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Die Erzählung des Werksherrn

Ernst Rauscher: Die Erzählung des Werksherrn - Kapitel 1
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authorErnst Rauscher
titleDie Erzählung des Werksherrn
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1.

»Nun sich die Gattin entfernt – Sie mögen's zu Gute ihr halten;
Aber sie ist es gewohnt, so zeitlich die Ruhe zu suchen
Noch aus den Jahren, als streng d'rauf achtend mein seliger Vater
Hier im Hause gewaltet, und reichlichen Schlafes bedarf sie –
Während ich selber des Abends nach eingenommener Mahlzeit
Meistens noch länger verweil', still Dieses und Jenes bedenkend –
Offen gestehen Sie nun, ob Sie schon des erquickenden Schlummers
Wollen genießen im Fremdengemache des oberen Stockwerks,
Oder ein Stündchen gemüthlich beim Glase noch sitzen und plaudern? –«
Also zu seinem Gaste gewendet – der fahrenden Maler
Einem, wie sie im Sommer umherzieh'n wohl im Gebirgsland
Mit Malkasten und Schirm – sprach freundlich der stattliche Werksherr.
Doch es erwiderte Jener, verbindlich den Kopf vorneigend,
Und aufstützend die Hände den Armen des gothischen Lehnstuhls:
»Ungeziemend fürwahr durchaus wär's, stört' ich die Ordnung
Dieses verehrlichen Hauses, das hold im Sturm und Gewitter
Sicheren Schutz mir geboten, ein hochwillkommenes Obdach,
Wo ich im tiefsten Gemüth mich befriedigt fühle, wie draußen
Jetzt die Natur es geworden. Das letzte Gebrumme des Donners
Ist in den Bergen verhallt, und verstummt das Getöse des Regens;
Nur das Gepoche des Hammers, begleitet vom Rauschen des Wildbachs,
Schallt herüber gedämpft, eintönig und dumpf wie ein Herzschlag.
Aber hier innen – mit welchem Behagen der wohnliche Saal mich
Groß und geräumig umfängt! Wahrhaftig! Käm' es auf mich an,
Wohl bis tief in die Nacht beim traulichen Schimmer der Hänglamp'
Sah' ich und lauschte dem sachten Geticke der mächtigen Stockuhr
Auf dem behäb'gen Kamine, indessen die Blicke betrachtend
Musterten all' die Gemälde, die wohlgeordnet in Rahmen,
Schöngeschnitzten, ringsum das Dunkel der Wände beleben.
Eines zumal ist darunter – das kleine dort – das mir beim Eintritt
Stach in die Augen sofort, anmuthig durch Stoff und Behandlung:
– Tivolis schäumende Fälle, darüber der Tempel der Vesta –
Möcht' ich doch wetten, gemalt hat's einer der tüchtigsten Meister? –«
Sprach's, mit der Hand hinweisend auf's liebliche Bildchen. Der Hausherr,
Lächelnd entgegnete er: »Nicht forschen Sie weiter! Der Meister
Längst schon ist er gestorben, will sagen: schon todt für die Kunst längst.
O, wie hätte – dieweil er noch lebte – solch' trefflichen Künstlers
Anerkennendes Wort ihn erfreut! Jetzt kann er nur lächeln.
Ja! Sie verstehen mich recht. Ich selber malte das Bildchen,
Einst – viel Jahre verflossen seitdem – als der thörichte Jüngling
Wahnverblendet noch meinte, er sei der Erkorenen Einer,
Welche die Mitwelt rühmt und bewundernd preiset die Nachwelt.
Holder, entzückender Traum, geträumt im Lande der Schönheit!
