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Die ersehnte Stunde

Emma Merk: Die ersehnte Stunde - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
seriesBibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1900
volumeErster Band
titleDie ersehnte Stunde
authorEmma Merk
senderKnoll AG
firstpub1900
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Die ersehnte Stunde

Novelle von

Emma Merk

Auf einer Bank am Schluchtenweg, ganz nahe bei dem Kärntner Dörfchen Mallnitz, saß ein junges Mädchen völlig versunken in einen Brief. Es stand im Grunde nicht viel auf dem Blatt, das sie in der Hand hielt. Allerdings, der gelbe Bogen war voll geschrieben, aber mit so großen Buchstaben, in so mächtigen Zügen, daß sich rasch eine Seite füllte. Sie aber konnte immer wieder, wenn sie zum Schlusse gekommen war und eine Weile lächelnd vor sich hin geträumt hatte, bei den ersten Worten von vorne anfangen: »Meine liebe, schöne Heddy!«

Es war wunderbar kühl in dem stillen Winkel, in dem sie ihren Brief genoß. Nur über die hohen Tannen sah man den heißen Sommerhimmel hereinblinzeln. Um sie her wildes Felsgewirr, von feuchtem Moos, üppigen Farnbüscheln und großen Huflattichblättern überwuchert; aufeinander getürmte Steinbrocken, zwischen denen noch da und dort ein Fichtenbäumchen aufsproßte, aber auch manch alter, niedergestürzte Baum vermoderte. Mit rasender Wucht schoß der Bergbach talabwärts, in gischtschäumenden Fällen über die Steinblöcke weg, die grüne Wildnis mit seinem Rauschen erfüllend.

Heddy lauschte diesen Urweltslauten in freudigem Entzücken und vertiefte sich wieder in ihren Brief, den sie längst hätte auswendig hersagen können. Aus den Zeilen sprach auch eine wilde, trotzige Kraft, die ihr förmlich in Einklang schien mit der gewaltigen Natur um sie her; eine Kraft, die sie bewunderte, die sie liebte, von der sie sich gerne hätte forttragen lassen in unbekannte Fernen.

»Du lieber Wilder!« sagte sie einmal laut vor sich hin, in einem Wonnegefühl, hier, wo das Rauschen jeden Ton verschlang, ihr Geheimnis hinausrufen zu dürfen in die große Einsamkeit. Ganz scheu, nach einem forschenden Blick, ob sie auch wirklich ganz allein sei, fügte sie hinzu: »Geliebter Hermann!«

Geschrieben hatte sie ihm wohl das süße Wort. Wenn sie es ihm endlich, endlich sagen dürfte! Wie lang, wie endlos lang sie sich nicht mehr gesehen hatten! Hermann war ihr Vetter, und da sie früh die Eltern verloren und im Hause ihrer Tante eine Zuflucht gefunden hatte, so erzählten ihre ersten Kindererinnerungen ihr schon von dem großen Jungen, der sie geneckt und gequält und den sie trotzdem als lustigen Spielkameraden geliebt hatte. Später war Hermann nur wenig zu Hause gewesen. Seine Mutter, die Witwe geworden, vermochte den kraftvollen Trotzkopf nicht zu bändigen und mußte es der Schule überlassen, ihn Gehorsam zu lehren. Wenn er in den Ferien sich einfand, kümmerte er sich wenig um das kleine Ding, das schüchtern neben seiner Mutter herlief und ihn anstaunte, ob er nun lateinische Brocken hinwarf, Gelehrsamkeit auskramte oder seine Meisterschaft im Turnen oder Schwimmen zeigte.

Aber als er dann als Erwachsener, als Zwanzigjähriger dem herangeblühten Mädchen von sechzehn Jahren gegenüber stand, da war's anders geworden. Überrascht, entzückt hatte er sie angestarrt und dann mit seiner lauten Stimme gerufen: »Heddy, du mußt meine Frau werden, du und keine andere!«

Wie stolz sie gewesen war auf seine Bewunderung! Wer unter allen jungen Männern konnte sich mit ihm vergleichen? Er überragte schon jeden um Haupteslänge, und so kühn und gebietend blitzten seine blauen Augen in die Welt, daß unwillkürlich alle sich ihm unterordneten.

Feierlich verlobt hatten sie sich damals noch nicht. Die Mutter Hermanns wußte nicht, daß sie sich gut waren. Aber wenn sie allein blieben, dann flüsterte er ihr wohl leidenschaftlich zu: »Hüte dich, an einem anderen Gefallen zu finden! Ich schieße ihn nieder, wahrhaftig, das tue ich.«

Sein drohendes Stirnrunzeln, seine herrische Kopfbewegung hatten ihr ein wonniges Gruseln hervorgerufen.

Und zuweilen, bei einem gleichgültigen Anlaß, sagte er: »Wenn du meine Frau bist, darfst du nie Lila oder Braun tragen. Diese Farben hasse ich.« Oder: »Wenn du meine Frau bist, kaufen wir uns ein Tandem.« – Einmal hatte er auch bekannt: »Ich bin noch zu jung zum heiraten, weißt du. Ein Mann muß erst ein wenig austoben.«

Aber wenn sie auch nicht seinen Ring am Finger trug, sie glaubte felsenfest an ihn, und die lange, lange Trennung, die auf jene kurzen, schönen Sommertage folgte, verklärte nur sein Bild in ihrem Herzen, steigerte ihr Sehnen nach der seligen Zukunft an seiner Seite. Tief verschlossen trug sie ihr süßes Liebesgeheimnis, zufrieden wartete sie in stiller Treue, bis er »ausgetobt« hatte.

Hermann war auf Reisen gegangen, nach England, Frankreich und Italien, um die dortigen großen Geschäftsbetriebe kennen zu lernen, ehe er die Fabrik seines verstorbenen Vaters übernahm.

Aber nun mußte bald der herrliche Tag kommen, an dem er sie vor aller Welt seine Braut nannte. Er war zurückgekehrt. Er war feierlich von sämtlichen Angestellten und Arbeitern als Prinzipal begrüßt worden. Ein unseliger Zufall hatte ein Wiedersehen zwischen ihnen jedoch vereitelt. Heddy war mit einer Freundin der Tante am Gardasee gewesen, während der Geliebte, früher als sie erwartet, heimgekehrt war. Sie hatte die kränkliche Dame unmöglich verlassen können, so mächtig es sie auch fortzog aus der sonnigen Bläue des Südens. Und nun saß die Tante, die in Franzensfeste mit ihr zusammengetroffen war, seit Wochen hier in dem stillen Kärntner Dorfe, und sie wußte, daß Hermann gar nicht fern von hier auf den höchsten Bergen herumkletterte, und verging vor Ungeduld, ihn zu sehen, vor Sehnsucht, ihn auf seinen kühnen Wegen zu begleiten. Er war einer der waghalsigsten Touristen. Aber sie war fest überzeugt, daß an seiner Seite kein Schwindel sie packen, keine Gefahr sie erschrecken würde.

Auf dem schmalsten Grad wollte sie ihm folgen, über Gletscherspalten, am dräuenden Abgrunde hin. Droben, auf der Spitze, sollte er ihr dann sagen: »Brav, Heddy, du hast wirklich Schneid!« Wie sie dann beide in die Welt hinunterjauchzen könnten in stolzem Siegesgefühl! –

Schritte erklangen in ihrer Nähe. Sie steckte rasch ihren Brief in die Tasche und sah mit ziemlich ungnädiger Miene dem jungen Mann entgegen, der aus dem Tannendunkel heraustrat und sie mit aufleuchtendem Gesichte grüßte.

»Grüß Gott, Fräulein Kramer.«

»Guten Tag, Herr Doktor.«

»Hier also ist Ihr Versteck, gnädiges Fräulein?« sagte Doktor Kronau, neben ihr Platz nehmend. »Ihre Tante sitzt unter dem Lindenbaum auf der großen Wiese ganz allein.«

Sie meinte einen kleinen Vorwurf aus seinen Worten über ihre Vorliebe herauszuhören, sich in die Einsamkeit zu vergraben, denn sie sagte abwehrend: »O, Tante Klara liebt die Sonne. Ich mag nicht ewig diese Dorfidylle bewundern. Mir gefällt diese düstere Stimmung hier.«

Seine Augen hingen so bewundernd an ihrem jungen Gesicht, daß er einen Moment völlig vergaß, zu sprechen. Sie hatte große, edelgeschnittene Züge, und ihre Haut war von einer seltenen Zartheit und rosigen Färbung bei den dunklen Augen und dem glänzendschwarzen Haar. Wie sich das so tief in die niedere, weiße Stirne schmiegt und in flachen Scheiteln den schöngeformten Kopf umhüllt! Und dieser ernste Mund, die weichgerundete, schlanke Wangenlinie! Ihre Schönheit packte ihn und überraschte ihn immer wieder wie an dem ersten Tage, da er nach einsamer Wanderung in das weltentlegene Dörfchen gekommen war und plötzlich auf der sonnendurchflimmerten Veranda das wunderschöne Mädchengesicht erblickt hatte.

