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Gutenberg > Aischylos >

Die Eumeniden

Aischylos: Die Eumeniden - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
authorÄschylos
titleDie Eumeniden
printrunDritte Auflage
publisherLangenscheidtsche Verlagsbuchhandlung
yearo.J.
translatorJ. J. C. Donner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160324
projectid141722c3
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Die Seherin.

Von allen Göttern feiert mein Gebet zuerst
Die Urprophetin Erde, nächst ihr Thémis auch,
Die nach der Mutter diesen Sitz der Sage nach
Einnahm, die zweite. Dritten Ortes thronte hier
[Vers 5] Mit Themis' Willen, ohne Zwang an irgendwem,
Ein andres Kind der Erde vom Titánenstamm,
Die Phöbe. Sie gab als Geburtsgeschenk den Sitz
An Phöbos, dem von Phöbe so der Name ward.
Der Gott verließ nun Délos' Teich und Felsenstrand
[Vers 10] Und fuhr zu Pallas' schiffbedeckten Uferhöh'n
Und kam in diese Fluren an Parnássos' Sitz.
Und ihn geleiten und Verehrung zollen ihm
Hephästos' Söhne, die, bereitend seine Bahn,
Vor seinem Schritte wildes Land entwilderten.
[Vers 15] Und als er einzog, feiert hoch ihn alles Volk
Mit König Délphos, der des Landes Steuer lenkt.
Doch Zeus begeistert seine Brust mit hoher Kunst,
Und setzt als vierten Seher ihn auf diesen Stuhl,
Und Zeus', des Vaters, Gotteswort spricht Lóxias.
[Vers 20] An diese Götter wendet sich mein Fleh'n zuerst.
Auch dir im Vorhof, Pallas, huldigt mein Gebet
Und ehrt die Nymphen, wo Korýkis' Fels sich wölbt,
Heimat der Vögel, wo sich Götter froh ergeh'n.
Des Ortes waltet Bákchos, wohl gedenk' ich sein,
[Vers 25] Seitdem der Gott die Bákchen angeführt im Kampf,
Péntheus mit Tod umgarnend, scheuem Wilde gleich.
Auch Pléistos' Quellen und Poséidons Herrschermacht
Verehr' ich, auch den höchsten Allvollender Zeus;
Dann als Prophetin steig' ich auf den Seherthron.
[Vers 30] Und nun, o Götter, segnet mehr, als je zuvor,
Mir heut den Eingang! Ist ein Mann aus Héllas hier,
Er komme nach dem Lose, wie der Brauch gebeut!
Ich spreche meine Sprüche, wie der Gott mich treibt.

(Sie geht in den Tempel, kehrt aber bald voll Entsetzen wieder zurück.)

Ha, Greuel auszusprechen, Greuel anzuschau'n!
[Vers 35] Es treibt mich wieder aus Apollons Haus zurück,
Daß mir die Glieder brechen, daß mein Schritt erstarrt;
Die Hände, nicht die schnellen Füße, tragen mich.
Schreck macht die Greisin nichtig, ja dem Kinde gleich.
Ich schleiche hin zum vielbekränzten Heiligtum;
[Vers 40] Und sitzen seh' ich einen fluchbelad'nen Mann
Am Nabelsteine, der um Sühne fleht, von Blut
Die Hände triefend und ein frischgezücktes Schwert,
Auch eines Ölbaums hochgewachs'nen Zweig zur Hand,
Den sorgsam rings die reichgewund'ne Flocke kränzt,
[Vers 45] Das weiße Wollband; also leg' ich's deutlich dar.
Und vor dem Mann liegt eine wundersame Schar
Von Frauen schlummernd auf die Sessel hingestreckt.
Nicht Frauen wahrlich, nein, Gorgónen nenn' ich sie;
Doch auch Gorgonenbildern gleicht ihr Äuß'res nicht.
[Vers 50] Wohl auf Gemälden sah ich einst, die raschbeschwingt
Das Mahl des Phíneus raubten; aber flügellos
Sind diese, schwarz, entsetzlich, daß mir's Grauen weckt.
Tiefschnarchend haucht ihr Odem unnahbaren Hauch
Und aus den Augen träufeln sie grau'nvolles Gift.
[Vers 55] Gewand umhüllt die Glieder, wie sich nicht geziemt
Vor Götterbildern oder in der Menschen Haus.
Genossen dieses Stammes sah mein Auge nie,
Noch mag ein Land sich rühmen, solch unholde Brut
Straflos zu nähren, ohne Nachgefühl des Weh's.
[Vers 60] Das Weit're sei dem Fürsten dieses Heiligtums
Selbst heimgestellt, dem hochgewalt'gen Loxias!
Wahrsagerarzt und Zeichendeuter ist er ja
Und kann die Häuser andrer auch entsündigen.

(Die Seherin geht ab. Man erblickt das Innere des delphischen Heiligtums, in demselben auf Sesseln umher den Chor der Erínnyen. Apollon tritt mit Oréstes aus dem Hintergrunde des Tempels.)

Apollon.

Nie werd' ich dich verlassen; nein, ich stehe stets
[Vers 65] Zur Seite dir als Hüter, auch entfernt von dir,
Und werde deinen Feinden nie befreundet sein.
So siehst du jetzt gefangen dort die Rasenden;
Vom Schlaf gebunden ruhen sie, die scheußlichen
Jungfrau'n, die greisen Mädchen, die kein Gott umarmt
[Vers 70] Und denen liebend weder Mensch noch Tier sich naht.
Zu finstern Thaten wurden sie; denn finstre Nacht,
Der Tártaros tief unten, ist ihr Aufenthalt;
Sie sind ein Greu'l den Menschen, wie den Himmlischen.
Doch fliehe nur vor ihnen, darfst nicht lässig sein.
[Vers 75] Denn über Festlands Weiten treibt dich diese Schar
In ruheloser Irre durch die Erde hin
Und über Meer und meerumrauschtes Inselland.
Auf dieser Mühen banger Fahrt ermatte nicht
Zu frühe! Wenn du hingelangst in Pallas' Burg,
[Vers 80] So sitze nieder und umschling' ihr altes Bild!
Dort werden wir, die Richter über solche Schuld,
Das Wort der Sühne finden und erspäh'n die Bahn,
Die deiner Mühen aller dich erledige.
Denn auch zum Muttermorde trieb ich selbst dich an.

Orestes.

[Vers 85] O Fürst Apollon, dir gefällt das Rechte nur;
In solchem Sinn denn zeige dich um mich besorgt!
Denn daß du's wohl vollendest, bürgt mir deine Macht.

Apollon.

Vertraue, laß dich keine Furcht bewältigen!
Doch du, geliebter Bruder, eines Vaters Blut,
[Vers 90] Hérmes, behüt' ihn! Werde, was dein Name sagt,
Sein Führer und geleite mir, ein treuer Hirt,
Den Schützling! Ehrt Zeus selber doch dein Ehrenamt,
Das wohlgeleitend Segen schafft den Sterblichen.

( Orestes geht ab; Apollon verschwindet im Hintergrunde. Aus der stýgischen Pforte schwebt der Schatten Klytämnestra's herauf und wendet sich zu den schlafenden Erinnyen.)

Klytämnestra.

Ihr schlummert? He doch! Was bedarf's der Schlummernden?
[Vers 95] Mich, die vor andern Toten so durch eure Schuld
Ein Spott geworden, mich verfolgt im Schattenland
Rastlos der Hohn der Toten, die ich mordete.
Schmachvoll umher dort irr' ich und verkünd' es euch,
Daß schwerer Vorwurf mich darob von jenen trifft.
[Vers 100] Und thaten meine Liebsten auch so Grauses mir,
Zürnt doch um meinetwillen kein Unsterblicher,
Die durch des Muttermordes Hand geopfert ward.
Sieh diese Wunden mit des Herzens Blick dir an;
Denn schlafend späht des Geistes Auge klar umher,
[Vers 105] Der Tag vergönnt ihm keinen Blick in Menschenlos.
Von meiner Habe schlürftet ihr vielfältig einst
Weinlose Spenden, unberauschenden Sühnetrank;
Manch heilig Nachtmahl brachten wir am Feuerherd
Euch dar in Stunden, die mit euch kein Gott geteilt.
[Vers 110] Und alles dies – in Staub getreten seh' ich's nun!
Doch er entrinnt euch, flieht davon, dem Rehe gleich;
Ja, mitten aus den Garnen ist er leichten Sprungs
Entschlüpft und blickt hohnlachend nun nach euch zurück.
Vernehmt mich; denn um meine Seele sprach ich jetzt;
[Vers 115] Merkt auf, besinnt euch, unterird'sche Göttinnen!
Ein Schatten, Klytämnestra, ruft euch dieses zu.

(Der Chor stöhnt.)

