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Die Eroberung von Mexiko durch Ferdinand Cortes

Arthur Schurig: Die Eroberung von Mexiko durch Ferdinand Cortes - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Schurig
titleDie Eroberung von Mexiko durch Ferdinand Cortes
publisherInsel-Verlag
editorherausgegeben von Arthur Schurig
year1918
firstpub1918
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060228
projectid81cacf28
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Einleitung

Nach der so glücklichen Vereinigung von Kastilien und Aragon war Spanien zu Beginn des 16. Jahrhunderts das Land Europas, dem man die größte Zukunft voraussagen durfte. Unter der Herrschaft Karls des Fünften (1516-1556) schien es sich in der Tat zum ersten Reiche der Welt entwickeln zu wollen. Das Land, das noch im Mittelalter voller Unruhe und Wirrwarr gewesen war, begann sich innerlich zu ordnen und zu festigen. Es hatte den Anschein, als ob das Volk im Einzelnen wie in der Gesamtheit zur Erkenntnis gekommen sei, daß der Stolz, einem zur Weltmacht emporwachsenden Staate anzugehören, die Pflicht der Selbstbeschränkung in sich schließt. Es erstand aus der bisher ungezähmten, ziellosen und selbstsüchtigen Masse, aus dem Adel, aus der Geistlichkeit, aus den Bürgern eine kleine Schar von kraftvollen, klugen und zähen Männern, die in der Erweiterung ihres Vaterlandes eine Erweiterung ihres eigenen engen Daseins, ihres Lebenszieles, ihres Glückes sahen und fanden. Wenn sich jene vielversprechende Voraussagung, wie wir wissen, auf die Dauer nicht erfüllt hat, trotz des großen Glanzes, dessen sich Spanien eine Zeitlang erfreute, so hat dies im wesentlichen daran gelegen, daß den wenigen großgeistigen Führern die Masse des Volkes nicht zu folgen vermochte.

Es ist schwer, sich eine anschauliche und wahrhaftige Vorstellung Spaniens und seiner inneren Zustände in jenem Zeitalter zu machen. Die späteren Geschichtschrelber und Erzähler haben uns ein zu märchenhaftes Bild insbesondere von seinen Reichtümern vor Augen gestellt. Stark davon abweichen die zeitgenössischen Berichte, wie der des Guicciardini aus dem Jahre 1513, geschrieben allerdings von der hohen Warte der Kultur der Renaissance.Guicciardinis Schilderung findet man in den Anhängen, S. 409 ff. Über Karl V. und die Verhältnisse seines Reiches unterrichtet uns das etwas schwerfällige Werk: H. Baumgarten, Geschichte Karls V. (Stuttgart 1885-1892, 3 Bände).

Der kriegerische Geist, den der Florentiner hervorhebt, hat in Spanien im 15. und 16. Jahrhundert vorgewaltet. Wir erkennen ihn am besten in der Literatur von damals, die so reich an Ritter- und Abenteuerromanen ist. Sie spiegelt ihre Zeit,in der das Maß aller Dinge der Degen ist. Die jungen Leute jedweden Standes drängen sich tatenlustig zu den Waffen, die Frauen schenken ihre Huld nur um Heldentum, und die Altgewordenen hören nicht auf, sich der erlebten Kämpfe und Gefahren zu erinnern. Allenthalben herrscht Mars. Stolzer fast als auf seinen Don Quijote ist Cervantes darauf, unter Don Juan d'Austria bei Lepanto gefochten und Wunden davongetragen zu haben.

Nach der Entdeckung der Neuen Welt durch Christoph Kolumbus (1492) gesellte sich zur Vorliebe am Waffenhandwerk und zum Hang am Abenteuerlichen der Drang nach den noch sagenhaften Fernen, eng verknüpft zumeist mit der Gier nach Gold. Verführt durch die Schilderungen und Fabeleien von den Reichtümern Amerikas trachteten Tausende nach nichts eifriger, als sich mit ihrem Leben und ihrem Vermögen an einer Fahrt nach dem Wunderlande beteiligen zu können. Der Eroberer eines bisher nie betretenen Reiches zu werden, war der Traum jedes, der es zuwege brachte, ritterlich gerüstet in eines der nach Westen segelnden Schiffe steigen zu dürfen.

Der Staat hütete sich, derlei Unternehmungen selber auszustatten und abzusenden. Mit sehr wenigen Ausnahmen sind alle Entdeckungsfahrten das Werk ihrer Unternehmer. Erst nachträglich, wenn sich Erfolg und Gewinn einstellten, schloß das Mutterland mit dem Entdecker Verträge ab, um sich gegen Titel, Würden und Bestätigungen einen Anteil an der Beute zu sichern.

Auf diese dem Staate bequeme Weise gewann Spanien unter Kaiser Karl dem Fünften jenseits des Weltmeeres beträchtliche Macht. Die Antillen, Florida, Yukatan, Mexiko, Honduras, Guatemala, Panama, Nikaragua, Venezuela, Kalifornien, Peru und Chile waren ein großartiger Zuwachs an zukunftsreichem Land. Und doch ist der so glücklich scheinende neue Besitz für Spanien in höchstem Grade verderbnisvoll geworden. Ein Land, das teilweise selber noch brach liegt, das nur schwach bevölkert und arm und das vor allem schlecht verwaltet und voller Mißstände ist, kann noch nicht daran gehen, überseeische Kolonien zu gründen. Dazu kommt beim Spanier jener Zeit, daß ihn schon die Grundzüge und Eigenschaften seiner Natur wenig geeignet zum Kolonisator machten. Seine kirchliche Unduldsamkeit, seine hochmütige Verachtung anderer Völker und ihrer Bildung, die eigene Kulturarmut, vor allem aber seine maßlose Herrschsucht, Grausamkeit und Raubgier trugen die Schuld daran, daß ihm seine glänzenden Eroberungen keinen rechten Segen gebracht haben. Das beste Vorbild hätte er sich an den alten Römern nehmen können. Auch die römischen Feldherren, Offiziere und Soldaten haben sich in den von ihnen eroberten Ländern in nicht geringer Weise bereichert, aber Rom war doch immer sehr bald um das Wohl seiner neuen Untertanen ernstlich bedacht, und dank einer meisterlichen Verwaltungskunst sind fast alle Kolonien der Römer zu hoher Blüte und wirklicher Gesittung gelangt. Wie anders war es bei den Spaniern, die in Westindien und im übrigen Amerika niemals etwas anderes im Sinne gehabt haben als Raub und persönlichen Vorteil. Ihr Mangel an Selbstzucht, ihre geistige Unreife und ihre staatsmännische Kurzsichtigkeit haben in der Folge nicht nur jene wunderbaren Kolonien zugrunde gerichtet, sondern auch das Mutterland, das so viel versprochen hatte.

Wie verheerend die Eroberer unter den Eingeborenen gehaust haben, geht beispielsweise aus folgenden Zahlen hervor. Die Insel Haiti (Hispaniola) hatte bei der Ankunft der Spanler 1100000 Einwohner; im Jahre 1510 waren davon noch 46000 übrig; 1514 noch 16000; 1517 (nicht nur infolge der Blattern) nur noch 1000. Nicht viel menschlicher ist es auf den anderen Inseln hergegangen. Las Casas, der ebenso unermüdliche wie erfolglose Kämpfer für eine bessere Behandlung der armen Indianer, faßt 1560 sein Endurteil über die Mißerfolge seiner Landsleute in den Worten zusammen:

»Gott hat es zugelassen, daß die Räte unserer Könige eine große und reiche Welt zu ungeheuerlicher Schmach des christlichen Glaubens ausgeraubt und verödet haben. Für diese Verwüstung und diese unerhörte Verminderung des Menschengeschlechts steht ihnen keinerlei Entschuldigung zur Seite. Denn sie geschah nicht an einem Tage oder in einem Jahre, auch nicht in zehn oder zwanzig Jahren, sondern sechzig und mehr Jahre lang. Während dieser Zeitläufte gingen tagtäglich die Berichte vieler Mönche und glaubwürdiger Männer über jene Zustände ein, aber nie erfolgte etwas dagegen. Gott hat sich dann abgewandt, und statt daß Hispaniens Könige nun die reichsten und glücklichsten Fürsten wären, sind sie die allerärmsten. Obgleich sie mehr als 200 Millionen Dukaten an Gold, Silber, Perlen und Edelsteinen aus Westindien gewonnen haben, so ist doch alles das verschwunden, als wäre es Rauch gewesen. Alle diese Summen haben ihnen nicht herausgeholfen aus ihren großen und endlosen Kriegen und NötenBartolome de Las Casas, Historia de las Indias, Madrid 1540. Eine französische Übersetzung ist 1579 in Antwerpen erschienen, eine Verdeutschung der französischen 1597.

An späteren Stellen dieses Buches wird ersichtlich, daß einzelne Persönlichkeiten der kaiserlichen Kanzlei – die nie aussterbenden Besserwisser in der Heimat! – alles andere denn Förderer der Kolonien waren, aber im allgemeinen liegt die Schuld nicht bloß an den Räten, wie Las Casas meint, sondern am dunklen Geist des Ganzen. Das Volk der Spanier war im wahren Sinne nicht frei und überlegen genug, die Welt zu beherrschen.

Die bereits erwähnte, uns fast unglaubliche Vernichtung der Bevölkerung in den amerikanischen Ansiedelungen der Spanier hat zwei Ursachen: die grausame Ausnutzung der sogenannten Repartimientos – darunter versteht man die Zuteilung von Indianern zur Arbeit – und die unselige Verrücktheit, das Christentum mit Gewalt zu verbreiten. Die Eingeborenen der eroberten Länder wurden erbarmungslos zu Sklaven gemacht und mußten sich in der vollen Bedeutung des Wortes zu Tode schinden. Und die Bekehrung von ein paar tausend Indianern zum Glauben Christi erfolgte, indem man Millionen anderer unter den Augen von Geistlichen und Mönchen mißhandelte, schändete, folterte, niederstach, hängte und verbrannte. Einander gegenübergestellt waren die christlichen Spanier zweifellos größere Barbaren als die heidnischen Indianer, wenngleich unter ihnen damals noch Menschenopfer stattfanden. Die Verdienste der Spanier um Gesittung und Menschlichkeit auf Erden sind gering.

Alles in allem sind diese Zeiten in Spanien finster und der Nachwelt unerfreulich, und Jakob Burckhardt behält recht, wenn er voller Abscheu von »jenen Spaniern« spricht, »in denen vielleicht ein nicht-abendländischer Zusatz des Geblüts, vielleicht die Gewöhnung an die Schauspiele der Inquisition die teuflische Seite der Natur entfesselt hatte. Wer sie bei ihren Greueltaten kennen lernt, hat es schwer, sich für Ferdinand den Katholischen oder Karl den Fünften im höheren Sinne zu interessieren. Diese haben ihre Horden gekannt und sie dennoch losgelassenKultur der Renaissance, 5. Auflage, II, 103.

Es waren in der Hauptsache zügellose und goldgierige Abenteurer, die aus reiner Selbstsucht, ohne jedes edlere Ziel, die Neue Welt entdeckten und eroberten. Aber aus welch niedrigen und begehrlichen Trieben diese Scharen so tapfer und draufgängerisch auch bloß gewesen sein mögen, sie sind zu Helden geworden als gehorsame Werkzeuge ihrer nach Höherem trachtenden beharrlichen Führer. Diese Kondottieri durchleuchten ihre blutige und düstere Zeit, mildern die Schwächen und Verbrechen ihres Jahrhunderts und verleihen den gemeinen Geschehnissen durch die Wucht ihrer Tatkraft das Gepräge der Großartigkeit.

In unseren Tagen, inmitten des die Alte Welt umstürzenden gewaltigen Krieges, haben wir mehr denn je das rechte Verständnis für die großen Feldherren der Vergangenheit. Alexander der Große, Hannibal, Cäsar, Turenne, Friedrich der Große und Bonaparte, die wir vor dem Trugbilde des ewigen Friedens halb vergessen hatten, stehen in ihrem unverblichenen Glanze von neuem vor uns, um in die Mitte ihrer kleinen Schar den Turenne unserer Zeit aufzunehmen. Ferdinand Cortes, der Eroberer von Mexiko, dessen Leben und Taten wir im folgenden gedenken, gehört dem hohen Siebengestirn des Mars nicht an, weil sein Degen nicht das Glück gehabt hat, an der Spitze großer Heere europäische Kämpfe zu entscheiden. Doch auch er ist ein genialer Feldherr, von seinen Zeltgenossen in den Himmel gehoben und wohl wert der Bewunderung noch in unserem Jahrhundert.

Ferdinand Cortes, geboren 1485 in Medellin in der Landschaft Estremadura, entstammt einer spanischen RitterfamilieMitunter findet man auch das Jahr 1487 als das Geburtsjahr des Eroberers angegeben.. Sein Vater, Martin Cortes von Monroy, war Hauptmann der Infanterie, ein Kavalier in bescheidenen Vermögensverhältnissen. Wir wissen nichts Besonderes von ihm. Die Mutter, die eine vortreffliche Frau gewesen sein soll, trug die klangvollen Namen Katalina Pizarro Altamirano.

Als Kind war Cortes auffällig schwächlich. Erst allmählich kräftigte sich sein Körper. Vierzehn Jahre alt, ward er nach Salamanca geschickt, auf die berühmte Hochschule, wo er sich der Rechtsgelahrtheit widmen sollte. Offenbar war es seinen sorglichen Eltern darum zu tun, ihrem Sohne einen erwerbsreichen Beruf zu sichern. Daß diese stubenhockerige Wissenschaft einem künftigen großen Feldherrn nicht behagen konnte, ist kaum verwunderlich. Es dünkt uns schon viel, daß der lebhafte Junge zwei Jahre im Dunstkreise der Pandekten verblieb. Allerdings kümmerte er sich so wenig um seine Sache, daß der betrübte Vater ihn schließlich wieder heimrief. Gleichwohl scheint die kurze Studienzeit nicht gänzlich ohne Ergebnisse geblieben zu sein. Es wird uns versichert, daß der junge Cortes gar wohl Latein verstanden, sich einen vortrefflichen Stil angeeignet und sogar leidliche Verse hergestellt habe. Der alte Geschichtschreiber, der uns dies überliefert, fügt spöttisch hinzu, diese Verse seien nicht ohne Wert, dieweil sie von Cortes wären. Die Universität von Salamanca hat ihm – später, als aus dem Versemacher der Eroberer geworden war – den Doktorhut verehrt. Aus glaubwürdiger Quelle wissen wir ferner, daß der gescheiterte Studiosus in den folgenden Jahren nichts Ernsthaftes betrieben hat, vielmehr allerhand dumme Streiche verübte und seine braven Eltern durch seinen Trotz unglücklich und ratlos machte.

Siebzehn Jahre alt, gestand er seinem Vater, er wolle Soldat werden. Vermutlich waren es die Ritterromane, die den Drang nach romantischem Heldentum in ihm erweckt hatten, jene Amadisbücher, in denen tollkühne Rittertaten, die Reichtümer des Morgenlandes, abenteuerliche Pilgerfahrten ins Heilige Land und seltsame Gelübde um die Minne hoher Damen einander abwechseln. Aber neben diesen schwülen, finsteren und bluttriefenden Büchern altspanischer Erzähler, die hundert Jahre vor dem Don Quijote in der Mode waren, haben auch unvergängliche Schöpfungen des edelsten menschlichen Geistes ihren Einfluß auf den jungen Cortes ausgeübt: Werke der Antike, vor allem Plutarch, der 1470 in einer lateinischen Übersetzung in Italien gedruckt worden war. Die großen Feldherren Alexander und Cäsar sind nicht ohne bleibende Wirkung vor die Einbildungskraft des künftigen Eroberers getreten. Sein Kriegskamerad, der Hauptmann Bernal Diaz von CastilloBernal Diaz del Castillo. Historia verdadera de la conquista de la Nueva España, Madrid 1632, Folio. Neudruck: Madrid 1795 f., 4 Bände, 8°.

Zwei deutsche Übersetzungen:

Denkwürdigkeiten des Hauptmanns Bernal Diaz del Castillo oder wahrhafte Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Neu-Spanien ... aus dem Spanischen ins Deutsche übersetzt... von Ph[ilipp] J[oseph] von Rehfues. 2 Bände. Bonn, bei Adolf Marcus, 1838, 8°, I.XIII u. 300 u. 352 Selten.

Bernal Diaz del Castillo. Die Entdeckung und Eroberung von Mexiko. Mit Vorwort von K. Ritter. Mit 1 Karte. Gotha (Gera) 1847.

Bernal Diaz del Castlllo, geboren um 1495 ln Medina del Campo ln der Landschaft Leon, von schlichter Herkunft, kam 1514 nach Panama, nahm 1517 an der Fahrt des Francisco Hernandes von Cordova und 1518 an der des Grijalva teil. Dann trat er in das Heer des Cortes, als einfacher Mann zu Fuß. Im Jahre 1521 erhielt er eine ansehnliche Encomienda ln Koazakualko. Auch wurde er Mitglied des Gemeinderates daselbst. Im Jahre 1524 nahm er auf den Wunsch des Cortes am Zuge nach Honduras teil. Nachdem (1526) finden wir ihn wieder ln Koazakualko. 1540 ist er vorübergehend in Spanien, kurz vor der Ankunft des Generalkapitäns, offenbar um, ähnlich wie Cortes selbst, eine reichere Entschädigung für seine geleisteten Kriegsdienste zu erwirken. Fortan hat sich der nun Fünfundvierzigjährige nicht mehr an Feldzügen beteiligt. Bald nach seiner Rückkehr siedelte er nach der Stadt Guatemala über, wo er eine neue Encomienda erhielt und auch wieder in den Rat der Stadt gewählt wurde. 1550 reist er abermals nach Spanien, vermutlich dahin berufen als Sachverständiger bei der Festsetzung von Entschädigungen an Feldzugsteilnehmer oder als Ältester im Auftrage der übrigen Kriegsgenossen, um Entschädigungen durchzusetzen. Er selbst gibt ersteres als Grund an. 1551 ist er wieder ln Guatemala, wo er bis zu seinem Tode (um 1580) verblieben ist. Er soll über achtzig Jahre alt geworden sein. Verheiratet war er vermutlich mit einer Indianerin. Er hat Kinder und Enkel gehabt, über deren Schicksal wir nichts wissen.