Bei dem in Mallnitz herrschenden gemütlichen Verkehr der Sommerfrischler war es ihm nicht schwer geworden, sich Frau v. Werfen, der Tante des Fräuleins, zu nähern und mit den beiden Damen bald auf ganz vertraulichem Fuße zu verkehren. Es hatte ihn ungemein gereizt, Heddys Wesen zu ergründen, das ihm voll von Widersprüchen schien, aus dem er nicht recht klug zu werden vermochte. Die herben Ansichten, die sie zuweilen äußerte, die kühle Ablehnung, die sie gegen sein warmes Interesse, ja selbst gegen die zärtliche Fürsorge ihrer Tante an den Tag legte, paßten so wenig zu dem schwärmerischen Ausdruck ihrer Augen, daß er wohl fühlte, ihr Wesen müsse von einem fremden Einflusse beherrscht werden und ein heimliches Sehnen ihre Gedanken ablenken, ihr diese frostige Gleichgültigkeit für ihre Umgebung einflößen. Er wollte die grausame Gewißheit nicht haben, daß sie einen anderen liebe; er fürchtete sich vor dieser Entdeckung, denn er mußte an sich selbst erfahren, wie gefährlich es ist, an einem Wesen mit rosigen Wangen und leuchtenden Glutaugen Seelenstudien anzustellen.

Er war zum erstenmal ernstlich verliebt. Mit einem schweren Seufzer gestand er sich das ein. Bisher hatte er so rastlos gearbeitet, sich mit so unermüdlichen Eifer in seine Wissenschaft vertieft, daß ihm wenig Zeit übriggeblieben war für Liebesabenteuer. Und nun, da er endlich am Ziele stand, da er mit sechsundzwanzig Jahren als Privatdozent der Botanik an der Münchener Universität lebhaft besuchte Vorlesungen hielt und die Aussicht hatte, bald Professor zu werden, nun, da er sich einmal ausruhen wollte, mußte sein Herz ihm diesen Streich spielen und ihn mit solcher Gewalt in eine hoffnungslose Neigung verstricken.

Wenn ihr schönes ernstes Gesicht ihn nur nicht so abgeschreckt hätte! Aber dem gegenüber fand er nie ein vertrauliches Wort.

»Ihr Wohlgefallen an dieser kalten Hochgebirgsnatur hat etwas Überraschendes für mich, gnädiges Fräulein,« sagte er nach einer Weile. »Sie machen einen so südlichen Eindruck, daß man denken sollte, Sie müßten sich immerfort sehnen nach dem blauen Meer, nach einer farbenprächtigen italienischen Landschaft. Wenn Ihre dunklen Augen zuweilen so verträumt in die Ferne schauen, dann fallen mir die schönen Worte der Iphigenie ein: ›Das Land der Griechen mit der Seele suchend.‹«

Sie lächelte, unwillkürlich geschmeichelt von seiner liebevollen Beschäftigung mit ihrer Person, und sagte herzlicher und heiterer als sonst: »Aber ich bin doch in Wien geboren, habe keinen Tropfen südlichen Blutes in den Adern und hatte in diesem Frühjahr an dem schönen Gardasee sogar Heimweh.«

Gleich darauf aber schien sie die freundliche Regung, die ihre Eitelkeit ihr wachgerufen, als ein Unrecht, als eine Treulosigkeit gegen den fernen Geliebten zu bereuen, denn sie erhob sich mit einer fast ungeduldigen Bewegung. »Tante Klara wird mich erwarten,« und schritt eiligst vor ihm her auf dem schmalen Pfade.

Nach der düsteren Schlucht, in die kein Lichtstrahl mehr fiel, nach dem betäubenden Wasserrauschen wirkte das offene Tal, das Dörfchen in der Abendsonnenglut ganz überraschend friedlich und heiter. Durch die schmale Dorfstraße wurde das weidende Vieh zu den zerstreut liegenden Hütten zurückgetrieben. Das tiefe Geklingel der Kuhglocken, das hellere der Geißenschellen, der Duft des Heus erhöhten noch den behaglichen Eindruck. Um den Mallnitzer Kirchturm flatternden Schwalben. In dem kleinen Gottesacker knieten ein paar Bauersfrauen vor den Gräbern, um sie für den morgigen Feiertag zu schmücken; feurig glühten die roten Georginen in den Kränzen. Wie ein gewaltiger Rahmen ragten hinter dem kleinen Dorfe die Hohen Tauern empor zu dem gelbgesäumten blauen Augusthimmel.

»Gibt es etwas Entzückenderes als solche Abendstimmung?« frug Kronau in warmer Begeisterung, und seine Augen forschten auf dem lichtüberstrahlten Gesicht seiner Begleiterin nach einem Ausdrucke der Zustimmung, nach einer weichen Bewegung. Aber ihre Gedanken waren weit fort, wanderten mit Hermann über sonnenglitzernde Firnfelder, und mit wilder Sehnsucht schaute sie zu einem scharfbeleuchteten Felszacken hinauf, der sich schroff und kühn über alle anderen erhob.

»O ja, es gibt Schöneres!« erwiderte sie leidenschaftlich. »Da droben sein! Herabschauen, nicht hinauf. Frei auf der Höhe in einer großen Einsamkeit schwelgen, nicht ewig nur im Tal stecken, eingeschlossen, gefangen in dieser Enge!«

Heddys Tante, Frau v. Werfen, die ihnen entgegengekommen war und nun mit ihnen den Wiesenweg zurückschlenderte, warf einen besorgten, fast erschrockenen Blick auf das junge Mädchen, als hätten die heißen Worte ihr Tieferes verraten als eine bloße Sehnsucht nach Bergsport.

Sie war eine jener zarten Blondinen, die auch in reiferen Jahren etwas Weiches, Kindliches bewahren, einen sanften Liebreiz in dem Lächeln des feinen Mundes, in dem Blick der hellen Augen.

»Aber liebes Kind, dieser Wunsch ist doch erfüllbar. Ich bin gerne bereit zu einer Bergbesteigung. – Sie kommen auch mit, nicht wahr, Herr Doktor?« wendete sie sich an den jungen Mann, der eifrig zustimmte.

»Solch ein harmloser Spaziergang reizt mich gar nicht, Tante. Ich denke es mir nur schön, da zu gehen, wo kein anderer sich hinwagt, wo es Gefahr zu überwinden gibt, wo man mit kühnem Trotz die wilde Natur besiegt. – Doktor Kronau bleibt immer nur auf den markierten Wegen, wo es hübsch sicher ist,« fügte sie geringschätzig hinzu.

Dem jungen Mann stieg eine zornige Röte in die Stirne. »Für mich hat allerdings die Natur da mehr Reiz, wo noch nicht alles Leben und Blühen in Schnee und hartem Gestein erstickt. Das ist Geschmackssache. Und zu dem eigentlichen Bergsport, der von sich reden machen will, gehört eine gewisse Eitelkeit. Ich gestehe, daß ich für meinen Ehrgeiz andere Ziele weiß als einen Kletterpfad, auf dem ich nicht bloß mein Leben, sondern auch das meines Führers aufs Spiel setze.«

»O, wer den rechten Mut hat, der geht allein!« unterbrach sie ihn.

Er fühlte mit heiß erwachender Eifersucht, daß sie mit einem lebhaften, persönlichen Interesse über die Sache sprach, und erwiderte erregt: »Und die Führer können nach ihm suchen, wenn ein Nebel einfällt oder ein Schneesturm ihn erwischt. Ich habe zweimal mitgeholfen, als man einen Leichtsinnigen herunterholte, der auch den ›rechten Mut‹ gehabt, wie Sie wohl sagen würden, gnädiges Fräulein, der sich zu Ostern führerlos in die furchtbaren Schneemassen des Höllentalferners wagte und dann zwei Nächte lang, völlig entkräftet, in den Riffelwänden liegen bleiben mußte.«

»Sie haben mitgeholfen?« unterbrach Heddy ihn mit ungläubigen Staunen.

»Allerdings. Es handelte sich dabei nicht um ein Vergnügen, sondern um eine ernste Pflicht, um ein Menschenleben. Jeder rechte Mann muß bereit sein, in solchem Fall dem Tod zu trotzen. Aber aus Spaß, aus Übermut – nein! Der junge Mann wäre verhungert und erfroren, wenn er noch länger dort oben liegen geblieben wäre; ich hörte ihn um Hilfe rufen, als ich auf den ›harmlosen markierten Wegen‹, die Sie so verächtlich finden, botanisierte. Ich versichere Sie, es klang sehr kläglich, sehr jammervoll. Ich glaube, mein verehrtes Fräulein, Sie idealisieren sich den Reiz einer Gefahr, der Sie nie ins Auge geschaut haben.«

Frau v. Werfen nickte zustimmend, aber Heddy hatte den Kopf zurückgeworfen und sah den Begleiter feindselig an, als hätte er versucht, ihren stolzen Geliebten herabzusetzen und den kühnen Mut, den sie an ihm bewunderte, zu verkleinern. Sie behielt ihre ablehnende, trotzige Miene, als sie sich nun vor dem stattlichen Mallnitzer Posthause verabschiedeten.

