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Die ?erschreckliche Flut? von 1634 und der Untergang von Alt-Nordstrand

Johannes Dose: Die ?erschreckliche Flut? von 1634 und der Untergang von Alt-Nordstrand - Kapitel 7
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pfad/dose/flut/flut.xml
typefiction
authorJohannes Dose
titleDie ?erschreckliche Flut? von 1634 und der Untergang von Alt-Nordstrand
publisherM.-G.-Schmitz-Verlag
editorGuido Schmitz
year2010
isbn978-3-938098-45-5
firstpub1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.schmitz-verlag.de
created20100817
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Der Deich fordert ein Lebendes

Die drei dunklen Wintermonate kamen und gingen. So lange der Nebel zog, wurde in kurzer Tagarbeit am Werke rüstig geschafft. Nur wenn die Feuchtigkeit als naßkalter Regen niederschlug, stoben die von Osterwohld und Buphever als die ersten von dannen, und auch die Westerwohlder hielt der Vogtsohn nicht lange am Deiche zurück.

Edleff Wessel, welcher vor Taganbruch sein Ross sattelte und die Lässigen zusammen trieb, war die treibende Kraft und auch die leitende Hand, denn zum neuen Jahre war er mit voller Befugnis eines Deichgrafen vom Staller betraut worden, doch nicht alleingewaltig, sondern an Rat und Zustimmung der ordentlichen Deichrichter gebunden. Zuweilen nahm er einem Arbeiter den Spaten aus der Hand, um ein Beispiel zu geben. Das aber und seine kurze gebietende Art gefiel nicht allen. Zwar wuchs sein Ansehen in der Harde, und keiner weigerte den Gehorsam, aber auch die heimlichen Widersacher wuchsen wie Pilze aus der Erde.

Als der Frost die Priele und Gräben in Fesseln schlug und den Schlick in Stein verwandelte, musste der Deichbau ruhen, wurde aber um Lichtmeß, da Tauwetter eintrat und die Tage sich verlängerten, mit neuem Eifer aufgenommen.

Mehr als zehn Ellen hoch, in schräger Abdachung gegen das Meer, sauber mit Stroh bestickt und mit Soden belegt, stand der Deich wie eine feste Mauer, der ganze Haffdeich von der Nordspitze der Insel bis hinab, wo die Pellwormer Harde begann. Seit Menschengedenken hatte Nordstrand kein so großes und gemeinsames Unternehmen gesehen, und die ältesten Leute wussten sich nicht auf ein Deichwerk zu besinnen, das mit so wenig Zwietracht und so vielem Fleiße ausgerichtet sei. Dennoch war der Wall unvollendet, und die Wehle lag offen dem Feinde wie eine große, gähnende Bresche. Oft suchte Edleff die Stätte auf und maß die Breite und Tiefe mit finsterem Blick, Dann konnte wohl ein hartes Wort ihm entfallen, und mit herrischer Ungeduld trieb er vorwärts, daß die Wehle verstopfet werde noch vor der Frühjahrsbestellung. Solches erregte bei den meisten ein Kopfschütteln. Wie konnte eine Zeit, die in allen Dingen langsam ging und gute Weile liebte, den hastigen Mann verstehen?

Peter Boethius saß in seiner Stube zwischen dem Beileger-Ofen und der beweglichen Feuerstelle – in einiger Ungeduld, und auch er hätte gern eine Sache, die ihn betraf, zu schnellerer Gangart angespornt. Diese faule, ihm auf den Tod verhaßte Weise, die alles aufschiebe, verschleppe und am Ende ganz verlege! Haderte er mit seinem Knecht oder Tagelöhner? Seinen Knecht wollte er wohl in Trab bringen, aber dem wohlgesetzten und gehorsamen Bitt- und Bewerbungsgesuche um die ledige Predigerstelle in Hattstede vermochte er nicht schnellere Füße zu machen.

Der Pastor, dem man auf einem zweiten Dinge den Neubau rundweg abgeschlagen hatte, wollte sich anderswohin vocieren lassen. Aber die Vokation blieb aus. Darum haderte er mit dem lotterhaft-lässigen Geschäftsgange seiner Zeit.

Er hätte mit dieser Gepflogenheit nicht hadern sollen, denn kraft derselben war seine Dienstentsagung, mit seiner Unterschrift versehen und mit dem Kirchensiegel bestätigt, irgendwo auf Gottorp im herzoglichen Archiv verlegt worden. Und neben ihr lag eine Beschwerdeschrift von einigen Eingesessenen der Gemeinde, welche ausführte: Zum ersten, daß Herr Boethius unflätiger Scheltreden auf der Kanzel sich bediene; zum zweiten, daß er im Zorn einen Tagelöhner fast zu Tode geschlagen habe; und zum dritten, daß er um seiner Hoffart willen die Gemeinde mit neuen Auflagen beschweren wolle.

Den Propsten Vincentius traf keine Schuld an der Verzögerung, denn in der Präpositur waren beide Sachen so schleunig erledigt worden, daß man nicht Zeit gefunden hatte, den Verklagten zu verhören.

Boethius wußte nichts von dem Schurkenstreiche, der an ihm verübt worden war, von den Ränken, die man spann, noch den schwarzen Wolken, die über seinem Hause aufzogen.

Werden sie sich entladen, und wird die Botschaft wie ein Blitz aus heiterem Himmel ihn treffen, wenn er das Schreiben erbricht, darin es in kurzem Kurialstil heißet: Der Pastor ist seines Amtes entledigt worden!?

Wie aber konnte eine Sache, die nicht wenigen vertraut war, ihm ganz verborgen bleiben? Der Friese ist schweigsamer Art und kargt immer mit den Worten. Wo aber sein Vorteil es erheischt, ist sein Mund mit sieben Siegeln verschlossen. Dennoch plauderte einer, und zwar der, von dem die andern es am wenigsten sich versehen hätten.

