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Die Fahrt ins Nichts

Reinhold Eichacker: Die Fahrt ins Nichts - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorReinhold Eichacker
titleDie Fahrt ins Nichts
publisherUniversal-Verlag
year1924
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150910
projectid00b68581
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In dem hohen Kuppelsaal des Sternwartgebäudes der Walter-Werndt-Stadt herrschte blauweißes Halbdunkel. Gespenstisch zeichneten sich die im Mondlicht glitzernden Silhouetten der Fernrohre und Riesenteleskope auf der weißen Wand ab. Wolkenschatten huschten über die halboffene Kuppel und ließen alle Umrisse verschwimmen in einem ständigen Gleiten und Wiegen, Schweben und Fließen ...

Ein leises Klirren, wie das Anschlagen einer Türe, sprang in die lautlose Stille. Ein schnell wachsender Schatten huschte quer durch den Raum und stand einen Augenblick mitten im Licht. Der scharfumrissene Kopf eines Mannes drehte sich gegen das Dunkel, – ein Papier flatterte sekundenlang vor seinen Augen ... Dann glitt er zu dem langen 20-Zöller hinüber, dessen anderes Ende die Höhe der Kuppel durchbohrte. Schalter knackten, Hebel klangen an, ein leises Surren lief rund um den Raum. Wie zu einem einzigen Fabelwesen verwuchs die schwarze Gestalt mit dem glitzernden Rohre.

»Tiens!« kam es nach einer Weile – »merveilleux ...!«

Dann blieb es minutenlang still. Plötzlich riß die Silhouette jäh auseinander. Der Kopf des Mannes stand mitten im Licht der Sterne. Er lauschte. Nur kurze Sekunden. Dann schnellte der Schatten wie ein Spuk zur Seite und verschwand irgendwo im grauen Dämmer ...

Im gleichen Augenblick klirrte die eiserne Türe von draußen. Ein Schalter tickte, dann sprang helles Licht an.

»Kommen Sie, Frau Mabel!« sagte Walter Werndt, den Turmsaal betretend.

»Es ist das reinste Gespenstermärchen, in das Sie mich führen,« kam es zurück. Die schlanke Gestalt einer jungen Frau stieg aus dem Halbdunkel des Aufzugs nach oben. Das flutende Licht beschien ein zartes Gesicht von auffallender Schönheit. Gleich hinter ihr kam Doktor Nagel. Er umfing mit leuchtenden Blicken den Saal.

»Gibt es etwas Schöneres, Mabel, als eine Sternwarte im Mondschein? Alles Große, Ewige, Überwältigende liegt in dieser Stimmung beschlossen. Das leuchtende Dunkel der Nacht, die offene Kuppel, wie das Tor zum Rätsel der Schöpfung, die Umrisse der Rohre, der tastenden Arme der forschenden Menschheit –! Und Millionen von Menschen verschlafen Nacht für Nacht diese Wunder des Weltalls, sehen den Himmel nur wie ein Gemälde, wie einen brennenden Christbaum, wie eine stumme Kulisse, ahnen nichts von all dem Zauber da droben, vom Stahlbad der Sterne, vom Flug durch die Zeiten – Und sterben, sterben – ohne es je kennengelernt zu haben!«

Seine junge Frau drückte ihm verstehend die Hand. Die Erinnerung an den greisen Vater, den berühmten Astronomen Earthcliffe, und an die furchtbaren Ereignisse des letzten Jahres hielten sie unwiderstehlich gebannt. Ihr Gatte erriet ihre Gedanken sofort.

»Denke auch an die Nächte, die wir zwei in der Michiganwarte verlebten, an unsere Jupiterbeobachtung und an –«

Sie legte ihm lächelnd die schmale Hand auf die Lippen.

»Ich denke daran. Darf ich das Licht wieder ausdrehen, Meister?«

Werndt kam ihrer Bitte zuvor. Der leuchtende Umriß der Lampen versank wieder im Dunkel. Blauweiße Nacht lag über den Menschen.

»Wir wollen uns ein wenig setzen,« lud Werndt ein und schob der jungen Frau einen Stuhl hin. Sein Assistent sah ihn erwartungsvoll an. Der Ingenieur wartete noch eine Weile.

»Ich habe Sie nicht ohne Absicht noch in dieser späten Stunde hierher geführt, meine Lieben,« sagte er langsam, mit stillem Ernst in der Stimme. »Man ist tagsüber so selten allein. Und ich habe Grund, das, was ich Ihnen heute sagen und zeigen möchte, vor Dritten geheim zu halten. Ich habe das Gefühl, daß ich verfolgt werde, belauscht werde –«

Nagels Faust schlug auf die Lehne.

»Dumascu! Also doch –!«

»Vielleicht Dumascu, vielleicht ein anderer. Jedenfalls er nicht allein. Schon vor einigen Wochen kam ein Mann – ich hielt ihn für einen Inder, einen Parsen wahrscheinlich – und suchte mich durch seltsame Angebote für ein Privatkonsortium zu gewinnen, um diesem meine Entdeckungen zur Verfügung zu stellen ...«

»Ist der Kerl toll! Er wußte doch, mit wem er sprach!«

»Sogar sehr genau. Als ich ihn abwies, bat er mich, ihm zu einem Fakir zu folgen, der mir wichtige Mitteilungen für meine Aufgabe machen könne.«

Mabel war ganz Interesse.

»Sie taten es nicht?«

»Ich drehte ihm schweigend den Rücken. Als ich mich nach einiger Zeit umdrehte, war der Inder verschwunden. Aber an seinem Platze lag ein Zettel mit der Aufschrift: ›Fürchte den Zorn der Herrin! Gehorche!‹«

Nagel lachte laut auf.

»Köstlich! Die reinste Detektivgeschichte. Daß die Brüder hier in Indien doch das Bluffen nicht lassen können.«

Werndt blieb gegen Nagels Erwartung ernst.

»Ich nahm es zunächst ähnlich auf und zerriß den Wisch. Heute, nach vier Wochen, fand ich den gleichen Zettel auf meinem Schreibtisch in Benares ...«

Nagel gab keine Antwort. Er war nachdenklich geworden.

»Wenn ich den Burschen erwische!« polterte er endlich los.

»Ein unheimliches Land!« meinte Mabel. Sie fröstelte plötzlich.

Werndt nickte ihr beruhigend zu.

»Wir brauchen darum noch keine Gespenster zu sehen. Ich würde das Ganze auch für einen belanglosen Scherz oder die Drohung eines Irren halten, wenn mich diesmal mein Instinkt nicht so deutlich warnte.«

»Ich habe dem Bulgaren schon gleich nicht getraut.«

»Ich habe gegen Dumascu bisher keinen Grund zum Verdacht. Wenn ich auch mit der Möglichkeit rechnen muß, daß er zu meiner Kontrolle bestimmt ist –«

»Aber was sollte man für einen Grund haben?«

»Gründe gibt es genug, Frau Mabel. Sie dürfen nicht vergessen, daß es sich um Untersuchungen handelt, von denen die ganze Welt besondere Ergebnisse erwartet, und deren Wissen für den Besitzer unter Umständen eine Macht darstellen kann. Welcher Verbrechen solche Machtgier fähig ist, haben wir erst vor wenigen Monaten des gleichen Meteors wegen erlebt.«

»Ein unseliger Stern! Unselig, wie das Nibelungengold!«

»Dann müssen Sie bedenken, wie scharf der Wettbewerb um den Besitz der japanischen Meteorstück war, und daß ich vor mehr als zehn der bedeutendsten Bewerber durch Volksentscheid die Meteoriten und den Auftrag ihrer chemischen Erforschung zugesprochen erhielt.«

»Das wäre auch noch netter, wenn sie ein anderer erhalten hätte!« brauste Nagel impulsiv auf. Für ihn war der Gedanke eines siegreichen Rivalen neben seinem vergötterten Meister schon eine Entweihung.