Kronau wünschte den Damen, die auf Heddys Verlangen den Abend allein auf ihrem Zimmer zubringen und nicht mehr in die Veranda herunterkommen wollten, recht verstimmt gute Nacht. Er sagte sich zum hundertstenmal, daß es gescheiter sei, abzureisen – und blieb dennoch. –

Heddy trat oben im zweiten Stock, wo ihre hübsche Wohnung war, sofort auf den Balkon hinaus und wollte wieder in ihre Träumerei versinken; aber die Tante rief nach ihr.

»Sieh' mal, Kind, diese wunderbaren Erdbeeren hat Doktor Kronau heute für dich geholt. Er muß hoch oben auf dem Berg danach gesucht haben, nur weil du vor ein paar Tagen bedauert hast, daß die Erdbeerzeit vorüber ist. Das ist doch sehr liebenswürdig und aufopfernd von ihm. Ich begreife überhaupt nicht, warum du so ablehnend gegen ihn bist. Er ist wirklich ein netter, feiner, herzensguter Mensch. Und du kannst dir doch nicht verhehlen, daß er dich lieb hat.«

»Aber Tante – gerade deshalb. Ich habe ja nichts gegen ihn, wenn ich auch zuweilen mit ihm streite. Schließlich könnte ich ja ebenso freundlich gegen ihn sein wie gegen jeden anderen Bekannten. Aber in diesem Fall! Wenn er mich lieb hat! Es wäre doch falsch, wenn ich mit Liebenswürdigkeiten und einem zutunlichen Wesen eine Neigung anfeuern würde, die ich nicht erwidern kann und will.«

»Warum kannst und willst du das nicht, Heddy? Ich meine, eine so warme Zuneigung eines klugen, obendrein ganz hübschen jungen Mannes müßte dir doch Eindruck machen.«

Heddy schwieg. Ihr schönes Gesicht sah sehr ernst aus. Sie kämpfte mit einem Entschlusse. Dann schlug sie die dunklen Augen mutig zu der Tante auf und sagte: »Seine Neigung kann mir keinen Eindruck machen, weil ich einen anderen lieb habe.«

Frau v. Werfen seufzte und wendete, wie verwirrt von dem heißen Blick, das Gesicht ab.

Sie frug nicht: Wer ist jener andere? Sie ahnte lange, sie wußte nun, wer es war. Ihr eigener Sohn, ihr waghalsiger Hermann, der sich auf den einsamen Berghöhen herumtrieb, nach denen Heddy sich so leidenschaftlich sehnte.

Mit einer gewissen Scheu vermied sie es, den Namen zu hören.

»Du wirst es gewiß herzlos finden, Heddy,« sagte sie mit ihrem sanften Lächeln, »wenn ich die erste Neigung eines jungen Mädchens nicht recht ernst nehme. In meinem Alter hat man zu oft erlebt, daß sich solch eine Schwärmerei als gründlicher Irrtum erwies.«

»Tante, Tante, sage das nicht, du weißt nicht –« rief Heddy in leidenschaftlicher Abwehr.

»Laß mich nur reden Kind. Sieh, ich kann mich selbst recht gut erinnern, wie man sich mit sechzehn oder siebzehn Jahren verliebt. Nicht das Verständnis für einen Menschen entscheidet, nur der Zufall und Äußerlichkeiten. Man will eben verliebt sein, nachdem man so und so viele Romane gelesen hat, und da man meistens keine große Auswahl an Bekannten hat, nimmt eben der erste junge Mann, mit dem man zusammenkommt, den man näher kennen lernt, die Phantasie gefangen. Man hätschelt und pflegt dann dieses Idealbild.«

Heddy war glühend rot geworden. Sie fühlte nun, daß Hermanns Mutter wußte, wem sie ihr Herz geschenkt hatte. »Wie kannst du so sprechen, Tante! Gerade du?« stammelte sie erschrocken, entrüstet. »Du kennst ihn doch, du mußt einsehen –«

»Still, still, Kind!« unterbrach Frau v. Werfen sie rasch. »Wir wollen gar nicht von ihm sprechen. Ich kann dir nur wiederholen: Es gibt kein größeres Glück für eine Frau, als von einem guten Menschen, wie Kronau, treu und tief geliebt zu werden. Ich kann dich nur warnen, dich in Illusionen zu wiegen. Du könntest es bitter bereuen, wenn du dieses beste Geschenk, das dir das Geschick bieten will, in eigensinnigem Trotz von dir weisen würdest. Aber freilich, man versteht einen wohlgemeinten Rat nicht zu würdigen, wenn man so jung ist wie du, mein Kind.«

»O Tante!« rief das Mädchen in leidenschaftlicher Erbitterung. »Ich verstehe deinen Rat viel, viel besser, als du glaubst.«

Kämpfend gegen die aufsteigenden Tränen, mit brennenden Augen eilte sie aus dem Zimmer.

Im Halbdunkel lehnte sie am Fenster und schaute in wilder Verzweiflung zu den ersten Sternen empor, die am Nachthimmel aufblitzten. Nie in ihrem Leben war sie sich so verlassen, so einsam auf der Welt erschienen, wie in dieser Stunde. Bisher hatte sie kaum gefühlt, daß sie früh Waise geworden war. Die Tante, eine Stiefschwester ihrer Mutter, hatte ihr die verlorenen Eltern ersetzt, und sie war sich wie geborgen erschienen in dieser treuen, zärtlichen Liebe. Aber nun brach dieser Halt jählings zusammen. Nun zeigte sich ja die Grenze dieser Liebe. Wenn Tante Klara sie wirklich wie ihr eigenes Kind ins Herz geschlossen hätte, dann mußte das Geständnis, das sie ihr eben abgepreßt, ihr doch freudige Rührung erweckt haben. Die beiden, die ihr am nächsten standen, waren sich gut; und die Nichte blieb als Tochter in ihrem Hause, in ihrer Nähe, aufs innigste mit ihr vereint! Aber dieses mütterliche Gefühl war eben doch nur eine Täuschung gewesen. Mit dem ersten besten wollte sie die Nichte verheiraten, nur um sie aus Hermanns Augen wegzuräumen, nur damit sie aus dem Wege war!

O, wenn die Tante sich auch für eine Idealistin hielt und über Adelsstolz lächelte, in diesem Punkte dachte sie eben wie alle »praktischen« Frauen und träumte für ihren Sohn eine reiche, vornehme Partie. Die sonst so geliebte Heddy kam als Schwiegertochter nicht in Betracht. Sie war ja ein armes Ding, ohne Vermögen, ohne Familie; nicht einmal eine Baroneß.

Ein dumpfes Mißtrauen stieg plötzlich in ihr auf. Wie blind sie gewesen war! Tante Klara hatte längst ihre Liebe zu Hermann durchschaut und, als gefährliche Feindin ihres Glückes, jede Begegnung zwischen ihnen zu vereiteln versucht. Vielleicht hatte sie nur deshalb so fest darauf bestanden, daß Hermann mehrere Jahre im Auslande zubringen solle, weil sie hoffte, er würde in der Entfernung seinen Sinn ändern. Jedenfalls war es kein Zufall, nein, eine heimtückische Absicht, daß sie gerade an den Gardasee verreisen mußte, während er heimkam.

Eine wilde Kampfeslust erwachte plötzlich in ihr. Nun mußte sich zeigen, wer die Stärkere sei: sie oder die Mutter. Ein Gefühl von Kraft, von siegesgewissem Mut durchrieselte sie. War sie nicht jung und hübsch? Warum sollte der Mann, der sie lieb hatte, von ihr lassen?

Mit raschem Entschluß zündete sie ihre Lampe an und schrieb einen langen Brief an Hermann. Der kameradliche Ton, den sie sonst anschlug, wollte ihr in ihrer erregten Stimmung nicht mehr gelingen. Ihre Zeilen wurden förmlich durchtränkt von Sehnsucht nach einem Wiedersehen, von Klagen über ihr langweiliges Herumsitzen in dem eingeschlossenen Tal.

Er hatte ihr als seine Adresse Heiligenblut angegeben, und ihr Brief mußte überraschend schnell über die Berge gewandert sein, denn schon nach ein paar Tagen brachte ihr ein Tourist, der sonnenverbrannt von den Tauern herunterkam und der sich ihr, nach einigem Herumsuchen nach Heddy Kramer, vorstellen ließ, ein Antwort von Hermann v. Werfen, den er auf dem Glocknerhause getroffen hatte.

Ihre Tante hatte die kurze Unterredung mit dem Fremden nicht mitangehört, und so konnte Heddy ihr die Botschaft von Hermann verschweigen. Sie wußte, es war grausam. Die Mutter hatte keine Nachrichten von dem Sohn und ängstigte sich um ihn, wenn er auf seinen gefahrvollen Klettertouren unterwegs war. Sobald die Zeitung kam, griff sie danach und forschte mit blassem Gesicht unter den alpinen Nachrichten. Es schwebte Heddy auf den Lippen, sie zu beruhigen; aber sie unterdrückte ihr Mitleid. Warum war die Tante mit ihrer Liebe nicht einverstanden! Es schien ihr förmlich Pflicht, zu trotzen.

Auch Frau v. Werfen sagte kein Wort über ihre heimlichen Sorgen um den Sohn. So verbargen sich die beiden ihre Gedanken, obwohl oder gerade weil diese sich mit derselben Person beschäftigten.

