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Die ?erschreckliche Flut? von 1634 und der Untergang von Alt-Nordstrand

Johannes Dose: Die ?erschreckliche Flut? von 1634 und der Untergang von Alt-Nordstrand - Kapitel 8
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typefiction
authorJohannes Dose
titleDie ?erschreckliche Flut? von 1634 und der Untergang von Alt-Nordstrand
publisherM.-G.-Schmitz-Verlag
editorGuido Schmitz
year2010
isbn978-3-938098-45-5
firstpub1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.schmitz-verlag.de
created20100817
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Dorfherr und Kirchherr

Die Reise des Herrn Boethius war sehr bald ruchbar geworden. Knecht und Magd, die sonst jedes Geschehnis der Pastorei der Gemeinde vermittelten, verhielten sich schweigsam, weil sie selbst nichts wussten über Zweck und Ziel der plötzlich unternommenen Fahrt. Viele Vermutungen wurden laut. Aber die unter den Dorfinsassen um ihres anschlägigen Kopfes willen in Ansehen standen, meinten verschmitzt, es sei kein Zweifel, daß der Pastor auf dem Festlange umgehe, um anderweitig Amt und Berufung zu erbitten. Diese Ansicht, weil die wahrscheinlichste, wurde gegen Ende der Woche die allgemeine in Westerwohld.

Am Samstage, um die vierte Stunde, trat Peter Boethius über die Schwelle des Hauses. Er küßte seine Kinder und herzte sie fast. Sein ganzes Wesen war so frohgelaunt, daß Etta sich verwunderte und alsogleich fragte: »Wie ist es dir ergangen, Vater?«

»Ei, du Evakind, wenn du bis morgen dich gedulden müßtest …«, lächelte er geheimnisvoll.

Etta dachte: Also blicket kein Mann, der schlimme Botschaft bringt. Auch als sie vom Mutwillen der Deichleute berichtete, war es nur eine kleine Wolke, und der Vater blieb wohlgemut wie zuvor. Im Berichte wurde Edleffs Name nicht genannt, und auch der Bruder schwieg, als hätten die Geschwister geheime Verabredung getroffen. Sie hatten es aber nicht.

Boethius hatte die holländische Wanduhr, nachdem sie neun Schläge ausgeschlagen, bedächtig aufgezogen. Auf dem Tische brannten zwei Lichter, und die Hausbibel lag aufgeschlagen. Der Pastor hatte sein ganzes Haus, Knecht und Magd und die Kinder, zusammengerufen. Aus dem Psalmbuche las er, und über den fünfunddreißigsten von David hielt er die Abendandacht dieses Tages.

»Herr, hadere mit meinen Haderern und streite wider meine Bestreiter!«, begann der mit volltönender Stimme. »Zücke den Spieß und schütze mich wider meine Verfolger! Es müssen sich schämen und zu Schanden werden, die nach meiner Seele stehen, ihr Weg müsse finster und schlüpfrig werden. Denn sie haben mir ohne Ursach gestellet ihre Netze und haben ohne Ursach meiner Seele Gruben zugerichtet.«

Seine Stimme wurde stärker und sein Antlitz triumphierender. »Herr, wie lange willst du zusehen? Errette doch meine Seele aus ihrem Getümmel! Erwecke dich und wache auf zu meinem Recht und zu meiner Sache, mein Herr und Gott!«

Und in trutzigem Glauben schloß er: »Rühmen und freuen müssen sich, die mir gönnen, daß ich recht behalte, und immer sagen: Der Herr müsse hochgelobet sein, der seinem Knechte wohl will!«

Also war des Pastors Boethius' Abendandacht nach seiner Heimkehr am Samstage.

Die Glocken des Sonntags Lätare läuteten. Wie ein ›Freuet euch, freuet euch‹ klang das Geläut dem Pastor, der sein Amtsgewand anlegte.

Viele Dorfleute standen auf den Gängen und zwischen den Grabstätten der Kirchwarf. Die gewisse Erwartung, daß man vor einem Kirchspielereignis stände, hatte die meisten hergetrieben. Man sah den Kirchspielvogt Wessel und sogar Tolke von Olufswarf.

Boethius schritt durch die Menge und zur Sakristei. Sein Haupt trug er aufrecht, und sein Gruß war leutselig. Als die Versammelten den Ausdruck seines Gesichts wahrgenommen hatten, ging hinter ihm her ein Wispern: »Bald werden wir eine Valetpredigt hören in Westerwohld … Es ist ihm gelungen, anderswohin vociert zu werden.«

Die Gemeinde kam nicht aus der Verwunderung heraus. Der Mann auf dem Gestühle legte das Lätare-Evangelium von der Speisung der Fünftausend aus wie eine rechte Trost- und Friedenspredigt, und eitel milde, herzbewegende Worte entströmten seinem Munde. Kein Wort von Hader, kein Wehen des alttestamentarischen Geistes, kein Durchklingen vom Triumphe Davids über seine Feinde! Nein, ein sanftes Säuseln der Gnade, ein lautes Gotteslob nach großen Nöten war diese Predigt!

Nach dem Amen sprach der Prediger auf der Kanzel: »Ich habe der Gemeinde eine Ankündigung zu machen und ein Reskript zu verlesen.« Die unwillkürliche Bewegung, die durch den Haufen ging, legte sich sogleich zu einer geräuschlosen Stille.

Boethius entfaltete ein Pergament und las mit langsamem Nachdruck: »Im Namen des Herzogs Friedrich! Es haben Eingesessene des Kirchspiels Westerwohld in unserer Beltringharde ein libellum supplice, eine Klag- und Bittgesuch, überreichet, dahin zielend: Der Pastor Petrus Boethius möge seines Amtes entledigt werden, sintemal er zum ersten bei Verrichtung der Predigt höchst lästerlicher und unpriesterlicher Rede sich bediene, zum andern durch Brief und Siegel seinen Dienst gekündigt und seinem Amte entsagt habe.

In Sachen der Kirchspielsleute, als Kläger an einem Teile, wider Ehren Petrus Boethius, Beklagten am anderen Teile, wird von seiner hochfürstlichen Durchlaucht dieser bündige Bescheid gegeben, und tun wir jedermann kund und wissentlich: Zum ersten, daß besagter Brief sich als ein jämmerliches Falsum erwiesen hat, zum anderen, daß denen von Westerwohld eine kräftige Vorhaltung und Vermahnung zur Buße förderlich und heilsam sei, zum dritten, daß Kläger sich gegen Beklagten, ihren Seelsorger, wie Pfarrkindern wohl anstehet, bescheidentlich und gehorsam zeigen, zum Gehör der Predigt fleißig kommen und solches alles ohne Verzug tun sollen, bei Vermeidung Ihro fürstlichen Gnaden höchster Ungnade und anderweitigen ernstlichen Einsehens. Wonach jedermann sich zu richten hat. – Gegeben auf Schloß Gottorp, den zehnten des Frühlingsmonds 1634. – In seiner Herzoglichen Gnaden Kanzleisekretariat.«

Boethius faltete das Schreiben zusammen, sah mit einem Blick über die ganze Gemeinde und stieg langsam vom Stuhle herab. Als Gesang nach der Predigt hatte er das alte Schutz- und Trutzlied »Ein feste Burg ist unser Gott!« gewählt. Der Küster sang allein mit einer tremulierenden, fast meckernden Stimme. Die Erregung der Kirchleute war so groß, daß sie insgesamt das Einstimmen unterließen.

