Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johannes Dose >

Die ?erschreckliche Flut? von 1634 und der Untergang von Alt-Nordstrand

Johannes Dose: Die ?erschreckliche Flut? von 1634 und der Untergang von Alt-Nordstrand - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/dose/flut/flut.xml
typefiction
authorJohannes Dose
titleDie ?erschreckliche Flut? von 1634 und der Untergang von Alt-Nordstrand
publisherM.-G.-Schmitz-Verlag
editorGuido Schmitz
year2010
isbn978-3-938098-45-5
firstpub1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.schmitz-verlag.de
created20100817
Schließen

Navigation:

Trutz dem blanken Hans

Die Linden und Eschen schüttelten ich im Winde, als fröstelte sie; und müde fielen die ersten dürren Blätter von Baum und Strauch. Tiefer und tiefer sank das große Himmelslicht und verlor an strahlender Helle, daß man es sichtbarlich spüren konnte von Tag zu Tag. Eine graue Öde legte sich auf die weite Flur, die so grün und goldig gestanden, und ein Schweigen auf alles Lebendige, das so viel Sangton und zirpende Sprache gehabt hatte.

Das Jahr 1634, das sonnenreiche, herbstete schon. Auf dem Grunde huschte das raschelnde Laub hin, und durch die Lüfte ging ein Rauschen, wie ein leises Ahnen, daß die Welt zum großen Wintersterben sich anschicke. Überall ein Schwermütiges, unter schillerndem Herbstgewande verborgen, und in allen Wipfeln säuselte die uralte Weise der Vergänglichkeit.

Die große Herbstpredigt vom Ende und der Eitelkeit aller Erdendinge, vom Welken und Vergehen, vom Sterben und Staubwerden lag über dem ganzen Lande.

Aber nicht alle vernahmen sie, nur wer Ohren hatte zum Hören, horchte ihr.

Hatte Boethius sie vernommen in diesen ersten Oktobertagen, hatte er gelegen und ihr gelauscht in dunklen Herbstnächten?

Ein schwermütig und fast finster blickender Mann bestieg die Kanzel von Westerwohld. Er sollte die Erntedankpredigt des Jahres 1634 halten vor einem vollen Gotteshause; und auf den Bänken sah er sie sitzen, Kopf an Kopf. Seine Seele war schwer vom Leide, die Stimme hatte einen eigentümlich geborstenen Klang.

»Viele Augen, an vierhundert wohl, lugen heute herauf zu mir, hell und lebendig … Aber in Jahres- oder Mondesfrist … wie viele von diesen Augen werden gebrochen sein und sich geschlossen haben zum ewigen Schlafe?«

Ein Kuck der Köpfe, in allen Augen ein Schreck, und dann in manchem Blick die bange Frage: »Bin ich's?«

»Es sprach Jehova, der Herr des Himmels und der Erde, des Feuers und des Wassers: Die Bosheit der Menschen ist groß geworden auf dem Nordstrande, und die Menschen wollen sich von meinem Gott nicht mehr strafen lassen, denn sie sind Fleisch. Und ich habe billig mit ihnen gehandelt, seit der letzten Dezemberflut eine Frist von achtzehn Jahren ihnen gegeben. Nun aber begehret mein Grimm auf wider meine Gnade: Es ist genug! Verfallen ist die Frist! Das Gericht ergehe, und der große, schreckliche Tag breche an!«

Inne hielt der Redner, als wenn er einen Widerspruch höre, und begegnete ihm also: »Wenn es nicht bei strenger Pön verboten wäre, einem Prediger dazwischenzureden, würdet ihr den Mund aufreißen und mir zurufen: Was stehest du droben auf dem Stuhle, Herr Peter, und schwatzest von künftigen Dingen, als wenn du ein Petrus wärest und wie ein Geheimkrämer im Rate des Himmels gesessen und vertrauliche Zwiesprach' mit Gott gehalten hättest! Antwort: Im Gebet auf meinen Knien habe ich solche Zwiesprach' mit Gott gehalten. Und fürwahr nicht der Mann, der gemeiniglich Peter Boethius genannt wird und ein schlichter Bauernpastor ist, sondern ein anderer, an dessen Statt ich stehe, kündigt euch heute, und aus Antrieb des heiligen Geistes darf ich es nicht verhehlen: Böse Gezeit und schweres Unheil stehet diesen Marsch- und Meerländern bevor! Ach, daß ich Stimme besäße, zu weinen um dieses verlorene Paradies, und eines Abraham Fürbitte, um den Zorn zu wenden. Wehe dir, Wester- und Osterwohld, wehe dir, Balum und Buptee, und der ganzen Beltringharde, darinnen ihr gelegen seid! Vergehen werdet ihr im salzen Wasser, und eine grüne Trift ist geworden zum grauen Watt! …