Kronau, der Heddys Gesicht mit beobachtender Liebe studierte, erriet wohl, daß sie von einer ganz bestimmten Idee beherrscht war.

»Ihre Gedanken sind weit fort von uns, gnädiges Fräulein,« sagte er einmal. »Sie sehen zuweilen mit einem solchen Entzücken zu den Tauern empor, als schauten sie dort oben Wunderbares, das uns armen Sterblichen verschleiert ist.«

Heddy blickte den Doktor ganz betroffen an. Dann lachte sie übermütig auf. Es war merkwürdig, wie gut er ihre Empfindungen erriet.

Ja, sie sah das Glück dort oben schweben auf dem Tauerngipfel. Auf der luftigen Höhe sollte ihr werden, was sie lange ersehnt hatte: ein Wiedersehen, eine Wanderung mit dem geliebten Mann. Und gewiß auch endlich eine Aussprache, Klarheit über ihre Zukunft.

Eine Verlobung auf einsamem Gipfel gefeiert, in Eis und Schnee, in stolzer Freiheit – das war das Große, das Kühne, das Seltene, das sie einmal erleben wollte. Gewiß hatte sich Hermann eine solche Feststunde ausgemalt, als er ihr den Brief schrieb, den er der Post nicht anvertrauen wollte und deshalb durch den Touristen an sie bestellen ließ.

»Ich habe auch furchtbar Sehnsucht nach Dir, meine liebe, schöne Heddy. Darum mache ich Dir einen Vorschlag. Komm herauf auf den Mallnitzer Tauern. Ein Spaziergang, ein Bummelweg. Wir wollen uns am 28. August um die Mittagsstunde da oben treffen. Und dann führe ich Dich auf einen hohen Berg. keine zu starke Leistung natürlich. Wir müssen erst Deine Kraft erproben. Auf den Sonnenblick etwa. Jedenfalls wird es Dir gefallen, wenn Du zum erstenmal oben stehst auf einer mühsam erkletterten Höhe. Mach Dir nur nichts aus ein wenig ungünstigem Wetter, komm auf jeden Fall, bist ja ein tapferes Mädel. Und sage Mama nichts von dem Plan, oder doch erst im allerletzten Augenblick. Sie wird sonst tausend Bedenken haben, am Ende selbst heraufreisen wollen, eine Gesellschaft von langweiligen Mallnitzer Sommerfrischlern zusammentrommeln, und aus unserem schönen Wiedersehen wird ein alltäglicher Nachmittagsklatsch. Ich kenne das. Du brauchst Dir nur einen Führer zu nehmen, der Dir Deine Sachen trägt und Dir den Weg zeigt. Aber nimm nicht zuviel mit. Erste Bedingung für eine Alpinistin ist wenig Gepäck. Wenn Du in der Frühe aufbrichst, kommst Du noch vor der Hitze in die Höhe, was ich Dir raten würde. Ich bin sicher bis elf Uhr bei Dir.«

Heddy zauderte keinen Moment, dem Ruf zu folgen. Es fiel ihr auch gar nicht ein, daß dieses einsame Zusammentreffen mit einem jungen Mann ein besonderes Wagnis sei, bei dem sie ihren Ruf auf das Spiel setzen könnte. Was Hermann ihr riet, schien ihr gut und recht. Sie wußte, daß sie sich ruhig seinem Schutze anvertrauen durfte.

In aller Heimlichkeit bestellte sie einen Führer, kaufte einen Rucksack und packte ihn, während die Tante schlief.

Früh morgens, als es noch ganz still im Hause war, schlich sie an dem bestimmten Tage die Treppe hinunter, nachdem sie in die Türspalte von Frau v. Werfens Zimmer ein Briefchen gesteckt hatte.

»Liebe Tante, erschrick nicht, wenn ich heute nicht beim Frühstück erscheine. Ich mache eine Bergpartie, treffe mit Hermann auf dem Mallnitzer Tauern zusammen und steige dann mit ihm auf den Sonnblick. Es ist sein Wunsch. Sei nicht böse, daß ich es Dir nicht früher mitteilte. Du würdest dieser Begegnung doch nicht zugestimmt haben, da meine Neigung für Deinen Sohn keine Gnaden vor Deinen Augen findet. Aber sieh, Tante, jede erste Liebe ist bereit zum Widerstand, und Hermann sehnt sich nach mir wie ich mich nach ihm.« –

Heddy meinte in ihrem ganzen Leben noch keine solch erwartungsvolle jubelnde Freude empfunden zu haben wie bei dieser Morgenwanderung in der erwachenden Sonne. Alles entzückte sie: das Glitzern der Bergbachwellen, die blaßroten Preiselbeeren zwischen den blühenden Erikabüscheln, die Almhütten, an denen sie vorüberkamen, das Fortflattern der Wolken, die noch die Gipfel eingehüllt hatten, das Emporklimmen in die immer einsamere Hochlandsstille.

Nur das Unterkunftshaus am fast erreichten Wegziel, dicht unter dem Grat des Mallnitzer Tauern, eine niedrige, gemauerte Hütte, die düster im Schatten der Felswand lag, erweckte das Entsetzen der jungen Touristin. Sie ließ den Führer eintreten, sah ein schmutziges, schwarzäugiges Weib in einem finsteren Gelaß am Herde herumhantieren und floh eiligst, mit einer Tafel Schokolade und einem Becher Milch zur Stärkung, wieder hinaus in die schöne, freie Bergluft. Allein klomm sie die letzte Strecke Weges empor bis zu dem kleinen Wetterhäuschen auf der Schneide, in dem eine Glocke hängt, die Wanderern im Nebel und Sturm ein Zeichen geben soll, daß sie nicht nach rechts abirren, dem Abgrunde zu. Heddy sah mit kindlichem Vergnügen, daß an schattigen Stellen hier noch Schnee lag, den die Sommersonne nicht fortzutilgen vermocht hatte.

Wie hoch sie doch schon gekommen war! In halb fröhlicher, halb feierlicher Stimmung setzte sie sich unter eine Tanne, deren Zweige sie vor den schärfsten Sonnenstrahlen schützten, um hier in Wärme und herrlichem Windhauch auf den Geliebten zu warten.

Sie hatte von ihrem Platze aus einen wunderbaren Ausblick auf die weite Bergkette, auf eisglitzernde Spitzen, sonnenbeleuchtete Schneewände und in blauem Dunst verschwimmende Halden. Aber sie konnte auch den Weg überschauen, der von der anderen Bergseite heraufführte. Von dort mußte er kommen. Eine, vielleicht zwei Stunden noch!

Wie sollte ihr klopfendes Herz diese letzte Spanne Zeit, die sich so endlos dehnte, ertragen? Einmal durchrieselte sie wilde Freude. Sie hörte Schritte, Stimmen. Aber es war ein wohlbeleibter Herr, der pustend, mit rotem Kopf hinter dem Führer heraufkeuchte, und sie wendete sich verächtlich ab. Eine Entweihung schien es ihr, daß gleichgültige Menschen diese Stätte betraten, auf der sie ihr Wiedersehen feiern wollten in himmlischer, lenzstiller Höhe.

Endlos langsam, in Erwartung und Enttäuschung verliefen die Stunden. Manchmal schloß sie wie erschöpft von dem aufreibenden Harren die Augen, bis ein herabrollendes Steinchen, der leiseste Laut sie aufschreckte zu neuer Hoffnung. Hunger und Durst trieben sie endlich in die Hütte. Neben ihrem Führer, der sich langweilte, saß nur ein kohlschwarzer Geselle, dessen düstere Augen unheimlich aus dem Bartgestrüpp hervorfunkelten.

»Wie ein Mörder auf dem Theater,« dachte Heddy unwillkürlich. Die Pfeife, die er phlegmatisch in einem Mundwinkel hängen hatte, gab dem Mann allerdings etwas beruhigend Harmloses, aber die Luft in dem engen Raum ward fast unerträglich durch den Geruch des schlechten Kanasters. –

Wieder saß Heddy stundenlang auf ihrer Hochwarte und starrte auf den schmalen Pfad, über den nun schon Schatten hinzogen.

»Der Herr kommt nit, und mit'm Ansteig auf'n Sonnblick wird's heut' nix mehr,« brummte plötzlich ihr Führer, der neben ihr auftauchte. »Ich mein', wir machen uns auf und geh'n wieder hinunter nach Mallnitz. Das Wetter gefallt mir nit.«

»Der Herr wird kommen, ganz bestimmt,« gab sie zur Antwort. »Wir werden dann sehen, was er beschließt.«

Der Führer schüttelte mißbilligend den Kopf und sah auf die Wolkenwand, die sich von Westen heranschob, aber er war es gewöhnt, sich den Wünschen der Touristen zu fügen und zu schweigen, solange keine unmittelbare Gefahr drohte.

Trotz der Kühnheit, die sie gezeigt, ward Heddy aber nun die drückende, atemraubende Angst nicht mehr los: wenn Hermann wirklich nicht käme!

Aber nein! Das war ja unmöglich. Er wußte doch, daß sie hier saß und auf ihn wartete.