Was aber war das? Ein Poltern, ein rallender Mißklang übertönte das unschöne Küstergesinge. Alle blickten nach dem reich verzierten Seitengestühl, das von alters her die Wessels inne gehabt hatten. Von dannen war der sonderbare Laut gekommen.

Ein Getümmel, ein Auflauf um das Gestühl her entstand. Volquart Wessel war in kraftlosen Zuckungen auf den Stein-Estrich herunter gefallen, die rollenden Augen schauten sinnlos empor, seine Brust arbeitete schwer, und sein Gesicht war rubinrot, aber nicht vom Weine.

Vier Männer hoben ihn empor, trugen ihn aus der Kirche und nach seinem Hause hin, und sein Sohn ging zur Seite. Das Gesinge tönte, ohne abzubrechen, bis zum Ende des Liedes, aber der Altardienst und der Segen fiel aus, dieweil das Gotteshaus schon gänzlich sich entleert hatte.

Sehr gefasst war der Sohn. Als die Männer den Kranken auf das Bett gelegt hatten, sprach er: »Obgleich er die ganze Nacht in Schweiß gelegen hatte und in der Frühe große Schwäche spürte, widerstand er meiner Warnung und beharrte auf seinem Willen, diesen Gottesdienste dürfe er beileibe nicht versäumen! Was meinet ihr, ist es der Schlagfluß?«

Einer von ihnen lief eilig nach dem Bader, daß er ihm eine Ader steche.

Mit den Kirchleuten lief die Kunde durch alle Gassen: Der Vogt Volquart ist von einem Schlagflusse betroffen worden! Und die andere kam hintennach gehinkt: Herr Boethius wird bei uns bleiben, und wir müssen ihn verschleißen, wie er ist; auch ist uns vom Herzoge der Text verlesen und die höchste Ungnade angedroht worden!

Zwei Stunden des Sandglases waren verronnen. Die letzten Sekunden eines Lebens, das noch nicht sechzig Jahre gewährt hatte, verrieselten. Nach dem Aderlaß des Baders war zwar das Geblüt gesunken, aber eine todähnliche Ohnmacht gekommen.

Edleff beugte sich in den Alkoven hinein und über den Kranken. Die Sinne schienen wiedergekehrt, aber die Sprache fehlte. Welche Angst in den Augen, und wie die Lippen sich mühten! Einen letzten Willen wollte der Vogt seinem Sohne kundtun, und horch, ein Lallen kam aus der Tiefe und lautete: »Fl – uch … wenn du … fr – eist …«

Volquart beendete nicht den Satz, sondern rang mit dem Tode. Zurück fuhr Edleff und murmelte erbleichend: »Fluch, wenn du freiest das Predigerkind …?«

War es das? War es das?

Der Vater verschied. Nach einer Weile drückte ihm der Sohn die starren Augen zu und schloß behutsam die halb geöffneten Lippen, als hätten sie nichts gesprochen. Er wischte sich keine Träne aus dem Auge, sondern traf die nötigsten Anordnungen und ließ die Leichenfrau holen.

Auch in der Pastorei waren zwei Stunden verstrichen. Seit dem Essen saß Boethius im Pesel und stützte das Haupt in die Hände. Er sprach immerfort mit einem, den er nicht sah und dessen Nähe er spürte. Als er sich erhob, war auf seinem Antlitz kein Triumph mehr und kein Trutz.

Etta trat zum Vater. Eines folterte sie gestern und heute, und sie musste ein Geständnis ablegen, um Ruhe zu finden vor einer Gewissenspein. Stockend begann sie zu beichten von demjenigen, der Karl Heimreich aus der Gefahr gerissen und ins Haus getragen habe.

»Ich weiß!«, sprach der Vater.

Woher wußte er es? Boje, der Schalksknecht hatte es ihm zugetragen.

Boethius strich gütig über ihr Haus: »Not und höhere Gewalt bricht jedes Gebot.«

Die Beichte war ihr leicht geworden.

In diesem Augenblick stürzte Alget, den Respekt vergessend, zur Tür hinein und rief die eben gehörte Neuigkeit weiter: »Volquart Wessel ist tot!«

Der Bartscher und die Leichenfrau hatten mit vieler Umsicht ihr Werk getan und der Sargmeister mit seinem Gesellen Tag und Nacht gearbeitet, um der großen Leiche ein standesgemäßes Haus zu zimmern. Im schweren, reich verzierten Eichensarg lag Volquart aufgebahrt im Pesel seines Hauses, ganz allein. Nur die Truhen standen umher, als hielten sie die Leichenwacht.

Der Sohn schritt in gewohnter Weise durch Haus und Hof, aber diesen Raum betrat er nicht. Nein, er umging geflissentlich das Zimmer, als wenn er Scheu habe vor dem Toten. Oder zürnte er dem stillen Manne, dessen Lippen er fest zugedrückt hatte? Und deren letzter Laut gewißlich nicht ein Vatersegen gewesen war? Edleff, der starke und furchtlose Mann, graute sich fast vor dem Gemache! Kein Herzleid quälte ihn, wie es ein Kind bedrücken soll, wenn Vater oder Mutter ihm verblichen sind und auf der Bahre liegen. Darum brannte ein anderes Leid, ein Gewissenswurm, in ihm, und er sah scheu nach dem Gemache, weil er nicht trauern konnte um den Toten, wie ein Sohn um seinen Vater sich betrübet.

Die Leichenbitter waren ausgegangen und hatten die ganze Freundschaft und Verwandtschaft geladen. Am Tage vor der Beisetzung kamen sie, die Wessels von der Pellwormer Harde und die weitverzweigte Sippschaft aus der Trindermarsch. Ihre Rosse füllten die Tenne, wühlten im Hafer und wälzten sich im Heu, als wäre es Streu. Die Leidtragenden setzten sich den Umständen nach fast wohlgemut an die reich besetzten Tische. An einem solchen Tage durfte nicht gespart werden, und mehr als eines Mannes Totenfeier auf dem Nordstrande hatte die Hälfte seines Gutes verschlungen.

Die Wessels waren starke Esser und griffen weidlich zu. Nach den Schüsseln kamen die Krüge auf den Tisch. Zwar sollte nach der Landessitte das Grabbier dem Verstorbenen zu Ehr und Frommen erst am morgenden Tage, dem der Beisetzung, getrunken werden, es wurde aber zu größerer Ehr und besserer Tröstung ein so genannter kleiner Vortrunk von der engeren Sippschaft gehalten.

Sehr fleißig tranken die Wessels-Leute dem Sohne zu und suchten also seinen Kummer zu vertreiben. Aber sparsamen Bescheid tat Edleff und gab nur kurze Antworten. Um so lauter wurden die andern. Gegen Mitternacht waren mehrere trunken geworden und machten ein ärgerliches Wesen auf der Diele.