»Wir müssen diese Dinge berücksichtigen,« fuhr Werndt ruhig fort, »und damit rechnen, daß sich gewisse Interessenten und Gruppen mit dieser Entscheidung nicht gutwillig zufriedengeben. Machtgier wie Ehrgeiz können dabei Beweggründe sein. Hat die beleidigte Eitelkeit Frankreichs es doch schon durchgesetzt, daß die Erforschung des Meteors durch Einsetzung einer Kontrollkommission zu einer internationalen Angelegenheit erhoben wurde.«

»Der Bulgare ist Mitglied der Kommission.«

»Das beweist nichts. Er ist ein anerkannter Techniker von internationalem Ruf. Sein Modell zum Explosionsraum beim Laboratoriumswettbewerb war vorbildlich. Ich halte ihn auch für einen offenen Charakter.«

»Ich traue ihm nicht. Was will er hier?«

»Überlassen wir das der Zukunft. Es genügt mir zunächst das Gefühl, daß man uns belauscht, oder vielleicht richtiger – verfolgt. Wie die Drohung des Zettels beweist. Könnte ich sonst über diese Drohung einfach hinweggehen, so kann, so darf ich es heute nicht mehr. Auf mir ruht die Verantwortung für meine Aufgabe, ruht vielleicht eine Schicksalsfrage für die Menschheit. Ich muß damit rechnen, daß das Meteor Kräfte und Eigenschaften zeigt, denen meine Schutzmittel nicht gewachsen sind. Kurz, daß mir das eine oder andere Experiment das Leben kosten kann.«

»Meister!«

»Mit dieser Möglichkeit müßten wir ja schon tausendmal rechnen.«

Nagel schüttelte entschieden den Kopf.

»Ihre Sicherungsmaßnahmen sind zu genial erdacht, um –«

»Ich hoffe es. Es könnte aber auch der Fall eintreten, daß man mich zu beseitigen sucht, oder daß sonst ein Anschlag gegen das Laboratorium –«

Seinen Assistenten hielt es nicht mehr. Er sprang von dem Stuhl auf.

»Meister, ich kenne Sie nicht mehr wieder. Walter Werndt und diese Vorsicht, diese Bedenken! Derselbe Walter Werndt, dem einst in Berlin täglich Dutzende Drohbriefe auf den Tisch flogen, und der den Kopf nicht verlor, als die ganze Menschheit zitterte und wahnsinnig war!«

Werndt lächelte duldsam.

»Er verliert ihn auch jetzt nicht, mein junger Freund. Vorsorgen ist aber in diesem Falle nur eine einfache Maßnahme der Vorbereitung, wie jede andere. Unterlassung wäre ein Fehler, der sich bitter rächen könnte. Ich muß die Sicherheit haben, daß meine Erkenntnisse und Forschungsergebnisse nicht mit meiner Person ausgelöscht werden können.«

»So legen Sie sie schriftlich nieder.«

»Ich habe es getan. Diese Aufzeichnungen – wurden gestohlen.«

Wie unter dem gleichen Zwang standen Nagel und seine Frau an seiner Seite.

»Gestohlen?«

»Gestohlen,« wiederholte Werndt ruhig. »Schon in Newyork vermißte ich einige Aufzeichnungen über die Emanationen des Meteors, Spektralanalysen und anderes. In den letzten Nächten machte ich hier mit Ihnen ultrachromatische Aufnahmen verschiedener Himmelsgegenden. Aus ganz bestimmten Gründen. Meine Erwartungen wurden bestätigt. Diese Aufnahmen führten zu einer Entdeckung von großer Bedeutung.«

Die Augen der beiden Zuhörer leuchteten im silbernen Mondlicht. Eine unendliche Verehrung strahlte aus ihren erregten Zügen. Der Ingenieur erhob sich ebenfalls und ging nach dem 20-Zöller hinüber.

»Auch diese Aufzeichnung wurde mir vor einigen Stunden gestohlen. Aus meinem verschlossenen Schreibtisch.«

Nagel stand mit geballten Fäusten.

»Ich komme dem Kerl auf die Spur! Ich –«

Der Ingenieur winkte leicht ab.

»Es waren diesmal nur wenige Zeilen. Dazu in einer astronomischen Geheimschrift, die nur ich kenne. Der Finder wird wenig damit anfangen können. Aber es ist richtig – ich darf es auf derartige Möglichkeiten nicht ankommen lassen. Meine Entdeckungen müssen von meiner Person losgelöst werden. Ich hatte daran gedacht, sie Ihnen mitzuteilen, lieber Nagel, da ich keinen verschwiegeneren Hüter finden könnte, als meinen einstigen Mitarbeiter im Kampf um das Gold. Aber das genügt jetzt nicht mehr. Auch Ihnen drohen die gleichen Gefahren wie mir.«

Mabel drückte sich unwillkürlich an den Geliebten.

»Und deshalb will ich mich noch einem Menschen anvertrauen, auf den ich mich verlassen kann, in allen Lagen. Frau Mabel, wollen Sie diese Aufgabe übernehmen?«

Die junge Frau antwortete nicht. Zwei glitzernde Tränen standen in ihren leuchtenden Augen. Sie war zu bewegt, um zu sprechen, zu erfüllt von der Größe dieses Vertrauens, um danken zu können. Sie reichte Werndt schweigend und herzlich die Hand.

Er verstand, daß dieser Händedruck der seltenen Frau mehr war, als ein Schwur.

»Dann kommen Sie jetzt bitte an dieses Rohr!«

Er griff nach den Hebeln, den Tubus zu richten, doch seine Hand blieb reglos am Griff. Ein leiser Pfiff der Überraschung entfuhr seinem Munde. Er drehte den Kopf zu Nagel.

»Waren Sie heute nach sieben Uhr noch an diesem Rohr?«

»Ich war den ganzen Tag nicht im Sternturm.«

»Sie haben die Schlüssel zum Tor noch?«

»Hier sind sie.«

Werndt dachte einen Augenblick nach.

»Merkwürdig. Ich glaubte, das Rohr in einer anderen Stellung zurückgelassen zu haben.«

Noch immer nachdenklich, drehte er an den Schrauben und Schaltern. Dann trat er prüfend zurück und überließ Mabel den Platz.

Die Tochter des Astronomen Earthcliffe war den Umgang mit Sternen gewöhnt. Interessiert blickte sie durch das Glas.

»Das Rohr hat sich verschoben,« meinte sie nach kurzer Prüfung.

»Nein.«

»Ich sehe aber nichts,« kam es verwundert zurück.

