's denn?«

»Deine Stimme klingt so merkwürdig –«

»Das hängt mit unserem Versuch zusammen. Ich erkläre das später.«

»Ich habe solche Angst um dich. Die ganze Nacht habe ich gewartet.«

Wieder glaubte sie eine zweite Stimme zu hören. Sie lauschte vergebens.

»Wir sind eben fertig,« kam es von drüben.

Eine heiße Welle der Freude schoß ihr zum Herzen.

»Und ist es gelungen?«

»Vollkommen. Bitte, komm gleich herüber. Du kannst alles sehen.«

»Ich komme!« jubelte sie. »Du, Werner, sag nur noch – ja? ... Werner ...? hallo ...? – Getrennt!« meinte sie, ein wenig enttäuscht. Eine Weile stand sie unschlüssig da. Wie hatte der Apparat seine Stimme verändert. Vom Versuch käme das. Merkwürdig. Nicht nur die Tonfarbe war fremd, entstellt, auch der Akzent, die Aussprache, alles. Die Unruhe setzte plötzlich noch heftiger ein. Mit hastigen Schritten ging sie zur Diele und warf sich in Flugtracht. Das kleine Flugzeug ihres Gatten war nicht mehr dort. Aber Werndts neuer »Falke« stand vorne im Schuppen. Sie zog ihn heraus. Der federleichte Apparat folgte ihr wie ein Spielzeug. Die durchsichtigen Flügel schillerten in der Farbe des Himmels. Wie ein Chamäleon wechselten sie ihre Färbung. In der Luft waren sie fast unsichtbar durch ihre Spiegel. Sie kannte den Apparat genau von den zahlreichen Flügen. Kaum hörbar summte der Motor spielend an, dann hob sich das Aero in Richtung zur Werndt-Stadt.

In unheimlicher Geschwindigkeit nahm der Falke den Weg. Nach wenigen Minuten schon landete Mabel dicht neben dem Hauptturm. Das Aero stand, wie eine schöne Libelle, und zitterte leise. Mit erleichtertem Aufatmen sah sie den Mittelbau stehen. Es war also alles in Ordnung. Sie schämte sich etwas ihrer früheren Angst. Werner würde sie schelten. Langsamer ging sie die Treppe hinauf in das Umkleidezimmer, das vor dem Laboratorium lag. Gleich beim Eintreten sah sie schon Ebro. Er stand vor der mächtigen Uhr in der Ecke und drehte sie auf, um sie wieder zu stellen. Sie war stehengeblieben. Sein treues Ledergesicht war ihr wie ein Willkommen. Es gab ihr die Sicherheit, die sie verloren.

»Guten Morgen,« sagte sie laut.

Ebro fuhr ganz erschrocken herum. Er hatte sie gar nicht bemerkt. Instinktiv gab er dem Perpendikel einen Stoß, bevor er vom Stuhl sprang.

»Guten Morgen, Sennora.«

Seine großen Augen strahlten der Herrin entgegen.

»Alles in Ordnung? Ja? Wo ist mein Mann jetzt?«

»Die Herren müssen noch im Laboratorium sein. Der vordere Raum ist noch immer verschlossen. Ich bin schon seit zwei Stunden hier.«

»Hm,« machte sie zweifelnd. »Jedenfalls sind sie fertig. Ich rief meinen Mann an. Er bat mich zu kommen.«

»Ist es gelungen?« fragte er eifrig.

Sie nickte beseligt. »Ich will einmal klopfen.«

Sie drückte die Klinke zum anderen Zimmer. Die Tür war verschlossen. Unruhig klopfte sie an. Sie hörte ein Schlürfen. Im gleichen Augenblick ging die Türe rasch auf. Überrascht fuhr sie zurück. Vor ihr stand ein wildfremder Mann, den Vollbart ergraut, die Haare zerwühlt. Ein riesiger zweiter kam hinter ihm her.

»Sie haben nichts zu fürchten, Mistreß, wenn Sie gehorchen,« sagte der Graue. Sofort erkannte sie die Stimme des Radiophons.

»Wer sind Sie? Was wollen Sie?« stieß sie zurück.

»Weg da!« sagte sein schwarzer Begleiter und schob Ebro seitwärts, der zu ihrem Schutz kam. Mit einem Ruck schloß er die Türe zur äußeren Diele und steckte den Schlüssel schnell in seine Tasche.

Der Ältere betrachtete Mabel voll Mitleid.

»Es tut mir leid, Mistreß, Sie beunruhigen zu müssen. Wer ich bin, werden Sie später erfahren. Ein Kollege von Werndt. Ich spreche mit Frau Nagel, nicht wahr ...?«

Sie überhörte die Frage.

»Ist mein Mann drinnen?«

»Ihr Gatte und Doktor Werndt wurden gestern vor ihrem Versuche an einen anderen Ort gebracht.«

Er sah ihr Erschrecken.

»Was will man mit ihnen? Wer waren die Täter?«

»Wir handeln in höherem Auftrage. Es tat mir sehr leid. Ich schätze Werndt sehr. Ich bin überzeugt, daß sie gut aufgehoben sind, und daß ihnen nichts Böses geschieht.«

»Wo sind sie? Ich will ...«

»Ich bedauere aufrichtig, Ihren Wunsch nicht erfüllen zu können. Sie wurden im Flugzeug fortgebracht. Ihr Aufenthalt ist mir unbekannt. Sobald meine Aufgabe erfüllt ist ...«

Sie zitterte leise.

