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Die ?erschreckliche Flut? von 1634 und der Untergang von Alt-Nordstrand

Johannes Dose: Die ?erschreckliche Flut? von 1634 und der Untergang von Alt-Nordstrand - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorJohannes Dose
titleDie ?erschreckliche Flut? von 1634 und der Untergang von Alt-Nordstrand
publisherM.-G.-Schmitz-Verlag
editorGuido Schmitz
year2010
isbn978-3-938098-45-5
firstpub1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.schmitz-verlag.de
created20100817
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Der große Kirchspielsiegel

»Ein Wunder geschieht in unserem Hause; seit zwei Wochen, jeden dritten oder vierten Tag, finden wir im Holzstalle bald ein Brot, bald ein Stück Rauchfleisch und heute einen guten Schinkenknochen«, erzählte Gunne in großer Erregung.

»Ei, wie den Kindern Israel das Manna, so fällt Euch über Nacht die Speise vom Himmel«, lächelte Etta.

»Wir hörten von dem Propheten, den der Herr durch gefräßige Raben mit Brot und Fleisch versorgen ließ … Dürfen wir glauben, daß Gott in unseren Tagen und noch dazu an einen schlechten Tagelöhner in Westerwohld solche Wunder tut?«

»Gott kann es tun«, sprach Etta, »aber es werden in unseren Tagen wohl nicht mehr Raben, sondern Menschen sein, durch die er es ausrichtet.«

Die fragesüchtige Neugier erwachte in der Alten: »Warum, wenn es ein Mensch ist, geschieht es insgeheim? Und da es ein gutes Werk ist, doch gleichwie ein Nachtwerk, welches das Licht scheut? Ich will Sönke sagen, daß er in der dritten Nacht auf die Lauer sich stelle.«

»Gunne, Gunne, wißt Ihr nicht, daß Gott einen jeden Geber liebt, aber einen geheimen noch viel mehr? Ihr werdet ihm nicht in seinen Weg greifen!«

Dann fragte Etta: »Wie fährt Alma auf Olufswarf?«

»Ach, Alma … Mit der Großmagd hat sie einen Zwist gehabt, aber Tolke hat ihr recht gegeben und die andere aus dem Dienst gesandt.«

»Ich wollte, er hätte ihr unrecht gegeben«, murmelte Etta leise.

Die Alte hatte es gehört und blickte unruhig empor. Schon faßte die Predigertochter den Türpflock, als sie sich zögernd wandte: »Habt Ihr Edleff Wessel in Eurem Hause letztlich gesehen?«

»Nein, er war nicht hier und hat ja die tolle Wette mit Tolke gemacht.«

»Welche Wette?« Jetzt hatte die Junge den unruhigen Blick.

»In einem Strohkahne, daran kein Holz noch Hanf sein darf, soll er über die Schmaltiefe fahren.«

»Um des Himmels willen, warum denn?«

»Um eines Ochsen willen, sagt man, will er Gefahr laufen, jämmerlich zu versaufen … Heute oder morgen wird das waghalsige Stück getan.«

Etta ging hinaus in den nebelgrauen, grämlichen Novembertag. Ein Widerstreit war in ihr wie von Angst und Freude zumal, und ihr Fuß stand unentschlossen am Scheidewege, der zum Haffdeiche herunter führte. Der geheime Geber war niemand, denn er, und sein Herz gut in dessen tiefinnersten Gründen. Diese Art der Barmherzigkeit, diese feine und fast verschämte Weise des Wohltuns gefiel ihr. Und daß es ihres Exempels bedurft, daß er in Ansehung desselben sein Werk begonnen hatte, nahm demselben nichts von seinem Ruhme; nein, es mehrte den Gedanken, daß er gut sei, und es stärkte das Gefühl, daß sie ihm unrecht getan habe.

Etta stand am Scheidewege. Edleff! Heißet das nicht: Edles Leben? Ja, unter rauher Kruste war edler Kern! Und dieser Mann, größer und stärker und stattlicher als alle, alle – dennoch ein törichter, törichter Knabe, der sein Leben um ein Nichts verspielen wollte. Um eines gemeinen Gewinnes willen ein zu edler Einsatz! Dem musste gewehrt werden, und das wollte sie verhindern.

Entschlossen wandte sie sich rechts, dem Meere zu, wo die Deicharbeit begonnen hatte. Eine plötzliche Helle fiel auf ihren Weg, sie sah empor: Im Grau des Himmels eine lichte Stelle, die immer größer wurde. Die Sonne brach durch, vor ihren Strahlen wichen die Wolken, wie die gemeine Menge beim Anblick der Majestät. Ob es in ihrem Leben je zum Durchbruch kommen und eine Macht und Majestät des Himmels dem Grauen und Gemeinen gebieten werde: Weiche von hinnen! Und dem Glücke; gehe auf!?

Auf dem Haffdeiche, der bis zur Balumer Landspitze führte, erblickte sie ein Gewimmel von Menschen, alle, wie es schien, in emsiger Tätigkeit. Sie zählte bis sechzig, es waren aber noch mehr, und einer gewißlich der Vogtsohn, aber welcher?

Am Ende des Mitteldeiches, auf dem sie gekommen war, breitete sich das grüne Vorland aus und dahinter die graue Wattenfläche. Durch den Haufen mochte sie nicht schreiten, darum stieg sie hinab und schritt auf dem Vorlande dem Deiche entlang nach Süden.

