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Die Fahrt ins Nichts

Reinhold Eichacker: Die Fahrt ins Nichts - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorReinhold Eichacker
titleDie Fahrt ins Nichts
publisherUniversal-Verlag
year1924
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150910
projectid00b68581
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Vor dem schattigen Landhause Walter Werndts in Benares standen die Autos in endlosen Reihen. Auf dem gegenüberliegenden Freiplatze landeten ununterbrochen die in schreienden Farben gehaltenen Aeros der europäischen, asiatischen und amerikanischen Presse. Der Verkehr um das Häuserviertel der Direktion staute sich von Stunde zu Stunde in stärkerem Maße. Um zehn Uhr morgens konnte kein Pferd mehr vorbei. Berittene, einheimische Polizisten standen an beiden Seiten der Straße und wiesen die Autos in Reihe und Glied. Trotz den Absperrungsketten drängten sich zahllose Menschen nach vorne. Aus dem noch fahrenden Auto, aus dem landenden Flugzeug, kroch, sprang es, hastete es nach dem Zielpunkt der Massen. Dazwischen die eingeborenen Kulis, feilschende Händler, kreischende Fuhrleute und gaffende Bettler.

Don Ebro stand in der Diele des Hauses, mit eiserner Ruhe, die merkwürdig abstach von der fragenden, schreienden, fuchtelnden Menge der Pressevertreter.

»Sennor Werndt – nicht zu sprechen!« wiederholte er würdig zum hundertsten Male. Immer im gleichen Tonfalle. Das Ledergesicht tief von Falten durchzogen, den Fuß leicht im Tanzschritt nach vorne geschoben. Wie ein Zerberus hütete er seinen hinteren Vorhang. Die Halle war voll von sich kreuzenden Stimmen, in Englisch und Spanisch, in Deutsch und Französisch, in Holländisch, Schwedisch, Italienisch und Russisch. Kaum ein bedeutendes Tageblatt fehlte. Dazu die wissenschaftlichen Leiter, die staatlichen Forschungsinstitute. Jeder gewillt, hier der Erste zu werden im Kampf um das Neue, das Sensationelle, und jeder ein lebender Trichter von Fragen und Wünschen, von Bitten und Tücken. Rücksichtslos drängte jeder nach vorne. Es wechselten ständig die Reihen und Plätze, und doch kam kein einziger über die Diele.

Ebro streckte abwehrend die Arme, steif wie eine Pagode. Sofort stürzten zehn, zwölf lauernde Männer sich auf seine Hände und drängten ihm faustweise Geld in die Finger. In Dollars und Rubeln, in Mark und Peseten. Der Spanier strich es gleichgültig ein, und schmetterte laut, alle Hoffnung zerschlagend, die nämlichen Worte weit über die Köpfe:

»Sennor Werndt – nicht zu sprechen.«

»Landsmann, Landsmann, gut sein –!« wisperte es an seiner Seite. Ein schwarzhaariger Reporter strich ihm um die Hüfte und suchte den Eingang nach innen zu finden. Mit einem blitzschnellen Griff hatte Don Ebro ihn auch schon beim Kragen und stellte ihn ruhig zurück zu den anderen.

»Ich werde dich in Barcelona besuchen, verehrtester Landsmann,« beschied er ihn freundlich, die ledernen Züge todernst, ohne Regung, die Augen voll Lachen und harmloser Spottlust.

Ab und zu öffnete sich seitwärts ein Vorhang und spie eine Handvoll Reporter nach außen. Mürrisch und sichtbar enttäuscht in den Mienen und dennoch beneidet. Keiner wich von der Stelle. Man wartete weiter.

»Die nächsten zehn Herren!« erlaubte Don Ebro.

Wie die Aasgeier stürzten sich alle zur offenen Türe. Doch immer vergebens. Der Spanier ließ keine Maus mehr nach innen als man ihm befohlen. – Im gleichen Augenblick ebbten die Reihen zurück. Doktor Nagel stand lachend und rot in der Türe. Sein Anblick wirkte gleich wie eine Bombe. Der Anprall der drängenden, hinteren Reihen war so unerwartet und unwiderstehlich, daß Ebro vergebens die Arme nach vorn stieß. Er fand keinen Halt mehr und zappelte kläglich, mit rollenden Augen.

Mit einer Handbewegung bat Nagel um Ruhe. Es währte Minuten, bis man auf ihn hörte.