»Was haben Sie vor?«

»Sie sehen, Mistreß, ich bin ganz offen. Um zwei Uhr fünfzehn habe ich dort im Laboratorium weisungsgemäß einen kleinen Versuch zu beenden ...«

»Verbrecher!« zischte sie empört.

Er kniff die Augen in leichter Beschämung.

»Es geschieht nicht aus Ehrgeiz, gewiß nicht. Werndt widersetzte sich aber der Herrin –«

Er unterbrach sich, als habe er schon allzuviel ausgeplaudert.

»Ich will zu meinem Manne!« sagte sie ratlos. Er hob bedauernd die Schultern.

»Es tut mir leid, doch es geht nicht. Im Gegenteil muß ich Sie bitten, diesen Raum nicht zu verlassen. Und auch diesen Mann hier. Um zwei Uhr fünfzehn beginnt mein Versuch. Er wird nur kurz dauern. Ehe er nicht beendet ist, darf ich Sie nicht entlassen. Ich werde Sie beide in diesem Zimmer einschließen lassen –«

Mit einem Satz flüchtete er in die Türe. Ebro hatte eine eiserne Stange ergriffen und sprang auf ihn ein. Sein Ledergesicht flammte Wut und Empörung.

»Schurke!« brüllte er auf. »Armselige Kröte, ihr wagt meine Herrin –«

»Im gleichen Augenblick riß es ihn rückwärts. Mit beiden Fäusten hatte der andere Mann ihn gepackt. Wie eine Puppe hob ihn der Riese hoch über den Schädel und schmetterte ihn in die Ecke des Zimmers.

Ebro versuchte vergebens, sich neu aufzurichten. Er sank hintenüber und blieb ächzend liegen. Der athletische Schwarzkopf nahm ruhig die Stange, die Ebro entfallen, und wiegte sie spielend und leicht in den Händen. Dann bog er den Eisenstab, wie eine Gerte ...

Der Graumelierte kam wieder näher.

»Sie sehen, daß Widerstand keinen Zweck hat. Es täte mir leid, Gewalt anwenden zu müssen. Es ist mein Befehl – ich darf nicht gestatten, daß Sie sich entfernen. Bis zwei Uhr fünfzehn ist's nicht mehr lange. Nach dem Experiment sind Sie bald wieder frei. Bis dahin –«

Er sprach das letzte nicht aus. Mit einer Verbeugung vor der schönen Frau zog er sich mit seinem Begleiter zurück. Die Türe zum Laboratorium wurde hörbar von innen verriegelt.

In Mabels Hirn jagten sich die Gedanken. Nun wußte sie, was ihre Ängste verursacht. Ihr Gatte und Werndt waren in größter Not, in ernsten Gefahren. Die Drohbriefe fielen ihr wieder ein, die Diebstähle, von denen der Ingenieur ihr erzählte, die Zettel des Inders. – Unschlüssig rang sie die Hände. Entfliehen konnte sie nicht. Die Fenster waren vergittert, die Türen verschlossen. Ihr Blick fiel auf Ebro. Er lag leise stöhnend. Hilfsbereit kniete sie nieder und sah ihm ins Antlitz. Er versuchte zu lächeln.

»Nichts – nichts Schlimmes, Sennora. Ich muß ein paar Rippen gebrochen haben – nichts weiter. Das hindert ein wenig – es wird sich schon geben.«

Mit Aufbietung aller Willenskraft stieß er sich aufwärts. Es gelang ihm auch leidlich. Sie hielt seinen Rücken.

»Sitzen bleiben!« bat sie. »Es hat keinen Zweck so.«

Gehorsam lehnte er sich gegen die Mauer.

»Unser Herr – unser Herr!« klagte er tonlos.

Sie ging durch das Zimmer. Zwei Uhr fünfzehn wollte der Fremde da drinnen beginnen. Dann sollte sie frei sein. Zwei Uhr fünfzehn. Sie suchte die Armuhr. Der Armreifen fehlte. Sie mußte ihn daheim gelassen haben in ihrem Zimmer. Doch da war ja die Standuhr. Eben schlug sie ein Uhr. Überrascht sah sie auf. Sie hatte nicht gedacht, daß es so spät sei. Aber sie nahm es voll Freude. Es kürzte ihr Wachen. Aufatmend bemühte sie sich um den Diener. Er schien hauptsächlich Quetschungen zu haben, die ihn heftig schmerzten. Auch eine Rippe schien zweimal gebrochen. Er unterdrückte den Schmerz und nahm einen Sessel. Dort saß er mit zusammengebissenen Zähnen, das Faltengesicht undurchdringlich und reglos, mit rollenden Augen. Er schwieg, weil er doch nichts zum Trost sagen konnte.

»Zwei Uhr fünfzehn,« grub es in Mabels Gedanken. Die Zeit schlich so quälend – ein Uhr vierzig, ein Uhr fünfzig ... »endlich!« seufzte sie tief auf, als es nachhallend zwei schlug. Noch fünfzehn Minuten. Sie ging an ein Fenster. Sie waren kaum mannshoch vom Boden da draußen. Die Uhr tickte hörbar. Der Zeiger kroch wie ein Verhängnis nach unten.

