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Die ?erschreckliche Flut? von 1634 und der Untergang von Alt-Nordstrand

Johannes Dose: Die ?erschreckliche Flut? von 1634 und der Untergang von Alt-Nordstrand - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorJohannes Dose
titleDie ?erschreckliche Flut? von 1634 und der Untergang von Alt-Nordstrand
publisherM.-G.-Schmitz-Verlag
editorGuido Schmitz
year2010
isbn978-3-938098-45-5
firstpub1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.schmitz-verlag.de
created20100817
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Die Sakramentsschänder

Wenn man ins glimmende Feuer bläst, schlägt die züngelnde Flamme empor, wenn man ins Hellodernde heftig stößt, stiebt ein sprühender Funkenregen nach allen Seiten.

In der Mehrheit derer, die zum Kirchspiel Westerwohld gezählt wurden, glomm es lange gegen den Pastor und Kirchherrn, und es waren Bläser und Ohrenbläser genug im Dorfe, die anzufachen verstanden. In Tolke und seiner Sippe aber lohte eine brennende Glut, in die es wie mit zwickender Zange hinein fuhr, so oft sie ihren vermeintlichen Widersacher sahen. Die von ihnen ausgesprühten Funken flogen auf allen Wegen und allen Warfen. Sie entzündeten ein Feuer der Feindschaft wider Boethius, und Tolkes breite Lippen spieen Gift und Galle wider den Mann, der ihm den Tod des Ersäufens im schändlichen Wasser an den Hals gewünscht haben sollte.

Bei dem jungen Kirchspielvogte, zu dem sie seines Amtes wegen kamen, fanden sie kein Gehör. Jener schroffe Blick, vor dem sie sich fürchteten, wies sie ab, ehe sie zu Wort kommen konnten. Aber sie machten eine Verschwörung und ritten zuhauf zum herzoglichen Staller, damit die Menge ihrer Zahl der Anklage das etwa fehlende Gewicht verleihe.

Schon am vierten Wochentage nach jenem Erntedankfeste hielt der Kirchspielvogt ein Schreiben in Händen, das der Läufer des Stallers gebracht hatte. Er erbrach es, und seine große, muskelstarke Hand zitterte merklich.

Der Herr von Bestenborstel war ein wort- und schreibkarger Mann. Er verwies auf das letztlich erlassene Reskript des Herzogs Friedrich von Gottorp, welches besage: Es wird den Predigern auferlegt, das abscheuliche Hexenwerk öffentlich in ihren Predigten verhaßt zu machen. Wer sich aber mit Zauberern und Wahrsagern abgibt, der soll im gelinden zu öffentlicher Kirchenbuße, im gestrengen zu harter Einkerkerung verurteilt werden! Wie es sich in diesem Stücke mit dem von Westerwohld verhalte, und ob er eine Wahrsagersche und Hexe zu öffentlichem Ärgernis in seiner Pastorei beherberge? Derhalben sei stracks zu berichten.

Des Stallers Läufer trug kein Antwortschreiben, wohl aber etwas andres heim, denn viele neugierige Augen hatten ihn gesehen und viele gastfreie Hände ihn von der Dorfgasse hereingenötigt. Auch lief er nicht, sondern kreuzte langsam hin und her, als solle er die ganze Wegbreite zwischen den Gräben ausmessen.

Von jeher kamen Kirchspielleute, die ein Geschriebenes aufgesetzt haben wollten, mir ihrem Anliegen zum Pastor, und er hatte keinem etwas verweigert. Heute aber begehrte ein Mann Schreiberdienste von ihm, der es nimmer getan.

Verlegen drehte Edleff die Mütze, und fast wie ein stotternder Schulbube, der vor seinem Bakelmeister steht, brachte er die Worte hervor: »Meine Finger haben den Zitterkrampf … Wollt Ihr für mich die Feder führen und auf diese Schrift die rechte Erwiderung aufsetzen?«

Boethius stutzte und griff verwundert nach dem hingehaltenen Briefe. Seine Augen glitten von unten, von der Unterschrift aufwärts. Edleff sah, wie sein Gesicht erblaßte und dann fahlgelb wurde. Über die Lippen kam ein barsches Nein. Diesem Manne verweigerte er den Dienst.

Aber derselbe sprach ohne Kränkung: »Tuet Ihr, Herr Boethius, Eure Rechtfertigung, und ich will meinen Namen darunter setzen.«

»Nein, der Herr ist mein Richter und meine Rechtfertigung, tuet Ihr, was Eures Amtes ist!«

Aber der starrköpfige Vogt ging nicht, sondern wie ein demütig Bittender blieb er stehen vor dem Pastor. »So beschwöre ich Euch, daß Ihr die Jungfer von hinnen aufs Festland führet, daß sie eine Weile bei ihrer Verwandtschaft Unterstand finde, bis dieser erste Sturm beschwichtigt ist!«

Das dritte Nein war das schroffste. »Trutz ihrer Verlästerung und Bosheit, die Maid wird bleiben!«

Als Boethius allein war, sank sein Haupt schwer auf die Brust, und er murmelte: »Der Kirchherr soll Kirchenbuße tun … Es ist nur ein kleiner Schimpf gegen die Dornenkrone … Und wenn ich ins Stockhaus geworfen würde – was ist es dem Diener, dessen Herr gekreuzigt worden?«

Auf der Diele standen Etta und Edleff Angesicht zu Angesicht eine winzige Weile, und sie sagten kein Wort. Aber man sah, daß ihre Seelen sich umschlungen hielten und ihr Geschick sich entschieden hatte in dieser Stunde. Auch Hertie mochte es gewahrt haben, denn sie schmiegte sich an Etta und hauchte: »Nun weiß ich … nur der Tod wird euch scheiden.«

Weissagte das Mägdlein? Ihr Blick war klar und auf ihrem Antlitz ein Strahl, als sonne sie sich im Liebesglück einer andern.