Seit drei Tagen hatten die Frühlingsgüsse eingesetzt, alles niedrige Land überschwemmt und auf dem Nordstrande viele und große Seen über Nacht geschaffen. Ein ständiger Platzregen, der in dicken Strähnen nieder goß und nun zu einem dichten Sprühregen sich gelegt hatte!

Wer wird bei solchem Wetter und so beschaffenen Wegen am Westerwohlder Gotteshause vorbei nach Buptee zur Kirche reiten?

Der Kirchspielvogt hatte sich vorgenommen, heute den Propst Vincentius zu hören. Und Volquart Wessel hörte die feste Stimme laut vom Gestühl herunter schallen und hintennach in der Sakristei, wo sie zu zweien waren, gedämpfter klingen.

Das Ross watete behutsam durch die seichten Gewässer heimwärts. Wie Baken und Seezeichen die schmale Fahrrinne des Wattenmeeres begrenzen, so hatte man mit Stangen, an denen Strohwische befestigt waren, den Weg im Wasser bezeichnet, damit nicht Wagen und Ross in die tiefen Gräben zu beiden Seiten gerieten.

Eine tröstliche Predigt mochte es gewesen sein, denn der Reiter sah wohlgemut auf den unlustigen Weg und das unerquicksame Wetter. Im Hause wurde sein Angesicht noch heller, besonders als die Altmagd sogleich das Essen auf den Tisch stellte. Edleff war ausgegangen, und den Vater schien es nicht zu verdrießen.

Volquart gehörte zu den Leuten, die am liebsten allein speisen und ohne Zwang und Störung sich dem Hochgenusse des Essens hingeben. Mit Bedacht zerlegte er die zart gebräunte Wildente, und mit Behagen verzehrte er ein Stück nach dem anderen, bis nur ein Knochengerippe auf der Schüssel lag.

Volquart hatte seine frohe Stunde. Darum holte er eigenhändig einen Krug, gefüllt mit altem, echtem Claret, aus dem Keller. Dieser Sonntag forderte einen Wein, wie er nur an den drei hohen Festen oder nach einem glücklich abgeschlossenen Handel auf seinen Tisch kam.

Dem ersten Kruge folgte ein zweiter. Immer froher wurde Volquarts Stunde. Seine Lippen schlürften, seine Augen blinzelten in stiller Daseinsfreude durch die lustig flimmernde Stube. Beim dritten Kruge tasteten sich seine Füße in wohlangebrachter Fürsicht die steile Kellertreppe hinunter und wieder hinauf.

Der Kirchspielvogt war ein willensstarker Mann, der nimmer im Bierhause oder bei gemeinsamen Gelagen über das geziemende Maß hinausging. Aber! Derselbe hatte dennoch seine schwachen Gezeiten, eben diese frohen Stunden, wo er dem Trunke als ein heimlich-verschwiegener Zecher huldigte.

Der Sohn, welcher eintrat, streifte mit einem vielsagenden Blick den Krug und dann mit einem verächtlichen den Vater, dessen Wangen grellrot wie Purpur glühten.

»Was machst du für ein Bettagsgesicht? Hat eine Dirne dir das Herz verkümmert?!, lachte der Vogt, und seine Zunge stolperte über einzelne Silben.

Der Sohn wandte sich ab und sah aus dem Fenster. »Laß die Weiber, denn sie sind leidig verkleidete Engel …, hasse Würfel, denn sie sind das offenbare Satanswerk, aber im Weine, wenn er mit Maßen genossen wird, ist Wahrheit«, lallte der Vogt, mit dem Kruge liebäugelnd. »Koste! Es ist noch Claret drin … › sei guter Dinge, mein Sohn, denn das Leben ist kurz …, so gemahnte der Propst uns …, ha, ha!«

»Es ist kurz … und darf ich ein Wort sagen? Ihr werdet durch dieses Gelage Eure Tage noch mehr verkürzen, denn Ihr vertragt es nicht, das starke Essen und Trinken. Die Leute von Eurer Art sollen sich hüten, daß sich ihr Geblüt nicht plötzlich verdicke und ein Schlagfluß sie befalle …, sagt der Bader.«

»Zum Teufel mit dem Bader! Du solltest an Boetius' Statt auf dem Gestühl stehen und die Leute mit dem Sterben wie mit einem Kindergespenst bange machen …, hu, hu!«, höhnte der Vogt.

Also schlug er die Warnung des Sohnes, der unwillig aus dem Fenster sah, in den Wind.

Nach einer Weile hatte er die Weinlaune wieder gewonnen und begann mit listig zwinkernden Augen: »Sollte ich nicht guter Dinge sein und den Claret mir schmecken lassen? Ist es dir nicht ein frohsames Gefühl, wenn dir ein feister Aal in die Reuse gegangen ist und du siehest, wie er zappelt und den Schwanz durch die Maschen steckt, um durchzubrechen? …Hi, hi!«

Edleff horchte auf. Im Affekte schlug der Vater auf den Tisch: »Er läuft ins Garn …, der große und glatte Aal von Westerwohld ist gefangen … Und da sollte Volquart Wessel nicht fröhlich sein?«

»Redet ohne Runen! Was ist mit dem Aal?«, kam es hastig von hinten.

Der Vater sah nicht den finster durchdringenden Blick des Sohnes, sondern sprach: »Nichts anderes, als daß die herzoglichen Köche auf Gottorp ihn säuberlich enthäuten werden …«

»Mit anderen Worten«, brauste Edleff auf, »dem Pastor soll der Rock ausgezogen und das Amt genommen werden.«

Sogleich verwandelte sich der Vogt und glotzte mit leeren, verständnislosen Augen empor: »Dem Pastor? Bin ich trunken oder bist du es? Ich rede von deinen Reusen mit dir und du vom Pastor …«

Edleff antwortete nichts und fragte auch nichts mehr.