Hier stand es doch in seinem Brief, den sie wie einen Talisman immer wieder hervorzog. »Am 28. Um die Mittagsstunde.«

Er mußte kommen. Unbedingt – wenn nicht Furchtbares geschehen war.

Auf den Wegen, die er ging, lauerten tausend Gefahren. Täglich las man von Unglücksfällen in den Bergen, Tante ängstigte sich beständig um Hermann, auch wenn sie ihre Angst nicht verraten durfte. Gewiß war er führerlos einen halsbrecherischen Kletterweg herabgestiegen. Sie dachte an Kronaus Schilderung von dem Verirrten, den er hatte um Hilfe schreien hören. –

In wilder Bestürzung blickten die traurigen Augen der Einsamen von einem der gewaltigen Gipfel zum anderen. Sie hätte hinausrufen mögen in wilder Verzweiflung: »Wo ist er? Wo verbergt ihr ihn? Was habt ihr ihm zuleid getan, ihr unheimlichen Riesen?«

Als wollte die Bergwelt des armen geängstigten Mädchens spotten, flog nun ein Nebelschleier über den Grat hin und hüllte die leuchtende Abendlandschaft in düsteres Grau. Ein eisiger Wind pfiff vom Norden her. Die kleine Glocke im Wetterhäuschen begann sich zu regen. Das klang so bänglich in dem Halbdunkel, zwischen den drohenden Klagelauten, die an dem Felsen hinzitterten, daß Heddy wie gejagt zu der Hütte zurücklief und froh war, als sie durch die trüben Scheiben des winzigen Fensters Licht schimmern sah.

Und nun begann der Sturm; der Unwettersturm auf einer Berghöhe. An den rauchigen Hüttenwänden zuckte der Blitzschein hin wie feurige Schlangen. Der Boden schien zu zittern unter den furchtbaren Donnerschlägen, die grollend an dem Felsen wiederhallten. Ein Prasseln und Rauschen, ein Dröhnen und Winseln, ein Wüten und Heulen, als jagten Scharen böser Geister, Verderben bringend, Vernichtung drohend, um diese einsame Menschenbehausung in der Hochlandswildnis.

Heddy saß wie betäubt, das Weinen stand ihr nahe; sie kämpfte mühsam die Tränen nieder vor den fremden Leuten, die laut vor sich hin beteten und bei jedem neuen Blitz das Kreuz schlugen. Und als nun gar der Führer nach einer Weile mit einer gewissen Schadenfreude bemerkte: »Jetzt heißt's halt hier bleiben über Nacht, Fräulein« – da packte sie die volle Verzweiflung.

»Hier in dieser Hütte?« rief sie, bleich vor Schrecken. Sie kauerte frierend auf der Holzbank vor dem Tisch, auf dem Käserinden, Aschenreste, Eierschalen in verschüttetem Bier und Wein herumschwammen, und harrte und wartete noch mit letzter Hoffnung, als müsse eine Befreiung für sie kommen, ehe die Nacht herabsank.

Aber kein Schritt näherte sich mehr der sturmumrauschten Höhle, und der Regen ließ nicht nach. In einem Gefühl der Erstarrung zwang sie sich ein paar Löffel warmer Suppe über die Lippen, die das Weib in einem rußigen Topfe auf dem Herdfeuer gekocht hatte. Es war ihr ganz elend zu Mute, als sie sich in dem Nebengelaß ihr Lager zurechtmachen ließ. In einer Art Verschlag wurden ein paar wollene Decken auf das Heu gebreitet, das hier aufgeschichtet lag. Das Weib wünschte gute Nacht und schloß die Tür.

Im ersten Moment schien es Heddy eine Erleichterung, wieder allein zu sein. Aber in der Kammer wehte dumpfe Kellerluft. In ihren Plaid gewickelt, in ihren Kleidern, legte sie sich nieder, zog mit einem Schauder die Decke über sich und schickte sich an, die schrecklichste Nacht ihres Lebens zu überstehen.

Furchtbare Bilder drängten sich ihr vor die Augen und wurden schauerlicher, beängstigender in dem beginnenden Fieber, das ihr durch die Adern klopfte.

Hermann war sicherlich tot. Sonst wäre er gekommen, sie wußte es. Sie sah ihn zerschellt, blutend in einem Abgrund liegen. Und dann wieder meinte sie seine Hilfeschreie zu hören. Er lag verlassen zwischen wildem Gestein, vermochte sich nicht zu regen; er winkte ihr mit flehenden Augen – und sie war so weit, so weit! Sie konnte nicht zu ihm.

Ein Geräusch in ihrer Nähe schreckte sie auf aus ihrem krankhaften Halbschlummer. Sie war nicht allein in dem dunklen Raume. Mit zitternden Händen, mit todesbangem Herzklopfen strich sie eines der Wachszündhölzer an, die sie neben sich gelegt, und leuchtete in die von grauenvollen Bildern erfüllte Finsternis. Nur leere Wände! Tiefe Einsamkeit! Auch der Sturm schwieg nun. Aber sobald das Licht wieder erloschen war, begann aufs neue das Rascheln und Trippeln, das Zerren und Nagen. Es mußten Ratten hier sein, die unter dem Verschlag herumliefen, die ihre Schuhe gepackt hatten und als Beute hin und her zerrten.

Ein Kerzchen nach dem anderen zündete sie an und hielt es in ihren müden, eiskalten Händen und starrte mit schmerzenden, fieberheißen Augen auf die tröstende kleine Flamme. Als ihr Vorrat erschöpft war, und ihre Uhr doch erst auf zwei stand, brach sie in ein wildes Schluchzen aus und schlief endlich ein wie ein müde geweintes Kind.

Aus einem bangen Traum erwachend, sah sie einen Lichtschimmer. Es war wieder Tag geworden. Nicht Stunden, Wochen erschien es ihr, seit sie in dieser Höhle lag. Ihr Kopf war schwer, ihre Glieder waren wie zerschlagen, ihr Puls ging hastig; sie fühlte sich sterbenskrank. Aber sie kämpfte die Schwäche nieder. Nur hinaus aus diesem Kerker! Lieber unter freiem Himmel liegen bleiben, nur nicht hier!

Sie fühlte sich schon erleichtert, als sie nur die Sonne wieder sah und sich den modrigen Geruch von Gesicht und Händen fortgewaschen hatte.

Neugierig schaute sie in ihren kleinen Taschenspiegel, ob ihre Haare in dieser Nacht nicht weiß geworden. Die Flechten waren noch tiefschwarz, aber aus ihren Wangen war alle Farbe gewichen, und ihre Augen brannten blaß und krank aus ihrem Gesicht hervor.

Ihr schlechtes Aussehen fiel auch dem Führer auf, der schweigsam vor der Hütte hockte und seine Pfeife rauchte.

»Sie müssen was Warmes essen, Fräulein, eh' wir hinuntergeh'n. Sonst dermachen Sie's nit. Sobald der Weg trockener ist, brechen wir auf.«

Sie gab keine Antwort; stumpfsinnig, mit geschlossenen Augen saß sie auf ihrem Plaid zwischen dem hellen Gestein und ließ sich von der Sonne bescheinen. Ein Jäger kam einmal vorüber, tauschte einige Worte mit ihren Führer und rief ihr einen lustigen Gruß zu, den sie mit matter Stimme erwiderte.

Ein paar Stunden mochte sie in halber Betäubung dagesessen haben, zu elend, um einen Entschluß zu fassen, um über das Unglück nachzusinnen, das geschehen sein mußte, als plötzlich ein lauter Schrei sie aufschreckte:

»Juhu – juhu!«

Sie hob die schweren Lider. Träumte sie oder war das Hermanns Stimme?

Kaum hatte sie sich aufzurichten vermocht, als sie auch das Klirren eines Eispickels vernahm. Über den Pfad herab, in der funkelnden Sonne, sprang eine hohe, kraftvolle Gestalt im grauen Lodenanzug, mit dem Eispickel in der Rechten, mit lachendem Gesicht und blitzenden hellen Augen.

»Grüß Gott! Grüß Gott!« rief er. Dann warf er Pickel und Rucksack ab und streckte ihr beide Hände entgegen.

Sie starrte ihn, noch ganz verwirrt, an. »Du bist also nicht tot? Nicht verunglückt?«

»Nein, mein liebes Bäslein. Heil und gesund, wie du siehst. Ich kam ja allerdings um einen Tag später, als ich versprach. Aber gestern früh war es so wunderbar schön, und es reizte mich, auf den Hochnarr hinaufzuklettern. Bis Nachmittag gedachte ich wieder zurück zu sein. Aber es war schwieriger, als ich meinte – Neuschnee – und Umkehren gibt es nicht bei mir. Dann kam auch noch das Gewitter. Heute in der Frühe habe ich schon einen weiten Marsch gemacht, weil ich dachte, du könntest die Geduld verlieren und am Ende wieder heimlaufen.«

»Aber du hast doch gewußt, daß ich allein hier warte, daß ich über Nacht hier bleiben mußte in der schrecklichen Hütte.«

»Das schadet doch nichts, Heddy. Die Unterkunft ist ja auch ganz gut, wenn auch nicht wie zu Haus. Daran muß man sich auf Bergen gewöhnen. Eine ganz gesunde Probe. Aber wie siehst du denn aus? Ganz blaß.«

»Es war eisig kalt und feucht in der Kammer. Es war entsetzlich, Hermann. Und ich bin krank, ich schaudere noch in der Sonne.«

»Ach, das vergeht. Da trinkst du einen ordentlichen Schluck Cognac und bist wieder munter. Nur lustig, Kleine. Freu dich, daß wir da sind. Hunger habe ich übrigens jetzt, ganz gewaltigen.«

Er zog Heddys Arm in den seinen und lief mit ihr auf die Hütte zu, ganz ausgelassen und vergnügt. Sie mußte sich von ihm schleppen lassen, aber sie versuchte doch zu lachen. Er hatte ja recht: es war ja alles gut. Er war heil und gesund. – Aber das Lachen tat ihr weh wie einem Kranken, dem bei dem leisesten Versuch, fröhlich zu sein, die Tränen in die Augen treten.