»Ich glaube es Ihnen.«

»Und?«

»Und dennoch steht jetzt im Gesichtsfeld des Fernrohrs jenes Gestirn, das ich als das wunderbarste bezeichnen möchte. Drehen Sie einmal den Okularrevolver auf schwächste Vergrößerung.«

»Ja.«

»Jetzt müssen Sie in dem größeren Gesichtsfelde fünf Sterne sehen, die ein fast gleichseitiges Fünfeck bilden.«

»Ich sehe sie, und –?«

»Und in diesem Fünfeck ist der Himmel wüst und leer.«

»Ja. Ich sehe keinen Stern in seinem Felde.«

»Und Sie sahen auch nichts, als ich Ihnen vorhin die Mittelgegend des Fünfecks bei stärkerer Vergrößerung einstellte. Und doch steht hier ein Gestirn, heller als Wega, strahlender als Sirius und flammender selbst als Venus, der glänzendste aller Fixsterne. Nur ist sein Licht kein Licht, das auf die Netzhaut des menschlichen Auges wirkt.«

»Dann sendet der Stern also ultraviolettes Licht aus, wie der Amerikanebel? Licht von so kurzer Wellenlänge, daß das Auge nichts davon wahrnimmt?«

»Keineswegs. Der Stern sendet vielmehr sein Maximum aus in der Gegend der Wellenlänge der Natriumlinie.«

»Das ist doch die Wellenlänge des sichtbaren Spektrums?« warf Nagel schnell ein.

»Gewiß. Und trotzdem ist es ein transzendentes Licht. Dieselbe Strahlung, die meine ultrachromatische Platte aufnimmt und das Spektrum des Meteors gezeigt hat.«

Nagel griff unwillkürlich nach dem Arm des Gelehrten.

»Sie haben den Stern ultraphotographisch entdeckt?«

»Ja, vorgestern nacht.«

Einige Sekunden gab keiner eine Antwort. Die Gedanken standen ganz unter der Wucht des Gehörten.

»Und was halten Sie von der Bedeutung des Sternes?« unterbrach endlich Mabel das Schweigen.

»Ich denke, daß er uns große Rätsel der Natur erschließen und neue aufgeben wird.«

Nagel blickte erregt durch das Rohr.

»Glauben Sie, daß unser Meteor mit jenem Stern in Zusammenhang steht?«

»Gewiß. Ich vermute, daß unser Meteor ein Bote von jenem Gestirn ist, daß es Millionen von Jahren durch Weltraumstiefen flog, um endlich von unserer Allmutter Sonne eingefangen zu werden, und an der Erde zum Schrecken ihrer Bewohner in nichts zu zerschellen.«

Nagel sah in ehrfürchtiger Bewegung zu Werndt hinüber.

»Meister, Sie sind uns vom Himmel gesandt, um –«

»Nicht ich, sondern das Meteor. Auch ich glaube an eine Bestimmung. Nichts in nichts, und nichts um nichts. Warum mußte dies Meteor gerade die Erde erreichen, den einzigen bewohnbaren und bewohnten Planeten im Reiche der Sonne? Warum mußte es gerade jetzt auf die Erde fallen, wo eine hinreichende Kultur auf unserem Planeten heranwuchs, um dem Boten des Himmels Beachtung und Verständnis zu sichern? Warum zerschmetterte dieser Bolide nicht die Menschheit? Warum versank nicht der ganze Schatz aus fernem Sternenreich in unergründliche Ozeantiefen? Warum fiel ein Teil auf festes Land und bot sich der Erforschung dar? Und endlich, warum steht uns das Muttergestirn jenes Meteors so relativ nahe und nähert sich uns mit rasender Geschwindigkeit noch weiter, wie meine Aufnahmen am Spektrographen unzweifelhaft ergaben? Man mag heute noch den Kopf darüber schütteln, aber ich sage, daß hinter all diesen Fragen ein Zusammenhang besteht, der mir zwar heute noch völlig geheimnisvoll ist, der aber, wenn er sich einmal aufdecken läßt, gewiß dazu beitragen wird, unsere Kenntnisse vom Weltall zu erweitern und uns noch mehr zur Erkenntnis des letzten Urgrundes aller Dinge, zu Gott, dem Schöpfer zu führen.«

»Glauben Sie, daß dieser Stern der einzige seiner Art ist?«

»Vielleicht ist er der einzige, vielleicht werden noch Legionen entdeckt. Jedenfalls handelt es sich um eine Klasse materieller Gebilde von vollkommen besonderer Eigenart. Wir wissen nicht, ob nicht gerade in jenem Gestirn das Rätsel der Belebung der Sternenwelten verborgen liegt, und ob und welche Arten von Wesen auf ihnen existieren mögen. Ob es uns Menschen gelingen wird, aus jenem Staubkorn, das dieser Stern uns sandte, die Geheimschrift des Himmels zu lösen.«

Nagels Stimme klang fremd in dem schillernden Blaulicht der Mondnacht.

»Ja! Ihnen, Meister, wird es gelingen. Denn Sie sind uns von Gott gesandt!«

Walter Werndt gab keine Antwort. Er stand vor dem Rohre, von Schatten umwallt, die hohe gemeißelte Stirne im Licht, die leuchtenden Augen von Sternen gefüllt ...

Eins – – zwei – – schlug die Turmuhr vom Hauptbau herab. Lang nachhallend, gespenstisch, erdenfern ... Es klang wie eine Bestätigung, wie eine Antwort ...

* * *

In einer unglaubhaft steilen Spirale, die einem Absturze glich, schoß das kleine, blutrote Flugzeug zur Erde und landete auf einer Felsenterrasse, mitten im zerklüfteten Bergland. Wie ein bunter Schmetterling wiegte es sich noch sekundenlang hin und her. Dann öffnete sich schnell der Türschlag und ließ den einzigen Insassen ins Freie. Es war eine Frau. In enganliegendem Ledergewand. Sie knöpfte die Jacke leicht auf und nahm den Sturzhelm vom Haupt. Mit suchendem Blick ihrer großen, glänzenden Augen prüfte sie ihre Umgebung. Dann ging sie mit ruhiger Sicherheit auf eine Pflanzenwand zu, deren überhängendes Schlinggewächs jedes Weiterkommen zu hemmen schien. Sie schob die grüne Wand zurück, wie einen Vorhang. Hinter ihm wurde es hell. Natürliche Felsstufen führten in schmalem Anstieg zu einem zackigen Vorsprung hinan. Ihm gegenüber, im Widerschein der Sonne glitzernd und tiefe Schatten nach unten werfend, lag ein steinernes Tor, wie aus dem Fels gewachsen, von Titanenhänden erbaut. Ein schmaler Felsgrat führte zu ihm, über die grauenvoll drohende Tiefe. Ohne zu zögern, ging die Fliegerin auf ihm dahin. Wie ein gemauerter Gang führte die feuchtglitzernde Steinspalte hinein in den Berg. Tief ausgewaschene Felssäle zeigten Spuren eines gewaltigen Sturzbaches, der hier einst seinen Weg genommen hatte, bis er andere Ausgänge fand oder gewiesen erhielt. Kein Mensch war zu sehen. Nur riesige Fledermäuse hingen gespenstisch und tot an den Wänden, und kleine, bunte Eidechsen und Schlangen huschten in den vertrockneten Rinnsalen des Bodens. Das Brüllen der unter der Bergsohle zur Tiefe brausenden Wasser wurde schwächer und schwächer. Seltsame klagende zischende, brünstige Laute lösten sich von den Wänden, fern, unwirklich, wesenlos, und verstärkten den unheimlichen Eindruck der toten Umgebung.

Plötzlich zuckte die Frau leicht zusammen. Nur einen Augenblick lang. Dicht vor ihr saß eine schwarze Gestalt. Ein hagerer Mensch, fast nackt, den Kopf hintenüber gebeugt, die Hände reglos zum Himmel erhoben. Unbeweglich, wie leblos, zum Felsen erstarrt. Nur die weitaufgerissenen Augen liefen in ihren Höhlen hin und her, glühweiß, fieberig, wie gepeitschte Bestien. – Quer über den Weg lag ein betender Mann. Lang ausgestreckt, auf einem schmalen Brett, das mit langen Nägeln gespickt war, dessen rostige Spitzen sich gegen den Leib des Büßenden bohrten. Doch kein Laut der Klage entfloh seinem Munde. – Hinter ihm hing ein Mensch von der Decke herab. Die Füße gefesselt an einem Pflock, den Kopf nach unten. Er gab kein Zeichen des Lebens von sich.