In seinen Gewohnheiten ist er zeitlebens Landsknecht geblieben. So erzählt er von sich: »Ohne Prahlerei kann ich sagen, daß ich an das Leben im Felde derartig gewöhnt war, daß es mir nach der Eroberung des Landes nie möglich gewesen ist, mich ausgekleidet niederzulegen, insbesondere in ein Bett. Dennoch schlafe ich so fest, als läge ich auf den weichsten Daunen. Selbst wenn ich meine Encomienda bereise, nehme ich nie ein Bett mit, es sei denn, ich ginge in Gesellschaft von anderen Kavalieren, die gar glauben könnten, ich hätte keins. Aber auch dann lege ich mich angekleidet darauf. Übrigens kann ich in der Nacht nicht lange schlafen, ohne hin und wieder aufzustehn, um nach dem Himmel und den Sternen zu schauen und eine Welle an der freien Luft zu bleiben, und dies ohne Kopfbedeckung. Gott sei Dank, es hat mir das noch nicht geschadet. Ich erwähne solcherlei, damit die Welt erkennt, aus welchem Schrot und Korn wir waren, wir, die echten Eroberer, und wie wir an Waffen und Wachen gewohnt waren.«

Zur Kennzeichnung seiner und wohl der Art fast aller seiner Waffenbrüder, sich und seine Kriegstaten herauszustreichen, sind ein paar Seiten (S. 341-343 dieses Buches) aus einem Schlußkapitel seiner Feldzugserinnerungen den anderen Auszügen daraus vorangesetzt.

Diese Denkwürdigkeiten hat der Feldhauptmann wahrscheinlich nach der Rückkehr von seiner zweiten Reise nach Spanien niederzuschreiben begonnen. Sie find also in der Zeit von 1551 bis 1568 entstanden. Die ihm recht ungewohnte schriftstellerische Arbelt hatte den Zweck, seine und seiner Freunde Verdienste um die Eroberung von Mexiko der Mit- und Nachwelt bekanntzugeben. Er und so mancher andere fühlten sich vom Vaterlande, für das sie so oft ihr Leben eingesetzt hatten, nicht nach Wunsch belohnt. Auch genügte die 1553 erschienene Darstellung des Gomara in dessen Cronica de la Nueva Espana (vgl. S. 59 und 74) seiner Eitelkeit allzuwenig.

Außer Gomaras Werk hat Diaz noch andere Bücher über die Eroberung von Mexiko gekannt, so die beiden des Gonzalo Ferdinandez von Oviedo, (Historia de las Indiasa), die 1525 und 1526 erschienen sind, selbstverständlich auch die Drucke des zweiten und dritten Berichts des Cortes. Die Denkwürdigkeiten des Bernal Diaz sind erst lange nach seinem Tode, 1632 zu Madrid, gedruckt worden.

, erzählt, Cortes habe den vielseitigen Gegner des Pompeius in seinem Wettstreite mit Velasquez und Narvaez vor Augen gehabt, und auf seinem mühevollen Marsche nach Honduras habe er sich gefühlt wie der große Makedonier auf seinem Zuge nach Indien. Auch hat uns Diaz einen merkwürdigen Zwischenfall überliefert. Als am 13. August 1521 Mexikos Hauptstadt erstürmt wurde, gelang es dem Könige Guatemozin, auf einer Barke durch die Rennschiffe der Belagerer zu kommen. Bald aber holte ihn der Schiffshauptmann Garcia von Holguin ein und nahm ihn samt dem Fürsten von Tezkuko und etlichen Edelleuten gefangen. Da Holguin unter dem Befehle des Obersten Gonzalo von Sandoval stand, erhob dieser alsbald Anspruch auf die Person des gefangenen Königs und gebot seinem Unterführer, ihn ihm auszuliefern. Er sei der Oberbefehlshaber aller spanischen Schiffe. Der Streit, der sich nun entspann, weil Holguin sich weigerte, ward erst durch den herbeigerufenen Generalkapitän geschlichtet, und zwar dadurch, daß Cortes an einen ähnlichen Streit aus der Geschichte der alten Römer erinnerte. In der Rede, die er bei dieser Gelegenheit gehalten hat, sagte er: »Als Sulla seinen Siegeseinzug in Rom hielt, führte er den Jugurtha an einem eisernen Halsband unter den Schaustücken seiner Beute dem Volke vor. Marius fand dies ungebührlich und meinte, niemand als er habe das Recht, dem Gefangenen Ketten anzulegen. Sulla hätte seine Erlaubnis dazu einholen und die erhaltene Genehmigung kundtun müssen, denn er (Marius) habe den Oberbefehl gehabt, und Sulla habe den Jugurtha auf seinen ausdrücklichen Befehl gefangengenommen. Aus diesem Streite sind langwierige Bürgerkriege zwischen Marius und Sulla entstanden. Die Frage aber, wem die Ehre von Jugurthas Gefangennahme gebührt, ist bis auf den heutigen Tag unentschieden geblieben.«

Nicht nur aus dieser Begebenheit, sondern auch aus mancher anderen sind an Ferdinand Cortes Züge erkennbar, die an berühmte klassische Vorbilder erinnern. Die Vernichtung der Flotte bei Beginn des Vormarsches gemahnt an die gleiche – von Aurelius Viktor überlieferte – Tat des Kaisers Julian während seines Feldzuges gegen Persien im Jahre 363. Auch bei Thukydides steht ein ähnlicher Vorgang aus dem Beginne des Peloponnesischen Krieges.

Daß Cortes lateinische Sprüche liebte, beweisen mehrere Stellen in den Denkwürdigkeiten des Bernal Diaz. Auch im Berichte des Eroberers aus dem Jahre 1520 (S. 103) kommt ein lateinisches Sprichwort vor. Auf seiner Standarte stand der berühmte Fahnenspruch des Kaisers Konstantin: Hoc signo vinces!

Der junge Cortes erhielt die erbetene väterliche Erlaubnis, und vermutlich hat er die folgenden Jahre irgendwie im Wirkungskreise des Soldatenlebens verbracht. Seine Fertigkeit im Reiten, Fechten und Schießen, vor allem aber seine spätere Meisterschaft in taktischen und strategischen Künsten als Feldherr in Neu-Spanien weist ganz entschieden auf eine regelrechte militärische Erziehung zurück.

Um jene Zeit rüstete sich Kolumbus zu seiner vierten und letzten Fahrt nach der Neuen Welt (1502-1504). Verlockt vom geheimnisvollen Ruhme des großen Entdeckers, änderte der Siebzehnjährige seinen bis dahin heißen Wunsch, in das Heer des Gonzalo von Cordova einzutreten und dem Gran Capitano nachzueifern. Er ließ sich für ein Geschwader anwerben, das Nikolaus von Ovando ausrüstete, der damalige Statthalter auf Hispaniola (Haiti). Indessen verhinderten die Folgen eines galanten Abends, daß Cortes an Bord ging. Beim Überklettern einer Gartenmauer war er abgestürzt, und als die Flotte auslief, lag er noch krank danieder.

Erst zwei Jahre später (1504) gelangte er in die Neue Welt, nach Haiti, wahrscheinlich als Geheimschreiber des Don Diego von Velasquez. Nach stürmischer und gefahrvoller Überfahrt, während der, wie üblich, für einige Tage an den Kanarischen Inseln gelandet worden war, betrat er den amerikanischen Boden.

Ovando wies dem jungen Manne Land und Eingeborene an, wobei er ihm den guten Rat gab, den sicheren Ertrag dieses Besitzes dem unsicheren Gewinn bei abenteuerlichen Fahrten vorzuziehen. Es scheint, daß Cortes schlecht und recht bemüht war, dieser Weisung zu folgen. Daneben aber widmete er sich dem Handwerke des Soldaten. Er nahm an den verschiedenen Zügen gegen die Indianer teil, die Velasquez für Ovanda unternahm. Dabei lernte er die Gefechtsweise der Eingeborenen kennen, ihre Sitten und Gebräuche, zugleich auch die Grausamkeit und Habgier der spanischen Ansiedler.

Diego von Velasquez war einer der ersten Spanier, die ihr Glück in der Neuen Welt gesucht und gefunden haben. Er war Teilnehmer an der zweiten Reise des Christoph Kolumbus (1493-1496) gewesen. Später auf Haiti erwarb er sich ein beträchtliches Vermögen und war bald einer der angesehensten Ansiedler auf der Insel. Als Diego Colon, der Sohn des Kolumbus, daran ging, Kuba zu erobern, wurde Velasquez der Führer des Feldzuges. Es gelang ihm im Jahre 1511 die Insel zu unterwerfen, ohne dabei von seinen 300 Mann auch nur einen einzigen zu verlieren. Auch an diesem Zuge hat der tatenlustige junge Cortes teilgenommen.

Sein Verhältnis zu Velasquez in damaliger Zeit liegt in unerforschtem Dunkel. Herrera berichtet in seiner berühmten Geschichte von Indien (1601) wenig Erfreuliches darüberAntonio de Herrera, Historia general de los Indios occidentale desde 1492-1545. 1.-4. Dekade, Madrid 1601; 5-8. Dekade, Madrid 1615, 5 Bände, Folio. Neudruck: Madrid 1730. Ist in viele Sprachen übersetzt.. Nach seiner im allgemeinen zuverlässigen Darstellung soll sich Cortes mit Gegnern des Velasquez eingelassen und an ihren schlimmen Machenschaften gegen ihn teilgenommen haben. So sehr aufgebracht Velasquez zuerst gewesen sein soll, er verzieh seinem Schützling doch. Ein Zeitgenosse sagt von dem damals sechsundzwanzigjährigen Cortes: Er zeigte noch wenig von den großen Eigenschaften, die er später bewiesen hat.

Seit 1511 hatte Velasquez von Diego Colon die Verwaltung Kubas anvertraut bekommen und es rasch verstanden, sich völlig selbständig zu machen. Es bleibt ungewiß, ob letzteres aus zielbewußter Undankbarkeit und Rücksichtslosigkeit geschehen ist oder vor allem durch den Einfluß des Juan Rodriguez von Fonseca, des Bischofs von Burgos und schon langjährigen Vorsitzers des Königlichen Rates von Indien. Dieser Fonseca, ein verbissener Kanzleimensch, war ein erbitterter Gegner schon des Kolumbus. Ebenso feindselig hatte er den klugen Plänen des Balboa entgegengearbeitet. Sehr bald wurde er auch der niederträchtigste Widersacher des Eroberers von Neu-Spanien. Kühne, kraftvolle, soldatische Naturen waren ihm ein Greuel.

Cortes war noch immer ein Sohn des göttlichen Leichtsinnes. Bernal Diaz erzählt, er sei öfters in Liebesabenteuer und sich daran knüpfende böse Händel verstrickt gewesen. Eine der von ihm verführten Damen war die schöne Doña Katalina Suarez, eine der vier Töchter des Diego Suarez aus Granada. In der Leidenschaft des Begehrens hatte er ihr die Ehe versprochen, war aber hinterher sehr saumselig, ihr seine schöne Freiheit auf die Dauer zu opfern. Die darüber erbitterte Familie wandte sich an den Statthalter, und Velasquez ließ den Angeschuldigten kurzerhand einsperren. Cortes soll aber gewaltsam aus seinem Gefängnis entronnen und in eine nahegelegene Kirche geflohen sein. Ein Spanier namens Escudero lockte ihn aus der Freistatt und brachte ihn von neuem in die Gewalt der Obrigkeit. Abermals entkam Cortes unter Lebensgefahr. Dann aber war er weltklug, gab jeden Widerstand auf und ließ sich brav verheiraten. Damit hatte er die Gunst seines Gönners von neuem errungen. Geheimschreiber ward Cortes zwar nicht wieder, aber Velasquez gab ihm ansehnliches Land sowie das dazu nötige Repartimiento an Eingeborenen und setzte ihn in den Gemeinderat der Stadt Barakoa, wo er fortan wohnte. Jenen Escudero ließ Cortes übrigens bei der ersten besten Gelegenheit an den Galgen hängenVgl. S. 84 sowie Anmerkung 22..

Ein nachträglicher und kleinlicher Mensch war Velasquez offenbar nicht. Herrera ist der Meinung, er sei von edlem Sinn gewesen, durchaus ohne Rachsucht. Wenn wir ihn später als grimmigen und hartnäckigen Feind des Cortes sehen, und zwar im Bunde mit dem Bischof von Burgos, so müssen dabei Umstände und Geschehnisse von Gewicht nachwirken, die der Nachwelt unbekannt sind.

Sehr bald galt Cortes als wohlhabender Mann. Es wird berichtet, er habe nach wenigen Jahren ein Vermögen von 2500 Pesos (gleich 100000 Mark, nach dem damaligen Geldwerte) gehabt. »Gott allein weiß – sagt Las Casas – auf Kosten von wieviel Indianerleben!« Allem Anschein nach führte Cortes in jenen Jahren das beschauliche Dasein eines Großgrundbesitzers.

Das im Westen und Nordwesten von Kuba vermutete Land war damals noch wenig bekannt. Erst 1517 rüstete Francisco Hernandez von Cordova, ein reicher Spanier auf der Insel, eine Unternehmung dahin aus und entdeckte die Halbinsel Yukatan sowie die Küste von Kampeche. Die ganze Sache war aber ohne militärisches Geschick geleitet. Man geriet in unnütze Gefechte mit den Eingeborenen, wobei Cordova und manch anderer verwundet wurden. Noch im Jahre 1517 war man wieder in Havana. Cordova starb kurz nach der Heimkehr an seinen Wunden.

Nunmehr rüstete Diego von Velasquez, der Statthalter von Kuba, selbst eine Unternehmung aus. Was dieser eifrige Mann angriff, mußte flott vonstatten gehen. Bereits am 1. Mai 1518 gingen vier Schiffe unter dem Oberbefehl des Juan von Grijalva, eines Vetters des Statthalters, in Santiago unter Segel. Unter den Mitfahrern waren Pedro von Alvarado, Francisco von Montejo, Alonso von Avila, Bernal Diaz und andere, die später auch am Feldzuge des Cortes teilgenommen haben.

Grijalva, eine unselbständige Natur, hielt sich ängstlich an den Wortlaut der ihm von Velasquez mitgegebenen Weisungen. Er erkundete die Küste von Yukatan, wagte es aber nicht, eine Ansiedelung zu gründen, so sehr ihm seine Gefährten dazu rieten. Nach einigen Tauschgeschäften mit den Eingeborenen kehrte er nach Kuba zurück. Alvarado war schon vom Tabasko aus mit Beutestücken zurückgesandt worden.

Diego Velasquez war mit dem geringen Erfolge der Unternehmung nicht zufrieden, erkannte aber den Zukunftswert dessen, was Grijalva festgestellt hatte, und bereitete sofort eine neue Unternehmung ebendahin vor. Den Oberbefehl erhielt Ferdinand Cortes.

Fünf Monate nach der Abfahrt von Kuba erreichte das Geschwader des Cortes die – von Grijalva 1518 so benannte – Insel San Juan de Ulloa, das Ziel seiner Fahrt. Es war am Grünen Donnerstag des Jahres 1519. Bis dahin hatten sich verschiedene Zwischenfälle zugetragen, die uns Bernal Diaz in seinen Denkwürdigkeiten getreulich berichtet. (Vgl. das daraus mitgeteilte Stück S. 341 ff.) Von Bedeutung ist die Landung an der Mündung des Grijalva-Stromes, den Cortes meist den Tabasko nennt. Hier fand das erste Gefecht auf dem Boden Neu-Hispaniens statt, die sogenannte Schlacht am Tabasko, am 25. März 1519. Cortes focht mit 500 Mann zu Fuß, 12 Reitern und 6 Geschützen. Die Ritter, von ihm persönlich geführt, entschieden den Kampf. Auf der Seite der Gegner sollten fünf große Haufen zu je 8000 Mann, also insgesamt 40000 Mann, gestanden haben. Dies ist zweifellos stark übertrieben, wie man schon an den angeblich geringen Verlusten der Spanier erkennt, selbst wenn diese, wie man annehmen darf, in Wahrheit größer waren. Nicht nur Bernal Diaz, sondern beinahe alle alten spanischen Erzähler pflegen die zahlenmäßige Überlegenheit und die Verluste der Feinde ins Unglaubliche zu steigern, die eigene Einbuße hingegen zu verringern, um die Tapferkeit ihrer Landsleute um so mehr strahlen zu lassen.