Da hielt der Vogtsohn nicht länger an sich, sondern sprang empor: »Ist dies ein Bankettiergelage, oder sind wir in einem Totenhause?«

Alle erhoben sich, aber nicht alle standen fest auf den Füßen. Die in den Nachbarhöfen ihre Schlafstelle hatten, brachen auf. Einer, der trunken war und Henning Wessel hieß, sollte in einer Kammer auf dem Boden schlafen und nahm den Leuchter, um ihn anzuzünden am Herde. In der Nähe des Herdes aber hing Garn, welches die Mägde von der Bleiche genommen und dort zum Trocknen hingehängt hatten. Der Trunkene wollte einen brennenden Span zum Leuchter führen, und da er ins Wanken geriet, streifte er das Garn. Eine Flamme schlug lichterloh empor und versengte ihm den Bart. Wie Zunder brannte das Garn gegen die Decke. Die Speckseiten, welche unter den Balken hingen, hatten Feuer gefangen, und von der offenen Tür her fuhr ein Windstoß, die Flamme anfachend zur vollen Feuersbrunst. Gekommen war das Unglück wie der jäh einschlagende Wetterstrahl, dessen Lohe das Haus durchläuft. Schon brannte das Heu, welches über dem Bretterboden lagerte.

Edleff fand sogleich die Besinnung und rief: »Helft mir, daß ich von meiner Habe einiges heraustrage!« Aber die Gäste, welche nicht zur Tür hinausstoben, rannten auf die Tenne, um ihre Gäule zu retten. Mehrere vom Gesinde liefen mit ihren schnell aufgerafften Habseligkeiten über die Diele. Zwei Knechte, von den Fäusten des Hausherrn beim Schopfe gepackt, verloren den Grund unter den Füßen und beschrieben einen Bogen durch die Luft. »Faßt an!«

Verdutzt ließen sie ihre Bündel fallen und erfaßten den Henkel der schweren Truhe, während er selbst, rückwärts schreitend, die Hälfte der Last trug.

»Flugs die zweite!« Und er griff nicht kopflos zu, wie Leute in Feuersnöten tun, sondern wählte mit Bedacht die wertvollste Kiste.

Im Freien trachteten die Knechte zu entwischen; aber mit einigen Rippenstößen trieb er sie immer wieder zurück in das brennende Haus. Schon strömte der Schweiß von ihrem Leibe, ihre Brust keuchte von der Anstrengung und großen Angst.

Draußen im Dunkel der Nacht Getümmel und Geschrei vieler Menschen und bald das winselnde Läuten der Feuerglocken vom nahen Turme! Hier drüben ein klägliches Brüllen, ein qualvoller Todesaufschrei vieler Tiere! Und über dem Haupte die höllenheiße Glut mit taghellem Schein! Das war ein grausiges Rennen und Retten!

Erschöpft sanken die Knechte nieder und ließen sich weder durch Worte noch Gewalt mehr treiben. Aber was an Kisten und Truhen in Stube und Diele gestanden hatte, war geborgen.

Edleff holte Atem und warf sein Wams von sich. Immer höher schlugen die Flammen aus dem Dachfirst zum nächtlichen Himmel empor. Ein banger Aufblick, ein kurzes Besinnen! Dann stürzte er hinein in das brennende Haus. Vor der Peseltür hielt er inne, als durchriesele ihn die Scheu vor diesem Gemache. Leise klinkte er sie auf und sah beim Feuerschein, der durch das Fenster zitterte, den Eichensarg und an den Wänden die drei Truhen mit eisernen Reifen und großen Hängeschlössern, welche die Totenwacht hielten. Es waren die kleinsten, aber auch die wichtigsten unter allen Truhen und enthielten den großen gemünzten Reichtum des Hauses.

Edleff bog sich nieder, umklammerte die Griffe und spannte die ganze Kraft seiner Arme an. Zu drei Malen ging er durch qualmenden Rauch und fliegende Funken hin und her. Der beste Teil seines Erbes war geborgen!

Um zum vierten Mal brach er sich Bahn und betrat den Pesel. Seine Kraft war am Ermatten. Zwar hob er mit Leichtigkeit das Kopfende des Sarges, aber in der Mitte vermochten seine Arme ihn nicht zu umspannen, und seine Augen irrten ratlos darüber hin. Da hörte er ein Prasseln und Brechen rings um sich her, einen laut hallenden Schrei vieler Stimmen. Barmherziger Gott! Das Strohdach stürzet nieder!

Der Lebende riß den Toten aus seinem Sarge und rannte dem Ausgange des Hauses zu. Wo die Tür gewesen, schlug eine einzige Lohe wie aus einem Rauchfange ihm entgegen. Zwei weitere Ausgänge hatte das Haus. Aber Feuer, Feuer allerwege!

Die Flucht war ihm versperrt, und das Todesgrausen befiel ihn. Im Hin- und Herirren erblickte er plötzlich den Sarg und war wieder im Pesel. Eine Faust zerschmetterte das Fenster von draußen. Im Nu sprang der Lebende, mit seinen Armen die Leiche umklammernd, hinaus und stürzte hin. Das brennende Strohdach schoß nieder und überschüttete ihn. Aber die Faust, die draußen war, entriß beide dem Feuertode. Sie rollte ihn im feuchten Grase hin und her, denn seine Kleider hatten Feuer gefangen.

Edleff, nur an Händen und Haaren ein wenig versenget und sonst unversehrt, richtete sich auf von der Erde und sah dem Pastor Boethius ins Angesicht.

Endlich sprach er: »Mein Leben, und daß der Leib meines Vaters ein ehrliches Grab findet, verdanke ich Euch!«

»Ich denke, wir sind quitt, Vogtsohn, und haben einander nichts zu danken«, antwortete Boethius und ging von dannen.

*

Auf der Vogtwarf war ein großer, rauchender Trümmerhaufen zu sehen, und ein übler Gestank stieg auf von der Stätte. Viel Vieh nämlich war umgekommen bei dem Brande, und die aufgeschwollenen, geschwärzten Tierleiber lagen noch unverscharrt.

Die Glocken läuteten vom Turme, es waren die Totenglocken für Volquart Wessel, dessen Leib endlich Ruhe finden sollte im Grabe. Weil die Arbeit drängte, hatte der Zimmerer rohe Bretter zu einem Sarge zusammengeschlagen.

Der Westerwohler Pastor war bekannt dafür, daß er, der sonst kein Ende des Predigens finden konnte, an den Gräbern mit Worten karge. Und der heutige Sermon, bevor er Erde auf den Sarg warf, war noch kürzer. Des Mannes, der zur Erde bestattet wurde, und des Dorfgewaltigen, der in Ansehen gestanden hatte bei den Leuten, erwähnte er mit keinem Worte. Nein, von der Vergänglichkeit aller Erdendinge, von des Todes Gewalt und Macht über alle Menschenkinder redete Boethius mit tönender Stimme.

Doch noch lauter predigte der weiße Armesündersarg in seiner Grube und die rauchende Trümmerstätte drüben zu der zahlreich versammelten Gemeinde.

Die Dorfleute gingen heim und redeten leise.

Die Sippe der Wessels ließ sogleich anspannen und beschleunigte die Heimkehr. Ein Leichenschmaus wurde nicht gehalten und das Grabbier nicht getrunken. Der, welcher durch seinen trunkenen Unverstand das Unglück angerichtet hatte, hatte schon in der Morgenfrühe sich heimlich davon gemacht.