An diesem Abend stand der Vogt auf dem Dinge, hochgereckt und zornblitzend, als würfe er allen den Fehdehandschuh hin. »Wer Anklage erhebt wider den Pastor Boethius, daß er eine Wahrsagerin in seinem Hause und selbst teilhabe an ihren Künsten, der trete vor, und ich, Edleff Wessel, will ihm Rede stehen!«

Kein Glied regte sich, um die Fehde mit diesem aufzunehmen, und es war so stille, daß man deutlich hörte, wie die welken Blätter der Dorfesche nieder rieselten.

Später gewannen Tolke und Tedje die Sprache wieder und schrieen durch alle Schenken, daß, wie in der Bibel zu lesen von Herodes und Pilatus, Vogt und Pastor Freunde geworden seien in diesen Tagen, und daß auf dem Nordstrande schlechterdings kein Recht zu finden sei für gemeine Leute. –

Die Menschen sagen der Zeit böse Dinge nach, die frohen tadeln ihren flüchtigen Lauf, und die leidvollen schelten ihren Schneckenschritt. Dennoch ist nichts gesetz- und gleichmäßiger als sie. Die Jahre schreiten mit ihren großen, gleichen Riesenschritten dahin, einerlei ob es die Jahre des dreißigjährigen Krieges oder des tausendjährigen Friedens gewesen sein mögen. Und die flinken Wochen trippeln den vorgeschriebenen Weg und machen mit derselben Gesetzmäßigkeit ihre kurzen Tritte – die Stunden. Dann sind sie am Ziele und gehen zu ihrer Ruhe. Diese Woche hatte noch sechs kurze Schritte zu tun, dann durfte sie nach der Unruhe ihrer Zeit ausruhen in der Ewigkeit.

Man schrieb den zehnten des Weinmonats, und es war um die fünfte Stunde des letzten Wochentages. »Der dritte Samstag vor Allerheiligen!«, murmelte der Westerwohlder, welcher nach diesem Tage seine Zeit zu rechnen schien.

Eine unruhevolle Woche war es gewesen, und noch heute lag ihm ein sonderbares Unstetsein in allen Gliedern, daß er bei keinem Werk bleiben konnte. Warum war ihm dieser Samstag nicht wie sonst ein kleiner Vorsabbat, den er mit stillem Sinnen über seine Predigt hinbrachte? Seine Gedanken wollten sich nicht schwichtigen zu jener tief innerlichen Ruhe. Darum nahm er gegen alle Gewohnheit dieses Tages seinen Hut und ging ins Freie. Auf dem Friedhofe schritt er hin und wieder zwischen den Gräberreihen. In Trübnis und Unfriede ziehet es den Menschen zu den Toten als zu denen, die keinen Kampf mehr haben, daß er sich sehne nach Frieden und träume von seiner rückständigen Ruhe.

Lange stand Boethius über dem Leichensteine, welcher die Inschrift trug: Hier ruhet Gunne, die mit ihrem Manne fünfundzwanzig Jahre ohne irgend welchen Streit oder Klage gelebt hat.

Dort war Raum gelassen neben seinem Weibe für ihn. Ach, deren Seelen eins gewesen sind im Leben, die wollen auch im Staube beieinander sein. Der starke Mann war so sterbensmüde und ruhesüchtig. »Balde, balde!«, murmelte er. Seines Weibes Gestalt stand lebendig vor ihm, die Gewißheit des Wiedersehens stärkte ihn in dieser Stunde. Dann kam aber wie ein plötzliches Gesicht der Nacht der Gedanke und ängstigte ihn: Ob unser sterbliches Teil ruhen darf beieinander? Ob unsere Gebeine nicht verspült werden von der Flut? Und ein Grauenhaftes dünkte es ihm wie ein erstickender Zweifel, als wäre sein Auferstehungsglaube wankend geworden.

Von den Gräbern entwich er. Die Stiege klomm er hinauf in den hölzernen Glockenturm, daß er die Erde und ihren Tod hinter sich lasse und höhenwärts käme und den Himmel schaue. Finsternisschwere Wolken zogen auf im Westen und Süden, aber der Wind ruhte. Boethius schaute über das Land und die Lebenden. Drunten lag es, das fruchtbare, noch immer grüne Tiefland, die Krone und Kraft der friesischen Uthlande, sein Heimats-Eiland, sein vieltreues, und rings darum der Kranz seiner Halligen und jenseits derselben der glänzende Schaumgürtel der Brandung. Dort zu seinen Füßen lag es mit seinen zwanzig Gotteshäusern – und wo war die Furcht Gottes bei diesem Geschlecht? Mit seinen mehr als 8 000 Seelen – wie viele hatten eine Seele, eine gerettete, todentnommene Ewigkeitseele? Und drüben die finstere See, als brüte sie heimtückisch in ihrem Groll!

