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Die ?erschreckliche Flut? von 1634 und der Untergang von Alt-Nordstrand

Johannes Dose: Die ?erschreckliche Flut? von 1634 und der Untergang von Alt-Nordstrand - Kapitel 4
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typefiction
authorJohannes Dose
titleDie ?erschreckliche Flut? von 1634 und der Untergang von Alt-Nordstrand
publisherM.-G.-Schmitz-Verlag
editorGuido Schmitz
year2010
isbn978-3-938098-45-5
firstpub1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.schmitz-verlag.de
created20100817
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Karl Heimreichs erste Predigt

Ehe die Sonne ins Westmeer versank, durchbrach sie den Wolkenvorhang und sandte ihre blaßgoldigen Strahlen wie einen Gutenachtgruß über das Eiland. Da glitzerten die Gräben und im Grase die Tropfen des letzten Regenschauers.

Leer waren die Stoppelfelder in der ganzen Sehweite, nur auf einem Acker standen lange Reihen von schwärzlichen Bohnengarben, viel belächelt wie ein öffentliches Leumundszeugnis, das der lässige Bauer sich selbst ausgestellt habe.

Die Pflüger sahen den Scheidegruß der Sonne als ein gebieterisches Feierabendsgebot an, riefen ihr ›Prrr‹ und ihre vier Gäule leisteten augenblicklichen Gehorsam. Alles, was müde war, zog fröhlich heim zu seiner Ruhe, denn es war Samstagabend.

Nur der Kleier – das ist ein Mann, welcher den Schlamm der Gräben auswirft und die Ränder schräg abglättet – kümmerte sich nicht um den Scheidegruß der Sonne, denn nicht nach Tag-, sondern nach Ellenmaß richtete sich seine Arbeit und ihr Lohn.

Eilig wie ein Verspäteter kletterte der Glöckner die steile Stiege des Westerwohlder Kirchturms hinauf und zog schneller als sonst an den Seilen, als wolle er das Versäumte nachholen. Friedsam und feierlich klang das Läuten am Mitteldeiche bis zum Meer und verhallte in langsamen Bet-Schlägen. Die jungen Knechte trieben pfeifend und mit den Beinen baumelnd vorbei, aber der Kleier hielt still und lüftete die Mütze nach alter und frommer Weise. Klaus Rickmers hieß er und war Sönkes Sohn und Almas Vater.

Unter der Kirchwarf befand sich ein freier Platz, über den eine sehr alte Esche ihre Zweige breitete. Und im Kreise rings um den Stamm des Baumes, in regelmäßigen Abständen von einander, lagen große, unbehauene Feldsteine, etwa anderthalb Dutzend an der Zahl. Seit Menschengedenken und länger hatten sie hier gelegen. Unter der Dorfesche nämlich war des Kirchspiels Dingstätte von jeher. Nur wer Klei hatte, d.h. über eine bestimmte Menge von Demat Landes verfügte, hatte Sitz und Stimme im Ding. Wie es sich gehörte, daß der Vogt den Vorsitz und das erste Wort hatte, so schien es auch ein Herkommen, daß er stets als Letzter zur Versammlung kam.

Mehrere Männer in kurzen Jacken mit Silber- und Messing-Knöpfen standen wortkarg umher. Hans Pauls strich sich den Bart und machte ein ehrbares Gesicht, erhob sich halb und heimlich hinter seinen Nachbar und heftete ihm etwas hinten am Wamse – ein Stäbchen mit einem Lederlappen daran. Dann wechselte er unauffällig seinen Platz.

Nach einer Weile sagte eine sanfte Stimme: »Hast du schon Bohnen gedroschen, Tolke? Gehen Sie gut in die Tonne?«

Alle machten ein belustigtes Gesicht, nur der Angeredete ein verdrießliches.

Tolke war ein Mann um die dreißig herum, von robustem Körperbau; in dem fetten, fleischigen Gesicht saßen zwei kleine, verschwommene Augen und zwei große, wulstige Lippen, die er zu einem Knurren öffnete: »Tedje, frage nicht mich, sondern den Herrgott, warum er seit drei Wochen Regenwetter gemacht hat.«

Tedje, auch ein Bauer, aber ein sehr hagerer, mit einem überlangen Gesicht und spärlichem Bartwuchs, sah in die Luft, als wenn er den Himmel fragen wollte.

Die Sache schien beendigt, als Hans Pauls wie zufällig zurücktrat und in gerechtem Erstaunen herauspolterte: »Tolke, hat man dir heuer so viele Fliegenklappen ins Haus gesandt, daß sie dir am Wamse baumeln?«

Ein tastender Griff, und Tolke, welcher der Eigentümer des noch nicht eingeheimsten Bohnenfeldes war, gaffte das angehängte Zierstück an.

Das laute Gelächter erregte seine Wut, und er schrie: »Das hast du, des Dorfes Hansnarr, getan, und ich will dir das Ding rechts und links um die Eselsrohren klatschen.«

Er wollte sogleich sein Dräuen in Maulschellen umsetzen und hätte es getan, wenn nicht der Kirchspielvogt gekommen wäre und, in den Kreis tretend, ruhig, aber herrisch das eine Wort: »Dingfriede!« gesprochen hätte.

Sofort war Stille und geziemendes Schweigen. Die Älteren setzten sich auf die Steine, einige Jüngere standen, und der Kirchspielvogt Volquart Wessel gab kund, was auf diesem Dinge verhandelt werden solle. Eine tönende Stimme war's, gebieterisch und im Befehlen geübt, in kurzen und kernigen Sätzen sprechend. Reichliches Grau mischte sich in Bart- und Haupt-Haar, zu große Röte hatte das Gesicht und zu reichliche Rundung der Körper in den letzten Jahren gewonnen, und die einstige Mannesschöne war verwischt worden, sowohl durch des Alters zehrende, als insonderheit durch allzu nährende Kraft von leckerer Speise und gutem Trunke. Aber ob er mit stolz erhobenem Haupte über die Versammlung hinsah oder gemessenen Schrittes einherging oder gar im Bierhause saß, immer wußte das Antlitz die ehrfurchtgebietende Würde zu wahren und auf der trotzig-hohen Stirn las man, daß er ein Dorfgewaltiger sei, der sich ins Regiment nicht reden lasse.