Der Regen hatte nachgelassen, und noch denselben Nachmittag verließ Edleff das Haus.

Volquart saß beim vierten Kruge, den die Magd herbeigeholt hatte, und schien trunken, denn seine Stimmung schwankte zwischen Zorn und Schadenfreude hin und her, und seine Lippen murmelten Unverständliches. War ein Wetter just wie heute und mehr als dreißig Jahre her … Der Weg stand unter Wasser, und zum letzten Male ritt der von Westerwohld heim … Gunna, die des Pastors Eheweib geworden, hatte es ihm wie eine geheime Beichte gestanden …Der Reiter hatte sein Ross in den Graben hineingetrieben, aber es schwamm und erreichte den Grund … Nichts war geschehen, nur der weichherzige Tor in ihm war ersäuft worden in dem Wasserbade. Volquart lachte hart, und seine Augen funkelten schadenfröhlich im Vorgenuß der Rache. –

Der Predigerknecht Boje blickte aus dem Fenster und anscheinend nach der Wetterfahne und dann nach Westen. In Wirklichkeit aber folgten seine Augen jenem Manne drunten auf dem Wege, der zögernd auf- und abschritt und in Zweifel schien, ob er sich in die Pastorei hinauftrauen dürfe. Jetzt aber kam er den Hügel hinan und sah auf den Grund. Flugs sprang Boje auf die Tenne, ergriff eine Schaufel, schob sie behutsam durch den Spalt der leise geöffneten Tür, so daß sie gegen den Pfosten lehnte, sah durchs Fenster und grinste vor sich hin. Da kommt der Freiersmann zu unserer Jungfer, ich muss das Gesicht sehen, welches er schneidet!

Es galt nämlich auf dem Nordstrande als ein böses Omen und ein unfehlbares Vorzeichen des Abschlages, wenn der Freiwerber zufällig vor der Tür des Hauses eine Schaufel vorfand, und es ging von einem solchen das Sprichwort: Ihm hängen die Kleider am Leibe, als wären sie ihm mit Schaufeln daran geworfen!

Kaum ein Freier, der nicht, von Schreck befallen, sogleich umgekehrt wäre. Aber es kam anders. Der hämische Knecht schnitt ein verdutztes Gesicht.

Edleff Wessel hatte einfach der Schaufel einen Fußtritt versetzt, daß sie polternd herunterfiel

.

Als er schon hinter der Peseltür verschwand, erhaschte Etta von der Stube aus einen Blick von ihm und ließ das Handgewebe in den Schoß sinken. Ihr Herz stand einen Augenblick ganz still und ging dann in starken stürmischen Stößen.

Der Vogtsohn kam nicht als Freiwerber und verneigte sich kurz. Boethius' Gestalt drehte sich im Stuhle, und die grauen Augen hielten unfreundliche Musterung.

Edleff besann sich auf die vorbedachten Worte.

Da entfuhr den schmalen Lippen die Anrede: »Wisset Ihr nicht, daß es Sonntag ist, wo ich kein Werk tue, es sei denn in Sakraments- oder dringlicher Sache, die mein Amt gilt?«

»Es gilt Euer Amt, und es geht um Euren Dienst! Ihr habt Widersacher, die Euch durch bösen Leumund verdrängen wollen … Hohl geht die See, und ich hörte die Dünung heute – seit beizeiten auf dem Auslug, Kirchherr von Westerwohld! Das Wörtlein wollte ich Euch ins Ohr raunen.«

»Die Rauner sind leidige Rater, und gegen falschen Leumund setze ich ein gut Gewissen. Als man mir das Notdürftigste verwehrte und den Stall nicht bauen wollte, gedachte ich zu verziehen – nun aber spreche ich den gottlosen Leuten zum Trutz: Hier stehe ich als Pastor in Westerwohld, und hier will ich bleiben! Mögen einige lose Mäuler den Propsten Vincentius belaufen, wie mir längst zugetragen ist – sie werden keine Sache wider mich finden, und ich lache ihrer!«

Edleff beugte sich vor: »So will ich Euch dennoch meine Warnung ins Ohr raunen: Die Sache ist viel weiter gediehen, als Ihr glaubt, und bis nach Gottorp gegangen!«

Bei dem Worte Gottorp horchte Boethius auf. Nach kurzem Schweigen sah er finster empor: Und aus welchem Antriebe kommt Ihr, es mir zu künden? … Aus Liebe etwa … oder um Lohn?«

»Nicht aus Liebe und nicht aus Lohn, sondern um des Hasses willen, den ich wider jegliche Unbill hege … Vielleicht auch Eurem Trutz zum Trutze! Nun hütet Euch, Kirchherr von Westerwohld!«

»Ich stehe in Gottes Hut und Hand!«

Der Pastor faltete unwillkürlich die Hände, aber es waren nicht eitel fromme Gedanken, mit denen er dem Vogtsohne nachsah.

Dann schritt er heftig auf und ab. Der gehe jetzt im Glauben, eine Schuld an ihm zu haben, und just diesem einen Manne wollte er keinen Dank wissen! Dennoch war ein Zwiespalt in ihm, da er wandelte und alles bewegte. Dem Vogtsohn erstand ein Verteidiger in seiner Seele, der leise zur Versöhnung redete. Aber der Angreifer, der Argwohn, sprach immer lauter: Diesem und dem eigenen unbeugsamen Willen gab Peter Boethius Raum.