Lange nach diesen Tagen ging ein Gerede auf dem ganzen Nordstrande von dem Kirchspielvogte zu Westerwohld, der als ein Reicher gestorben und als ein Armseliger begraben worden sei.

Edleff Wessel, der Deichgraf, war an seines Vaters Statt zum Kirchspielvogte erwählt und von des Herzogs Staller bestätigt worden.

»Neue Besen kehren schnell!«, sprachen die Leute. Da hielten sie den ersten Dingstock in Händen, welchen der neue Vogt hatte ausgehen lassen, und in dem er eine allgemeine Versammlung der Brandgilde auf den Mittwoch nach Sonneuntergang berief

.

Unter der Dorfesche stand ein Haufe im Kreise, und jedes Auge achtete auf den Vogt und sein Gebaren. In jedem Falle kein Mann, der Weitschweifigkeit und Wortschwall liebte. Denn er sprach kurz und klar: »Da mein Hof durch Feuer eingeäschert worden ist, begehre ich von der Gilde eine Zulage von 200 Mark zum Wiederaufbau der Gebäude.«

Ein mehrfaches Räuspern wurde gehört.

Edleff sah kalt und überlegen in die Runde: »Wer das Wort in dieser Sache will, der rede jetzo und schweige hintennach!«

Peter Boethius, der sehr rechtzeitig sich eingefunden hatte, trat einen Schritt vor: »Ich will die Satzung der Gilde reden lassen, denn sie lautet zum fünften: Wer durch mutwilliges oder fahrlässiges Wesen den Brand verschuldet hat, soll nichts erhalten!«

Einige nickten leise, und auf allen Gesichtern zeigte sich ein zufriedener Zug.

Der Vogt kniff den Mund zusammen und öffnete ihn dann: »Ihr habt ein Wörtlein ausgelassen, denn es heißt: Wer den Brand selbst verschuldet hat … Auch ist dem Herrn Boethius seine eigene Rede von dazumal entfallen, denn er sprach: In Fällen, wo das Feuer durch Verschulden der Kinder oder des Gesindes entstanden ist, soll die gemeine Kasse zahlen.«

»Hat Euer Gesinde durch Fahrlässigkeit gesündigt? Nein! Und was verschuldete das Feuer? Das schandbare Leichenbier! Wer aber verabreichte es den Leuten im Übermaße? So haltet Euch an den Mann und an den trunkenen Gesellen aus Eurer Sippschaft, welcher das Unglück anrichtete, und beschweret die Gilde nicht!«

Einige lächelten hart, und von drüben kam ein deutliches Gemurmel: »Er hat recht!«

Lauter unverkennbare Zeichen der Zustimmung sah Edleff. Er trat vor und blickte jeden einzelnen an. Auf allen Gesichtern lag ein zäher, festhaltender Zug.

Der Vogt erhob die Stimme: »Ich verzichte auf mein Recht! Nicht will ich die Gilde beschweren, auch nicht mit einem Brandbriefe einherziehen und eine Beisteuer mir erbetteln … Nein, aus eigenem Vermögen werde ich mir ein Haus bauen, wie es noch nicht auf dem Nordstrande gesehen worden ist.«

Die Gilde ging auseinander. Der zähe Zug, welcher sich zeigte, wenn es Umlagen galt und an den Geldbeutel ging, wich einem zufriedenen. Ja, an diesem Abende waren Pastor und Gemeinde eines Sinnes gewesen, und keiner redete Übles von Boethius.

*

Der ständig wehende Westwind trocknete das Land ab, daß Pflug und Egge hineingesetzt werden konnten. Die für den Marschbauer geschäftige Jahreszeit begann, denn die Aussaat an Sommergetreide war sehr groß und in den wenigen Wochen von der Mitte des Aprils bis zur Mitte des Wonnemonds musste die ganze Frühjahrssaat bestellt werden. Selbstverständlich ruhte das Deichwerk völlig. Aber auch die Brand- und Trümmerstätte lag wüst und ungesäubert alle diese Wochen hindurch, nur ein Notschuppen für die Pferde war errichtet worden.

Erst als der letzte Scheffel gesäet war, dann aber auch sogleich und an demselben Nachmittage begann ein geschäftiges Treiben auf der Vogtwarf. Nach dem Aufräumen erhöhte man die Warf und das Fundament des Hauses um volle zwei Ellen. Edleff Wessel war drüben auf dem Festlande, besichtigte im Eiderstedtischen einige der neuesten Bauten und brachte die Mauerleute mit. Unten an der Ladestätte lagen flache Prähme vertaut, aus denen man große, rote Ziegelsteine von Hand zu Hand warf und auf die Wagen lud. Der Bau des Hauses begann und wurde mit vielem Eifer gefördert. Schon war das Fundament fertig, und die Pfosten wurden aufgerichtet.

Aber wie erging es dem Deichwerke derweil? Zwar war es in Angriff genommen worden, wurde aber lässig betrieben und geriet vor Mittsommer ganz ins Stocken, denn das Auge des Herrn fehlte und der Deichgraf hatte genug mit seinem eigenen Werke zu schaffen.

Die Vogtwarf wurde nicht leer von müßigen Zuschauern, dazu hatten die Westerwohlder hinlänglich Zeit. Alles begafften und beurteilten sie. Das Fundament dünkte ihnen von schier unglaublichem Umfange, und sie fragten sich erstaunt und zweifelhaft, was das für ein Gebäu werden solle. Wenn einer ihn befragte, und weil das Herumlungern ihn verdross, gab Edleff zweideutig-spöttische Antwort.

Allmählich und doch in wenig mehr als zwei Monden, als wüchse es aus der Erde, erstand ein Haus von unerhörter Länge und Breite, mit Mauern von zwei Fuß Dicke. Als nun ein Floß unten an der Ladestätte anlegte und die ungeheuerlichen Dachbalken durch das Dorf geführt wurden, stieg die Verwunderung aufs höchste, denn kein Inselbewohner hatte je solche Dachbalken gesehen.

In diesen Tagen geschah es, daß Hans Pauls die Braut heimführte. Die Hochzeit war unter sotanen Umständen ein kleines Ereignis. Und der Ärgernis erregende Umstand, daß er nicht eines Kleinbauern Tochter, sondern eine Dirne ohne Klei an den Füßen und noch dazu die Predigermagd zum Eheweib sich erkoren hatte, wurde lange nicht in dem Maße besprochen, wie es sonst der Fall gewesen wäre.

Das Vogthaus war unter Dach und Fach gebracht, und an der inneren Ausstattung arbeiteten die vier Gewerke der Maurer und Streicher, der Zimmerer und Schnitzer. Weithin schimmerte das hochragende Strohdach und war sichtbar im ganzen Flachlande.

Eines Tages nach Mittsommer kam Karl Heimreich mit seinem Hunde des Weges, hob stillstehend die Augen auf und schritt dann langsam über die Steinbrücke. Ein Graben nämlich von fünfzehn Fuß Breite umfloß die ganze Warf, an seinen Rändern wuchs mannshohes Schilf, umwuchert von üppigen Schlinggewächsen. Über dem dunklen und stillen Gewässer desselben hing eine Blütenpracht von brennendem Goldregen und blauen Syringen, dazwischen standen Hollunder- und Weidenbüsche, und mächtige Eschen wölbten ihr Laubdach darüber. Auf dem Graben tummelte sich ein zahlloses Volk von schnatternden Enten, und ein weißes Schwanenpaar zog mit seinen großen, grauen Jungen in stolzer Ruhe dahin.