Der erste Gegenstand der Verhandlung war verkündet worden. Pastor Boethius wünschte eine neue und nützliche Einrichtung auf dem Nordstrande eingeführt, nämlich eine so genannte Brandgilde errichtet, und hatte den Entwurf einer solchen eigenhändig aufgestellt.

Volquart Wessel sprach: »Wer das Wort in dieser Sache begehrt, rede jetzo auf dem Dinge und schweige hintennach. Es wäre unbillig, Herrn Boethius zu erwarten, da ein Priester am Samstage über seiner Predigt sitzen muss.«

»Herr Boethius stehet zu Diensten!«, scholl es hinter dem Vogt.

Kein Zug veränderte sich in Wessels Gesicht, nur in den Augen zuckte ein Strahl wie aus dunkler Tiefe. Überhaupt die Augen mit ihrem ruhelosen Blick, welcher nirgends haften zu können schien, waren wie ein heimlicher Hinterhalt und das Häßliche am Manne.

Boethius hatte das Wort: »Den gegenwärtigen Umständen muss durch eine Brandgilde abgeholfen werden. Wer jetzo durch eine Feuersbrunst heimgesucht wird, ist um Hab und Gut gekommen und ziehet gleichwie ein Gardebruder auf der ganzen Insel, womöglich auch auf dem Festlande zu Wagen umher, um milde Gaben zu erbitten und einen Teil des Verlorenen wieder zu erlangen. Das ist eine unfeine und unrühmliche Weise, und wie verträgt es sich mit dem stolzen Friesensinn, daß ein freier Bauer zum gemeinen Bettler wird und mit dem Armensacke geht?« Der Sprecher sah um sich im Kreise.

Hans Pauls machte ein pfiffiges Gesicht. »Es soll schon manch einer auf diese Weise zu Hab und Gut gekommen sein und die Hälfte des Verlorenen … vier Mal wiedererlangt haben.«

Boethius zog die Brauen zusammen: »Um so schlimmer und um so nötiger, daß die Gesamtheit eine Gilde bildet, dem Einzelnen beizuspringen, also daß wer von Feuersnot übereilet wird, eine Zulage von 50 bis 200 Mark zum Wiederaufbau des Hauses erhält.«

Die meisten nickten. Nach längerem Schweigen sprach eine sanfte Stimme: »Es ist ja recht, daß einer mit dem andern trage und leide und, wer fürsichtig ist mit Feuer und Licht, dem, der lässig gewesen, brüderlich beistehe …«

Laut fiel der Pastor ein: »Was schwatzet Ihr, Tedje? Es stehet zum Fünften: Wer durch mutwilliges oder fahrlässiges Wesen den Brand selbst verschuldet hat, soll nichts erhalten. Das meiste Feuer entstehet aus unbekannter Ursach, einiges durch Verschulden der Kinder oder des Gesindes, wofür der Eigner nicht haften soll, anderes durch Einäscherung infolge einschlagenden Blitzes … in solchen Fällen soll die gemeine Kasse zahlen.«

Tolke stand breitspurig einen Schritt vor seinem Steine und öffnete wohlgefällig die wulstigen Lippen: »Mit Vergunst, Herr Boethius! Ich bin kein Pastor, aber hinsichtlich des letzten Stückes, der Einäscherung durch Blitz, so will es sich meinem Bauernverstande nicht reimen« – er kraulte sich nachdrücklich – »uns ist von geistlichen Herren gesagt worden, daß Flut und Unwetter, Pest, teure Zeit, Hagel und Blitz eine Schickung oder gar eine Strafe des Himmels seien; da will mich dünken, daß wir durch besagte Brandgilde dem Himmel in sein Recht und dem Herrgott in die Hand greifen …«

An dem Lächeln, welches die Lippen des Vogts umspielte, sah man, daß die Rede ihm nicht mißfiel. Umso mehr aber dem Pastor, welcher die Hand gegen Tolke ausstreckte.

»Habt Ihr noch mehr von solcher Weisheit? Wohl sind des Himmels Gewalten göttliche Mittel zur Warnung und Zucht, darum aber sollen wir nicht der menschlichen Mittel entraten … Sonsten dürfen wir auch keine Dämme und Deiche bauen, sintemal Gott das Ungestüm des salzen Wassers erregt, keine Gräben ziehen, um des Himmels Regengüsse abzulenken, und allerdinge kein Ding tun, sondern müßten die Hände in den Schoß legen und warten darauf, daß das Korn von selber wüchse und die Bohnen uns von Engeln in die Scheuer getragen würden.«

Nicht die Gründe, aber das von den Bohnen brachte Tolke zum Schweigen, doch auch in Grimm.

Boethius wandte sich an den Vogt: »Volquart Wessel, ich möchte des Dings Entscheidung.«

Dieser hatte immer das letzte Wort, und seine Meinung lautete kurz: »Es ist zwar eine neue, aber nützliche Einrichtung.«

Nun war kein Einspruch mehr. Das Ding beschloß, besagte Gilde zu errichten.

Man schritt zu den folgenden Gegenständen, die glatt erledigt wurden, und dann zum letzten. Die Dunkelheit war angebrochen und mehrere hatten die mitgenommenen Leuchter angezündet.

Der Schein eines Leuchters fiel auf Volquarts Gesicht, daß es wie ein grelles Aufleuchten war, er trat zur Seite und sprach: »Diese Sache betrifft die Pastorei. Herr Boethius tut kund und wissentlich, daß er einen neuen Stall gebaut haben will, da sein Stall dumpf und undicht sei, auch seinen Viehstand nicht mehr räumen könne. Wer das Wort in dieser Sache begehrt, rede jetzo auf dem Dinge und schweige hintennach!«

Fast alle sahen auf den Grund, als wenn diese Sache sie nichts angehe.