»Also, meine Herren,« meinte er lachend, »so geht es nicht weiter. So dankbar Herr Doktor Werndt das Interesse der Menschheit für seine Versuche und sein Wohlergehen begrüßt und empfindet, kann er sich doch nicht durch diese überwältigende Anteilnahme seiner Arbeit entziehen lassen. Es ist ihm nicht möglich, einzelnen Herren hier Auskunft zu geben. Die ganze Welt ist in gleichem Maße interessiert an dem ersten Versuche. Bis das Material gesichtet und das Ergebnis geklärt ist, bedauere ich, der Presse außer den mitgeteilten Tatsachen vorläufig nichts weiter verraten zu dürfen. Herr Doktor Werndt bittet die Herren, ihren Direktionen mitteilen zu wollen, daß die ihm in zahllosen Telegrammen und Radiophonanrufen gemachten, schmeichelhaften und lockenden Anerbieten um Bevorzugung in der Nachrichtenübermittlung ausnahmslos abgelehnt sind.«

Wütende, haßerfüllte, hämische und trostlose Blicke kreuzten sich wie Rapiere zwischen den Reihen. – Also die anderen auch! Diese Gauner! Versuche, die Konkurrenz mundtot zu machen durch ihre Millionen. Und dieser Werndt schlug das Geld aus! Der Mann war besessen – Germanischer Dickkopf! – Nur gut, daß die anderen auch nichts erfuhren. Es ging jetzt um Stellung und Ruf, um den Kragen ...

Nagel wischte sich lächelnd den Schweiß von der Stirne.

»Heute nacht um ein Uhr wird der erste Bericht der ganzen Welt radiophonisch zu gleicher Zeit zugestellt werden. Bis dahin – guten Tag, meine Herren!«

Eine seltsame Unruhe fuhr unter die Menge. Wie in einem inneren Zweifel wogten die Reihen unschlüssig und fragend. Nur kurze Sekunden. Dann sprangen die ersten zurück, nach dem Ausgang. Es war wie ein Zeichen zur Flucht aus dem Hause. In stoßendem, drängendem, drehendem Wirbel hastete alles hinaus zu den Autos, zu Aeros und Pferden, in schreiendem Rennen. Eine Viertelstunde nach Nagels Erscheinen lag der Platz leer von Menschen. Das hinterste Flugzeug schoß über die Dächer und war im Gefolge der Autos verschwunden.

Nagel nickte Don Ebro vielsagend zu. Der Spanier staunte, zur Säule erstarrt, vorwurfsvoll auf seine zerrissenen Kleider hinunter.

»Die Kerle haben sich ein Andenken von dir mitnehmen wollen.«

»Carambo!« zischte es leise.

»Ja, Bester, wenn man eine internationale Berühmtheit geworden!«

In den Falten des Ledergesichtes saß plötzlich ein Leuchten.

»Glauben Sie, Sennor, daß ich berühmter bin als der Torrero Masquito?«

»Er ist eine Wanze gegen Don Ebro.«

Das Strahlen wuchs sichtbar zum Halbmond vor Freude.

»– daß all diese Leute Don Ebro verehren?«

»Du sahst es doch selbst, wie sie dich hier umdrängten. Dein Weltruhm berauscht sie und den Sennoritas der Erde erscheinst du im Traume.«

In dem Labyrinth gelber Falten entstand eine Lücke vor Stolz und Entzücken.

»Ich werde mir einen neuen Anzug anziehen,« meinte Don Ebro und strich voller Zärtlichkeit über die Fetzen.

Nagel öffnete die Türe zum inneren Zimmer.

»Alles abstellen – keine Antwort mehr geben!« rief er hinein in das Plappern und Summen der Sprechapparate.

»Gott sei Dank!« kam es zurück. Mabel drückte den Hebel des Aufnahmeturmes erleichtert nach unten. Sofort wurde es still rings, wie in einer Kirche.

»Ich habe die große Antenne noch offen gelassen für wichtige Funken.«

»Natürlich. Wie immer.« Er strich ihr voll Zärtlichkeit über die Locken. »Es war schlimm, wie? Heut morgen?«

»Entsetzlich! – Fünftausendvierhundertachtunddreißig Telegramme in einer einzigen Stunde.«

Er lachte.

»Die Sensation – und das Geld. Die Leute sind wie besessen. Jeder möchte, wenn schon nicht der Einzige, so doch der Erste sein, der vom ersten Versuche berichtet. Die Gerüchte von ein oder zwei Explosionen, von großen Gefahren und tödlichen Gasen versetzte die Presse der Erde in Wirbel. Du hättest die Burschen da drüben nur sehen sollen, wie sie einander mit Blicken durchbohrten, und wie sie mich bittend und drohend bestürmten. Ein Vermögen boten sie mir für die kürzeste Nachricht. Das Weitere hätten sie dann selbst zu Ende gelogen. Tutmonda Heraldo, die reichste Zeitung, bot eine Million für die einzelne Zeile.«

»Ja, sind denn die Leute verrückt!«

»Oho, bitte sehr!« tat er, scheinbar beleidigt. »Schätzest du meine Zeilen etwa niedriger ein? Wenn ich dir schriebe: ich liebe dich, Schönste!«

Sie gab ihm einen lachenden Klaps.