Wie Hermann die Menschen in der Hütte anherrschte, vor denen sie sich gefürchtet hatte! Sie schienen aber durchaus nicht ungehalten über diesen Kommandoton. Das Weib eilte dienstfertig herum, säuberte sogar den Tisch und schleppte herbei, was sie hatte. Auch der unheimliche Mann kroch aus seinem Winkel hervor und steckte gehorsam die Pfeife ein, als Hermann es ihm befahl. Freilich schob dieser ihm auch gnädig wie ein Fürst ein paar Zigarren hin.

Der Führer, der sich nun von seiner liebenswürdigsten Seite zeigte, kochte eine Suppe von den Konserven, die Hermann mitgebracht hatte; auch in Heddys Rucksack fanden sich noch Vorräte, die Hermann freudig begrüßte. Seine Cognacflasche war aber mit Enzian gefüllt worden, den Heddy nicht trinken mochte.

»Du mußt!« befahl ihr Vetter und zwang ihr einfach einen Schluck über die widerstrebenden Lippen. Ebenso herrisch schob er ihr darauf die Bissen in den Mund, bis sie ihn anflehte, sie nicht zu quälen, sie könne nicht essen. Er verstand das nicht. Ihm schmeckte es vortrefflich. In rechtem Behagen stieg er dann Hand in Hand mit Heddy den Weg empor bis zum Wetterhäuschen. Unter derselben Tanne, wo sie gestern alle Qualen des Wartens erduldet, setzten sie sich nebeneinander auf einen Plaid.

»Ist das reizend! Ist das nett!« rief er vergnügt und strich ihr ein Haarlöckchen zurecht, das im Wind flatterte. »Wie ich mich freue, dein schönes Gesicht wieder zu sehen, meine liebe Heddy!«

Er lehnte sich an sie, ließ seinen Kopf an ihre Schulter sinken und faßte ihre Hand.

Ihr Herz klopfte in heißem Erwarten. Nun waren sie ganz allein in der wunderbaren Einsamkeit. Nun würde er ihr sagen, wie lieb er sie habe. Nun würde er über die Zukunft mit ihr sprechen, sie seine Braut nennen, seine geliebte kleine Frau. Nun mußte das Glück kommen, die köstliche, so heiß ersehnte Verlobungsstunde auf der Berghöhe, der Augenblick, der ihr ganzes Leben durchfluten sollte mit seliger Erinnerung. Sie fühlte, daß ein paar liebe, warme Worte den zuckenden Schmerz, der sie erfüllte, fortzaubern könnten, daß sie ihm alles verzeihen würde, was er ihr leichtsinnig angetan, daß sie lächeln mußte über diese Nacht, wenn er nur jetzt den rechten Herzenston traf.

Aber er schwieg. Bald hörte sie feste, gleichmäßige Atemzüge.

Er war eingeschlafen.

Mit großen, entsetzten Augen betrachtete sie sein gebräuntes, scharfgeschnittenes Gesicht mit den festgeschlossenen Lippen, dem hellbraunen Bart, dessen Spitzen in der Sonne goldig schimmerten, mit der festen, harten Stirn, um die sich in dichten Massen das kurze Blondhaar krauste. So markig jeder Zug, so kraftvoll jede Linie, wie aus Eisen jeder Muskel dieser langgestreckten Gestalt. Bewundern mußte sie ihn wie einst; äußerlich war er genau derselbe, wie sie ihn in ihren heißen Träumen vor sich gesehen, nur reifer, männlicher, stolzer noch. Und dennoch schauderte ihr innerstes Wesen vor ihm zurück wie vor einem Fremden in herber Enttäuschung. Hatte sie ihn nie wirklich gekannt? Oder hatte ihm die Freude so das Herz verhärtet, daß er bei diesem Wiedersehen nichts, nichts zu sagen wußte von all dem Schönen, Beglückenden, Unvergeßlichen, auf das sie gewartet jahrelang? Daß er schlafen konnte, jetzt, in dieser Stunde.

Eine leise Stimme mahnte: er ist todmüde, er muß ruhen nach seinem weiten Marsch. Aber sie schüttelte trotzig die weiche Regung ab. Warum lief er noch auf den dummen Berg? Gilt solch ein Felsgipfel denn mehr als ich?

Als er endlich wieder die Augen aufschlug, lachte er in freudigem Behagen. »Das war famos, Heddy! Ich danke dir. Prächtig habe ich an deiner Schulter geruht. So – nun bin ich wieder frisch, nun wollen wir weitere Pläne machen.«

Seine unbefangene Heiterkeit verletzte sie immer tiefer. Ahnte er denn gar nicht, was in ihr vorging? Unwillkürlich fiel ihr ein, wie gut Kronau ihre Stimmungen verstanden, mit welch liebevollem Interesse er sich in ihr Wesen versenkt hatte, obwohl sie sich ihm gegenüber nur herb und unnahbar gezeigt. Und der Mann, den sie lieb hatte, für den sie nun ein solches Opfer gebracht, frug gar nicht, wie es ihr zu Mute war.

»Was machst du denn für ein Gesicht, Mädel?« rief er endlich, da sie hartnäckig schwieg.

»Du hast mir noch gar nicht gesagt, Hermann, ob es dich freut, daß ich kam und –«

»Aber das ist doch selbstverständlich. Sonst hätte ich dir nicht geschrieben. Viele Worte machen, das ist nicht meine Art. Aber dafür steht auch felsenfest, was ich einmal sage. Daß ich dich gern habe, weißt du.«

»Weiß ich das, Hermann?« frug sie und schlug ihre wunderbar tiefen Augen mit einem feierlichen Blick zu ihm auf. »Hast du mich lieb – wirklich? Von ganzem Herzen lieb?«

Es war ein Zittern in ihrer Stimme, heiliger Ernst auf ihrem Gesicht, als läge ihre ganze Seele in der Frage, als hoffte sie, mit einem letzten Aufflackern ihres entschwindenden Lebenstraumes den süßen Glauben an ihn wiederzufinden, der ihr nie versagt hatte, solange er fern von ihr gewesen war.

»Ich bitte dich, Heddy, nur nicht sentimental. Das mag ich nicht.« Er sprang auf, mit zurückgeworfenem Kopf und einer ungeduldigen Bewegung. »Gefühlsduselei darfst du von mir nicht erwarten. Ich bin ein ehrlicher Kerl, offen und gerade, das bedeutet mehr als fade Schönrederei. Ich nehme dich zur Frau, das ist doch der beste Beweis, daß ich dich lieber mag, als jede andere.«

»Deine Mutter wird dagegen sein, Hermann,« sagte Heddy mit müder, trauriger Stimme. »Sie will mich nicht zur Schwiegertochter.«

Er lachte so laut, daß die kraftvolle Stimme ein Echo nachrief. »Die Mutter will nicht? Ach geh, das wäre das erste Mal, daß sie anderer Meinung wäre als ich. Wenn du sonst keine Sorgen hast, Heddy, dann sei nur ganz beruhigt. Meine Mutter tut alles, was ich will. Schon als Junge habe ich stets meinen Willen durchgesetzt.«

Während er sprach, hielt er Umschau und fuhr dann mit ärgerlicher Miene fort: »Zu dumm! In einer Stunde kommt wieder der Nebel. Heute können wir nicht mehr unternehmen, wir müssen in der Tauernhütte über Nacht bleiben.«

»Noch einmal?« rief Heddy entsetzt. »Nein, um keinen Preis. In diesem Kerker bleibe ich keine zweite Nacht.«

Er schüttelte den Kopf wie zu dem Eigensinn eines Kindes. »Wenn ich hier bin, wirst du dich nicht fürchten, Heddy.«

»Aber Hermann, du hast die Kammer nicht gesehen, du weißt nicht, wie modrig die Luft ist. Ich bin wirklich krank, ich hatte Fieber.«

»Geh, sei nicht zimperlich. Wer auf Berge steigen will, muß auch ein schlechtes Quartier hinnehmen.«

»Es sind gewiß nicht alle Unterkunftshäuser so entsetzlich wie dieses. Wer bleibt denn hier über Nacht? Man läuft doch lieber die paar Stunden nach Mallnitz hinunter. Und schau, das können wir doch auch. Deine Mutter wäre froh, dich zu sehen, ich würde mich erholen nach diesem schrecklichen, einsamen Aufenthalt.«

»Das also ist dein ganzer Mut, Heddy! Und du willst eine Bergsteigerin werden? Da fehlt's aber weit,« spottete er lachend, aber doch mit einer gewissen Schärfe.