»Zwei Uhr fünf!« stöhnte sie auf. »Wenn wir doch nur eine Feile hätten, um das Gitter durchsägen zu können. Dann könnten wir fliehen.«

Ebro schlug sich verdutzt vor die Stirne.

»Esel, ich!« schalt er sich selbst aus. »Eine Feile haben wir nicht, doch das Wandschränkchen dort. Das hat die schärfsten Säuren, die schneller arbeiten als eine Feile. Und ohne Geräusche. Mühsam hob er sich hoch und ging nach dem Schränkchen. Sie wollte es holen, doch war er schon drüben. »Ich muß es doch wieder lernen, das Laufen. Wenn ich mit fliehen will.«

Es ging wesentlich leichter. Er zog schmerzhafte Falten, aber seine Glieder gehorchten. Sorgfältig wählte er zwischen zwei Säuren.

»Die da wird es machen,« meinte er prüfend.

Vorsichtig öffnete Mabel das äußere Fenster. Ebro strich die Flüssigkeit über das Eisen. Sofort bildete sich ein rötlicher Kranz. Er ließ es einen Augenblick einziehen. Es trocknete sichtbar. Dann stieß er voll Kraft seine Faust an die Stange. Sie brach in dem Streifen, als wenn sie von Glas sei.

»Gut!« lobte er zufrieden. »Die Stangen stehen sehr dicht. Wir werden fünf, sechs losbrechen müssen, um Durchschlupf zu haben. Wieder bestrich er den folgenden Stab mit der Säure.

Mabel warf einen Blick auf die Wanduhr.

»Zwei Uhr zwölf« – der zweite Eisenstab knirschte – jetzt mußten die beiden da drinnen beginnen. Zwei Uhr dreizehn – es war ihr, als stünde die Zeit unbeweglich. Unsagbare Trauer erfaßte sie bei dem Gedanken an das, was man Werndt tat. Es war ein Verbrechen, den Mann zu verfolgen, der alles gelitten, Gefahren bestanden, in Nächten gegrübelt. Auch wenn die beiden da drinnen kaum großen Schaden anrichten konnten, und niemals erfuhren, was Werndt schon entdeckte – es blieb ein Verbrechen –

Zwei Uhr vierzehn ... der dritte Stab klirrte.

Sie legte das Ohr an die innere Türe. Sie glaubte da drinnen Geräusche zu hören. Schritte und Stimmen. Warum Gott das zuließ! – Der Zeiger kroch vorwärts – dreißig Sekunden – vierzig Sekunden – fünfzig – Gong! schlug die Uhr – zwei Uhr fünfzehn – jetzt war es. Sie hörte nichts mehr. Es blieb alles ruhig ... Da ging sie zum Gitter. Ebro war fertig. Er prüfte die Breite.

Die innere Unruhe nach ihrem Gatten faßte sie wieder.

»Rasch, rasch hinaus, bevor man uns hindert!«

Angestrengt stützte sie ihn und half ihm durchs Fenster. Dann war auch sie draußen. Sie liefen zur Wache. Mit wenigen Worten orientierte sie den Beamten.

»Sollen wir die Leute gleich festnehmen lassen?« –

Sie überlegte gehetzt.

»Nein, ich glaube, es ist besser – ja, sie haben sich eingeschlossen, sie müssen jetzt bei ihrem Versuch sein. Wenn Ihre Leute gewaltsam eindringen, könnte ihnen etwas zustoßen, Strahlungen, Gase, Hitze – eine Explosion könnte erfolgen. Hindern können wir nichts mehr – und ohne Werndt können Sie auch nichts entdecken ... Wir werden am besten –«

»Ich werde den ganzen Bau mit hundert Mann umstellen lassen. Dann fangen wir beide, sobald sie entwischen. Und wissen dann gleich, was sie wollten da drinnen.«

»Gut! Gut!« stimmte sie zu. »Machen Sie es so. Hauptsache ist jetzt, daß wir Werndt und meinen Mann wiederfinden –«

»Sie können sich ganz auf mich verlassen,« sagte der Mann schnell. Er sah eine günstige Gelegenheit sich auszuzeichnen. »Die beiden Verbrecher entkommen uns nicht mehr.«

Sie nickte beruhigt. Ihr Blick fiel auf Werndts Flugzeug, den wartenden »Falken«. Ohne zu überlegen stieg sie hinein. »Los! Los!« drängte sie. Der Motor summte an. Der Falke stieg hoch, wie vom Winde gehoben.

»Wohin?« fragte Ebro.

Ihr Blick war geängstigt.

»Irgendwohin ... Werndt suchen, und meinen Gatten ... wir müssen sie finden ...!«

* * *

»Welche Zeit?« frug Werndt, ohne den Blick vom Motor aufzuheben.

»Ein Uhr fünf,« gab Nagel zurück. Er hatte die Uhr in der Hand. »Werden wir's schaffen?«

Werndt kniff die Lippen zusammen, als unterdrücke er ein Stöhnen.