»Aber im Ernst: die Brüder rechnen sehr richtig. Gäbe ich einem die Nachricht allein, dann druckt er vom Extrablatt sechs Milliarden, verkauft es zu fünfzigmal höherem Preise, und nach einer Stunde hat er Milliarden von Dollars gewonnen. Du hast ja erlebt, wie sie mit Depeschen und Funken dich quälten.«

»Es war einfach furchtbar! Ich bin ganz zerschlagen!«

»Die anderen draußen sinds sicher nicht minder. Ich sehe sie greifbar, die Herren Redakteure und Pressemagnaten, wie sie heute rasen, mit fiebernden, zuckenden Armen und Beinen, die Radiomuschel am Ohr, voll Erregung, und auf die erlösende Aufklärung warten. Der gleiche Wahnsinn in Newyork und in Boston, in Buenos Aires und in San Franzisko, in Melbourne und Sidney, in Kapstadt und Bombay, Kalkutta, Wladiwostok, Berlin, Rom, Paris, in Wien und Kairo – –, närrisch, närrisch ist die Welt heute. Wie wird es erst werden, wenn Werndt einst die Lösung des Rätsels hinausfunkt!«

»Ich wünschte, es wäre schon einmal so weit und alle Gefahren –«

Sie sah seinen bittenden Blick und brach seufzend ab.

»Wie hast du denn plötzlich die Ruhe geschaffen?«

»Sehr einfach. Ich habe ihnen gesagt, daß wir den Bericht heute nacht aller Welt geben werden. Zur gleichen Sekunde –«

»Und?«

»Und – fragst du noch! Ja, das war doch für sie wie ein Blitzschlag, du Närrchen! Jetzt kommt es darauf an, wer als erster gedruckt hat. Erfahren können es alle zugleich – doch der Druck, der Verkauf. Heute nacht ganz bereit zu sein zum Rennen der Menschheit. Mit allen Pressen und tausend Beamten bereitzustehen zum Tanz der Milliarden. Der Konkurrenz zuvorzukommen, um jeden Preis. Der Erste zu sein in der riesigen Geldschlacht. Ah, schade, daß man nicht mitrennen kann! Stell dir nur vor: das Diktat umfliegt die Erde in der gleichen Zehntelsekunde – auf elektrischen Flügeln. Aber dann, dann – der Start! Alle Hebel auf Vollkraft, und wenn die Maschinen in Fransen gehen. Lieber mit hundert Millionen von Zetteln der Erste, als mit Milliarden der Letzte – ist Endziel. Das Öl fließt in Strömen. Und der Gewaltige über zehn Legionen Arbeiter, am Mikrophon hängend, heiser, schreiend, wetternd, zitternd. Er weiß genau, daß die Konkurrenz es ja ebenso macht. Jeder Arbeiter mit letzter Kraft keuchend, die Zwillingsrotationsmaschinen dreißigtausend Touren pro Stunde. Einhundertzwanzig Kilometer Papier läuft durch jede Maschine. Im Auslieferungsraum, an den elektrischen Rampen warten Dutzende Extrazüge, hunderte Autos, Elektros, und auf allen Plätzen die ratternden Aeros. – Und dann, dann – der Endspurt! Der letzte Punkt ist fertig diktiert, das Manuskript fertig gesetzt, gegossen, noch heiß stereotypiert und chromoelektrisch auf Kuprintafeln übertragen. Herrgott, ja, die alte gute Bleilegierung des zwanzigsten Jahrhunderts würde die Hetze kaum zehn Sekunden aushalten. Und dann sausen die Maschinen, das Brummen wird höher, wird kreischend, wird pfeifend. Das fertige Blatt fliegt hinein in die Menge. Mädel, da wirst du erst Wahnsinn erleben! Legionen von Zeitungsjungen – mit Lebensgefahr durch die Straßen und Gassen, Boulevards, Avenues auf der Erde –, versinken in den Schächten der Untergrundbahnen, springen den jagenden Autos in Räder und Flanken, reißen den Cab auf und strecken die Arme zur Schwebe- und Hochbahn und jagen im Aero in tausende Meter, im Tauchboot durchs Wasser, bis jeder das Blatt in der zitternden Hand hält, bis jeder bezahlt hat. Eine Sekunde – um eine Sekunde –! Das ist noch ein Rennen, das Sportseelen Spaß macht!«

Er holte tief Atem. Sie hatte ihm lächelnd gelauscht.

»Deine Phantasie! Deine Phantasie! Geht sie einmal wieder durch mit dir, bis zu den Sternen?«

»Phantasie? Ah, wieso? Glaube mir, daß die Wirklichkeit sie heute abend noch weit übertrifft.«

Sie stand in Gedanken.

»Und dann – wenn das Rennen des Wahnsinns vorbei ist? Dann liegen Milliarden der Zettel am Boden, wie sterbende Möwen. Kein einziger, der sie so teuer erstanden, gibt jetzt einen Hosenknopf mehr für die Blätter. Der Wind kommt und trägt die zerlesenen Lappen zu Bergen zusammen und fegt die papierene Wolke ins Weltmeer. – Die Jagd nach Phantomen – Vergänglichkeit alles – das Rennen ins Leere ...