Am Karfreitag, am 22. April 1519, betraten die Spanier das Festland, und zwar an der Stelle, wo seit dem Ende des 16. Jahrhunderts das jetzige Verakruz steht, der Haupthafenort des heutigen Freistaates mit 25000 Einwohnern. Bereits in den ersten Tagen erhielt Cortes durch indianische Häuptlinge zunächst noch unklare Kunde vom damaligen großen Reiche Mexiko und seinem gefürchteten Könige Montezuma. Der Auftrag, den Diego von Velasquez dem Generalkapitän erteilt hatte, erheischte zwar nichts als die Erkundung der Küste, verbunden mit dem Erwerb von etwas Gold durch Tauschhandel, und vielleicht noch die Auffindung eines Hafens. Aber es unterliegt keinem Zweifel, daß Ferdinand Cortes an jenem Grünen Donnerstag den Entschluß gefaßt hat, eine stattliche Kolonie am Meere zu gründen und das Hinterland bis weit in das Innere zu erobern. Und als ihm der Name Montezuma als der eines mächtigen und reichen Fürsten zum erstenmal entgegenklang, erkannte er sofort das erste Ziel seines Feldzuges: die 80 mexikanische Meilen (450 Kilometer) entfernte Hauptstadt dieses Herrschers, an dessen Stelle zu treten, von Stund an sein Traum und Wille war.

Acht Tage nach der Landung trafen bereits die erste Gesandtschaft Montezumas an Cortes ein und mit ihr die Gastgeschenke, die einen fabelhaften Reichtum des Landes verrieten. (Vgl. die Aufzählung auf S. 386 ff.) Dieses Gold und Silber, diese Perlen und Smaragde, Federstickereien, Stoffe und Schmiedearbeiten in einem Gesamtwerte von mehreren Millionen Mark sollten die ihm gefährlich und verdächtig erscheinenden Fremdlinge bewegen, das Land wieder zu verlassen, aber gerade der Anblick aller dieser Schätze und Kostbarkeiten war es, was die beutegierigen Abenteurer verführte, den ihnen zuerst allzukühnen Eroberungsgedanken ihres Führers schließlich gutzuheißen. Daß ein Zug in das unbekannte Innere des Landes mit großen Gefahren und vielen Mühsalen verknüpft sein mußte, war wohl jedem von vornherein unzweifelhaft, aber der Golddurst verscheuchte alle Bedenken. Die unternehmungslustige Schar der Ritter und Kriegsknechte ging also auf den Vorschlag des Cortes ein und erwählte den Generalkapitän des Diego Velasquez zu ihrem General, der nun seinerseits gelobte, niemandem mehr Untertan und gehorsam sein zu wollen als dem Kaiser. Damit war die Unabhängigkeit der neuen Kolonie von den Inseln, insbesondere von Kuba, von Anfang an erklärt. Als Cortes erkannte, daß Einzelne dazu neigten, nach Kuba zurückzukehren, zum mindesten in Verbindung mit dem Statthalter zu bleiben, vernichtete er kurzentschlossen seine Schiffe bis auf ein einziges kleineres. Damit hatte er den Rubikon überschritten, wie er in seiner Vorliebe für altrömische Erinnerungen und Vorbilder in zäsarischem Stolze selber zu sagen pflegte.

Ehe aber der Zug in das Innere des Landes beginnen konnte, war es nötig, eine Operationsbasis zu gründen. So entstand zunächst die Villa Rica de la Vera Cruz, die alsbald in einer anliegenden kleinen Festung ihren Schutz erhielt. Diese erste Ansiedelung ist etwa 75 Kilometer nördlich vom heutigen Verakruz (Nueva Veracruz) zu suchen. Die Lage erwies sich im Laufe der Zeit als ungünstig, und man verlegte deshalb die Stadt an die Mündung des Antigua-Flusses, 45 Kilometer weiter nach Süden. Das ursprüngliche Vera Cruz geriet in Vergessenheit. Diese zweite Stadt war aber auch nicht das endgültige Verakruz und heißt nach Gründung der dritten Stadt (Nueva Veracruz) zum Unterschiede von dieser: Vera Cruz Vieja. Die drei Orte Verakruz, Alt-Verakruz und Neu-Verakruz werden in den geschichtlichen Darstellungen häufig nicht klar auseinandergehalten.

Cortes war vom ersten Tage ab eifrigst bemüht, Nachrichten über das Land und seine Bewohner sowie über die politischen und militärischen Zustände einzuziehen, um eine richtige Vorstellung vom Ziele seiner Pläne zu gewinnen. Er erfuhr hierbei, daß König Montezuma das Küstenland erst unlängst in seine Gewalt gebracht hatte und daß die neuerdings unterworfenen Gebiete insgeheim danach trachteten, wieder unabhängig zu werden. Diese Erkenntnis veranlaßte den Feldherrn, sich mit dem Volke der Cempoallaner zu verbünden. Nachdem er dies erreicht hatte, verlegte er sein Hauptquartier nach deren Hauptstadt Cempoalla. Dieser heutzutage nicht mehr vorhandene Ort, in dem die altmexikanische Kultur den Spaniern zum erstenmal entgegentrat, hatte damals etwa 30000 Einwohner. Die Zahl der kriegsfähigen Männer im Machtbereich der Stadt schätzt Cortes auf 50000. (Vgl. S. 82.) Cortes begnügt sich für seine Zwecke mit 400 Mann, die er mit den Grundbegriffen der spanischen Kriegskunst vertraut machte. Diese Hilfstruppe ist ihm allmählich zu einem nützlichen Teile seines kleinen Heeres geworden.

Vier Monate nach der Landung, am 16. August 1519, begann, von Cempoalla (Stadt der zwanzig Wasser) aus, der Vormarsch gegen Temixlitan, wie Cortes die heutige Stadt Mexiko nennt. Sein Heer hatte folgende Stärke:

500 Mann zu Fuß, darunter 40 Armbruster und 16 Schützen mit Hakenbüchsen, 15 Pferde, 400 Mann Hilfstruppen aus Cempoalla, darunter 40 Edelleute (als Geiseln), 10 schwere Geschütze, 4 leichte Geschütze (sogenannte Feldschlangen), etwa 200 indianische Träger, fünf bis sechs indianische Diener aus Kuba, 20 bis 30 Indianerinnen.

In Verakruz blieben zurück: 150 Mann zu Fuß und zwei Reiter unter dem Befehl des Feldhauptmanns Juan von Escalante, eines dem Oberfeldherrn treuergebenen und tüchtigen Offiziers. Vermutlich war unter diesen 150 Mann eine beträchtliche Anzahl Kranker und Nichtfelddienstfähiger. Die Sümpfe bei Verakruz mit ihren giftigen Insekten hatten Opfer gefordert. Von den Soldaten und Seeleuten waren etliche bereits gestorben.

Das spanische Fußvolk war mit Schwert und Schild ausgerüstet. Später, auf dem zweiten Vormarsch, führte Cortes eine besonders lange Pike ein. Armbruster und Büchsenschützen waren nur wenige da. Die Hauptwaffe der Reiter war die LanzeMan darf die Wirkung der Feuerwaffen zu damaliger Zeit nicht überschätzen. Der seelische Eindruck der Kanonen und Musketen auf die Indianer war zunächst ungeheuer; aber sie gewöhnten sich rasch an das anfangs so gefürchtete Teufelswerk. Groß war dle tatsächliche Wirkung der Geschütze weder gegen die Massen der Indianer noch gegen ihre Befestigungen und Steinbauten. Das Rohrreinigen, Laden, Richten und Zünden von Schuß zu Schuß dauerte 20-30 Minuten. Ebenso schwerfällig war die Handhabung der Hakenbüchsen, mit denen der Musketier ausgerüstet war.

Überlegen waren die Armbruster (Arkebusiere) den indianischen Bogenschützen, denn das spanische Wurfgeschoß hatte größere Durchschlagskraft. Indessen war die Zahl der Armbruster im Heere des Cortes an sich klein und ganz winzig im Vergleich zu den Massen der Feinde, selbst wenn wir – was wir getrost dürfen – die von den Eroberern angegebenen Zahlen der indianischen Scharen immer mit 5, ja oft mit 10 teilen.

Die Spießer (Pikeniere) bilden im Europa des 16. Jahrhunderts den Kern des Fußvolks. Cortes bedient sich ihrer erst 1520, als er gegen Narvaez marschiert. (Vgl. S. 30.) Von da an hat er mit ihnen auch gegen die Indianer gefochten.

Bewundernswert sind die Erfolge der spanischen Ritter in der Reiterschlacht. Sie gebrauchten vor allem die lange Lanze; das Schwert nur ausnahmsweise. Der Harnisch tat vorzügliche Dienste. Gleichwohl war die persönliche Tapferkeit im Verein mit Umsicht und Kaltblütigkeit das Entscheidende. Auch die Pferde trugen Kopf- und Brustpanzer. Man ritt im Schritt an. Die Gefechtstaktik der späteren oder heutigen Reiterei ist also keinesfalls in Vergleich zu ziehen.

Anschauliche Nachbildungen alter Stiche, aus denen man die Bewaffnung und Tracht der Landsknechte des 16. Jahrhunderts ersieht, findet man in der Monographie »Der Soldat in der deutschen Vergangenheit« von Georg Liebe, Jena 1899.

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Vor dem Abmarsche hielt Cortes eine Ansprache an seine Soldaten »in honigsüßer Beredsamkeit«, wie Bernal Diaz erzählt, »die unsagbaren Eindruck machte«. Der Weg des spanischen Heeres ging durch die Tierra caliente, über Xalapa, durch den Paso del Obispo, am Nordhange des Cofre de Perote hin und durch die Sierra del Agua. Damit war das Tafelland (über 2400 m hoch) erreicht. Die Städte Teziutlan und Tlatlauquitepek wurden berührt.

An letztgenanntem Ort, den Cortes Kaltamni nennt, will Bernal Diaz auf einem Platz neben der Hauptmoschee mehr denn hunderttausend Menschenschädel wohlaufgeschichtet gesehen haben. Mit der Hauptstadt war Kaltamni durch eine Poststraße verbunden, auf der Schnelläufer den Nachrichtendienst verrichteten.

Hier verweilten die Spanier vier Tage. Nunmehr gab es zwei Wege nach Mexiko, einen über Cholula und einen durch den von Montezuma unabhängigen kleinen Staat Tlaskala. Cortes wählte auf den Rat der Cempoallaner den zweiten.

Die Grenze zwischen Tlaskala und Mexiko war stark befestigt. Cortes, dessen Augenmerk sich auf die Dinge von strategischer Bedeutung mit Vorliebe richtete, beschreibt den Grenzwall ziemlich genau.

Im Lande Tlaskala stieß Cortes zum ersten Male auf starken Widerstand. Die Tlaskalaner waren ein Binnenvölkchen von ähnlichem Freiheitssinn wie in Europa die Schweizer. Empört darüber, daß ein Häuflein fremder Truppen, obendrein auf dem Wege zu ihren Todfeinden, den Mexikanern, ohne weiteres durch ihr Gebiet marschieren wollte, trafen sie kriegerische Maßnahmen. Den Grenzwall am Cerro de Atotonilko zu besetzen, war ihnen nicht mehr möglich. So kam es am 2. September 1519 innerhalb ihres Landes – bei dem Dorfe Teoazingo, wie ClavigeroPater F. Clavigero, Historia antica del Messico, Cesena 1780.

Clavigero, geboren in Verakruz, hat Neuspanlen nach der Vertreibung der Jesuiten 1767 verlassen, nachdem er 35 Jahre lang den Altertümern seines Vaterlandes nachgespürt hatte. Er gilt als gewissenhafter und glaubwürdiger Darsteller.

Deutsche Übersetzung: Franz Xaver Clavigero, Geschichte von Mexiko ... . Aus dem Italienischen durch den Ritter Carl Cullen ins Englische und aus diesem ins Deutsche übersetzt, Leipzig 1789, 2 Bände. Es gibt auch eine spanische Übersetzung.

berichtet – zur Entscheidung. Es war ein harter und heißer Kampf, ehe es den Spaniern gelang – insbesondere durch ihre Ritter und das dem Feinde ungewohnte Geschütz – die an Zahl beträchtliche Übermacht der Indianer zu brechen. Gegen Abend endlich befahl der junge indianische General Atkotenkatl den Rückzug.

Ein zweites Gefecht fand am 5. September statt. Die Spanier blieben auch hier die Sieger, offenbar hauptsächlich infolge der Uneinigkeit der gegnerischen Führer. Wiederum hatten die Spanier angeblich nur wenige Tote, allerdings 60 Verwundete. Dazu waren alle Pferde beschädigt. Die Spanier wollen an diesem Tage gegen 50000 Indianer gefochten haben. Man darf auch an dieser Angabe zweifeln. Sicherlich aber hatte wenig gefehlt, daß die Spanier mit ihren Hilfstruppen überrannt und völlig vernichtet worden wären.

Bernal Diaz schildert die Stimmung nach der Schlacht: »Wir kehrten in unser Lager zurück, froh über unseren Sieg und Gott inbrünstig dafür dankend. Unsere Toten begruben wir in einer Höhle, damit die Indianer nicht merken sollten, daß auch wir sterbliche Menschen waren wie sie, und damit sie bei ihrem Glauben blieben, wir seien Götter. Die Verwundeten verbanden wir wiederum mit dem Fett, das wir aus der Leiche eines gefallenen Feindes gewonnen hatten. Wir befanden uns in großer Not, hatten wir doch weder Öl für unsere Wunden noch Salz zu unserem Essen. Dazu kam noch, daß wir ohne jeden Schutz gegen den schrecklichen, kalten Wind waren, der von der Sierra Nevada herüberwehte. Wir klapperten vor Frost. Dennoch blieben wir guten Muts, stellten unsere Machen und Streiftrupps aus und schliefen besser als in der Nacht zuvor. Erst am anderen Morgen übersahen wir so recht unsere Lage. Es war auch nicht einer unter uns, der bisher nicht eine, zwei oder drei Wunden davongetragen hatte. Und alle waren wir müde und matt von den überstandenen Anstrengungen und Mühsalen. Der Feind beunruhigte uns von neuem ohne Unterlaß. Wir hatten (seit unserem Abmarsch von Cempoalla) bereits 55 Mann auf dem Schlachtfeld, durch Krankheit und durch den Frost verloren; zwölf Mann waren marode, und unser Feldobrist Cortes litt am Fieber. Ebenso Pater Olmedo. Ins Land Mexiko eindringen zu wollen, dünkte uns angesichts der großen Macht dieses Reiches für eine wahre Lächerlichkeit. Selbst wenn es uns noch gelang, mit dem Volke von Tlaskala auf den nämlichen guten Fuß zu kommen wie mit dem von Cempoalla, so stand uns dann immer noch der Kampf mit dem Heere des Montezuma bevor. Wie sollten wir dieses überwinden? Schließlich hatten wir nicht die geringste Verbindung mit unserer rückwärtigen Besatzung in Verakruz. Was konnte sich inzwischen dort nicht alles ereignet haben!«

Nachdem den Tlaskalanern noch ein Nachtangriff auf das spanische Lager mißglückt war, hielten ihre Fürsten und Obristen einen Kriegsrat ab. Allgemein war man geneigt, den von Cortes wiederholt angebotenen Frieden anzunehmen. Dagegen war nur der General Xikotenkatl, ein kluger, in die Zukunft schauender, mutiger Mann. Er war nach wie vor überzeugt, daß die kleine, von jedweder Zufuhr abgeschnittene Schar der Fremdlinge bei nur einiger Ausdauer der Tlaskalaner dem sicheren Untergange geweiht war. Erst als 50 von ihm entsandte Kundschafter mit abgehauenen Händen und einer höhnischen Botschaft zurückkamen (vgl. Seite 95), da gab auch er nach, und der Friede zwischen Cortes und dem Lande Tlaskala kam zustande. Die Spanier atmeten auf. Der Tempelturm ihres Lagers erhielt den Namen Siegesturm. Noch heute erinnern seine Trümmer an jene Zeit.

Am 23. September, einem Tage, den die Bürger noch immer festlich begehen, hielt Cortes seinen Einzug in der volkreichen und prächtigen Hauptstadt Tlaskala (Brodhausen). Drei Wochen blieb er hier, um die neue Freundschaft zu festigen. Sodann ging der Marsch weiter nach Cholula, der Hauptstadt eines Landes, das seine ursprüngliche völlige Freiheit eingebüßt hatte und in eine Art Abhängigkeit vom Reiche Mexiko geraten war. Die Cholulaner standen im Rufe, verweichlicht zu sein. Dafür blühte bei ihnen allerhand Kunsthandwerk. Ihre Stadt besaß den weithin berühmtesten Tempel, das Ziel zahlreicher Pilger von nah und fern. Cholula (d. h. Ort der Heimatlosen) war die heilige Stadt von Anahuak (d. h. Wassergau). Der dort verehrte Gott war Quezalkoatl, der Gott der Lüfte. Auf der Zinne des obersten Tempels brannte ein ewiges, weithin leuchtendes Feuer. Im Grundriß nimmt die Tempelpyramide doppelt soviel Raum ein wie die Pyramide des Cheops. Seit 1604 steht eine Barockkirche auf dem Hügel, der einen köstlichen Fernblick auf das umliegende Land bis zu den Schneegipfeln des Popokatepetl, des Iztaccihuatl und des Orizaba gewährt.

Die Cholulaner leisteten zunächst keinen kriegerischen Widerstand, und so zog der Eroberer mit seinem kleinen Heere samt den 400 Mann Hilfstruppen aus Cempoalla unbehindert in die volkreiche Stadt ein, die damals mindestens 150000 Einwohner hatte. Auf den Wunsch der Häuptlinge von Cholula nahm Cortes die 6000 Tlaskalaner, die er auf dem Marsche bei sich gehabt, nicht mit in die Stadt. Aber nach wenigen Tagen schlug das Verhalten des erst freundlichen und schaulustigen Volkes in sichtliche Feindseligkeit um, veranlaßt durch geheime Weisungen der Behörden und Priester, offenbar auf Befehl des mexikanischen Hofes. Verschiedene Anzeichen verrieten den Spaniern die drohende Gefahr.