Ihr aber verklebet eure Ohren und keifet dawider: Stehet nicht geschrieben, daß vor dem letzten Tage Zeichen geschehen sollen am Himmel und auf Erden? Und die Zeichen sind geschehen! Haben nicht das Meer und die Wasserwogen genug gebrauset? Kommt nicht die Flut zwei Mal des Tages, und die Wellen klatschen an das Ameisenwerk eurer Dämme, und ihr hört nicht ihr Dräuen: Wartet, ihr Haff- und Stackdeiche, ihr Moor- und Mitteldeiche, wir werden euch übermögen! Ihr aber seid nicht verschmachtet vor Furcht und Warten der Dinge, die kommen sollen, sondern habt euch getröstet: Meine Zeit stehet es wohl! … In der ehegestrigen Nacht hat der ganze Nordhimmel gebrannt, als renneten zwei feurige Heere wider einander, und mir grauste. Ihr aber achtet es als eine gemeine Erscheinung: Da ist das Nordlicht und bedeutet eine Veränderung des Wetters! Darum will ich vor so klugen und wetterkundigen Leuten lieber schweigen von der Sternrute, die letztlich am Himmel gesehen worden ist …, sonst könnte ich den Kometen wohl deuten, daß der Herr die Sternrute am Himmelsfenster aufgesteckt zum Winke, daß er nunmehr die Zorn- und Zuchtrute hervorhole, die Menschenkinder zu stäupen …

Bist du aftergläubig? Sprechet ihr. Nein, solche Vorzeichen und Vorbedeutungen kommen als Bußprädikanten und Schnellboten Gottes, daß sein Grimm keine Weile und keine Rast mehr habe. Aber der letzte und schlimmste Bote heißet Allerheiligen …, der alte und böse Unfriedbringer stehet vor der Tür und klopfet an mit der knöchernen Hand: Tuet Buße und bekehret euch, daß eure Seele nicht sterbe in ihren Sünden …«

Ein heiliges Rasen ergriff den Mann. Unversehens und unter der zwingenden Gewalt seiner Gedanken war das Erntedankfest zur Weltuntergangspredigt geworden. Gegen den Schluß hin wurde die markige Stimme gedämpft zum scheuen Flüstern, und von der Kanzel herab offenbarte er der Gemeinde das Geheimnis des Hauses: »Ich habe in meinem Hause eine reine Jungfer …, die ward ehegestern entrückt im Geiste und hat ein Gesicht gesehen und vor mehreren Zeugen geweissagt: … Kommen wird die Zeit, wo der Schiffer zum Steuermann sagen wird: Hüte dich vor dem Wohlder Sande.«

Grabesstille folgte den Worten, und dann das laute Geräusch eines Männerschrittes.

Mitten im Gange stand er, nach oben den glühenden Blick gerichtet und zu dreien Malen den Ruf wiederholend: »Wohlder, bekehret euch! Wohlder bekehret euch!«

Der Mann war Klaus Rickmers, und die Rede wirkte fast wie ein eingeschlagener Blitz auf die Menge.

Alsogleich aber donnerte es von der Kanzler herab und auf sein erhobenes Haupt: »Du Bußprediger und Bileam, war hat dich berufen? Weißt du nicht, wer sich mit seinem Prediger auf dem Gestühl ins Gespräch begibt, der soll auf seinen störrigen Hals gestraft werden!?«

Gert Hinrichs, der Kirchenjurat, führte den Kleier zur Tür hinaus, wie man einen Kranken geleitet.

In einem andern Sinne, als Boethius es gemeint hatte, war aus Laien und schlichten Leuten ein Mann erstanden, welcher Bekehrung und Buße predigte dem zuchtlosen Geschlecht.

Mitten in der Feldarbeit stützte Sönkes Sohn sich auf die Schaufel und hielt tiefsinnige Reden aus Schrift und Prophetie vor den blöde gaffenden Genossen. Es ging über ihren Tagelöhnerverstand, und gutmütig ließen sie ihn gewähren als einen, der unwirsch geworden sei von der Schmach der Tochter. Auch wenn der Kleier im Graben stand, grüßte er die Wegfahrenden mit einem Bibelwort und rief ihnen ein dumpfes: »Bekehret euch!« nach.

Dem Geiste, wenn er über ihn kam, tat er seinen Willen. Und es geschah eines Abends auf der Dorfgasse, daß Ackerknechte und übermütige Dirnen ihn umringten: »Predige uns, Klaus Rickmers, predige uns!« Stracks willfahrte er ihrem Begehr, sah reglos zu den Wolken empor und hielt einen langen Sermon, eintönig und wie ein auswendig Gelerntes.