Ein Friesenmädchen hat Sinn für Deichwesen, und das Werk erregte ihre Aufmerksamkeit in hohem Maße. Fuhrwerke mit Buschwerk, welches spärlich auf der Insel wuchs, und mehrere andere mit Stroh, davon genug Vorrat war, zogen auf dem Deiche hin. An sieben Ruten breit mochte der Erddamm sein. Hier weiterhin waren die Männer beim Bestecken. Schichtweise legten sie Reisig und Stroh und Grassoden darüber, schlugen kleine Pflöcke dazwischen und befestigten sie mit Riemen. Das war die neueste Weise, den Deich zu sichern, und sie gefiel ihr: nur wollte ihr scheinen, daß er nach dem Meere zu weniger steil hätte stehen sollen. Einen Steinwurf weiter fuhr man die vom Vorlande abgetragene Schlickerde an den Deich, und Arbeiter karrten sie hinauf.

Mit Kopfschütteln betrachtete sie die durch das Abgraben entstandenen großen Löcher. Dort wird das Meer sich hineinwühlen und den Deich bedrohen! Auch hörte sie, wie die Karrenden untereinander rechteten und schalten: »Für deine faule Haut sollen wir unseren Schweiß zu Markte tragen!« Nicht alle waren so emsig, wie es aus der Ferne schien.

Etta stand still. Hier hörte der Damm, welcher drüben wieder anfing, plötzlich auf, und zwischen den beiden Deichenden lag ein kleiner, stiller Landsee. Daselbst hatte der letzte Deichbruch stattgefunden, und das war die große Wehle, die nicht verstopfet werden konnte. Nun rückte man mit so genannten Häuptern gegeneinander vor, um durch Hineinschütten von Erde die gewaltige, durch das Ein- und Ausströmen der Hochfluten sich ständig vergrößernde Auskolkung auszufüllen.

Etta betrachtete die Wehle aufmerksam und hielt den Zeigefinger an die Zähne, wie sie bei tiefem Nachdenken zu tun pflegte. Ob sie das Werk vollenden? Wenn es nicht gelinget, bricht das Meer hier durch und scheidet den Nordstrand in zwei Hälften, sagt mein Vater. Geschehen aber muss es und des Meeres Gewalt durch Menschenhand gebrochen werden.

Einige Männer kamen und stießen mit einem Springstocke in das Wasser der Wehle, dann mit einem Ruder, aber vergebens, zuletzt mit einer langen Stange, und schienen damit den Grund zu erreichen. Sie maßen die Tiefe des Auskolkung. Etta schrak zusammen, denn das war Tolkes widerwärtige Stimme.

»Sechs Ellen und mehr! Wären wir davon geblieben, denn wir könnten ebenso gut den Heverstrom mit Erde ausfüllen wollen. War Edleff Wessels kluger Rat und nicht meiner! Bei unseren Lebzeiten werden wir es nimmer gewinnen, und wenn wir es gewönnen, das Land wird keine fünf Schilling das Demat wert sein.« –

Sie war von dannen gehastet und umging die Wehle in weitem Bogen. Der hätte nicht das Maul so weit aufgetan, wenn Edleff in der Nähe gewesen wäre. Dennoch trieb es sie vorwärts, und den Deich jenseits der Wehle, von wo man weite Rundsicht hatte, klomm sie hinauf.

Ihr Gewand flatterte im Winde, und sie hielt die Hand über die Augen. Wie eilig die Sonne es hat mit dem Sinken! Ich muss heimkehren!

Aber sie wandte sich nicht von der Sonne und den Watten im Westen. Drüben schlängelte sich die Schmaltiefe – und wie breit, wie breit sie war. Aber nichts Lebendes als nur Vogelschwärme an ihren Rändern, kein Strandläufer noch Wattenfischer zu sehen. Ihre Augen täuschten sich nicht, denn der Friesenblick, abgehärtet durch Wind und Salzluft, sieht deutlich in große Ferne.

Dort in ihrer Nähe lag Hooge, die Hallig im grauen, von Silberfäden durchsponnenen Wattennetze, wie ein blaßgrüner Tangbüschel. Von hinter diesem Eiland her kam eine Gestalt übers Watt, eine reckenhafte und wohl vom täuschenden Licht der sinkenden Sonne so riesig vergrößert. Sie nahm die Hand von den Augen. Das konnte kein anderer als Edleff Wessel sein.

Ich muss gehen!, dachte Etta und blickte über die Wehle hinweg bis zum Türmlein von Westerwohld. Ihre Füße traten zwei Schritte. Und ihre Gedanken wiederholten, wie traumbefangen: Ich muss gehen! Aber die ungehorsamen Füße regten sich nicht. Da erschrak sie vor dem Laut einer Stimme, es war ihre eigene, welche murmelte: Ich muss wahrhaft gehen! Und Etta ging nicht.

Der Riesenschatten eines Mannes glitt die Höhe hinauf, unter Menschentritten rollte Erdreich hinab, eine Stimme rief jubelnd: »Seid gegrüßet, Etta!«

Seine leuchtenden Augen lugten unter das Kopftuch, denn sie senkte das Kinn. Aber sie wich zurück und wehrte ab: »Pfui, was habt Ihr da in Eurer Hand?«

Er trug ein langes, lebendiges Schleimtier, das sich krümmte und wand. »Das ist die Schlange aus dem Paradiese«, lachte er, »nun aber soll sie den Tod erleiden und langsam über dem Feuer schmoren.«

»Laßt die Schlange!«, schauderte sie.