Cortes vergegenwärtigte sich seine Lage. Die Stadt sofort wieder zu verlassen, dünkte ihm nicht ratsam, da dies Furcht und Zaghaftigkeit verraten hätte. Vermutlich war im Augenblick des Abmarsches ein Überfall in den Straßen der Stadt zu erwarten. Das aber wäre der Untergang seines Heeres gewesen. Die Spanier mußten also in der Stadt verbleiben, und zwar als ihre Gewaltherren. Dies schien dem Feldherrn nur auf einem einzigen Wege möglich, und schnell entschlossen wählte er ihn.

Er berief die Häuptlinge der Stadt zu sich, tat vor ihnen, als sei er willens, am kommenden Morgen den Vormarsch fortzusetzen, und bat sie um 2000 Mann zur Weiterschaffung seiner Geschütze und des Gepäcks. Die Häuptlinge willigten gern ein, denn damit erhofften sie, die ihnen gefährlichsten Waffen der Fremdlinge mühelos in ihre Hände zu bekommen. Daß Cortes ihren geheimen Man, ihn und seine Truppen zu überfallen, durchschaute, ahnten sie nicht.

Die Hispanier verbrachten die Nacht in Gefechtsbereitschaft, und am frühen Morgen, noch ehe die angeforderten cholulanischen Truppen vor dem Quartier erschienen, stellte Cortes seine eigenen Truppen und die Geschütze so auf, daß sie die unvorbereiteten 2000 Cholulaner auf ein verabredetes Zeichen unter Feuer nehmen und vernichten konnten. Die 6000 vor der Stadt lagernden Tlaskalaner erhielten Befehl, zu zwei Dritteln ebenfalls auf ein bestimmtes Zeichen in die Stadt einzudringen.

Die 2000 Cholulaner rückten sodann pünktlich in den Hof des Quartiers und stellten sich daselbst in der üblichen gedrängten Form auf. Auch die Häuptlinge der Stadt fanden sich nach dem Wunsche des spanischen Befehlshabers im Hofe ein. Cortes bat sie in einen der Säle und eröffnete ihnen dort in eiserner Kälte, daß er ihre Pläne wisse und sie in ihrem eigenen Blute ertränken werde. Ohne sie weiter anzuhören, ließ er als verabredetes Zeichen einen Kanonenschuß abgeben, worauf die im Hofe stehenden Truppen der Cholulaner niedergeschossen und niedergehauen wurden. Zugleich drangen die tlaskalantschen Hilfstruppen in die Stadt, stirnumkränzt, um sich von ihren Feinden zu unterscheiden. Es begann eine allgemeine Plünderung und Brandschatzung. Scheußlichkeiten aller Art wurden verübt.

Nach der Erzählung des Bischofs Las Casas hat sich Cortes nicht persönlich an dem Gemetzel beteiligt, aber er schaute von der Höhe einer Tempelpyramide hinab auf das Morden und Sengen in der Stadt und hörte den Waffenlärm und das Angstgeschrei zu seinen Füßen. Dabei soll er Verse aus einer alten Romanze vom Brande Roms vor sich hingesprochen haben.

Erst spät gebot der Eroberer Einhalt. Etwa 6000 Menschen hatten einen grausamen Tod gefunden. Cortes vermeldet dem Kaiser aus klugen Gründen nur die Hälfte davon.

Das Blutbad von Cholula – mag es geschehen sein, weil die militärische Notlage der Spanier es erforderte oder weil der Feldherr dem Könige Montezuma Achtung und Furcht vor den Europäern durch eine nackte Probe ihrer Rücksichtslosigkeit im Kriege betbringen wollte – hatte die erhoffte Wirkung. Montezuma verzichtete feig und abergläubisch auf jedweden Widerstand mit den Waffen.

So kam es, daß Cortes mit seinen 450 Abenteurern am 8. November 1519 in das amerikanische Venedig, das damals etwa 300000 Einwohner und eine Besatzung von 10000 Mann Garde hatte, ungehindert und wohlempfangen einziehen konnte. Aber bei allem Landsknechtsstolz und aller Beutegier mag es doch manchem unter den einmarschierenden Rittern und Kriegsknechten angesichts der wimmelnden Volksmassen etwas bang im Gemüte gewesen sein. Cortes selbst deutet diesen Unterton der allgemeinen Stimmung seiner Truppen in den Worten an, die seine bei den beweglichen Brücken in der feindlichen Hauptstadt angestellte Betrachtung wiedergeben. (Vgl. S. 140.) Dieser Einzug der Spanier in Mexiko ist und bleibt eine der tollkühnsten Taten der Weltgeschichte.

Die den Spaniern zur Unterkunft angewiesenen Häuser lagen in unmittelbarer Nähe der Hauptmoschee, deren hohe Pyramide die ganze Umgebung beherrschte, und zwar gegenüber dem Westtore des Tempelhofes. Cortes selbst erhielt seine Wohnung in einem Palaste, den Montezumas Vater Axayakatl im Jahr 1470 erbaut hatte. In den Nebengebäuden hatten seine 450 Spanier und 400 Cempoallaner genügend Raum. Ein ummauerter Hof umgab das Ganze. Um unabhängig von den Dammstraßen zu sein, die allein die Verbindung der Wasserstadt mit dem Festlande bildeten, ordnete Cortes den Bau von zwei Rennschiffen an, den er seinem Schiffbauer Martin Lopez übertrug.

Cortes setzte das Hauptquartier ohne Säumen in einen verteidigungsfähigen Zustand, stellte seine 14 Geschütze an geeigneten Stellen auf und beschaffte Vorrat an Lebensmitteln. Wohl von vornherein hegte er die Absicht, sich der Person des Königs zu bemächtigen. Auf eine Gelegenheit hierzu lauerte er vom ersten Tage ab. Sie bot sich ihm alsbald. (Vgl. S 112 ff.) Vor der Welt blieb Montezuma zwar weiterhin der Herrscher in seinem Reiche; indessen war er in der Tat nichts mehr als ein ohnmächtiges Merkzeug in der Hand des Eroberers. Die Behandlung, die ihm in der Gefangenschaft zuteil ward, mußte er bei aller Komödie nach außen als eine Kette schmachvoller Demütigungen empfinden.

An die Stelle des inzwischen gefallenen Escalante in Verakruz trat Gonzalo von Sandoval, der tüchtigste und getreueste Offizier des Cortes. Diese Wahl beweist die Wichtigkeit, die der Feldherr der rückwärtigen Verbindung beimaß. Vermutlich hat er auch unter Benutzung der von alters her vorhandenen Post- Höfe eine regelrechte Etappenstraße von der Hauptstadt zum Meere eingerichtet und aufrechterhalten. Mit spanischen Truppen konnte er sie in Anbetracht seiner so geringen Streitmacht allerdings nicht besetzen.

Jetzt ging Cortes auch an die Verteilung der bisherigen Beute. An Gold waren zusammengekommen 162000 Pesos, dazu Edelsteine, Geschmeide und andere Dinge, insgesamt im Werte von 500000 Dukaten, schließlich 500 Pfund Silber. PrescottWilliam H. Prescott, Conquest of Mexiko, Boston, 1843, 3 Bände.

Deutsche Übersetzung davon:

William H. Prescott. Geschichte der Eroberung von Mexiko... Aus dem Englischen übersetzt. Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845, 2 Bände. Prescotts Buch ist in der vorliegenden Einleitung mehrfach benutzt.

schätzt dies in seiner Geschichte der Eroberung von Mexiko (I, 542) gleich einem Werte von 30 Millionen Mark (d. h. nach dem Goldwerte von 1850!). Davon gingen ab: das Kaiserliche Fünftel, das Fünftel des Cortes, die Entschädigung für die zerstörten Schiffe des Diego Velasquez sowie für dessen Anteil an den Ausrüstungskosten, die Kosten für die Absendung der beiden Boten an den Kaiser, die Entschädigungen für gefallene Pferde und schließlich die sonstigen Unkosten. Vom Reste erhielt jeder Fußknecht 100 Goldpesos, (etwa 4000 Mark); die Retter, die Armbruster und Büchsenschützen das Doppelte. Die Offiziere bekamen höhere Anteile.

Die Unzufriedenheit unter der Mannschaft war groß. Bernal Diaz, der damals noch nicht Offizier war, schildert diese Mißstimmung noch nach Jahren mit sichtlicher Bitternis, fügt aber hinzu, im Grunde wäre die üble Laune der meisten seiner Kriegskameraden unnötig gewesen, denn sie hätten doch alles dem Spielteufel geopfert. Wer sich sein Gold wahrte oder durch das Karten- oder Würfelspiel mehrte, trug dicke goldene Ketten und anderen protzigen Schmuck.

Eine noch weit größere Unzufriedenheit entbrannte unter dem Volke und besonders unter dem Adel der Mexikaner. Zur vollen Entfaltung kam sie durch die rücksichtslos und unklug betriebene Vernichtung des alten Glaubens im Lande. Von vornehmer und weiser Schonung des Herkömmlichen waren die Spanier, wie schon gesagt, weit entfernt.

Inzwischen hatten die Hauptleute Puerto-Carrero und Montejo, die bereits im Oktober 1519 in Spanien gelandet waren, den ersten Bericht des Cortes dem Kaiser überreicht, vermutlich in Tordesillas im März 1520. Aber wohl zugleich traf eine Beschwerdeschrift des Diego von Velasquez ein, die sich der Befürwortung durch Fonseco erfreute. So sehr das Gold und die anderen von Cortes gesandten Kostbarkeiten den Kaiser in Verwunderung setzten und seine Gedanken im Augenblick auf die Neue Welt lenkten, so waren es doch alsbald tausend andere ihm näherliegende Dinge, die ihn hinderten, sich den Angelegenheiten in Neu-Spanien wirklich zu widmen. Weder Cortes noch Velasquez erhielten irgendwelchen Bescheid auf ihre Berichte.

Diego von Velasquez, durch den Bischof von Burgos über die Gleichgültigkeit des Kaisers wohlunterrichtet, entschloß sich als echter Mann seines Jahrhunderts zu dem einfachen Mittel der Selbsthilfe. Er rüstete ein Geschwader von 20 Schiffen verschiedener Größe nebst einem ansehnlichen Heer aus, das unter dem Oberbefehl des Hauptmanns Panfilo von Narvaez im März 1520 in Kuba auslief. Mit 18 Schiffen – zwei waren an der Küste von Yukatan gescheitert – landete Narvaez am 23. April in Neu-Spanien unweit der Insel San Juan de Ulloa, also an der nämlichen Stelle, wo Cortes genau ein Jahr zuvor angekommen war. Seine Streitmacht belief sich auf: 600 Mann zu Fuß, 80 Reiter, 90 Armbruster, 70 Büchsenschützen, 200 Seeleute, 120 Personen indianisches Gesinde, dazu 18 Geschütze nebst reichlichem Schießvorrat.

Obgleich die Besatzung von Verakruz damals nur noch 70 Mann stark war und obendrein großenteils aus Kranken, Schonungsbedürftigen und nicht mehr Felddienstfähigen bestand, hielt es Narvaez – offenbar keine starke zielbewußte Persönlichkeit – für ratsam, zunächst keine Waffengewalt anzuwenden. Er begann von seinem Standorte Cempoalla aus mit Sandoval, dem Befehlshaber in Verakruz, zu verhandeln.

Sobald Cortes die Ankunft des Narvaez erfuhr, war ihm sofort klar, daß er diesen Abgesandten des Velasquez mit allen Mitteln wieder aus seinem Machtbereich vertreiben mußte. Schnell entschlossen zog er ihm entgegen. In der Hauptstadt ließ er unter dem bewährten Peter von Alvarado eine kleine Schar von 140 Spaniern (einschließlich der Offiziere), darunter 7 Reiter, 10 Armbruster und 14 Büchsenschützen sowie sämtliche Geschütze, dazu die 400 Mann Hilfstruppen aus Cempoalla, die im spanischen Heere waren, und etwa 1200 Mann Tlaskalaner. Mit dem Rest seiner Offiziere und Mannschaften, insgesamt 70 Köpfen, darunter 5 Reiter, ohne Artillerie, brach er Mitte Mai 1520 in Eilmärschen gegen Narvaez auf. Juan Velasquez von Leon, der sich auf dem Marsche nach Koazakualko befand, erhielt durch einen Eilboten den Befehl, auf der Stelle umzukehren und mit seinem Trupp nach Cholula zu marschieren, wo er ihn erwarten wolle. Leon kam dem unverzüglich nach. Ferner forderte Cortes 2000 Mann Hilfstruppen, bewaffnet mit langen Piken, in Chinantla an. Sie sollten von dort nach dem Orte Tapanakuetla in Marsch gesetzt werden.

In Tlaskala nahm er sich 600 Mann mit; aber auf dem Weitermarsche entliefen ihm diese Indianer zum größten Teile, – wohl ein Zeichen, wie stark das Ansehen der Spanier bereits gelitten hatte. Als Cortes die Flucht dieser Leute gemeldet bekam, meinte er gelassen: Besser jetzt als in der Stunde der Entscheidung!

In Tapanakuetla kam ihm Sandoval mit 60 Mann entgegen, darunter einige wenige Armbruster und Büchsenschützen. Das war der marschfähige Teil der ehemaligen Besatzung von Verakruz, verstärkt durch einige Überläufer. Den Rest – kranke und unbrauchbare Leute – hatte der Oberst in irgendeinem sicheren Dorfe untergebracht.

Hier trafen auch 300 in Chinantla bestellte, besonders lange Piken mit kupfernen Spitzen ein. Cortes, der den 80 Rittern des Narvaez nur fünf Reiter, ganz wenige Schützen und ein bis dahin mit Schwert und Schild ausgerüstetes Fußvolk entgegenzustellen hatte, gedachte durch diese Umbewaffnung der überlegenen Reiterei des Gegners einigermaßen gewachsen zusein. Die Herstellung dieser Piken hatte ein gewisser Tobillos überwacht, ein spanischer Landsknecht, der in der Schlacht bei Ravenna (1512) unter Peter von Navarra als Pikenier gefochten hatte.

Auf dem Weitermarsche durch die Tierra caliente, etwa 15 Meilen vor Cempoalla, kam eine Gesandtschaft des Narvaez zu Cortes, dabei jener Andreas von Duero, dem der Feldherr es im wesentlichen verdankte, daß ihm Diego von Velasquez den Oberbefehl anvertraut hatte. (Vgl. S.150f.) Offenbar war sein ehemaliger Gönner ihm nicht mehr so gesinnt wie vordem in Kuba, und vermutlich nur gekommen, um dem von Velasquez abtrünnig gewordenen vorstellig zu werden, daß seine Sache angesichts der dreifachen militärischen Überlegenheit des Narvaez rettungslos verloren sei. Cortes verstand den wankelmütigen Geist des Duero von neuem für sich zu gewinnen. Ja, er brachte ihn durch ein reiches Goldgeschenk dahin, daß er als das Haupt einer Verschwörung zu Narvaez zurückkehrte. Bernal Diaz berichtet hierzu: »Cortes, geschmeidig und weitblickend, wie er war, versprach dem Duero nicht nur große Schätze, sondern auch einen hohen Posten und nicht geringe Ländereien. Dafür mußte er sich aber verbindlich machen, den Feldzeugmeister des Narvaez, Augustin Bermudes, zu gewinnen, und andere höhere Offiziere, die ich nicht nennen will. Selbige sollten den Narvaez in allem entgegenarbeiten und ihm somit behilflich sein, jenen um Ehre und Leben zu bringen. Um die Zahl der heimlichen Anhänger zu mehren, nahm Duero zwei Manneslasten Gold gleich mit, dazu eine Menge Kostbarkeiten.«

Narvaez hatte ursprünglich den Plan, die Waffenentscheidung zwischen sich und Cortes am Ufer des Kannoe-Flusses herbeizuführen. Er bezog mit seinem Heere ein Lager daselbst und wartete etliche Tage auf den ihm im Anmarsch gemeldeten Gegner. Dann aber ging er ohne ersichtlichen kriegerischen Grund wieder nach Cempoalla zurück. Wahrscheinlich wirkte hierbei bereits der Verrat des Duero. Aus dem gleichen Grunde stieß der nächtliche Überfall, den wir besonders lebhaft von Bernal Diaz geschildert finden (vgl. S. 423 ff.), nur in der unmittelbaren Umgebung von Narvaez auf ernstlichen Widerstand. Ferdinand Cortes war wie alle großen Feldherren der gesunden Meinung: um das Blut seiner Soldaten zu sparen, müsse im Kriege jedwedes Mittel erlaubt sein. Er verachtete den Verräter, aber er liebte den Verrat. Als ihm Narvaez tags darauf vorgeführt wurde und zu ihm sagte: »Sennor Cortes, Ihr habt dem Glücke dankbar zu sein, denn der Sieg war Euch leicht!« – da erwiderte der Sieger: »Gewiß habe ich dem Glück viel zu danken, aber daß ich Euch in meine Gewalt bekommen habe, das schätze ich für die geringste meiner Taten, seit ich dies Land betreten habe!« So berichtet Oviedo. Gleichwohl ist der Zug gegen Narvaez als Ganzes betrachtet, vom Augenblick an, da Cortes die erste Nachricht von der Ankunft des Widersachers erhielt, bis zur Gefangennahme des Narvaez, ein glänzendes Zeugnis von den großen Feldherrnfähigkelten des Eroberers. Die aus Chinantla erwarteten 2000 Mann indianische Hilfstruppen trafen übrigens erst am Tage nach dem Überfall ein. Cortes sandte sie nach einem freundlichen Empfang und mit freigebiger Belohnung in ihre Heimat zurück.