Sie aber trieben ihr Gespött mit ihm, und er merkte nicht ihre Arglist, noch auch, daß einige ihn von hinten mit Kleiklumpen bewarfen.

Da kam Boethius des Weges und fuhr mit seinem Stocke dazwischen, so daß sie wie ein Haufe von Gassenbuben auseinander stoben. Den Kleier aber schalt und bedräute er: »Fahre aus, du unsauberer Geist!«

Heimwärts ging der Pastor und kam an einem Hause vorbei, in dem Tolke und Tedje und mehrere, die zu ihrer Sippe gehörten, versammelt waren. Der Wegfahrende sah nicht die kleinen, lauernden Augen hinter den halb erblindeten Bleischeiben, nicht die glimmende Tücke in Tedjes, noch den glühenden Hass in Tolkes Blick. Auch klangen dem Schreitenden nicht die Ohren von der üblen Nachrede, die sie hinter ihm führten von nun an und wohl die halbe Nacht.

Die Erntedankpredigt war der Gegenstand aller Gespräche im ganzen Westerwohld. Den Kirchleuten war sie in den Körper gefahren. Gert Hinrichs und andere spürten keine rechte Eßlust und saßen mit einem nachdenklich sinnenden und verhagelten Gesicht vor dem Tische. Einige wenige von denen, die eine Bibel hatten, holten das verstäubte Buch vom Wandbort herunter, schlugen aufs Geratewohl auf, stabten die großen Buchstaben zusammen und mühten sich, einen Sinn zu finden. Aber die meisten erholten sich noch vor dem Vesperbrote und aßen und tranken wie zuvor.

Am Montag wehte es scharf aus Südwesten, die Mühlen hatten großen Zuspruch. Man vertrieb sich die Wartezeit mit Schwatzen von Wind und Wetter. Dieser Südwest werde nichts tun, sondern sei ein Krümper, wie sie es nannten, der bald umspringe.

Dann kam Boethius weidlich vor, und die Predigt wurde durchgehechelt. Die Frechsten spotteten und führten gottlose Reden. Aber die Zaghaften schüttelten den Kopf und hatten ihre Bedenken, just nicht wegen der Predigt, sondern um der Jungfer und ihrer Prophezeiung willen. Solches sei von früheren Fluten her gemeldet worden, auch hätten Knechte und Mägde im Dorf verkündet, daß Hertie eine Weissagung getan habe. Die Frechen überschrien die Furchtsamen, und die letzteren verließen die Mühle, sobald sie ihre Gewerbe ausgerichtet hatten.

Tolke saß inmitten seiner Kumpane, und obgleich er nicht in der Kirche gewesen war, schlug er dennoch mit der Faust auf den Tisch und schrie: »Das war die Erntepredigt dieses Jahres! Ein Pastor soll Regen und Sonnenschein herabreden zur rechten Zeit und weiter nichts, dafür bezahlet die Gemeinde ihn …«

»Was, die Kindtaufen?«, wisperte Tedjes boshafte Zunge.

Nach einem wütenden Grunzen führ der von Olufswarf fort: »Er hat schon voreh auf der Kanzel die Pest herabgeredet, daß sie kommen und uns Beine machen möge … Nun aber hat er den blanken Hans gerufen und das Meer und die Flut und den bittern Tod des Ersäufens im schändlichen Wasser uns allen an den Hals gewünscht. Lasset uns ihm die Predigt versalzen!«

Die um Tolke Gescharten gerieten in Eifer und redeten hin und her.

»Wir haben ein Gesetz wider Wahrsager und Zauberer!«

»Jetzt ist es straßenkundig und mühlenrüchtig geworden, auch haben wir Zeugnis aus seinem eigenen Munde, daß er ein Weib, das höllische Künste treibt, in seinem Hause beherbergt.«

»Eine reine Jungfrau nennt er sie, und sie ist eine unflätige Zauberin, mit deren Worten er die Leute zu schrecken und zum Gehorsam zu kuschen denkt.«

»Wohlan, wir wollen ihn bei Vogt und Staller verklagen und bis an die herzogliche Kammer gehen … Die Hexe muss eingeäschert werden, und er soll als teilhaftig ihrer Zauberei mithangen und mitbrennen.«

»Ei, dann will ich Heizer sein!«, lachte Tolke roh.

Also geiferte diese Sippe.

Dieweil fuhr der pfeifende Wind um das Haus, und es klang wie ein Winseln der Lüfte. Um Mitternacht aber hob er sich und heulte durch das Land, als wären alle Hunde losgelassen auf der Dorfgasse. Das heisere Bellen der Westsee bedeutete nichts Gutes, unheimlich klang das Ächzen der Bäume, deren Wipfel sich bogen.