Karl Heimreich lächelte dem Hofherrn entgegen. »Es fehlt nur noch die Zugbrücke zur festen Zwingburg, und wie in einem Schloß und Palatium werdet Ihr wohnen.«

»Mein Haus ist meine Burg«, antwortete Edleff, »doch ist es nur schlecht und recht ein Bauernhaus, wie ich es zu meiner Augenweide im Eiderstedtischen drüben gesehen habe … Und verständig ist die Bauart, denn die vier Wände und das hohe Dach räumen alles, vorne Pesel und Stube, an den Seiten Ställe und Tennen und in der Mitte Heuberg und Kornscheuer … Man spart viel Fachwerk und Außenmauern.«

Dem Sohne des Boethius' ward keine spöttische Antwort zuteil, sondern diesem gab der Vogt in dem Maße willige Auskunft, daß er mit Karl Heimreich wanderte und das ganze Gebäu ihm wies.

Nach Süden stand der Vogthof mit seiner Giebelseite, und durch hohe und helle Fenster drang das Sonnenlicht. Die kunstreichen Schnitzer täfelten den Pesel, aber die Wände der Stuben wurden gesetzt von weißen holländischen Kacheln mit blauer Bemalung. Und jede Kachel war ein ländliches Bildnis und stellte dar Windmühlen mit reglosen Flügeln und weidende Kühe, auch Mäher im mannshohen Korne und barfüßige Melkerinnen. Über die Dreschtenne und durch die leeren Ställe gingen die beiden, und Karl Heimreich kam nicht aus dem Staunen heraus.

»An diesem hohen und geräumigen Stalle würde mein Vater seine Lust haben«, murmelte er.

In der Mitte des großen Gebäudes war ein unermeßlicher Raum, das so genannte Vierkant für die Heu- und Kornvorräte. Selbst an diesem sonnenhellen Tage war Düsternis darin, da es sein Licht nur durch ein einziges Loch in dem First, welches fünfzig Fuß über dem Erdboden sich befand, empfing. Erst allmählich gewöhnte sich Karl Heimreichs Auge daran und gewahrte die breite Schattenmasse des gewaltigen Daches und erkannte das Zimmerwerk mit seinen schweren Pfeilern und zahlreichen Kopfbändern.

»Hier ist es höher als in einer Kirche!«, sprach er.

»Ja, des Bauern Werktagskirche ist hier«, nickte der andere, »und wenn er des Morgens hindurchschreitet, wird sein Sinn feierlich und froh.«

Hinter dem Hause lag zur Rechten der Obsthof mit seinen hochstämmigen Bäumen, zur Linken ein grüner Graswisch, auf dem die Kälber sprangen.

Noch einmal warf Karl Heimreich einen Blick über den Bau und die Warf, dieses Bild behäbigen Reichtums und zufriedener Ruhe. »Ei, Edleff Wessel, Ihr seid ein glückseliger Mann!«

»Ich könnte es wohl sein«, sprach dieser und sah zur Stunde nicht aus, als wenn er es wäre.

»Zürnet Ihr noch der Brandgilde und meinem Vater?«, kam es leise.

»Ach, die paar Schillinge der Gilde hätten zum Fundament nicht ausgereicht«, kam es stolz zurück.

»Habt Ihr soviel von Eurem Vermögen aufgewendet?«

Statt einer Antwort schmunzelte der Vogt, und er verriet nicht, daß von seinen drei Truhen mit gemünztem Gelde die eine leer geworden und die zweite nicht unverschont geblieben war.

*

Schön war der Sommertag. Boethius' Sohn erging sich mit seinem Hunde, bald zwischen wogenden Kornfeldern, deren Halme rohrdick standen, bald zwischen Wiesen und Weidengründen, die wegen der großen Anzahl der rotbunten und scheckigen Kühe wie ungeheure Melkplätze aussahen. Hier lag das gemähte Gras in dichten Schwaden, und er sog den würzigen Heuduft ein. Weit reichte sein Blick, und zahlreiche Gehöfte lagen auf ihre Warfe hingesäet, von alten Eschen und Ulmen überschattet. Nun kam er an einem weiß blühenden Bohnenfelde vorbei, und der süße Blütengeruch erfüllte die warme Sommerluft.

Am Haffdeiche hielt er an und ließ sich einen Krug bräunlichen Wassers geben. Dort klebten nämlich auf der Innenseite des Deiches ein paar Häuser, deren Wetterfahnen, in Gestalt eines Fisches aus Holz geschnitzt, den Erwerb der Bewohner andeuteten. In dem Gärtchen neben dem Ziehbrunnen blühte der Hollunder; die hohe Weißdornhecke und die wenigen Obstbäume ragten genau bis zum Deichrande empor, wo der Westwind sie faßte und die Spitzen so säuberlich hinwegschnitt, als wären sie mit der Schere beschnitten worden.

Karl Heimreich ging heimwärts. Der Hund Cito sprang kreuz und quer über die Gräben nach Möwen und Regenpfeifern, stutzte plötzlich vor einer springenden Kröte, und beide glotzten sich an; oder er wühlte mit tapfer schaufelnden Füßen nach einem Maulwurf, den er doch nimmer erhaschte. Hoch oben in den Lüften, wie ein winziges Pünktchen unter dem unendlichen Himmel, schwebte die Lerche und schmetterte laut.

Da ging ein Jubilieren durch Karl Heimreichs Brust, und seine Seele sang ein Loblied seiner Heimat. Wolkenloser Himmel und wonnige Zeit! Welch ein Blühen und Duften und Prangen, welch eine Gottespracht und Fülle ist ausgeschüttet über dir. Du Meerentrissene und Deichumschlungene bist reich und köstlich wie ein Erstgeburtserbe! Wie Silber glänzen die Wasser deiner Gräben, wie Gold deine Äcker und deine Triften grün wie Smaragd. Bist du nicht das Land, das von Fettigkeit trieft und darinnen Milch und Honig fließt? Nordstrand, du meine Heimatinsula und die Edelperle unter allen Eilanden Frieslands!

Die Bauern, welche ihm begegneten und freundlichen Gruß boten, sahen – wohl wegen des starken Sonnenlichts – mit halb geschlossenen, aber satt zufriedenen Blicken über die Felder. Alle Anzeichen deuteten auf eine reiche und ungewöhnliche Ernte.

*

Hans Pauls und Alget waren Mann und Frau geworden und verlebten die Flitterwochen. Die erste Woche verlief sehr frohsam. Er war sehr zärtlich und küßte sein Weib linkshändig, wie er sagte. Die zweite ging in ruhigem Ehefrieden hin. Aber in der dritten erfuhr Alget, daß der Ehestand ein Wehstand sei.