* * *

Nagels Phantasie hatte nicht zu bunt gemalt. Die Nacht der Veröffentlichung des ersten Berichtes glich einem Tanz in den Wahnsinn. Krasseste Geldgier, Sensationslust, Ehrgeiz, und bei den Massen der Völker die zitternde Angst vor einer ähnlichen Erdkatastrophe, wie der kaum überlebten, schufen eine Stimmung, die jeder Tollheit den Sieg gab. Obwohl aus den Kämpfen des vergangenen Jahres an alles gewöhnt, hatte Nagel bei seiner Voraussicht doch eines vergessen.

Um ein Uhr nachts ging der Funkbericht in alle Welt. Frühestens zwei Uhr konnte nach menschlicher Berechnung das erste Blatt einer Zeitung gedruckt sein. In dieser Stunde liefen alle Pressen der Welt, tobten die Zeitungsmagnaten, Redakteure und Setzer, harrte die Menge in Häusern und Straßen. Und doch kam es anders. Kaum fünfzehn Minuten nach Abgang der Meldung fuhr es wie ein Windstoß hinein in die Massen. Autos hupten, leuchtende Aeros durchschossen das Dunkel, Schreien und Pfeifen, Kreischen und Schrillen – Arme reckten sich hoch ... ein Regen von Extrablättern fiel über das Land, und am nächtlichen Himmel verkündeten riesige, flammende Lettern: Gacette de Paris – Doktor Werndts erster Versuch – der erste Bericht!

Der ganze Hexensabbat, den Nagel geschildert, raste über die Erde und trieb auch dem Kühlsten das Blut durch die Adern. Einen Augenblick stand der Atem der Welt still. Eine Stunde später wußte jeder, daß dieser Bericht frei erfunden, in allem gefälscht war und schon viele Stunden im voraus bereit lag. Als der echte Bericht dann erschien, fand er erst verwunderte, fragende Augen. Dann ließ neuer Wirbel die Täuschung vergessen. Der Verleger des kleinen französischen Blattes rieb sich still die Hände. Sein Schwindel rentierte sich mit Milliarden.

Wochenlang blieb die Menschheit in steter Erregung. Kommentare, Aufsätze, Vorträge, Bücher der ersten Gelehrten, Redner und Dichter zerpflückten das Neue des ersten Versuches in glitzernde Schnitzel, bliesen die Tatsachen auf wie Ballone, mästeten sich an dem Ruhm der Entdecker. Und doch blieb das Rätsel noch immer im Dunkel, und statt sich zu klären, war es bald der Gegenstand wildester Fehden.

Und Werndt selber schwieg. Der Ingenieur kümmerte sich wenig um die Wirkung der Meldung. Er nahm nur Notiz von den wichtigsten Stimmen, die ihm Mabel täglich zur Kenntnis hinlegte. Für die übrige Welt war er unsichtbar, unerreichbar geworden. Tagelang schloß er sich ein in sein indisches Zimmer, sah regungslos vor sich ins Dämmern des Raumes und machte Notizen und rechnete Formeln. Das Essen nahm er an seinem Schreibtisch in Hast, in Gedanken, und ohne zu sprechen. Am zehnten Tage rief er nach Nagel.

Sein Blick war frei, sein Antlitz voll Leben. Er gab seinem Adjutanten die Hand.

»Na, Sie kennen mich ja, lieber Nagel, aus der Zeit der Zusammenarbeit um Deutschlands Rettung. Ich brauche mich für mein langes Schweigen wohl nicht zu entschuldigen?«

Der Jüngere lachte.

»Diesmal waren es nur zehn Tage. Damals, in Rußland, als es um unser Gold ging, vergruben Sie sich oft drei Wochen und länger.«

»Hm. Sollte nicht auch Frau Mabel dazu beigetragen haben, die Pause diesmal noch kürzer zu machen?«

»Darf ich herein?« frug es draußen. Durch den Vorhang sah Mabels entzückender Kopf.

Werndt ging ihr mit offenen Händen entgegen.

»Sie machten uns schon rechte Sorgen, verehrtester Meister. Aber ich sehe an Ihrem Blick, daß –«

»– daß ich weiterkam, ja! Das Dunkel lichtet sich langsam. Ganz bestimmte Erscheinungen lassen vermuten, daß wir auf dem richtigen Weg sind. – Und wo ist Dumascu?«

Nagel zögerte mit der Antwort. Werndt sah es erstaunt.

»Er ist doch nicht krank?«

»Er war es. Ich wollte es melden, durfte aber nicht stören. Heute hätte ich es trotzdem gewagt. Denn die Sache kommt mir jetzt so sonderbar vor.«

»Also bitte Bericht!«

»Die ersten Tage nach unserem Experiment war er wie gewöhnlich. Nur nervöser, abgespannt. Ich führte es auf die Erregung zurück. Als ich ihn am dritten Tage aufsuchte, um etwas zu fragen, fand ich ihn in vollkommen erschöpftem Zustande. Er lag in einem Sessel, mit offenem Munde, die Arme herabhängend, mit schlappen Fingern, wie tot. Nur seine Brust hob und senkte sich in unregelmäßigen, konvulsivischen Zuckungen. Seine Augen rollten gräßlich, so daß das Weiße schauderhaft aus den halbgeschlossenen Augen starrte. Ich ließ sofort den Arzt holen –«

»Einen Augenblick!« fiel ihm Werndt schnell ins Wort. »Waren die Augen bestimmt weiß?«

»Damals noch, ja! Als ich mit dem Arzt dann zurückkam, hatte sich seine Verfassung erheblich geändert. Statt einer blauen Iris bei weißem Augapfel, gloste jetzt einen feuerroten Saum um die Pupille, auf schwefelgelbem Grunde.«

Werndt machte sich kurze Notizen.