Bei Taganbruch, als der Osthimmel sich hellte, stand Edleff auf der Warf, sah nach den Wolken und der Wetterfahne, die um keinen Strich gerückt war, und nahm nach allen Seiten die Witterung wie ein seekundiger Mann. Der Deichgraf begehrte keinen Morgenimbiß, sondern rief nach seiner braunen Stute, daß sie flugs gesattelt werde. Die war ein edles Halbblut und rechnete sich im zweiten Gliede aus dem Gottorpischen Gestüte.

Warum riß er die schwere Lederpeitsche vom Haken? Das Tier bedurfte nicht des Sporns und duldete nicht die Gerte. Von dannen sprengte er, fest umklammerte seine Faust den kurzen Stiel, und um die Lippen saß der harte Zug: Wenn es Not täte, wider alle Widerspenstigkeit davon Gebrauch zu machen! Kreuz und quer ritt er von Warf zu Warf, rief bündigen Befehl durch die offene Dielentür, und weiter flog die Stute auf unbetretenen Richtstegen, über aufgeweichtes Feld und angeschwollene Gräben.

Das Wesen des Deichgrafen hatte etwas Eisernes, das Furcht einflößte. In der ganzen, an Unbotmäßigkeit so reichen Geschichte der Dreiharden war kein Exempel so schnellen Gehorsams. In zwei Stunden stand die gesamte aufgebotene Mannschaft auf dem Plane. Der Deichgraf gab dem Knechte die Zügel, aber die Lederpeitsche ließ er nicht aus der Hand.

Auf den beiden Deichhäuptern der Balumer Wehle, die noch zwanzig Ellen von einander standen, wimmelte es von Menschen, Wagen und Karren. An vierhundert Hände regten sich. Aber wegen der Tücke des Grundes versanken die Erdmassen wie Wasser, das man in ein Sieb gießet.

Am Nachmittage sprachen die Mutlosen wie zuvor: »Die Wehle ist nicht zu stopfen!« Aber der Deichgraf stampfte mit dem Fuße und schrie einen Befehl. Draußen im Siele lagen die großen Prähme, welche die Steine zum Bau seines Hauses herbeigeschafft hatten. Auf Walzen rollte man den ersten Prahm heran und versenkte ihn im Loche. Dann füllte man ihn mit Steinen und Erde bis oben an und verpfählte ihn auf allen Seiten mit starken Latten. Der Prahm sank nur um zwei Fuß. Der zweite, in gleicher Weise gehandhabt, stand fest, und die zwei letzten füllten die Wehle.

Ein hallender Jubelschrei stieg auf vom Deiche und übertönte den heulenden Wind. Gedämpft war die Wehle und das ungeheure Loch überwältigt von Wohlder Kraft! Nicht wie ein Dankruf, sondern wie ein Triumph- und Siegesgeschrei brach es aus zweihundert Kehlen und schlug gen Himmel.

Alle Hände griffen zu mit verdoppelter Kraft. Bald war alles geebnet, mit Buschwerk besteckt und mit Soden belegt. Kein Riß und kein Deichhaupt mehr, nein, soweit das Auge reichte gen Süden und Norden, nur ein einziger unabsehbar langer Damm, breit wie ein Königsweg und hoch wie die höchsten Warfe. Geschlossen waren die Mauern der Meerburg, und der Nordstrand eine unbezwingliche Feste.

Der Deichgraf warf die Peitsche weg und tat den letzten Spatenstich, um das Werk zu weihen, wie es Sitte war und ihm gebührte.

Stolzen Blickes maß er sein Werk und sprach langsam: »Wir haben jetzo einen eisernen Deich!«

Dann stieß er wuchtig den Spaten in den Grund, sah über das Meer, das von seinem Wüten in weißem Gischte stand, wie ein Sieger hinschauet über den ergrimmten Gegner, der zu seinen Füßen lieget, und seine Stimme übertönte den Sturm: »Trutz dir da draußen! Komme nur, blanker Hans, wir wollen dir begegnen!«

Das war der Weihespruch des Deichgrafen, da der Deich geschlossen und die Balumer Wehle verstopfet war. Ein Schweigen folgte den Worten.

Fast zur selben Stunde sprang der Wind um nach Süden und legte sich dann plötzlich zur gänzlichen Windstille, wie es nicht selten geschieht in diesen Marschländern. Nur die See ging noch in hoher Dünung. Scheu sahen die Wohlder nach dem Mann, der auf seiner Stute heim ritt. War der Wessel ein Mann, der das Wetter besprechen und den Wind bedräuen konnte? Ob auch der blanke Hans ihm untertänig sei? Nein, horch, wie er grollte in seinem Grimm, denn hinter sich hörten sie das Donnern der Dünung.