»Etta, seht Ihr denn nicht, daß es ein Riesenaal ist, den ich draußen in den Reusen gefangen habe und dessen Länge mehr als zwei Ellen beträgt?«

Staunend betrachtete sie das Tier, desgleichen sie nimmer gesehen hatte. »Mit beiden Händen könnt' ich ihn nicht umspannen, und ich tät's auch nicht.«

»Wollte wetten, daß er an Umfang Euren Arm übertrifft … Sollen wir messen, Etta?«

Schalkhaft war sein Blick, aber ihr schien er zudringlich, und sie schalt fast: »Ei, mich bedünkt, Ihr hättet genug gewettet, und wenn ich Eurer Vater wär', wollte ich mit einem anderen Maßstab Euren Rücken messen. Das mit dem Strohkahn ist ein törichter und toller Bubenstreich, und wenn ich von meines Vaters Amt ein wenig Vollmacht hätte, würde ich einfach sagen: Ich will die Wette mit Tolke nicht leiden, denn es ist eine Sünde, ich will es nicht!«

Edleff schaute mit gebührender Beschämung, aber just nicht mit großer Betrübnis darein: »Hätte ich es gewusst, würde ich es unterlassen haben um Euretwillen, aber die Wette ist gestern schon zum Austrag gebracht und von mir gewonnen worden!«

Beim Worte ›gewonnen‹ blickte er kecklich unter das Kopftuch.

Sie atmete wieder auf. »Edleff hütet Euch vor dem jäh zufahrenden Augenblick und dem zäh festhaltenden Trutz! Ihr seid wie die Nordsee, die starke und trotzige, welche den Schlick aus dem Grunde heraufführt und in jahrhundertelanger Mühe diese Meer- und Marschländer gebildet hat. Aber in einem Augenblicke des tobenden Wahnwitzes zerreißt sie die Watten und zerstört ihr eigenes Werk … Ihr habt höhere Gedanken als alle in diesem Haufen, und Ihr allein habt den Deichbau begonnen. So setzet Euren ganzen, großen Willen an dieses Werk! Aber hütet Euch vor dem Augenblick, daß nicht das Gute jach vom Bösen überwältigt werde!«

Es war nicht mehr die Strafpredigerin, die an ihres Vaters Platz sich stellte, welche redete, sondern das Weib, dessen sänftigliche, durch Lob versüßte Vorhaltung der Mann gerne hört.

»Wir wollen der Wehle Herr werden und das Meer durch einen eisernen Deich dämpfen!«, sprach er fest und setzte leise hinzu: »Dann wird auch der Wille des Pastors von Westerwohld nicht stärker sein, als daß wir ihn übermöchten.«

»Stille, stille!«, flüsterte sie.

Seine Lippen öffneten sich voll, und was sie vor Wochen im Hause des Dachdeckers verschlossen hatten, bekannten sie frei: Daß er von ungefähr und ohne sein Verschulden in Tolkes Kumpanei geraten, nachher aber aus Zorn zu den Zechern gegangen sei.

»Ich habe Euch ein Unrecht angetan«, sprach sie weich Und ihre Hände faßten sich.

Lange standen die beiden auf dem Deiche in den Strahlen der untergehenden Sonne, und ihre Zwiesprach war innig, aber das Wort Liebe wagte sich nicht über ihre Lippen.

Jenseits der Wehle, unter dem gegenüberliegenden Deichhaupt, hockte Tolke und folgte jeder ihrer Bewegungen. Immer feindseliger wurde sein Späherblick, und über die breiten Lippen kroch ein zischender Fluch: »Tod und Teufel! Um den Ochsen hat er mich betrogen, aber dieses Vöglein soll nicht in sein Netz gehen!«

Hoch ragten die beiden auf dem einsamen Deiche, und immer heller hoben die Gestalten sich ab im scheidenden Tageslichte, als schwebten sie über der Erde.

Weit drüben unter dem arbeitenden Haufen stand ein Mann und schattete lange mit der Hand über die Augen, die weitsichtig waren wie eines Schiffers und sich nicht täuschten.

»Es ist der Vogtsohn und mein Kind«, murmelte Peter Boethius, der gekommen war, um das Werk zu beschauen. Eine Finsternis zog über seine Züge, wie ein plötzlich aufsteigendes Gewitter, und ein Arbeiter, den er von ungefähr ansah, erschrak dermaßen, daß er eilig zum Spaten griff.

Etta sah nach dem Turme von Westerwohld. »Ich muss gehen!« – »Ich auch, wir haben ja dieselbe Straße und können sie selbander schreiten.«

»Nein, nein!«, wehrte sie heftig ab, »hier ist meine Strasse, und Ihr müßt querfeldein über die Gräben Euren Weg nehmen.«

»Ihr wollt nicht zusammen mit mir gesehen werden … Habt Ihr denn schon einen Liebsten, Etta?«, entfuhr es ihm.

Die Frage grub zwei Grübchen in ihre Wangen: »Einen Liebsten? Ich habe drei …«

»Drei––e?«, stotterte er und war sprachlos.

»Ja, ich habe zum ersten« – sie begann mit dem Daumen – »Karl Heimreich, meinen Bruder; zum anderen Hertie und zum dritten meinen Vater …«

»Zum vierten, am Ringfinger aber …?« Der Stotterer war schnellzüngig geworden.