Grausam bitt'res Erwachen! – Doch dieses sind alte Geschichten. –
Stoßen Sie an! Hoch lebe die farbige Kunst, und es lebe,
Wer sich, wie Sie, ihr gänzlich ergab, und mit Freuden sie ausübt!« –
– Schnell den gefüllten Pokal erhob nun der Maler – wie Purpur
Glänzte darinnen der Wein – und that anklingend Bescheid so:
»Ja! Hoch lebe die Kunst, die in des entlegensten Bergthals
Felsiger Einsamkeit, mit farbigem Reize die Wohnung
Ausschmückt heiter und schön, zum Erstaunen dem nahenden Fremdling!
Hätt' ich doch nimmer vermuthet, in diesem verborgenen Waldschloß
Werd' ein Genosse der Kunst, der ich selbst mich geweiht, mir begegnen!« –
»Nein! Der bin ich mit nichten, anmaß' ich mir nimmer den Titel,
Weil Ein Bildchen vielleicht im feurigen Drange der Jugend
Mir zur günstigen Stunde gelungen« – versetzte der Werksherr,
Und in erhobenem Ton fortfuhr er entschieden zu sprechen:
»Wohl zu beneiden ist, dem Natur ein starkes Talent gab,
Schönes zu bilden, sich selber zur Lust, zum Genusse den Andern,
Ferner ein Herz, ein starkes, dazu, welches Tadel und Beifall
Unerschütterlich trägt, und der Menschen wechselnde Meinung!
Fest, niewankenden Schritt's, beglückt von Erfolg zu Erfolg fort
Wandelt er muthig die Bahn, und erringt sich dauernden Nachruhm.
Aber wer zärtlich gesinnt und empfindlich, und mäßig begabt nur
Läßt sich in's Weite verlocken von schmeichelnden Stimmen – gar bald, ach!
Sieht er sich bitter enttäuscht: Mißtrauen und Zweifel und Argwohn
Fallen ihn an, und zehren allmälig sein ganzes Talent auf.
Heil ihm, hält das Geschick bereit eine Stätte der Zuflucht,
Wo er sich wiederfindet, fortan im beschränkteren Kreise
Thätig zu sein, und mit Ehren den Platz in der Welt zu behaupten!
Haben ein treues Gemüth ihm überdies gnädige Götter
Aufbewahret daheim, deß innige Liebe Ersatz ihm
Beut für manches Entsagen und manche gescheiterte Hoffnung –
Nun – so mag er zuletzt als zufriedener Mann der Verirrung
Früherer Tage sich ruhig erinnern und danken dem Schicksal,
Das ihn zum Ziele geführt, zum gemäßen, auf mancherlei Umweg!« –
– »Richtig bedünkt mich dies Alles gesprochen, wenngleich es mir freilich
Nimmer geziemt, Herr, näher zu forschen, wiefern es Bezug hat
Auf Ihr eigenes Leben, und Ihre besond're Erfahrung!«
Also der Maler, und weiter sodann nach kurzem Besinnen:
»Aber es scheint mir beinah', als deutete es nach dem Lande,
Nach dem »gelobten« der Kunst – nach dem einzigen, gold'nen Italien.
Das wohl Keiner vergißt, der es einmal geschaut, und wohin ich
Wieder zu pilgern gerad' im Begriff. – Sein entzückender Himmel,
Also er lachte auch Ihnen? Fürwahr! – wofern ich nicht bangte,
Ihnen im Geiste vielleicht ein unliebsames Erlebniß
Wachzurufen – begierig zu wissen wär' ich, mit welchem
Zauber auch Ihnen den Sinn die Sirene der Länder umstrickt hat?
Denn wer hörte nicht gern auch And're erzählen von Dingen,
Die ihm selber ans Herz gewachsen!« –

– »Und ach! wer beschwöre
Gerne die Zeit nicht zurück, nicht die Tage der blühenden Jugend!
Ob er auch vorwurfsfrei nicht ihrer gedenke! – Wohlan denn!