Auf seinen Zügen lag keine Milde, als er die Tür halb öffnete und laut rief: »Etta, Etta!«

Heiß und scheu stand die Tochter vor dem Vater.

»Wie in den Tagen Noahs ist es, und die Bosheit groß geworden auf dem Nordstrande …«

Ein Zittern befiel sie, weil Edleff beim Vater gewesen war.

»Morgen in aller Frühe schon muss ich eine Fahrt auf das Festland machen und, so der Herr will und Weg und Wetter mir günstig sind, werde ich nach vier Tagen zurück sein.«

»Was ist geschehen, mein Vater, daß Ihr so plötzlich reisen müßt, und wohin?«

»Heimlich wider heimlich und hart gegen hart«, murmelte er, »Du wirst es hernach erfahren, wenn die Sache mit Gottes Beistand zu einem guten Austrag gekommen ist.«

In kindlichem Gehorsam fragte sie nicht mehr, sondern beugte schweigend das Haupt.

Da beschlich den starken Mann eine bange Furcht um die Seinen, er umschlang seine Tochter und liebkoste sie. »Etta, mein Kind, mein liebstes Kind!« Sie hub an zu weinen.

Bald ermannte er sich. »Dir, Etta, und deiner treuen Obhut befehle ich alles, Haus und Gesinde. Laß Karl Heimreich die Abend- und Morgenandacht verrichten und fleißiges Gebet für uns und unser Haus nicht versäumen, denn es tut not. Halte lose Leute und unnütze Reden fern und laß stillen Ernst walten, denn Gottes Hand ist ausgereckt über uns, und ich weiß nicht, ob zur Heimsuchung oder zum Heile. Und noch ein Letztes, Etta! Habe Acht auf Licht und Feuer! Ein kleiner Funke kann zum fressenden Feuer werden und mir meine einzige Habe, mein höchstes Gut verderben.« Sein Blick sagte mehr als sein Wort.

In den Augen, die sie unter den noch tränenfeuchten Wimpern zu ihm aufschlug, lag durchsichtig ihre Seele und ein großer Schmerz: »Mein Vater, was ist mit Edleff Wessel, der bei Euch war?«

»Edleff Wessel?« Seine Stimme war hart. »Ich versehe mich zu meiner Tochter, daß sie dem Vogtsohne mein Haus verschließe und seinen Weg meide! Willst du darauf deine Hand in meine Hand legen, damit ich ohne Sorge den schweren Gang gehen kann?«

Traurig neigte sie das Haupt, aber bedachtsam sprach sie die Worte: »Ich gelobe Euch, daß ich in Eurer Abwesenheit ihm das Haus verwehren und an keinem Orte ihm Rede und Antwort stehen will.«

Unten an der Ladestätte lag dieselbe Schmacke, mit der vor Monden Tolke seine Fahrt nach Husum angetreten hatte, – eines fetten Priesterhandels wegen, zu dem ihm günstige Gelegenheit geboten sei, wie er lachend seinen Reisegefährten antwortete. Die steigende Flut trug das flache Boot, und der Schiffer löste die Taue vom Bollwerk. War ein Neues und Ungewohntes, daß der Westerwohlder auf Reisen ging, und neugierig gaffende Blicke schielten nach dem letzten Fahrgast hinüber. Der Schiffer, ein auf dem ganzen Nordstrande bekannter Kauz, der ohne Ansehen des Standes und der Person jeden mit du anredete, verhörte jeden Fahrgast nach Reisezweck und Ziel, und auch den Pastor inquirierte er: »Ich sehe, hochwürdiger Herr, du bist nicht wie die Laien, die sich lieber einen Finger abbrechen, als an einem Montage ein wichtiges Werk beginnen …?«

»Alle Tage sind Gottes, auch beginnt mein Werk erst morgen oder übermorgen.«

»In der Stadt Husum?«

»Dorthin habe ich meine Fahrschillinge bezahlt.«

In Husum, in der Straße am Osterende, dang Peter Boethius einen Fuhrmann für eine Mark die Meile und freie Wegzehrung für ihn, seine beiden Klepper und die zwei großen Wolfshunde, die er der unsicheren Straße wegen mit sich führen wollte. An vier Meilen zog sich der Weg durch Sand- und Heidegegend hin und wurde ohne Fährlichkeit zurückgelegt. Überall in den wenigen und armseligen Dörfern viel Verfall und wucherndes Unkraut – das waren die sichtbaren Fußstapfen, welche die Wallensteinsche Kriegsfurie hinterlassen hatte.

Der Anblick weckte in ihm schwere und zukunftsbange Gedanken. Wie ungesegnet sei dieses kümmerliche Land und noch dazu wie hart vom Herrn geplagt worden! Und wir haben in all diesen Elends- und Unfriedenszeiten auf unserer Inselburg in üppigem Wohlleben und satter Ruhe gesessen, und die Güte Gottes hat uns nicht zur Buße getrieben … Wir haben unser Gericht zu erwarten, ich sehe es ergehen über meinem Nordstrande.

Des Pastors Angesichts wandelte sich, und sein Auge leuchtete plötzlich. Im Osten tauchte der dunkle Waldsaum des großen herzoglichen Geheges auf. Wald, Wald! Zwar hatten die Eichen und Buchen noch kein Laub, aber der Anblick der hohen Stämme und des dichten Gezweiges machte sein Herz sehr fröhlich, denn er hatte seit fünfzehn Jahren keinen Wald mehr gesehen.

Nun tat es sich auf wie ein plötzlich geöffnetes Tor zu einem großen und herrlichen Gebilde. Drunten auf der SchleiInsel lag das feste und starke Haus Gottorp mit seinen weißen Mauern und vielen Türmen, dahinter das breite und blaue Wasser und drüben im Osten die Sonne und ihr leuchtender Schein auf waldigen Höhen.