»Ich habe drei«, wiederholte sie.

»Und Ihr habt Euren Vater so lieb?«, fragte er kopfschüttelnd und in aufrichtigem Erstaunen.

Sie sah empor: »Habt Ihr denn nicht den Kirchspielvogt lieb?«

Er aber blickte auf den Grund und antwortete: »Lieb? Nein!« Das Nein klang eisig, daß ein Frostschauer sie durchfuhr.

»Ich muss gehen, Edleff!« Kalt lag ihre Hand in seiner, aber aus ihren Augen brach ein Strahl, nicht heiß wie wonnige Minne, aber warm und weich wie herztiefes Mitleid. Und sie ging.

Etta umschritt die Wehle, bemerkte nicht die Riesenkröte, welche mit aufgeblasenen Backen und häßlichen Glotzaugen am Deiche hing, sondern wanderte rüstig dahin auf dem Vorlande.

Ein unsagbar süßes Gefühl durchrieselte sie, und ein Traum umfing ihr Herz, als wäre sie im Paradiese. Aber jach und verstört blickte sie um sich, denn das harte Wort ›Lieb? Nein!‹ gellte ihr ins Ohr, und vor ihren Augen stand das häßliche Schleimtier. Das kam und krümmte sich wie eine Schlange, wie die Schlange im Paradiese.

Den Gespannen, welche Erdreich aufluden, näherte Etta sich und glaubte einen Menschenauflauf um den einen Wagen zu bemerken. Sie irrte sich nicht, lief schneller und einem großen Leid entgegen. Denn sie ward Augenzeugin vom Ende eines sehr bösen Vorfalles.

Auf dem Wagen in der Mitte der Reihe lag der kleinste Erdhaufen; und vor demselben standen des Pastors Rosse angeschirrt; das eine Pferd legte liebkosend seinen Kopf über die Mähne des anderen. Boje, der Knecht, und Hinrik, der Schneider, ein kränklicher und schmächtiger Mann, der wegen Mangel an Arbeit und mehr aus Mitleid vom Pastor in Tagelohn angenommen worden war, handhabten die Schaufel, aber langsam, um die Wette langsam. Lang war der Arbeitstag gewesen, und die Kleierde leistete zähen Widerstand.

Von den Nachbarn flogen höhnende Reden hinüber. »Die scharren im Grunde, wie die Hühner im Kohlhofe.« Und ein anderer: »Ei, wisset Ihr nicht, die sind vom geistlichen Stande, der mit Faulenzen durch die Welt kommt?«

Da kam just Peter Boethius des Weges, und das düstere Unwetter auf seinem Antlitz verfinsterte sich noch mehr.

Ein Dritter schrie laut, damit er es höre: »Des Pastors Gespann muss ausscheiden, es hindert uns und hemmt nur das ganze Werk.«

Unheimlich lohte es auf in den tief liegenden Augen, und das Gewitter entlud sich in einem jähen Zorn, der nicht weiß, was er tut. Boethius rief: »Du lässiger Hund, willst mich zum Dorfgespött machen!«, entriß dem Schneider die Schaufel und hob sie dräuend wie zum Schlage empor.

Aber er schlug nicht, sondern seine Augen wurden stier. Der Mann war hinterrücks der Länge nach hingestürzt, als hätte der Schlag ihn gerührt oder der große Schock ihn plötzlich getötet.

Ein Menschenauflauf entstand, und um den Pastor her ging ein Zischeln: »Ein Totschlag ist geschehen auf dem Werke.«

Hinrik aber war nicht tot, sondern sein Leib fing an sich zu wälzen in heftigen Zuckungen, Schaum stand ihm vor dem Munde, und die Daumen bohrten sich in die geballte Faust hinein.

Boethius, der in seinem Leben noch nie die Fassung verloren hatte, stützte sich wie gelähmt auf die Schaufel. In dem Augenblick brach Etta durch die Menge und beugte sich über den hingestreckten Mann, dessen Krampf nachließ.

»Bringt ein Strohbund, ihm den Kopf zu stützen! … Wie geschah es?«

Ein Kreis von finsteren Blicken umgab die drei, und irgendwoher aus demselben kam dumpf: »Er … der Pastor schlug ihn mit der Schaufel.«

Boethius sprang zurück und reckte die eine Hand empor: »Der Allsehende ist mein Zeuge, daß dieses Werkzeug sein Gewand nicht gestreift, noch ein Haar auf seinem Haupte berührt hat. Ihr aber sollt mir bestätigen, daß Hinrik schon seit Jahren an der fallenden Sucht leidet, und ich will bekennen, daß er aus Schreck vor meinem Zorn vom Krampf befallen worden ist. Jetzo aber helft mir den Wagen entleeren, daß ich den Kranken nach seinem Hause schaffe.«

Der Kreis von finsteren Blicken regte sich nicht.

Nun fühlte Boethius keine Schwäche mehr, sondern eine große Kraft. Ein viermaliger Ruck – und seine Hände hatten die Seitenbretter des Wagens empor gerissen, daß ein großer Teil der Ladung herabrollte; einige ebenso gewandte als kräftige Stöße mit der Schaufel, und der Wagen war leer.

Vater und Tochter hatten ohne Beistand den Kranken hinauf gehoben und behutsam gebettet. Er lag ruhig und atmete regelmäßig, als wenn er schliefe. Auf Geheiß trieb Boje die Pferde an.

