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Die Fahrt ins Nichts

Reinhold Eichacker: Die Fahrt ins Nichts - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorReinhold Eichacker
titleDie Fahrt ins Nichts
publisherUniversal-Verlag
year1924
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150910
projectid00b68581
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In furchtbarer Spannung verfolgte man oben im Kino die Tauchfahrt. Der Kampf mit dem scheußlichen Riesenpolypen lag noch allen Zuschauern schwer in den Gliedern. Ein dumpfes Entsetzen war über der Menge. Man wartete immer auf neue Gefahren, auf Furchtbares, Letztes, das ungewiß drohte ...

Und wieder griff Panik und Furcht nach den Herzen. Man sah plötzlich oben die Zeiger rotieren, man sah, wie die drei dort im Steuerraum stutzten, wie Nagel erregt war und gestikulierte, wie Werndt schnell verschwand nach dem hinteren Ausgang, als liefe er selbst in die schauende Menge ... Das war, wie die Strahlkraftmotoren versagten und Werndt mit der schweren Erkenntnis zurückkam. Man ahnte sofort, daß nicht alles in Ordnung, daß irgendein Fehler Gefahr drohen müsse. Man wartete weiter, mit innerem Beben, man fühlte sich unsicher, ohnmächtig, hilflos. Dann kam der Moment, wo der Strahlmotor stillstand, die eine Minute des Wechsels im Antrieb. Ein einziger Angstschrei erscholl in den Kinos. Man wußte den Grund nicht, man sah nur die Spannung dort in den Gesichtern. Man sah nur den Wahnsinnstanz der Manometer, die rasenden Zeiger, die jagenden Kurven der Nadel im Kompaß. –

Vermutungen, Angstrufe, Fragen, Gerüchte verwirrten sich zwischen den wogenden Reihen. Man fand tausend Gründe, und jeder war furchtbar und steigerte ständig das Grauen der Menschen –

Das Boot ist verloren! kam es immer wieder von tausenden jammernden, zitternden Lippen. Man war instinktiv auf die Knie gesunken und betete laut für die Rettung des Krakon. Das, was dort geschah, war das Letzte, das Ende! Es gab für das alles nur eine Erklärung. Das Antlitz der Männer, die bleiche Angst Mabels, die rasende Nadel, der Zeiger des Messers verkündeten mehr als die längsten Berichte: das Boot droben stürzte unrettbar zur Tiefe. Wie eine Bestätigung setzte das Licht aus ... das Bild in den sämtlichen Kinos! der Erde war plötzlich ganz zittrig, matt, flackernd ... erblich unverkennbar. Nur wenige, hellere Bildstreifen blitzten und flimmerten spärlich, die dunklen Partien verschwanden fast völlig. In fünfzig Sekunden war alles erloschen ...

Man saß wie erstarrt ... Bange, lange Minuten. Man wartete hoffend, den Blick auf der Leinwand. Drei Stunden und länger. Man wollte nicht glauben, daß alles vorbei sei. – – Es durfte nicht wahr sein – ... es durfte nicht wahr sein ...!

Bis spät in den Tag saß man, ohne zu wanken ... Die Leinwand blieb düster, kein Krakon erwachte ... die Telegrafie aller Kinos versagte ...

Da hob man sich stumm, mit zerschlagenen Gliedern, von Bänken und Stühlen, ging langsam zum Ausgang und wankte gebückt, vom Erleben geschüttelt, mit brennenden Augen hinaus in den Alltag ...

»Wir haben jetzt siebentausend Meter erreicht,« sagte Werndt. »Bitte, melden Sie das nach der Warte Tokio!«

Nach kurzer Zeit kam Nagel wieder nach vorne.

»Es antwortet niemand. Es scheint, die Verbindung dorthin funktioniert nicht.«

Werndt schaute wie fragend. Dann senkte er langsam die Stirne aufs Steuer, als wolle er seine Gedanken verbergen.