Lebhaft bin ich erregt, und wer weiß, wann wieder der Zufall
Mir einen Hörer bescheert, der bestimmt wär' mit solchem Verständniß
»Vom verlorenen Sohne« – die alte Geschichte zu hören! –
Aber – ich sag' es voraus – erwarten Sie nicht, von durchschwelgten
Nächten, von tollen Gelagen, von Dirnen und Spiel zu vernehmen!
Nein! Dergleichen ist nichts in meiner Geschichte, und Vielen
Mag sie gewöhnlich erscheinen – vielleicht auch Ihnen erscheint sie's. –
Frei dann heraus es gesagt! – Ich möchte den Gast nicht beschweren,
Sachen berichtend, auf die er nur schwach, mit gezwungenem Antheil
Horchte, statt ihn zu erfreu'n, wie's die Pflicht heißt jeglichem Hauswirth!« –
Stumm zunickte der Künstler, gespannt austauschend, als nunmehr
Jener, zurück sich lehnend, gemach anhub zu erzählen:

»Wo ich Sie heute getroffen, vertieft in die emsigste Arbeit,
Als mit Macht das Gewitter, das lang schon drohte, heraufzog
Auf der gesattelten Höh' – dort saß ich selber des Morgens
Einst mit Palette und Pinsel, im reizenden Lenze des Lebens.
Frühling war es noch kaum, im Schatten des Fichtengedickichts
Lag noch Schnee, Anemone und Primel erhoben erst schüchtern
Hüben und drüben die Köpfchen, umflossen vom sonnigen Lichtblau
Glitzerten fernherüber die silbernen Spitzen der Alpen.
Einsam saß ich und malte; doch wollte die Skizze nicht vorwärts.
Übellaunig, zerstreut, und peinlich vom innern Zwiespalt
War ich zur Stunde bedrängt. Kurz vorher hatte beim Frühstück
Trocken der Vater verkündigt in seiner gemessenen Weise,
Daß ich die Hochschul, nimmer bezieh'n soll; nein! – in der Heimat
Bleiben fortan, um von ihm unterwiesen, mich für die Gewerkschaft
Praktisch zu bilden, der einst selbstständig als einziger Erbe
Vorzusteh'n ich bestimmt. Schwer traf mich dies Wort, wie ein Blitzschlag.
Zwar nichts sprach ich dagegen; doch wieder und wieder bedacht' ich's
Hier in der Stille des Wald's, und erwog ich mein künftiges Dasein,
Ach! so erschien mir der Graben zu Füßen ein enges Gefängniß,
D'rin sie verschmachten mir sollte die freiheitbedürftige Seele.
Siehe! – Da lag er in mäßiger Tiefe, darüberhin qualmte
Schwärzlichen Rauches Gewölke, und deutlicher bald, bald gedämpfer
Scholl der Maschinen Gepolter herauf im ermüdenden Gleichtakt.
Bang abwandt' ich mich schaudernd –; es schwangen sich meine Gedanken
Weitweg über das Land nach des Reichs volkswimmelnder Hauptstadt
Wogend von Leben und Lust, allwo man im edelsten Wettstreit
Ringt um die Palme auf jedem Gebiet, auf jenem zumal auch,
Das mir als höchstes gegolten, der Malkunst, der ich mit Eifer
Pflag in der Akademie, – versäumend Physik und Mechanik –
Liebenden Freunden vereint, gleichstrebenden. Einem vor Allen
War ich vertraulich gewogen, auch er nicht weniger herzlich
Mir, dem Jüngern geneigt. Weitaus vor den andern befähigt
Er war's, welcher zuerst anfachte den schlafenden Funken
Mir in der Brust, und zuerst mir die tastenden Schritte geleitet.
Seiner nun mußt' ich gedenken, gedenken beglückender Stunden,
Jüngst noch genossener, da in phantastischen Plänen der Zukunft
Schwelgend, hesperische Träume wir spannen: in Rafaels Heimat
Froh uns die Stirne zu kränzen mit unverwelklichem Lorbeer!