Boethius erklärte: »Die Pastorei bestehet aus zwei Haushälften, die eine ist nach der Flut 1570 neu gebaut worden und fast gut noch, aber die andere Haushälfte, welche den Stall umfaßt, ist in der Flut geblieben und kümmerlich ausgebessert worden. Über die Maßen klein ist der Raum, daß das Vieh kaum Platz zur Nachtrast findet, auch gehet Wind und Regen hindurch, daß es mich erbarmen muss … Es ist zum Niederreißen, und ein Gebäu muss errichtet werden, welches Raum bietet für sechs Kühe, etliches Jungvieh und zwei Pferde.«

Die sanfte Stimme meldete sich zur Frage: »Könnte ein Pastor nicht Landheuer nehmen und die Gemeinde durch Unkosten nicht beschweren?«

»Das Land ist der Stelle beigelegt worden, damit ich nach eigenem Gutdünken es verheure oder selbst beackere … Ich will es aber nicht verheuren.«

Derbere Frage stellte eine Baßstimme, nämlich Tolkes: »Soll nicht der Bauer hinter dem Pfluge, der Schuster beim Leisten und der Pastor bei der Bibel bleiben?«

Die Antwort zögerte nicht: »Ja, der Bauer soll hinterm Pfluge bleiben, aber nichtsdestoweniger wollte ich, daß er in seiner Muße statt hinterm Biere hinter einem guten Buche betroffen würde. Was ich, der Pastor, tun und lassen soll, will ich nicht von der Gemeinde, und am wenigsten von Euch wissen, Tolke!«

Schweigen trat ein im Kreise, aber nicht das der Zustimmung, sondern das zähe, verneinende des Nordstrander Bauern, wenn es neue Auflagen galt und ihm an den Geldbeutel ging.

Endlich ward eine Stimme laut: »Was ein rechter Bauer ist, sorget zum ersten für sein Vieh, daß es Unterstand und Nahrung habe, zum andern für Weib und Kind … Wir können es dem Pastor nicht verübeln, daß er darin eines Sinnes mit uns ist.« Hans Pauls hatte in seiner Weise zu Gunsten des Pastors geredet.

Boethius erwiderte: »Euch will ich Rede stehen, Hans Pauls. Ich habe Freude am Felde und, von den Büchern aufstehend, ist es meine Muße und Lust, über den Acker zu schreiten und anzuschauen, wie alles gründet und gedeihet. Auch im Winter höre ich gern das Raufen der Kühe im Heu und das Knuspern der Pferde am Hafer. Dazu bin ich der Meinung, daß ein Pastor Freud und Leid und alle Wechselfälle von Saat und Ernte mit der Gemeinde teilen muss … Kirchspielvogt, was saget Ihr?«

»Daß wir an unseren Dämmen genug zu schaffen und die große Wehle im Balumer Haffdeiche zu verstopfen haben, ehe wir ans Bauen denken können … Es muss um ein oder zwei Jahre verschoben werden.«

»Es muss im kommenden Jahre nach der Frühjahrs-Saat geschehen«, sprach Boethius fest.

Die Blicke der beiden maßen sich: Wer der Stärkere sei und Sieger bleiben werde?

»Wohlan, der Westerwohlder Ding soll sprechen!«, sagte der Vogt.

Die Mehrheit entschied sich für den Vogt.

Boethius aber richtete sich zu seiner vollen Höhe empor, und der Zorn fing an, in ihm zu steigen. »Wohlan, ich habe von meinem seligen Weibe noch ein Kleifeld, die hohe Wurt, und mehrere Graswische! Wofern ihr mir den Stall nicht baut, tue ich euch den Willen und verheure den Pfarracker an meinen Knecht Boje und baue mir selbst ein geziemend Unterkommen auf meinem eigenen Grunde.«

Auf den Gesichtern trat ein harter Zug hervor. Tedjes Stimme klang nicht sanft, sondern schreiend: »Soll man etwa den Pastor eine halbe Wegmeile vom Dorfe auf der Außenmark des Kirchspiels holen?«

Höhnend sprach der Vogt: »Ho, ho! Wir haben ein altes Herkommen in friesischen Uthlanden: Man soll den Schulmeister in der Schule, den Kapellan in der Kapellanei und den Pastor in der Pastorei suchen!«

Boethius Geblüt stieg bis in die Schläfen, und er rief: »So werde ich suchen, daß ich anderswohin vociert werde!« Dann wandte er sich stracks aus dem Kreis.

Der Vogt folgte ihm mit einem lauernden Blick und warf über die Schulter das Wort nach ihm: »Ihr sagtet, daß Ihr kündiget …?«

Boethius kehrte den Kopf zurück: » Dixi! Was ich gesagt habe, das habe ich gesagt!« und ging von dannen. – Als er außer Hörweite war, wurden Stimmen laut.

Tedjes lachende: »Er hat den Dienst aufgesagt.«

Des Vogts bedächtige: »So habe ich es vernommen und verstanden.«

Tolkes triumphierende: »Laß ihn laufen … dieser Zuchtrute wären wir los und ledig.«

Hans Pauls strich sich den Bart: »Meine Ohren – und sie sind groß und gut – haben nur gehört, daß er anderweitige Vokation suchen wolle.« –

Mehrere kleine Brüchen für Wege- und Deichversäumnisse waren noch einzuziehen. Sie wurden aber nach der Landessitte zum Besten der Bauernschaft, wie es hieß, in Bier abgetragen. Also endete das Westerwohlder Ding gemeiniglich und auch heute im Bierhause. Eine halbe Tonne ward aufgelegt, denn vier hatten jeder ein Achtel zu büßen. Trotz der Dingsatzung ›Ein jeder rede jetzo und schweige hintennach!‹ wurde nicht geschwiegen, sondern fleißiger geredet als zuvor. Und es hätte in Pastor Boethius' Ohren bis nach Mitternacht geklungen, je geschmettert, wenn er nicht in festem Schlaf gelegen hätte. Ein wenig unwirsch zwar kam er im Hause an. Aber er verlangte sein Nachtmahl und verzehrte es. Dem Manne konnten Widerwärtigkeiten weder Eßlust noch Schlaf verderben.

Der Sonntag nach diesem war der Gallus-Tag. Einen schlechten Ruf hatte dieser Heilige im Lande, und sein Tag war einer von den bösen Tagen, die Friesland wohl beklagen mag, denn St. Gallus brachte Sturm und Flut, und des Landes Chroniken wussten von zehn und mehr so genannten Gallen-Fluten zu berichten.