Klytämnestra.

Stöhnt nur! Indes ist jener weit hinweggefloh'n.
Denn Freunde finden Helfer, ich bin ohne Schutz.

(Der Chor stöhnt.)

Klytämnestra.

Du schläfst so tief, erbarmst dich meines Leidens nicht.
[Vers 120] Orestes, mein, der Mutter, Mörder, ist entfloh'n!

(Der Chor heult.)

Klytämnestra.

Du heulst, du schlummerst? Eilig raffe dich empor!
Was hast du jemals andres als Unheil geschafft?

(Der Chor heult.)

Klytämnestra.

Mühsal und Schlummer, treue Bundverschworene,
Der argen Drachin brachen sie die Lebenskraft.

(Der Chor stöhnt mit verdoppelter Heftigkeit.)

Die Chorführerin.

(Im Schlafe.)

[Vers 125] Pack' an, pack' an, pack' an! Merk' auf!

Klytämnestra.

Im Traume jagst du deinem Wilde nach und bellst,
Dem Hunde gleich, der seines Dienstes nie vergißt.
Auf! Nicht gezaudert! Keine Müh' ermatte dich!
Verkenne nicht den Schaden, wenn dich Schlaf besiegt!
[Vers 130] Gerechter Vorwurf schneide tief ins Herz dir ein;
Denn scharf wie Stacheln fühlen ihn Vernünftige.
Auf, sende denn blutvollen Odems Hauch ihm nach,
Durch Qualm verzehr' ihn aus der Eingeweide Brand,
Verfolg' ihn, brich im zweiten Jagen seine Kraft!

(verschwindet.)

Die Chorführerin.

(Von ihrem Sitze aufspringend.)

Erwecke,
[Vers 135] Erwecke du die andre, wie ich dich erweckt!
Du schläfst? Erwache! Schüttle flugs den Schlaf dir ab!
Wir wollen seh'n, ob dieses Vorspiel eitel ist.

(Die Erinnyen raffen sich auf. Ein Teil stürmt aus dem Tempel hervor und in die Orchéstra hinab; die anderen bleiben noch im Tempel. Zuerst singen nur einzelne, dann mehrere.)

Chorgesang.

Erste Strophe.

O Grau'n, Grau'n, o Schmach! Ein Leid, Schwestern, traf –
Ja, viel des Leides und umsonst erduldet' ich! –
[Vers 140] Uns traf, Götter, ach! ein grau'nvolles Leid,
Ein unnennbar Weh!
Aus unserm Netze schlich sich, uns entrann das Wild.
Vom Schlaf besiegt, gab ich hin solchen Fang!

Erste Gegenstrophe.

O Grau'n! Sohn des Zeus, du spinnst arge List.
[Vers 145] Ein Jüngling, tratst du greise Götterfrau'n in Staub,
Da du den Flüchtling hegst, den schuldvollen Mann,
Den herzlosen Sohn.
Du stahlst den Muttermörder uns und bist ein Gott!
Wer priese je solches Thun als gerecht?

Zweite Strophe.

[Vers 150] Mir schlug ein vorwurfschweres Wort im Traum ans Ohr
Und traf gleich dem Rosselenker mich
Mit machtvollem Stoß
Tief in die Brust, ins Mark.
Ich fühle, schwer faßt mich's an, eisigkalt schaudert mich's
[Vers 155] Vom zornig grausen Geißelschlag.

Zweite Gegenstrophe.

Das ist der jüngern Götter Art, so schalten sie,
Gewalt übend allem Recht zum Hohn.
Ein bluttriefend Mal,
Blutig um Fuß und Haupt,
[Vers 160] Ich seh' es, steht dort der Erdnabel; denn blut'ge Schuld,
Ruchlose, nahm er schützend auf.

Dritte Strophe.

Du hast, ein Seher, deines Herdes Heiligtum
Mit Blutgreu'l entweiht, eigenem Trieb gehorchend;
Denn trotz Götterrecht schirmst du der Menschen Schuld
[Vers 165] Und brichst der Mören uralte Macht.

Dritte Gegenstrophe.

Mir schafft er Kränkung und erlöst doch jenen nie;
Flöh' er zum Abgrund auch, dennoch entrinnt er uns nicht.
Auf ihm ruht ein Fluch; so trifft wohl dereinst
Ein andrer Rächer sein frevles Haupt!

( Apollon tritt aus dem Hintergrunde des Tempels hervor.)

Apollon.

[Vers 170] Hinaus, gebiet' ich, ungesäumt verlaßt das Haus,
Hinweg, entfernt euch aus dem Seherheiligtum,
Daß nicht beschwingt die Silberschlange dich ereilt,
Von goldgewirkter Bogenschnur hinausgesandt,
Und du vor Schmerz des Menschenblutes dunklen Schaum
[Vers 175] Ausspeist in Klumpen, die du Leichen ausgeschlürft!
Zu diesem Heiligtume dürft ihr nicht heran.
Hin, wo man köpft und blendet, geht zum Hochgericht,
Hin, wo man Menschen schlachtet, wo man Kindermord
Verübt, Entmannung, Steinigung, Verstümmelung,
[Vers 180] Wo laut zum Himmel grauenvolles Wehgeheul
Der Aufgespießten jammert! Ha, vernahmet ihr,
An welchen Festesfreuden ihr Scheusäligen
Das Herz erlabet? So verkündet's schon an euch
Die ganze Bildung. Euch geziemt, im Felsenhaus
[Vers 185] Blutdürst'ger Leu'n zu wohnen; nicht dem Sehersitz
In diesen Räumen nahe sich ein solcher Greu'l!
So zieht von hinnen, ohne Hirten schwärmt hinaus!
Denn solcher Herde freut sich kein Unsterblicher.

Die Chorführerin.

O Fürst Apollon, höre nun auch unser Wort!
[Vers 190] Du selber trägst an diesem keinen Teil der Schuld,
Nein, hast's allein vollendet, dein ist alle Schuld.

Apollon.

Wie das? Soviel zu sagen sei dir noch vergönnt!

Die Chorführerin.

Dein Spruch befahl dem Fremdling seiner Mutter Mord –

Apollon.

Befahl ihm, seines Vaters Tod zu rächen. Nun?

Die Chorführerin.

[Vers 195] Dann botest du der neuen Blutschuld deinen Schutz.

Apollon.

Zu flieh'n in dieses Hauses Hut gebot ich ihm.

Die Chorführerin.

Und schmähest uns, Geleiterinnen seiner Fahrt?

Apollon.

Weil euch in diesen Tempel nicht zu kommen ziemt.

Die Chorführerin.

Also zu thun, legt meines Amtes Pflicht mir auf.

Apollon.

[Vers 200] Und welche Pflicht denn? Rühme doch dein schönes Amt!

Die Chorführerin.

Den Muttermörder treiben wir von Haus und Herd.

Apollon.

Wie aber? Wenn die Gattin ihren Mann erschlug?

Die Chorführerin.

Nicht eines Blutsverwandten Mord ist solche That.

Apollon.

Ha, ganz verachtet wäre dann, nichts gälte mehr
[Vers 205] Der Ehegöttin Héra wie Zeus' heilig Band!
Verachtet stürzte Kýpris dann von ihrem Thron,
Woher doch alles Süße kommt den Sterblichen.
Der Bund, in dem das Schicksal Weib und Mann vereint,
Ist heilig mehr als Eide, wenn das Recht ihn schirmt.
[Vers 210] Wenn diese nun sich morden und du lässig bist,
Nicht Rache nimmst am Mörder, nicht ihn strafst im Zorn,
Wird auch Oréstes ohne Recht von dir verfolgt.
Das eine, weiß ich, hasset ihr als schwere That,
Das andre seht ihr offenbar gelinder an:
[Vers 215] Die hohe Pállas prüfe, was hier rechtens ist!

Die Chorführerin.

Ich lasse, traun, von diesem Manne nimmermehr!

Apollon.

Wohlan, verfolg' ihn, häufe so die Mühe dir!

Die Chorführerin.

O schmäl're nicht durch Worte mir mein Ehrenamt!

Apollon.

Auch angeboten, wies' ich ab dein Ehrenamt!

Die Chorführerin.

[Vers 220] Ein Großer freilich heißest du am Thron des Zeus.
Mich treibt das Blut der Mutter; rächend will ich denn
Nacheilen dieses Mannes Spur auf rascher Jagd.

(Der Chor eilt in zerstreuter Ordnung ab.)

Apollon.

Ich will ihm beisteh'n, will des Flüchtlings Retter sein;
Denn schwer auf Erden und bei Göttern drückte mich
[Vers 225] Des Schützlings Unmut, gäb' ich ihn freiwillig hin.

(Ab in den Tempel.)