Durch diesen Erfolg der Massen und der Politik gewann Cortes einen starken Zuwachs an Kraft. Alsbald bemühte er sich, die Offiziere und Soldaten des Narvaez an seine Fahnen zu bannen. Wer bei ihm bleiben wollte, bekam alles zurück, was er, als Besiegter, zunächst verloren hatte: Rüstung, Waffen, Pferd, Gepäck, Geld. Daß seine alten Soldaten ihre Beute nur unwillig wieder herausrückten, ist leicht begreiflich. Auch hier mußte das Gold arbeiten, sowohl unter den neuen wie den alten Truppen. Cortes sparte an seiner eigenen Beute nicht. Narvaez hat später, in Spanien, behauptet, er habe in Cempoalla Eigentum im Werte von 5 Millionen Mark verloren.

Um seine Truppen auf andere Gedanken zu bringen und zu beschäftigen, sandte Cortes größere Streifzüge aus, so den Diego von Ordaz mit 200 Mann an den Koazakualko sowie Velasquez von Leon mit 120 Mann nach dem Panuko. Weitere 120 Mann unter Franz von Lujo marschierten nach Verakruz mit dem Auftrage, die Schiffe des Narvaez auszufrachten und vollständig abzutakeln.

Währenddem erhielt Cortes sehr beunruhigende Nachrichten aus der Hauptstadt. (Vgl. S. 164) Er mußte sich infolgedessen zur sofortigen Rückkehr dahin entschließen. Am 24. Juni 1520 traf er daselbst wieder ein, und zwar mit einer Streitkraft von rund 700 Mann zu Fuß, etwa 40 Offizieren, 96 Reitern, 80 Armbrustern, 80 Hakenschützen, 18 Geschützen und 2000 Mann indianischen Hilfstruppen aus Tlaskala.

In Verakruz waren 500 Mann unter dem Hauptmann Rodrigo Rangre zurückgeblieben, ferner in Cempoalla eine Anzahl Kranker und Verwundeter, schließlich in Tlaskala der Hauptmann Juan Perez mit 80 Mann, wohl auch meist Untauglichen.

Trotz dieser ansehnlichen Macht – zu der noch die 140 Mann des in Mexiko zurückgebliebenen Alvarado zu rechnen sind sowie dessen 400 Cempoallaner und 1200 Tlaskalaner – konnte sich Cortes nicht mehr in der Hauptstadt halten. Von Unmassen Mexikanern umstürmt, mußte er sich zum Abmarsch entschließen. Er erzwang in der Nacht vom 1. zum 2. Juli, in der berüchtigten Noche triste, den Durchbruch. Die dabei erlittenen Verluste waren groß. Verloren gingen: alle 32 Geschütze, 80 Pferde, 450 Spanier, das gesamte Gepäck mit dem größeren Teil des Goldes und aller Beute, alle Urkunden, alles Gesinde und Schreibervolk, alle Weiber außer Dona Marina und wenigen anderen, dazu fast alle indianischen Hilfstruppen. Die Angaben, wieviel von letzteren geblieben sind, schwanken zwischen 2000 und 4000. Der Nest des Heeres zog sich weiter nach einem Tempel zurück, auf den sogenannten Hügel des Montezuma.

Wo die Dammstraße das Festland erreichte, am Dorfe Popotla, hat der zu Tode erschöpfte Cortes eine Weile gerastet. Der Baum, unter dem er weinend gesessen haben soll – die Zeder der Trauernacht –, steht noch heute, wenngleich vom Pöbel halb niedergebrannt.

Inmitten der allgemeinen Betrübnis, Not und Mutlosigkeit bewies Cortes alsbald seine Ruhe, Überlegenheit und Zuversicht. Schon in der folgenden Nacht, um Mitternacht, nahm er den weiteren Rückmarsch auf. Die Lagerfeuer blieben brennen. Auf einem großen Umwege nach Norden (über Quautitlan bis zum Zumpango-See) unter fortwährender Abwehr der Angriffe indianischer Streifscharen, unter Hunger und Durst und allerlei Entbehrungen, schleppte sich der Zug durch das plötzlich ungastlich gewordene Land. Menschen und Pferde blieben liegen, und die letzten Schätze. Ein Soldat, der Gold im Werte von 4000 Dukaten bisher mühselig getragen hatte, warf es schließlich von sich, als ihm der Feldherr zurief: »Der Teufel hole dein Gold, wenn du dir dafür dein Leben erhältst!«

Die darauf folgende berühmte Schlacht bei Otumba am 7. Juli 1521 erwähnt Cortes in seinem Bericht an den Kaiser nur ganz flüchtig. Hier trat den Spaniern die gesamte Streitmacht Mexikos entgegen, in der richtigen Erwägung, daß man ihnen den Rückmarsch zum Meere verlegen müsse, um sie völlig zu vernichten. Wie wenig Wesen auch Cortes gerade von diesem Siege macht, der ihm nichts ermöglichte als einen Rückzug, also für einen Soldaten etwas an und für sich Verächtliches, so war dennoch der Sieg bei Otumba von nachhaltiger Bedeutung.

Wenige Tage später erreichten die Spanier Tlaskala, die Hauptstadt des ihnen treu gebliebenen Vierfürstentums, wo sie mit echter Sorglichkeit aufgenommen wurden. Die Truppen hatten eine gründliche Erholung nötig, die ihnen hier auch zuteil ward. Der Feldherr, der zwei Wunden am Kopf und eine an der linken Hand hatte, verfiel in eine fiebernde Krankheit. Bei seiner guten Natur erholte er sich aber bald.

Cortes war sofort wieder voller großartiger Pläne. Die eben erlittenen beträchtlichen Verluste schreckten ihn durchaus nicht. Abgesehen von der verlorenen Artillerie und überhaupt allen Feuerwaffen war die ihm verbliebene Streitmacht immerhin so stark wie ehedem bei der Landung. Er besaß: 421 Mann zu Fuß, 20 Pferde, 12 Büchsenschützen, 7 Armbruster, dazu die in Verakruz und in Cempoalla zurückgelassenen Besatzungen.

Mexiko wiederzuerobern, sich des ganzen Landes von neuem zu bemächtigen und die Herrschaft gründlich zu festigen, das war Cortes seiner Soldatenehre schuldig. Diese Pflicht gegen sich selbst galt es mit aller Kraft zu erfüllen. Es war indessen nicht leicht, die Mittel und Wege zu finden, dieses große Werk zu vollbringen.

Die ihm verbündeten Cempoallaner und Tlaskalaner hatten sich im großen und ganzen bewährt. Auf den tiefen Haß dieser und anderer Stämme gegen die Azteken baute sich der neue Plan des Feldherrn auf. Er erkannte die Notwendigkeit, noch mehr solcher Bundesgenossen zu erwerben. Der zweite Feldzug gegen die Hauptstadt sollte einen mächtigeren Stützpunkt hinter sich haben als der erste. War aber die Stadt zum zweiten Male in den Händen der Spanier, so gab es ein einziges Mittel, sich in ihr auf jeden Fall zu halten: die Beherrschung des Salzsees durch eine genügende Binnenflotte. Die Unternehmung konnte im übrigen nicht eher beginnen, als bis sein Heer neu bewaffnet, auch mit Geschützen, völlig wieder erstarkt und in sich einig war.

Die ungeheuren Schwierigkeiten dieser Aufgabe begannen in der Tat im eigenen Heere. Ein ziemlicher Teil der Offiziere und der Mannschaft war mißvergnügt. Man hatte keine Lust, eine Sache, die so viel Not und Tod und so wenig klingenden Lohn gebracht hatte, unter erschwerten Umständen noch einmal ganz von vorn anzufangen. Allgemein ersehnte und forderte man den Rückzug nach dem Hafen. Es ging Cortes wie Alexander dem Großen im Fünfstromlande Indiens, aber der spanische Eroberer dachte nicht daran, umzukehren. Selbst als man ihm eine Beschwerdeschrift überreichte, unter deren zahlreichen Unterschriften die des Duero obenan stand, wankte er keinen Augenblick. Nach Verakruz zurückzuweichen, dünkte ihm der Anfang vom Ende zu sein. Und so erwiderte er den Mißvergnügten, er hege die Meinung, es sei dem Heere eines Volkes, das in ganz Europa den Ruf unvergleichlicher Tapferkeit habe, unwürdig, ein einmal begonnenes kriegerisches Unternehmen auf dem halben Wege aufzugeben. Kastilische Ritter und Soldaten hätten bisher die rühmliche Gewohnheit des Durchhaltens gehabt. Nach dem Meere zu fliehen, müsse von Freund wie Feind als Schwäche und Feigheit aufgefaßt werden. Es gäbe nur einen Weg, die vom Mißgeschick bedrohte Waffenehre zu retten: den Vormarsch und den Angriff. Indessen er wolle niemanden mit Zwang unter seiner Fahne halten, der die Bequemlichkeit am heimatlichen Herde dem Ruhme vorziehe, ein großes Werk mitvollbracht zu haben. Wer es mit seiner Ehre zu vereinbaren wisse, der solle in Gottes Namen seinen Feldherrn und seine Kameraden verlassen. Er werde sich an der Spitze einer kleinen Schar tapferer und getreuer Herzen stärker fühlen als umgeben von einem Schwärme kleinmütiger und zaghafter Leute.

Die Alte Garde des Eroberers war durch solche Worte sofort beschwichtigt. Nicht so die ehemaligen Soldaten des Narvaez, aber auch diese schwiegen zunächst. Cortes griff zu seinem erprobten Mittel. Er begann seine Truppen dem verderblichen Müßiggang durch kleinere und größere Streifzüge zu entziehen. So kam die Unternehmung gegen Tepeaka zustande, die Hauptstadt eines nicht unbedeutenden Stammes.

Dieser lag seit alters her mit den Tlaskalanern in Feindschaft. Vor der Noche triste hatte er die Oberherrschaft der Spanier wie so viele andere Stämme anerkannt, um sich Ruhe und Frieden zu wahren. Nach dem Rückzuge der Eroberer jedoch hatte er, wiederum aus Furcht und Vorsicht, von neuem zu den Mexikanern gehalten. Diese an und für sich ganz natürliche Wandlung erklärte Cortes für Verrat und Abfall. Überdies waren in der Zeit der allgemeinen Unruhe zwölf Spanier im Gebiete von Tepeaka umgebracht worden.

Cortes rückte mit allen seinen Truppen nebst 4000 Tlaskalanern aus, schlug die Tepeakaner in zwei Gefechten und unterwarf sich ihr Gebiet. Die männlichen Einwohner des Landes wurden zu Sklaven gemacht. Es wurde ihnen im Namen des Kaisers und des christlichen Glaubens mit glühenden Eisenstempeln ein G (Guerra=Krieg) auf den Leib gebrannt. Damit war der Anfang zur Nachahmung der auf den Inseln so berüchtigten Repartimientos gemacht. Die Weiber, soweit sie noch jung und annehmbar waren, verfielen der verliebten Soldateska.

Tepeaka ward nunmehr das Hauptquartier der Spanier. Von hier aus traf Cortes seine weiteren großen Vorbereitungen. Er taufte den Ort Segura de la Frontera (d. h. Grenzburg). Heutzutage ist die einst blühende Stadt zum kleinen Dorfe herabgesunken, das wieder den ursprünglichen Namen Tepeaka hat. Die Entfernung von Mexiko nach Tepeaka beträgt in der Luftlinie 140 km; die von Mexiko nach Tlaskala nur 95 km. Offenbar wollte Cortes der Stadt Tlaskala nicht länger zur Last fallen. Es lag ihm ungemein daran, sich die bewährte Bundesgenossenschaft dieses Kleinstaates zu erhalten. In Tepeaka konnten die Spanier viel mehr tun und lassen was sie wollten. Überdies lag es in einer sehr fruchtbaren Gegend.

Von diesem neuen Stützpunkt aus unternahm Cortes eine Reihe von kleinen Unternehmungen gegen etliche mexikanische Grenzvesten. So fiel Quauquechollan (heute Huaquechula), am Südhang des Rauchenden Berges, 38 km von Tepeaka entfernt. Sodann Itzokan(Izzuakan). Bald stand das ganze Gebiet bis Oaxaka von neuem unter seinem Einflüsse. Das zunehmende Ansehen der Spanier verstand Cortes durch kluge Maßnahmen aller Art zu stützen.

Auch der Zufall war dem Feldherrn günstig. Vier Schiffe, von denen zwei von Velasquez an den längst erledigten Narvaez und zwei von Franz von Garay, dem Statthalter von Jamaika, auf eine Entdeckungsfahrt nach dem Panuko ausgesandt waren, fielen ihm in die Hände. Auf diese Weise erhielt er einen ebenso unerwarteten wie wertvollen Zuwachs an Offizieren, Mannschaften, Pferden, Waffen und Schießvorrat. Später traf auch noch ein Schiff von den Kanarischen Inseln ein, mit einer Schar wohlausgerüsteter Abenteurer, die in Kuba Verlockendes vom neuen Goldlande Neu-Hispanien gehört hatten. Cortes kaufte das Schiff samt Ladung und nahm die beutegierigen Ankömmlinge in seinem Heere auf.

Jetzt schienen ihm jene Mißvergnügten, meist ehemalige Leute des Narvaez, entbehrlich zu sein. Deshalb entließ er sie auf das gnädigste, zahlte ihnen Beutegelder in Gold und Edelsteinen und stellte ihnen ein gutes Schiff zur Verfügung. Außer Duero ging eine kleine Anzahl von Offizieren und Soldaten nach Kuba ab.

Gleichzeitig schickte Cortes mehrere Schiffe nach St. Domingo (auf Haiti) und nach Jamaika, um Pferde, Waffen, Schießvorrat und Rüstzeug einzukaufen. Seinen Teil am mexikanischen Golde scheint der Feldherr also doch beim Rückzug gerettet zu haben.

Schon vordem hatte Cortes seinem findigen Schiffsbauer Martin Lopez den Befehl erteilt, in Tlaskala unter Verwendung des Takelwerkes der ehemaligen Schiffe des Narvaez 43 Rennschiffe zu bauen. Diese Fahrzeuge sollten nach ihrer Fertigstellung in Teile zerlegt, von indianischen Trägern nach dem 100 km entfernten Tezkuko geschafft und dort wieder zusammengesetzt werden, um fortan die nötige Flotte auf dem See von Mexiko zu bilden.

Ende Oktober des Jahres 1520 vollendete Cortes in Segura de la Frontera seinen zweiten Bericht an den Kaiser. Da das Schiff, das ihn nach Spanien bringen sollte, verlorenging, so wurde er erst im folgenden Frühjahr abgesandt. Den Bericht begleitete eine Denkschrift des Heeres, die 444 Unterschriften trägt und in der Urschrift noch erhalten ist.

Es war Mitte Dezember geworden, als sich Cortes für genügend gerüstet hielt, zum zweiten Male den Vormarsch gegen die Hauptstadt anzutreten. Zunächst zog er über Cholula nach Tlaskala, wo eine Truppenschau stattfand. Die Streitmacht des Cortes war jetzt stark: 550 Mann, darunter 80 Armbruster und Büchsenschützen, 40 Pferde, 9 Geschütze (mit geringer Schußweite), 10 000 Mann Hilfstruppen aus Tlaskala, Cempoalla, Tepeaka, Cholula usw.

In Mexiko war inzwischen der Nachfolger und Bruder des Montezuma, König Kuitlahua, an den von den Spaniern eingeschleppten Blattern gestorben. An seine Stelle trat ein Neffe Montezumas, Prinz Guatemozin, geboren um 1495 und verheiratet mit der ob ihrer Schönheit gerühmten Prinzessin Tekuichpo, einer Tochter Montezumas. Bernal Diaz schildert ihn als einen prächtigen, tapferen, aber unerfahrenen Mann von schöner Gestalt und würdevollem Benehmen. Der großen Gefahr, die seinem Reich und seinem Thron durch die Eindringlinge drohte, war er sich völlig klar. Er haßte die Spanier und war voller Begeisterung, freilich nicht ganz Mann der Tat, um sein Land vor der Fremdherrschaft zu bewahren.

Am 28. Dezember brach Cortes nach Tezkuko (zu deutsch Rastadt) auf. Er wählte den beschwerlichen, aber sichereren Weg durch die Sierra. Über Tezmellokan und Koatepek erreichte er die Stadt am letzten Tage des Jahres 1520.

Zunächst machte der Feldherr den Ort und insbesondere seinen Palast verteidigungsfähig. Dieses sein neues Hauptquartier war nur noch 25 km von der Hauptstadt entfernt. Sodann begann er verschiedene am See liegende Städte und Dörfer einzunehmen, vor allem Iztapalapan und Chalko, beide südlich von Tezkuko; sodann Xaltokan (das heutige San Christoval), nördlich vom Tezkuko-See. Inzwischen waren zur stolzen Freude des Cortes die 13 in Tlaskala erbauten und zerlegten Rennschiffe glücklich eingetroffen.

Es folgte ein gewaltsamer Erkundungszug nach Azkapozalko, das nordwestlich von Mexiko liegt. Von da zog Cortes nach dem Städtchen Takuba, das erstürmt und aus Rache für die feindselige Haltung der Bürger in der Noche triste geplündert und niedergebrannt wurde. Nur der Haupttempel und das Schloß blieben erhalten, um dem Feldherrn sechs Tage lang als Standort zu dienen. Alsdann marschierten die Spanier nach Tezkuko zurück.