Tiefer wurden die Schatten. Die Düsternis schlich sich über ihn. Schon saß die schwarze Nacht in den Winkeln des Turms. Er stieg die Leiter hinab und nickte und murmelte: »Warum streicht die vorsichtige Krähe zum Festland? Warum flüchtet die ahnungsvolle Seemöwe ans Ufer und klammert sich an die Warf?«

Als er seine Haustür öffnete, wetterleuchtete es im Westen. Aber kein Donner, den die Menschen Gottes warnende Stimme nennen, hallte durch diese Nacht.

Das Herdfeuer war ausgelöscht worden, wie es bei Gewittern stets geschah, nur ein Kienspan qualmte trübe. Bald stand die Diele in tiefster Finsternis und dann in gelblichem Feuer. Diese grellen, geräuschlosen Blitze hatten etwas Unheimliches.

Karl Heimreich und Hertie hockten in einer Ecke wie zwei gewitterbange Kinder. Immer heftiger zuckte sie zusammen, und immer näher schmiegte sie sich an ihn. Zuletzt ruhte ihr Haupt fast an seiner Brust. Er faßte ihre Hand und flüsterte: »Fürchtest du dich, Hertie?«

»Nein, mir ist wohl, als wäre ich für alle Zeiten geborgen.«

»Sehr groß ist die Dunkelheit, daß die Finsternis in Ägypten nicht ärger gewesen sein kann …«

»Aber bei den Kindern Israel war es licht, und sie gingen aus dem Frondienst in die Freiheit.«

»Viele mußten sterben um ihretwillen … Ach, Hertie, ich wollte, diese Nacht wäre vergangen!«

»Vergehen wird die Nacht und kommen der Tag, wo alle Finsternis gewichen und alle Fesseln gefallen und wir frei sind, Karl Heimreich!«, sprach sie zu ihm empor, und der Blitz beleuchtete ihr Antlitz, das von prophetischer Gewißheit erstrahlte.

Das Wetterleuchten hörte auf in dieser Nacht vom zehnten auf den elften Oktober. Nur die ägyptische Finsternis blieb liegen auf dem ganzen Nordstrande, so schwer und dicht, wie Augenzeugen bekunden, daß man es mit den Händen hat greifen können, so schwarz und schreckhaft, daß ein beherzter Mann wie Boethius aufstand und das Licht anzündete. Schlaflos verbrachte er die lange Nacht, aber ohne Frieden zu finden, und wie eine Furcht blieb es in seinen Gebeinen.

In der Tagfrühe trat er vor das Haus und blickte gen Himmel. Die Sonne des elften Oktobers stieg blutrot hinter Eiderstede auf und beschien und beschaute noch einmal das große Eiland, darinnen viel Volks war in seinen Häusern, dazu auch viel tausende von weidenden Tieren auf seinen Triften. Alle Kreatur und was einen lebendigen Odem hatte, begann sich zu regen. Aber die Sonne verbarg sogleich ihr Antlitz hinter Wolken, und vom Himmel fiel es wie einzelne Tränentropfen. Dann zog es immer schwärzer über Westerwohld auf, die Schleusen von oben wurden aufgetan, und der Regen goß in Strömen hernieder.

Noch einmal läuteten alle Glocken auf dem Nordstrande zum Gottesdienste. Die spärlichen Kirchgänger sammelten sich unter den Altären des Höchsten und stimmten ihr Loblied an »Allein Gott in der Höh' sei Ehr«, während der Regen niederschlug und der Donner über ihre Häupter hinrollte.

Boethius stand auf der Kanzel und übersah die wenigen Zuhörer. Tolke, Tedje und noch etliche von ihren Leuten waren gekommen und saßen beieinander auf einer Bank. Er merkte ihre Angst wohl, und daß sie auf seine Worte lauerten, um sie zu verdrehen und neue Verlästerung wider ihn zu finden.

Sein Text war das sechzehnte Kapitel des Hesekiel, dasselbe, aus welchem Klaus Rickmers seine Weissagungen wider Sodom ausgeklügelt hatte, über welches falsche Propheten hergefallen wären, und davon er der Gemeinde eine rechte Auslegung geben wolle.

»Friesland, Friesland, wie hat der Herr sich deiner erbarmet und aus dem Wasser dich gezogen und zum festen und fruchtbaren Lande dich gemacht, daß deinesgleichen nicht zu finden ist in diesen Königreichen. Nordstrand, Nordstrand, du bist gewachsen und groß geworden und aller Eilande Haupt und Kron'. Deine Truhen sind voll Gold und Silber, Leinewand, Seide und Gesticktem. Gezieret warst du mit allem Schmucke und gesegnet mit jedem Erdengute. Aber du hast dich verlassen nicht auf den Herrn, der dich erschaffen hat, sondern auf deine Schöne und deine Kraft, und du hast Buhlschaft getrieben mit jeder Sünde.«

Der Pastor von Westerwohld kam auf ihr Buhlen zu sprechen und ihre Sünden wider das sechste Gebot. Ihrer sei viel wie Sand, und ihr Unflat größer, denn aller Schlick und Schlamm, der rings um Friesland her lagere, daß nicht die Westsee mit ihrer beißenden Salzflut, noch auch des Weltmeers Gewässer eine Lauge dawider sei und den Unflat von ihnen abwaschen könne.

Tolke duckte den Kopf, er ertrug nicht den flammenden Blick, der auf ihm haftete.