Heute ließ sich der Heilige gar heiter an. Die Wetterfahne zeigte nach Osten, aber kein Windzug wehte, und die Herbstsonne schien am Himmel. Wie große, grüne Maulwurfshügel lagen die Warfe, die Glocken klangen, die Menschen wanderten an den Dingsteinen vorbei zum Gotteshause.

Dort lag die Fliegenklatsche noch von gestern Abend. Ein Kind hob sie auf, aber die Mutter nahm das Spielzeug weg und verwahrte es im Zaume bis zum Heimgange.

Zu zweien und dreien kamen die Kirchgänger, aber viele kleine Scharen machen ein volles Haus. Wenn es immer so war, konnte der Pastor von Westerwohld nicht über unkirchliches Wesen der Gemeinde klagen. Aber es war nicht immer, sondern sehr selten und nur an den drei hohen Festen so wie heute. Lockte das Wetter die Menge ins Freie? Nein, ruchbar war's geworden, daß Karl Heimreich – der Sohn für den Vater – predigen werde.

Es ist überall so und vor hundert Jahren und mehr schon also gewesen, daß die Leute einen neuen Prediger nachlaufen und lieber einen jungen Grünschnabel hören als ihren alten und grauen Prediger, dem die Zunge schon gewetzt ist und der fünfundzwanzig Jahre lang auf derselben Kanzel gestanden hat! – Das waren Boethius' Gedanken, als er von der Sakristei aus das gedrängt volle Gotteshaus sah.

Aber schnell zog er den Kopf vom kleinen Guckloche der Tür und sah durch die bleigefaßten Fensterscheiben auf den Kirchhof. Ei, Volquart Wessel – ein seltener Gast! Auch Tolke, der rohe Gesell, den er auf der Kirchbank gesehen zu haben sich kaum besinnen konnte! Und mit ihm Leute, die nicht des besten Leumunds sich erfreuten!

Karl Heimreich saß in einem Stuhle der Sakristei mit gefalteten Händen. Man konnte nicht sehen, ob er bete oder nur im Kopfe die Predigt hersage.

Der Vater stand vor ihm: »Karl Heimreich, es kommen viele Leute, die mit dem Zuchtmeister, dem Gesetz, gefasst werden wollen!«

Immer neue Kirchgänger kamen über den Friedhof. Die Männer trugen Kniehosen und den kurzen Rock mit blanken Knöpfen und großen Seitentaschen, nur mit dem Unterschiede, daß die Knöpfe aus edlem oder schlechtem Metall und der Rock selbst bei den Geringeren aus Want, d.i. eigen gemachtem Gewebe, bei den Vornehmeren aber aus gekauftem Sindal war. Die letzteren hatten den dreieckigen Sonntagshut aufgesetzt, während jene mit der Mütze aus Schaffell sich das Haupt bedeckt hatten.

Alle Frauen – auch die Mädchen, welche die Zöpfe am Gürtel festgebunden hatten, trotzdem es ganz windstilles Wetter war – trugen den »Pei«, ein rotes oder buntfarbiges Überkleid, dessen Ärmel bis zu den Händen, dessen Rock aber knapp über die Waden reichte. Vorn auf der Brust stand das Kleid offen, aber geziemend war die Öffnung ausgefüllt von dem Busentuch, das wie ein Latz anzusehen war und Brustlappen hieß. Aus feinstem Tuche, aus rotem Leder oder gar aus Brokat gefertigt, hing auf seiner rechten Seite eine Kette und saß eine lange Reihe von Knöpfen, die von Zinn, oder vergüldete Sechslinge und Dreilinge, oder schwere Joachims-Taler, mithin sichtbare Zeugnisse von Stand und Vermögen der Trägerinnen waren. Auch an der Kopfbedeckung der Frauen sah man einen Unterschied: Die Geringeren hatten das alltägliche Kopftuch umgeschlagen, die Vornehmeren aber den sonntäglichen Kopfschmuck, eine runde Krone aus Samt mit köstlichen Zieraten, aufgesetzt. Großer Bauernreichtum war auf dem Nordstrande, und die Friesenfrauen verbargen nicht ihren Wohlstand in Kisten und Truhen, sondern trugen ihn gern an Sonntagen zur Schau.

An der Kirchwarf klebte ein windschiefes Häuschen wie ein Deichschwalbennest. In die Tür trat Alma, Dachdecker Sönkes Enkelin und Klaus Rickmers, des Kleiers, Tochter. Mit großer Ausdauer und nach bestem Vermögen hatte sie sich geputzt, das bunte Brusttuch angelegt und ihre paar Schmucksachen mit Geschmack an ihrem Leibe verteilt. Von oben herunter warf sie einen wohlgefälligen Blick über ihre Gestalt und wandte sich zurück.

Im engen Hausflure saß auf dem Strohgeflecht des Holzstuhles ein altes, zusammengesunkenes Mütterchen mit schneeweißen Haaren, aber mit hellen Augen in dem verrunzelten Gesicht; es war Sönkes Eheweib und Almas Großmutter. Hinter dem Stuhle standen Etta Boethius und Hertie Völkers. Etta trug Schnallenschuhe und schneeweiße Strümpfe, an den Händen weißledernde Handschuhe und ein Brusttuch von Brokat, sonst aber war ihr Gewand schlicht, auch die Knöpfe klein und nur versilbert.

Aus dem Häuschen traten sie, und die Höhe hinan bewegte sich ein sonderbarer Kirchzug, wie das Kirchspiel Westerwohld ihn nicht alle Sonntage sah. Etta und Alma nämlich hatten jede eine Stuhllehne gefasst und trugen das Mütterchen, das, seit vielen Jahren von der Gicht geplagt, kaum ein Glied rühren konnte und diese ganze Zeit gekrümmt und an Händen und Füßen gelähmt, aber geduldig in seinem Stuhl gesessen hatte. Sönkes Weib vergoß Zähren, als sie hörte, daß Karl Heimreich predigen solle, denn als Säugling hatte sie ihn auf den Armen getragen. Nun geschah, was sie nimmer gehofft: Etta war gekommen, und sie kam dennoch in die Kirche. In ihren Augen war ein großer Glanz. Sönke schritt hinter dem Stuhle und nickte zufrieden mit dem greisen Kopfe.