Sogleich wurden die Schweigsamen laut, und vielerlei Stimmen vernahm man.

»Es fehlte nicht viel, und wir hätten auf dem Werke unsern Totschlag gehabt …Und ich, der Tagelöhner, hätte mit dem Pastor nicht den Hals tauschen mögen.«

»Dennoch wird's ihn um Amt und Ehre bringen, sintemal er dem armseligen Schneider die fallende Sucht an den Leib geschlagen hat.«

»O, dann wird Boethius tagelöhnern und nicht verderben … Wir sahen ja, er hat nicht verlernt, mit Schaufel und Spaten umzugehen.«

Am Abende war kein Hof und keine Hütte in Westerwohld, wo nicht das Geschehnis am Deiche besprochen worden wäre. Die meisten entstellten und vergrößerten es zum Bösen, einige suchten es zum Guten zu kehren, aber auch die freundlich Gesinnten schüttelten den Kopf.

Tolke kehrte heim, und obgleich es kalt war, brannte doch ein Feuer in ihm. Ettas Gestalt hatte sein Blut in Wallung gebracht, und die Glut wuchs wider seinen Willen. Der Anblick der beiden auf dem Deiche hatte sie nicht gelöscht, sondern nur Hass, Ekel und Eifersucht wie heißes, stinkendes Öl dazu gegossen, daß die Flammen unreiner und verzehrender wie zuvor empor schlugen. Der Wirt im Bierhause berichtete ihm das große Geschehnis des Tages. Ein fröhlicher Fluch entfuhr seinen Lippen und dann ein blasendes Fauchen.

Spät stieg er die Warf zum Vogthofe hinauf, der ein altes, aber wohl erhaltenes Gebäu war, durch nichts vor den großen Höfen der Insel ausgezeichnet, es sei denn durch die Unzahl von Kasten und Truhen, die an allen Wänden, von der Diele bis zu den Hinterkammern standen. Wenn die Großmagd, welche die Rechenkunst nur mit der Kreide auf dem Tische übte, nach der Zahl derselben gefragt wurde – und solches geschah nicht selten – antwortete sie: »Ein ganzes Stieg und ein halbes, außer den vieren im Pesel, in die nie einer die Nase gesteckt hat außer Volquart selber.«

Als Tolke hinter der Peseltür verschwunden war, wisperten zwei Knechte: »Was will der?«

»Ich weiß nicht, was er will, aber ich weiß, was er muss.«

»Was muss er denn?«

»Der muss mehr als zehn Schilling Zins von der Mark zahlen.«

Volquart las in einem Buche, dessen aufgeschlagene Blätter mit wenig Worten, aber vielen Zahlen beschrieben waren. Er übte die Rechenkunst gern und gleichsam zur Erholung. Unliebsam schien ihm die Störung seiner Abendmuße, und er grüßte Tolke mit dem schrägen Blick.

Dieser platzte mit seinem Anliegen heraus: »Jetzt haben wir eine volle und gute Sache wider den Pfaff … Den Schneiderhinrik hat er zu Schanden geschlagen.«

»Ich weiß; wenn Ihr nichts anderes bringen wolltet als diese Botschaft …«, sprach der Vogt mit kühler Würde und schlug geflissentlich im Buch zurück bis zum Blatte, welches Tolke gewidmet war, »und wo ist jetzo der Schneider?«

»Er hat ihn in die Pastorei hinaufgeschafft.«

»Ja, ja, Peter Boethius ist ein anschlägiger Kopf … Den Mann wird er heilen und die Wunde mit einigem Gelde verpflastern, daß er nichts wider ihn aussage.«

»Ich hab' vom Hörensagen, die Westerwohlder hätten einen Kopf, der noch anschlägiger sei.«

Der Vogt schmunzelte und klappte das Buch zu, denn auch der klügste Mann wird vom Schmeichler überlistet.

»Ein Pastor muss mehr Gesetzen gehorchen, als wir gemeinen Leute, denn er ist geistlichem und weltlichem Gericht unterstellt, und es ist fast unmöglich, daß er sich nicht in irgend einem verstricke …«, begann er versteckt.

Derb drückte es der Bauer aus: »Dem Wolfe legt man eine Schlinge und gräbt eine Grube davor, damit er, sofern er entwische, doch in diese falle … So haben wir wider diesen bellenden Hund eine zwiefache Ursach: Seinen Dienst hat er gekündigt, und das ist die Schlinge, die wir anziehen müssen; sollte er dennoch entschlüpfen, ist die Gewalttat von heute die Fallgrube, in die er stürzen muss.«

Volquart nickte nachdenklich: »Ja, wenn der Wolf nur ein bellender Hund und nicht auch ein schlaues Füchslein wär' …Hätten wir ein Geschriebenes von seine Hand, daß er seinen Dienst zum Frühjahr aufsage, aber wir haben nur ein unbedacht entflohenes Wort, das sich deuteln und drehen läßt …!«

»Zu einer Schlinge für seinen Hals«, knurrte Tolke.

»Aber auch sich zerpflücken läßt zu einem losen Spinnengewebe, welches der Wind verweht!«

Wie wulstigen Lippen fauchten grimmig. »Haben wir nicht schriftkundige Leute in Husum, welche für eine Mark und weniger ein Geschriebenes aufsetzen?«

»Aber es muss seine Handschrift sein … Ihr verstehet …« Der Vogt sah auf mit dem lauernden Blick, in dem ein Hinterhalt war.