Da strafte Boethius ihn in aller Öffentlichkeit von der Kanzel herab, und gleich einem Bannstrahl schleuderte er die Worte gegen ihn: »Tolke von Olufswarf, ich klage dich an, daß du einem Weibe dieser Gemeinde Schmach angetan hast! Unter vier Augen habe ich dich brüderlich ermahnet, ob nicht diese böse Tat dich gereuen und du umkehren möchtest von deinem Weg und Willen. Aber du hast nicht gewollt! Es stehet geschrieben: Welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen, und welchen ihr die Sünden behaltet, denen sind sie behalten. Kraft meines Schlüsselamtes und kraft der Gewalt, die mir gegeben ist, zu binden und zu lösen, übergebe ich dich, Tolke von Olufswarf, dem Satanas zum Verderben deines Fleisches, daß du ausgetan sein sollst von der Gemeinde Gottes und ausgeschlossen von seinem heiligen Nachtmahl, bis daß du reuig geworden und aufrichtige Buße getan hast!«

Der mit dem Banne Belegte und zur Kirchenbuße Verurteilte tat nicht den Mund auf, sondern biß die Lippen zusammen, und man hörte das Knirschen seiner Zähne.

Die Kirchgänger verliefen sich. Der Regen hatte aufgehört, nur der Donner grollte in der Ferne. Noch war Windstille, und die Blätter regten sich nicht, sondern hingen in greisenhafter Ruhe, schlaff und herbstmüde an den Bäumen.

Boethius hatte das Tischgebet gesprochen, aber rührte die Speise nicht an.

»Was ist mir, daß ich nicht schlafen noch essen mag?«, sprach er. Und dann: »In den tausend Häusern dieses Eilandes setzen sie sich jetzo nieder am Herde und um den Tisch, aber wie viele sind unter den Tausenden, die mit Danksagung ihr täglich Brot empfangen … Und wer gedenket dessen, daß es seine letzte Speise sein könnte?«

Auf Olufswarf war schwüle Luft und das Gesicht des Herrn ein Gewitter, welches nach Anlass suchte, um loszuprasseln.

Obgleich Tolke keinen Hunger hatte, schrie er nach seinem Essen. Und da es auf dem Tische stand, nannte er das gekochte Huhn ein zähes Leder und die Vorsiedung eine versalzene Gerberbrühe. Wütend schalt er die Magd mit unsäuberlichen Worten, setzte die Schüssel auf den Fußboden und pfiff dem Hunde. Dieser, ein großes, sehr betagtes und häßliches Tier mit ergrauter Schnauze und blöden Augen, schnupperte an der Schüssel und wollte mit eingeklemmter Rute eilig von dannen, denn er witterte den Zorn des Herrn.

Da kam die Entladung: »Verdammtes Vieh, ich will dir gut sein!« und zugleich ein so gewaltiger Fußtritt, daß der Hund hinstürzte und in Zuckungen sich wälzte. Er litt außer an Gicht und Altersgebresten auch zuweilen an Krämpfen und war von allen unvernünftigen Kreaturen der älteste Hofinsasse, der als Achtwochensäugling vor nunmehr sechzehn Jahren von Tolke vom Tode des Ersäufens errettet und mit heimgebracht worden war.

Wahrlich, selbst dem Manne von Olufswarf war die Reue nicht ganz fremd – er beugte sich nieder und streichelte den Hund. Was noch an menschlicher Herzregung sich in seiner Brust verkrochen haben mochte, war diesem räudigen Tiere zugetan.

Dennoch polterte er bald von neuem und suchte Anlass zum Streit mit dem Gesinde. In der Küche wetterte er gegen die Jungmagd, im Hofe schleuderte er mit dem Fuße eine Schaufel, die ihm nicht einmal im Wege stand, so weit und so ungeschickt, daß sie eine tönerne Butterschüssel in Scherben schlug. Über den Knecht, den alten und grauköpfigen Henning, welcher schon seinem Vater gedient hatte, ging es am unglimpflichsten her. Mit rohen Püffen traktierte er ihn, daß er laut zeterte.

Tolke hielt inne und besann sich. Nach einer Weile sprach er: »Halte dein Maul, du krächzende Eule, krieche in deine Federn und bleibe im Bette heute und morgen … Sage der Magd nicht, daß ich dich schlug, aber daß du von Krankheit, von Bauchgrimmen oder Gliederreißen oder besser noch vom bösen Herzwurm befallen seiest … Verstehest du?«

Henning ging schmunzelnd in die Kammer und legte sich stracks auf das Ohr. Der alte und stumpfe Knecht achtete Schlafen köstlicher sogar als Essen und Trinken. Seine einzige Sonntagsfreude war ein ununterbrochener Nachmittagsschlaf, dem er nunmehr auf Befehl seines Herrn frönen konnte.

Was hörte er von dem Liede, welches die Westsee mit dumpfem Brausen anstimmte! Wie ein majestätisches Rauschen ging der Sturm in seinem ersten Stoße durch das Land, und die Bäume neigten sich tief vor dem Gewaltigen der Luft. Aber bald mischten sich häßliche Mißtöne in die Melodie des Blasenden. Scheußlich pfiff der Wind um die Häuser und durch die Schornsteine herab, ein hohles Heulen tönte von der Gasse herauf.

Nachmittag war's, und zum vollen Sturme hatte der Südwest sich entfesselt.

Auf Olufswarf horchten die Mägde und sperrten die Türen zu. Schlief Tolke? Nein, Tedje und andere Freunde und Tröster waren gekommen, um dem in den Bann getanen Sünder ihr Beileid auszusprechen und zu seinem Troste einen Trunk mit ihm zu tun. Sie zechten, lärmten und schrieen, daß sie nicht hörten den Aufruhr der Lüfte, noch die laute Stimme des Windes.