»Es war ein grauenvoller Anblick. Der europäische Arzt war offenbar ratlos. Er erklärte, daß die Krankheit keine der bisher auf der Erde bekannten sei und offenbar mit dem Meteor zusammenhängen müsse.«

»Richtig!« nickte Werndt. »Bitte, weiter!«

»Wir ließen ihn diesen Tag über ruhen. In der Nacht, gegen zwölf Uhr etwa, hörten wir seine Stimme weit über den Lichthof. Dann war wieder Stille. Dann wieder die Stimme. Er lag in Delirien. Der Arzt wachte bei ihm. Am anderen Morgen war er sichtlich frischer. Die Rötung seiner unheimlichen Augen war blasser geworden. Er forderte Bücher. Mit unglaublicher Schnelligkeit verschlang er den Inhalt. Dann warf er die kostbaren Bände beiseite. Das Essen, das wir ihm brachten, schlang er mit scheußlicher Gier, wie ein Tier. Sein ganzer Zustand zeigte etwas Wildes, unerhört Überreiztes. Doktor Heilsam, der berühmte deutsche Augenspezialist, dessen Urteil wir radiophonisch einholten, äußerte seine Ansicht dahin, daß Dumascu aus irgendeinem Grunde, sei es durch Beschädigung seiner Augengläser oder durch eigene Unvorsichtigkeit, während des Versuches von Strahlungen des Meteors verletzt worden sein müsse. Wir machten uns auf eine langwierige Krankheit gefaßt. Um so erstaunter war ich, als er am nächsten Tag frühmorgens zu mir kam. Hier in dieses Haus. Ich fand ihn verändert in Haltung und Ton. Sonst völlig gesund. Seine erste Frage, bevor ich ihn noch begrüßen konnte, war: ›Herr Doktor, wie komme ich hier nach Benares?‹«

»Aha!« entfuhr es Werndt unwillkürlich. Er war nachdenklich geworden. Offenbar hatte er ganz bestimmte Gedanken. »Bitte, weiter!« sagte er kurz.

»Ich war natürlich nicht wenig erstaunt. Und wurde es mehr, je länger er sprach. Er sah mich an wie einen Fremden. Sie sind Doktor Nagel, nicht wahr, meinte er. Man sagte es mir. – Ja, aber erlauben Sie mal, fiel ich ihm ins Wort. Wir kennen uns doch nun schon Wochen! Dumascu sah überrascht auf. So? Wochen? Irgend etwas beschäftigte seine Gedanken so stark, daß seine Stirne sich tief in Falten zog. Der Ausdruck seines Gesichtes war schmerzhaft, als grüble er über irgend etwas nach, dessen er sich nicht mehr entsinnen könne. Wochen? Wochen? wiederholte er nur immer. Er legte die zitternde Hand auf die Stirne und sah mich so forschend und weh dabei an, daß er mir leid tat. Ich dachte zuerst an einen Nervenschock oder sonst eine Störung. Um ihn abzulenken, reichte ich ihm mein Etui. Rauchen Sie? fragte ich ihn ruhig. Im gleichen Augenblick machte er einen Sprung, wie ein Tier. Seine Augen starrten weit aufgerissen. Seine Nasenflügel bebten. Dann wurden seine Blicke mit einemmal klar, fest und hart –«

»Halt!« machte Werndt. »Bitte, jetzt recht genau. Was sagte er dann?«

»Die Szene steht greifbar vor mir. Sein Gesicht wechselte die Farbe, wie in einem Wutanfall. ›Das Weib!‹ schrie er auf. ›Das erbärmliche Weib! – ah, jetzt sehe ich klar – jetzt sehe ich klar ...!‹ Ehe ich noch eine Frage stellen konnte, lief er, wie gehetzt, aus dem Zimmer hinaus. – Seitdem ist er aus Benares spurlos verschwunden. Sein Verhalten war mir so rätselhaft, mein alter Verdacht, daß er durch Verrat –«

Werndt winkte kurz ab.