Zwar eine langsame Kirchfahrt war es, und Alma keuchte, denn die Trägerin auf der anderen Seite war zu groß. Schon wollte die schmächtige Hertie hinzuspringen, als ein Mann mit langen Schritten vom Friedhof herunterstieg. Edleff Wessel nickte seinen Gruß und sprach: »Setzet den Stuhl und lasset mich machen, Etta!«

Die Trägerinnen holten tief Atem. Flugs ergriff er den Stuhl mit starken Händen, trug ihn vor sich mit geraden Armen, als wenn es eine Kinderlast wäre die Höhe hinan, durch die Kirchtür, den Mittelgang hinauf und setzte ihn behutsam dicht unter der Kanzel im Seitengange nieder. Alle Köpfe hatten sich gedreht und mehr als ein Sinn verwunderte sich über den Vogtsohn. Etta ging wie im Traume, und als er zurück- und an ihr vorüber schritt im Gange, traf ihn ein dankbarer, fast inniger Strahl aus ihren Augen.

Pastor Boethius hatte den Altardienst verrichtet, und die Gemeinde stimmte das Predigtlied an. Warum schwieg Etta, die sonst doch gut und gerne sang? Ein peinlich-gewisses Gefühl, daß zwei Augen von hinten auf ihrem Nacken ruhten, bannte sie, und es bedurfte einer Kraftanstrengung ihres Willens, um sich zurückzuwenden. Ja, sie hatte sich nicht getäuscht! Aber nicht Edleff saß hinter ihr, sondern Tolkes kleine, verschwommene Augen blinzelten sie an, daß ihr ein Widerwille kam und sie erschrocken zurückfuhr.

Karl Heimreich stand auf der Kanzel mit einem verschüchterten Gesicht. Die Köpfe drunten fingen einen wirbelnden Reigen an, und der horror vacui, der Schwindel, wollte ihn fassen. Da gewahrte er unter dem Haufen Hertie, faßte nur ihr Antlitz ins Auge und wurde stark. Zwar eine dünne und schmächtige Stimme war es, die den Text zu lesen anhub. Das Evangelium am XIX. post Trinitatem handelte vom Gichtbrüchigen, der aufstand und wandelte.

Vom Gichtbrüchigen! Der Greisin im Stuhle klang es wie Geläut vom Himmel, und sie glaubte, daß der Herrgott vor vielen Jahrhunderten schon an sie gedacht und um ihretwillen den Text auf diesen Sonntag habe stellen lassen.

Der Introitus, der Eingang, war lang, und Karl Heimreich handelte vom Leide, von Kreuz und Kümmernis und den mancherlei Gebresten der Menschen, und daß jeder vom Weibe Geborene irgendwo seinen Gichtbruch und Schaden habe.

Pastor Boethius horchte von unten herauf und dachte: ›Weiß er gar nicht, daß es der Gallustag ist, und will er nichts von Gallenfluten und vorigen Strafgerichten den verstockten Herzen vorhalten?‹

Aber der Heilige des Tages wurde in der ganzen Predigt mit keinem Sterbensworte erwähnt. Auch vom Zuchtmeister war nicht die Rede, um so mehr aber von dem großen Arzt und Bader, welcher heißt Christus, und von seiner Heilsalbe für alle Gebresten, welche ist die Sündenvergebung. Nicht mir starker, sondern mit sanfter Stimme sprach Karl Heimreich, und nicht kernige Kraft-, sondern milde Trostworte flossen aus seinem Munde. In der ganzen Predigt von Anfang bis Ende, war es wie große Milde, wie stiller Sonnenschein und Friede auf Erden.

Mehr Augen als der Greisin wurden naß. Jedes Ohr lauschte, Alget weinte und Hans Pauls wischte sich den Bart.

Nur ein einziger, Tolke, schien nichts zu hören, sondern sein Satyrblick hing an Ettas Nacken, auch streiften die kleinen, lüsternen Augen zuweilen die Nachbarin, Almas weiche gerundete Gestalt.

Der aber dicht unter der Kanzel saß, zog die Brauen zusammen wie in erwartender Ungeduld. Wo bleibt das Gesetz, sowie Zerknirschung und Buße? Vergebens war sein Warten, von Zerknirschung und Buße verlautete nichts.

Karl Heimreichs blasse Wangen röteten sich, sein ganzes Wesen war erleuchtet wie von innen heraus, und gegen das Ende hin nahm die Stimme merklich zu an Kraft. Dennoch war er von Herzen froh, als das Amen gesprochen war, und stieg ernst und gemessen die Stufen hinunter. Als er aber die Sakristei hinter sich hatte, verließ ihn die Würde, er warf sich schnell in einen Stuhl und lächelte wie ein frohes Kind. Auf den Vater und das erste Wort desselben wartete er.

Aber Boethius schritt inmitten der Menge und einem halblauten Gesumme von Stimmen zur Kirchtür hinaus. Sein scharfes Ohr hörte deutlich einzelne Worte …

»Eine feine Auslegung! … Eine treffliche, eine tröstliche Predigt …« Zu dreimalen ein sehr laut Gesprochenes »War das nicht das reine Wort Gottes und das rechte Evangelium?« Zuletzt aber ein leise Geflüstertes: »Hätten wir diesen alle Sonntage auf dem Predigtstuhle!«

Die Stimmen umschwirrten noch sein Ohr, als er draußen an die Greisin herantrat, die in ihrem Stuhle hockte, und ihr die Hand reichte: »Ich sehe, Gunne, der Herr hat Euch erquickt heute.«

»Ja, eine Predigt war's, daß Stumme singen und Lahme springen könnten; danket Eurem Sohne von der alten Gunne, Herr Boethius, es war eine wundersam-liebliche Auslegung, die mir ans Herz gegangen ist«, sagte sie und drückte seine Hand mit den unsicher tastenden Händen … »Sendet mir den Karl Heimreich, ich muss ihn sehen.«

»Ich werd' es ausrichten«, sprach Boethius, »aber Gunne, Gunne, saget das nicht dem Knaben, der Teufel der Hoffart hat es ihm schon vorgeredet: Karl Heimreich, du hast deine Sache gut gemacht und vortrefflich gepredigt!«

Die Greisin sah ihm nach, als wenn sie den Sinn des Gehörten erst ergrübeln müsse.