»Zehn Uhr zwanzig haben wir Bombay verlassen. Wir sind die geradeste Strecke geflogen. – Unter uns liegt das Mahadeogebirge. Itarsi und Hoshangabad sind überflogen. Die Bahnstation unten muß Gadasvara sein – die Mitte der Wegstrecke Bombay–Benares. Wir haben dazu fast drei Stunden gebraucht. Mehr gibt dieses Flugzeug nicht her.«

Entmutigt ließ Nagel die Uhr wieder sinken.

»Das heißt also mit anderen Worten, daß wir Benares nicht vor vier erreichen?«

Der Ingenieur schaute starr in die Luft.

»Wenn kein Wunder geschieht ... Hätte ich doch meinen ›Falken‹! Er würde es schaffen. Nur er – und auch jetzt noch.«

Tiefste Entmutigung, Trotz und Verbissenheit lag in dem Tone.

Lange Zeit schwiegen sie beide. Nur das helle Geräusch des Motors zerhackte die Stille. Unten fuhr ratternd der Eilzug nach Bombay. Er kam von Benares. Ab und zu überholten sie irgendein anderes Aero.

»Ein Uhr zwanzig –« mechanisch warf Nagel die Zeit in das Schweigen. Wie Keulenschläge des feindlichen Schicksals. Plötzlich sprang er auf und zeigte nach unten. Fern vor ihnen hob sich ein leuchtendes Stadtbild, mit vielen Moscheen. »Dort, Meister, Benares?« Er war voller Hoffnung.«

Werndt schüttelte müde, verneinend den Kopf.

»Jabalpur – vier Sechstel des Weges.«

Wieder pumpte er Luft auf den Benzinbehälter, doch er unterbrach sich. Wie ein Ruck ging es durch seinen Körper. Die Stahlaugen blitzten. Er beugte sich seitwärts, daß er weit heraushing, und horchte nach oben. Dann riß er die Hand an die zitternden Lippen und pfiff, laut und gellend. Ein trillerndes Pfeifen, stets schärfer und höher ...

Auch Nagel horchte jetzt auf. Ein eigenartiges Summen lag in der Luft, als striche ein Bienenschwarm über die Köpfe.

»Der Falke?« frug er überrascht.

Werndt horchte noch immer.

»Er ist es – er ist es!« frohlockte er endlich. »Er hat mich gehört – er kommt immer näher.«

Wieder pfiff er den Triller. Da gellte die Antwort – kurz zweimal – dreimal – ganz deutlich, der Pfiff der Sirene. – Doch war nichts zu sehen.

»Die Tragflächen machen ihn unsichtbar.«

»Wenn sie uns nur sehen.«

Nagel warf eine Fahne weit über die Bordwand. Sie schwebte im Flugwind. Sekunden vergingen, das Brummen kam näher. – Dann legte es sich wie ein Schatten aufs Aero. Schmale, durchsichtige Flügel tauchten auf, ein spiegelnder Rumpfteil. – Wie ein Pfeil schoß der Falke dicht an ihre Seite. Mabels Kopf bog sich aufgeregt fragend nach außen. Werndt winkte ihr hastig.

»Landen! Landen!« brüllte er mit allen Kräften. Dann schossen die Aeros im Sturzflug nach unten. Der Falke wartete schon, als Werndt ankam. Mit großen Sprüngen liefen sie von ihrem Aero hinüber und sprangen ins Flugzeug. Frau Mabel schlang selig den Arm um den Gatten. Dem Spanier tanzten die Falten vor Freude. Werndt saß schon am Steuer.

»Abfahren! Später!« drängte er auf Mabels stürmische Fragen.

Der Falke schoß aufwärts und pfiff durch die Lüfte.

»Es geht um Sekunden –! Wir haben durchs Landen Minuten verloren.«

Die Linke am Lenkrad, gab er seine Rechte Frau Mabel zum Handschlag.

»Dank Ihnen!« sagte er kurz.

Sie war voll von Fragen, von Sorgen und Ängsten.

Er wies sie schnell ab.

»Wir waren gefangen – in Bombay. Und sind dann entflohen. Das andere später. Wie kamen Sie selbst her?«

»Direkt von Benares. Ich wollte nach Nagpur und Haidarabad, Sie und Werner zu suchen. Es war in mir wie eine innere Stimme. Über Jabalpur bog ich links ab. Da hörte ich pfeifen. Das Falkensignal. Ich sah auch das Flugzeug tief unter uns fliegen –«

»Wodurch erfuhren Sie, was uns geschehen?«

Sie berichtete mit fliegendem Atem.

»Kanaillen!« wetterte Nagel, als sie die Gewalttaten Cachins berichtet. Ein kräftiger Händedruck dankte Don Ebro.

Werndt wartete sichtbar auf irgendein Stichwort, als habe er Fragen, die noch offenstanden. Sie merkte es gar nicht und schreckte zusammen, als er plötzlich hochschoß. Sein Blick war entstellt vor Erregung und Spannung.

»Sie haben die beiden dann festnehmen lassen?«

»Nein. Der Hauptbau ist aber von Wachen umzingelt. Die beiden hatten sich doch eingeschlossen. Ich fürchtete, daß während ihres Versuches Gefahr für die Leute –«

»Während welchen Versuchs? Er soll doch erst um zwei Uhr fünfzehn beginnen! Sie sagten es selbst ja!«

»Gewiß!« nickte sie rasch. »Um zwei Uhr fünfzehn war ich noch im Zimmer.«

»Wie?!« brauste Werndt auf. »Es ist ein Uhr vierzig – jetzt – jetzt! Also kann doch ...«

In ihren schönen Augen standen schimmernde Tränen. Seine Heftigkeit schmerzte sie tief, wie ein Unrecht.