»Nein. Der Vorgang paßt ganz genau zu meiner Vermutung, wie ein Glied zum anderen. Unser Meteor gibt stets neue Rätsel und stets neue Lösung.«

»Das Meteor? Wirklich das Meteor?« fragte Nagel erstaunt. »Das Meteor soll auch an seinem Benehmen –?«

»Ja, junger Freund. Offenbar frißt es Strahlen. Nicht nur Elektrizität, Wärme, Licht. Doch darüber später. Der Vorgang ist wertvoll. Soviel ist gewiß: Der Mann war – hypnotisiert und ist's jetzt nicht mehr. Und das ist für ihn eine große Gefahr ...!«

* * *

Walter Werndt prüfte zum letztenmal die neue Ventilvorrichtung des Laboratoriumssaales. Mit erwartungsvollen Blicken schauten Nagel und Mabel zu ihm hinüber. Sie hatten die Köpfe ihrer Shaphander nach hinten gelegt. In ihren Zügen malte sich freudige Spannung. Der Ingenieur war ernst.

»Frau Mabel,« sagte er in herzlichem Ton. »Sie haben die Aufgabe übernommen, mein lebendes Geheimbuch zu sein. Deshalb bat ich Sie, an dem heutigen Versuche teilzunehmen. Prägen Sie jedes und alles Ihrem Gedächtnis fest ein. Fest und sicher, wie eine Niederschrift. An dem bisher Gewonnenen der letzten Wochen des Forschens haben Sie reichlichen Anteil. Ich kann deshalb kurz das Bisherige streifen. Wir haben in den vergangenen Wochen seit dem ersten Versuche jedes Element, das sich im Meteor fand, nach Quantität und Qualität genau bestimmt. Bis auf sechs Dezimalen. Alles, was bisher geschah, hat dazu gedient, die chemischen Elemente zu erforschen, aus denen das Meteor sich zusammensetzt. Es gelang aber bisher nicht, die Evolutionen des unbekannten Stoffes irgendwie zu beeinflussen. Kein chemisches Reagens hat ihn angegriffen. Es gibt hierfür nur eine Erklärung, die fast auf der Hand liegt: der rätselhafte Stoff ist kein Element im Sinne der chemischen Grundstoffe Daltons, sondern eine, aus ultraatomigen Teilen bestehende Materie, ja – vielleicht die Materie selbst. Über die ungeheuere Bedeutung dieser Tatsache später. Daß die Transmutation dieser Materie nicht durch chemische Mittel gelang, ist an sich nichts überwältigend Neues. Wir wissen, daß bestimmte Vorgänge in der Materie, die sich innerhalb der Atome abspielen – ich erinnere an die Radium- und Thoriumelemente –, sich in keiner Weise durch die Chemie beeinflussen lassen. Die Chemie kann nur auf die Beziehungen der Atome in den Molekülen einwirken, kann Atombande lösen und knüpfen, Bindungen ändern. Aber Veränderungen innerhalb des Atoms kann sie nicht herbeiführen. Was wir heute versuchen wollen, ist nicht mehr Chemie im bisherigen Sinne, es ist – Ultrachemie. Ihr wird die Zukunft gehören. Und ihr oberster Satz, den ich heute als erster Mensch Ihnen verkünde, heißt: Nur mit Korpuskeln läßt sich Korpuskel flechten. Aus dem Stadium des Vergehens allein kann sich das Stadium des Entstehens gebären.«

Der Ingenieur machte eine längere Pause. Seine Adleraugen strahlten in weltfernem Glanze. Ein voller Atemzug hob seine Brust.

»Es gilt also, mit anderen Worten, Atome in Korpuskel zu spalten, und aus Korpuskeln neue Atome zu bauen. Schon einmal gelang es mir, mit der treuen Hilfe Ihres Gatten, Frau Mabel, Teile von Atomen abzuspalten und durch vorher unbekannte elektrische Energiemengen, deren Erzeugung auch heute noch unser Geheimnis ist, aus Thallium Gold und Platin zu erzeugen. Doch hier handelte es sich bisher immer noch um ganz bestimmte Umformungen der Materie, durch Spaltung. Nicht um ihre Auflösung und Neuformung. Das Meteor, oder richtiger, sein rätselhafter Kern, führt uns heute noch weiter. Ich will versuchen, auf ähnliche Weise Atome in ihre Korpuskel zu spalten und so zu dem Schöpfungsakt rückwärts zu steigen.«

Nagel hielt es nicht länger. Er hatte Werndts Hand mit beiden Fäusten umklammert. Er fühlte, mehr noch als Mabel, was Werndt in diesem nüchternen Satz aussprach. Der Ingenieur fuhr ernst fort.

»Sie haben mich bis hierhin verstanden, Frau Mabel?«

»Vollkommen.«

»So gehe ich weiter. Der heutige Versuch ist erst eine Probe. Ich habe den letzten faustgroßen Rest unseres kleineren Blocks dafür bestimmt, um das Experiment bei kleinstem Verbrauch der benötigten Stoffe, gewissermaßen erst einmal im Modell auszuführen. Der Umstand, daß wir in den letzten Wochen den übrigen Block ganz verbrauchten und nur noch das größte Bruchstück zur Verfügung steht, zwingt mich dazu. Gelingt der Versuch, so werden wir ihn am Gesamtblock vollenden.«

Er wies auf verschiedene Schalen.