Karl Heimreich ging zuletzt und allein aus der Kirche und zur Predigerwarf hinüber. Das stille Lächeln war nicht von seinem Antlitz gewichen, als er in die Stube zum Vater trat. Dieser reichte ihm die Hand und fragte: »Nun, wie verträgt deine Brust das Sprechen, mein Sohn?«

»Ich habe keinen Stich gespürt und mich an meinem Leibe so leicht und frei gefühlt wie seit langem nicht … Der Sonntag heute gab mir die frohe Zuversicht, daß ich noch ein Prediger werden mag.«

»Und was dünket dir von der Predigt, Karl Heimreich?«, sagte der Vater.

Der junge Mann blickte empor und antwortete mit der Frage: »Was haltet Ihr davon, mein Vater?«

»Soll ich sprechen ohne Streicheln und ohne Schminke, so war sie gut für Spittelweiber, für alte und fromme Leute, und der Prediger am St. Jürgensstifte in Husum hätte sich Ehre damit einlegen können, aber es ist nichts für diese Art … Das harte, starrköpfige Geschlecht unseres Eilandes muss mit anderen Händen angefaßt werden.«

Jäh war das stille Lächeln gewichen. Karl Heimreich aber blieb nicht lange traurig, denn Etta sprach anders als der Vater und verschwieg nicht, was die Leute auf dem Kirchwege geredet hatten. Noch besser aber tröstete ihn der innig beredte Augengruß, den Hertie verstohlen ihm zuwarf. Darin lag mehr als stummes Lob, mehr und anderes, als er je darin gelesen hatte.

Nachmittag war es und wie Altweibersommer. Behaglich sonnte sich die Insel in den warmen Spätherbststrahlen. Auf den Steinbänken vor den Häusern saßen Dirnen und strickten. Auf dem Dorfanger rollten Knaben ihre Kugeln ins Loch, öfter aber ums Loch. Knechte standen auf der Gasse und warfen eine kleine Kupfermünze um die Wette, das Spiel schien um den Gewinn und Verlust von weiß geschälten Weidenstäbchen zu gehen, wurde aber mit Ernst und Eifer betrieben, denn ein Dutzend Holzstäbe galt so viel als des Landes kleinste Kupfermünze.

Schläfrig schlugen hier und da die Hofhunde an und blinzelten dann wieder in den Sonnenschein. Ein Mann kam mit kräftigen Schritten die Dorfgasse entlang. Pastor Boethius machte nach Gewohnheit einen Gang und suchte gern am Sonntage die auf, so von Alter oder Krankheit beschwert waren, denn am Sabbattage war keiner auf dem Felde und auch die Rüstigen konnten hören, was er den Siechen zu sagen hatte.

Karl Heimreich hütete allein das Haus. Etta pflegte zuweilen zum Hofe des Gert Hinrichs, der Kirchenjurat war und eine gleichaltrige Tochter hatte, zu gehen. Hertie, aufgefordert, ihr Gesellschaft zu leisten, war nach kurzem unschlüssigen Zaudern mitgegangen.

Karl Heimreich bemerkte ihr Zögern, und seine Gedanken spintisierten also: Es zog sie nicht aus dem Hause, und nach ihrem Willen wäre sie lieber geblieben, aber seltsam ist oft ihr Wesen, kennt keinen Widerspruch und macht immer seinen Willen andern untertan. Dann dachte er an den Vormittag und die Predigt und des Vaters Wort. Seine erste Predigt war's! Ob es seine letzte bleiben und er nimmer zum rechten Prediger taugen werde? Nein, eine Kraft hatte er gespürt, und eine Erleuchtung war über ihn gekommen! Und dennoch des Vaters Urteil, daran war nicht zu rütteln. Er müsse noch lernen, in anderen Zungen zu reden und mit derberen Händen anzufassen. Des Vaters Weise erwog und verglich er. Ein Für und Wider regte sich in seinen Gedanken; aber das Letztere wehrte er von sich. Karl Heimreich war von jeher dem Willen des Vaters wie einer unerschütterlichen Weltordnung untertan gewesen.

Kaum ein Stündchen mochte verronnen sein, als er das Aufklinken der Tür und auf der Diele einen Schritt hörte. Er kannte sogleich den leichten, leisen Tritt und hätte ihn herausgehört, wenn alle Füße des Dorfes nach einander über die Diele gegangen wären. Ettas festen Schritt vernahm er nicht, also war sie allein, und er trat ihr entgegen.

Herties blasse Wangen waren vom schnellen Gange gerötet, und über des Antlitzes Röte lag ein glückseliger Schein. Unter der Schürze trug sie etwas und sprach schalkhaft: »Rate, was ich bringe, Karl Heimreich!«

Er tastete mit der Hand und spürte etwas Lebendes. »Wir haben fast Katzen genug im Hause.«

»Es ist keine Katz', dir bring ich's«, jubelte sie und setzte ihre Last, ein gelbzottiges Knäuel, auf den Fußboden.

»Ein Hündchen!«

Schreckhaft legte es die Schnauze auf den Grund und streckte täppisch die Beine von sich. Es lag wie gelähmt, kein Locken und keine Liebkosung regte es von der Stelle, nur die Augen beobachteten genau, was vorging.

Hertie eilte in die Küche und schnitt vom Rauchfleische einen Fetzen herunter. Da wurde das von Furcht Gelähmte lebendig, zuerst rührte sich das Schwänzlein ein wenig, dann schnoberte die Schnauze und schnappte schließlich zu. Bald sprang es auf die täppischen Beine, so leckere Bissen war es im Hause des Kirchenjuraten nicht gewohnt.