Auf Gottorp, hinter einem der zahllosen Fenster, befand sich die herzogliche Kammer mit ihren hohen Aktenstößen und ihrer langsamen Rechtsprechung. Auf Gottorp sollte sich des Kirchherrn Geschick entscheiden.

*

Es war eine alte Wetterregel, die sich schon oft bewährt auf dem Nordstrande, daß der März seine gewisse, wenn auch vom Himmel arg beschnittene Anzahl von Lenztagen haben müsse. Auch der vom Jahre 1634 hatte sie. Ein linder, nach langer Wintertrübe doppelt willkommener Märzsonnenschein lag über dem Baum- und Krautgarten der Westerwohlder Pastorei und lockte die Menschen ins Freie.

Hertie erging sich im Garten, und die Sonne küßte ihr braunes Haar und das Antlitz, das über Winter so weiß geworden war. Ein Tritt knirschte hinter ihr, sie kannte ihn und kehrte sich langsam um.

Beiden stockte der Fuß, und sie sahen sich staunend an. Der Bann, unter dem sie so viele Monde gestanden und kraft dessen sie neben einander einhergegangen, als wären sie erdenweit von einander, hemmte zur Stunde noch ihren Schritt und löste sich erst allmählich von ihrer Seele.

Sie lächelte zum ersten Male: »Wir sind selbeinander im Garten, Karl Heimreich.«

»Was hast du in deiner Hand?«

»Ich habe das erste Schneeglöckchen im Grase gefunden.«

»Du bist das Schneeglöckchen, Hertie, und dein Antlitz schauet aus dem dunklen Kleide so weiß und zart, wie der Kelch dieser bleichen und süßen Frühlingsblume.

»Ach, es hat unter viel Schnee geschlafen, ihm war so kalt, und es nickte mich so traurig an.«

»Dennoch ist es ein lieblicher Bote und gibt den Menschen die erste Lenzhoffnung.«

»Aber wenn der rechte Lenz kommt mit seiner warmen und wonnigen Pracht, dann ist seine Zeit hin, und es muss frühe sterben.«

Er faßte ihre Hand. »Hertie, mein herzliebes Schwesterlein, warum bist du so gar traurig?«

Sie sah scheu auf den Grund und flüsterte: »Dürfen auch Bruder und Schwester sich … in Wahrheit herzlieb haben?«

»Ja, ich vermeine, also haben die ersten Menschen sich lieb gehabt im Garten Gottes.«

»Und das ist das Paradies? Ich hätte es mir anders … und süßer gedacht.«

»O Hertie, ich will dich lieb haben Tage und Jahre, in Lenz und Winter, für alle Gezeiten und bis zum Grabe mit dieser stetig-stillen Gottesminne!«

»Karl Heimreich, zur Stunde, wo ich dein Antlitz schaue, fühle ich wohl ihre Süße, aber auch einen Schmerz … Ist das die Seligkeit der Minne?«

»Ja, denn sie ist stark und überdauert die Zeit und das Alter, daß die grauen Haare ihr nichts anhaben, und überwindet gar den Tod, den gewaltigen Scheider, und das Grab, das geschlossene …«

»Und was weiter?«, hauchte sie.

»Sie stehet geduldig über jedem Geschehnis, wie Gottes Liebe über allen bösen Erdendingen.«

»Und was ist das Süßeste an ihr?«

»Daß sie schlechthin ohne Sünde ist!«

»Horch, Karl Heimreich, ich höre ein leises Singen im Gezweig.«

»Es ist der kleine Heckenläufer dort«, sprach er.

Sie gingen Hand in Hand im Garten und schwiegen und lauschten der Goldammer und ihrem Gezwitscher und beugten sich lächelnd über die ersten Schneeglöckchen im Grase.

Vor Mittag wurde Hertie von Etta gerufen. Er wanderte allein mit seinem Traume. Keine Wolke flog über den Himmel. Die Sonne schien immerzu, nicht grell und heiß, wie zur Maien- und Minnezeit, wohl aber mit lindem Schein und sanftem Schimmer, wie herzinnige und treue Geschwisterliebe.

Als Karl Heimreich den Garten verließ und in den Schatten des Hauses trat, umwehte ihn eine Kühle. Und es fröstelte ihn dennoch mitten am Märztage.

Über der Pastorei lag schweigsamer Ernst, wie der Vater es gewollt hatte. Die beiden Mädchen saßen in der Stube und besprachen sich nicht. Man hörte nur das eintönige Klappern der flink gewordenen Klöppel. Etta beugte sich über ihre Lieblingsarbeit, die sie wie eine Kunst handhabte, und hatte nicht Augen für irgendetwas um sich her. Aber ihr Ohr hielt gleichsam Wache wider jede Störung und horchte. War das nicht ein Seufzer, wie er nur aus den Abgründen des tiefsten Schmerzes emporquillt? Sie wandte ein wenig das Haupt, und ein jäher Geisterschreck durchzitterte sie am hellen, lichten Tage. Denn da war das Rätsel wieder und das Grauenhafte jener Nacht! O, die blutlosen Lippen und die übermenschlich großen Augen in dem todblassen Antlitz!

»Hertie, Hertie!«

Vergebens war ihr Schrei. Die Gerufene hörte nicht mehr auf Menschensprache, und ihr Geist wandelte in anderen Welten. Ihre Lippen murmelten etwas, und dann kamen verständlich die Worte: »Wehe, wehe … Zweie tragen ihn … Und ein Dritter schreitet zur Seite und hält sein Haupt … Linnenweiß ist es wie das Schneeglöckchen, das ich brach, und seine Lider schlafen …«

Etta, von einem Grausen erfaßt, schrie auf: »Sie weissaget wieder! Dem Vater ist ein Leid zugestoßen auf dem Wege.« Und sie hing an den Lippen, deren Reden sie entsetzten.