Immer neue Gestalten sammelten sich an den Wänden entlang. Junge Männer, krumm zusammengeschnürt, mit wild atmenden Flanken. Weißhaarige Greise, in stummes Grübeln versenkt, den stechenden Blick auf die Felswand gerichtet. Ab und zu ein scheußlicher Kopf, unerwartet, aus einer Spalte heraus, wie ein höllischer Spuk ...

Ohne sich umzusehen, schritt die Frau an den büßenden Yogis vorbei. Das Strombett teilte sich hier und bildete einen mächtigen Saal, dessen hölzernes Tor das erste Zeichen von Menschenwerk war. Dreimal dröhnten die Schläge des Klopfers und warfen laut hallendes Echo nach innen, daß die Felswände brüllten. Dann wich das Tor wie durch Windhauch zurück. Helles Sonnenlicht flutete weit in den Gang. Ein tempelartiger Hof tat sich auf. Sein Boden war aus glitzernden Steinen gelegt. Sie bildeten einen Stern, aus dessen Mitte ein goldenes Becken aufwuchs. Breiter Urwald drängte sich dicht an den Stein, und kreischende Affen schaukelten sich in seinem Geäst und knurrten die fremde Besucherin an.

Die junge Frau blieb regungslos stehen, den Blick auf den vordersten Felsblock gebannt. Wie ein versteinter Baumstumpf ragte er über den Abgrund hinaus, weit, weit, unheimlich schmal. Wie eine Brücke ins Jenseits, deren anderes Ende jäh abgebrochen. Unter ihm starrte die grausige Tiefe, von wogenden Schatten und Sturzgischt gefüllt. Und auf dieser furchtbaren, schwindelnden Spitze stand ruhig ein Mensch. Gegen den Himmel hob sich sein Körper überlebensgroß ab. Ein langes, weißes Gewand fiel ihm bis auf die Füße und wehte im Winde, der sich aus der Schlucht hob. Er schien ganz in den Anblick der Sonne vertieft. Wie im Gebet. Endlich wandte er sich auf der Felsspitze um, schritt sekundenlang auf der schmalen Schneide wie schwebend dahin und ging mit ruhigem Schritt auf das Goldbecken zu. Sein schlankes Gesicht war von einem unwirklichen Gelb. Hell und gleichmäßig, wie die Schale einer Zitrone. Sein Kopf war unbedeckt. Langes, schneeweißes Haar fiel bis auf die Schultern herab und gab seiner ganzen Erscheinung etwas Heiliges, Ehrfurchterweckendes.

Ohne Überraschung schaute der Greis auf die wartende Frau. Wie zum Segen hielt er einen Augenblick die Hand nach ihr hin. Sie neigte den Kopf und wartete stumm.

»Ich sah den Blutgeier meiner Tochter aus den Wolken stürzen« – sagte er mit einer volltönenden Stimme, die seltsam jugendlich klang zu seinem schlohweißen Haar. »Womit kann ich der Herrin dienen?«

Sie hob lebhaft den schönen Kopf.

»Rate mir, Meister!«

»Frage! Was beunruhigt meine Tochter, die Herrin der Inder?«

»Man meldet mir seltsame Erscheinungen. Ein chinesisches Fahrzeug, auf der Fahrt von San Franzisko nach Peking, berichtet, daß das Meer dort eine beulenartige Aufwölbung zeige, von der das Wasser nach allen Seiten abströme. Das Schiff wurde durch diese Erscheinung in seiner Fahrt aufgehalten.«

»Wann ist das geschehen?«

»Schon vor einem Monat.«

»Was meldet man jetzt?«

»Die sonderbare Erscheinung wuchs täglich an Wirkung. Die Aufwellungskuppe des Meeres hob sich immer mehr. Eine ständige Wasserhose, ein Geiser entstand. Kegelförmig schleudert er eine Glocke von Wasserstaub hoch in die Luft. Zweitausend Meter hoch –«

Der Yogi schwieg eine Weile. Regungslos. Seine Augen waren geschlossen. Dann kehrte das Leben in ihn zurück.

»Sprich weiter!«

»Der Pilot des Eilluftschiffes von Yokohama nach San Franzisko bemerkte vor einem Monat zum ersten Male, und später in immer größerem Maße eine Mißweisung der Kompaßnadel. Die Temperatur und die barometrischen Verhältnisse haben sich durch diese stehende Wassersäule verändert –«

Der Greis hatte wieder die Augen geschlossen.

»Es liegt ein antizyklonaler Wirbelherd über der Stelle – –«

»So ist es.«

»– im Meere tief aber hat sich eine maelstromartige Zyklone gebildet?«

»Du weißt es! Nach den Messungen der Asian-Amerika-Linie macht sich die Wirbelströmung schon in fünfzig Kilometer Entfernung vom Zentrum bemerkbar. Bei zwanzig Kilometer Radius ist sie so heftig, daß ein Schiff nur mit Mühe den Kurs hält. Es ist ganz unmöglich, näher als bis auf zehn Kilometer ans Zentrum heranzukommen. An der Meeresoberfläche, wo das im Mittelpunkt empordringende Wasser eine Kuppe aufwölbt und von dieser Glocke allseitig abfließt, ist die Strömung, wie du sagst, antizyklonal. In geringer Tiefe aber wurde schon die Umkehrung gelotet, und bei größeren Tiefen eine ungeheuere, zentripetale Saugwirbelströmung gefunden.«

Ohne eine Antwort zu geben, schritt der Yogi zur Mitte des Platzes und trat vor das Becken. Mit einer Handbewegung rief er die Inderin an seine Seite. Dreimal strich er mit der Hand über das Wasser der Schale. Dann nahm er ein grünliches Fläschchen von seinem Halse und ließ einen einzigen Tropfen des Inhalts hinabfallen. Sofort brauste das Wasser wild auf. Große Ringe bildeten sich um das Zentrum, und warfen sich gegen die Ränder der Schale. Mit einem einzigen Heben der schmalen Hand zwang er sie zum Stillstand. Ein leichtes Kräuseln lief an der Wandung entlang, dann zog sich die Flüssigkeit sichtbar zusammen, als spanne man auf einer Trommel das Fell an. Glatt und fest, wie ein Quecksilberspiegel lag die Oberfläche des Wassers. Der Greis saß mit untergeschlagenen Beinen neben dem Becken. Sein Kopf war nach vorne gesunken. Kein Haar bewegte sich an seiner Schläfe. Die hellgelbe Haut des Gesichtes schien seltsam durchleuchtet.

Unverwandt starrte die Inderin auf das Becken hinab. Da lief eine leichte Trübung über den Spiegel. Wie eine fliehende Wolke –, dann wieder und wieder. Vom Grund der Schale brauste es auf, brodelnd und kochend, stieg in die Höhe und drehte sich abwärts, um eine glühende, schäumende Mitte. Wie zwei riesige Schrauben, mit auseinanderstrebenden Spitzen, tiefer und tiefer, in unermeßliche Gründe, in wahnsinnigem Wirbel immer enger und enger. Grünes, fluoreszierendes Licht wuchs auf und wurde schnell heller und heller, beißend und blendend, stieg mit der wirbelnden Schraube zur Tiefe, wechselte durch alle Skalen der Farbe, und – war jäh erloschen. Ein mächtiger, nachtschwarzer Block lag unter dem Spiegel des goldenen Beckens. Wie in einem Schleier, in endlosem Abgrund. Kleine Bläschen perlten nach oben und bildeten zierliche, glitzernde Ketten ...