Immer wüster ging es her auf Olufswarf, und in Stube und Pesel wurde ein so wildes Wesen mit Flüchen und gotteslästerlichen Reden laut, daß die Feder es nicht sagen noch schildern will.

Ängstlich schlich sich der Hund dazwischen, legte sich in einen Winkel und winselte, denn er war krank, und die Gicht plagte ihn. Das sah Tolke und fühlte etwas wie ein wirkliches Erbarmen mit dem Tiere: »Ei, du alter und elender Kerl, das Gliederreißen hat dich befallen … Ha, ha, dich wollen wir warm betten!«

Sogleich schlug er die Alkoventür auf und riß das Federbett zurück, hob mit den Armen das große Tier empor und warf es auf das weiche Pfühl. Dann deckte er den Hund zu, welcher das Wohltuende der Wärme zu spüren schien, auch ganz stille lag wie ein Mensch und nur die Schnauze hervor steckte, um nach Atem schnappen zu können.

Immer neues Getränk brachte Tolke, daß alle schon um die fünfte Stunde wie toll sich gebärdeten. Mitten im bänglichen Wüten der Elemente der trunkene Wahnsinn dieser Menschen, ihr rohes Gespött und ihr wieherndes Gelächter!

»Die Pest dem Pastor!«, brüllte er mit dröhnendem Faustschlag. Und als wären seine Sinne nur dieses einen Gedankens noch mächtig, schrie er es immer wieder, und die Genossen lallten es ihm nach: »Die Pest dem Pastor!«

Der pfeifende Wind ist zum gellenden Sturm geworden, und ein Stoß trifft das Haus, daß es in seinen Grundfesten zittert. Tolke schwankt auf den Füßen, und seine Glotzaugen haften am Alkoven, als müsse er sich besinnen, wer darin liege. Über sein gedunsenes Gesicht geht ein Grinsen.

»Ha, ha, ha!« Der von Olufswarf schlägt eine kreischende Lache auf und stürmt hinaus und über den Hof, und noch immer lacht er wie ein Wahnwitziger oder wie ein Teufel.

Im Stalle drehen die Pferde die Köpfe und wiehern, denn ihre Vesperzeit ist gekommen. Ihr Pfleger, der alte Knecht Henning, liegt in seinem Bette und schnarcht.

Zurück rennt Tolke, und sein Atem fliegt. Wie von Schreck ernüchtert, ringt er die Hände und ruft der Jungmagd in der Küche zu: »Henning ist plötzlich vom Herzwurm betroffen worden, und es gehet zum Letzten mit ihm! Dirne, eile zum Pastor, so schnell dich deine Füße tragen … Ein Todkranker auf Olufswarf begehre seiner, um berichtet zu werden und das Sterbesakrament zu bekommen.«

Drinnen im Pesel, inmitten der Kumpane, lacht Tolke wiederum: »Die Pest dem Pastor! Trotz den Rungholtern wollen wir dem Bannmeister einen Tort antun, daß der bissige Hund das Bellen verlerne.«

Die Jungmagd bindet ihr Kopftuch um und geht. Atemlos erreicht sie die Pastorei und tut ihre Meldung. Boethius stutzt und hört der Magd Bericht und Begehr. Dann schreitet er zum Wandschranke.

Etta umklammert ihn und fleht: »Gehet nicht bei dem grausen Wetter und nicht nach Olufswarf, mein Vater!«

Fast unwillig löste er ihre Arme von seinem Halse: »Was Wetter und was Olufswarf! Wo immer man den Pastor ruft, muss er kommen und seines Amtes walten.«

Er wirft sich in sein Predigergewand und nimmt das Gerät mit dem Heiligen. Etta faltet die Hände und tut einen Seufzer. Zu groß ist die Ahnung und die Angst ihres Herzens.

Sie eilt hinaus und die Kirchwarf hinan, um dem Vater nachzuschauen. Nach Osten geht sein Weg. Er stemmt die Füße kräftig in den Grund, daß nicht der Sturm ihn verwehe und von hinten in den Graben werfe.

Wie hilfesuchend schweift ihr Blick gen Himmel und dann über die Warfe der Menschen. Wer stehet auf der Vogtwarf drüben, nach dem Wetter ausschauend? Mit beiden Händen winkt sie dem Manne.

Edleff Wessel, wie von Sturmfittichen von Warf zu Warf getragen, stehet bei ihr und hält ihre Hände. Er trägt sein Sonntagswams und statt des Dolchmessers den langen Stoßdegen an der Seite. Die Angstvolle neigt ihr Haupt, als suche sie Schutz bei ihm, und warm streift ihr Odem sein Gesicht.

Des Windes Gewalt fährt daher und führt sie zusammen – einen kurzen, kleinen Augenblick. Dann wehrt sie ab und weist mit dem Finger nach Osten: »Schreckhaftes schwant mir … Edleff, bleibe bei meinem Vater, daß auf Olufswarf kein Leid ihm geschehe!« – Schon stürmt er davon, als flöge er vor dem Winde.

Sie gehet ruhelos im Hause; eine zwiefache Sorge, um den Vater und um ihn, quält ihren Sinn. Dann sieht sie Boje, den Knecht, und befiehlt ihm, seinem Herrn nachzueilen und ihn heim zu geleiten.