Hans Paul hatte nämlich mehrmals – wie die Katze den Brei – das Wirtshaus umgangen, dann aber mit männlich-schnellem Entschlusse es betreten. Er kam auch wieder heraus und froh und koselustig heim zu seinem jungen Weib. Sie stieß ihn aber zurück, und Reden fielen von ihrer Seite: »Ein alter Zapf läßt nicht vom Fasse!« Von seiner aber: »Und ein alter Bock nicht vom Stoßen!«

Immer häufiger suchte Hans Pauls die Schenke auf, um wider sein Hauskreuz Tröstung zu suchen. Und immer bieriger kehrte er heim zu seinem keifenden und stößigen Ehegesponse.

Alget faßte kurzen Entschluss und ging mit langen, mannhaften Schritten zum Kirchherrn, der sie ihrem Manne angetraut hatte, als wenn dieser für alle Folgen seiner Amtshandlung die Verantwortung trage und wider alle Mißstände der von ihm geschlossenen Ehen Rat wissen müsse. Boethius aber zuckte die Achseln und murmelte ein Sprüchlein, welches sie nicht verstand. Es lautete: » Naturam furca pellas ex, sie kommt doch wieder, die alte Hex'.«

Alget verharrte einige Tage im Hause und weinte viel in ihrem Wehstande. Danach zerbrach sie sich den Kopf mit neuen Spekulationen, denn das Wort des Kirchherrn klang ihr ins Ohr, und daß er unzweideutig von einer alten Hexe etwas habe fallen lassen. Es mangelte im Dorfe nicht an klugen Weibern, welche die Schwarzkunst betrieben. Und die alte Grete hatte – vielleicht um ihrer roten Augen willen – am meisten Ansehen und Zuspruch von den Leuten. Krankes Vieh konnte sie besprechen und rinnendes Blut stillen, auch jungen Dirnen die Zukunft künden und kräftige Liebestränke brauen.

Zur alten Gret ging Alget. Ob sie nicht Rat und Hilfe wisse für ein armseliges Weib, das sich mit einem bösen und bierigen Manne übel zu plagen habe? Gret erwiderte, daß sie wider trunkfälliges Wesen ein Heilmittel wisse, welches probat sei. Mit ihrem zahnlosen Munde zischelte sie der andern das Rezept und seine rechte Anwendung ins Ohr. Alget ging nickend heim, und in ihren Augen funkelte eine feste Entschlossenheit.

Spät saß sie auf und wartete mit einer merkwürdigen und tapferen Ruhe auf ihren Gemahl. Ihre Ruhe wurde zur Sanftmut, als sie den schwer bezechten Hans Pauls sah, ja mit hilfreichen Händen sprang sie herzu, geleitete den Taumelnden zur Bettstatt und entkleidete ihn.

Das Licht brannte, und sie schien besorgt auf seine Atemzüge zu horchen. Sobald ein lautes Schnarchen von ihm ausging, trat sie an den Alkoven. Katzenhaft war ihr Schritt, bissig trat der Eckzahn hervor, und ihre Fäuste ballten sich. Und wie zwei flinke Hämmer handhabte sie die Fäuste. Derb und wuchtig fielen die Schläge von unten nach oben, zuletzt zielte sie nach dem bärtigen Gesicht und traf ihn unter den Augen am kräftigsten. Der Trunkene stöhnte, wälzte sich herum und wollte erwachen. Flugs löschte sie das Licht aus und verhielt sich wie ein stilles und horchendes Mäuslein.

Sein Rausch war zu schwer. Sobald der Schlaf ihn bewältigte und das Sägen im Alkoven wieder anhub, holte sie das Mangelbrett, welches zum Glätten des Linnens diente, hinter der Bank hervor und bearbeitete damit seinen Leib, insonderheit seine Beine und Arme.

»Warte, du verlotterter Waschlappen, ich will dich glatt und sauber bügeln.«

Der windelweich Geprügelte winselte im Schlafe, und es dünkte ihr, daß sie für heute genug von der verschriebenen Salbe ihm aufgestrichen habe. Alget stellte das Mangelbrett an seinen Ort, bestieg ihr Ehebett und entschlief bald an der Seite ihres Gemahls.

In der Morgenfrühe trug sie ihm die Schüssel mit der Biersuppe an den Alkoven, und er versuchte zu lächeln, denn solche Liebe war ihm noch nimmer von seinem Weibe erwiesen worden.

Die Eßlust aber fehlte, und er klagte: »Ach, mir ist so wehleidig und zerschlagen an meinem ganzen Leibe.«

»Es ist vom Rausche«, sprach sie sanft, »auch hast du dir zwei blaue Augen geholt …«

»Was ist geschehen?«, stöhnte Hans, »mir ist, als wenn ich in einem Raufhandel gewesen wär' …, aber ich kann mich nicht besinnen.«

»Du weißt ja, mein Mann«, redete die verständige Frau, »daß dir zwar nicht die Sinne, aber die Füße vom Trunke entweichen … Matt und müde hast du dich gefallen und das Gesicht dir verschlagen … Wem es also in die Beine fährt, daß er fallsüchtig wird, der ist durchgetrunken, wie sie es nennen … Hans, du wirst noch in die Gräben stürzen und mich zur Wittib machen!« Und Alget heulte laut.

Hans Pauls betastete sich von oben bis unten die zerschlagenen Gliedmaßen und grübelte lange. Ob er schon durchgetrunken sei? Das Fallen war bedenklich! Auch hatte er sein Leben sehr lieb. Und man hörte von mehr als einem auf dem Nordstrande, der in die Gräben geraten und jämmerlich umgekommen sei.

Das von Alget wider die Trunkfälligkeit ihres Mannes angewendete Heilmittel schlug an; mehrere Wochen lang hielt er sich ehrbar in Haus und Hof. Zwar zur Erntezeit, in Anlass der Hundstagshitze, kam ein bedenklicher Rückfall und nach dem Einfahren der letzten Garbe ein zweiter und letzter. Aber prompt wurde das Mittel in verstärkter Gabe verabfolgt und die nächtliche Prozedur mit dem Mangelbrette wiederholt.

Nach der letztlich und weidlich aufgestrichenen Salbe lag er zwei Tage lang grübelnd im Bette, und die verschwollenen Augen schauten sehr ängstlich drein. Dann rief er sein Weib, faßte ihre Hand und tat ein Gelübde.

Beendet war die Kur, Hans schien geheilt vom Durste, das eheliche Minneglück wohnte wieder im Hause.

Es waren aber mehr Ehefrauen in Westerwohld, die einen bierigen Mann hatten und nun zu Alget kamen und guten Rat begehrten. Eine Zeitlang schwieg sie klüglich. Dann aber verriet sie einer guten Freundin das Rezept, welches sich so probat erwiesen hatte. Selbige mochte es ungeschickt angewandt haben, denn ihr Mann ertappte sie dabei, und sie musste beichten. Der Mann aber ging stracks hin und verriet es Hans Pauls. Da raufte sich dieser die Haar' und lief zur Schenke, allwo er tiefsinnig saß und die langen Ohren kraulte.

Über die Diele torkelte er ärger als je. Alget hatte vor Wut geweint und das Mangelbrett zurechtgestellt. Kaum bezwang sie die Galle und biß die Zähne zusammen, als er mit großem Gepolter zu ihren Füßen hinstürzte. Er kehrte sich nicht an ihr Zureden, sondern lag steif und starr und stieß einen schnarchenden Laut durch die Nase.