»Ich hatte die Zeit auf der Standuhr gesehen. Im Umkleidezimmer.«

Der Spanier beugte sich hastig nach vorne.

»Die Standuhr im Zimmer, Sennora? ... war noch nicht gestellt ... war stehengeblieben. – – Ich wollte den Zeiger eben zurückstellen, als Sie in das Zimmer ...«

Ihr stockte der Atem.

»Dann hätte ich also durch eine Verhaftung die beiden verhindert –?«

Werndt nickte stumm – mutlos. Unsagbare Bitterkeit fraß ihm am Herzen. Mit Keulenschlägen schlug ihn das Schicksal. Grausam und höhnisch. Teilnahmlos hörte er Nagels Erklärung und Mabels Entsetzen.

»In die Luft sprengen?! Das Laboratorium – das Meteor – alles – alles?!« rief sie voll Grauen und heller Verzweiflung. »Und alles das hätte ...?!« Ein Weinkrampf ergriff sie. Nagel strich ihr das Haar. Stumm. Er fand keinen Trostspruch.

»Wieviel?« fragte Werndt.

»Ein Uhr fünfzig.«

»Wir sind über Rewa.«

Lastendes Schweigen lag über den Menschen im Flugzeug. Unwillkürlich mußte Werndt an die andere Falkenfahrt denken. Die gleichen Personen – nur Earthcliffe selbst fehlte. Herzliches Mitleid mit Mabels Mißgeschick faßte ihn plötzlich. Die tapfere Frau litt wie er, durch die Tücke des Schicksals, nicht durch ihr Verschulden. Er drehte sich um und nahm ihre Rechte.

»Weinen Sie nicht, Frau Mabel!« sagte er herzlich. »Sie trifft keine Schuld. Es ist nur Bestimmung. Wäre es wirklich schon zwei Uhr gewesen, so hätten Sie richtig gehandelt. Sie standen auch unter dem Eindruck des Neuen, waren geängstigt durch eine Gewalttat, fürchteten für Ihren Gatten und dachten vor allem erst an seine Rettung. Das war ganz natürlich.«

Sie sah ihn voll Dank an, durch schimmernde Tränen.

»Sie sind gütig, Meister. Selbst in dieser Lage. Ihr Lebenswerk steht auf dem Spiele, die Lösung des Rätsels, für Sie, für die Menschheit – und wollen mich trösten ...«

Er war ernst und versonnen.

»Der Gott, der dies alles so zuließ und fügte, der wird wohl auch wissen, weshalb er es machte. Es wäre so leicht gewesen die Tat zu verhindern. – Es gibt keinen Zufall. Wir alle hier spielen nur unsere Rollen im Schauspiel des Lebens, und nur Jener oben weiß, wie das Spiel ausgeht. Also Mut und Vertrauen! Ihr Gatte war in großer Gefahr. Sie waren gefangen. Freuen Sie sich, Frau Mabel, daß Sie wieder vereint sind!«

Sie drückte ihm innig die Hand und lehnte das Haupt an die Schulter des Gatten.

Werndt saß vor dem Rad, die Züge wie Stein, den Blick geradeaus.

»Zeit?« fragte er laut.

»Zwei Uhr drei.«

Seine Backenmuskeln hoben sich leicht.

»Wir schaffen es nicht. Zehn Minuten brauchen wir bis Mirzapur. Selbst mit dem Falken. Vor zwei Uhr zwanzig erreichen wir's nicht. Auch dann wär's ein Wunder.«

Der Falke schoß tiefer. Eine Stadt tauchte auf. An dem Vorbeischießen der Hütten und Dörfer, der hellen Geleise der indischen Staatsbahn sah man, wie das Flugzeug unheimlich dahinglitt.

Nagel ließ keinen Blick von dem Zeiger. Er hätte ihn aufhalten mögen mit seinem Herzschlag. Er sank stetig tiefer.

»Zwei Uhr zehn!« rief er finster.

Die ersten Türme von Mirzapur schossen vorüber. Werndt saß unbeweglich.

»Der Falke fliegt göttlich. Wir haben zwei volle Minuten gewonnen. Und doch nicht genügend.«

»Zwei Uhr zwölf!« Nagel warf seine Zahlen wie Anklagen von sich.

»Zwei Uhr dreizehn!«

Am Horizont wuchs eine leuchtende Stadt hoch, mit tausend Moscheen und seltsamen Türmen. Ein glitzerndes Flußband lief quer durch die Mitte.

»Der Ganges!« rief Mabel. »Benares!«

»Zwei Uhr vierzehn!« kam es wie Höhnen.

Näher und näher schossen die Häuser, als liefen sie ihnen aufflammend entgegen – zwanzig Sekunden – fünfundzwanzig – dreißig Sekunden ...