(Die Scene verwandelt sich. Man sieht das Heiligtum der Pállas Athéne auf der Burg von Athen und in demselben den Orestes das Bild der Göttin umfassend.)

Orestes.

Athene, Fürstin, auf Geheiß des Lóxias
Erschien ich: nimm den Fluchbelad'nen gnädig auf!
Ich flehe nicht um Sühne, rein ward meine Hand
In andern Häusern, im Verkehr mit Sterblichen.
[Vers 230] Ja, keine Sünde haftet mehr an diesem Haupt;
So nah' ich, Göttin, deinem Haus und deinem Bild,
Getreu der Mahnung aus Apollons Sehermund,
Nachdem ich Land und Meere weit durchwanderte.
Hier will ich weilen, harrend auf den letzten Spruch.

(Der Chor der Erinnyen kommt hastig in zerstreuter Ordnung hereingestürmt.)

Die Chorführerin.

[Vers 235] Wohlan! Die Spur des Mannes find' ich deutlich hier.
Folgt nun dem Wink der stummen Selbstverräterin.
Denn wie der Hindin wunden Sohn der Hund verfolgt,
So spüren wir der blutgetränkten Fährte nach.
Schwer atmet, matt von vielen bangen Müh'n, die Brust;
[Vers 240] Denn rings der Erde ganzen Raum durchschweiften wir,
Und übers Meer mit unbeschwingten Flügeln ihn
Verfolgend jagt' ich, Schiffen gleich an Schnelligkeit.
Und jetzo hält er irgendwo sich hier versteckt.
Ein frischer Duft von Menschenblute lacht mich an.

(Zu den beiden nächsten Erinnyen.)

[Vers 245] Ha, sieh wieder, sieh! Späht umher überall:
Darf doch der Mörder nicht heimlich der Straf' entgeh'n!

Die anderen Erinnyen.

(Einzeln.)

Ja, den begeistert neuer Mut;
Sich an der Göttin Bild schmiegend, der ewigen,
Stellt er die blut'ge Schuld ihrem Gericht anheim.
[Vers 250] Niemals geschieht das; Erde trank der Mutter Blut;
Unwiederrufbar, o Graun!
Rann's in den Staub hinab, und kehrt nie zurück.
Ja, büßen sollst du's! Aus den Adern will ich dir
Lebend das rote Blut schlürfen, ich will von dir
[Vers 255] Den Trank zum Labsal rauben, den sonst keiner trinkt.
Und zehrt' ich auf dein Leben, führ' ich dich hinab,
Daß du mir jammernd dort büßest den Muttermord.
Dort wirst du seh'n, wenn andre Menschen frevelten,
Wer an den Göttern sich
[Vers 260] Oder am Freund verging oder am Elternhaupt,
Wie jeder hinnimmt seines Thuns gerechten Lohn.
Denn aller Menschen Richter ist der große Tod
Im Abgrund der Welt;
Er schaut jeglich Ding, und schreibt's tief ins Herz.

Orestes.

[Vers 265] In langer Leidensschule ward ich wohlvertraut
Mit vielen Sühngebräuchen, weiß, wo Reden ziemt,
Wo Schweigen recht ist. Aber hier an diesem Ort
Gebot ein weiser Meister laut zu reden mir.
Schläft doch das Blutmal und verbleicht an meiner Hand;
[Vers 270] Des Muttermordes Greuel ist hinweggespült.
Frisch waren seine Flecken noch, am Seherherd
Vertilgt' ihn Phöbos durch der Opferferkel Blut.
Viel Worte braucht' ich, zählt' ich auf, wie viele schon
Mit mir verkehrten, ohne daß sie Schaden traf.
[Vers 275] Die Zeit entsündigt alles und sie selbst ergraut.
So fleh' ich reinen Mundes nun mit frommem Wort
Zu dieses Landes Herrscherin Athene, mir
Hilfreich zu nahen. Dann gewinnt sie sonder Kampf
Mich selbst, der Árgossöhne Land und Volk zugleich,
[Vers 280] Wahrhaft zu treuer, steter Wehrgenossenschaft.
Drum, ob sie jetzt in fernen Fluren Líbya's,
Am Wasser Trítons, ihrer heimatlichen Flut,
Den Fuß gesenkt hat oder hochhinschreitend eilt
Zum Schutz der Ihren, oder ob sie Phlégra's Feld
[Vers 285] Heerscharen ordnend überschaut, ein kühner Held:
Sie komme, (denn auch ferne ja vernimmt ein Gott,)
Auf daß sie dieser Leiden mich erledige!

Der Chor.

Nicht soll Apollon, nicht Athene's hohe Macht
Dir Schutz gewähren, daß du nicht verlassen einst
[Vers 290] Hinfährst, vergessend, wo im Herzen Freude wohnt,
Blutleer, von Göttern aufgezehrt, ein Schattenbild! –
Nichts widersprichst du, dir erstirbt das Wort im Mund,
Du mir genährtes, mir geweihtes Opfertier? –
Du labst mich lebend, nicht am Herd geschlachtet erst.
[Vers 295] Nun höre meinen Reigen, der dich bannen soll!
Wohlauf denn, laßt uns schlingen den Reih'n,
Da den grausen Gesang
Wir laut zu verkünden beschlossen,
Und zu nennen die Los' in der Menschen Geschlecht,
[Vers 300] Wie unsere Schar sie verteilte!
Wir schützen das Recht nach stetem Gesetz:
Wer lauter die Hand
Mit lauterem Herzen emporhebt,
Nie trifft ihn von uns der vergeltende Zorn;
[Vers 305] Harmlos durchwallt er das Leben.
Doch wer sich, wie der, durch Frevel entweiht
Und die blutigen Hände zurückzieht,
Da treten wir kühn als Zeugen des Rechts
Der Gemordeten auf und fordern von ihm
[Vers 310] Vollständige Sühne der Blutthat.

Erste Strophe.

Mutter, die du mich gebarst, Urnacht,
Mich, der verblich'nen wie der lichten Welt Strafgeist,
Höre mich! Léto's Sohn beut mir Hohn, spottet meiner;
Dieses Wild raubt er uns, dessen Blut fließen muß,
[Vers 315] Abzubüßen Muttermord.
Um das Schlachtopfer schlingt
Euer Lied, Wahnsinnshauch, Wahnsinnslaut der Bethörung,
Schlingt Erinnenfestgesang,
Harfenlos, der Geister Band, der des Hörers Mark verzehrt!

Erste Gegenstrophe.

[Vers 320] Denn des Schicksals Allgewalt teilte
Unserm Geschlecht für ew'ge Zeiten dies Los zu:
Wessen Haupt frevelhaft grause Blutschuld sich auflud,
Dessen Spur geh'n wir nach, bis ihn deckt Grabesnacht;
Auch der Tod befreit ihn nicht.
[Vers 325] Um das Schlachtopfer schlingt
Euer Lied, Wahnsinnshauch, Wahnsinnslaut der Bethörung,
Schlingt Erinnenfestgesang,
Harfenlos, der Geister Band, der des Hörers Mark verzehrt!

Zweite Strophe.

Bei der Geburt ward uns vom Geschicke beschieden,
[Vers 330] Ewig zu flieh'n der unsterblichen Götter Gemeinschaft.
Ihr Mahl teilen wir niemals;
Auch kein weißes Gewand darf unsere Glieder umhüllen.
Häuser auszutilgen, ward
Meines Amts, wann der Freund
[Vers 335] Tückisch im Haus mordet den Freund.
Hinter ihm stürz' ich her;
Blüht er auch jugendstark,
Doch ich breche die Kraft ihm!

Zweite Gegenstrophe.

Dieser Beruf ward uns, ihm bleibe man ferne;
[Vers 340] Lasse man uns statt anderer Götter gewähren!
Mit uns hadere keiner!
Bannte doch unser Geschlecht, dies blutige, götterverhaßte,
Zeus von seinem Angesicht.
Aus den Höh'n stürm' ich denn
[Vers 345] Mächtigen Schwungs, setze den Fuß
Schweren Falls auf den Feind;
Schnellen Laufs gleitet er,
Stürzt in schweres Verderben.

Dritte Strophe.

Dann sinkt Hoffart, die sich zum Äther emporschwang,
[Vers 350] Ruhmlos hinab in die Erd' und verkümmert im Staube,
Wenn wir in schwarze Gewande verhüllt und in unheilvollen
Reigen tanzend nah'n.

Dritte Gegenstrophe.

Stürzend merkt er's nicht in des Wahnes Verblendung;
So mit verdunkelnden Schwingen umflattert die Schuld ihn.
[Vers 355] Daß Graun düsterer Nacht um das Haus sich gelagert,
Kündet lauten Jammers Ruf.

Vierte Strophe.