Um diese Zeit – im März 1521 – trafen in Verakruz weitere drei Schiffe mit 200 Mann, 70 bis 80 Pferden, Waffen und Schießvorrat ein, wohl aus Haiti oder Jamaika.

Am 5. April begann Cortes einen Zug in das Gebirgsland südlich der Hauptstadt, der mit der Einnahme der 120 km entfernten Hauptstadt der Tlahuikaner namens Quaunahuak am Südhange der Kordilleren endete. Die Spanier haben den Ort fortan Kuernavaka genannt. Stadt und Umland gehörten später zum Eigenbesitz des Eroberers und seiner Nachkommen. Auf dem Rückmarsche kam es zu dem Gefecht bei Xochimilko (zu deutsch: Blumenau). Hier wäre Cortes beinahe in die Gefangenschaft der Indianer geraten. Ein kastilischer Soldat, Christoval von Olea, rettete ihn. Auch diese Stadt mit ihren berühmten schwimmenden Gärten verfiel der Plünderung, worauf sie in Flammen aufging. Weiterhin drangen die Spanier nach Kojohuakan (Wolfshausen) vor und von dort abermals nach Takuba. Von der Zinne der Tempelpyramide hielt der Feldherr Umschau über den See zu seinen Füßen und die nahe Hauptstadt. Nach der Erzählung des Diaz hat er lange dort gestanden, versunken in den Anblick der hohen Moschee des Kriegsgottes und der deutlich erkennbaren Dammstraßen. Offenbar dachte er im voraus an die schwere Arbeit der Belagerung und Erstürmung dieser Stadt und an die unvermeidbaren Verluste dabei. Die spanischen Landsknechte haben die kleine Begebenheit in einem ihrer sangbaren Kriegslieder verewigt.

Über Akolman am Nordufer des Sees ging es zurück nach Tezkuko, wo Cortes mit der Meldung begrüßt ward, die Rennschiffe seien zusammengesetzt und gebrauchsfertig. Der Tag, an dem ihre Kiele in den See tauchten, ward feierlichst begangen. Cortes hielt eine große Truppenschau ab. Er hatte jetzt im ganzen – nach Bernal Diaz – bei sich: 650 Mann zu Fuß, 194 Schützen, 84 Reiter und 24000 Mann indianische Hilfstruppen. Cortes gibt die Zahl etwas geringer an. (Vgl. S. 249.) Es war am 20. Mai 1521, am zweiten Pfingsttage.

Die Belagerung, eine Kette von schweren Kämpfen, begann am 30. Mai und währte 75 Tage. Erst am 13. August 1521 waren die Spanier Herren der Stadt. Nach den Angaben des Eroberers sind in dieser Zeit 117000 Mexikaner zugrunde gegangen. Andere Berichte erhöhen die Zahl der Opfer auf 240000. Die Verluste der Spanier stehen nicht fest. Allein 100 Mann sind in die Gefangenschaft geraten und den Göttern hingeschlachtet worden. Ebenso viele sind mindestens gefallen. Von den Hilfsvölkern mögen 5000 bis 10000 Mann den Tod im Gefecht oder auf dem Opferstein gefunden haben.

König Guatemozin fiel auf der Flucht in die Hände seiner Feinde. Clavigero erzählt hierzu: »Man brachte den Gefangenen vor Cortes, der sich im Augenblick auf dem Söller eines Hauses der Vorstadt Tlatlelolko aufhielt und ihn mit allen Zeichen der Achtung und Güte empfing. Guatemozin sagte: Tapferer General, ich habe zu meiner und meiner Untertanen Verteidigung alles getan, was die Ehre meiner Krone und die Treue zu meinem Volk erforderten. Aber unsere Götter waren mir nicht gnädig, und so sehe ich mich meines Landes und meiner Freiheit beraubt. Ich bin nun Euer Gefangener. Macht mit mir, was Euch beliebt! Nehmt diesen Dolch da – hierbei wies er auf die Waffe, die der Eroberer am Gürtel trug – und beendet ein Leben, dem es nicht vergönnt war, bei der Verteidigung seiner Heimat zugrunde zu gehen! – Cortes suchte allerlei Trostgründe hervor und erklärte, er sei nicht sein Gefangener, sondern der des größten Herrschers der Alten Welt, und könne auf dessen Gnade hoffen. Darauf bat der König den General, seinen Untertanen weiter kein Leid anzutun. Cortes verlangte, es solle jedermann die Waffen niederlegen. Beide erließen diesen Befehl. Er ward allgemein befolgt. Es ward auch verordnet, daß alle Mexikaner ohne Waffen und Gepäck die Stadt zu verlassen hätten. Drei Tage und drei Nächte waren die drei Hauptzugangsstraßen erfüllt von ausziehenden Männern, Weibern und Kindern, alle elend und halbverhungert. Der Gestank von den vielen Tausenden verwesender Leichen war ganz unerträglich. Man wurde krank davon. Die Häuser, die Gassen und die Wasserstraßen waren voll von aufgedunsenen häßlichen Toten. Hie und da sah man den Erdboden aufgescharrt; dort hatten die Belagerten Wurzeln ausgegraben, um sie zu essen. An vielen Bäumen fehlte aus gleichem Grunde die Rinde. Cortes ließ die Toten begraben und allerorts Holz verbrennen, um die Luft zu reinigen. Die Beute entsprach den Hoffnungen und Erwartungen der Sieger bei weitem nicht. Die in der Stadt aufgefundenen Geräte und Gewänder wurden den Bundesgenossen überlassen. Die Kunstwerke aus Gold, Silber und Federstickerei, die wegen ihrer Schönheit im ganzen erhalten zu werden verdienten, sandte man dem Kaiser als Geschenk. Alles übrige ward eingeschmolzen. Es betrug dies kaum 19200 Unzen (= 130000 Castellanos), und zwar weil die Mexikaner das meiste in das Wasser geworfen hatten; auch schon, weil sich jedermann, Spanter wie Bundesgenosse, für die ausgestandenen Mühsale durch Plündern schadlos gehalten hatte. Die Stadt sah schließlich wie ein Schutthaufen aus. Trotz der herrlichen Versprechung von des Kaisers Gnade wurde der gefangene König wenige Tage später in der schändlichsten Weise auf die Folter geschleppt, die er mit unerschütterlicher Standhaftigkeit ertrug. Er sollte bekennen, wo die unermeßlichen Schätze des Hofes und der Tempel verborgen wären. Die Marter bestand darin, daß man die Füße des Gefesselten mit Öl beschmierte und langsam braten ließ. Cortes verabscheute diese Grausamkeit, ward aber durch die Verdächtigungen etlicher habgieriger Spanier dazu bewogen, die ausgesprengt hatten, der General schone nur deshalb den König, weil er, von ihm verständigt, sich im geheimen seiner Schätze bemächtigen wolle.«

Diese Vernichtung einer großen blühenden Stadt und so vieler Zehntausender, wie sie seit Karthagos Zerstörung durch Sciplo im Jahre 146 v. Chr. in der Weltgeschichte nicht ihresgleichen hat, ist von allen, die über Cortes und seine Feldzüge geschrieben haben – von Las Casas bis Prescott –, in langen Betrachtungen beklagt worden. Die heutigen Europäer haben Anlaß, über den düsteren Ausgang eines bis zum Äußersten geführten Verteidigungskrieges zu schweigen.

Nach der Überlieferung war der Soldatenstand der angesehenste bei den Azteken. (Vgl. S. 322 ff. u. 411 ff.) Die alten Mexikaner werden in der gesamten Literatur der Eroberer als ein kriegerisches Volk geschildert, und die todesverachtende Verteidigung ihrer Hauptstadt beweist in der Tat zum mindesten ihren Mut. Führer im Sinne der höheren Kriegskunst haben sie aber offenbar nicht gehabt. Ein einziges Mal stoßen wir auf eine richtige strategische Maßnahme: den Versuch, den aus der Stadt vertriebenen Spaniern bei Otumba den Rückzug zum Meere zu verlegen. Zweifellos ist es dem König Guatemozin rechtzeitig bekannt gewesen, daß sich Cortes in Tepeaka und Tlaskala rüstete; trotzdem hat er wenig und nur Ungenügendes unternommen, um sein Reich an den Grenzen zu verteidigen; von einem Vorstoß auf die noch unfertigen gegnerischen Streitkräfte gar nicht zu reden. Sichtlich entbehrte Mexiko eines vorausblickenden kraftvollen Anführers. Guatemozin selbst aber war keine Feldherrennatur. Die Mexikaner hatten bis zu dem Erscheinen des Cortes ihre Kriege durch ihre Massenheere gewonnen. Die unterworfenen Städte und Stämme verstanden sie alsbald zu verweichlichen, insbesondere aber durch regelmäßige Abgaben von Menschen am Menschenzuwachs zu hindern. Die der Nachwelt so grausam erscheinenden Menschenopfer hatten keinen anderen Zweck, wenngleich man ihn mit dem Mantel des frommen Brauches verhüllt hat.

Der Philosoph des Krieges, General Karl von Clausewitz, meint in seinem Buche vom Kriege (Insel-Ausgabe S. 50): unter rohen Völkern fände man nie einen eigentlich großen Feldherrn, weil zum Hervorbringen eines kriegerischen Genies eine Entwicklung der Verstandskräfte nötig sei, die ein rohes Volk nicht haben könne.

Wenn man die alten Mexikaner gewiß nicht als ein rohes Volk bezeichnen darf, so fehlte es ihnen doch an der freien Geistesentwicklung. Ihr Staatswesen beruhte auf einer planmäßigen Zerstörung der Eigenart des Einzelnen. Es herrschte ein eiserner Zwang der Ordnung, ähnlich wie im alten Ägypten. Die Demut des Niederen vor dem Höheren war maßlos. Selbst ihre Generale waren nichts als höhere Lakaien.

Es ist hier der Platz, einen kurzen Blick auf den damaligen Zustand Altmexikos zu tun. Die Azteken oder Mexikaner waren gegen das Ende des 13. Jahrhunderts vom Norden her in das Gebiet ihres späteren Reiches eingewandert, wobei sie eine ältere, höhere Gesittung als die ihre vernichteten, zum Teil auch übernahmen. Die Stadt Mexiko ist um 1325 gegründet. Die eingewanderten siegreichen Stämme bildeten Kleinstaaten, unter denen Mexiko allmählich die Vorherrschaft gewann. Als die Spanier eindrangen, herrschte es, wenngleich nicht allerorts in gleichem Maße, bereits von Weltmeer zu Weltmeer.

Der König, der die Spitze des Heeres wie der Priesterschaft darstellte, erfreute sich unumschränkter Macht. Die Geistlichkeit war ungemein zahlreich und wohlgegliedert. Der fromme Glaube des Volkes nahm einen allgegenwärtigen einzigen Gott (die Sonne) und ein Jenseits an. Neben dem Allgott gab es eine stattliche Anzahl von großen und kleinen Göttern inmitten eines Wustes von Sinnbildern und abergläubischen Hirngespinsten. Der oberste Gott war der Kriegsgott. In Stadt und Land wimmelte es von Götterbildern. Der Gottesdienst erstickte im feierlichen Beiwerk. Der Aberglauben war allmächtig. Ihm hat Cortes zu einem nicht geringen Teil die Zaghaftigkeit und Untätigkeit Montezumas zu danken. (Vgl. die Reden des Königs S. 121 ff. und 135 f.)

Die Gesetze waren streng. Mit der Todesstrafe wurde nicht gegeizt. Es gab Gefängnisse, auch Zwangsarbeit. Infolge der grausamen Bestrafung von Vergehen und der rücksichtslosen Ausrottung der Verbrecher waren Eigentum und Verkehr gesichert. Wenn sich Cortes gelegentlich rühmt, man könne ohne Gefahr das ganze Land bereisen, so war das nicht das Verdienst der Spanier.

Die Lebensanschauung des Volkes war eng, voll von Entsagung und Schwermut. Leben ist Leiden, das war der Grundglaube. Mit Klagen begrüßte man den Neugeborenen, und fröhlich trug man den Gestorbenen zu Grabe. Der Tod galt als die Erlösung von den Mühsalen des Erdenganges, die dem Menschen auferlegt sind. Die Götter freuen sich über die Qualen und Schmerzen, die der Mensch sich selbst bereitet. Menschenopfer versöhnen die Götter. Die Geopferten gehen ein in das Reich der Seligkeit. Ein noch zuckendes Herz, der Sonne, der Lebensspenderin, vom Priester entgegengehalten, war die frömmste Gabe.

Über den Umfang der Menschenopfer ist sich die Überlieferung nicht einig. Während Zumarraga, der erste Bischof von Neu- Spanien, von alljährlich 20000 Opfern spricht, behauptet Las Casas, es wären im Jahre keine 1000 gewesen. Wahrscheinlich geschahen Massenopfer nur nach Feldzügen. Allerdings scheint es, als seien zuweilen, auf das Betreiben der blutgierigen Priesterschaft hin, Kriege unternommen worden, lediglich um Massen von Opfern beizutreiben. Vielleicht erreichte man die Menschenabgabe oft auch schon durch bloße Kriegsandrohung.

Künste und Kunsthandwerk standen in Altmexiko in hoher Blüte. Die Baukunst dieses Landes hatte den Drang ins Gewaltige wie im alten Ägypten. Grelle Bemalung in verschiedenen Farben steigerte ihre märchenhafte Wirkung. An den Tempelpyramiden haben Zehntausende gekarrt. Vielleicht stammen die hügelartigen Unterbauten der Moscheen noch von den Vorgängern der Azteken. Mit Gewißheit ist dies der Fall bei den Pyramiden von Teotihuakan (bei Otumba). Aus der nämlichen Vorzeit rühren die bedeutenden Ruinen in Palenque und in Yukatan (dem Reiche der Maya) her.

Es gab zahlreiche Tempel. Eine Schilderung der großen Moschee in der Stadt Mexiko ist anderwärts gegeben. (Vgl. S. 143 f., 331 ff. und Anm. 51.) Die Paläste der Fürsten und Großwürdenträger waren weitläufig und prächtig. Über zwei Stock hoch ist wohl keiner gewesen. Große Hofe und weite Vorhallen fehlten nirgends. Die Landsitze waren von den herrlichsten Gärten umgeben. Sie standen an Teichen oder an den Seen; mitunter auf Hügeln, wie das Sommerschloß Tezkozingo bei Tezkuko. Die Häuser der Bürger waren aus Stein; wie die Paläste hatten sie flache Dächer und Dachgärten mit gemauerter Brüstung. Die Ärmeren wohnten in Hütten aus Ziegelsteinen, Balken und Rohrwänden, vielfach um einen noch lebenden alten Baum errichtet.

An bewundernswerten Werken von Bildhauern und Meistern des Mosaiks war das Land reich. Vor allem gab es Riesenstandbilder der Götter. Neben dem vorherrschenden Hange am Ungeheuerlichen und Grauenhaft-Phantastischen spricht sich an allem dem doch auch der Sinn für die Wirklichkeit aus. Minder entwickelt war vermutlich die Malerei. Wundervoll aber waren die Federstickereien Altmexikos. Acosta behauptet, die Hersteller dieser Werke seien imstande gewesen, die besten Bilder der spanischen Meister mit ihren malerischen Mitteln zu wiederholen. Johann Lorenz von Anagma, ein Italiener des 16. Jahrhunderts, schreibt von einem Federbilde: »Unter anderem war ich über einen heiligen Hieronymus mit einem Löwen erstaunt, ein Gemälde, das ebenso durch seine schönen, lebhaften und natürlichen Farben wie durch seine richtige und getreue Darstellung wirkte. Ich bezweifle, ob ich je ein gleiches, geschweige denn besseres Merk der üblichen Malerei gesehen habe.« Clavigero ist übrigens der Ansicht, daß aus der Blütezeit dieser Kunst nichts erhalten sei. Die noch vorhandenen Werke stammten aus der Nachblüte, und erst im 18. Jahrhundert sei diese Kunstart ganz abgestorben. Hochgeschätzt waren bei den alten Mexikanern in Gold oder Silber gegossene kleine Abbilder von allerlei Tieren, Affen, Papageien, Enten, Krebsen, Fischen usw. »Diese allerliebste Kunst« – klagt Clavigero – »ist durch die geistige Unterdrückung der Indianer und die unverzeihliche Gleichgültigkeit der Spanier verlorengegangen. Die Arbeiten der mexikanischen Gießer waren so wunderbar fein, daß selbst die golddurstigen hispanischen Landsknechte die Arbeit daran hoher schätzten als den Goldwert.«

Eine große Fertigkeit im Zeichnen drückt sich in der altmexikanischen Bilderschrift aus. Lesen und Schreiben verstand jeder einigermaßen gebildete Altmexikaner. Dem Kundigen waren die uns so rätselhaften Zeichen ungemein anschaulich. Bedauerlicherweise hat der hirnlose Eifer der spanischen Pfaffen den ehemaligen Reichtum an Büchern als Teufelswerk vernichtet. Man schrieb auf Pergament aus Hirschhaut oder auf Pflanzenpapier. Von alledem sind heute nur noch vorhanden vier Bücher (auf Agavepapier). Berühmt davon ist die Maya- Handschrift der Landesbibliothek in Dresden.

Cortes selbst (vgl. S. 531, auch Gomara, S. 445) bezeugt, daß es vorzügliche amtliche Landeskarten gab. Es ist bedauerlich, daß sich keine davon auf unsere Tage erhalten hat.