»Muß ich mich müde und außer Atem an dir schleppen«, sprach sie und zerrte ihn auf sein Lager. Doch war ihre Hand sehr flink im Ergreifen des Mangelbrettes, mit kräftigem Schwunge holte sie aus. Aber o weh, was ist dir Alget? Ihr Arm erstarrt, ihr Gesicht versteinert! Der trunkene Klotz schnarchte nicht mehr, sondern schreit: »Warte, ich will dich bügeln!«, springt mit einem Satze aus dem Bette und packt sie. Auf das eheliche Lager kommt Alget zu liegen, und die Salbe wider trunkfälliges Wesen wird ihr auf den Rücken dermaßen gestrichen, daß sie keinen Laut von sich gibt.

Nachdem Hans, welcher nüchtern war und sich nur trunken gestellt hatte, Vergeltung geübt hatte, legte er sich nieder und schlief einen festen und ruhigen Schlaf.

Am Morgen keifte Alget nicht, sondern blieb auf dem verschwollenen Rücken liegen mit einer ergebungsvollen Gedulds- und Leidensmiene, als wenn ihr letztes Stündlein gekommen wäre. Mit immer unruhigeren Blicken schob er sich am Alkoven vorbei, etwas wie Reue beschlich ihn, und er bereitete ihr das Biersüpplein. Solches rührte ihr Herz.

Hans redete: »Ich will von der Schenke lassen und kein Saufaus mehr sein! Alget, wir haben es gütlich ausgeglichen und wollen den Vergleicher, das Bügelbrett, zum Zeichen, daß hinfort Ehefriede sein soll, an den Alkoven nageln.«

Also geschah es, und Hans Pauls hat sein Wort gehalten.

*

Auf dem Nordstrande war für den Bauer gesegnete Zeit, für Knechte und Mägde aber waren's saure Wochen. Mit der Handsichel hieben die Schnitter das mannshohe Getreide, dem man in diesen Marschländern mit der Sense nicht beizukommen vermochte, und die Mägde banden es in Garben. Mit Hilfe eines halbwüchsigen Burschen stellte der Bauer die Garben in Hocken und wanderte dann, vergnüglich und halblaut zählend, die langen Reihen auf und nieder, um die Schockzahl festzustellen.

Dem Himmel fiel es schwer, den Westerwohldern es recht zu machen, aber auch der ärgste Griesgram vermochte an dem Wetter und dem ständigen Ostwind dieses Erntemonds nichts auszusetzen. An große Erträge gewöhnt, lobte der Nordstrandinger nicht leicht. Aber diese Ernte im Jahre 1634 wurde von allen die reichste und beste seit vielen Jahren bezeichnet. Bald waren Haus und Scheuer bis zum Dachfirst gefüllt. Und auf jeder Warf stand der Erntesegen in größeren oder kleineren Diemen.

Nach jenen Schnittern kamen die andern, die Armen, welche kein Feld hatten und keinen Samen ausstreuten, dennoch aber, mit Sack und Schere ausgehend, ihre Ernte hielten und reiche Nachlese fanden.

Unter den Ährensammlern war Sönke, der Greis. Eine hämische Zunge sprach zu ihm: »Wenn Eure Alma Bauerfrau auf Olufswarf wird, braucht Ihr Euch nicht mit dem Sacke zu schleppen.« Die Stichelrede tat ihm weh, doch er schwieg. Als aber nach einiger Zeit ein boshaftes Weib eine derbe und deutliche Frage stellte, da verließ er sogleich das Feld und seine alten Beine versagten ihm fast den Dienst.

Lange schon waren im Dorfe üble Gerüchte gegangen von Olufswarf, von Tolke und seiner Magd, aber an das Ohr der ahnungslosen Großeltern war bis heute kein Laut davon gedrungen. Auch Klaus Rickmers hatte sich also in das Wort vertieft, wie er es nannte, das heißt, in die Weissagungen des Alten Testaments und der Apokalypse sich eingesponnen, daß er von der Außenwelt nichts vernahm.

Als Sönke mit seiner Last, keuchend und schweißtriefend, sein Haus erreichte, stand die Tür der rauchgeschwärzten Diele noch offen – Etta und Hertie waren soeben über die Schwelle getreten. Ihr ernster Gruß, und daß sie nichts sprachen, als wäre ihnen die Kehle zugeschnürt, und der tieftraurige Blick, mit dem sie ihn ansahen, bestätigten seine Ahnung. Es entfloh ihm ein Schrei: »Alma, mein Enkelkind! Gunna, mein armes Weib, mit Gram werden wir in die Grube fahren!«

Etta ging sogleich in die Pastorei und in den Pesel zum Vater.

Im Dachdeckerhäuschen war groß Weinen und Wehklagen. Von allem Menschenleid machet das Leid der Sünde am elendsten doch, und viele werden im Fall des einen mitverstricket. Dann schmilzt die Seele wie Wachs im Feuer, und die Gedanken verdorren in versengender Trübsalshitze.

Als Klaus Rickmers von seiner Arbeit heimkehrte und hörte, was ihn betroffen habe, stieg in seine Augen eine sonderbare Glut, sie irrten nach oben, und er sprach feierlich: »Wie sollte es uns verschonen, da die Zornesschalen ausgegossen werden über dieses Land! Am Hause des Herrn wird das Gericht anheben!« Danach nahm er die Bibel vom Borte und las in gewohnter Weise, halblaut die Silben zu Worten sammelnd.

Sönkes weißes Haupt nickte heftiger als je und wie das hartnäckige Nein der Verzweiflung, die jeden Trost von sich weiset. Nur Gunne faltete die Hände. Sie, die vieljährige Kreuzträgerin, trug auch dieses Kreuz am stillsten und stärksten von allen. Im Glauben wußte sie, daß es das größte, aber auch das letzte Leid ihres Lebens sei.

Der Pastor Boethius hatte seine Tochter angehört und immer dichter und dräuender die Brauen zusammengezogen. Nun stülpte er den Hut auf und ergriff den Handstock, als müsse er dreinschlagen unter dieses Gezücht.

Der Kirchherr von Westerwohld stürmte wie ein zürnender Richter und Rächer durch sein Dorf; die ihm begegneten, sahen betroffen empor. Auf Olufswarf stieß er seinen Handstock in die Diele und stemmte sich darauf. Tolke, welcher auf der Langbank gelegen hatte, rieb sich den Schlaf aus den Augen und fuhr knurrend in die Höhe.

»Tolke von Olufswarf. Von Euch verlange ich, daß Ihr am nächsten Sonntage das Aufgebot ergehen lasset und von heut' über drei Wochen des Kleiers Tochter zu Eurem Eheweib machet!«

Der Bauer lachte roh: »Wenn sie nach dem Ehebette trachtet, mag sie in ihrem Stande freien!«

»Tolke, Tolke! Ein Ehegelöbnis habt Ihr der betörten Magd gegeben und einen Schwur ihr getan. Wer einen Meineid schwört, dem sollen nach unserm Recht die Schwurfinger abgehauen werden!«

Grinste der Bauer nicht? Ja, denn er dachte an den Eid bei dem großen Kirchensiegel, der kein Schwur gewesen war, und er antwortete höhnisch: »Das ist erlogenes Geplapper einer verschlagenen Weiberzunge! Ei, die Magd möchte Bauerfrau auf Olufswarf werden und hat es fein gesponnen, aber Tolke wird nicht in die Falle gehen.«

Boethius umklammerte fester den Handstock, seine Augen sprühten Zornblitze. »Tolke, ich klage vor Gott und vor Menschen! So hört denn das Urteil, welches das Landrecht über den Verführer spricht: Er werde gestoßen in ein unbeweglich Wasser, daß er mit seinen Augen weder Himmel noch Erde sehen kann, noch auch den Grund erreichen weder mit Händen noch Füßen!«

Der Gestrafte erbleichte und entgegnete mit gezwungener Gelassenheit: »Gehet zum Staller, Herr Boethius … Ich werde zu schwimmen wissen.«

Boethius schwieg und wandte sich von hinnen. Verbissen und vergrimmt sah Tolke ihm nach. Er haßte diesen Mann, wie die Sünde das Heilige hasset, welches ihr eine Pest ist.