So bleibt es steh'n: Mittel stets,
Die Bahn zum Ziel finden wir,
Graunvoll der Schuld Rächer;
[Vers 360] Kein Menschenfleh'n besänftigt uns.
Ein ungeehrt, verachtet Amt
Verwalten wir, das, Göttern fern, der Sonne Glanz fliehet,
Schwer zu erklimmen den Menschen im Lichte,
Wie dem blinden Volk der Nacht.

Vierte Gegenstrophe.

[Vers 365] Wo wär' ein Mensch, welcher nicht
In banger Furcht schauerte,
Vernimmt er mein Machtwort,
Das mir der Schicksalsmächte Schluß
Verliehen, Götter mir vertraut?
[Vers 370] Mein ward ein altes Ehrenamt, von keiner Schmach weiß ich,
Wenn auch unter der Erde mein Haus ist,
Tief in sonnenloser Nacht.

( Athene, mit Schild und Lanze bewaffnet, erscheint in der Luft auf einem mit
Rossen bespannten Wagen.)

Athene.

Fernher am Strom Skamándros hört' ich lauten Ruf,
Als ich von jenem Lande schnell Besitz ergriff,
[Vers 375] Das mir Achäa's Fürsten und Gewaltige
Als schönes Los aus ihrer Beute reichem Schatz
Auf immerdar mit allen Wurzeln heiligten,
Dem Stamm des Théseus ein erles'nes Eigentum.
Dort komm' ich her mit unermüdlich schnellem Schritt,
[Vers 380] Des Schildes Wölbung schwingend, ohne Fittiche,
Die starken Rosse vorgeschirrt dem Wagen hier.
Und nun gewahr' ich diese Schar in meinem Land,
Wohl schreckt mich's nicht, doch Staunen fesselt meinen Blick.
Wer seid ihr? Alle red' ich euch in einem an,
[Vers 385] Ihn, der an meinem Bilde sitzt, den Fremdling dort,
Und euch, vergleichbar keinem, was geboren ist,
Von Göttern nie gesehen unter Göttinnen,
Noch Erdenkindern an Gestalt und Bildung gleich.
Doch andre schelten, welche dir kein Leid gethan,
[Vers 390] Ist Hohn der Tugend; Themis haßt, wer solches thut.

Die Chorführerin.

Das alles hörst du, Tochter Zeus', in kurzem Wort.
Wir sind der Urnacht Töchter, ewigwaltende;
Daheim im Hades nennt man uns Fluchgöttinnen.

Athene.

Ich kenne deinen Namen nun und dein Geschlecht.

Die Chorführerin.

[Vers 395] Vernimm sofort von meines Amtes Ehren auch!

Athene.

Ich werd' es hören, kündet ihr es deutlich an.

Die Chorführerin.

Die Menschenmörder treiben wir von Haus und Herd.

Athene.

Und wo gewinnt ein Ende solches Mörders Flucht?

Die Chorführerin.

Dort, wo der Freude keine Statt beschieden ist.

Athene.

[Vers 400] Auch diesen jagst du schnaubend fort in solche Flucht?

Die Chorführerin.

Ja; denn des Muttermordes unterfing er sich.

Athene.

Er scheute wohl das Grollen einer andern Macht?

Die Chorführerin.

Wo wär' ein Sporn zum Muttermorde scharf genug?

Athene.

Zwei steh'n sich gegenüber; dich vernahm ich nun.

Die Chorführerin.

[Vers 405] Er schwört gewiß nicht und verwirft den Gegeneid.

Athene.

Gerecht zu heißen strebst du mehr als recht zu thun.

Die Chorführerin.

Wie so? Belehr' uns; denn an Weisheit bist du reich!

Athene.

Durch Eide siegt das Ungerechte nimmermehr.

Die Chorführerin.

Wohlan, verhör' ihn; richte nach Gerechtigkeit!

Athene.

[Vers 410] Mir stellt ihr denn des Streites Endurteil anheim?

Die Chorführerin.

Sehr gerne; würdig ehren wir die Würdige.

Athene.

Was sagst du, Fremdling, wider dies für deinen Teil?
Erst nenne Heimat und Geschlecht und Lebenslos,
Und diesen Vorwurf wehre dann von deinem Haupt,
[Vers 415] Wenn, auf das Recht vertrauend, du zu diesem Bild
Zu meines Herdes Nähe dich geflüchtet hast,
Um Sühne flehend, heilig wie Ixíon einst!
Auf alles dies entgegne wohlverständlich mir!

Orestes.

Athéne, Fürstin, ich enthebe dich zuerst
[Vers 420] Der schweren Sorge, der zuletzt dein Wort gedacht.
Ich flehe nicht um Sühne; denn kein Greuel mehr
Befleckt die Hände, welche hier dein Bild umfaßt.
Ein großes Zeugnis dessen offenbar' ich dir.
Der Menschenmörder bleibe stumm, das ist Gesetz,
[Vers 425] Bis, fallend unter Mannes Hand, ein saugend Tier
Mit seinem Blut besprengend ihn entsündigte.
So wurden wir in andern Häusern schon vorlängst
Durch blutig Opfer ausgesühnt und Quellenbad.
Die Sorge schaff' ich also durch mein Wort hinweg.
[Vers 430] Von meiner Abkunft geb' ich dir sofort Bescheid.
Ich bin von Árgos, meinen Vater kennst du wohl,
Agamémnon, der den Seegeschwadern einst gebot,
Mit dem du Trója's hohe Burg in Staub gestürzt.
Der, als er heimgelangte, fand unwürd'gen Tod;
[Vers 435] Denn meine Mutter, argen Sinns, ermordet' ihn;
Mit trügerischem Netzgeweb' umstrickte sie
Den Gatten, und vom Bade ward der Mord bezeugt.
Und als ich heimkam, denn ich war vorher verbannt,
Erschlug ich meine Mutter (ich verleugn' es nicht),
[Vers 440] Vergalt mit Mord des vielgeliebten Vaters Tod.
Mitschuldig aber dieser That ist Lóxias,
Der Herzensqualen, Stacheln gleich, verkündete,
Wofern ich so nicht Rache nähm' am Schuldigen.
Du magst entscheiden, ob ich recht that oder nicht;
[Vers 445] Ich füge, wie er falle, mich in deinen Spruch.

Athene.

Der Handel ist zu schwierig, wenn ein Sterblicher
Ihn wähnt zu schlichten; aber mir auch ziemt es nicht,
Den Spruch zu fällen über solch ergrimmten Mord,
Zumal du meinem Hause rein und fleckenlos
[Vers 450] Nach wohlerfülltem Brauche dich als Schützling nahst
Und dich Gesühnten meine Stadt aufnimmt mit Fug.
Doch schwer hinwegzuweisen sind die Grausen auch;
Und tragen sie nicht im Gericht den Sieg davon,
Wird einst der giftige Geifer, der aus ihrer Brust
[Vers 455] Zur Erde träufelt, ewig grause Pest dem Land.
So steht's um uns hier: ob sie bleiben oder geh'n,
Für mich erwächst ein unvermeidlich großes Leid.
Doch weil die Sache hingedieh'n zu solchem Ziel,
Bestell' ich Richter über Mord, geschworene,
[Vers 460] Und diese Satzung gelte fort in alle Zeit.
Ihr aber rufet Zeugen und Beweise nun
Und Eide, Stützen eures Rechts, als Helfer auf!
Ich wähle meiner Bürger gleich die besten aus,
Wahrhaft zu schlichten diesen Streit, dem Schwure treu,
[Vers 465] Niemals zu sprechen falschen Spruch, und komme dann.

(Ab durch die Luft.)

Wechselgesang des Chores.

Erste Strophe.

Neues bricht herein und stürzt
Altes um, wenn die Schuld,
Wenn des Muttermordes Greu'l
Im Gericht siegen soll.
[Vers 470] Solch ein Sieg lockt die Menschen überall
Leicht heraus zu gleicher That!
Blutig droht von Kindeshänden
Mancher Stoß der Elternbrust
Einst im langen Lauf der Zeit.

Erste Gegenstrophe.

[Vers 475] Denn dem Frevler schleicht hinfort
Unser Groll, Menschenschuld
Spähend, nicht mehr grimmig nach;
Jeden Mord lass' ich frei.
Mancher dann, dem ein andrer übel that,
[Vers 480] Jammert hier und dort und forscht
Nach des Leides Ziel und Heilung;
Hilfe beut sich nirgendwo;
Trösten kann der Arme nicht.

Zweite Strophe.

Nun erhebe keiner mehr,
[Vers 485] Wann ihn schlug das Mißgeschick,
Solchen Ruf in schwerer Angst:
»Ha, Gericht! Heil'ge Macht, Erínnyen!«
Solch ein jammervolles Ach
Stöhnt ein Elternpaar vielleicht,
[Vers 490] Heimgesucht von neuem Leid,
Weil des Rechtes Tempel stürzt.