Ein feines und zottiges Hündchen, dem die langen Haare in das drollige Gesicht herunterhingen und wie ein Ziegenbart die Schnauze umrahmten!

Hertie sah die helle Freude, welche Karl Heimreich daran hatte, und fragte: »Wie soll es heißen? Etwa Grips? Oder Flink?«

»Flink wäre ein guter Name«, sprach er, »aber wir wollen es latinisieren, weil es ein Pastorenhund ist, und ihn ›Cito‹ heißen.«

Das Hündchen hieß Cito.

»Ei, er hört schon auf den lateinischen Namen«, lachte sie.

»Ja, wenn ihm gleichzeitig ein Bissen gut nordstrandischen Rauchfleisches hingehalten wird«, gab er zurück.

Wie zwei fröhliche Kinder spielten sie eine Weile mit dem Tiere und setzten sich dann. Es war stille zwischen ihnen, als bedrücke sie das Alleinsein mit einander. Sie saßen, als suchten sie ein Wort.

Endlich flüsterte er: »Und du kamst zu mir, Hertie, um mir das Hündlein zu bringen?«

»Nicht darum nur kam ich«, sprach sie ehrlich, »auch um deiner Predigt willen …«

Sie stockte, und er sah sie erschrocken an.

Sie hat dir mißfallen wie dem Vater! Es war eine süße Speise, der es an Kraft und Würze gebricht?«

»O, mich bedünket, du hast von dem Süßesten und Schönsten geredet, von der großen gewaltigen Liebe Gottes, wie ich es nimmer in diesen Kirchen gehört habe … Und das wollte ich dir sagen, Karl Heimreich.«

Er hatte ihre Hand ergriffen und lächelte: »Weißt du, was große, gewaltige Liebe sei?«

Ein Kindesblick war es, mit dem sie sagte: »Habe weder Vater noch Mutter und wüßte es nicht, wenn ich nicht Etta und dich hätte.«

»Und es ist kein Unterschied zwischen Etta und mir?«, drängte er mit leisem Händedruck.

»Ja, da ist einer«, hauchte sie, »ich liebe dich fast anders und mehr …«

Da war den beiden die Gottesliebe unversehens zur Menschenliebe geworden. Sie küßten sich zum ersten, zum einzigen Male für lange, lange Zeit.

Still war es in der Stube, die selige Stille des Alleinseins auf der Welt, des Ineinanderseins zweier Herzen.

Nach einer Weile klang es von Herties Lippen wie ein Mißton fast: »Was wird der Vater dazu sagen?«

»Liebst du denn nicht den Vater?«, sprach er.

»Ja, ich liebe … und fürchte ihn –«

»Ich will es ihm nicht verschweigen, sondern heut' noch sagen«, nickte er, »auch bist du ja schon sein Kind, Hertie!«

»Eben darum, darum – wär' ich es nicht!«, flüsterte sie wie in banger Ahnung. – – –

Etta war zurückgekehrt. Während sie das Kopftuch löste, glitt ihr Blick forschend über die beiden und sah an den Gesichtern, was geschehen sei, denn der Frauenblick ist scharf in solchen Dingen. Aber sie schwieg.

Auch Peter Boethius kam heim, merkte nur die Anwesenheit des neuen Hofinsassen und spielte gut gelaunt mit dem Hunde. »Ei, du wirst ein Rattenfänger werden!«, sprach er, denn an allem, was Tier hieß, hatte er Gefallen – mit alleiniger Ausnahme der Ratten, die ihm den alten Stall unterwühlt hatten.

Neun schlug die Uhr, und es war Schlafenszeit in der Pastorei. Vater und Sohn waren die letzten im Zimmer. Boethius trat an das Eichengehäuse der großen holländischen Schlaguhr, die ein teures und seltenes Hausstück auf der Insel war, öffnete die Tür und zog bedächtig die schweren Lote auf. Sonst ein sparsamer Mann, hatte er die Uhr von Amsterdam mit einem Schiffer zu sich kommen lassen und diese große Ausgabe nicht gescheut, weil er es mit der Zeiteinteilung des Tages sehr genau nahm und auf die Sanduhren kein rechter Verlaß war.

»Geh in deine Kemenate, es ist Rüstzeit«, sprach der Vater.

Der Sohn aber erwiderte: »Mein Herz ist erregt, ich kann nicht schlafen.«

»Ich kenn' es wohl, es ist die erste Predigt, die nicht zur Ruhe kommen läßt … so wisse denn zu deinem Troste, daß sie den Leuten gefallen hat.«

»Es ist nicht die Predigt, Vater, Hertie und ich … wir haben …«

»Was haben Hertie und du?«

»Wir haben uns geküßt …«

Boethius drehte den Kopf unwillig. »« Pueri puerilia tractant, Kinder treiben kindische Dinge! Laß das Gespiel, sie ist ein Kind, aber du bist keins mehr und hast schon auf der Kanzel gestanden.«

»Kein Spiel ist es, mein Vater«, sagte Karl Heimreich schüchtern, »wir haben uns gesagt, daß wir einander lieb hätten wie keinen Menschen sonst.«

Peter Boethius' Gesicht verdüsterte sich jäh, aber nicht von Zorn, sondern von Weh. »O, Karl Heimreich, ich wollte, du hättest dir und mir so großes Leid erspart! Wußtest Du nicht, daß ihr Bruder und Schwester seid?«

»Ich weiß, daß wir nicht Bruder und Schwester sind«, antwortete der Sohn fest.