Sie war zu tief verletzt von seiner rauhen Art, zu schwer erbittert von diesem enttäuschenden von diesem enttäuschenden Wiedersehen, um nun auch noch seinen Hohn zu ertragen. Ihre Augen flammten nun plötzlich auf in heftigem Zorn. »O, du hast dir auch alle Mühe gegeben, mir gleich beim ersten Versuch die Freude zu verderben,« rief sie. »Pünktlichkeit bei einem Zusammentreffen ist keine übertriebene Forderung. Die würde auch jeder Mann beanspruchen, den du hierher bestellt hättest. Einfach aus Laune hast du mich umsonst hier warten lassen. Das ist einer Dame gegenüber doppelt rücksichtslos. Nach allem, was ich in dieser elenden Hütte die letzte Nacht durch deine Schuld ausgestanden habe, will und kann ich keine zweite Nacht da zubringen.«

Seine Augen waren stahlhart geworden; fast dunkel in ihrer finsteren Bläue. Er sah böse aus, wie er die Stirne runzelte und die Lippen zusammenpreßte. Aber er sagte sehr ruhig: »Hör 'mal, Heddy! Ich mache nun einen Spaziergang an dem Grat hin. In einer Stunde komme ich wieder. Bis dahin kannst du dich besonnen haben. Du wirst dir sagen, daß man auch körperliche Schwäche und nervöse Überreizung bezwingt, wenn man sich ernstlich zusammennimmt. Wenn ich zurückkomme, werden wir wieder gute Freunde sein, gelt?«

»Nein, Hermann. Aus deinen Worten klingt keine Spur von Liebe, nur krasse Herrschsucht und Rücksichtslosigkeit.«

Wie mit Eisenklammern umfaßte er ihre beiden Hände und schaute ihr fest, drohend in das bleiche Gesicht. »Das ist der Prüfstein zwischen uns beiden, Heddy. Das Mädchen, das mich lieb hat, mit dem ich glücklich werden soll, muß mir gehorchen. Ich habe einen zu starren Nacken, um ihn vor Weiberlaune zu beugen. Du brauchst dich vor niemand auf der Welt zu fürchten, wenn ich dir gut bin, ich halte und schütze meine Frau mit starken Armen; aber gehorchen muß sie mir bedingungslos, unbeschränkt, ohne Zaudern.« –

Halb bewundernd, halb schaudernd blickte sie ihm nach, wie er auf dem schmalen Grat dahinschritt, mit seinem herrischen, hocherhobenen Kopf, spielend mit der Gefahr, trotzig und schwindellos hinabschauend auf den Abgrund unter ihm.

So lang sie zurückdachte, war er der Mittelpunkt ihres Lebens gewesen. Im Wachen und im Traume hatten sich alle ihre Vorstellungen an ihn geklammert wie an den Halt, den Inhalt ihres ganzen Daseins. Sie fühlte, daß sie in eine wesenlose Leere stürzte, wenn sie dieser Gestalt, die sich so scharf in der klaren Luft abhob, den Rücken wendete. Zugleich stand ihr aber der Zukunft vor Augen, die sie an seiner Seite erwartete: blinde Unterwerfung, ein demütiges, willenloses Sichfügen unter seinen herrischen Willen und ein entsagungsvolles Hungern und Sehnen in ihrer Seele, nach der er nicht frug, die er nicht verstand.

Das war aus ihm geworden! Das war der Mann, an den ihr Herz so viele heiße Gefühle verschwendet hatte!

»Ich will nicht gehorchen wie eine Sklavin.«

Mit plötzlichem Entschluße sprang sie auf, eilte in die Hütte, bezahlte ihr Nachtquartier und rief dem Führer zu: »Wir gehen nach Mallnitz. Kommen Sie rasch!«

Ihre Erregung, ihr Zorn gaben ihr einen Schein von wilder Kraft. Sie jagte den schmalen Weg so eilig hinab, daß der Führer zur Mäßigung mahnte. Aber sie hemmte den Schritt nicht. Wenn Hermann ihr nacheilen wollte, sollte er sie nicht mehr erreichen.

Aber allmählich erlahmte ihre Kraft, und sie schleppte sich nur mühsam weiter mit ihren schmerzenden Schläfen und ihrem todtraurigen Herzen. Armselig, bemitleidenswert erschien sie sich, wie sie nun so müde dahinwankte auf diesem selben Weg, den sie jubelnd, mit einem herrlichen Ziele vor Augen, emporgestiegen war. Ein feiner Regen rieselte herab, der Himmel hatte sich umdüstert, die trübselige Landschaft paßte zu ihrer Stimmung: alles Licht schien ihr erloschen, aller Glanz entschwunden. Vor ihr nur ödes Grau.

Als sie bei den Sennhütten vorüberkamen, die nun so schwarz aus dem sie umgebenden Schmutz aufragten, kam ein Mann ihnen entgegen, ein Herr im grauen Sommeranzug, mit dem Mantel auf dem Arm. Er blieb stehen und schien auf sie zu warten. Nun erkannte sie ihn – Kronau war es. Sie hatte plötzlich ein behagliches Gefühl, als tauchte da in der tiefen, schauerlichen Einsamkeit eine wohlwollende Seele auf, als wäre es Erlösung, nicht noch stundenlang neben den Führer in finsterem Schweigen weiterstapfen zu müssen. Aber als sie in das Gesicht des jungen Mannes blickte, schauten ihr auch hier düstere, kalte Augen entgegen, aus denen alle Wärme und Güte gewichen schien.

»Sie kommen allein zurück? Ist ihrem Vetter etwas geschehen?« frug er rasch.

Als sie verneinte, fuhr er in viel gemessenerem Tone fort:

»Der Forstgehilfe erzählte, das Fräulein sei ganz allein da oben, der Herr, den sie erwartet habe, wäre nicht gekommen; erst habe sie nicht fort wollen und dann wohl dableiben müssen bei dem schrecklichen Wetter. Ihre Tante war sehr besorgt um Sie und um ihren Sohn. Sie flehte mit solcher Herzensangst, ich solle mich auf den Weg machen, Erkundigungen einzuziehen, daß ich ihr die Bitte nicht abschlagen konnte, obwohl es mir widerstrebte, mich in Ihre Angelegenheiten einzudrängen, mein Fräulein, und obwohl ich nicht das geringste Verlangen hatte, Herrn v. Werfen zu begegnen.«

Die Worte klangen hart und bitter aus einem tiefverletzten, leidenschaftlich erregten Herzen, und er vermied es, ihr in die Augen zu sehen. Er hatte sich in diesen zwei Tagen in seinem Verhalten zu ihr gründlich verändert.

Sie bemühte sich, so gleichgültig und ruhig als möglich zu erwidern: »Mein Vetter kam erst heute vormittag. Tante Klara hätte sich nicht um mich ängstigen brauchen, er ist frisch und munter. Ich fand es gräßlich in der Tauernhütte, besonders da es nun wieder regnet. Darum ging ich fort.«

Trotz ihrer Anstrengung, ihre rasche Rückkehr harmlos zu erklären, hörte er das Zittern ihrer Stimme, das verschleierte heimliche Weinen.

Mit einem bitteren Lächeln rief er: »Und ihr Herr Vetter ließ Sie allein weglaufen? Er ließ Sie allein da oben warten? Ein Vetter, an den man mit so glühendem Sehnen denkt, dem man mit so heißer Begeisterung entgegeneilt wie Sie, mein Fräulein?«

Mit einem zornigen, finsteren Blicke schaute er in ihr bleiches, müdes Gesicht und sah nun, wie aus den schönen , traurigen Augen große Tränen hervorquollen.

»Spotten Sie nur! Ich bin ja so unglücklich und niedergeschlagen, daß Sie mir kaum mehr weh tun können. Nehmen Sie nur Ihre Rache, ich habe keine Kraft mich zu wehren,« versetzte sie mit einem erstickten Schluchzen.

Der Führer war vorausgeeilt. Er stand allein mit ihr in dem von dichten Nebeln umhangenen Wald. Um sie rauschte der Regen.

Leidenschaftlich faßte er ihre Hand und drückte sie.

»Verzeihen Sie mir, ich habe zu viel gelitten in diesen zwei Tagen. Man kann nicht gut und liebenswürdig sein mit einem rasenden Schmerz in der Seele. Ich werde schweigen. Ich will Sie nicht mehr quälen.«

Stumm gingen sie nebeneinander in der Dämmerung dahin. Der Bergbach brauste tobend der Schlucht zu. Aus den Wolkenschleiern löste sich zuweilen ein Berggipfel, eine Felswand, die in düsterer, schwarzblauer Färbung erschienen. Dann schloß sich wieder der Nebel wie ein grauer Sack, der die Landschaft einhüllte. Endlos dehnte sich der Weg in Schmutz und Nässe.