Ob er mich völlig vergessen? – Er hatte in allen den Wochen,
Die ich, vom Vater berufen, zu Hause schon weilte, kein Wörtchen
Mir noch als Kunde gesandt. – So besser für mich, den Geschied'nen!
Sollt' ich doch nimmer zur Stadt, um, dem trauten Gefährten verbrüdert,
Auszuüben, wozu natürlicher Drang und Bedürfniß
Unwiderstehlich mich trieb, nein! als ein lebendig Begrab'ner
Hier im Gewinkel verkommen des kleinen, verschollenen Berglands,
Und mich um Dinge bemühen, die nichtig mir däuchten und werthlos!
Horch! Da erklingt's hinter mir von Schritten, als klömme ein Wand'rer
Rüstig die Lehne hinan, aufspring' ich, Palette und Pinsel
Laß' ich entsinken vor freudigem Schreck: »Du – Heinrich! Ist's möglich?«
»Ja! Freund Rudolf – ich selbst!« – Schon liegen wir uns in den Armen.
Aber nachdem sich das Staunen gelegt, und der ersten Begrüßung
Stürmischer Taumel, befragt' ich ihn hastig, wohin er den Ausflug
Richte so zeitlich im Jahr? – denn schwerlich bewog ihn die Absicht
Mich zu besuchen allein: ihn einzuladen mit Nachdruck
Niemals hatt' ich's gewagt – zu wohl war des Vaters Gesinnung
Gegen den Stand mir bekannt, den Heinrich erkoren –; doch dieser
Streichend sein blondes Gelock gab heiteren Muthes zur Antwort:
»Wie Du hier mich erblickest, gerüstet mit Stock und mit Ränzel,
Bin ich ein Göttergeliebter, der nach den Gefilden, die jenseits
Blühen der Alpen, – wohin mich, Du weißt es, ein brennend Verlangen
Zieht seit Jahren bereits – antrat die geheiligte Wallfahrt.
Wahrlich! behagt es mir dort, und verdien' ich genug, um zu leben.
Bleibend lass' ich mich nieder vielleicht, und das frostige Deutschland
Sieht mich nicht mehr, wo das Herz einfriert und die Sinne verhungern,
Schmachtend nach Farbe und Licht. D'rum auf! nach dem sonnigen Süden!
Schnüre Dein Bündel auch Du, und ergreife den günstigen Anlaß!
Schau'! den Weg erwählt' ich mir eigens – ob alle nach Rom auch
Führen. – So zeig' Dich erkenntlich dafür! Freund, weig're die Herberg'
Heute mir nimmer! und morgen dann fröhlich zusammen in's Weite!« –
»Glücklicher Du!« ausrief ich mit Seufzen – »dem inneren Antrieb
Einzig nur brauchst Du zu folgen, und frei, wohin Dich die Sehnsucht
Lockt, die gewaltige, zieh'n, Dein eigener Herr und Gebieter!
Glücklicher! – Wenn es von mir abhinge, besänn ich mich lang nicht:
Heute, noch diesen Moment aufbräch' ich mit Dir nach Italien!
Aber ich bin ja gehemmt und gebunden. O Lieber! Du weißt ja –
– Sprach ich auch selten davon – wie ungern der zürnende Vater
Ließ mich gewähren solang. Ach! keinesfalls möcht' es gelingen,
Ihn zu bereden. Seither ist's schlimmer und schlimmer geworden!« –
»Ewig die gleiche Geschichte!« – erwiderte Heinrich mit Unmuth;
»Ewig die gleiche Geschichte, daß ängstlich der Weise des Vaters
Soll sich bequemen der Sohn, und Kind soll bleiben, wann längst er
Mündig geworden erfuhr, was zumeist ihm nütze und fromme!