»Nein, aber so wisse und höre denn! Deine Mutter hatte eine Halbschwester Anna, die ehelichte einen Bauer in Everschop drüben auf dem festen Lande, einen starken, jähblütigen und hochfahrenden Mann, namens Völkers. Der trug immer einen langen Stoßdegen an der Seite, obgleich ein Artikel des Landrechts verordnet, daß zur Verhütung aller Ungelegenheit die Gäste nicht mit Dolchen oder Messern auf Gilden und Gastereien gehen sollen, gab ihn auch nicht dem Wirt oder Schaffer bis auf den morgenden Tag, wie einige tun. Das gräuliche Unglück ist geschehen bei einem Gelage, denn die Sünde ist der Leute Verderben. Mit dem Staller Jakob von Krummendieck, auf den er einen alten Hass hatte, geriet Völkers in Streit, und im Verlauf desselben erstach er den Staller mit seinem Stoßdegen … Dann floh er und verschanzte sich in seinem Hause. Aber die Knechte des Stallers überwältigten ihn, schleppten ihn hinweg und verwahrten ihn, daß er auf dem nächsten Hardesdinge auf den Hals verklagt werde. Der Totschläger ist auch auf den Hals gefällt worden und also gestorben. Sein armes Weib jedoch, deiner Mutter Schwester, welche ein Kind unter dem Herzen trug, verfiel in Krämpfe, als die Häscher ihren Mann hinweg gerissen. Dann redete sie irre … und ihre Stunde kam. Hertie ist eine Frühgeburt um fünf Wochen, ihre Mutter aber verschied und ward erlöst aus so großem und gräulichen Elende.«

Karl Heimreich war todbleich geworden, sank in einen Stuhl und stöhnte: »Hertie, Hertie! Weiß sie von ihren Eltern?«

»Sie war von Kind an ein zartes und schwaches Wesen und hat nur erfahren, daß sie früh verstorben sind.«

Pastor Boethius legte die Hände auf des Sohnes Schultern, als müsse er ihn zurückhalten von einer Tiefe, daß er nicht darin versänke, und sprach sehr mild und sehr traurig: »Wir haben ein Gesetz in diesen Fünfharden, daß niemand eine Person freie oder zu Ehe nehme, er könne sich denn mit ihr ins dritte Glied rechnen, sowohl hinsichtlich der Blutsverwandtschaft als der Verschwägerung. Ihr seid Blutsverwandte und Geschwisterkinder. Karl Heimreich, der Sohn des Pastor Boethius, wird nicht im verbotenen Grade ein Weib nehmen!«

Karl Heimreich senkte den Kopf sehr tief, wie unter einem Gottesgericht und -Urteil, und sprach leise: »Mein Vater, wir sind Bruder und Schwester.«

Der Vater strich ihm über das Haupt, und der Sohn schritt aus dem Zimmer, aber sein Gang hatte etwas Wankendes. – Auf der Diele neben dem Herdfeuer saßen Etta und Hertie, als hätten sie seiner geharrt, und sahen ihm ins Antlitz. Er sprach nichts, nur die traurigen Augen redeten, und aus ihrem trostlos-wehen Blick wussten sie, was geschehen sei.

Langsam und lautlos klommen die beiden Mädchen in ihre Kemenate hinauf. Etta entkleidete sich, aber Hertie saß reglos auf ihrer Bettstatt mit geschlossenen Augen. »Versuche zu schlafen«, mahnte jene, aber erhielt keine Antwort.

Da legte sich Etta hin, ließ das brennende Talglicht auf dem Tische und lugte aufmerksam hinter dem Kopfkissen hervor. – Ein Knarren und Rasseln kam von unten herauf, die Uhr schlug elf Schläge.

»Hertie!«, rief eine mitleidsvolle Stimme, »ich habe dich lieb und möchte dich trösten.«

Die Gerufene hob den Kopf und schlug die Lider auf. In dem schneeweißen Gesicht standen zwei große, starre Augen, als wäre der Geist abwesend und in anderen Welten, und die blutlosen Lippen murmelten: »Dort stehet ein Mann im Scharlachmantel mit dem Richtbeil in der Hand … und das Haupt fällt … das ist mein Vater …«

Etta schrie entsetzt: »Hertie! Um der Barmherzigkeit Gottes willen!« Denn sie glaubte, das Mägdlein sei irre und rede im Wahnwitz. Weder sie noch Hertie hatten gelauscht an der Tür, noch wussten sie irgendetwas von dem gewaltsamen und grausamen Ende, welches Hans Völkers von Everschop vor neunzehn Jahren genommen hatte.

Die Hellsehende sah nichts um sich her und hörte nicht Stimmen dieser Erde. Dennoch horchte sie, als höre sie etwas, und flüsterte gedämpft und abgebrochen: »Pastor Boethius wird Herzleid haben … erst um seinet-, und dann um meinetwillen … horch, wie sie heiß gegeneinander reden und hart wider hart setzen … aber die Schrift und das Siegel … hütet das Siegel …«

Etta sprang im Nachtgewande aus dem Bette. Keinen Sinn fand sie in den dunklen Worten, und dennoch machten sie ihr Herz bedrückt und angstvoll, wie eine böse Zukunftsahnung. Mit ihren Armen umschlang sie die Kranke, welche die Augen schloß, und liebkoste sie: »Komm zu dir, Hertie.«

So saß sie lange, in den Armen sie haltend, bis ein Frösteln sie überlief. Endlich öffnete Hertie die Lider halb, als werde sie aus tiefem Schlafe aufgestört, und murmelte: »Ich bin so müde … will schlafen …« und schloß sie wieder und schlief in der Tat! Nichts merkte sie davon, daß Etta sie entkleidete, behutsam bettete und warm zudeckte.

Dann löschte Boethius' Tochter das Licht und grübelte lange: Was war es? Was war es? Aber sie fand keine Erklärung des rätselhaften Vorganges und der dunklen Rede, und eine große Furcht beschlich sie. Wie konnte sie auch den krankhaften Zustand der Seele kennen, den eine spätere Zeit somnambul nannte und wofür jenes Jahrhundert noch keinen Namen hatte!

Als Hertie am hellen Morgen erwachte, war sie wie zerschlagen am Leibe und wußte kein Wörtchen von dem, was sie geredet hatte. Etta bewahrte alles wie ein Geheimnis, davon sie nichts verlauten ließ.

Karl Heimreich saß traurig und streichelte sein Hündchen. Dann nahm er die Bücher wie sonst, und gegen Abend war ein Ausdruck von sanfter Ergebung auf seinem Gesicht und Gebaren.

Pastor Boethius schritt nachdenklich über das Feld und sah viel auf den Grund, aber es war nicht die auflaufende Herbstsaat, auf die seine Augen achteten.

In diesen Wochen lag es über der Westerwohlder Pastorei wie das Schweigen eines stille getragenen Leides.

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