Die lauschende Magd, welche draußen den Schrei gehört hatte, steckte behutsam den Kopf durch die Tür – ihr rundes Angesicht blieb in gaffender Versteinerung stehen.

Die Hellsehende schwieg, und Etta bedrängte sie: »Wenn du schauen kannst, was Menschenaugen verborgen ist, so verhehle mir nichts! Hertie, was ist mit meinem Vater?«

Die Kranke blickte ins Leere und horchte, dann sprach sie deutlich die Worte: »Ein weißes Haus mit starken Mauern … ein gewölbtes Gemach … auf einem Stuhle sitzt Pastor Boethius unter hohen Herren …«

»Und er wird heimkehren?«, fragte die andere, noch immer in banger Sorge, »und er wird nicht sterben auf dem Wege? Sage es mir, um des Himmels willen, wenn du es vermagst!«

»Karl Heimreich wird nicht sterben«, flüsterte die Somnambule mit einem geisterhaften Lächeln.

»Sie redet von meinem Bruder!«, jammerte die Schwester in neuen Ängsten, »wo ist mein Bruder?«

»Ich sah ihn vor einer Stunde mit dem Hunde gehen«, antwortete Alget schnell, deren Anwesenheit jetzt erst bemerkt wurde.

Trotz ihrer großen Nöte verlor Boethius' Tochter die Besinnung nicht, als sie die Magd gewahrte, sondern drängte selbige hastig zur Tür hinaus: »Hole Wasser, ihr die Stirn zu kühlen … Siehst du denn nicht, daß Hertie in Ohnmacht gefallen ist?«

Das Geheimnis jener Nacht, das ihr mit größerem Grauen heute am hellen Tage erschienen war, sollte um keinen Preis ruchbar werden, sondern verborgen bleiben im Hause. Darum nahm sie alsogleich die Kranke wie ein Kind auf ihre starken Arme, trug sie hinauf in die Kammer und verriegelte die Tür. Aber Algets Augen hatten mehr wahrgenommen, als einer redseligen Magd zu sehen gut tut.

Wo war Karl Heimreich? Er hatte geregelte Tagzeit und zur gewöhnlichen Stunde seinen Nachmittagsgang über die Felder, welcher nur bei Regen oder sehr rauhem Wetter versäumt wurde, angetreten. Der gelbzottige Hund mit dem drollig-dreisten Gesicht war sein ständiger Gesell. Cito hieß er, und ein schneller Springinsfeld war er. Aber auch das Schnauzel, ein Schlucker und ein Schatz wurde er genannt, und die Zahl seiner Kosenamen mehrte sich noch immer.

Unter lustigem Gebell hüpfte er wie ein Kreisel die Warf hinunter. Auf der Dorfstraße trabte er hin und her, und nichts entging seiner naseweisen Aufmerksamkeit und neugierigen Beschnupperung. Die kleineren Hunde wurden mit einem herablassenden Schweifwedeln begrüßt und die großen mit vorsichtiger Verachtung umgangen. Draußen aber hob er den Kopf in kecker Weidmannslust und, sintemal kein anderes Wild war, setzte er einer Möwe oder Krähe nach, die auf der Wiese saß und sich sonnte. Im Eifer solcher Krähenhatz geschah es wohl, daß er die kleinen Zwischengräben nicht beachtete und mit einigen Purzelbäumen sich überschlug. Dann lächelte Karl Heimreich, rief das Tier und trieb sein Spiel mit demselben, warf ihm Steine oder Holzstückchen hin, die es mit Windesschnelle holte und mit stolz leuchtenden Augen zurückbrachte. Fast zärtlich strich ihm dann Karl Heimreich über das zottige Fell. Cito war ein vergnüglicher Wandergesell und ein trauter Genoß.

Der sonnige Märztag lockte immer weiter ins Feld hinaus. Als sie den Haffdeich erreicht hatten, blieb der Herr stehen, zur Umkehr entschlossen. Der Hund aber war anderen Sinnes, sprang eine kleine Strecke voraus und sah zurück mit bittenden Augen und mit dem Schweife wedelnd. Als der Herr sich trotzdem nicht regte, gab er durch lautes Bellen seinem Wunsche Ausdruck. So herzbeweglichen Bitten vermochte Karl Heimreich nicht zu widerstehen. Dem Tiere zu Liebe ging er auf dem Haffdeiche weiter, träumerisch über das flutende Meer blickend, während der Hund in tollen Sprüngen hin- und widersprang, auch zu unzähligen Malen die steile Böschung hinunterstob und heraufklomm.

Dort arbeiteten sie schon am Werke! Edleff hatte gestern die Warfe beritten und die Leute zusammengetrieben. Der Deichgraf ließ den Spaten nicht lange rosten, nach seinem Willen sollte die Wehle verstopft sein, bevor die Frühlingsfluten einsetzten.

Zufällig und ungewollt dem Werke so nahe gekommen, gedachte Karl Heimreich es in Augenschein zu nehmen, obschon er wenig Sinn für derlei Dinge hatte.

Von beiden Seiten, den hochragenden Deichhäuptern, aus war die Arbeit in Angriff genommen worden. Der ganze Grund war ein so genanntes Sandwatt, welches, weich und widerstandslos, von der Gewalt des Wassers zu einem tiefen Teiche ausgehöhlt worden war. Die Leute, aus ihrer bequemen Winterruhe gerissen, führten absprechende und höhnische Reden.

»Wo gestern das Hineingeschüttete wie ein niederer Damm stand, war heute in der Frühe alles versunken und nichts als blankes Wasser zu sehen«, sprach einer.