Als Frau v. Werfen ihre Nichte blaß, erschöpft, mit tränenschweren Augen in das Zimmer wanken sah, vergaß sie ihren Verdruß, ihren festen Vorsatz, das unbesonnene Mädchen mit Vorwürfen zu empfangen, in warmer Besorgnis.

»Kind, was ist mit dir? Hermann ist doch gekommen?«

Heddy nickte; aber die teilnehmenden Worte weckten in ihr einen Tränenstrom. Aufschluchzend warf sie sich in die Arme der guten Frau, die ihr zärtlich über das Haar strich.

»Bist du allein, hast du ihn nicht mitgebracht, meinen Wildling?«

»O Tante!« klagten die schmerzlich zuckenden Lippen. »Du hattest recht. Er hat mich doch nicht lieb, er kann mich nicht lieb haben, sonst wäre er nicht so hart und grausam gewesen. Erst ließ er mich so lange allein, und dann wollte er, daß ich wieder in der schrecklichen Hütte bleiben sollte, in der ich sicher todkrank geworden wäre.«

»Für Schwäche und Krankheit hat Hermann kein Verständnis, Kind. Er selbst ist bärengesund, deshalb mußt du ihm eine solche Zumutung nicht verübeln. Glauben darfst du ihm, Heddy, wenn er dir sagt, daß er dich gern hat; er lügt niemals. Er hat dich gewiß lieb, aber in seiner Weise. Wenn du einen Kraftmenschen heiraten willst, eine Herrennatur, wie das die jungen Leute heutzutage nennen, um es zu rechtfertigen, daß sie sich mit unbegrenztem Egoismus als Mittelpunkt der Welt fühlen, dann mußt du von vornherein auf weiche Schonung verzichten. Auf den Bergen ist Hermann vor allem Sportmensch. Was ihn hindern könnte, wirft er als lästigen Ballast fort – auch alle zarteren Gefühle.«

Es lag eine nie vernommene Bitterkeit in dem Ton der wohlbekannten Stimme, und Heddy schaute verwundert in das bewegte Gesicht der Tante.

»Ja, ja, da hat das dumme Ding gemeint, ich sei eine böse Schwiegermutter, die ihr den Sohn nicht gönnen will,« seufzte Frau v. Werfen. »Und das dumme Ding war feindselig und ungerecht. Sieh, Kind, schon als ganz kleiner Junge, noch ehe er in die Schule kam, wehrte sich Hermann wie ein Wilder gegen jede Verhätschelung, jede Zärtlichkeit. Seitdem, also seit mehr als zwanzig Jahren, habe ich mich darin geübt, ihm meine Liebe zu verbergen. Eine Mutter lernt es wohl allmählich. Sie fordert nichts für sich, sie verlangt keine Rücksichten, sie läßt sich erziehen von dem großen Sohn zur völligen Entsagung und freut sich dennoch in aller Heimlichkeit, daß er ein so stolzer, kraftvoller Mann geworden ist. Aber mir ist oft bange geworden für das junge Weib, das er mir einmal als Tochter in Haus bringen wird. Es gibt ja Frauennaturen, die einen Herrn über sich fühlen wollen, denen es Bedürfnis ist, sich demütig zu unterwerfen. Du aber, mein Liebling, warst immer nur mit sanfter Güte zu gewinnen, und darum erschrak ich zu Tode, als ich sah, daß all mein Bemühen, euch voneinander fern zu halten, fruchtlos gewesen war.«

Tief ergriffen, in reuevoller Zerknirschung, lehnte Heddy ihr Haupt an die Schulter der treuen Beschützerin.

»Verzeih mir! Verzeih mir, Tante – Mutter!« flehte sie.

Die sanften Frauenhände liebkosten sie zärtlich tröstend. »Alle die Wärme, die mein Sohn zurückwies, habe ich dir gegeben, mein Kind. Ich selbst habe dich viel zu weich gewöhnt, mein einsames Herz brauchte ein Wesen, das es lieb haben durfte. Nun fühle ich mich wie eine Schuldige, wenn seine schroffe Art dich verletzt. Deine Tränen sind wie ein brennender Vorwurf für mich. Du mußt hart werden wie er, wenn du ihm gut sein willst.«

Heddy schüttelte verneinend das dunkle Haupt. »Nein, Mutter, nein. Es war ein Irrtum. Ich habe niemand lieb als dich.« –

Heddy lag am nächsten Tag fiebernd im Bett und fühlte sich so matt und elend, daß Frau v. Werfen sie nicht aus dem Zimmer ließ, denn es regnete draußen, und kalter Wind pfiff durch das Tal.

Von Hermann kam ein kurzer Brief:

»Nach dem, was Du getan, ist es zu Ende zwischen uns, verehrtes Bäslein. Du hast die Prüfung schlecht bestanden, die ich Dir auferlegt habe. Im ersten Moment wollte ich Dir nacheilen, dann sagte ich mir: Laß sie nur. Sie paßt nicht in die rauhe Luft, in der es mir wohl ist. Sie paßt nur hinunter ins Tal zu den weichen, matten Seelen. Es ist gut, daß wir zu rechter Zeit einsahen, daß wir nicht gemeinsame Wege gehen, nicht gleichen Schritt halten können. Mögest Du es nie bereuen, Heddy. Ein Mann von meiner Art begegnet Dir nicht zum zweitenmal. Mir ist nicht bang vor der Einsamkeit. Ich liebe sie. Beste Grüße an die Mutter.« –

Kronau hatte an dem Morgen nach jener trübseligen Heimkehr schon den Wagen bestellt, der ihn zur Bahn bringen sollte. Im letzten Augenblicke aber fand er es so unerträglich, ohne Abschied zu gehen, mit dieser beklemmenden Erinnerung an ihren schweigsamen Weg im Regen, daß er sich wieder nicht loszureißen vermochte. Sein tiefstes Herzenserlebnis hatte sich in diesem einsamen Hochtale abgespielt. Er mußte es noch einmal im hellen Lichte sehen. Sein Inbegriff von Schönheit und Glück war ihm das ernste Mädchengesicht gewesen. er mußte die Kraft haben zu einem würdigen Lebewohl.

Und als er Heddy nach Tagen wiedersah, lehnte sie weich und zärtlich im Arme der Tante. all das Harte, Trotzige, das ihm wie ein Widerspruch in ihrem Wesen erschienen, war verschwunden. Sie hatte auch für ihn ein freundliches Lächeln. Seine tiefe, leidenschaftliche Erschütterung hatte sie in ihrer traurigsten Stunde ihres Lebens erschreckt, geängstigt. Aber die Worte, die er ihr gesagt, klangen doch in diesen Tagen, in denen die Welt so leer und inhaltslos erschien, in ihr nach. Zu seiner Bitterkeit, in seinem Groll bebte doch der Herzenston, nach dem sie in Hermanns Nähe umsonst geschmachtet hatte, und es war ihr, als könnte ein Mensch, der selbst einen tiefen Seelenschmerz erfahren, am besten begreifen, wie es ihr zu Mute war.

Kronau fühlte, wie die schönen, betrübten Augen bei ihm Verständnis suchten. Wie gerne blieb er, als Frau v. Werfen mit ihrer sanften Stimme bat: »Reisen Sie nicht ab, helfen Sie mir, das arme Kind erheitern. Sie hat eine große Enttäuschung erfahren, und in ihrem Alter meint man, nun sei es für immer zu Ende mit aller Lebensfreude. Ach, und man kommt über so vieles hinweg und lernt wieder lächeln!« ...

Es war milde und heiter geworden nach dem Unwetter; eine klare, leuchtende Herbstpracht. Heddy hatte keine Vorliebe mehr für die düstere Schlucht mit dem wilden Bergbachrauschen, sie saß gerne neben der Tante auf der Wiesenbank in der freundlichen Dorfstille und schien dankbar, wenn der Doktor ihnen Gesellschaft leistete, ihnen Bücher brachte, von München erzählte oder die Namen der Pflanzen nannte, die er auf seinen morgendlichen Wanderungen sammelte.

Seine Eifersuchtsqualen verstummten allmählich, seit die Mädchenaugen nicht mehr mit dem sehnenden Blick in die Ferne irrten. Er fühlte, wie er täglich freier und liebenswürdiger zu plaudern wußte, weil ihm der hemmende Druck von der Brust gewichen war. Sein heiterer, lebhafter Humor kehrte allmählich wieder zurück, und wenn Heddy einmal über einen seiner Einfälle lachte, hatte er ein ganz närrisches Glücksgefühl.

Auf ihr enttäuschtes Herz wirkte seine treue Neigung wie eine süße Schmerzbetäubung, tröstend und beruhigend. Sie war erstarrt in der rauhen Luft, die sie da oben auf der Höhe umweht hatte. Frostschaudernd sehnte sie sich nach Güte, nach zärtlichem Liebkosen.

So saß sie neben Kronau in der Sonne und ließ sich durchwärmen von den weichen Strahlen und von seinen liebevollen Augen.

Und als sie dann endlich schieden, da drückte Frau v. Werfen dem jungen Gelehrten in einer Weise die Hand, die verriet, daß sie ihn schon als zur Familie gehörig betrachtete. Heddys Händedruck sagte noch mehr.








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