Zweite Gegenstrophe.

Oft ja dient die Furcht zum Heil;
Und im Herzen wohne sie
Unverrückt als treue Hut!
[Vers 495] Frommt es doch, wenn man weinend Zucht gelernt.
Aber wer, der fromme Scheu
Nicht im Busen reifen ließ,
Welcher Mensch und welche Stadt
Ehrte fürder noch das Recht?

Dritte Strophe.

[Vers 500] Nicht ein Leben schrankenlos,
Noch gedrückt von Zwanges Joch
Lobe dir!
Immer die Mitte ja krönen die Himmlischen;
Andres ordnen sie anders.
[Vers 505] Hört von mir ein treffend Wort:
Götterverachtung erzeugt sich den frevelnden Mut;
Aus der Gesundheit
Der Seele keimt allgeliebt,
Sehnlich erfleht, der Segen.

Dritte Gegenstrophe.

[Vers 510] Und für immer gilt mein Spruch:
Ehre fromm des Rechts Altar!
Tritt ihn nicht,
Lüstern nach schnödem Gewinne, mit frevelndem
Fuß; denn Strafe verfolgt dich,
[Vers 515] Deiner harrt ein würdig Ziel!
Darum verehre der Eltern geheiligtes Haupt
Jeder und achte,
Wenn seinem Haus Fremde nah'n,
Heilig das Recht des Gastes!

Vierte Strophe.

[Vers 520] Wer, so gesinnt, ohne Zwang unsträflich lebt,
Bleibt nicht ungesegnet,
Und nimmermehr stürzt er ganz in Unheil.
Doch wer in tollkühnem Trotz die Schranken sprengt
Und alles wild umrüttelt ohne Fug und Recht,
[Vers 525] Er muß wohl einst die Segel einzieh'n,
Wann sie des Sturms Gewalt erfaßt,
Dröhnend die Raaen splittern.

Vierte Gegenstrophe.

Er ruft (kein Ohr hört ihn) aus dem Wirbelstrom,
Der ihn wild umflutet.
[Vers 530] Es lacht ein Gott ob des Mannes Unmut,
Sieht ihn in Müh'n ungeahnten schweren Kampfs
Ermatten, daß er nimmermehr die Höh'n gewinnt.
Da bricht sein altes Glück in Trümmer
Endlich am Fels des Rechts, er sinkt;
[Vers 535] Keiner beklagt, vermißt ihn!

(Die Scene hat sich verwandelt und zeigt den Areópagos. Eine Anzahl athenischer Edler, von Athene geführt, nimmt auf den Sitzen Platz, die längs der Scenenwand in einer Reihe stehen: vor ihnen steht auf der einen Seite ein Altar, auf der andern ein Tisch mit Stimmgefäßen. In der Nähe des Altars steht Oréstes. Athene tritt von der Mitte aus nach vorn.)

Athene.

Verkünde, Herold, schaffe Ruh' im Volk umher!
Hellauf zum Himmel schmettre nun tyrrhénische
Drommete, tiefgeschöpfter Menschenhauche voll,
Und brause mächt'gen Schalles an der Männer Ohr!
[Vers 540] Denn weil in vollen Reihen hier der Rat erschien,
So ziemt zu schweigen, daß die ganze Stadt und ihr
Vernehmet, was ich festgestellt für alle Zeit,
Damit der Handel tadellos geschlichtet wird.

(Heroldsruf und Trompetenstoß. Apóllon erscheint und tritt an die Seite des Orestes.)

Die Chorführerin.

O Fürst Apollon, schalte, wo du Meister bist!
[Vers 545] Doch welchen Anteil hast du, sprich, an diesem Streit?

Apollon.

Ich kam zu zeugen, (denn vor meinem Thron erschien
Der Mann als Schützling, und an meinem Herde saß
Er flehend, ich entsühnte seines Mordes ihn,)
Dann selbst für ihn zu rechten. Denn ich habe schuld
[Vers 550] Am Morde seiner Mutter.

(Zu Athene.)

Du eröffne nun
Und ordne, wie du's kundig bist, des Handels Gang!

Athene.

(Zu den Erínnyen.)

Ihr habt zu reden – ich eröffne das Gericht –;
Denn durch den Kläger, der zuerst anhebt das Wort,
Wird uns die Sache nach Gebühr ins Licht gesetzt.

Chorführerin.

[Vers 555] Zwar viele sind wir; dennoch sei die Rede kurz.

(Zu Orestes.)

Antworte du nun wechselnd Wort um Wort mit uns!
Sprich erstens, ob du mordend trafst der Mutter Haupt!

Orestes.

Wohl, ich erschlug sie; leugnen mag ich dieses nicht.

Die Chorführerin.

Im ersten Ringkampf hätt' ich denn bereits gesiegt.

Orestes.

[Vers 560] Noch lieg' ich nicht am Boden, und schon prahlst du dies!

Die Chorführerin.

Doch mußt du weiter sagen, wie du sie erschlugst.

Orestes.

Vernimm: mit blankem Schwerte traf ich ihren Hals.

Die Chorführerin.

Von wem beredet thatest du's, auf wessen Rat?

Orestes.

Nach Phöbos' Schicksalsworten: er bezeugt es mir.

Die Chorführerin.

[Vers 565] Des Sehers Worte trieben dich zum Muttermord?

Orestes.

Und bis zu dieser Stunde lob' ich mein Geschick.

Die Chorführerin.

Bald wirst du anders reden, wenn der Spruch dich faßt.

Orestes.

Ich hoffe, Beistand sendet mir des Vaters Grab!

Die Chorführerin.

Hoff' auf die Toten, der die Mutter mordete!

Orestes.

[Vers 570] Zwiefacher Unthat Greuelschuld befleckte sie.

Die Chorführerin.

Wie das? Erweise dieses doch den Richtern hier!

Orestes.

Den Mann erschlug sie und erschlug den Vater mir.

Die Chorführerin.

Doch lebst du noch, sie sühnte durch den Tod die Schuld.

Orestes.

Warum denn ward sie lebend nicht verfolgt von dir?

Die Chorführerin.

[Vers 575] Kein Blutsverwandter war es, den sie tötete.

Orestes.

Ich aber bin mit meiner Mutter blutsverwandt?

Die Chorführerin.

Wie? Hat sie nicht, o Mörder, dich in ihrem Schoß
Genährt? Der Mutter teures Blut verleugnest du?

Orestes.

Nun wolle du mir zeugen, gib du mir Bescheid,
[Vers 580] Apollon, ob ich diesen Mord mit Recht verübt!
Die That ja, der ich schuldig ward, verleugn' ich nicht.
Doch ob gerecht dir oder nicht der Mord erscheint,
Entscheide, daß ich's sagen kann den Richtern hier!

Apollon.

Vor euch, Athene's großem Rat, erklär' ich's denn,
[Vers 585] So wie's gerecht ist, und ein Seher trüg' ich nicht.
Auf hohem Seherthrone sprach ich nimmermehr,
Von keinem Manne, keinem Weib und keiner Stadt,
Was nicht der Götter Vater, Zeus, mir anbefahl.
Wie viel es gelte, dieses Recht, erwäget wohl,
[Vers 590] Und lebt des Vaters Willen nach, ich sag' es euch!
Denn mehr als Zeus gilt keines Eides Heiligkeit.

Die Chorführerin.

Zeus also, sagst du, sandte dir den Seherspruch,
Oresten anzukünden, um des Vaters Tod
Zu rächen, hab' er Mutterrechte nicht zu scheu'n?

Apollon.

[Vers 595] Es ist ja nicht dasselbe, stirbt ein edler Mann,
Den Zeus' Geschenk, das königliche Scepter, schmückt,
Und gar von Weibeshänden, nicht durch ungestüm
Geschnellte Pfeile, wie von Amazónenhand:
Nein, höre, Pállas, höre du's, o Richterschar,
[Vers 600] Die diesen Streit durch ihren Ausspruch schlichten soll!
Ihn, der vom Krieg heimkehrte, da so vieles er
Ruhmreich vollendet, nimmt sie freundlich auf und reicht
Ein Bad in einer Wanne, breitet dann zuletzt
Ein weites Kleid aus und verstrickt in künstlichem,
[Vers 605] Endlosem Netze den Gemahl und mordet ihn.
So war des Mannes Untergang, wie ihr's vernahmt,
Der, allverehrt, den Seegeschwadern einst gebot:
So zeigt' ich euch die Gattin, daß die Schar ergrimmt,
Der diesen Streit zu schlichten aufgetragen ward.

Die Chorführerin.

[Vers 610] Du sagtest, schwerer achte Zeus des Vaters Mord;
Doch band er selbst den greisen Vater Krónos einst.
Steht das mit deiner Rede nicht im Widerspruch?
Darauf zu hören, ruf' ich euch als Zeugen auf.