»Fünf Minuten brauchten wir noch von Benares zur Werndt-Stadt.«

Werndt regte sich nicht. Mit brennenden Augen sah er in das Glühen der sonnigen Dächer. Der erste Turm stob wie ein Spukbild vorüber.

»Vierzig Sekunden – fünfzig Sekunden ...«

Das Bild von Benares sank in sich zusammen, und vorne hob sich's wie ein drohender Schatten, ein stummes Verhängnis ... die dampfende Werndt-Stadt, im Sonnenlicht gleißend ... Das Herz schien zu stehen im Druck der Sekunden.

»Fünfzig – siebenundfünfzig – achtundfünfzig – neunundfünfzig ...«

Schon sah man den Hauptturm.

»Zwei Uhr fünfzehn!« rief Werndt plötzlich, mit wehem Aufschrei. Sein Auge war ungläubig, weit aufgerissen, in stummer Verzweiflung. Die zitternde Rechte wies starr in die Ferne ... Dann brach er am Lenkrad ohnmächtig zusammen ...

Er sah nicht mehr, wie sich der Falke emporwarf, als schleudere ihn eine Woge zum Himmel. Ein furchtbarer Knall ließ die Erde erbeben und fiel wie ein Hammerschlag über Benares, die Fenster der Häuser in Scherben zersplitternd ...

Fern über der Werndt-Stadt lag es wie ein Nebel, von Blitzen durchleuchtet. Ein flimmernder Streifen stand steil auf der Erde und stieß in den Himmel, wie eine Geschoßbahn, im Endlosen mündend ...

* * *

Werndts Ohnmacht währte nur kurze Minuten. Er schlug seine Lider auf, fragend – verwundert. Mabels schönes Gesicht sah auf ihn herab. Sie hatte seinen Kopf in ihren Schoß gebettet und rieb seine Stirne mit kühlendem Äther. Heiße Tränen schimmerten in ihren Augen.

Langsam richtete er sich auf. Wie ein Strom kehrte das Leben in ihn zurück. Sein Blick fiel auf Nagel. Er saß vor dem Lenkrad. Sofort entsann er sich alles Geschehens. Sein Herz klopfte stürmisch. Dann hob er sich, ohne ein Wort, auf die Füße. Er reichte Mabel und Nagel die Hände und drückte sie heftig. Sie beide verstanden, was er damit meinte. Es schämte sich keiner der Tränen des Schmerzes.

Über Werndt war eine große Ruhe gekommen. – Jetzt war alles entschieden. Jetzt hetzte ihn nichts mehr. Die Werndt-Stadt da unten lag vor ihm in Trümmern. Der Turm war verschwunden. Wo früher das Laboratorium glänzte, war jetzt ein Gewirre von Eisen und Steinen. Ein Riß, wie von Erdbeben, lief durch die Erde.

»Wir wollen landen,« sagte er ruhig.

Der Falke sank lautlos, im Gleitflug, zur Erde. Man näherte sich schnell dem Ort der Zerstörung. Tausende Menschen wimmelten aufgeregt zwischen den Trümmern. Als das Flugzeug sichtbar wurde, lief man ihm schreiend und winkend entgegen.

Mit einem kalten Blick seiner Adleraugen sah Werndt in die Menge und über die Häuser. Eine leichte Verwunderung malte sich in seinen Zügen.

Zwei, drei Beamte kamen im Auto und machten die Meldung. Werndt hörte sie wortlos.

»Sind noch mehr Häuser so unbeschädigt, wie diese?«

»Dreiviertel der Werndt-Stadt. Nur der Hauptbau, das Laboratorium, ist völlig vernichtet. Die anderen Bauten sind durchweg erhalten. Die Trümmer, die über der ganzen Stadt liegen, sind Teile des Turmes. Es kam wie ein Regen von Erde und Steinen und fiel auf die Dächer und zwischen die Häuser. Es war wie ein Wunder!«

»Menschenleben?«

»Zwei Inder wurden durch fallende Trümmer getötet, vier Europäer und achtzehn Inder verletzt.«

»Und die Wache, die ich um den Hauptbau befohlen? Die zweihundert Mann?« fragte Mabel dazwischen.

Der Techniker sah ihre ängstliche Sorge.

»Kein Mann verletzt. Der Laboratoriumsbau muß kerzengerade emporgesaust sein, wie ein Riesengeschoß. Noch jetzt ist die Luftsäule deutlich zu sehen. Der unterste Teil des Hauptbaus wurde zerrissen. Wahrscheinlich durch Rückstoß. Das andere schoß in unendliche Höhen, steil, senkrecht zur Erde. Nur äußerste Teilstücke regneten nieder.«

»Und die Inder der Wache?«

»Die Leute lagen alle, etwa hundert Schritte entfernt; auf dem Bauche. Sie durften nicht gesehen werden vom Hauptbau. Plötzlich fuhr die Glutsäule vor ihnen hoch. In einer zehntausendstel Sekunde. Bevor ihnen der Vorgang bewußt war, war alles zu Ende. Der Steinregen traf auf die äußerste Vorstadt. Sie selbst hatten nur ihren Schrecken, nichts weiter. Es war wie ein Wunder!« betonte er nochmals.

Befreit atmete sie auf.

Werndt winkte dem Auto. Sie fuhren zum Hauptplatz. Je näher sie kamen, desto unversehrter, normaler waren die Straßen. Nur zahllose Fensterscheiben lagen in Splittern, doch meist nur von Fenstern des oberen Stockwerks.