Wie? Dein schönes Talent, hinwelken soll es, verderben
Hier in der Enge des Lebens – als wär' es ein schädliches Unkraut –
Ferne von Sonne und Luft, nun, da es ersprießlich erst anfängt,
Sich zu entfalten? – Du sollst einschrumpfen zum trock'nen Geschäftsmann? –
Nein! das verhüte der Himmel! das wäre ja Sünde und Schande!« –
Also der Freund sich ereifernd. Wir hatten indessen den Pfad sacht
Niederzusteigen begonnen, der vielgewunden und steil sich
Senkt von der Höhe zu Thal. Bald schritten wir unten das milde
Schäumende Wasser entlang, auf der breiteren, ebenen Straße
Nebeneinander dahin, austauschend bequemer die Reden.
Heinrich, vergnügt und voller Vertrauen, es werde am Ende
Alles nach Wunsch noch geh'n; ich bang und besorgt im Geheimen
Ob des Empfanges zunächst, der im Vaterhause dem Freunde
Werde bereitet werden. – Geschmiegt an den waldigen Abhang
Siehe! da lag es bereits, wir traten zusammen durch's Thor ein.

Schweigen und Zwang nur herrschte am Tisch, an dem wir zu Mittag
Waren versammelt, nicht fröhliche Laune, kein munteres Scherzwort
Würzte die Speisen des Mahls, die verschlossene Miene des Hausherrn
Lähmte uns Allen die Zunge. Mit niedergeschlagenen Augen
Dasaß Bertha, mein Mühmchen, befangen, und Heinrich, der arglos
Plauderte noch im Beginn – auch er verstummte verschüchtert,
Als er gewahrte zuletzt, welch drückender Geist in der Luft lag.
Aber mir schlug unbändig das Herz, kaum trug ich's – am liebsten
Wär' ich vom Sessel gesprungen sogleich, und in's Freie gelaufen.
Endlich – dem Himmel gedankt! – war zu Ende die traurige Mahlzeit,
Und wir erhoben uns rasch, und verließen das Zimmer. – Da winkte
Mir mit dem Finger der Vater bedeutend, voraus durch den Hofraum
Ging er, die Hand' auf dem Rücken – es war so seine Gewohnheit –
Nach der Kastanienallee, die den Park mit der Straße verbindet.
Zaudernd nur folgte ich ihm, unlustig, mir ahnte nichts Gutes –
Aber nun blieb er steh'n und tiefaufathmend, als hätt' er
Lange zu reden im Sinn, anhub er gelassen: »O Rudolf!
Redlich – weiß Gott! – waren immer bemüht, wir, ich und die Mutter
– Weil sie noch lebte – aus Dir einen tüchtigen Menschen zu machen.
Welcher mit Nutzen dereinst vorstünde dem Werk, und betriebsam
Mehrte den schönen Besitz, den die fleißigen Ahnen geschaffen,
Leider, so scheint es, vergebens! – Denn freilich die beste Erziehung.
Nimmer zu schützen vermöchte sie Dich vor dem schädlichen Einfluß
Jener, die thöricht gesinnt, leichtlebig, vom richtigen Wege
Dich in die Irre verleiten.« – »Nicht weiter! Verzeihe!« – Entschieden
Fiel ich dem Vater in's Wort – »Verrätherisch wär' es und schmachvoll.
Wenn ich den Freund nicht vertheidigte, welcher zur Stunde als Gast weilt
Hier, unter unserem Dach! – Auf ihn ja zielst Du. – So wisse:
Ehrlich ist er und brav, und getreuester, herzlichster Freundschaft
Würdig in jedem Betracht, auch wird sein Name mit Achtung
Längst allerorten genannt, wo künstlerisch Wollen und Können
Höchlich den Menschen empfiehlt, und bei mehr als einer Bewerbung
Ward sein Talent mit dem Preise gekrönt!« – So sprach ich mit Wärme.
Aber der Vater darauf, ungläubig lächelnd: »Talent? – Ja!
Jeder vermeint es zu haben, und Wenige haben's in Wahrheit.