Dumm glotzten die kleinen verschwommenen Augen ihn an, bis es aus der Tiefe grell aufblitzte wie höllische Tücke. Die beiden Augenpaare hatten sich verstanden.

Sogleich hatte der Vogt die gemessene Würde und die begonnene Rede wieder aufgenommen. »Ihr verstehet, daß ich nichts tun werde wider Recht und Gesetz …«

»Nein«, grinste der andere, »aber was soll ich tun? Nach Husum fahren?«

Volquart Wessel sah ihn verständnislos an. »Habt Ihr einen Handel in Husum? Dann verschiebt ihn und reitet morgen zum Staller von Bestenborstel und zum Propsten Vincentius.«

In der Nacht kehrte Tolke heim. Sonst ein starker Schläfer und Schnarcher, brütete er in seinem Bette zwei Stunden lang.

Frühe vor Tag klopfte er mit Gepolter den verdutzten Knecht aus den Federn, trat zum Alkoven der Magd, aber mit möglichst wenig Geräusch, öffnete die Läden, lugte mit lüsternen Augen hinein und streckte die Hand aus. Alma schrie und zog die Bettdecke bis zum Halse empor. Eine jähe Röte bedeckte ihr Gesicht – aber sie lächelte.

Tolke entnahm der Truhe sein bestes Gewand, die Jacke mit silbernen Knöpfen, die Pelzmütze und die Stiefel von feinem Leder. Nachdem er hastig eine Biersuppe verschlungen, schwang er sich auf das gesattelte Ross und ritt in den Morgennebel hinaus.

August von Bestenborstel war ein sehr langer und sehr dünner und sehr vornehmer Mann, der einzige von Adel auf dem ganzen Nordstrande und des Herzogs höchster Beamter. Viel überlaufen von den Leuten, liebte er kurze Verhandlung und bot keinem einen Sitz, er sei denn Vogt oder Prediger.

Tolke berichtete stehend, mit vorsichtigen Umschweifen und vielen Wiederholungen.

Eine hohe Fistelstimme krähte in kurzen Zwischenräumen drei Mal: »Weiter, weiter – faßt Euch kurz!« Dann schnitt sie ihm die Rede ab und gab wie ein bündiges Verdikt folgenden Bescheid: »Was kommt Ihr zu mir mit Dingen, die jeder Vogtschreiber beantworten kann? Ein Prediger stehet, wie jedermann, unter dem gemeinen Landrecht – hat er geschlagen, soll er zahlen die vorgeschriebene Mannbuße. Wollt Ihr Beschwer wider ihn, so setzet eine Klage auf mit der Unterschrift zweier Augenzeugen und sendet sie an mich – auf dem Dreihardending wird's entschieden – Punktum.«

Tolke begaffte den langen und schmalen Rücken des Stallers von oben bis unten und wartete. Aber er bekam das Angesicht des Gestrengen nicht mehr zu sehen und ging.

Oben auf dem Deiche nach Buptee zu trabte er und stand bald vor einem andern Bilde. Der geistliche und der weltliche Oberherr der Insel bildeten einen so großen Gegensatz, als gehörten sie nicht zu der einen und selben Gattung von Wesen. Der Präpositus Vincentius war ein sehr kurzer und sehr dicker und auch sehr leutseliger Herr gegen jedermann, er sei denn ein Prediger in seinem Sprengel, gegen die er es nicht immer war. Sein Gesicht schien noch feister geworden in der kurzen Frist, seit wir auf dem Kaland von ihm schieden, und die Äuglein drohten gänzlich zu verschwinden. Ihm mangelte es nie an Zeit, und als er hörte, was Tolke auf dem Herzen habe, hatte er eine rechte Muße, ihn anzuhören.

Ein Dorfgerede ist wie ein Gang durch ein aufgeweichtes Feld – tiefe Stapfen hinterläßt es, und immer mehr Kot- und Kleierde hängt sich daran.

Tolke gab das Gerücht mit allem, was sich daran gehängt hatte, und seine Rede war nachdrücklich wie eines Augenzeugen und umständlich wie eines Spittelweibes.

Dennoch meinte der Propst: Es seien in Anbetracht dieses Kasus' noch etliche Punkte, die besser erhellt werden müßten. Ob das Instrument, besagter Spaten, ein todbringendes gewesen sei?

»Es sind damit auf diesem Nordstrande mehr Menschen erschlagen worden als mit dem Schwerte.«

Ob der vorbenannte Schneider-Hinrik einen sichtbaren Schaden davon getragen habe?

»Er ist in Zuckungen verfallen wie ein Sterbender!«

Ob es zu erwarten, daß er den Tod davon nehmen würde?

»Die fallende Sucht hat er bekommen, und es ist gewißlich wahr, daß er sterben wird.«

»Ergo mittelbarer Totschlag!«

Der Bauer gab noch einmal seinen Bericht, und das Geblinzle der kleinen Augen des Propsten erinnerte an den Blick der Katze, wenn sie nach dem Vogel schaut.

»Und nun zum letzten, hochwürdiger Herr!« Tolke hatte endlich von der Kündigung berichten können, und am Schluß seiner Erzählung saß er wie ein Spieler, der die Hauptkarte hingeschleudert hat.