Von der Dichtkunst Altmexikos sind nur wenige Denkmäler übriggeblieben. Erst im Jahre 1792 ist durch den Pater Manuel von der Vega auf Anregung der spanischen Regierung das noch Auffindbare gesammelt worden. Auch Sahagun hat uns einige Reste in spanischer Übertragung überliefertSeine Historia universal de Nueva España findet man abgedruckt ln: Lord Kingsborough, Antiquities of Mexico. London 1830 ff. Einzeln herausgegeben von C. M. Bustamente, Mexiko 1829, 3 Bde., unter dem Titel: Historia de la conquista de Mexico. Eine französische Übersetzung ist 1880 in Paris erschienen: Histoire générale de la Nouvelle Espagne.

Sahagun, ein Franziskaner, 1529 nach Mexiko gekommen, gestorben daselbst 1590. Sein Werk war ursprünglich in mexikanischer Sprache geschrieben. Als 80jahrlger übertrug er es in das Kastlilsche. Es blieb dann über zweihundert Jahre verschollen. Sahagun gilt vor allem als eifriger und gerechter Erforscher der Götterlehre und der Sitten der Altmexikaner.

Zu den auf derselben Seite erwähnten Quellen:

I. Josephus de Acosta. De natura novi orbis duo... Salamanca 1589. Auch Barcelona 1391.

José Acosta. Historia natural y moral de las Indias. Sevilla 1596.

Deutsche Übersetzung:

Amerika oder wie mans zu Teutsch nennet Die Newe Welt oder West Indla. Von Herrn Josepho de Acosta in Sieben Büchern eins theils in Lateinischer und eins theils in Hispanischer Sprach Beschrieben ... Gedruckt zu Ursel durch Cornellum Sutorium. Im Jahr 1605. Folio.

Eine weitere deutsche Übersetzung ist 1617 erschienen.

II. Lorenzo Boturini. Idea de una Nueva Historia general de la America 8eptentrional, Madrid 1746.

Ein Mailänder Edelmann, kam 1735 nach Neuspanien, gestorben in Madrid 1749. Er muß als ein ebenso begeisterter wie urteilsloser Forscher und Darsteller bezeichnet werden.

. Außerdem sind vier Oden des Fürsten Nezahualkoyotl von Tezkuko (1392 - 1472) in spanischer Bearbeitung erhalten. Schließlich gibt es noch eine Sammlung von 27 Gedichten: Cantares de los Mexicanos, die ein amerikanischer Gelehrter (Daniel Brinton in Philadelphia) herausgegeben und übersetzt hat.

Acosta, Boturini und Clavigero berichten vom Theater der Indianer, von ihren Schauspielern, vom Gebrauche von Masken und anderem; indessen fügt der ehrliche Clavigero hinzu, er habe nie etwas davon mit eigenen Augen gesehen und bezweifle das übertriebene Lob des einbildungsreichen Boturini. Bei Acosta ist nur von einer sehr urwüchsigen Stegreifpossenbühne die Rede. Er erzählt: »In dem ziemlich großen Hof um den Tempel stand eine kleine Schaubühne, gar artig an den vier Ecken gepflastert. Für das Fest bestellte man es mit grünen Zweigen und schmückte es mit Bogen, Pfeilen, verschiedenen Blumen und Federn, auch mit Vöglein und anderen lieblichen Dingen. Nach dem Mahle kamen sie auf besagten Platz und trieben allerlei lächerliche Possen. Etliche traten als Taube, Alte, Kranke, Blinde, Lahme und Krüppel auf und beteten zu Gott, er möge sie wieder gesund machen. Die Tauben stotterten und die Hinkenden tanzten zum Ergötzen der Zuschauer. Andere kamen in der Gestalt schrecklicher Tiere, als Schlangen, Kröten, Krokodile. Im Begegnen erzählten sie einander von ihrem Handel und Wandel. Zu guter Letzt taten die Darsteller den Mummenschanz ab und spielten in ihrer richtigen Gestalt auf Flöten.«

Ganz in den Uranfängen soll die Musik der Indianer steckengeblieben sein. Wir wissen nur von ihrer Kriegsmusik, die auf Holztrommeln mit Rehfell, Hörnern, Muscheltrompeten und grellen Pfeifen hervorgebracht wurde. Saiteninstrumente hatten die Mexikaner nicht. Ihren Gesang, der den europäischen Ohren rauh und eintönig klang, begleiteten sie auf einer Holztrommel ohne Fell.

Die Tanzkunst der Altmexikaner, die den Beifall der Eroberer fand, hat auf einer gewissen Höhe gestanden. Es gab Kindertänze, Volkstänze, Priestertänze, auch höfische Tänze, dieseÿ ähnlich den Vierer- und Reihentänzen der Rokokozeit. Musik oder Gesang, auch Wechselgesang, zeigte den Takt an.

Ihre körperlichen Spiele hatten bei aller Ergötzlichkeit den Zweck, die Jugend zur Kriegstüchttgkeit zu erziehen und die Männer darin zu erhalten.

Auch die Wissenschaften werden gepflegt. In der Rechenkunst spielte die Zahl 20 eine Rolle. In Zusammenhang damit steht z. B. die Einteilung der Truppen; die Kompagnie war 20x0 = 400 Mann, das Regiment 20x20x20 = 8000 Mann stark. Der Zeitrechnung lag das Sonnenjahr zugrunde, das in 18 Monate zu je 20 Tagen und fünf Ergänzungstage zerfiel. Die Monate trugen Namen nach den Jahreszeiten, ähnlich wie im Kalender der Franzosen von 1792. Der Monat hatte vier Wochen zu je fünf Tagen. Der letzte Tag jeder Woche war der Markttag. Alle 52 Jahre gab es ein Schaltjahr mit der nötigen Einschiebung von 12 bis 13 Tagen. Demgemäß sah man in Reihen von 52, 104 usw. Jahren Zeitabschnitte, ähnlich unseren halben und ganzen Jahrhunderten. Dle altmexikanische Zeitrechnung beginnt mit unserem Jahre 1091. Daneben hatten die Priester noch einen Geheimkalender, in dem die Zahl 13 eine Rolle spielte und der eng verknüpft mit ihrer Himmelskunde war. Das zu dumpfem Aberglauben erzogene Volk hing ängstlich an der pfäffischen Sterndeuterei. Die fünf Ergänzungstage im Jahre, die seinen Schluß bildeten, galten als Unglückstage und waren Tage der Buße und Verzweiflung, während die 13 Schalttage aller 52 Jahre als hohe Freudentage festlich begangen wurden, schon weil sie nicht jeder Mensch erlebte und wiedererlebte.

Die Heilkunde der alten Mexikaner war in ihrer Art bedeutend und berühmt. König Philipp II. (1556 - 1598) schickte deshalb seinen Leibarzt Francisco Hernandes nach Neu-Spanien, um die Naturgeschichte dieses Landes zu erkunden und aufzuzeichnen. Mit einem Aufwand von 60 000 Dukaten unter Beihilfe eingeborener Ärzte kamen 35 handschriftliche Bände zustande. Hieraus erschien 1651 ein Auszug in spanischer Sprache; das Werk selbst erst 1790 als einer der schönen Drucke von IbarraF. Hernandes, Rerum medicarum Novae Hispaniae Thesaurus seu Plantarum, Animalium et Mineralium Mexicanorum Historia. Rom 1651. – Die Ausgabe von 1790 ist herausgegeben von Orteaga.. Hervorragend sollen die Erfolge der indianischen Ärzte in der Behandlung und Heilung von Wunden gewesen sein. Die Arzneimittel wurden aus Kräutern hergestellt. Viel hielt man von Schwitzbädern.

Die Kochkunst in Altmexiko hat sich aus erbärmlichen Anfängen nur langsam entwickelt. Ursprünglich an den See gefesselt, mußten die Umwohner ihm die Hauptnahrungsmittel entnehmen. Zumal der arme Mann aß alles daraus, sogar Wasserschlangen und allerhand Seegetier. Selbst die Eier der Insekten lieferten eine Art Kaviar. Gedörrte Fliegen, zu Kugeln zusammengedrückt, gab es zur Zeit der Eroberer auf dem Markte. Eine gewisse Ausscheidung des Seewassers ward an der Sonne getrocknet und als Steinkäse in den Handel gebracht. Der Wohlhabendere liebte die Fische der Seen und aus besonderen Teichen auf seinem Tische. Da die Jagd auf dem Wasser wie zu Lande ergiebig war, kann es an sonstiger Abwechselung nicht gefehlt haben. Den Genuß von schwerem Fleisch vermied der Mexikaner; Feldhühner, Wachteln, Enten zog er dem vor. Wenn man der Überlieferung glauben darf, war die Hauptleckerei der altmexikanischen Küche das Menschenfleisch, das man ganz besonders fein zubereitete. Pater Sahagun, ein gelehrter Franziskaner, der 1529 nach Mexiko kam, verfehlt nicht, in der Reihe seiner Kochrezepte auch dieser Liebhaberei zu gedenken. Truthühner hielt man überall in Mengen. Ihre Eier waren geschätzt, ebenso die einer Eidechsenart Iguana. Gemüse und Früchte gab es aller Art. An Milch und Fett war Mangel. An Gewürz gebrauchte man insbesondere das Salz und den Chillipfeffer. Zucker wurde vielfach verwendet. Das Brot ward aus Maismehl gebacken. An Getränken ist eine Art Maishonig zu nennen, sodann vor allem die Schokolade, zubereitet aus dem Kakao und verschiedenem Gewürz. Ferner gab es etliche Weinsorten, bereitet aus Mais, aus Maguei oder aus Palmensaft. Sehr bald haben die spanischen Ansiedler durch den Handel mit Wein (Pulque) gute Geschäfte gemacht.

An den Gelagen nahmen auch dle Frauen teil. Bei Tisch saßen sie im übrigen getrennt von den Männern. Vor und nach dem Essen wurden Wasserschüsseln und Handtücher zum Waschen herumgereicht. Nach dem Mahle begann man zu rauchen, Pfeife oder Zigarren, letztere mit Mundstücken aus Schildkrot oder Silber. Man kannte auch bereits Tabak in Pulverform als Schnupftabak.

Die Stellung der Frauen – um dies hier zu berühren – gewährte ihnen nur die Herrschaft im Hause. Im öffentlichen Leben erschienen sie nicht. Die Fürsten, Vornehmen und Reichen hielten sich Harems. Die Frauen darin hatten vermutlich verschiedenen Rang und verschiedene Rechte. Die Eroberer rühmen den Altmexikanerinnen Körperschönheit, Anmut, Bescheidenheit und große Reinlichkeit nach. Selbst dle Wohnungen der Armen hatten Badestuben. Heutzutage ist Mexiko bekanntlich ein Land grenzenloser Unsauberkeit.

In der Geselligkeit spielten Wohlgerüche und Blumen eine große Rolle. Der Gast wurde empfangen, indem man frisches Riechpulver in die Räucherpfanne warf. Die alten Mexikaner waren Künstler im Gartenbau. Blumen blühten allerorts. In den letzten Tagen vor dem Untergange der Stadt sang einer ihrer DichterDas Gedicht ist den bereits S. 47 erwähnten Cantares entnommen. Der »rauchende Stern« ist eln Komet.:

Wie traurig!
Dies Haus soll untergehn.
Ich weiß, unser Reich sinkt dahin.
Es bricht zusammen; es zerfällt.
Die Sterne rauchen:
Sie sind wider uns.
Die Stadt der Bücher und der Blumen
Ist bald nicht mehr.

Nachdem die Hauptstadt eingenommen und zerstört war, unterwarfen sich die Nachbarvölker aus Furcht vor der ihnen unheimlichen Macht des Eroberers. Es erschien eine Anzahl von Gesandtschaften im Lager der Spanier. Zuerst fügte sich der König von Michoakan, dem mächtigsten westlich vom mexikanischen Reiche gelegenen Nachbargebiete. Der Fürst stellte sich nach den ersten Verhandlungen persönlich im Hauptquartier ein, mit einem prunkvollen Gefolge. Cortes empfing ihn mit nicht geringerem Aufwand. Unter dem Donner der Geschütze führte er ihm seine Truppen, insbesondere seine Ritterschaft, vor und zeigte ihm vom Bord eines Schiffes aus die Trümmer der noch rauchenden Paläste und Tempel. Es lag dem Feldherrn ungemein viel daran, neue Kriege und Kämpfe zu vermeiden, und er war Staatsmann genug, die geeigneten Mittel zu einer friedlichen Politik zu handhaben.

Nach Abschluß von allerlei Verträgen erwachte in Cortes sofort wieder der Drang, Entdeckungen zu machen. Er sandte zwei größere Erkundungstrupps aus, die bis zum Gestade des anderen Weltmeeres vordrangen und, beladen mit Gold und perlen, zurückkamen. Damit war der Anfang zur Entdeckung von Kalifornien gemacht.

Kriegerischer waren andere nötige Streifzüge in die südlichen Abhänge der Kordilleren, die unter Führung von Sandoval und Alvarado stattfanden. Weiterhin erfolgte ein Zug gegen aufständische Indianer am Panuko, um die dortige Niederlassung San Estevan zu schützen. Nach Unterdrückung der Empörung ließ Sandoval 400 Vornehme hängen. In die Zeit bis 1524 fällt ferner die Gründung von Zakatula an der Südsee und von Koliman im Gebiete von Michoakan. An der Mündung des Antigua erhoben sich die Anfänge einer Stadt und eines Hafens, des späteren Alt-Verakruz. (Vgl. S.19.) Auch entstand der Ort Medellin, genannt nach der Geburtsstadt des Eroberers.

Der Oberfeldherr verblieb in Kojohuakan. Seine Tätigkeit galt zunächst der Gründung einer neuen Hauptstadt, denn der junge Staat bedurfte eines starken und glänzenden Mittelpunktes. Nach reiflicher Erwägung entschied sich Cortes, die alte Hauptstadt wieder erstehen zu lassen. Bei der ihm eigenen Lebhaftigkeit und Tatkraft betrieb er den Aufbau ohne Verzug mit allen Kräften und nach einem großartigen Plane. »Wie ehemals – schreibt er dem Kaiser – soll die Stadt die Königin des Landes werden.«

Nach dem Vorbild asiatischer Machthaber ließ Cortes die Masse der Eingeborenen die Arbeit ausführen. Hunderttausend Menschen waren alsbald in Tätigkeit, und erstaunlich rasch wuchsen die neuen Paläste und Häuser empor.

Um diese Zeit sandte Cortes den 3. Bericht an Karl V. ab, abgeschlossen in Kojohuakan am 15. Mai 1522, zugleich mit ihm das kaiserliche Fünftel der Gesamtbeute, eine Fülle von Gold, Perlen und Edelsteinen, darunter ein Smaragd in Pyramidenform mit einer Grundfläche so groß wie ein Handteller. Die Goldbarren allein hatten einen Wert von 4 Millionen Mark. Allerlei Seltsamkeiten aus den Tempeln und Schlössern, Kleider Montezumas, merkwürdige Pflanzen, wilde Tiere und anderes mehr ward der Sendung beigefügt, um auch die Schaulust in der Heimat zu befriedigen. Zwei Getreue des Feldherrn, die Ritter Antonio von Quinones und Alfonso von Avila, wurden mit der Botschaft betraut. Auf zwei Schiffen gingen sie, vermutlich im Juni 1522, von Verakruz ab.

Beide Boten hatten kein Glück. Während ihres Aufenthalts auf einer der Azoren bekam Quinones wegen eines Frauenzimmers Streit und starb an den Folgen eines schweren Schlages auf den Kopf. Avila setzte die Reise allein fort, fiel aber unterwegs einem französischen Freibeuter namens Jean Florin in die Hände. Die Prachtstücke der Beute bekam König Franz I, geschenkt. Avila wurde in irgendeiner Festung eingesperrt,es gelang ihm aber, die ihm anvertrauten Berichte, Briefe und Schriftstücke sicheren Händen zu übergeben, so daß Karl V. sie doch noch erhielt. Franz I. soll dem Kaiser damals haben sagen lassen: Da seine erlauchten Vettern von Spanien und Portugal die Neue Welt untereinander geteilt hätten, so möchten sie ihm doch dle Klausel aus Vater Adams Testament vorweisen, demzufolge sie zu alleinigen Erben jener Länder eingesetzt seien. Solange dies nicht geschehen, erlaube er sich, ihnen zur See zu nehmen, was er erwische. – Übrigens fiel Florin auf einer späteren Raubfahrt spanischen Kriegsschiffen in die Hände. Man meldete dem Kaiser den guten Fang, worauf der Allerhöchste Befehl eintraf, den Seeräuber an den Galgen zu hängen.

Auf die Nachricht von dem Verluste der kostbaren Sendung beeilte sich Cortes, dem Kaiser ein Trostgeschenk zu machen. Er ließ für ihn ein Feldgeschütz aus Silber gießen, das Phönix getauft wurde und eine vom Feldherrn selbst verfaßte Inschrift trug. Man findet sie im Buche auf Seite 342.