Künstlerisch Können? Ei! laßt mich zufrieden; – zu arg ist der Unfug.
Welcher damit wird getrieben, zu überschwänglich die Anzahl
Derer, die heutzutag' von den Musen sich dünken begnadet,
Eitel sich selbst überschätzend! – Und steht Dir als warnendes Beispiel
Nicht Dein Onkel vor Augen, verkommen in Mangel und Elend?
Er, der jung sich vermaß, hellprangend am Himmel der Tonkunst
Aufzugehen als neues Gestirn! O hätte der Aermste
Besser sein Inn'res geprüft, und statt dem Phantom der Berühmtheit
Nachzujagen, bescheiden verwaltet sein väterlich Erbtheil:
Seßhaft auf eigener Scholle, ein taugliches Glied der Gesellschaft,
Glücklich lebt' er annoch und geehrt im gemächlichen Wohlstand –
Ach! und sein einziges Kind, die bedauernswürdige Bertha
Wäre vermöglich wie Du!« –

            »Und winkten die Schätze der Welt mir –
Gerne Verzicht' ich auf sie, wofern ich sie mit der Verleugnung
Sollte erkaufen des eigensten Selbst, und entsagen der Laufbahn,
Die mir Natur anweist und die angeborne Begabung!« –
Also rief ich, entschlossen, vom Herzen zu wälzen mit Einmal,
Was ich zu lang schon getragen; der Vater jedoch unterbrach mich
gleich im Beginne und sagte in seiner gemessenen Weise:
»Müßige Worte genug! Frei stehet die Wahl Dir; doch Eines
Geb' ich Dir noch zu bedenken, mein Sohn, überleg' es Dir weislich!
Wenn Du auf Deinem Sinne beharrst, und mehr Dir des Freundes
Urtheil gilt, als der Wunsch' und entschiedene Wille des Vaters,
Ganz dann sei auf Dich selber gestellt, sei jeglichen Rückhalts
Fürder von unserer Seite beraubt – solange Du trotzest!« –
Sprach's und ließ mich alleine, zur Beute dem wogenden Aufruhr
Meiner Gefühle. Ich warf auf die Bank mich, bedeckte das Antlitz
Mir mit den Händen, und sank nichtsdenkend in düsteres Brüten.
Plötzlich erweckte mich sachte ein Schlag auf die Schulter: vor mir stand
Heinrich, gerüstet mit Ränzel und Stock, theilnehmend begann er?
»Lebe denn wohl! O hätt' ich geahnt, ich könnte der Anlaß
Solchen Verdrusses Dir werden – ich wäre sofort nach dem Grenzmarkt
Aufgebrochen, – zwei Stunden ja liegt er entfernt nur, und wenn ich
Wacker marschire –«

            »Du willst mich verlassen in dieser Bedrängniß?
Einziger, der mich versteht!« – ausrief ich erschrocken, und Heinrich:
»Gerne bis morgen ja wär' ich geblieben: doch ist es unmöglich!
Wie mich Dein Vater .... genug! Du begreifest, verweilt' ich noch länger –
Schwerlich vermöcht' ich gelassen zu bleiben, so sehr ich den Frieden
Liebe, und nichts mir verhaßter, als heftige Scenen. Um Dein'thalb
Thät' es mir leid, wahrhaftig! und Bertha's. Ein herrliches Mädchen!
Gut und verständig, und wie sie Dich liebt! Wohl merkt' ich es deutlich,
– War sie es auch zu verbergen bemüht – als vorhin im Garten
Wir uns von Dir unterhielten. Ich lasse noch einmal sie grüßen.