Apollon.

Ihr allverhaßte Greuelbrut, der Götter Grau'n!
[Vers 615] Die Bande kann man lösen; da gibt's Hilfe noch,
Gar manches Mittel bietet sich zur Lösung an.
Doch wenn vergoss'nes Menschenblut die Erde trank,
Des einmal Hingestorbnen harrt kein Aufersteh'n.
Hiergegen hat mein Vater keinen Zauberspruch
[Vers 620] Erschaffen, er, der alles sonst hinauf hinab
Umschwingt im Wirbel, dessen Odem nicht erlischt.

Die Chorführerin.

Erwäge, wie du kämpfend ihn von Schuld befreist!
Der seiner Mutter blutsverwandtes Blut vergoß,
Er soll in Árgos wohnen und im Vaterhaus?
[Vers 625] Zu welchen Volksaltären darf er opfernd nah'n?
Bei welchem Festmahl seines Stamms empfängt man ihn?

Apollon.

Auch das verkünd' ich; höre, denn ich rede wahr!
Die Mutter ist dem Kinde, das sie Mutter nennt,
Nicht Quell des Lebens, sondern hegt den jungen Keim.
[Vers 630] Der Vater zeugt ihn; sie bewahrt den Sproß, ein Pfand
Vom Freund die Freundin, wenn ein Gott ihn nicht verletzt.
Ein sich'res Zeugnis geb' ich dir für dieses Wort.
Auch ohne Mutter kann man Vater sein: es steht
Als Zeuge Zeus', des Allerhöchsten, Tochter hier,
[Vers 635] Die nicht erwuchs in dunklen Mutterschoßes Nacht,
Gleichwohl ein Sproß, wie keine Gottheit ihn gebiert.
Ich aber, Pallas, werde sonst, soviel ich kann,
Den Ruhm erhöhen deiner Stadt und deines Volks
Und sandte darum diesen auch an deinen Herd,
[Vers 640] Damit er dir sich eigen geb' auf immerdar
Und du zum Kampfgenossen ihn und sein Geschlecht
Gewinnst, o Göttin, und es gelte für und für,
Daß ihre Kindeskinder treu zum Bunde steh'n!

Athene.

Und nun gebiet' ich, Richter, fällt nach eurem Sinn
[Vers 645] Gerechtes Urteil; denn gesprochen ist genug!

Die Chorführerin.

Wir drückten alle Pfeile schon vom Bogen ab;
Ich harre nun zu hören, wie gerichtet wird.

Athene.

Wie soll ich's fügen, tadellos vor euch zu sein?

Die Chorführerin.

Ihr hörtet, was ihr hörtet; nach des Herzens Sinn
[Vers 650] Fällt nun das Urteil, eurem Eid, o Freunde, treu!

Athene.

Nunmehr vernehmt die Satzung, Männer Áttika's,
Die ihr zuerst hier richtet um vergoss'nes Blut!
Es soll in Ägeus' Volke dieser hohe Rat
Der Richter auch zukünftig allezeit besteh'n,
[Vers 655] Hier auf des Áres Hügel, einst dem Lagerort
Der Amazonen, als, dem Théseus gram, ihr Heer
Zum Kampf heranzog und den hochgetürmten Bau
Der jungen Burg entgegentürmte seiner Stadt
Und Ares Opfer brachte, daß davon der Fels
[Vers 660] Und Hügel Ares' Hügel heißt. Hier waltend soll
Des Volkes Ehrfurcht und die Scheu, verschwistert ihr,
Dem Frevel wehren, nächtlich und am lichten Tag,
Wenn nicht die Bürger mein Gesetz selbst ändern einst.
Wer klare Wasserbäche durch unlautern Schlamms
[Vers 665] Zufluß verunreint, findet nie den frischen Trunk.
Den Bürgern rat' ich, keines Herrschers Machtgebot
Noch frecher Willkür zugewandt und hold zu sein,
Noch alles auszuweisen, was Ehrfurcht gebeut.
Wo wäre, der nichts fürchtet, je des Rechtes Freund?
[Vers 670] Verehrt ihr solches Heiligtum mit rechtem Sinn,
Ein festes Bollwerk eurem Land gewinnt ihr dann,
Ein sich'res Heil des Staates, wie kein Sterblicher
Nicht bei den Skýthen, noch in Pélops' Landen, hat.
Den hohen Rat denn, ungerührt von Goldesglanz,
[Vers 675] Ehrwürdig, strengen Sinnes, über Schlummernden
Wachsam, des Landes treue Hut, verordn' ich so.
Das ist die Weisung, die für alle Zeiten ich
Zurufe meinem Volke. Nun erhebet euch,
Nehmt euren Stimmstein und entscheidet diesen Streit,
[Vers 680] Getreu dem Eidschwur. Alles habt ihr nun gehört.

(Während des folgenden Wechselgespräches nehmen die Richter die Stimmsteine vom Altar und werfen sie in die Urne.)

Die Chorführerin.

Doch will ich raten, uns, den unheildrohenden
Genossen eures Landes, ja kein Leid zu thun.

Apollon.

Und ich gebiet' euch, meinen Ausspruch und des Zeus'
Ausspruch zu scheuen, daß er nicht fruchtlos verhallt.

Die Chorführerin.

(Zu Apollon.)

[Vers 685] Ganz unberufen übst du hier ein blutig Amt;
Unrein, verweilst du länger, ist dein Spruch hinfort.

Apollon.

So fehlte wohl mein Vater auch in seinem Rat,
Als er Ixíons ersten Mord entsündigte?

Die Chorführerin.

Du sagst es. Ich, erlang' ich nicht mein volles Recht,
[Vers 690] Mit schwerem Unheil kehr' ich einst ins Land zurück.

Apollon.

Doch weder bei den jüngern noch den älteren
Gottheiten ehrt man deine Macht; mein wird der Sieg.

Die Chorführerin.

In Phéres' Hause thatest du das gleiche, zwangst
Den Schicksalsmächten Leben ab für Sterbliche.

Apollon.

[Vers 695] Wär's nicht gerecht, dem Götterfreunde wohlzuthun,
Vor allem wenn er schwer bedrängt um Hilfe fleht?

Die Chorführerin.

Du stürztest, traun, der alten Urgottheiten Macht,
Du hast mit Wein die greisen Götterfrau'n berückt.

Apollon.

Bald wirst du wahrlich, wenn du nicht im Streite siegst,
[Vers 700] Den Geifer sprudeln, der die Feinde nicht verletzt.

Die Chorführerin.

Da du, so jung, mich Greisin höhnend niedertrittst,
So harr' ich, bis die Richter ihren Spruch gefällt,
Noch zweifelnd, ob ich grollen soll den Bürgern hier.

Athene.

Mir liegt die Schlußentscheidung ob in diesem Streit,
[Vers 705] Und für Orestes leg' ich diesen Stein hinzu.

(Sie nimmt einen Stimmstein, den sie in der Hand behält.)

Denn keine Mutter wurde mir, die mich gebar;
Den Männern bin ich zugewandt mit Herz und Sinn,
Nur nicht zur Ehe; denn im Vater leb' ich nur.
Drum acht' ich minder sträflich auch des Weibes Mord,
[Vers 710] Das ihn, den Mann, erschlagen, der dem Haus gebot.
Es siegt Orestes, ständen auch die Stimmen gleich.
So schüttet aus der Urne flugs die Lose nun,
Ihr Richter, denen dieses Amt geboten ist!

(Die Steine werden aus der Urne geschüttet und gezählt.)

Orestes.

O Fürst Apollon, welches Ziel gewinnt der Kampf?

Die Chorführerin.

[Vers 715] O schwarze Nacht, o meine Mutter, siehst du das?

Orestes.

Nun Tod von Henkershänden oder Leben mir!

Die Chorführerin.

Und uns Vernichtung oder Ehre fürderhin!

Apollon.

Zählt doch genau der ausgeworf'nen Steine Zahl
Und scheuet Unrecht, Freunde, bei der Sonderung!
[Vers 720] Das Fehlen einer Stimme bringt ein großes Leid;
Hervorgeschüttelt rettet oft ein Stein das Haus.

Athene.

Schuldlos erkannt ist dieser Mann im Blutgericht;
Denn gleich von beiden Seiten ist der Lose Zahl.

(Sie legt ihren Stimmstein zu den freisprechenden. Apollon entfernt sich unbemerkt.)

Orestes.