»Das mehret nicht den Mut«, antwortete Tedje, »auch ist die Bosheit des Grundes sattsam daraus zu ersehen, daß, wenn man den Spaten hineinstößt, das ganze umliegende Land sich reget.«

Mit Karren, die neu aufgekommen waren, fuhr man das Erdreich bis an den Abhang und schüttete es durch geschicktes Umkippen hinab. Dem Deichgrafen, welcher weiter nach hinten die Schaufel ergriffen hatte und Tolkes Karre belud, entging das Gerede nicht; aus der gewaltsamen Weise seiner Bewegungen war sein Grimm zu ersehen.

Ein so genannter Gardebruder, der gelegentlich einen Taglohn machte, um ihn im Bierhause zu vertrinken, sonst aber mit dem Bettelsacke einherging und in den Scheunen sein Nachtlager hielt, richtete sich auf. Ein verlaufener und verkommener Mann, welcher einst bessere Tage gesehen und aus seiner Schülerzeit sogar einige lateinische Brocken behalten hatte, schwatzte er gern klug und sprach also: »Ich bin auf manchem Werk gewesen, und in Dithmarsia drüben hatten wir einen gleichen Casus … Es war ein ebenso boshaft-teuflischer Ort, und die Delver konnten ihn nicht dämpfen, noch das Loch stopfen, obgleich sie mit großen Unkosten sich daran versucht und es mit Sand und Holz, mit Ballen und Strauchwerk wohl zwei Mal angefüllt hatten. Doch dieweil die Alten schon gesagt haben: Animam quaeri, das heißt, der Deich fordert ein Lebendes, man soll eine Katz oder einen Hund hineinwerfen, haben die Delver also getan, und als das geschehen, ist die Wehle mit Leichtigkeit zugeschlossen worden.

Karl Heimreich war hinzugetreten und sah erstaunt über die abschüssig-steile Wand mit ihren überhängenden Erdmassen in die Tiefe hinunter. Auch der Hund schnupperte mit der neugierigen Schnauze am äußersten Rande und äugte hinab. Sein Vorwitz wurde sein Verderben.

Tedje versetzte ihm von hinten einen tückischen Fußtritt, daß er sogleich abstürzte in die Tiefe. Tolke aber, welcher just mit seiner Karre kam, schüttete sie an derselben Stelle aus, murmelte wie ein Zaubersprüchlein ›Der Deich fordert ein Lebendes!‹ und schlug eine laute Lache auf.

Schier entsetzt starrte Karl Heimreich über das Deichhaupt und dem Hunde nach. Verschüttet und lebendig begraben! Nein, die kurzen Stutzohren ragten noch aus dem Grunde, und die zu Tode geängsteten, flehenden Augen blickten nach oben.

»Mein Tier, mein treues!«, schrie Karl Heimreich in grosser Qual und hörte das Heranrollen der nächsten Karre hinter sich. Blindlings und ohne Besinnen sprang er dem Hunde nach. Es waren aber mehr als sechs Ellen bis zum Grunde. Flugs rissen seine Hände den zottigen Freund empor, und seine Arme umschlangen ihn. Cito schmiegte den Kopf an die Brust seines Herrn und legte die Pfoten ihm um den Hals.

Aber schon hatten sich die vorgehängten Erdmassen mit lautem Krachen vom Deichhaupte gelöst und stürzten donnernd und polternd in den Abgrund. Eine Stimme von oben schrie: »Wahrt Euch!« Zu spät! Verschüttet bis zur Schulterhöhe, stöhnte Karl Heimreich ein paar Mal unter der erdrückenden Last der schweren Kleierde und schloß die Augen.

Der Hund arbeitete sich empor und floh eine kleine Strecke, sah dann zurück nach seinem Herrn, hob den Kopf gen Himmel und heulte kläglich.

Oben auf dem Deichrande stand einer mit erhobener Schaufel, als sollte sie zerschmetternd niederfahren. Des Deichgrafen Stimme brauste wild auf: »Wer stürzte den arglosen Mann hinab? Gardebruder, warst du es?«

»Nein, Tedje warf den Hund hinab …, weil die Wehle ein Lebendes will …«

»Tedje!«

Dieser sah die Augen des Vogts und floh in langen Sätzen.

Edleff schrie ihm nach: »Ich will dich noch darüber hinauswerfen, daß du wie ein Hund im Wasser der Wehle ersäufst … Dann hat sie ihr Lebendes … Verdammter Aberglaube, der also den Deich verschließen und keine ehrliche Arbeit tun will!«

Auf der Böschung machte er den Abstieg und befahl barsch: »Mir nach mit eurem Gerät!«

War Karl Heimreich tot? Edleff wußte es nicht, sondern schaufelte nur, wie noch nie auf dem Nordstrande geschaufelt worden war. Dabei mahnte er die andern, welche auch zugriffen: »Schonsam, schonsam, daß wir ihm keinen Schaden tun!« Immer wieder glitschten und rollten die höheren Schichten nach. Das herzbrechende Geheul des Hundes verstummte nicht. Aber mit erneuter Riesengewalt umgrub Edleff den Verschütteten, entriß ihn endlich dem Grabe und trug ihn allein die steile Höhe hinauf.

Fahl und reglos wie ein Toter lag Karl Heimreich auf der Bahre, die man aus zwei Brettern und darüber gelegtem Buschwerk schnell hergerichtet hatte. An seine Lippen legte der Vogtsohn das Ohr und horchte und hörte nicht den leisesten Odem des Lebens.

Ein betrübsamer Zug kam langsam die Pastoreiwarf hinan. Hans Pauls und der Gardebruder trugen die Bahre, Edleff schritt zur Seite und hielt das Haupt in seiner Hand gebettet.