Einzelne Nachzügler blieben zurück hinter dem Haufen, aber nicht von den alten und engbrüstigen, sondern just von den jungen und kräftigsten Leuten. Der Vogt, welcher in dem Steigbügel stand und sich zurück bog, bemerkte es wohl. »Was soll's?«. Schon strebten sie mit langen Schritten zurück zum Haffdeiche.

Edleff war aus dem Sattel gesprungen und hatte dem Knecht das Pferd übergeben. »Ich muss zum Deiche, denn es ist die Stunde des Seewechsels, und ich will sehen, ob es ebben wird zu seiner Zeit.«

Auch ihm war das Segel draußen auf der Schmaltiefe, mit dem die Wellenberge ihr Spiel trieben, nicht entgangen.

Noch ging das Meer hoch und hohl, und die Flut brandete über das Vorland, aber mit brechender Kraft, denn ihre Stunde war gekommen.

Hinter dem Deichkamme lagen die lautlosen Männer, wie spähende Landsknechte hinter der Brustwehr, und starrten unverwandt hinaus in die rollende See. Die Friesen haben scharfe Augen. Und alle Sehkraft dieser Augen war aufs Äußerste geschärft und auf einen einzigen Punkt gerichtet. Die hüpfenden Wasserkegel dort drüben – es war die Brandung. Mitten darin sahen sie ein Schiff wie eine taumelnde Nußschale hervorspringen und verschwinden.

»Gott segne unsern Strand, es wird zerschellen!«, lachte einer der Strandwächter. Die Stimme war Tolkes.

Nein, das Gebet ward nicht erhört. Diesseits der Brandung stampfte es, deutlich sichtbar waren die beiden Masten und die gerefften Segel.

»Daß die Ebbe käme! Es müßte sich festrennen auf der Sandplatt' …«, murmelte ein anderer.

Das Meer schien diesem frommen Wunsche zu willfahren. Erschöpft von seiner Arbeit, holte es Atem in tiefen Zügen, und die aufgesaugten Gewässer wichen zurück vom Vorlande. Der schwer beladene Holländer schlingerte stark, dann ein Stoß, und er stand fest auf der Sandbank. Die Strandwächter sprangen auf und stoben auseinander. Einige rannten nach den Böten im Sielzuge, andere dem Dorf zu, und unter diesen Edleff Wessel.

Mit Wasserstiefeln und Seehundsjacke angetan, zur Bootfahrt und Bergung gerüstet, eilte er aus seinem Hause und den Strandweg hinab. Eine hohe Frauengestalt, das Antlitz vom Kopftuch verhüllt und die Zöpfe am Gürtel festgebunden, kam ihm entgegen. Er kannte sie von weitem, denn in der ganzen Harde war nur eine so stattliche Maid. Und ihm dünkte, daß sie in Wahrheit das einzige Weib dieses großen Eilandes sei.

Hatte Etta Boethius vergessen, was sie dem Vater vor seiner Reise nach Gottorp geloben musste? Sie nämlich tat die Anrede: »Wohin wollt Ihr, Edleff?«

In froher Laune trällerte er als Antwort.

Frie ist de Fichfang
und frie ist de Jagd,
frie ist de Strandgang
und frie ist de Nacht.«

Ein fast trauriges Kopfschütteln: »Leid tut mir der zappelnde Fisch und das schreiende Häslein; der freie Jägersmann ist mir ein leidiger Totschläger, und der Strandläufer … ist er nicht erpicht auf seines Nächsten Habe? Wie könnte Unheil mir zum Glücke gereichen? Und eines andern Weh meine Wonne sein? Oft fragte ich mich, ob nicht Strandgewinn ein unrecht Gut sei.«

Verständnislos sah er sie an, solche Sprache ging über seine Begriffe und den engen Gesichtskreis seines Standes und seiner Zeit.

»Es ist ja ein Gesetz … Wie hätte sonst der Herzog seine Strandvögte dazu bestellt, daß sie das Dritteil für die herzogliche Kammer vorwegnehmen …?«

»Ich wollte, der Herzog hätte statt der sieben Strandvögte sieben Leuchtfeuer mit weithin warnendem Schein an diesen unseren Küsten bestallt! … Zahllose würden dem bittern Tod im salzen Wasser entrinnen.«

»Aber der Strand bliebe ungesegnet …«

Sie strich das Kopftuch zurück, und trotz seiner Worte sah sie bewundernd empor zu dem Manne, der vor ihr stand. »Sie rufen durch das Dorf, der Deich sei vollendet, und Ihr seid der Mann.«

»Darum war ich Deichgraf«, sprach er bescheiden.