Der Pastor hat den Hof erreicht! Sieht er nicht die Tücke und Bosheit in Tolkes Blick, da dieser sich ungelenk verneigt und spricht: »Tretet näher, Herr Boethius!« Nein, sein Auge gleitet kalt über ihn weg, als wäre er nicht vorhanden. Erst in der Peseltür stockt sein Fuß, aber sein Haupt hebt sich in stolzer, gestrenger Würde, als er des Dorfes Zechgesellen und die Spuren des Gelages gewahrt.

»Was führ mich in dieses Trinkhaus, wo ich zu einem Sterbenden gerufen worden bin?«

»Nur gemach, Herr Boethius!«, wispert eine Stimme hinter ihm, »der Sieche, den Ihr berichten sollt, ist sorgsam im Alkoven gebettet worden.«

Sechs Männer stehen bewegungslos im Kreise. Rasch tritt er an das Wandbett, schlägt die halboffene Tür zurück und spricht: »Henning!«

Ein zorniges Zähnefletschen, ein heiseres Gekläff! Boethius fährt zurück, wie von einer Viper gestochen, und das Gerät entfällt seinen Händen.

Man hört, wie Tolke eine wilde, wiehernde Lache aufschlägt, und dann das laute Gelächter der sechs Männer im Kreise.

Boethius' Haar sträubt sich empor, sein Herz steht still, und zur Todblässe gerinnt sein Blut. Dann packt ihn ein wirbelnder Strudel, als wanke die Erde im Weltuntergange, und alle Stärke verläßt den Starken, Er wäre hingestürzt neben dem Ciborium, wenn nicht eine andere und übermenschliche Kraft ihn gehalten hätte.

Mit einer Gewaltanstrengung seiner Seele reißt er sich aus der Starre und rafft eilig das entfallene Gerät vom besudelten Fußboden empor. In den weit vorgestreckten Händen das Heilige wie eine Wehr haltend, steht er vor Tolke, als wäre Satanas leibhaftig ihm erschienen, und wie ein Rächer oder Richter schleudert er ihm sein Urteil ins Gesicht. »Tolke, du hast Gott und sein Heiliges gelästert und die Sünde wider den heiligen Geist begangen, die weder in diesem, noch in jenem Leben vergeben werden kann! Fahre hin zum Gericht und zum ewigen Unfrieden! Dein Wurm wird nicht sterben und dein Feuer nicht erlöschen.«

Draußen vor den kleinen Fensterscheiben taucht es flüchtig auf wie ein Menschenantlitz und verschwindet wieder.

Im Pesel entsteht ein wildes Getümmel, man sieht geballte Fäuste und hört das Knirschen der Zähne. Tolkes Augen funkeln nicht mehr von Tücke, sondern von Mord, der nach Blut lechzt, und in seinem Wüten geifert er die Worte hervor: »Die Sündflut und das Höllenfeuer hat er auf uns gehetzt! Nun soll der Pfaff sterben!«

Am Halse packt und würgt er ihn, die anderen stoßen von hinten. Aber der Kirchherr von Westerwohld ist ein starker Mann, der heftig mit ihnen um sein Leben ringt.

Da wird die Tür von einem Fußtritt aufgestoßen. Einer mit entblößtem Degen – der Kirchspielvogt Edleff Wessel steht mitten im Pesel. Die sechs Männer werden bei seinem Anblick bewegungslos, als wie zuvor. Nur Tolke rast weiter und sucht den Pastor zu werfen.

Eine herrische Stimme donnert durch das Gemach: »Halt ein, oder ich schlage!«

Tolke aber fährt auf seinen Gegner mit weit ausgeholter Faust.

Ein Zischen und Blinken zuckt durch die Luft.

Der Vogt hat geschlagen und nach dem Haupte gezielt, aber nur die Haut der Schläfe getroffen und einen Zipfel vom rechten Ohr ihm abgehauen.

Wie ein verwundetes Raubtier brüllte Tolke, lugt scheu hinter sich und flieht feige in einen Winkel, wo er sich in einen Stuhl wirft. Dann preßt er stöhnend die Hand gegen das Ohr und knirscht vor Grimm: »Warte, Vogt, das sollst du mir bezahlen!«

Eisig gleitet Edleffs Blick über ihn und seine Genossen, und höhnisch antwortet er: »Gewiß, ich will zahlen! Ein schlechtes Ohr, wie dieses, welches nicht hören wollte, werden fünfzig Mark lübsch aufwägen, denn es stehet im Landrecht: Wer Fäuste hat, mag schlagen, und wer Geld hat, soll zahlen!«

Der Vogt sprach's, faßte den Pastor am Arme und führte ihn hinaus. In der Küche stand Boje, zitternd wie Espenlaub, und war Zeuge des Vorganges gewesen. Jetzt stob er von dannen, denn er fürchtete sich vor dem entblößten Schwert und lief nach der Pastorei.

Edleff fragte kurz: »Soll ich Euch sicher heim geleiten, Boethius?«

Und kürzer noch kam es zurück: »Nein, ich habe mein Geleit!«

Alsdann sehr leise wie ein furchtsames Anklopfen: »Und sonst hättet Ihr mir nichts zu sagen, Boethius?«

Die Antwort lautete: »Ja, noch eins … Stecket das Schwert ein! Wer hieß es Euch ziehen, wo Ihr mit den bloßen Händen hättet helfen können? Euer Wille war gut, Ihr habt mir Beistand geleistet in Gefahr des Leibes, aber Euer Werk kann ich nicht loben, denn um eines Haares Breite hättet Ihr einen Totschlag begangen.«

Das war des Kirchherrn Dank. Und die beiden gingen voneinander. Boethius wandte sich zur Rechten und der Vogt zur Linken.