Etta sah den Zug: »Wehe, schon haben Herties Gesichter sich erfüllt!« Aber sie schrie nicht, noch fiel sie in Ohnmacht oder Leibesschwäche. Nein, gemeinsam mit dem Vogtsohn trug sie den Leblosen hinauf in die Kemenate und legte ihn auf die Bettstatt.

Der zottige Gesell trottete hinterdrein, das gestutzte Schwänzlein hing so tief, und die kurzen Ohren spitzten sich bei keinem Geräusch. Aber die Nachmittagssonne des Märztages schien wie zuvor durch die Fensterscheiben.

Etta öffnete ihm das Wams und tastete auf seiner Brust. O, sie spürte den Herzstoß wie ein leises Zittern des Lebens. »Er lebet, er lebet!«

Als Edleff ihm eine Weile das Haupt mit Wasser gekühlt und die Schwester ihm einige Kampfer-Tropfen zwischen die Lippen geträufelt hatte, schlug der Kranke die Augen auf.

»Wie ist dir, mein Bruder, und wo sind deine Schmerzen?«

Karl Heimreich hauchte etwas, es war die Frage: »Wo ist Cito?«

Etta hob schnell den Hund, der dicht am Bette saß, in ihren Armen empor und hielt ihm das gerettete Tier vor die Augen. Da lächelten sie einmal und schlossen sich wieder.

In dem niederen Dachgemache beugten sich zwei über den Schlummernden, der regelmäßig Atem holte. Und Edleff fühlte ihre Nähe wie einen zuckenden Herzschlag, wie ein ziehendes Heimweh fast.

»Wie ist es gekommen? … Sein Gewand starret von Kleierde!«, fragte sie.

Er erzählte den Hergang und schloß: »Ich kam zu spät, um die Übeltat zu hindern … Dennoch werdet Ihr mir eine Schuld beimessen, denn nicht des Guten, sondern des Schlimmen versehet Ihr Euch zu mir.«

»Nein, Edleff, Ihr habt meinen Bruder dem Grabe entrissen, und ich muss Euch danken, aber mein Herz ist so schwer, als wäre es auf allen Seiten von Leid verschüttet …«

»Seid zuversichtlich, er wird genesen.«

»Ja, Karl Heimreich wird nicht sterben, aber … mir ist zur Stunde, Edleff, als wenn das Sterben und die lange, dunkle Nacht vor meiner Tür stünde.« So flüsterte sie und ein Ahnen durchschauerte ihren Leib.

Jetzt geschah, was nimmer geschehen sollte. Sein Arm legte sich leise um ihren Nacken, seine schwielige Hand strich so unendlich sanft über ihr Haar hin. Ihr Wille war unmächtig, ihr Haupt neigte sich an seine Schulter, und sie weinte. Wie der flüchtige Hauch eines seligen Augenblicks war es, und dann ein jäher, stechender Schmerz, als ginge ein Schwert durch ihre Seele.

Verängstet fuhr sie zurück und wehklagte: »Es ist die Sünde, die Sünde; mein Wort war verpfändet, Ihr durftet nicht über diese Schwelle treten, und mein Wort ist gebrochen.«

Der zuckende Herzschlag übermochte ihn, daß er die Arme ausstreckte: »Nein, es ist die Liebe, und nun weiß ich, daß auch Ihr herzinnig mir zugetan seid.«

»Gehet, gehet, um des Kranken – um meinetwillen –«, wie gelähmt preßte sie die Worte hervor.

Er ging, und sie sank auf die Bettstatt neben den Bruder. Der Deichgraf schritt zurück zu seinem Werke mit einem festen Zug um den Mund. Er befehligte in einer Weise, daß in den drei Spätstunden dieses Nachmittags mehr als ein volles Tagewerk ausgerichtet wurde.

Blank wie das reinste Metall und friedlich wie Ewigkeitsstille glitzerte die Flut. War das die Nordsee und Mordsee, deren blanke Gewässer auf Nordstrands grünen Triften so oft gestanden hatten, daß das Meer im Volksmunde der blanke Hans hieß?

Der Deichgraf schaute darüber hin und umklammerte den Spaten, Nordfrieslands Waffe. Wer diesen großen Herrn besiegt und den blanken Hans bezähmt, der wird wohl auch einem Herrlein von Westerwohld und einem starrköpfigen Peter den Willen brechen! –

Karl Heimreichs schwache Brust hatte vom Druck der Erdmassen einigen Schaden genommen, und sein Auswurf war blutgefärbt. Die Schwester verließ seine Kammer nicht und pflegte ihn getreulich Tag und Nacht. Diese Sorge war ihr gut, denn dem eigenen Leide ward weniger Raum gegeben. Dennoch litt ihr Herz große Pein, und ihr Gewissen war schwer angefochten um des Vaters willen und des Wortes, das sie nicht gehalten hatte.

Auch ein anderer Gesell war nicht aus der Kammer zu vertreiben. Der Hund lag zu den Füßen der Bettstatt mit verständigem Blick, als wäre er mit der Wache und Wartung seines Herrn betraut worden.

Karl Heimreich genas. Schon am Freitage saß er am Peselfenster und sah hinaus in den Garten und nach den weißen Schneeglöckchen, die jetzt überall auf jedem Rasen und an jedem Raine sproßten. Seine Hand streichelte den Kopf des Hundes, dessen Augen unverwandt den Herrn anblickten, als wenn sie etwas sagen wollten.

Hertie hatte die große Hausbibel genommen und die Spangen gelöst. Und sie las laut den Psalm vom guten Hirten, der die Seelen erquickt und die Menschen auf grünen Auen weidet und zu frischen Wassern führet.

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