»Mächtig war Euer Wille, und nicht ohne Gewalt habt Ihr das Höchste ausgerichtet.«

»Ach, mein Wille ist gar unmächtig in dem Einen … Und was ist das Höchste und das Beste und das eine und letzte Ziel meines Willens?«

»Mein Vater sagt, es sei ein seliges Sterben … Mir aber stehet es nicht so düster, sondern es schwebet mir vor wie steter Frühling, wie Freiheit von aller Fehde und seliger Friede.«

Da brach es aus der verschlossenen Herzenstiefe: »Etta, Etta, Ihr seid das Höchste und das Beste auf diesem Eilande und das eine und letzte Ziel mir in aller Welt!« Seine Arme streckten sich nach ihr. »Ich weiß, daß du mein bist … Erst wenn der Minne Gewalt dich hinwegreißt und treibt zu mir …, dann, dann ist Seligkeit …«

Ein Erschauern durchbebte ihren Leib, und ihre Stimme erzitterte: »Mir graut vor einem Himmel der friedelosen Seligkeit.«

Auf einem Ackergaule, den er unbarmherzig zu Sprüngen antrieb, jagte Tolke vorbei und lachte laut auf. Das Schlammwasser der Wegpfütze überspritzte beide.

Etta Boethius ging. Mit dem Nas-Tüchlein wischte und rieb sie am Rock des Kleides, aber zäh und klebrig war der Schlamm. Es blieben vom heutigen Gange Flecken haften an ihrem Gewande.

Die Strandläufer sprangen in das Boot und griffen in die Riemen. Edleff steuerte den Priel hinab und ins offene Wasser. Seitwärts geneigt stand die große Schmacke auf der Sandbank, und die seichten Wasser klatschten harmlos gegen ihren Bug. Des Bootes Steuermann übersah mit einem kundigen Blick die Lage und sprach: »Die nächste Flut wird ihn flott machen.«

»Pst, pst«, machten die Ruderer, damit solche Reden nicht an das Ohr des Schiffers, der über die Reling sich lehnte, dringe. Der schwer befrachtete Holländer war nach Husum bestimmt, und seine reiche Ladung bestand aus fremdländischen Tuchen und kostbaren Südweinen.

Durch das Sprachrohr der vorgehaltenen Hände schrieen die Ruderer: »Die Schmacke sitzet gut und ist verloren … Wir wollen Mann und Ladung bergen!«

Aber van der Huyt, der Schiffsherr und Eigentümer, wollte sich nicht bergen lassen, denn er kannte das Strandrecht dieser Küsten. Einen Teil nämlich nahm der Berger hinweg, auf einen andern legten die Strandvögte im Namen der herzoglichen Kammer die Hände, und das letzte Drittel seiner Habe durfte der Besitzer behalten, das heißet, so viel oder besser so wenig, als die vielen und unbefugten Hände der mannigfachen Strandläufer davon übrig gelassen hatten.

Umständliche Verhandlungen begannen, und in dem Boote waren viele Wortführer, aber der Steuermann schwieg.

Mit menschenfreundlicher Rede drängten sie die Schiffbrüchigen, ihr Leben zu retten und in das Boot zu steigen. »Wohlan, wollt ihr mit Mann und Maus elendiglich ersäufen? Die Fässer und Kisten werden uns nicht entgehen.«

Der grauhaarige Holländer war ein beharrlicher Mann und weigerte sich, sein Schiff zu verlassen, denn er wußte, sobald er den Fuß von den Planken setzte, war die Schmacke herrenloses Strandgut. Die Mannschaft aber murrte laut und immer lauter.

Dicht unter dem Buge stand die Nordstrandinger Schute. Tolke sprang auf die Ruderbank und verschwor sich bei St. Christian, dem Schutzpatron der Schiffer: »Bei dem Himmel und allen Heiligen! Wir kennen die See und die Tücke dieses Ortes. So wahr die Flut in vier Stunden kommt, wird sie das Schiff in vier und mehr Stücke zerschlagen.«

Da meuterte die Mannschaft wider ihren Herrn, kletterte über die Reling und sprang in die Schute. Was konnte der starrköpfige Schiffer ausrichten wider Meer und Menschen? Als letzter setzte er den Fuß von den Planken, und in den eisgrauen Wimpern standen zwei Tränen.

Groß war die Lustigkeit der Bootsleute, mit lautem Singsang griffen sie in die Ruder. Auch konnten sie nicht lassen, grinsende Blicke sich heimlich zuzuwerfen. Van der Huyts graue, schlaue Augen merkten wohl Unrat, aber zu spät.