Der Hauptbau selbst war ein rauchender Haufen von Eisen und Steinen. Der Grundsockel stand auseinandergerissen, mit Teilen der Treppe und untersten Mauer. Die anderen Stockwerke waren verschwunden, kein Rest, keine Trümmer – nichts – nichts mehr vorhanden – –

Als das Werndt-Auto hielt, machte man achtungsvoll Platz. Die ganze Besatzung der Stadt war versammelt und drängte sich laut um den Ort der Zerstörung. Die weißen Beamten in vorderster Reihe, die Inder auf Bäumen, auf Dächern und Straßen. Fragende, furchtsame, mitleidige Blicke trafen den Fremden, den Meister der Werndt-Stadt, den Yogi der Weißen.

Der Ingenieur hatte kein Wort mehr gesprochen. Unbeweglich standen die bronzenen Züge im Rahmen des ledernen Sturzhelms der Flugtracht. Mit sicheren Schritten ging er die Treppe hinauf, soweit sie erhalten, und prüfte den Zustand des vorderen Grundstocks. Dann winkte er Nagel und stieg in die Trümmer.

Vom Laboratorium stand nur der Sockel, der Teil eines Schutzschranks, der Boden des Aufzugs, auf dem man den Block aus der Tiefe gehoben. Nichts weiter. Beim ersten Blick sah Werndt, daß hier alles verloren, daß alles dahin war –

»Lassen Sie mich einen Augenblick allein!« bat er leise. Nagel winkte den anderen Herren und trat selbst nach außen. Minutenlang warteten sie auf der Treppe. Dann hörten sie Schritte. Werndt stieg aus den Trümmern, ernst, ruhig, gemessen, Mit einem müden Griff seiner Hand nahm er den Helm ab und strich seine Stirne.

Da schrie Mabel auf ... Auch Nagel stand wortlos – im Tiefsten erschüttert ... Der Mann, der dort kam, hatte ... schneeweiße Locken ...

Irgend etwas schien Werndt zu begehren. Er winkte von oben. Sein Assistent lief ihm eilig entgegen.

»Meister!« sagte er, fest, wie ein Treuschwur. Werndt nickte ihm zu.

»Gott weiß, warum er es tat.«

Seine Stimme war ohne Erregung. »Holen Sie acht Träger. Ich habe die beiden Verbrecher gefunden.«

Überrascht zuckte Nagel zurück.

»Cachin und den anderen?«

Werndt war ohne Antwort nach innen verschwunden. Da rief er die Wache und folgte ihm hastig.

Der Ingenieur stand dicht vor den Resten des größeren Schutzschranks. Ein schmaler Schutthaufen war von ihm beiseite geschoben. Halb hoch, im Gestänge, hing düster ein Etwas, ein gräulicher Fetzen – zwei menschliche Körper ... Unwillkürlich fuhr Nagel zurück. Der Anblick der Leichen griff ihm an die Nerven. So scheußlich war diesmal die Fratze des Todes. Kein Zweifel war möglich. Es war Léon Cachin und neben ihm liegend sein schwarzer Begleiter. Der graumelierte Vollbart des Belgiers war noch erhalten. Der Zustand der Körper war grauenerregend. Schwarz wie Ebenholzschale glänzte die Haut, seltsam durchsichtig darunter das Fleisch, wie von innen durchleuchtet. Wangen und Lippen waren gallertartig, glasig. Ultravioletter Eiter troff ihnen geifernd aus schäumenden Mündern. Haar und Bart phosphoreszierten aus ihren Wurzeln heraus, und in den schreckhaft geöffneten Augen funkelte grausige Fluoreszenz auf ...

»Gräßlich! – Grauenhaft!« stotterte Nagel.

Der Ingenieur gab keine Antwort. Scheu und abergläubig drückten die Inder sich zwischen die Trümmer. Keine Macht der Welt hätte sie dazu bringen können, die Leichen zu tragen. Von panischem Schrecken erfaßt, stoben sie aufwärts.

»Wir werden sie selbst tragen müssen,« meinte Werndt ruhig und stellte die Bahre.

Mit Überwindung physischen Ekels ging Nagel ihm helfen. Sie faßten den Schwarzen an Nacken und Beinen, um ihn auf die vordere Bahre zu heben. Im gleichen Augenblick ließen sie ihn wieder sinken. Von Walter Werndts Lippen kam es wie ein Pfeifen. Ein Zeichen, daß irgendwas ihn überraschte. Verblüfft starrte Nagel ihn an.

»Das Gewicht! – Dieser Mann hier – –!«

Die Züge des Ingenieurs hellten sich auf. Wie in einer Hoffnung.

»Gott weiß, was er will!« meinte er langsam. Wieder bückte er sich zu dem Toten und faßte den Riesen allein in die Arme. Ohne Anstrengung trug er ihn auf seine Bahre.

»Der Körper hat nur noch ein Viertel Gewicht.«

»Und dieser hier auch!« staunte Nagel im Heben. Er hielt Cachin wie eine künstliche Puppe.

Werndt war stark bewegt. Der Schein neuer Tatkraft lag auf seinem Antlitz.