Doch er erschrak, denn der dicke Hals verschwand in den hochgezogenen Schultern, und der geistliche Herr schnaubte fast: »Was berennet ihr Bauern von Westerwohld mich immerzu und blast mir in die Ohren: Unser Pastor hat seinem Dienste entsagt!, wenn ihr mir nicht schwarz auf weiß es zeigen könnt? Ein Wort wird widerrufen und war nur Drohung oder leerer Dunst. Ich will es nicht glauben, ehe denn ich ein Geschriebenes sehe mit des Boethius' Unterschrift und des Kirchspiels Sigill!«

Tolke glotzte mit seinen Froschaugen drein, wie nach einer verlorenen Wette, und ging. Doch war der Gruß, mit dem er entlassen wurde, gnädig und die begleitende Handgebärde wie ein Fingerzeig.

Als er fort war, legte sich der Propst zurück im Polsterstuhle und schloß die Augen, fast beschaulich wie nach reichlich beendetem Mittagsmahl. Er schlief aber nicht, sondern sein Kopf verdaute das Gehörte.

Der Gaul trottete in gemächlicher Gangart, und dem Reiter rief ein Wegfahrender zu: »He, du sitzest im Sattel wie die Feuerzange auf der Sau.« Tolkes lange Beine schlenkerten weiter, und sein Oberkörper blieb vornüber hängen, krumm und kraftlos, denn das Denken nahm alle seine Kraft in Anspruch. ›Schwarz auf weiß!‹, murmelte er vor sich hin. ›Ein Geschriebenes!‹, so hatten beide gesagt, der Fuchs von Vogt und der Dickwanst von Pfaff, und dieser überdies noch vom Kirchspielssigill geschwatzt. Tolke schimpfte sich selbst einen dummen Bauer, der nichts von Schrift und Siegel verstünde. Der Satan schaffe das Sigill! Urplötzlich erhellte sich sein Gesicht. Der Gerufene war gekommen, und der Teufel hatte ihm einen guten Gedanken eingegeben.

Alma stand in der Küche und sah zu ihrem Hausherrn mit einem verstohlen-vielsagenden Blick empor. Der aber hatte keine Zeit, die Dirne zu beachten. Seine Jacke zog er sogleich aus. Ehe er sie aber in die Truhe schloß, besann er sich: ›Ich brauche Geld, der Blutsauger von Vogt begehrt Zins und wird nichts herausgeben.‹ Mit hastigem Entschlusse schnitt er die Silberknöpfe vom Wams herunter, wie einer, der sein Letztes zu opfern gewillt ist.

Nachdem er im Bierhause die Silberknöpfe in gangbare Münze umgesetzt hatte, machte er sich auf den Weg und umschlich die Pastorei. Durch die kleinen, unverhängten Scheiben lugte er. Unter der Lampe saß Etta und schaute träumerisch ins Herdfeuer. Der Anblick entfachte die unreine Glut von neuem und bestärkte ihn in seinem Vorhaben. Mit der Hand griff er auf den Grund, schleuderte eine Handvoll Erde gegen die Scheiben und versteckte sich hinter der Westmauer des Hauses, mit der Nase um die Ecke witternd.

»Siehe zu, Boje, wer draußen Unfug übt!«, gebot Etta gleichmütig.

Der Knecht klinkte die Tür auf und steckte den Kopf hinaus.

»Pst, pst!«, flüsterte es von hinter der Mauer. Da wagte sich Boje zwei Schritte vor. Tolke raunte ihm zu: »Willst du ein paar Mark mit leichter Mühe verdienen?« und zog ihn am Ärmel um das Haus herum.

Im Krautgarten wisperten sie miteinander, aber so leise, daß kein Lauscher einen Sinn erfaßt hätte. Nun aber wurden sie lauter, sie schienen einen Handel zu treiben und dangen mit einander.

»Zehn Silberstücke!« – »Nein, nicht unter fünfzehn!« – »Gut, elf dann, Boje!« – »Nicht unter vierzehn!«

»Bei meiner Seligkeit, nicht mehr als dreizehn!« Das war Tolke. Und ihre Hände faßten sich handelseinig. Man hörte ein Klimpern und sah im Dunkel die Stücke nicht. Boje aber betastete an jeder Münze den Rand und die Prägung.

In der Pastorei war alles zur Ruhe gegangen, und der Hausherr machte mit der Laterne seinen Rundgang durch das Haus. Als er in den Stall trat, schlich Boje sich aus der Kammer an der Tenne, huschte durch die Diele und Stube und in den Pesel hinein, woselbst er schleunig in den unbenutzten Alkoven hineinkroch und die Läden zuzog. Ihm war sehr erschrocken zu Mute, obschon er seine Angst zu beschwichtigen suchte mit dem Gedanken: ›Sollte er mich hier betreffen, als wenn ich trunken wäre und mich im Lager vergriffen hätte.‹

Boje wurde nicht betroffen. Unheimlich still und finster war der Alkoven, wie eine dumpfe versperrte Gruft. Er scheute das Licht, aber dieses schwere, undurchdringliche Dunkel lag auf ihm als ein erstickender Alb. An seinem ganzen Leibe brach der Schweiß aus, und er stieß die Alkoventür auf. Im Zimmer dieselbe Finsternis, dick und drückend! In seiner Angst begann er zu rechnen. Das Zwiefache eines Jahrlohns im Handumdrehen, gleichsam im Schlafe, verdient! Da drang ein Knarren und Ächzen durch die Nacht. Sein Haar sträubte sich. Die Holländer-Uhr schlug zwölf Schläge.