»Was Sie hier sehen, sind geringere Proben von Radium und Uran, Polonium, Thorium, Aktinium, Tellur und Selen und allen anderen stark radioaktiven Elementen. Auf diesem Tische dort sehen Sie von allen übrigen Elementen Proben der chemischen reinen Grundstoffe offen aufgestellt. Wir wollen an ihnen die Einwirkung des neuen Elementes und seiner Emanationen auf die achtzig bekannten Elemente studieren. Der dritte Tisch dort zeigt Ihnen zahlreiche chemische Verbindungen, die ich wählte, um die Wirkung auf Atome und Moleküle kennenzulernen. Damit sind unsere Vorbereitungen im großen beendet. Wir werden wieder den Ofen gebrauchen und das Meteor im offenen Tiegel zerschmelzen – vergasen. Außerdem werde ich heute meine elektrischen Ströme als Helfer benützen.«

»Ihre W-Ströme?« unterbrach ihn Mabel erregt. »Mit denen Sie Deutschland befreien?«

Er nickte bejahend.

»O, wie ich mich freue, dies Schauspiel der Menschenmacht auch mitzuerleben! Der Kampf um das Gold war für uns in Amerika stets wie ein Märchen.«

»Sie haben meinen Dynamo und das Kraftreservoir nebenan schon gesehen. Hier haben Sie den Hebel für den Anlasser. Wie Ihnen Ihr Gatte schon erzählt haben wird, gewinne ich meine ungeheueren elektrischen Ströme aus der Luft, indem ich die Drucklast der Sonne mit Hilfe hoher Masten und Drahtnetze in elektrische Energie umsetze. Das Gefälle der Sonnenkraft – um einen Ausdruck zu gebrauchen, den man bei Wasserkraftwerken gewöhnt ist – leite ich auf meinen ersten Motor ...«

Er drückte den Hebel herab. Sofort summte das ganze Gebäude, als falle ein Bienenschwarm über die Dächer. Er stellte kurz ab. »Meine Hauptdynamos liegen tief unter der Erde, in festen Gewölben. Die armdicken kupfernen Kabel hier könnten natürlich Millionen Ampere nicht ertragen. Die Überleitung geschieht durch die Räder des Schaltwerks, das Sie drüben sehen. Bitte, achten Sie jetzt auf den Messer. Dieser Zeiger hier zeigt Ihnen Volt und jener Ampere. Der Zeiger in Rot gehört dem Anlasser an und sagt mir, wann die Spannkraft erreicht ist, die Hauptkraft auf das Werk in der Erde zu werfen.«

Wieder summte das Haus. Es wuchs schnell bis zum Brüllen. Der Zeiger des Meßapparates kletterte rasend nach oben. Die Hunderttausende jagten sich, ohne zu stocken.

»Eine Million Volt!« staunte Mabel erregt.

Werndt schaltete ab.

»Ich steigere so bis auf zwei Millionen. Das ist dann die Spannung, die zum Antrieb genügt. Sie werden das nachher im Ganzen erleben. Das Prinzip ist Ihnen klar? Sie verstehen –«

Mabel sah ihn mit leuchtenden Augen an.

»Ich verstehe, Meister, daß mein Mann Sie vergöttert. – Ich muß es ja auch –« setzte sie leise errötend hinzu.

Der Ingenieur schaute fast träumerisch an ihr vorbei.

»Ich setze nur fort, was andere begannen. – Doch nun zum Versuch! Bitte, schließen Sie Ihre Kappen und folgen Sie mir in den inneren Stahlschrank.«

Er schloß fest die Türe und setzte von innen den Ofen in Hitze. Das Verhalten des Meteors unterschied sich in nichts von dem ersten Versuche. Fast genau bei den gleichen Graden zerfloß es und zeigte durch wechselnde Spektren das schnelle Verdampfen der einzelnen Stoffe. Bis zu dem Augenblick, wo die gleißende Masse mit einemmal still lag. Da drückte Werndt langsam den Taster nach unten, der seine elektrischen Ströme regierte. In der gleichen Sekunde, da der Stromkreis, den jener Fingerdruck schloß, den Leiter durchzuckte, umtobte die Hölle den flammenden Ofen. Ohrenbetäubendes Prasseln und Knattern erfüllte die Halle. Dumpfes Grollen lief unter der Erde. Gelbe, weiße, rote, grüne Blitze zuckten von oben und unten, von Seite zu Seite. Aus allen Richtungen, von Kuppel und Mauer, von allem, was kantig und spitz war, sprangen lodernd elektrische Flammen, zuckten, brausten, ratterten, ballten sich zu tausendfältigem Donnern und Brüllen. Schwere Gewitter durchtobten die Lüfte und warfen sich selbst auf die Nerven der Menschen im dämpfenden Stahlschrank.