O Pallas, o, du meines Hauses Retterin!
[Vers 725] Du hast der Heimaterde mich Vertriebenen
Zurückgegeben, und in Héllas heißt es nun:
»Argéier ist er wiederum, der Mann, und wohnt
Im Vatererbe, wie's Athene's Huld gefügt
Und Phöbos' und des dritten allvollendenden
[Vers 730] Erretters«, der, von meines Vaters Los gerührt,
Mich rettet vor der Mutter Rechtsanwälten hier!
Ich kehre nun in meiner Ahnen Haus zurück
Und schwöre diesem Lande noch und deinem Volk
Für aller Zukunft unermeßlich ferne Zeit:
[Vers 735] Nie soll ein Mann, der meines Landes Steuer führt,
Mit blankem Speere feindlich zieh'n in dieses Land!
Denn ich, in Grabes Schoße dann, will jenen selbst,
Der meinen Eid mißachtet, den ich eben schwur,
Mit schwerem Unheil strafen, dem er nicht entrinnt;
[Vers 740] Unmut und Zeichen böser Art bereit' ich ihm
Auf allen Pfaden, daß des Kampfs ihn reuen soll!
Doch wird der Schwur gehalten, wird Athene's Stadt
Von ihnen stets mit bundestreuem Speer geehrt,
So werd' ich ihnen doppelt hold und gnädig sein.
[Vers 745] Nun fahre wohl, o Göttin, samt dem Volk der Stadt:
Den Feinden unentrinnbar steht im Sturm der Schlacht,
Die Freunde schirmend, eurem Speer zum Siegesruhm!

( Orestes geht ab.)

Chorgesang.

Geschlecht der neuen Götter, ha! Du tratst altes Recht
Tollkühn mit Füßen und entwand'st es meiner Hand.
[Vers 750] Und ich, beschimpft, ich Arme, schütte zornentbrannt
Auf dies Land, o Grau'n!
Schütte rachglühend hier Gift hinab aus meiner Brust;
Es strömt hin ins Land, vertilgt alle Saat,
Die Flur, o Rache!
[Vers 755] Umspinnt dürres Moos, von Laub nackt und Frucht,
Und streut des Todes Flecken durch die Gau'n umher.
Wir klagen? Was thun wir? Es höhnt uns das Volk aus.
Uns traf herbes Leid, o Grau'n! schweres Weh,
Der Nacht Töchter, uns, die schmachvoll gekränkten.

Athene.

[Vers 760] Folgt meinem Rat, ertragt es ohne schweren Groll!
Nicht überwunden seid ihr: gleiche Stimmenzahl
Entschied gerecht den Handel, ohne Schmach für euch.
Ein leuchtend Zeugnis sandte ja Zeus selbst an uns,
Und der die That geboten, er bezeugte selbst,
[Vers 765] Nicht büßen dürf' Orestes, der die That gethan.
So schüttet ihr auch eures Grolles Schwere nicht
Auf dieses Land aus, zürnet nicht, tilgt nicht die Frucht
Der Felder, Gifthauch strömend aus ergrimmter Brust,
Der grausam, scharfer Schneide gleich, die Saaten frißt.
[Vers 770] Denn ich gelob' euch heilig, daß ein Tempel euch,
Ein Heiligtum an rechter Stätte werden soll,
Wo ihr an Opferherden thront in Strahlenglanz,
Von dieses Landes Bürgern hochverherrlichet.

Chorgesang.

Geschlecht der neuen Götter, ha! Du tratst altes Recht
[Vers 775] Tollkühn mit Füßen und entwand'st es meiner Hand.
Und ich, beschimpft, ich Arme, schütte zornentbrannt
Auf dies Land, o Grau'n!
Schütte rachglühend hier Gift hinab aus meiner Brust;
Es strömt hin ins Land, vertilgt alle Saat,
[Vers 780] Die Flur, o Rache!
Umspinnt dürres Moos, von Laub nackt und Frucht,
Und streut des Todes Flecken durch die Gau'n umher.
Wir klagen? Was thun wir? Es höhnt uns das Volk aus.
Uns traf herbes Leid, o Grau'n! schweres Weh,
[Vers 785] Der Nacht Töchter, uns, die schmachvoll gekränkten.

Athene.

Niemand beschimpft euch; nicht in schwerem Grimme denn,
Göttinnen, schafft der Menschen Land zur Wildnis um!
Auf Zeus vertrau' ich – was bedarf's der Rede noch? –
Nur ich von allen Göttern weiß die Schlüssel ja
[Vers 790] Zum Hause, wo sein Wetterstrahl verschlossen ruht.
Doch dessen braucht's nicht; folge du nur meinem Rat,
Und frevlen Mundes böse Saat, aus welcher nur
Unheil emporkeimt, streue nicht auf dieses Land!
Der schwarzen Woge bittern Zorn besänftige,
[Vers 795] Du, die bei mir in hohen Ehren thronen soll!
Einst, wenn du dieses weiten Landes Erstlinge
Als Opfer um der Kinder, um der Ehen Glück
Empfängst auf immer, lobst du mich für diesen Rat.

Chorgesang.

Daß mich solches traf!
Weh!
[Vers 800] Daß ich Urgewalt, beschimpft, allverhaßt.
Unter die Erde muß!
Von Zorn wallt die Brust, von Grimm ohne Maß.
Ach, ach! Weh, weh!
Ha, welch wilder Schmerz mir die Seele durchbohrt!
Vernimm, Mutter Nacht,
[Vers 805] Den Groll! Göttertrug, unüberwindlich, hat
Das uralte Recht um nichts uns geraubt.

Athene.

Den Zorn vergeb' ich dir; die ältre bist du ja,
Wiewohl du darum keineswegs die klüg're bist.
Auch mir verlieh Kroníon nicht unweisen Sinn.
[Vers 810] Ihr aber werdet, ziehet ihr in fremdes Land,
Nach diesem Land euch sehnen, das verkünd' ich euch.
Denn stets an Ehren reicher wird die Folgezeit
Für meine Bürger werden; wenn du deinen Sitz
Einnahmst, Eréchtheus' Hause nah, wohl wirst du dann
[Vers 815] Von Männern hochgefeiert und von Frauen sein,
Wie du von andern Menschen nie gefeiert wirst.
Drum wirf in meine Gauen nicht den blutigen
Wetzstein des Haders, der das Jünglingsherz bethört,
Aufregt zu trunkner Raserei die Nüchternen.
[Vers 820] Entflamme nicht, wie grimmer Hähne Sinn, zur Wut
Der Bürger Herzen, daß der Schlachtengott sie nicht
Im eignen Stammland unter sich zum Kampf empört.
Auswärts entbrenne, nicht am eignen Herd, der Krieg,
Wo Lust nach Heldenruhme groß sich offenbart;
[Vers 825] Nach Hahnenkämpfen auf dem Hof verlang' ich nicht.
So schöne Gaben winken euch aus meiner Hand,
Wohlthuend, Wohlthat nehmend, wohl geschmückt mit Ruhm,
Anteil zu haben an dem gottgeliebten Land.

Chorgesang.

Daß mich solches traf!
Weh!
[Vers 830] Daß ich Urgewalt, beschimpft, allverhaßt,
Unter die Erde muß!
Von Zorn wallt die Brust, von Grimm ohne Maß.
Ach, ach! Weh, weh!
Ha, welch wilder Schmerz mir sie Seele durchbohrt!
Vernimm, Mutter Nacht,
[Vers 835] Den Groll! Göttertrug, unüberwindlich, hat
Das uralte Recht um nichts uns geraubt.

Athene.

Nicht müde werd' ich, rate dir zum Heile nur;
Nie sollst du sagen, du, die greise Göttin, seist
Von mir, der jüngern, und dem Volke meiner Stadt
[Vers 840] Ungastlich schmachvoll weggejagt aus diesem Land.
Nein, wenn dir Péitho's hehre Macht als heilig gilt
In meines Mundes Schmeichelton und Zauberlaut,
So bleibst du hier im Lande: doch, verschmähst du dies,
Dann wär' es Unrecht, wolltest du auf diese Stadt
[Vers 845] Groll oder Unmut wälzen und ihr Leides thun.
Dir steht ja frei, dich reichen Grundbesitzes hier
Zu freu'n, nach Würden hochverehrt in alle Zeit.

Die Chorführerin.

Athéne, Herrin, welchen Sitz bestimmst du mir?

Athene.

Der frei von allem Jammer ist. Du nimm ihn an.

Die Chorführerin.

[Vers 850] Gesetzt, ich nähm' ihn: was für Ehre bleibt mir dann?

Athene.

Nie soll ein Haus der Menschen ohne dich gedeih'n.

Die Chorführerin.

Du willst zu solcher Höhe mich der Macht erhöh'n?

Athene.

Dem, der dir huldigt, bauen wir des Glückes Haus.

Die Chorführerin.

Und bist du dessen Bürge mir für alle Zeit?

Athene.

[Vers 855] Ich kann ja nicht verheißen, was sich nicht erfüllt.

Die Chorführerin.

Dein Wort erweicht mich, glaub' ich, und mein Groll entflieht.

Athene.