Bald aber lenkte dieser um und folgte jenem aus der Ferne, denn er sollte dieselbe Straße nach seiner Warf, und er sah, wie der Pastor mit großer Anstrengung gegen den Wind sich stemmte.

Edleff hielt den Kopf gegen den Sturm und blickte nach den Wolken. Wehe, er war nach Nordwesten umgesprungen!

Dieses entsetzliche Gebrause war nicht mehr Wind und nicht mehr Sturm, sondern der voll entfesselte Westorkan, der gellend durch die Lüfte fuhr, als wäre ein böses Geisterheer vom Himmel losgelassen auf die zitternde Erde. Über das Flachland fegte er hin, die Bäume entwurzelnd und die Strohdächer hinweg tragend.

Und das donnerähnliche Getöse von draußen, welches den Orkan überhallte? Das waren die rollenden, stürzenden, brechenden Wogen der in ihren Tiefen aufgewühlten See! Da war der blanke Hans, der brüllend Sturm lief wider die Deiche!

Edleff lauschte, er hatte noch feste Zuversicht zum neuen Haffdeiche, aber der trutzige Zug auf seinem Gesichte entwich.

Langsam näherte er sich der Mitte des Dorfes und sah, wie der Mann im langen, flatternden Priestergewande mühsam zur Kirche hinauf klomm und in der Kirchtür verschwand.

Warum ging der Vogt über die Kirchwarf und den Friedhof, da er doch anderen Richtweg hätte wählen können? Dicht an der östlichen Mauer entlang, welche Schutz vor dem Sturme gewährte, glitt seine Gestalt und blieb dann stehen unter der Sonnenuhr an der Mauer, dort, wo die Warf am höchsten war. Wollte der ungesehene Geleitsmann hier Wache halten, oder wartete er auf den, der ins Gotteshaus gegangen war?

Boje hatte die Pastorei erreicht. Von ihm erfuhr Etta das Geschehnis auf Olufswarf, wie sie den Herrn Boethius vergewaltigt und gewürgt hätten, und daß der Vogt mit seinem Schwerte dreingeschlagen und den Mord gehindert habe.

Wie wurde ihr beim Anhören dieser Kunde? Wohl zitterte sie um den Vater, und ihre Wangen erbleichten, denn so Gottloses und Grausiges war noch nicht an ihr Ohr gedrungen. Aber Edleffs rasche, rettende Tat, und wie er vortrat in seinem edlen, mannhaften Zorn – das nur blieb vor ihr stehen und wischte gleichsam alle Schrecknisse hinweg. Heiß stieg es aus ihrem Herzen empor und rötete ihr Gesicht, und leuchtend lag es in ihren Augen. Ihr war heute die frohe, Friede bringende Botschaft ihres Lebens gebracht worden von diesem Knecht. Und wie eine jauchzende, zukunftsgewisse Melodei klang es in ihrer Seele, daß jetzo die Scheidewand gefallen und Weg sei zwischen ihren Warfen, zwischen ihm und ihr.

Nun hatte Boethius' Tochter erst recht keine Ruhe im Hause mehr. Ach, wie der Sturmwind toset und das Meer donnert! Aber warte nur, es muss enden mit Sonnenschein, und alles wird gut und ganz still werden.

Auf dem Vorplatze stand Etta und schaute nach dem Vater aus, wo er wohl bliebe; und der spähende Blick gewahrte den Schatten eines Mannes, der an der Kirchmauer lehnte. Wessen war die hohe Gestalt? Ihr Ahnen sagte es ihr, und sie gehorchte seinem Flüstern, lief die Warf hinab und dann bergan.

Nun erkannte ihr Auge ihn, und alles, was in ihr war, flog ihm entgegen mit zwingender Gewalt, bis er sie in seinen vorgestreckten Armen auffing. Dort ruhte sie lange ohne Wort und Willen … Überall war Unruhe und alle Welt in Aufruhr und Angst. Aber hier war Friede und eine stille geborgene Stätte, denn an dem starken Gemäuer brach sich das Unwetter.

Edleff strich ihr das wirre Haar: »Etta, du Edle und Einzige, du Starke und Süße! Sagte ich dir nicht, es würde dich hinwegraffen, wie ein Orkan ein Schifflein von seinem Ankergrunde reißt, und hinweg tragen zu mir … Und nun bist du zu mir gekommen, du meine starke Sturmbraut!«

»Mein Edleff, nichts mehr wird uns scheiden …«

»Nein, ob alle Welt dagegen wär', du sollst mein Weib sein, und ich will dich halten wider jegliches, stünde es mit der Hölle oder dem Himmel im Bunde.«

»O schweige, mein Liebster!«, flehte sie, »du hast Gewalt gewonnen über meinen Vater … Denn warst du nicht sein Schirmer, der sein Leben vom Tod errettete? Nun muss er uns segnen, und du wirst sein Sohn sein.«

Edleff schwieg, er wußte es besser.

Heiß und heftig umschlang sie ihn: »O, rede, mein Liebster, und sage mir, wie lieb du mich hast!« An der Kirchmauer verhallte im Sturm ihr kosendes Flüstern. O, diese Minne, die mächtiger ist als der Mensch! Wer entzündet sie? Von wannen strömt sie? Und wo ist ihr Urquell, in der Ätherhöhe droben oder in der Abgrundtiefe drunten?