Nachdem der Pastor seines Strafamtes gewaltet hatte, trieb es ihn zum Dachdeckerhause, als hätte er dort ein Versäumtes nachzuholen.

Stoßweise fuhr durch den hinteren Hüttenraum ein herzzerbrechendes Schluchzen der Enkelin. Die beiden alten Leute waren verstummt und beugten ihr greises Haupt unter der unglimpflichen Hand des Züchtigers, der sie schlug.

Boethius bückte sich unter den Dachbalken. Wie milde leuchtete das gestrenge Antlitz! Welch ein Bronnen erbarmender Liebe war dennoch in diesem Manne! Wohl bei dem Trostmeistersänger David war er in die Schule gegangen, nur bei diesem konnte er gelernt haben mit seinem: »Tröstet, tröstet mein Volk!« also über die Menschenseele hinzufahren. Aus der Tiefe schöpfte er, und aus seinem Munde floß es wie Tau des Himmels über verschmachtetes Erdreich, daß des Zweifels Warum zum Dennoch des Glaubens wurde. Wahrlich, der von Westerwohld wußte auch des Trostamtes zu walten!

Klaus Rickmers stand auf von seinem Sitze, und die Augen brannten in den tiefen Höhlen des hageren Gesichts: »Siehe, Gog und Magog! Es sind die letzten Zeiten, die siebente Posaune gellt, und das Gericht beginnt am Hause Gottes!«

Boethius sah auf, verwunderte sich des Mannes und sprach: »Ja, Klaus Rickmers, auch mir banget vor unsern Gezeiten. Die Menschen dieses Landes sind wie zu den Tagen Noahs, ehe die Schleusen des Himmels aufgetan wurden und die Sündflut kam. O, daß der Herr aus Laien und schlichten Leuten einen Mann sich erweckte, welcher, wie einst der großen Stadt Ninive, Bekehrung und Buße predigt diesem üppigen Eilande und zuchtlosen Gezüchte!«

Der Kleier horchte auf bei dieser Rede und durchgrübelte sie in der schlaflosen Nacht. Beim Tageinbrechen ward es licht um ihn, und er verstand sie, aber in einem anderen Sinne, als der Pastor es gemeint hatte.

An diesem Tage wurde das von Etta bewahrte Geheimnis der Pastorei offenkundig, dem Vater und allen Hausleuten. Hertie nämlich vertrug nicht so große Erregung des Gemüts und saß verstört auf der Diele, allwo sie um die Vesperstunde, während Etta einen Brotlaib zerschnitt, von ihrem krankhaften Zustande befallen wurde. Wohl umschlang Etta sie, um sie eilig in die Kammer hinaufzutragen.

Aber zu spät. Soeben trat der Vater über die Schwelle und forschte sogleich: »Was ist mit dem Mädchen?«

Etta bekannte: »Mehrere solche Zufälle haben sie in letzten Zeit betroffen …, sobald sie die Augen öffnet, ist sie hellsehend und eine Prophetin, und mir grauet vor dem, was sie künden wird, denn was sie weissagte, ist eingetroffen … Hintennach aber ist ihr alles entfallen.«

Da hoben sich die Lider des Mägdleins wie eine Decke von den Augen, der starre Blick haftete an Boethius, und die weißen Lippen bewegten sich:

»Horch, was spricht sie?«, hauchte er.

»Als ich in Schwermütigkeit über die Kirchwarf ging und zu Gott betete, sah ich eitel neue Gräber aufgeworfen, so viele, daß ich sie nicht zu zählen vermochte …«

»Ein großes Sterben wird der Herr uns senden«, murmelte der Pastor Boethius ergriffen und unwillkürlich es deutend.

Lauter erhob die Magd ihre Stimme: »Sage dem Pastor Boethius, daß er das Totenregister des Kirchenbuches aufschlage und niederschreibe … Klaus und Alma … Tolke und Tedje … Gert Hinrichs und sein Weib … und Gret … und …« Zum unheimlichen Geflüster verstarb es, und die Namen gingen verloren.

»Wird der schwarze Tod kommen, oder werden alle diese in den Wassern der Springflut ersäufen?«, fragte Boethius mit vorgestrecktem Körper.

»Stille, stille … Schiffe fahren über die Kirchwarf hin, auf welchen ein Volk, das ich nicht kenne, mit langen Riemen rudert … Und es wird kommen die Zeit, wo der Schiffer zu dem Steuermann sagt: Hüte dich vor dem Wohlder Sand!«

Ein Schauer durchlief alle, und Boethius stieß die Worte hervor: »Die Maid redet aus Eingebung des Geistes! Wehe, wehe, denn Westerwohld wird werden zur Sandbank im Wattenmeere!«

»Du sagst es, vergehen wird die Beltringharde im salzen Wasser.«

Ein Übernatürliches durchwob den Raum, jeder Atemzug stockte. Minutenlang hingen die Blicke gebannt an dem rätselhaften Munde, der so ruhig die Siegel der Zukunft erbrach und so grause Dinge kündete.

Hertie aber schloß die hellsehenden Augen zum müden Schlaf. Sie hatte ihr letztes Gesicht gesehen und ihre große Weissagung vom Untergang des Nordstrandes getan. –

Trotzdem man abgewichen war von den frommen Sitten der Väter und frecher Übermut und üppige Unsitte wie geil wucherndes Unkraut aufgingen im fetten Lande, war dennoch eine Tat wie Tolkes und ein Fall wie Almas ein so Unerhörtes auf der Insel, daß nur sehr wenige hämisch lächelten und alle Besseren in hellem Entsetzen die Hände zusammenschlugen und ein herzliches Erbarmen mit den alten Großeltern hatten.

Es bestand eine scharfe Verordnung des alten Landrechts, welche besagte, daß eine ledige Weibsperson, die contra sextum gesündigt habe und schuldig befunden worden sei, mit Stäupenschlägen öffentlich gestraft werden solle. Aber längst war sie kraftlos geworden und ruhte wie ein schartig-rostiges Schwert in der Rumpelkammer des Staller-Archivs.

Alma Rickmers ist nicht mit Rutenschlägen gestäupt, auch der Verführer nicht in unbewegliches Wasser gestoßen worden, sondern mit einer gelinden Geldbuße recht glimpflich davongekommen.

Die Gesetze des Nordstrandes waren, wie einer ihrer Chronisten schreibt, »Glocken ohne Knepeln« geworden.

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