»Natürlich. Die Vampirkorpuskeln verschlingen ja auch diese Strahlung. Es kann gar nicht gehen.«

»Wir sind abgeschnitten?«

»Ich glaube, wir sind es. Die Oberwelt ist nun für uns hier gestorben. Wir ziehen jetzt einsam dem Endziel entgegen.«

Mabel wehrte sich vergeblich gegen ein kaltes Gefühl fremden Grauens. Sie legte den Arm wie zum Schutz um den Gatten. Er nickte ihr zu.

»Na, die Hauptsache ist ja, daß alle Maschinen des Krakon intakt sind.«

Werndt schwieg. Seine Hand lag wie Stahl an dem Hebel, der seinen Maschinen stets wachsende Kraft gab. Sein Antlitz war ernst, nur die Muskeln der Backen bewegten sich, wie in beherrschter Erregung. Immer heftiger zwang ihn der saugende Wirbel, stets neue Pferdestärken auf die Schrauben zu werfen. Es wurde ein Kampf des Motors mit dem Strudel. Wer blieb da der Sieger? Werndt wußte längst, daß dieser Wirbel da unten unendlich gewaltiger war, als er annahm, als er auch bei kühnster Berechnung voraussah. Die Druckmesser stiegen stets schneller nach oben. Weit schneller, als er seinen Tiefensturz bremste. In immer noch kürzerem Zwischenraum schob sich die Hand an dem Hebel strichweise nach vorwärts.

Achtzigtausend Pferdestärken drehten schon an den Schrauben. Der Bootskörper dröhnte. Man mußte fast schreien, um sich zu verstehen. Und trotzdem beschleunigte sich stets der Um1auf. Nur siebzehn Minuten noch brauchte die Nadel. Da stieß Werndt den Hebel auf äußerste Vollkraft. Neunzigtausend Pferdestärken sprangen aus den Motoren. Die drei Menschen starrten gebannt auf die Zeiger.

»Hurra!« brüllte Nagel. »Er schafft es, der Krakon! Die Nadel verlangsamt sich fast um die Hälfte.«

»Und das Manometer steht fast unbeweglich!« rief Mabel erleichtert.

Die Freude der beiden war von kurzer Dauer. Bei achthundert Atmosphären begannen die Zeiger ganz plötzlich zu steigen. Der Kompaß sprang zitternd und hastig wie vorher. Neunzigtausend Pferdestärken donnerten in den Motoren und fauchten und stießen aus allen Ventilen ... der Krakon sank rasend ...

Werndt stand von dem Stuhl auf und winkte kurz Nagel, das Steuer zu nehmen. Er selber ging wortlos zum hinteren Tauchboot und stieg in den dröhnenden Raum der Maschinen. Mit einem verbissenen Grimm in den Zügen belastete er die Ventile noch einmal, weit über die Vollkraft. Es konnte ja jetzt nur das Eine noch geben: und platzten bei diesem Versuch die Zylinder ... es mußte gewagt werden, sonst kam das Ende ...

Er wartete zehn, zwölf Sekunden und lauschte. Es schien zu gelingen ... gehetzt rannte er durch das Tauchboot nach vorne und setzte sich noch einmal über das Steuer.

»Was ist?« fragte Nagel.

»Hunderttausend Pferdestärken!« kam dumpf als Antwort. Sonst nichts. Da verstand er. In rasendem Takt schlug es aus den Maschinen. Minutenlang schienen die Zeiger zu stoppen ... dann sprangen sie mit einem Ruck in die Höhe und kletterten stürmisch, durch nichts mehr behindert, hohnlachend und siegreich ... In dreizehn Minuten rotierte die Nadel, in elf, zehn Minuten ... In fünfzig Sekunden war das Manometer um hundert gestiegen ...

»Neuntausend Meter!« sagte Werndt langsam. Sein Stahlblick war ruhig. Er streifte nur traurig die jungen Gefährten. »Bald sind wir – am Ziele.«

Die anderen jubelten nicht bei der Nachricht. Sie hatten begriffen ... das Ziel war – das Ende. Mit ruhiger Fassung gab Mabel die Hand hin, dann schlang sie den Arm um den schweigenden Gatten.