Dann war es, als sänke der Spiegel nach unten. Der leuchtende Boden der Schale wuchs aufwärts, als flöge er aus weiter Ferne zur Nähe. Ein leichtes Zittern lief durch des Yogis Gestalt. Große Augen öffneten sich in das Licht, als kehrten sie aus einer anderen Welt. Doch es währte Minuten, bis er langsam sprach.

»Man meldete dir die Wahrheit, meine Tochter. Es ist das Meteor, das du suchst.«

Die Inderin war aufgesprungen. Ihre bronzenen Züge leuchteten in Erregung. Der Greis kam ihrer Frage zuvor.

»Aber es ist unerreichbar für dich!«

»So soll der Fremde besitzen, was ich – –?!«

Der Yogi schüttelte ruhig das Haupt. Wie tadelnd. Sie wartete nicht.

»Ein Fremder drang in mein Reich und maßte sich an ...!«

»Auch Walter Werndt wird sein Ziel nicht erreichen, wenn Brahma nicht will!«

Überrascht sah sie auf.

»Du weißt – – –?«

Er strich die Frage beiseite, wie eine Torheit. –

»Verzeih mir! Hilf mir den Fremden besiegen!«

Der Greis verschränkte die Arme über der Brust.

»Fürchte nichts. Der Fremde kennt nicht den ewigen Weg. Er ist Europäer.« – Eine unsagbare Verachtung, ein spöttisches Mitleid sprach aus seiner Stimme. »Die sieben Globen des Erleuchteten sind ihm noch fremd. Mit Hebeln und Schrauben klopft er ans Rätsel der Welt. Mit den Armen Prakritis greift er zu Buddhi und Atma hinauf, und tastet – ins Nichts. Er ist ein Sohn der Physik ...!«

Die Inderin blickte verstört vor sich hin.

»Und wenn es ihm doch gelingt, Vater? Wenn ihm gelingt – –?«

Die Augen des Yogi durchblitzte es jäh.

»Malabar Hill!« gab er drohend zurück. »So warten die Geier der Parsen auf ihn.«

* * *

Don Ebro stand in würdevoller Unbeweglichkeit an der Türe, den Fuß leicht vorgeschoben, in zierlichem Tanzschritt.

»Sennor Werndt bittet, in einer Viertelstunde ins Laboratorium hinüberzukommen. Es sei alles bereit.«

»Es ist gut,« nickte Nagel.

Seine junge Frau sah dem Diener gedankenvoll nach. Ihre Blicke irrten unruhig über das Zimmer und hefteten sich immer wieder auf des Gatten Gesicht. Die Augen des Assistenten strahlten. Er reckte die Arme.

»Nun sind wir endlich soweit! Das erste Experiment soll beginnen. Der Augenblick ist also wirklich da. Seit Monaten vorbereitet, ersehnt und –«

»– und gefürchtet!«

Er drehte sich überrascht um und bemerkte erst jetzt die Unruhe Mabels.

»Gefürchtet? Du? Ja, warum – –?«

Sie lächelte schuldbewußt.

»Du fragst noch warum? Ihr geht an die Erforschung eines neuen Elementes, eines Stoffes, der ungeahnte Gefahren in sich bergen kann. Unerwartete Explosionen, Zerspritzen in ätzende Tropfen, Ausdampfen giftiger Gase, unsichtbare, tödliche Strahlungen – –, der Tod lauert in diesem unseligen Meteor auf euch in tausend möglichen Formen!«

Er strich ihr über das wellige Haar.

»Närrchen! Welche Phantasien bei der Tochter eines Gelehrten! Hunderte Male hast du solchen Versuchen schon beigewohnt, hast selbst in Laboratorien mitgeholfen –«

»Aber da hatte ich dich noch nicht –«

»Und als du furchtlos mit uns zusammen dem Absturz des Meteors im herrlichen ›Falken‹ entgegenflogst?«

»Da war ich an deiner Seite. Ich brauchte um nichts zu sorgen –«

»Du brauchst es auch jetzt nicht. Weshalb? Ich bin überzeugt, daß dieser Block so sittsam und still bleiben wird, wie nur irgendein Stein. Das Gefasel der Zeitungen hat dich nervös gemacht. Man redet soviel von Gefahren und Tücken, daß wir am Schlusse noch blamiert sind, wenn gar nichts passiert!«

»Du bist ein recht tüchtiger Schauspieler, Werner!«

Er machte ein ernstes Dozentengesicht.

»Aber wieso denn? Wenn wirklich was dran wäre, müßte sich doch längst irgend etwas davon uns gezeigt haben. Das Meteor ist glühend heiß vom Himmel gefallen und mit gewaltigem Stoß auf die Erde geschlagen und ist nicht explodiert. Die Kulis haben es aufgehoben und auf Wagen gewälzt und keiner hat Hand oder Finger verloren. Tausende von Menschen haben den Block in Tokio bestaunt und betastet, und niemand ist ins Tollhaus gekommen. Etwas Zahmeres gibt's also nicht als diesen Steinklotz.«

Sie sah ihn voll Liebe, doch vorwurfsvoll an.

»Erzählst du das einem ganz kleinen Mädchen oder der Tochter Mark Earthcliffes?«

Er wurde ein wenig verlegen. Sie legte den Arm zärtlich um seinen Hals.

»Du sprichst von der äußeren Hülle. Ich spreche vom Kern. Ihr geht ihm mit allen Reagentien zu Leibe. Mit Säuren und Laugen, mit Druck und mit Hitze. Einem Stoff, dessen seltsames Spektrum ihr kennt. Von dem ihr nur wißt, daß er unbekannt war bis zum heutigen Tag. Ihr tut einen Sprung in das Dunkel hinein. Und ich habe zum erstenmal Angst. Angst vor etwas Unbekanntem. Mein Instinkt warnt mich deutlich. Er schreckt mich auf, nachts in Träumen. Könnte ich wenigstens dabei sein, wenn ihr –«

»Um Gottes willen!« entfuhr es ihm. Er bemerkte sofort seinen Fehler und lachte verlegen. »Was sollten wir denn auch zu vieren dabei? Werndt, Dumascu und ich sind doch übergenug.« Er sprach immer schneller, als wolle er sie nicht zu Wort kommen lassen. »Übrigens du beleidigst Walter Werndt mit deiner Sorge. Glaubst du, er hätte nicht alles bedacht?«

»Soweit er es ahnen kann.«

»Seine Shaphander sind zu genial. Kein Chemiker hatte bisher solche Laboratoriumskleider im Schrank. Du hast die Anzüge doch bei der Probe gesehen. Wie in einem Taucheranzug steckt man in diesen Asbestkautschukhüllen. In den Panzern kann uns ja gar nichts geschehen. Wir haben sie mit Schwefelsäure, mit Chlorwasser und Fluorwasserstoff übergossen. Wir haben sie in flüssiges Blei getaucht und aus einer Bessemer Birne überschüttet. Wir haben sie mit Giftgas und mit Flammenwerfern attackiert. Die Dinger haben uns einfach ausgelacht, liebes Kind. Der Stoff wirkt durch seine Präparierung als Isolator für Elektrizität. Er ist imprägniert gegen Röntgen X, Y, Z, – und auch gegen alle anderen gefährlichen Strahlen. Ich wüßte wirklich nicht, was uns das olle Meteor da noch anhaben könnte.«

In der Türe stand die dunkle Gestalt seines Dieners, wie eine Mahnung zur Wahrheit.