Etta und Edleff gaben sich völlig weltentrückt dem Augenblicke hin. Sahen sie nicht die vom Nordwest gehetzten Wolken, welche wie dräuende Schicksalsboten über ihre Häupter hinflogen? Hörten sie nicht das Brüllen des Meeres, das auf Springflut stand?

Die beiden sahen und hörten nichts mehr. Nur schaute jeder des andern verzücktes Antlitz, und die Blicke tauchten immer tiefer ineinander.

Über das Kirchendach pfiff der Wind wehklagend herab, und um die Ecken heulte der Sturm, häßlich und höhnend.

Drinnen vor dem Altare lag ein Mann auf den Knien. Müde war er, ermattet von diesem steten Gegenangehen wider Sturm und Strom, müde von dem fruchtlosen Werk seines Lebens. Seine Seele war bis in die Tiefen erschüttert und seine Kraft wie gebrochen von dem, was man ihm heute getan. All sein Leben dünkte ihm nutzlos und nichtig, eitel und elend. Wo war seine Stärke? Zerschmolzen wie Wachs, verschüttet wie Salz, das nichts tauget! Wie ein todmüder Mann klagte er: Es ist genug. Herr, mehr als genug! Und er bat, daß seine Seele stürbe. Aber ein Engel stärkte ihn. Dieser elende, unmächtige Mann, der zerschlagen und zermalmt vor den Altären seines Herrn lag, fing an zu reden und zu ringen mit seinem Gott.

»Der du bist ein eifriger Gott und im Wetter einherschreitest, bald wie ersäufende Flut und bald wie verzehrendes Feuer, verschone dieses Meerlandes und verhalte den Weltuntergang und deine Gerichte! Ich, der ich Erde und Asche bin, unterfange mich zu reden mit dem Ewigen. Siehe, es möchten auf dem Nordstrande dreißig oder zwanzig oder zehn Sünder sein, die gerecht geworden sind durch den Glauben. Herr, Herr! Ich weiß zehne … Sind da nicht Sönke und sein Weib, Gert Hinrichs und sein Geschlecht, auch ich und mein Haus und viele andere, welche dich fürchten und den falschen Göttern nicht gedient haben? Laß noch ein letztes Mal deine Gnade walten und erbarme dich Frieslands, des großen und gesegneten Landes, darinnen viel Volks und viel Vieh!«

Boethius rang am Altare die Hände zu dem Kruzifixe empor und begann zu beten für die Gemeinde Westerwohld und jede einzelne Seele, die seiner Hut anvertraut worden war. Für alle, alle rang er flehend mit Gott.

Aber da er an Tolke von Olufswarf kam, versagte seine Kraft, und seine Stimme schwieg.

Trotzdem hörte er eine Stimme, die zu ihm nieder hallte, wie aus dem Munde des Gekreuzigten da droben: Segnet, die euch fluchen, und tut wohl denen, die euch hassen! Und dennoch blieb sein Mund verschlossen. Er vermochte kein Gebet zu tun für Tolke, welcher den Greuel an ihm und dem Heiligen verübt hatte. Was hilft mein Beten für eine verlorene Seele? Hat er nicht die Sünde wider den heiligen Geist begangen, die weder in diesem, noch in dem zukünftigen Leben vergeben werden kann?

Boethius erhob sich schwerfällig vom Altar, aber nicht wie ein Sieger …

Die Kirchtür kreischte in ihren Angeln. Die beiden, die sich umschlungen hielten, vernahmen es nicht, noch sahen sie das leichenhafte Antlitz des Mannes, welcher drei Schritte hinter ihnen stand.

Boethius' Füße taumelten unter ihm. Mehr als von dem Sakrileg in Tolkes Hause war seine Seele entsetzt und erschüttert.

Ein gellender Aufschrei ward gehört: »Wehe mir, wehe! Die Erde vergehet in diesem Wetter, alles, was fest war, löset sich, und des Himmels Kräfte wanken und stürzen … Etta, mein Kind, hinweg … hinweg von diesem und her zu mir!«

Sie blieb mit großen, träumenden Augen bei dem anderen, ohne Macht und Willen, und sprach mit unfaßbarer Ruhe: »Ich kann nicht, mein Vater … Mein Geschick entschied sich in dieser Stunde … Darum scheide uns nicht mehr! …«

Des Pastors Blick bohrte sich in jenen, und er sprach die Worte: »Wehe dir, Wessel, du hast sie mit dem Taumeltrunke deiner Leidenschaft verzaubert, daß sie vergessen konnte des großen Gebots, das eine Verheißung hat, und der heiligen Schriften, die ihr Vater sie lehrte!«

An Edleffs Statt antwortete sie: »Es stehet geschrieben in der heiligen Schrift meines Herzens, daß er mich erkämpft hat durch edle Tat, daß ich ihn lieben muss und alles verlassen um seinetwillen. Darum fluche mir nicht, sondern segne uns, mein Vater, segne uns!«

» Ich will nicht fluchen, und ich darf des Kindes Sünde und Ungehorsam nicht segnen!«

Die Kirchwarf schwankte er hinab, gelangte taumelnd über die Diele seines Hauses und verriegelte die Peseltür hinter sich. Dort blieb er stundenlang liegen im Priestergewande und mit dem Haupte auf dem Tische, auf den es dröhnend aufschlug.

Ein Mann auf schäumendem Pferde sprengte unten an der Kirchwarf vorbei und schrie durch den Sturm hinauf: »Deichgraf, Deichgraf, es bricht dein Damm an der Balumer Wehle!«

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