Nach kurzer Dämmerung lag die dunkle Herbstnacht auf dem Meere, und der Wind schlief ein. Nur die tote Dünung rollte hin und her wie ein Träumender, der auf seinem Lager sich wälzet.

Der Deichgraf lud den Schiffer und sechs von der Mannschaft bei sich zu Gaste. Die anderen Berger zogen toll und wild vor Freude zur Schenke, um die Segnung ihres Strandes zu feiern. Auch berieten sie sich und beschlossen, bis zum Morgen wach zu bleiben und in der Frühe das Schiff, ganz und heil und mit seiner Ladung an Bord, zu bergen. Mitternacht war vorüber. Einige schliefen auf den Bänken, zwei schnarchten unter dem Tische, andere saßen und schrieben mit Kreide auf dem Tische und berechneten den Gewinn und eines jeden Anteil an der Beute.

In der Vogtburg, wie die Leute mit scheelsüchtigem Spott das neue Haus nannten, lag van der Huyt in dem hoch geschichteten Federbette, die Sorge ließ ihn kein Auge zutun. Auch Edleff Wessel konnte keinen Schlaf finden. Eine heiße Unruhe war in seinem Geblüt und in seinem Haupte eine Hatz von vielen und widersprechenden Gedanken. Ettas Gestalt, wie sie das Kopftuch zurückstrich auf dem Wege, wich nicht von ihm, und ihre Rede kam wieder Wort für Wort. Einen jähen Entschluss faßte er und sprang aus dem Bette.

Der wache Schiffer hörte seinen Schritt und griff nach dem Messer. Aber barsch hieß Edleff ihn aufstehen und weckte die Mannschaft. Gegen diesen, der in Seehundsjacke vor ihnen stand, murrten und meuterten sie nicht, sondern in Unwissenheit, was er von ihnen wolle, gehorchten sie seinem Befehl. Zu achten gingen sie die Dorfstraße hinab. In dem Bierhause war noch Licht, aber kein Lärmen drang an ihr Ohr. Edleff wandte sich nach hinten und sprach kurz: »Strandgut ist ehrlich Gut! Aber in diesem ist Tücke und Trug … Wohlan, wir wollen zur Nacht Schiff und Ladung bergen und nach Husum bringen … Die Flut ist gekommen und wird es flott machen.«

Kein Wort ward mehr gewechselt. Kein Stern leuchtete am Himmel, als sie ins Boot stiegen. Dennoch fand Wessel seinen Weg durch die finstere Nacht und über das Wattenmeer mit seinem verschlungenen Labyrinth von Seegossen und Sandbänken. Ein leises Morgenwehen hauchte vom Westen her über das Wasser. Als sie die Segel gesetzt hatten, blähten sie sich, und der Kiel knirschte über den Sand. Bald strich die Schmacke auf der Schmaltiefe hin, und ihr Steven war nach Osten gerichtet.

Ei, was waren das für Strandläufer, die bei Taganbruch auf dem Haffdeich hin- und her rannten und sich mit bei beiden Fäusten den Schlaf aus den übernächtigten Augen rieben? Die Sandplatt war leer! Es nützte nichts, daß sie sich gegenseitig der Trunkenheit beschuldigten und keiner seinen eigenen Augen trauen wollte. Die Schmacke war spurlos verschwunden! Und wo war die Schute? Da fing ein Fluchen und Wettern an bei dem Teufel und allen seinen Gefolgsleuten, und hinterdrein zeterten und zankten sie miteinander, denn jeder wollte böse Ahnung gehabt oder guten, aber ungehörten Rat gegeben haben.

Wo war das Schiff? Mit seiner kostbaren Ladung an Bord, heil und unversehrt lag es am Husumer Bollwerk vertäut und schickte sich zum Löschen an.

Van der Huyt war kein Knauser und schnallte die schwere Geldkatze auf. »Vogt, wie viel Bergelohn wollt Ihr?«, sprach der Schiffer.

Und der Vogt: »So lange der Schiffsherr auf seinen Planken steht, ist keine Strandung nach unserem Recht … Ich war nur Euer Lotse.«

»Gut, so will ich Euch an Lotsengeld tausend Gulden geben.«

In schimmernden Stücken wurden sie bedächtig auf den Tisch gezählt. Und die Vogthand zögerte. Dann aber raffte sie mit jähem Entschluss und hastigem Griff den Lotsenlohn zusammen.