»Ich komme,« winkte Nagel zurück. Er zwang sich zu einem sorglosen Tone.

»Also bis heute mittag, mein Mädel. Und keine Angst haben, hörst du?«

Sie drängte ihn mit einem Kusse zurück.

»Ich gehe mit und helfe euch wenigstens in die Mäntel hinein,« sagte sie mit leichtem Zittern im Ton. Ohne seine Antwort abzuwarten, schlug sie den Weg zum Laboratorium ein.

* * *

Wie drei plumpe Urwaldungetüme bewegten sich Walter Werndt und seine beiden Assistenten in dem großen Laboratoriumssaale und trafen die letzten Vorbereitungen zu ihren Versuchen. Sie hatten den riesigen Kopf der Asbestkautschukrüstung nach oben gedrückt. Wenn auch der genial erdachte Shaphander durch seine eingebaute radiophonische Zelle das Sprechen erlaubte, war doch die Verständigung so freier und leichter. Vor allem das Atmen in der frischen Luft des Laboratoriumssaales war weit angenehmer, als unter dem Druck ihrer Sauerstoffzufuhr.

Der eigentliche Experimentierraum war auffallend kahl. Jedes überflüssige Gerät war vermieden. Alle Apparate waren in Nebenräumen untergebracht und standen durch elektrische Aufzüge und Luftdruckröhren auf Anruf zur Hand. Die Wände des Saales waren mit gleichem, unangreifbarem Materiale verschalt, wie die Hüllen der Männer. Seltsam düster wirkte die Kautschuktapete der haushohen Mauern. Nur ein großes Oberlicht warf seine Strahlen am Tage nach unten. Es war auf seinen Trägern so ausbalanciert, daß es sich sofort automatisch öffnen mußte, wenn sich der Luftdruck im Saale auf 860mm erhöhte. Explodierende Gase fanden dadurch freien Austritt nach oben. Panzernischen mit festen Schutzschirmen, Tresorkäfige, wie riesige Geldschränke, standen für große Gefahren bereit. In bestimmter Anordnung waren sie um mächtige Schmelzöfen gruppiert, die auf breiten Betonplatten fußten.

Walter Werndt überflog mit einem letzten, prüfenden Blick die Schmelzapparate. Er nickte befriedigt.

»Es ist gut, meine Herren. Wir können beginnen. Wir werden das Meteor so behandeln, wie es bei einem noch unbekannten Körper der Brauch ist. Nur werde ich mich zur Trennung der chemischen Verbindungen statt des langwierigeren Reagentien-Verfahrens zunächst nur des Mittels der Hitze bedienen. Bitte, wollen Sie Ihre Kopfklappen schließen!«

Er drückte auf einen elektrischen Taster. Sofort teilte sich der Boden vor seinem Tische. Ein dumpfes Rauschen lief durch die Platten. Dann stieg aus der Tiefe ein steinerner Block hoch, von wuchtigem Ausmaß. Dunkel, zackig, rätselvoll – das kleinste Meteorbruchstück des Fundes. Mit einem Meißel schlug Nagel ein faustgroßes Stück los und reichte es Werndt hin. Lautlos versank der übrige Block in die Erde.

Werndt legte ein Korn der Meteorsubstanz auf ein Platindrahtnetz und stülpte eine Platindrahtglocke darüber. Durch einen Hebel schaltete er die elektrische Heizung ein und ließ so den Körper sich langsam erwärmen.

Trotz der bedeutenden Hitzegrade verhielt sich das Stück wie ein anderer Steinblock. Nichts geschah, gar nichts Neues. Es entwich kein Gas und die Materie zeigte nicht die geringste Neigung zu schmelzen.

»Es verspritzt nicht!« brummte Nagel enttäuscht. »Dabei haben wir eine Temperatur wie im heißesten Teil eines Bunsenbrenners.«

»Das Knallgasgebläse!« befahl Walter Werndt. Seine Stimme klang durch den Mantel entfernt, wie durch das Membran eines Fernsprechers.

Dumascu setzte den Apparat in Betrieb. Die Hitze steigerte sich unablässig. Das Meteor – rührte sich nicht.

Werndt drehte die Leitung mit einem Griff ab.

»Wir müssen den Ofen nehmen,« meinte er ruhig.

Nagel legte das Kabel zurecht. Wie ein junger Elefant tastete er an dem Ofen herum.

»Da wird der Eisklotz wohl warm werden!« lachte er trocken. Es klang wie ein meckerndes Echo im Raume.

Dumascu drängte sich watschelnd nach vorn.

»Welche Temperatur gibt der Schlotsteinsche Ofen?«

»Sechs- bis zehntausend Grad. Allerdings eignet er sich nur für die kleineren Proben. – Ich beginne, meine Herren.«

»Müssen wir nicht in die Schutzkäfige?«

»Zunächst noch nicht. Wie steht das Thermometer?«

»Zweitausendeinhundert Grad.«

Die Hitze steigerte sich mit jeder Minute. Das Meteor lag dunkel im Tiegel und zeigte kein Leben.

»Dreitausend Grad!« knurrte Nagel. Der Gleichmut des Steines da machte ihn wütend. Hatte man dafür die riesigen Vorbereitungen getroffen, die Werndt-Stadt erbaut, die Erde geängstigt? Millionen und aber Millionen von Menschen warteten ungeduldig in dieser Stunde auf erste Berichte. Natürlich konnte ein erster Versuch nicht Lösungen bringen. Es war nur ein Tasten, ein leichtes Sondieren. Doch was, wenn der Klotz da im Tiegel sie narrte? Wenn alles nur Trug war? Ein Stein, wie ein anderer? Nicht auszudenken war die Blamage ...

»Dreitausendeinhundert!«

Werndt drückte kurz auf einen Schalter.

»Dann müssen wir jetzt leider in unseren Käfig.«

Wackelnd und tastend schoben sich die drei Männer in den massigen Stahlschrank.

»Ich komme mir vor wie ein Paket Dollarnoten im Banksafe,« witzelte Nagel, mit einem Versuch, seine Laune zurückzugewinnen. Der Ingenieur schloß die klobige Türe hermetisch von innen. Durch ein fein einstellbares Teleskop beobachtete er das Verhalten der meteorischen Masse. Es war nichts verändert.

»Übernehmen Sie bitte die einfache Filmaufnahme, Dumascu. Und Sie, lieber Nagel, die ultrachromatische drüben.«

Die Assistenten stellten sich an die Scharten. Ihre Aufgabe war ihnen geläufig. Der Schmelzofen bot von allen drei Seiten aus Einblick in den glühenden Tiegel. Wieder stieg die Hitze um hunderte Grade.

»Viertausend!« machte Nagel.

Durch die Gestalt des Ingenieurs lief eine leise Bewegung.

»Das Meteor schmilzt,« stellte er fest. Ohne jede Erregung. Aller Augen lagen gespannt an den Linsen. Ihre Hände machten mechanische Griffe an Hebeln und Schaltern.

»Gut, daß die Gläser geschwärzt sind!« ließ Nagel sich hören. »Die Siedehitze da vorn wäre sonst unerträglich für menschliche Netzhaut.«

Die graugrüne Masse des Meteorbruchstücks floß schnell auseinander, wie schmelzendes Eisen. Die brodelnde Suppe verdampfte allmählich. Sie verlor sichtbar an Inhalt.