Im gleichen Augenblick wurde es dunkel. Die Scheinwerfer waren auf einmal erblichen. Ihr Licht löschte aus wie von außen erdrosselt. Der Raum lag im Schweigen. Dann hörte man Werndts Stimme, tief und verändert.

»Der Vampir am Grunde verschluckte die Strahlen.«

Er drehte den Schalter des inneren Raums an. Licht sprang aus den Wänden. Stumm, ohne zu fragen, ging Nagel zum Hebel und schloß alle Argauronklappen der Fenster. Der Krakon fuhr – blind in die schaurige Tiefe. Nun blieben ihm nur die Maschinen als Waffen. Sie konnten vielleicht noch den Aufprall vermindern, mehr nicht mehr. Ein Kreuzen, ein Ausweichen war nicht mehr möglich ...

Engumschlungen standen Nagel und Mabel. Die eiserne Ruhe des Mannes da vorne gab ihnen ein Vorbild. Ein seltsamer Frieden war in ihren Zügen. Sie wußten, sie starben den Tod für die Menschheit. Sie waren entschlossen zum heiligen Opfer ...

»Neuntausendfünfhundert Meter!«

Sie wußten nicht, wer diese Worte gesprochen. Ob sie nur im tiefsten Bewußtsein gestanden. Der Zeiger war Teil ihres Lebens geworden. Sie fühlten sein Steigen wie eigenen Blutdruck.

»Die Herrin der Inder?« frug Nagel. Er sprach es nicht aus. Jeder kannte sein Denken.

»Sie kam uns zuvor. Wie sie es gewollt hat. Sie wird vor uns Sieg finden oder – Vernichtung.«

»Neuntausendsechshundert!«

Mabel reichte die bebenden Lippen dem Gatten.

»Leb wohl, Werner! Meister, nun wird wohl das Ende – –«

Werndt gab ihr mit herzlichem Druck seine Rechte. Sein Blick suchte hoffend den springenden Zeiger ...

Da fuhr es ihm wie eine Faust in den Rücken. Ein furchtbarer Anprall warf ihn in das Zimmer. Mit blutender Stirne fiel er an die Bootswand. Er wartete keuchend – ein wenig verwundert ... War das schon das Ende? – – Der Aufprall am Grunde ...? Es regte sich nichts mehr ... Der Lärm der Maschinen war fort – wie erschlagen ... das Licht war erloschen bis auf eine Lampe ... Werndt raffte sich aufwärts, mit schmerzenden Gliedern ... er zog sich am Pfosten des Steuers nach oben. Sein Blick fiel auf Nagel. Er kniete vor Mabel und half ihr zur Türe. Das Boot stand nach oben – – man mußte sich ziehend und kriechend bewegen, um aufwärts zu kommen ... Da war es von neuem, als werde der Boden nach unten gezogen – – es pendelte heftig – – zwei Stahlrollen kugelten quer durch das Zimmer ...

»Verletzt?« fragte Werndt kurz. Er suchte als Boden die hintere Bootswand.

»Nein, nichts von Bedeutung – geschürft an den Händen – ganz merkwürdig glimpflich – –«

Der Ingenieur zog sich hinauf an das Steuer. Er setzte die zweite Beleuchtung in Wirkung. Die Azetylenflammen zündeten zischend. Der Kompaß stand still. Die drei Manometer tobten. Eine Ablesung war nicht mehr möglich.

»Was nun?« fragte Mabel. »Sind wir jetzt am Grunde?«

»Ich denke.«

»Der Krakon sitzt fest,« meinte Nagel. »Zertrümmert scheint auch nichts.«

Werndt winkte um Schweigen. Er horchte nach außen.

»Wir fahren! – Ich höre die Reibung der Bootswand – – wir fahren in rasender Eile nach oben ...«

»Nach oben?« rief Mabel in seliger Hoffnung, Werndt horchte noch immer, er stand heftig atmend ...

»Wie ist das nur möglich?« fragte Nagel verwundert.

Werndt gab kurze Antwort, gehetzt, unbeweglich, als hielte ihn irgendein Etwas am Platze.