»Ungefährlich!« schrie Werndt in das Tosen. Aus Rücksicht auf Mabel. »Nur schreckhaft zu sehen. – Doch Achtung, jetzt – kommt es!«

Durch eine Drehung des Schalters konzentrierte er plötzlich die unendlichen Energien seiner künstlichen Blitze auf den winzigen Schmelzrest des Meteorbruchstücks.

Mabel zitterte leicht, obwohl Furcht ihr sonst fremd war. Sie wußte, daß nun dieser Stoff mit elektrischen Kräften sich vampyrhaft vollzog, daß er geladen wurde bis zum Bersten, daß jetzt Millionen von Volt die Materie draußen stets stärker bestürmten. Schon bei einem der bekannten chemischen Grundstoffe mußte solch eine Vergewaltigung durch ungeheuere Erhitzung und durch diese Bestrahlung sich in dem unerwartetsten Phänomen offenbaren. Wieviel furchtbarer mußte der fremde, unheimliche Dämon da drüben im Schmelztopf sich heute gebärden! In den Molekülen geschüttelt, in den Atomen erschüttert, und bis in die feinste Struktur der Ionen, Elektronen und Korpuskeln zum äußersten gehetzt – Unwillkürlich streifte ihr Blick den Ingenieur an ihrer Seite. Wie in schweigender Frage.

Walter Werndt ließ keinen Blick von dem zierlichen Fernrohr. Seine Hand lag druckbereit auf dem Hebel des neuen Ventiles.

»Achttausend Grad,« las Nagel vom Messer. Die Masse des Meteors vergaste mit unglaublicher Heftigkeit. Da stellte Werndt mit einem raschen Ruck den Hebel auf äußerste Rast ein.

»Achten Sie auf das Radium!« brüllte er mühsam. Es versank in dem Toben der Hölle da draußen.

Alle starrten gebannt auf den Tisch in der Mitte. Meterlange Funken durchschossen die Halle. Über dem Tisch lag ein blendender Schimmer, ein flimmernder Bogen, wie zitterndes Nordlicht, doch tausendfach heller –

Da jauchzte Werndt auf, und mit ihm die anderen. Wie ein buntes Farbband wuchs es vom Tisch auf, stieg aus den winzigen, kostbaren Schalen, lief durch die Luft, wie ein tanzender Streifen, schillernd und glitzernd, in stets neuem Wechsel. Ein herrliches Farbenspiel bot sich den Blicken. Und doch starrten alle gebannt auf die Proben.

»Sie zittern – sie zittern!« rief Mabel erstaunt. »Sie verändern sich – fallen –«

Nagel preßte sich dicht an das Glas, das ihm in Vergrößerung alles entdeckte.

»Die Transmutation!« stöhnte er auf, wie in drückendem Traum. Werndt regte sich nicht. Mit trunkenem Blick sah er das Wunder des Weltalls geschehen, – den ersten Zerfall des Atoms in den Keim aller Schöpfung ...

Das Radium entbarst sich im Augenblick in Niton und Helium und zerfiel in unendlicher Folge in seine Nachkommen. Aus Phosphor wurde Aluminium, aus Aluminium Natrium, aus Silizium Magnesium, aus Titan erzeugte sich Skandium, aus Mangan Vanadium, aus Neon Sauerstoff, aus Sauerstoff Kohlenstoff, aus Thallium Blei, – aus Quecksilber aber entstand reines Gold ... Jedes Element zerfiel sichtbar in Teile von niedrigerem Atomgewicht. Und zuletzt war – nichts mehr da, von allen chemischen Elementen da drüben. Im Spektrum aber loderte die grüne Linie des Geokoroniums, und auf den ultrachromatischen Films zeichneten sich geheimnisvolle Bänder und Serienlinien ...

Und wieder herrschte im Raume absolute Finsternis. Wieder steigerte sich die Temperatur in dem Stahlschrank – Da riß Werndt schnell den Hebel zur Linken nach unten. – Mit einem leisen Schmatzen öffnete sich das Ventil in der Kuppel. Mit schrillem Zischen schoß durch die Öffnung das Gas in das Freie. Blendendes Licht stieß mit Messern ins Dunkel und flimmernde Nebel umwogten die Wände, dampfend und drängend.

Werndt atmete tief und schwieg lange Zeit. Dann schlug er endlich den Kopf des Shaphanders nach hinten. Seine Augen strahlten in erdfernem Glanze.

»Das Wunder der Transmutation – was wir sahen!« sagte er langsam, in Ehrfurcht und Andacht. Der Traum der Alchimisten, den noch kein Mensch gesehen, – wir lebten ihn jetzt. Der Tod des Atoms, als der Keim des Gebärens –, Und doch mußte ich abbrechen, bevor auch das Letzte, die Schöpfung, geschehen – die Wiedergeburt des vernichteten Stoffes. Das Bruchstück im Tiegel war hierfür zu winzig.«

»Und wenn wir den Hauptblock ...?« frug Nagel erregt.

»Ich werde den Hauptblock in fünf Tagen spalten. Er wird mich vernichten, oder – er löst mir das Rätsel der Schöpfung des Weltalls!«

* * *

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