»Beobachten Sie nur das stets wechselnde Spektrum!« riet Werndt an der Linse. »Wie ein Kaleidoskopregenbogen.«

»Was sehen Sie daraus?«

»Jedes Element hat sein bestimmtes Spektrum, seinen besonders gefärbten Heiligenschein, an dem es für Physiker kenntlich ist. Aus diesen Spektren konnten wir schon vor jenem Absturz das Vorhandensein der uns bekannten Stoffe, wie Eisen, Nickel, Chrom, Platin und so weiter unzweifelhaft feststellen. Jetzt sehen Sie diese Stoffe einzeln den Schmelztopf verlassen, wie bei einer Parade. Ein Spektrum nach dem andern verschwindet, und zeigt damit, daß das betreffende Element schon verdampft ist. Dadurch erklärt sich die wechselnde Färbung.«

»Und was dann zurückbleibt?«

»Ist das, was wir suchen.«

»Siebentausend Grad!« staunte Nagel.

»Halt!« machte Werndt und preßte sich dicht an das Fernglas.

Die Flüssigkeit war mit einem Schlage seltsam verändert. Die bisher dünnflüssige Masse wurde plötzlich breiartig, zäh, und stieb große Gasblasen steil in die Höhe.

»Jetzt!« kam es kurz. Die anderen fühlten, was Werndt damit meinte. Ihr Blut pulste schneller in stummer Erwartung. Was würde sich zeigen? Was würde geschehen? Würde eine Explosion diesen Rest da zerspritzen? Ungeheures hing davon ab. Von Minuten – Sekunden ...

Werndt schaltete volle elektrische Kraft ein. Das Thermometer kletterte rasend.

»Achttausend – achttausenddreihundert – achttausendfünfhundert – neuntausend ...!«

»Aufpassen!« mahnte er nochmals. Es war nicht mehr nötig. Aller Nerven waren zum Reißen gespannt. Wie eine tückische Bestie gleißte die breiige Masse im Schmelztopf ...

»Neuntausend – neuntausendsechshundert ...«

Die Materie wurde plötzlich ganz ruhig, drohend ruhig. Nagel knurrte verwundert.

»Warum verdampft denn der Rest nicht! Das Zeug da scheint ja alle Wärme zu fressen, die jetzt noch hinzukommt! Das muß doch verdampfen, im offenen Tiegel!«

»Das letzte Gas ist –«

»– entflohen,« wollte Werndt sagen. Er sprach es nicht aus. Eine furchtbare Explosion fuhr in die Halle, daß der schwere Metallschrank im Innersten bebte. Der Ingenieur war unwillkürlich zurückgezuckt, obwohl er auf Explosionen der heftigsten Art stets gefaßt war. Aber er zwang das Auge sofort wieder an seine Linse. – Ein leiser Laut der Überraschung entfuhr seinen Lippen. Er drehte die Schrauben und zog seinen Kopf ein. Immer von neuem sah er nach außen.

»Da sitzen wir ja allerliebst hier im Finstern,« lachte Nagel gelassen. »Das war nicht von Pappe. Respekt, alle Wetter!«

Dumascu zitterte heftig. Das Ungewohnte ergriff ihn.

»Die elektrische Leitung –?«

Werndt gab keine Antwort.

»Wollen Sie bitte einmal hierherkommen, Nagel!« sagte er langsam, mit einem seltsamen Tonfall. Der Jüngere tastete sich an das Rohr und schob es beiseite.

»Das Rohr ist kaputt!«

»Nein.«

»Ich sehe doch gar nichts. Pechschwarz alles draußen.«

»Also auch Sie sehen nichts,« kam es erst nach Sekunden. »Sehen Sie mich vor sich stehen?«

»Nein, es ist ja doch Nacht hier. Ägyptisches Dunkel.«

»Auch nicht hier meine Hand. Ich halte sie vor Ihre Augen.«

»Nein. Nichts.«

»Und draußen sahen Sie auch nichts? Obwohl ich von innen aus sämtliche Lichter des Saales entzündet ...?«

»Wie? Draußen sind Lichter an –?«

»Alle dreihundert.«

»Dann ist die Leitung zerstört!«

»Sie ist völlig intakt. Ihr Apparat läuft noch. Ich höre ihn summen.«

»Wahrhaftig!«

»Der Saal draußen müßte von vielen tausend Kerzenstärken erhellt sein. Und wir sehen doch nichts.«

Sekundenlang kam keine Antwort. Nur von Dumascus Platz kam ein Stöhnen.

»Dann wären wir – also – blind?« frug er bebend.

Nagel rieb sich mit der Wischfalte seiner Gasmaske verzweifelt die Augen. Nicht der geringste Schimmer von Licht traf die Netzhaut. Ein kalter Schauer, wie eine Hand, strich ihm über den Rücken. Also wirklich erblindet? Mabels Gatte ein Blinder? Sein Meister und Abgott für immer ein Krüppel?! Es durfte nicht wahr sein!

Ein wütender Wille zum Leben erfaßte ihn plötzlich. Wie ein Rasender stürzte er sich auf die Radiophone, die den inneren Schrank mit dem Hauptbau verbanden.

»Ich habe es auch schon versucht,« klang es neben ihm auf. »Es kommt keine Antwort.«

»Aber was tun?«

Die Stimme des Ingenieurs war ernst aber fest.

»Zunächst nichts als denken. Die Nerven behalten. Das Ungestüm nützt nichts.«

»Sind wir blind? Wirklich blind?« frug Dumascu noch einmal.

»Es hat allen Anschein, doch kann ich's nicht glauben. Irgend etwas muß uns erst Sicherheit geben. Wo sind Sie, Dumascu?«

»Hier, in dieser Ecke.«

»Wo ist Ihr Kinoapparat?«

Der Bulgare gab ihm die Hände und zog ihn durchs Dunkel. Werndt tastete sich an den Drähten zurecht.

»Wir müssen versuchen, irgendein Licht, einen elektrischen Funken hier innen zu zeugen. Wenn wir dann auch nichts sehen – –«

Er sprach nicht zu Ende. Alle fühlten das Furchtbare aus diesem Zweifel. Werndt suchte im Dunkel das Kabel zu fassen und folgte ihm bis an die Polklemmen abwärts. Die imprägnierten Handschuhe seines Shaphanders schützten ihn vor einem elektrischen Schlage. Mit großer Anstrengung bog er die Drahtenden langsam zusammen, zentimeterweise, stückweise, näher und näher – – Es war totenstill in der finsteren Kammer. Alle Sinne warteten nur auf das Einzige, Eine, das Schicksalentscheidende, und starrten mit heißen Pupillen ins Dunkel.

Da schrien sie alle zu gleicher Zeit auf ...

Ein blendender Funke sprang knatternd herüber. Wie eine Erlösung aus schrecklichen Ängsten. Sie sahen ihn alle, in wortlosem Jubel.

Der Ingenieur ließ den Draht auseinander.

»Wir sind also nicht – blind! Und trotzdem das Dunkel da draußen im Saale,« sagte er freudig. Erst aus dem Ton seiner Stimme erkannte sein Schüler, was dieser Mann seelisch erlebt haben mußte in diesen Minuten. Mußte ihn nicht ein Orkan von Gefühlen durchbrausen, in diesen Sekunden, die alles entschieden, ob ihm für die Zukunft durch Blindheit versagt blieb, das Rätsel zu lösen, dem alles geweiht war! Der Gedanke an den Tod konnte ihn kaum erschrecken. Ihn, der zahllose Male den furchtbarsten Toden ins Auge gesehen. Aber erblinden – erblinden –, bevor er am Ziel war! Zurücktreten müssen vom Schauplatz des Forschens, jetzt, wo sich das Dunkel zum erstenmal teilte. Wo ganz neue Rätsel zu Lösungen strebten ...!