Boje entlockte den Feuerstein einen Funken, blies den Zunder an, entzündete die Kerze und blinzelte in das lustige Licht, das auch die Lichtscheuen lieben.

Bald war das erste Stück des Nachtwerks getan und mühelos das Hängeschloß der kleinen Truhe erbrochen. Viel schwerer war das zweite. Die täppischen Finger verbrannten sich, und das siedend heiße Wachs überträufelte den ganzen Bogen. Endlich traf er das rechte Maß, und in dem aufgeschmierten Wachsfleck stand deutlich eingedrückt das große Kirchsiegel – aber auf dem Kopfe. ›Verteufelt, auch das will gelernt sein!‹, brummte er. Als ihm aber die Kunst geriet und er schmunzelnd das erste, wohl gelungene Sigill betrachtete, fand er so viel Gefallen daran, daß er fleißig fortfuhr und flugs drei weitere Sigille auf leere Bogen setzte. ES könnte mehr Nachfrage kommen nach wächsernem Papier!

In derselben Truhe waren zwei Denkmünzen, von denen die eine In memoriam magni cataclysmi Nordstrandici geschlagen worden war. Sie verschwanden in seiner Tasche. Jeden Verschluß öffnete er und zerstreute geflissentlich seinen Inhalt, fand nur einen kleinen Beutel mit Armenpfennigen und grollte: ›Gemeines Kupfer!‹ Aber der Beutel glitt in die Tasche und gesellte sich zu den Denkmünzen.

Boje öffnete das Fenster, stieß die Läden auf und sprang hinaus in den Kohlhof. Die kleine Tür des Schweinekobens, durch welche der Dung hinausgeworfen wurde, schloß schlecht. Daß der Haken mit der Messerklinge von draußen angehoben werden konnte, wußte der Hausherr nicht. Auf diesem Geheimwege, den Boje nächtlicherweile nicht zum ersten Male beschritt, gelangte er ins Haus. Bald lag er in seinem Bette und schnarchte ruhig, wie nur irgendein Dorfknecht nach saurer Arbeit und redlichem Schweiße schläft und schnarcht.

Unter dem friedlichen Dache der frommen Pastorei sind alle Lider geschlossen, und ist einer darunter, der ein Dieb ist und im Stockhause sie aufschlagen müßte. O, Pastor Boethius! Dein guter und getreuer Knecht ist jahrelang ein Augendiener und Schalksknecht gewesen, nun aber zum Diebe und Schurken an dir geworden!

Wo war Tolke? Und was geschah um eben diese Stunde auf Olufswarf? Hätte der Böse Buhlschaft getrieben mit dieser rabenschwarzen Novembernacht, daß sie schwanger ging mit Ruchlosigkeit und so höllische Werke gebar, zwei so scheußliche Zwillingstaten?

Tolke kehrte spät heim. Ihm war warm vom genossenen Getränk. Aber auch ein anderes erhitzte sein Geblüt – eines Weibes Gestalt umgaukelte ihn, so fühlbar nahe, daß es ihn durchrieselte.

Im Hofe brannte noch Licht. Alma saß am Herdfeuer, saß lange nach Schlafenszeit auf nach ihrem Hausherrn. O, die sorgsame Magd, die mehr tat, als zu ihrem Gesindedienste gehörte, und mehr, als ihr geheißen war. Als er sie mit behaglichem Grunzen eine brave Dirn nannte, senkte sie bescheiden den Kopf.

Leutselig kniff er die Wange der Magd, und aus seinen Augen glitt es heimlich und lüstern über ihren Busen hin. Sie sah empor mit scheuen, sehnsüchtigen Augen. Ein Feuer fuhr in ihn, und er umschlang sie, seine Lippen auf Nacken und Antlitz pressend.

Geschickt und stark entrang sie sich ihm: »Was wollt Ihr von Eurer Magd, Tolke?« – »Sie zu meiner Frau Liebsten machen.« – »Ich will aber nicht lose Minne mit Euch treiben … und zum Eheweibe meint Ihr es nicht.«

»Möchte Hans Rickmers Tochter Bauerfrau auf Olufswarf werden?« – »Wollt Ihr darauf einen Schwur tun, Tolke?« – »Ja, bei dem großen Kirchspielssiegel von Westerwohld! Einen heiligen Schwur will ich tun.«

Er schloß sie in die Arme, bedeckte sie mit Küssen und lispelte: »O, Etta, Etta, wie weich du bist!« – Unter seinen Küssen schrie auf die Magd: »Er ist trunken, daß er mich Etta nennt!« – »Nein, ich bin nicht trunken, und du bist Alma, meine Frau Liebste!« – Da nahm er sie auf seine Arme und trug sie hinweg.

Am Tage nach dieser Nacht, als die Vormittagsflut kam, bestieg Tolke eine Schmacke, die im tiefen Priel an der Ladestätte lag und mit günstigem Wind nach Husum die Segel setzte.

An Bord des Schiffes schwatzten die Leute vom Einbruch, so in der Nacht geschehen sei, und daß seit fünfzehn Jahren solches im Dorf nicht vorgekommen.

Peter Boethius trug den Verlust wie ein geringes Übel und ersetzte die fehlenden Armenpfennige aus seinem eigenen Beutel. Aber das Geschehnis selbst erfüllte ihn mit schwerer Betrübnis, wie ein unverkennbares Zeichen der Zeit, die böse geworden war.

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