»Gott weiß, was er will!« sagte er nochmals mit froher Betonung. »Ich glaubte, die Lösung gefunden zu haben und alles zu wissen, doch wurde mir jetzt erst die letzte Erkenntnis!«

Nagel sah ihn fast mitleidig an.

»Die letzte Erkenntnis – und doch alles zwecklos! Das Meteor ist uns auf ewig verloren. Und damit die Möglichkeit, Wissen zu nützen!«

Werndt schüttelte ruhig die schneeweißen Locken.

»Der Meteorkern auf dem Grunde des Meeres ist uns nicht verloren.«

»Meister!« schrie Nagel. Es war wie ein Jauchzen. » Sie sprechen das aus?! In zehntausend Metern! Ist das uns erreichbar?«

»Es muß möglich werden. Und wenn nicht uns selbst, dann dem Menschen der Zukunft. Kommen Sie! Tragen wir diese nach oben.«

Die Panik der Inder lief über die Straßen und pflanzte sich über die Stadt wie ein Stoß fort. Bleich und abergläubig drückte die Menge sich gegen die Häuser und starrte voll Grauen herab auf die Leichen. Nur die weißen Beamten bemühten sich helfend.

Der Ingenieur stand nachdenklich vor Cachins Bahre. Plötzlich kam Bewegung in seine Glieder. Seine Blicke suchten irgend etwas in der Nähe. Er hob Metallteile auf, die er um sich verstreut fand. Dann ging er schnell in das Auto und nahm aus dem Rock ein gewöhnliches Werkzeug. Es war wie ein Meißel, aus Eisen und Kupfer. Mit einer Handbewegung wies er die Leute zurück und trat an die Bahren. Vorsichtig, zentimeterweise näherte er seinen Meißel dem Körper des Belgiers. Stets ein Stück weiter, bis er fast heran war. Dann rührte er leicht mit der Spitze den Arm an. Im gleichen Augenblick schrien die anderen. Die Nächststehenden hatten es deutlich bemerkt. Der Muskel des Armes fuhr schlagweise aufwärts. Er hatte sich deutlich zusammengezogen.

Hunderte Blicke starrten gebannt auf den Toten da drüben. Werndt fuhr mit dem Instrument über den Arm. Wie einem Magneten folgten die Muskeln des Körpers dem Meißel, zogen sich merkbar und heftig zusammen und ließen den Anschein des Lebens entstehen. Als Werndt leicht die Stirnfalten strich, hoben die Lider des Toten sich zitternd.

Werndt richtete sich ohne Aufregung hoch. Ein Lächeln der Befriedigung spielte um seinen Mund. Fast heiter winkte er Nagel.

»Bitte, helfen Sie mir auch zum letzten Beweise. Meine elektrischen Ströme unter dem Hauptbau sind noch voll benutzbar. Das Kabel ist nur auf fünf Meter zerrissen. Der Rest dort genügt uns.«

Mit Hilfe Nagels und seiner weißen Beamten zog er das äußere Kabel herüber und schloß um die Leichen den Stromkreis der Leitung. Sie endete in einem anderen Schaltwerk des Nebengebäudes. Nagel ging hin, zur Bedienung der Hebel. Die weißen Beamten bildeten Kette für Walter Werndts Weisung und gaben Befehle zum Nebenhaus weiter.

Der Ingenieur hatte Nagel genau instruiert. Als er winkte, ließ Nagel den vollen Strom spielen, den er auf der anderen Leitung begonnen. Mit einer Million Volt fuhr es hinein in die Körper der Toten ...

Ungläubig, fassungslos sahen die Vordersten starr auf die Bahren, in kurzen Sekunden vollzog sich das Wunder, das keiner erwartet. Wie ein Lichtstrom flutete es durch das Dunkel der Leichen. Das Ebenholzschwarz ihrer Haut wurde schmutzig, gesprenkelt, blaudüster, weißgräulich, grau ... heller und heller, nahm bläulichen Schimmer, zerfließend ins Weiße, ein rosiger Hauch schien das Weiß zu durchbluten und färbte sich gelblich, in kräftiger Bräunung ... Das Fleisch lebte auf und schwoll fest auf den Muskeln. Im Haar und im Vollbart erlosch das Geflimmer, natürliche Färbung kam sichtbar zum Durchbruch ... der Atem des Lebens schien neu zu erwachen ...

Das indische Volk ahnte nur, was hier vorging. Dem Zauberer dort war jede Tat möglich. Flüsternd und furchtsam drängten sie näher. In tausenden Augen lag jetzt ihre Seele und folgte dem Strom dieses Wunders da vorne ...

... Da schrie es auf – – aus hunderten Kehlen, aus tausenden – – – angstvoll ... gepeitscht von Entsetzen ... von Grauen geschüttelt ...

Wie eine Welle hob es die Menge. Als hieb es mit Fäusten wild auf sie hernieder ... Vorwärts, rückwärts, seitwärts wankten sie gegen die Häuser, sprangen wie toll über Treppen und Trümmer, jagten die Straßen zur Vorstadt hinunter, warfen sich über die Autos und Pferde, hetzten sich sinnlos ... mit offenen Mündern ... mit brechenden Augen ... die Hände zur Abwehr nach hinten gestoßen ...

* * *

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