Edleff segelte aus dem Hafen von Husum. Die vielen Stücke des gleißenden Metalls beschwerten ihm alle Taschen des Wamses. Der Wohlstand der Wessels hatte sich gemehrt in einer Nacht um mehr als fünf Jahre Zins und Wucher zu den Zeiten des Vaters. Edleff sagte sich, daß es ein gesetzliches Tun sei, dem kein Tadel etwas anhaben könne.

An der Ladestelle im Sielzuge befestigte er die Schute und stieg an Land. Viele, völlig bewegungslose Männer standen am Ufer, und unter ihnen die meisten Gesellen der gestrigen Strandfahrt. Keiner rührte ein Glied oder redete ein Wort, nur die Augen rollten und richteten sich auf jenen. Edleff sah den verbissenen Grimm der Gesichter und den grollenden Gruß der Augen, und wie zum Gegengruß legte er die Hand auf das Dolchmesser, welches er stets an der Seite trug. Kalt war sein Blick, wie eine Besichtigung, und sehr langsam und fest das Aufsetzen seiner Füße beim Vorüberschreiten.

Droben auf dem Deichkamme aber stand eine Gestalt mit flatterndem Gewande. Es war Etta, und er meinte, den herzigen Gruß ihrer Augen sehen zu können. Hoch hob sich sein Haupt, und das Westlicht flutete über sein Antlitz. Eine wunderbare Weichheit und Helle war darüber ausgegossen. Zu drei Malen hatte die auf dem Deiche ihm zugewinkt. Das sollte ihr Dank sein dem Sieger, der sich selbst besiegte.

Bald aber ging er vornüber gebeugt wie ein Belasteter, denn das Gold im Wamse beschwerte ihn beim Gange.

Ein Flachboot lag an der Ladestätte und entlud sein Stückgut. Zwei Männer trugen einen leeren Sarg vom Verdecke und setzten ihn auf den Strand. Dann kehrte einer zurück und brachte ein anderes Bettlein, eine Wiege, die er oben auf den Sarg legte. Mit dieser zwiefachen Last wateten sie durch den Sand und die Höhe hinan. Tolke aber schielte nach ihnen und ihrer Bürde und schlich sich von dannen.

Sönke, der Lebende, hatte für die letzten Stücke seiner Ersparnis sich den Sarg aus Husum mitbringen lassen. Denn er hatte mit dem Kopfe genickt und gesprochen: Diese Truhe soll mein Totenbett sein, und darinnen will ich schlafen von nun an bis zum letzten und längsten Schlafe. Die Wiege aber? Sie war bestimmt für Almas Kind. In diesem Bettlein sollte Sönkes Urenkel seinen ersten Schlaf tun und seinen ersten Traum träumen.

Von eben denselbigen Tagen an tat Klaus Rickmers keine Kleiarbeit mehr, sondern predigte nur. Und wenn er in höchster Verzückung dastand, ward er plötzlich bleich wie der Tod und ein Blutsturz brach aus seinem Munde. Er konnte aber den Leuten vorher künden, zu welcher Stunde er bluten werde.

Auch hatte er aus Hesekiel am sechzehnten eine Weissagung wider Sodom aufgestellt und vermaß sich, aus Daniel am letzten die Wochen und Tage zu wissen, und daß der große Gerichtstag und der Untergang der Welt kommen werde am letzten Sonntage vor dem Advent dieses selben Jahres.

Auf seine Worte hörten mehr Leute als auf Boethius' Predigt. Ja, an diesen, den Kleier, weil er predigte und blutete, glaubten sogar einige, so daß sie anfingen, verwunderlich sich zu gebärden mit Beten und Händeringen.

In der Dachdeckerhütte lag Sönke in seinem Sarge und schlief. Hinten am Herde beim Scheine des Kienspans beugte sich Alma über die Wiege, darinnen ein Kind lag. Es ihr Kind, das unter ihrem Herzen geruht hatte, und sie lächelte mutterselig. Dann setzte sie ihm das fertige Häubchen von Linnen, auf dem nach Nordstrander Sitte ein Kreuz von schwarzem Tuche genäht war, auf das Köpfchen und zog die Stirnbänder immer fester und fester. Denn man sagte, daß solchen, welche später seekrank geworden, die Bänder nicht eisenfest genug gewunden worden wären. Und das Kindlein weinte.

Alma legte es an die Brust, koste und flüsterte: »Ei, du sollst mir nicht bleiben auf diesem bösen Strande, sondern wirst als ein starker Schiffer fahren auf freiem Meere … Darum darfst du nimmer seekrank werden … Warte nur, du Schalk, der Jahre zwanzig noch, dann ziehest du auf eigener Schmacke von hinnen, weit, weit, wo kein Nordstrandinger je gewesen, und deine arme Mutter wirst du mir dir nehmen …«

In dem Kinde erträumte die Mutter ihren Trost.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.