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Die ewige Bürde/Der afrikanische Rechtsspruch

Johann Gottfried Herder: Die ewige Bürde/Der afrikanische Rechtsspruch - Kapitel 3
Quellenangabe
titleDie ewige Bürde/Der afrikanische Rechtsspruch
authorJohann Gottfried Herder
typenarrative
senderhille@abc.de
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Die ewige Bürde

Kalif Hakkam, der die Pracht liebte, wollte die Gärten seines Palastes verschönern und erweitern. Er kaufte alle benachbarten Ländereien und bezahlte den Eigentümern soviel dafür, als sie verlangten. Nur eine arme Witwe fand sich, die das Erbteil ihrer Väter aus frommer Gewissenhaftigkeit nicht veräußern wollte und alle Anerbietungen, die man ihr machte, ausschlug. Den Aufseher der königlichen Gebäude verdroß der Eigensinn dieser Frau; er nahm ihr das kleine Land mit Gewalt weg, und die arme Witwe kam weinend zum Richter.

Ibn Beschir war Kadi in der Stadt. Er ließ sich den Fall vortragen und fand ihn bedenklich; denn obschon die Gesetze der Witwe ausdrücklich recht gaben, so war es doch nicht leicht, einen Fürsten, der gewohnt war, seinen Willen für die vollkommene Gerechtigkeit zu halten, zur freiwilligen Erfüllung eines veralteten Gesetzes zu bewegen.

Was also tat der gerechte Kadi? Er sattelte seinen Esel, hing ihm einen großen Sack über den Hals und ritt unverzüglich nach den Gärten des Palastes, wo der Kalif sich eben in dem schönen Gebäude befand, das er auf dem Erbteil der Witwe erbaut hatte.

Die Ankunft des Kadi mit seinem Esel und Sacke setzte ihn in Verwunderung, und noch mehr erstaunte er, als Ibn Beschir sich ihm zu Füßen warf und also sagte: «Erlaube mir, Herr, daß ich diesen Sack mit Erde von diesem Boden fülle!» Hakkam gab es zu. Als der Sack voll war, bat Ibn Beschir den Kalifen, ihm den Sack auf den Esel heben zu helfen. Hakkam fand dieses Verlangen noch sonderbarer, um aber zu sehen, was der Mann vorhabe, griff er mit an. Allein der Sack war nicht zu bewegen, und der Kalif sprach: «Die Bürde ist zu schwer, Kadi, zu gewichtig» – «Herr», antwortete Ibn Beschir mit edler Dreistigkeit, «du findest diese Bürde zu schwer, und sie enthält doch nur einen kleinen Teil der Erde, die du ungerechterweise einer armen Witwe genommen hast. Wie willst du denn das ganze geraubte Land tragen können, wenn es der Richter der Welt am großen Gerichtstage auf deine Schultern legen wird?»

Der Kalif war betroffen; er lobte die Herzhaftigkeit und Klugheit des Kadi und gab der Witwe das Erbe zurück mit allen Gebäuden, die er hatte anlegen lassen.

 


 

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