So wirbst du manche Freunde wohl im Lande dir.

Die Chorführerin.

Was aber soll ich segnend diesem Land erfleh'n?

Athene.

Daß alles, was zum Ziele schönen Sieges führt,
[Vers 860] Ihm werde, was die Erde, was des Meeres Tau
Gebiert und was der Himmel; daß Windhauche frisch
Im Sonnenglanze segnend durch die Fluren zieh'n;
Daß meines Volkes Herden und Gefilde rings
In reicher Fülle wohlgedeih'n ohn' Unterlaß
[Vers 865] Und süßer Hoffnung Saaten blüh'n im Mutterschoß.
Die Frevler aber schaffe schonungslos hinaus.
Denn gleich dem treuen Gärtner mag ich's gerne seh'n,
Wenn, unversehrt von diesen, blüht der Guten Stamm.
Das sei denn deines Amtes! Ich will unverrückt
[Vers 870] In Áres' glorreichkühnem Streit mit Siegesruhm
Vor allen Menschen diese Stadt verherrlichen!

Erster Halbchor.

Erste Strophe.

Nehm' ich denn neben Pállas meinen Sitz
Und verschmähe nicht die Stadt,
Die selbst Zeus, der Herr des Alls, und Áres
[Vers 875] Als die Burg des Himmels liebt,
Als der Götter Héllas'
Tempelschirmend Ehrenbild!
Ihr verkünd' ich segnend nun,
Ihr verheiß' ich gnadenreich,
[Vers 880] Daß fröhlichsprossend Lebensglück aus reichem Born
Aufsprudle vom Erdenschoß,
Den der Sonne Glanz erschließt.

Athene.

Den Segen gewähr' ich gnädig dem Volk,
Daß hier ich im Land sie zu wohnen bewog,
[Vers 885] Die gewaltige, schwer zu versöhnende Schar.
Denn alles Geschick zu verwalten der Welt,
Fiel ihnen zum Los. Doch wen ihr Groll
Schwerlastend ereilt, nicht weiß er, woher
Ihn trafen die Schläge des Lebens.
[Vers 890] Denn die Sünde, vererbt von den Vätern, sie treibt
Ihn den Schrecklichen zu, und so laut er auch prahlt,
Stumm faßt ihn der Fluch
Und zermalmt ihn feindlichen Grimmes.

Zweiter Halbchor.

Erste Gegenstrophe.

Böser Hauch atme nie, der Bäume Feind! –
[Vers 895]  (So verheiß' ich meine Huld,) –
Sonnenglut, der Pflanzen Auge sengend,
Bleibe fern des Landes Mark!
Nimmer schleiche graunvoll
Pest heran, der Früchte Tod!
[Vers 900] Schafe, frohgedeihend, mag,
Zwillingslämmer um sie her,
Zu rechter Zeit die Erde stets erzieh'n; ihr Schoß
Sei stets durch Hérmes' Huld
Goldner Gottesgaben voll!

Athene.

[Vers 905] Habt ihr es gehört, Schirmherren der Stadt,
Welch Glück sie verleih'n?
Denn Großes vermag der Erínnyen Wort
Bei den Göttern der Höh'n und im Reiche der Nacht;
Sie schalten mit Allmacht, offen und klar,
[Vers 910] In der Menschen Geschick, dem frohen Gesang
Und dem andern ein Los
Voll düsterer Zähren bereitend.

Erster Halbchor.

Zweite Strophe.

Manneskraft welke nicht, eh' die Blüte reift zur Frucht!
Holder Mädchen Blume schenkt
[Vers 915] Bräutliches Glück und ein Los, durch Freuden gesegnet,
Ihr Erinnen, ihr Móiren,
Töchter der Nacht wie wir,
Göttliche Ordner des Rechts,
Jeglichen Hauses gedenkend,
[Vers 920] Jeglichen Tages dem Wandel
Frommer Menschen zugeneigt,
Allzeit hochverehrte Göttinnen!

Athene.

Wie bin ich entzückt, daß ihr meinem Gebiet
Dies freundlich gewährt!
[Vers 925] Wie preis' ich den Huldblick Péitho's dafür,
Die weise das Wort und den Mund mir gelenkt,
Zu gewinnen die streng abweisende Schar!
Doch gesiegt hat Zeus, der Herrscher im Rat,
Und uns bleibt stets
[Vers 930] In dem Kampf um das Gute der Siegspreis.

Zweiter Halbchor.

Zweite Gegenstrophe.

Daß, des Bluts niemals satt, Bürgeraufruhr nimmermehr
Brausend ziehe durch das Land,
Nimmer der Staub mit dem Blute der Bürger sich tränke,
Und im Zorne der Rache
[Vers 935] Gräßlicher Wechselmord
Gierig verschlinge die Stadt!
Freude nur mögen sie traulich
Tauschen in liebender Eintracht,
Auch im Hassen eines Sinns!
[Vers 940] Vielfach wehrt ja dies der Erde Not.

Athene.

So fandest du denn wohlwollend den Pfad
Friedfertigen Worts?
Aus dem furchtbaren Mund der Erínnen erblüht
Viel Segen, ich seh's, für die Bürger der Stadt,
[Vers 945] Wenn freundlichen Sinns ihr die Freundlichen stets
Hoch ehret hinfort; dann werdet ihr Land
Und Stadt allzeit
Ruhmvoll in Gerechtigkeit lenken.

Erster Halbchor.

Dritte Strophe.

Heil dir im heiteren Segen des Glückes, Heil dir!
[Vers 950] Heil dir, edles Volk der Stadt,
Das Kroníon nahe wohnt,
Seiner holden Tochter hold,
Wohlbedacht zu rechter Zeit!
Die der Pallas Flügel deckt,
[Vers 955] Diese liebt ihr Vater auch.

(Während dieses Gesanges treten auf einen Wink Athene's Priesterinnen mit brennenden Fackeln heran.)

Athene.

Heil ruf' ich auch euch! Nun muß ich zuvor
Hingeh'n, und weise die Wohnstatt euch
Bei dem festlichen Schein der Geleitenden hier.
Auf, steigt, von den heiligen Opfern umwallt,
[Vers 960] In die Tiefe hinab, und wehret vom Land,
Was Unheil bringt; was Segen verheißt,
Das sendet der Stadt zu dem Siege!
Dann führet sie selbst, ihr Bürger der Stadt
Aus Kránaos' Stamm, daß sie wohnen bei euch.
[Vers 965] Stets bleibe das Volk
Für die Freundlichen freundlichen Sinnes!

Zweiter Halbchor.

Dritte Gegenstrophe.

Heil dir und Freude, so ruf' ich von neuem, Heil dir,
Allem Volke dieser Stadt,
Göttern, sowie Sterblichen,
[Vers 970] Die ihr Pallas' Burg bewohnt!
Wenn ihr meine Nähe stets
Fromm verehrt, so scheltet ihr
Nie des Lebens Mißgeschick,

Athene.

Ich danke dir für deines Segens holdes Wort
[Vers 975] Und will im hellen Strahlenglanz der Fackeln dich
Zum finstern Haus geleiten, nach der Erde Schoß,
Samt meinen Dienerinnen, die in treuer Hut
Mein Bild bewahren. Trete denn hervor der Stolz
Des ganzen Théseuslandes, eine fromme Schar
980 Von Kindern, Frauen, und ein Zug von Greisinnen!
Von purpurheller Festgewande Schmuck umhüllt,
Verehrt der Eumeníden Macht, – dies sei hinfort
Ihr Name, – lichter Fackeln Glanz erhebe sich,
Daß diese Mitherrinnen eures Landes hold
[Vers 985] Und gnädig fortan schaffen an der Männer Glück!

( Athene mit ihren Priesterinnen steigt in die Orchestra hinab. Ihr folgen die Richter, die den Zug der Eumeniden führen, und ein zahlreiches Gefolge von Athenern und Athenerinnen.)

Die Priesterinnen.

Erste Strophe.

Wandelt ins Haus, ihr Gewaltigen, Hehren,
Greise Töchter der Nacht, in des Zugs treuem Geleite!
Bürger, feiert in Andacht still!

Erste Gegenstrophe.

Tief in der Erde verwitterten Gründen
[Vers 990] Sind euch Ehren und Opfer geweiht, flammen Gebete!
Ringsum feiert in Andacht still!

Zweite Strophe.

Gnadenreich und diesem Land gewogen
Wandelt einher, ihr Hehren, und freut euch
Hellauflodernder Fackeln im Zug!
[Vers 995] Nun schalle der Jubel zum Festlied!

Zweite Gegenstrophe.

Stets weiht Pallas' Volk bei Fackelglanz' euch
Spenden hinfort. So wollte das Schicksal,
So Zeus' allesdurchschauender Blick.
Nun schalle der Jubel zum Festlied!

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