»Das Meteor unten – ich kenne den Grund nicht – Auflösung – im Aufstieg – das Kugelboot – Aufprall – Auflösung beschleunigt –. Nachlassen der Staubtrombe – – frühere Meldung – – unglaubliche Saugkraft – – Durchsetzung des Wassers ... jetzt alles erklärlich ... Das Meteor über uns ... es reißt uns nach oben ...!«

Verwundert sah Mabel die hohe Erregung.

»Dann reißt es uns doch an die Meeroberfläche – – zurück auf die Erde!«

»Nein – über sie fort! In den Weltraum hinaus ... Mit der Kraft seines Auftriebs ... mit der Kraft seines Gasdrucks ...! Enorme Geschwindigkeit eines Geschosses ...! Ich höre kein Wasser, kein Rauschen mehr draußen ... wir müßten auch schlingern ... die Bootswand erhitzt sich ...«

Er riß sich ans Fenster und drückte den Hebel der Klappe nach oben. Sie schlug hart nach unten ...

Da schrie es im Boot auf ... Werndt zeigte nach oben, den Arm wie erstarrt auf das Fenster gestoßen ... Licht flutete nieder wie feurige Lohe ... Im Auge des Krakon stand endlose Ferne ...

* * *

Sechs Monate wartete man auf der Erde. In Zittern und Grauen. Man wollte nicht glauben, was jeder doch wußte. Drei Jünger des Meisters beschlossen, sich für seine Rettung zu opfern. Sie bauten im Auftrag der Menschheit Werndts goldenes Tauchboot noch einmal. Ganz nach seinen Plänen und wagten die tollkühne Tauchfahrt zur Tiefe. Sie fanden die Wölbung des Meeres verschwunden. Ganz ohne Gefahren gelangten sie wider Erwarten in wenigen Stunden zum Grunde des Meeres. Mit Scheinwerfern suchten sie volle zwei Tage. Vom Meteor war keine Spur mehr zu sehen. Kein Strudel, kein Strahlen, nichts ... alles wie früher ... Nur wirre Metalltrümmer an einer Klippe ... Und Stivsen beschwor, daß es sein Alminal sei, wie Werndt es zu seinen Ringrohren verwendet. Da senkte man Glauben und Hoffnung zu Grabe. Die Erde trug Trauer, um sich und die Toten ... Am Ufer des Meeres, dicht bei Yokohama, erbaute man ihnen ein herrliches Denkmal. Aus künstlichem Golde ...

Nur einer verlor seinen Mut nicht: John Sunbeam. Mit zäher Verbissenheit sprach er vom Krakon und von seinem Führer. »Werndt lebt!« war ihm letzte Gewißheit geworden. »Werndts Aufgabe wurde zu groß für die Erde. Er mußte ins Weltall – um wiederzukehren!« Er schrie diesen Glauben hinaus in die Menschheit. In Reden und Schriften. Ob auch alle schwiegen. Man ließ ihm den Willen, die traurige Schrulle, und wurde noch trostloser durch seine Worte. Werndt war für das Wissen der Erde gestorben ...

Drei Tage noch fehlten am fünfzehnten Monat, da lief eine Funkmeldung rings um die Erde. Sie kam von Newyork, von der Michiganwarte ...

»Malhela punkto trairis la sunon ...«

In hilflosem Grimm las die Menschheit die Nachricht. Ein Punkt vor der Sonne?! Welch eine Verhöhnung! Noch einmal ein Punkt? Noch einmal ein Absturz?! – Man wartete zitternd ... Der Punkt blieb verschwunden ...!

Am siebzehnten Juni des siebenten Jahres seit Walter Werndts Tauchfahrt erregte noch einmal ein Funkspruch Verwirrung. Die Großfunkstation am Himalaja wurde in drei Nächten mehrere Male gerufen. Ganz schwach, wie aus endloser Weltraumsentfernung, kam es wie ein Zeichen, stets wieder das gleiche ... zur nämlichen Stunde ...

W–W ... nach dem Codex der Erdenstationen ... W–W ... Sonst nichts weiter ... Ganz schwach und doch deutlich ... W–W ... War das Zufall? ... W–W ... Walter Werndt?! ...

Mister Sunbeam beschwor es ...

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