Nagel schämte sich plötzlich vor dem Meister da drüben. Schämte sich der egoistischen Furcht ums eigene Leben. Was war denn er und sein Schicksal vor jenem, vom Himmel Erwählten!

In aufschäumendem Jubel faßte er nach der Hand seines Lehrers.

»Gott sei Dank!« sagte er innig. »Sie sind uns gerettet!« Werndt gab ihm die Hand, doch er regte sich nicht. Sein wacher Spürsinn lag wieder im Anstand. Er stimmte nicht ein in die Freude der anderen. Neue Gefahren sah er auf der Lauer.

Dumascu schob den Shaphander zurecht.

»Schauderbar heiß ist es in dieser Bude!«

Nagel horchte unwillkürlich auf. Erst jetzt bemerkte auch er, wie die Hitze ihn angriff.

»Heiß? Unsere Anzüge isolieren doch gegen die Wärme so völlig, daß wir hunderte Grade, ohne jede Beschwerde – –«

Werndt fiel ihm ins Wort.

»Also muß die Temperatur im Laboratorium draußen inzwischen so hoch sein, daß wir sie trotz allem hier drinnen schon fühlen. Eine ungeheuere Hitze – –«

»Sehen Sie! Sehen Sie!« schrie der Bulgare.

Die anderen hatten es auch schon bemerkt. Aus dem Dunkel der Wand stieg ein rosiges Leuchten und wurde schnell stärker. Feste Konturen schnitten sich tiefer und tiefer ins Schwarz ein.

»Die Fenster!« rief Nagel in jähem Erkennen.

Unverkennbar begannen die Fenster der Kammer zu glühen. Zuerst die Metallteile, dann auch die Scheiben, ganz deutlich, erst dunkel, dann hellrot flammend –

»Das Glas – diese Hitze!« erstaunte Dumascu.

»Dann müssen tausende Grade – Sie sind imprägniert – –!«

»Sie glühen nur innen. Nach außen ist Dunkel!«

Mit fiebernden Blicken verfolgten die Männer das Steigen der Hitze, das wachsende Glühen. Wie in einem Brutofen staken sie in ihren Shaphandern. Alle waren sich schaudernd bewußt, was ihnen bevorstand, wenn draußen die Hitze noch immer nicht nachließ. Das flammende Fenster sprach furchtbare Drohung. Deutlich griff schon dies Leuchten nach Wänden und Decke der Kammer. Was sollte geschehen, wenn sie einmal schmolzen? Erweichten sich doch schon die armdicken Fenster und bogen sich einwärts, wie federnder Gummi. Was dann, wenn das Gas, das den Raum draußen füllte, und dort alles Licht fraß, in ihre hermetische Kammer hereindrang?

»Ich ersticke!« keuchte Dumascu. Es war ihm, als atme er flüssige Lohe. Auch Werndt keuchte schwer. Die Glut dieses höllischen Feuers lag lastend auf Augen und Lunge. Wie gepeitscht schoß das Blut in den schmerzenden Adern. Keiner sprach mehr. Nur stöhnendes Atmen fraß sich in das Dunkel.

»Wir rösten zu Tode!« kam es wie ein Seufzer. Niemand wußte, wer es gesprochen. Das Gehirn lag als offener Brandherd im Feuer. In einem riesigen Flammenrad wirbelten alle Gedanken nur um einen Brennpunkt – – Rösten – Schmelzen das Eiweiß des Bluts muß vor Hitze gerinnen – die Sauerstoffatmung – der Tod durch Verbrennen – der Tod durch Ersticken – –

Der Widerschein der glühenden Fenster fiel auf eine Röhre, auf Zahlen und Ziffern –

»Der Luftdruckmesser!« schrie Nagel heiser. »Der Luftdruck draußen –!«

»Das Oberlicht – das Ventil des Saales –« Dumascu kreischte. »Es muß sich öffnen ...!«

»Bei achthundertsechzig Millimeter Druck!« kam es mühsam.

»Wenn die Glut schneller steigt ...?«

Nagel beugte sich dicht an die Skala.

»Achthundertfünfzig! Es klettert zu langsam! Achthunderteinundfünfzig – achthundertzweiundfünfzig. Die Hitze wächst schneller und blendet die Augen. Ich kann keine Zahlen vor Schmerzen erkennen!«

Wie gebannt starrten alle mit schreienden Augen hinein in das Glühen. Kam draußen die Hitze nicht endlich zum Stehen?

»Achthundertvierundfünfzig – achthundertfünfundfünfzig!« Die Pausen dehnten sich zu Ewigkeiten. In höllischem Wettrennen schraubten sich Hitze und Luftdruck nach oben. Wer blieb dabei Sieger? – – Es ging um das Leben – – um eine Sekunde ...! Der Boden brannte schon unter den Füßen bis durch den Shaphander. War das schon das Ende? Das furchtbare Ende! Erstickend – verbrennend – im feurigen Ofen – –? Jetzt –! Wie ein Vorhang bog sich das leuchtende Glas in dem Rahmen. Längliche Falten zogen sich quer durch die glühende Scheibe ...

»Meister! – Das Ende ...!« stöhnte es tonlos.

Werndt hielt sich mühsam. Sein Hirn flammte Aufruhr. War das die Bestimmung, das Ziel, dem er diente –? Elendig verbrennen, hier in dieser Hölle – jetzt, wo ihm das Dunkel, das furchtbare Glühen, der schwächere Luftdruck zu Lösungen führte, die ihn wie mit feurigen Zungen durchschlagen – – Die schon vor ihm lagen, wie leuchtender Nebel, der nur eines weiteren Windstoßes harrte, um wild zu zerflattern –, den Weg freizugeben zu letztem Erkennen!

Glühende Tropfen lösten sich langsam – –, liefen wie Tränen am Fenster herunter und fielen nach innen.

»Achthundertachtundfünfzig – –!«

»Das Gas! Das Gas!« schrie Dumascu verzweifelnd. Es war nur ein Ächzen.

»Achthundertneunundfünfzig –!« kam es vergehend – –

Wie eine Faust fuhr es plötzlich nach unten. Schrei gellte auf. Ein furchtbares Dröhnen ließ alles erzittern. Lang nachhallendes Rollen lief unter der Erde. Glühende Splitter zerborstener Fenster zerspritzten nach innen. Einen Augenblick war es, als drehe die Kammer in wirbelndem Kreise. – – Dann plötzliche Stille – – unheimlich – herzbeklemmend nach diesem Entsetzen und Toben der Hölle. Blendendes Tageslicht flutete abwärts. Fetzend, gehetzt wich das grausige Dunkel der dämmernden Helle. Würzige Luft strömte durch alle Fenster der zischenden Wände und füllte die Kammer, bekämpfte den dampfenden Nebel des Raumes – – Ununterbrochen – in kühlendem Strome, stärker und stärker –

Dumascu war halb nach vorne gesunken und atmete mühsam. Ein wütender Weinkrampf durchschüttelte Nagel. Tränen strömten ihm heiß aus den Augen. Schreiende Nerven versagten vor Spannung ...

»Gott! Großer Gott!« kam es von der Seite. Werndt hatte den Helm weit nach hinten geschoben und schlürfte mit durstenden Augen die Luft ein.

»Herr!« kam es noch einmal. Es war wie ein Beten. Dann zog er den schluchzenden Freund in die Arme – – –

* * *

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