Aber nun wirklich Ade! Rasch bricht im Gebirge die Nacht ein,
Wann sich die Sone geneigt. Sieh! niedergestiegen schon ist sie
Hinter den waldigen Kamm! Lebwohl! – und ein Weit'res aus Wälschland!«
Sprach es, umarmte mich flüchtig, und durch die Allee auf den Fahrweg
Schritt er hinaus, alsbald um die Ecke verschwand er – ich staunte
Thränenden Blick's ihm nach, dann rafft' ich mich auf, und von tausend
Zweifeln gepeinigt, mit fieberndem Kopf, wie in Träumen des Irrsinns
Wahllos lief ich umher auf den Wegen des Parkes. Zum Lusthaus
War ich so endlich gekommen, das hinter dem Schloß auf dem höchsten
Punkte des Hügels erbaut. Gar schön ist von oben die Aussicht,
Abends zumal; doch jetzo war's freilich zu dunkel, schon sah man
Röthliche Funken in Garben entsprühen den Essen des Schmelzwerks,
Und aus den Fenstern hervor schon glänzen manch trauliches Lichtlein
Da und dort am Gehäng, wo die Häuser der Hüttler verstreut sind.
»O zu Beneidende, die Ihr des schlicht-einförmigen Daseins
Klarumschriebenen Kreis ausfüllt, und nimmer den Stürmen
Werdet ein Raub, wie mich sie durchtoben! – Beim Himmel! Ein Ende
Mach' ich der Qual noch zur Stunde, und bringe zur Reife mein Schicksal–
Werde was wolle daraus!« – Ein jäher, verzweifelter Vorsatz
Zuckte mir durch das Gemüth, Kraft fühlt' ich zum Aeußersten. »Fliehe!«
Rief es in mir – »und zerreiße auf immer die Fesseln der Heimat!«
Aber ein heftig Verlangen erfaßte mich, früher noch einmal
Bertha zu sehen, und rasch durch's Gehölze hinunter den Fußsteig
Sprang ich zum Ofen, darinnen das Erz wird geschmolzen – da pflegte
Meist sie des Abends zu weilen und zuzuschauen dem Abstich. –
Richtig verweilte sie heute auch dort auf niedrigem Bänklein
Unter dem hohen Gewölb' – so lieblich erschien sie noch nie mir!
Wie sie so still dadaß bei den schwitzenden, rußigen Männern,
Die im Geschnaube der Flammen hantirten mit Stangen und Zangen,
Schien sie ein Engelsgebilde, der Hölle zum Troste gesendet!
Aber nun sah sie mich stehen am Thor der cyklopischen Werkstatt,
Und schnell kam sie heraus auf den freieren Platz vor der Hütte,
Wo das gedämpftere Lärmen ein leiseres Wort nicht verwehrte.
»Rudolf« – sprach sie – »Du bist es, allein? So verließ er uns wirklich?«
»Sollte er warten vielleicht, bis er ärgeren Schimpf noch erlebte?«
Bitter versetzte ich d'rauf; doch begütigend sagte das Mädchen:
»Nimmer so schlimm ja war es gemeint. O habe doch Nachsicht!
Alt ist der Vater bereits – und bedenke! gar mancherlei Sorgen
Lasten auf ihm, er däuchte mir heute gebeugter als jemals.
Daß er den Freund Dir gekränkt – o wüßtest Du, wie es mir leid thut!
Er auch bedauert's im Stillen gewiß – das kannst Du mir glauben.
Gleichwohl habe Geduld! und wenn er Dich morgen in's Bergwerk
Will mitnehmen, so mach' ihm die Freude, und zeige Dich willig!« –
– Ach! schon sah ich im Geiste mich durch die beklemmende Dumpfheit
Düsterer Stollen geschleppt und hinuntergesenkt in der Schächte
Lebenerstickende Gruft: mir stockte der Athem, und krampfhaft
Zog sich zusammen das Herz. Abbrechend dem Mädchen zur Antwort
Gab ich – ich weiß nicht was – und fort schier ohne Besinnung
Stürzt' ich die Straße entlang, die vor Kurzem erst Heinrich gewandert,
Ohne mich umzuseh'n, blind stürmt' ich dahin durch die Lenznacht. –

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