Cortes hatte infolge der gegen ihn in der Heimat gesponnenen Machenschaften, besonders des Fonseca, weder auf seinen 1. noch auf den 2. Bericht einen kaiserlichen Bescheid. Den 1. Bericht (vom 16. Juli 1519) hatte der Kaiser im Frühjahr 1520 erhalten. Die zugleich angekommenen Beutestücke waren von ihm nach England und den Niederlanden mit genommen worden. Öffentlich ausgestellt, erregten sie allgemeines Erstaunen. Albrecht Dürer, der sie im August 1520 in Brüssel sah, bewundert sie und schreibt davon in seinem Tagebuche: »Diese Dinge sind alle köstlich. Und ich hab all mein Lebtag nichts gesehen, was mein Herz also erfreut hat. Denn ich hab darin gesehen eine wunderliche Kunst und hab mich verwundert ob der subtilen Ingenia der Menschen in fremden Landen.«

Wann der 2. Bericht (vom 30. Oktober 1520) in die Hände des Kaisers gelangt ist, wissen wir nicht. Den 3. Bericht (vom 15. Mai 1522) erhielt er bei seiner Rückkehr nach Spanien, wahrscheinlich zusammen mit dem vorhergehenden, im Herbst 1522. Daß die Erzählung des Eroberers tiefen Eindruck auf Karl V. gemacht hat, geht allein daraus hervor, daß er den 2. und 3. Bericht dem Buchdrucker Cromberger in Sevilla zum Druck übergab. Der 2. Bericht ist im November 1522, der 3. Ende März 1523 erschienen«.Es gibt folgende spanische Drucke der Berichte des Cortes an Kaiser Karl V.:

Erster Druck des 1. Berichts vom 10. 7. 1519 in: Coleccion de documentos ineditos para la historia de España, Bd. I, S. 417 - 461, Madrid 1842.

Erster Druck des 2. Berichts vom 30.10.1520: Sevilla, gedruckt bei Jakob Cromberger, 1522, Folio, 28 Blätter.

Erster Druck des 3. Berichts vom 15. 5. 1522: Sevilla, gedruckt bei Jakob Cromberger, 1523, Folio, 30 Blätter.

Erster Druck des 4. Berichts vom 15. 10. 1524: Toledo, gedruckt bel Caspar de Avila, 1525, Folio, 21 Blätter.

Erster Druck des 5. Berichts a. d. Sommer 1526 in: Coleccion de documentos ineditos para la historia de España, Bd. IV,S. 8 - 167.

Abdruck des 2., 3. und 4. Berichts im Band I von: Gonzalez Barcia, Historiadores primitivos de las Indias occidentales, Madrid, 1749.

Bester Druck des 2., 3. und 4. Berichts, herausgegeben vom Erzbischof Don Fr. Antonio Lorenzana, Mexiko 1770, Kleinfolio.

Neudruck des 2., 3. u. 4. Berichts, herausgegeben von Henriques de Vedia, 1832.

Neudruck des 2., 3. und 4. Berichts, herausgegeben von Pascual de Gayangos, Paris 1866.

Die erste deutsche Übersetzung von 1550 ist betitelt:

Ferdinandi Cortesii
Von dem Newen Hispanien / so im Meer gegen Nidergang /
Zwo gantz lustige und fruchtreiche Historien /
an den großmächtigsten unüberwindtlichisten Herren / Carolum
V. Römischen Kaiser &c Künig in Hispanien &c.
Die erst im MDXX. jar zugeschriben / in wellicher grundt-
lich und glaubwirdig erzelt wirdt / der Abendtländern /
unnd sonderlich der Hochberümpten statt
Temixtitan eroberung.
Die andere im 1524. jar / Wie Temixtitan / so abgefallen /
wider erobert / Nachmals andere herrliche Syg / sampt der
erfindung des Meers SVR /So man für
das Indianisch Meer achtet.
Erstlich in Hispanischer Sprach von Cortesio selbst beschriben /
Nachmals von Doctor Peter Sauorgnan auß Friaul
in Lateinische sprach Transferiert /
Entlich aber in Hochteutsche Sprach / zu ehren
und auß underthänigister gehorsame /
dem Allerdurchleuchtigisten / Großmächtigisten Fürsten und
Herrn / Herrn Ferdinanden /
Römischen / zu Hungern und Böhem Dc. Königen /
Infanten in Hispanien / Ertzhertzogen zu Osterreich Dc.
von Xysto Betuleio und Andrea Diethero von Augsburg /
balden daselbst gemainer Statt Lateinischen Schulmaistern.
Getruckt inn der Kaiserlichen Reichs Statt Augsburg / durch
Philipp Ulhart / In der Kirchgassen / bey S. Ulrich /
Anno Dominni M.D.L.

In Folio, 6 u. 39 Blätter und 3 u. 53 Bl. nebst 10 Bl. Anhang. (Ein Exemplar: Kgl. Landesbibliothek zu Dresden. Signatur: Hist. Amer. 47.) Eine berühmte, heute sehr seltene lateinische Übersetzung des 2. und 3. Berichts ist 1524 in Nürnberg gedruckt.

Während der Abwesenheit des Kaisers hatte es Fonseca erreicht, daß Adrian von Utrecht, der Regent von Kastilien, eine Urkunde vom 11. April 1521 unterzeichnete, derzufolge Cortes seines Amtes entsetzt und ohne Verzug in Haft genommen werden sollte. Die jetzt erfolgende Kaiserliche Verfügung vom 15. Oktober 1522, die den Generalkapitän zum Kaiserlichen Statthalter von Neu-Hispanien ernannte, setzte allen hinterhältigen Feindseligkeiten ein Ende. Fonseca wie sein Helfer Velasquez waren machtlos geworden.

Der eben erwähnte Haftbefehl des kaiserlichen Stellvertreters vom April 1521 kam in Verakruz im Dezember desselben Jahres an. Mit der schwierigen Aufgabe, den Generalkapitän inmitten seines Heeres am Orte seiner Tätigkeit gefangen zu nehmen, ward Christoval von Tapia beauftragt, der Verwalter der Goldwerke von St. Domingo.

Tapia, der seinem Auftrage in keiner Weise gewachsen war, vermochte gegen Cortes nichts auszurichten. Als er einsah, daß er weder mit Vollmachten, noch Reden, noch Drohungen, noch Versprechungen etwas erreichte, wurde er krank vor Ärger. Die Offiziere, die mit ihm in Cempoalla verhandelten, meldeten dem Cortes den Verlauf der Zusammenkunft und schlugen vor, dem Manne Gold und Edelsteine zu schicken, um seinen Ärger zu besänftigen. Das Gold traf alsobald ein. Man kaufte damit dem Tapia etliche Neger und drei Gäule ab, worauf er sich wieder nach St. Domingo empfahl.

Zugleich mit Tapia ging auch Panfilo von Narvaez, von Cortes wohlwollend entlassen, aber im Grunde seines Herzens ein erbitterter Feind des Eroberers. Zusammen mit Tapia begab er sich im Frühjahr 1522 nach Spanien, wo sich beide in der übelsten Welse als Ankläger und Widersacher des Cortes betätigten.

In den Jahren 1522 bis 1524 schritt der Wiederaufbau der Hauptstadt rüstig vorwärts. An der Stelle, wo die große Moschee gestanden hatte, erhob sich alsbald eine Franziskanerkirche. 33 kleinere Kirchen wurden in den verschiedenen Stadtvierteln errichtet. Auch ein Franziskanerkloster fehlte nicht. Die Häuser der Spanier wurden aus Stein gebaut, vielfach burgähnlich. Für seinen eigenen Palast soll Cortes allein 7000 Zedern verwendet haben. Die Festungsanlagen wurden mit 70 Geschützen mit Kupferrohren besetzt, die in Neu- Spanien gegossen worden waren. Man schoß mit Steinkugeln. Dazu ward ein Pulverwerk eingerichtet. Den nötigen Schwefel entnahm man der Mündung des Popokatepetl; an Salpeter fehlte es nicht.

In seinem 4. Berichte (vom 15. Oktober 1524) schreibt Cortes dem Kaiser: »Heute zählt die Hauptstadt bereits wieder an die 30 000 Einwohner, und die frühere Ordnung in Handel und Wandel ist allenthalben wieder zu beobachten. Ich hab den Einwohnern dermaßen Freiheiten und Zugeständnisse gewährt, daß sich ihre Zahl von Tag zu Tag vermehrt. Sie fühlen sich offensichtlich wohl. Allerart Handwerker zu Diensten der Hispanler gibt es viele. Die Kaufleute erfreuen sich völliger Sicherheit und machen gute Geschäfte, Anderes Volk lebt vom Fischfange, und der Handel mit Fischen ist im Lande beträchtlich. Auch wird Feldwirtschaft und Gartenbau betrieben. Soweit Samen zu bekommen war, sind bereits alle Gemüsearten der Heimat angepflanzt worden. Es fehlt nur an den nötigen Sämereien, um den Anbau aller in Hispanien beliebten Gartengewächse mit allem Erfolge zu betreiben. Sogleich nach der Eroberung der Hauptstadt hab ich auf der einen Seite im See eine Burg zu erbauen begonnen, unter deren Schutz die Rennschiffe sicher lägen, und von wo aus man die ganze Stadt beherrschen kann. Dies Werk ist inzwischen fertig geworden und gar wohl gelungen. Alle unsere Schiffe und Geschütze sind nunmehr daselbst beisammen. Das Viertel, in dem wir Hispanier wohnen, ist durch einen Wassergraben vom Viertel der Eingeborenen getrennt. Den beiderseitigen Verkehr vermitteln zahlreiche hölzerne Brücken. Die Indianer haben zwei große Märkte, einen in ihrem Viertel und einen in unserem. Auf diesen Märkten wird alles feilgeboten, was im Lande wächst und herÿgestellt wird. In diesem Punkt ist alles genau wie ehedem.«

Um die von ihm in den verschiedensten Gegenden des Landes gegründeten Siedelungen nicht nur für den Augenblick angelegt zu sehen, erließ er eine Verfügung, wonach jeder Ansiedler innerhalb von 18 Monaten seine Frau auf seiner Farm haben mußte, wenn er seines Besitztumes nicht verlustig gehen wollte. Spanier, die ihre Frauen in der Heimat oder auf den Inseln hatten, ließen sie infolgedessen kommen, und die Junggesellen mußten sich eie Gefährtin irgendwoher verschreiben lassen. Cortes selber ging mit gutem Beispiele voran und ließ auch seine Gattin Dona Katalina von Kuba kommen. Wie berichtet wird, bekam ihr aber die Hochlandsluft nicht, und so starb sie drei Monate nach ihrer Ankunft.

Bald nach dem Tode des Bischofs von Burgos (1523), im August 1524, wurde der Rat von Indien neu gebildet. An seine Spitze stellte der Kaiser, der großes Gewicht auf die kirchliche Seite der Verwaltung auch in den Kolonien legte, den Dominikaner Garcia von Loaysa, Bischof von Osma. Ein Ergebnis der Beratungen war unter anderem eine Verordnung vom November 1526 über die Behandlung der Indianer. Es sei nachweisbar – hieß es darin –, daß die Eingeborenen infolge der maßlosen Habgier der Ansiedler in den Goldminen, bei der Perlenfischerei und bei anderer Arbeit auf das schwerste angestrengt würden, daß es ihnen dabei in Kleidung und Nahrung am Nötigsten fehle, kurzum, daß sie in elenderen Umständen als Sklaven ihr Leben fristeten. Viele Inseln und ein Teil des Festlandes wären infolgedessen entvölkert. Der Wunsch des Kaisers, die Indianer zum christlichen Glauben zu fuhren, könne sich nur erfüllen, wenn sich die Eingeborenen einer guten Behandlung erfreuten. Infolgedessen sollten alle Beamten streng daraufhalten, daß die Indianer nicht unter übermäßiger Arbeit litten, und daß jede Zuwiderhandlung genau untersucht und bestraft werde. In den Bergwerken und bei der Perlenfischerei dürften nur noch freiwillig dazu bereite Indianer gegen Lohn arbeiten.

Das wäre eine Aufhebung der berüchtigten Repartimientos gewesen, wenn die Verfügung nicht auch folgende Bestimmung enthalten hätte: «Wenn es den Geistlichen und Mönchen geboten erscheint, daß Indianer, damit sie ihre Sünden vergessen und ihre Bekehrung bessere Früchte trägt, Christen zugewiesen werden, denen sie als Freie zu dienen haben, so darf solches geschehen, nur muß dabei auf den Dienst Gottes und auf eine gute Behandlung gesehen werden, damit unser königliches Gewissen nicht belastet wird.« Damit blieb dem bisherigen Unwesen der Encomiendas Tür und Tor auch weiterhin offen, nur mit dem Unterschiede, daß nunmehr die Geistlichkeit die Verantwortung übernahm. In der Tat hat sich in den kommenden Jahren in der Neuen Welt nicht das geringste geändert. Mag das Buch des Las Casas noch so viele Übertreibungen enthalten, eins steht fest: Die Entvölkerung in den amerikanischen Ländern ging in Riesenschritten weiter und ist nur durch die unmenschliche Ausnutzung der Eingeborenen zu erklären. Las Casas schreibt: «Allein in den zwölf Jahren von 1519 bis 1530 sind in Neu-Hispanien mit Feuer und Schwert über vier Millionen Menschen vernichtet wordenAls auf den Inseln der Mangel an Eingeborenen als Arbeltsvieh fühlbar wurde, half man sich – wie Las Casas sicherlich wahrheitsgemäß berichtet – einfach damit, daß man von den volkreichen Gebieten der Festlandsküste Schiffsladungen voll Indianer wegholte und sie als Sklaven verkaufte. Unterwegs starben die Unglücklichen massenweise, well sie kaum etwas zu essen bekamen, vor Hunger und Durst. Der Seeweg von gewissen Stellen des Landes zu den Inseln Kuba und Haiti soll zu Zeiten ohne Kompaß und Seekarte allein durch die vielen Indianerleichen findbar gewesen sein, die man von den Schiffen ins Wasser geworfen hatte. Die Unternehmer solcher Raubfahrten nannte man harmlos Armadores. (Vgl. hierzu Gomaras Bestätigung S. 434 f.)

Ein unerfreulicher Zwischenfall in jenen Jahren der Entwicklung des Landes war der Abfall des Christoval von Olid, den Cortes im April 1523 mit einem Geschwader und den nötigen Truppen nach Honduras geschickt hatte, um an der Nordküste eine Niederlassung anzulegen. Das Land dort galt für ungemein goldreich. Gleichzeitig hatte Olid den wichtigen Auftrag, einen Teil seiner Schiffe längs der Küste weiter nach Süden bis in den Golf von Darien zu senden, um die Durchfahrt nach dem Weltmeere zu suchen. Dem Olid stiegen seine Selbständigkeit und die ihm anvertraute Macht zu Kopf. Er vermeinte, fern von seinem Gebieter ungestört ein eigenes Reich gründen zu können. Kaum aber hatte Cortes die Untreue seines Unterfeldherrn erfahren, als er unverzüglich den unbedingt zuverlässigen Hauptmann Francisco von Las Casas, einen Verwandten von sich, mit der erforderlichen Vollmacht nach Honduras abgehen ließ, um ein strenges Strafgericht an dem Abtrünnigen zu vollziehen. Cortes war sich klar, daß er hier mit aller Härte vorgehen mußte, um jedem anderen die Lust zu Ahnlichem ein für allemal zu nehmen. Olid ward nach einem kriegsgerichtlichen Urteil auf dem Marktplatze von Nako enthauptet.

Zunächst erfuhr man in Mexiko davon nichts, und da Las Casas allzulange auszubleiben schien, entschloß sich der ungeduldige Cortes, persönlich einen Zug nach Honduras zu unternehmen. Er wollte sowieso das Land und den dortigen Bergbau einmal mit eigenen Augen sehen. Vor allem lag ihm wohl an der Entdeckung der heißbegehrten Durchfahrt nach der Südsee. Nachdem Cortes Stellvertreter von sich eingesetzt und allerlei nötige Anordnungen getroffen hatte, begann die Unternehmung. Das Gefolge, das er mitnahm, war zahlreich und glänzend. Eine große Zahl von Rittern, Beamten und Geistlichen begleitete ihn. Aus Vorsicht nahm Cortes auch den Exkönig Guatemozin, den Fürsten von Takuba und mehrere mexikanische Edelleute mit sich. Auch Dona Marina beteiligte sich an dem Zuge. Im ganzen betrug die Streitmacht: 100 Ritter und 50 Mann vom Fußvolk, dazu 3000 Mexikaner als Diener und Träger.

Es ist ein Bericht über diesen merkwürdigen und beschwerlichen Feldzug erhalten, in der Cronica de la Nueva Espana (1553) des Francisco Lopez de Gomara, der wahrscheinlich das uns verlorene Tagebuch des Feldherrn dabei benutzt hat. Dieser Bericht ist diesem Buche im Anhange beigefügt. Cortes selbst schildert die Unternehmung in seinem 5. Berichte an den Kaiser. Auch Bernal Diaz erzählt darüber.

Der Feldzug hatte geringen Erfolg. Zwei Vorfälle sind bemerkenswert. Cortes verheiratete unterwegs Dona Marina mit dem Ritter Juan Xamarillo, wobei er ihr Landbesitz in ihrer heimatlichen Gegend am Koazakualko schenkte. Dort hat sie wohl den Rest ihrer Tage verlebt. Wie dieser Entschluß des Eroberers zu deuten ist, bleibt ungewiß. Vermutlich entledigte er sich ihrer auf die beste Weise. Er war der Geliebten zu großem Danke verpflichtet. Mit Recht sagt Bernal Diaz von ihr: «Diese Frau ist ein wichtiges Werkzeug unserer Eroberungsarbeit gewesen, – vieles haben wir nur mit ihrer Beihilfe vollbringen können.« Und ein spanischer Offizier späterer Tage, der Oberst Cadahsalo, meint in seinen Briefen aus Marokko, sie sei die erste Frau, die bei einem Heere gewesen, ohne dort Unheil anzustiften.

Das zweite Zwischenspiel ist bedenklicherer Art. Wie bereits erwähnt, befand sich der Neffe und Nachfolger Montezumas, König Guatemozin, mit einer Anzahl vornehmer Mexikaner zwangsweise im Stabe des Generalkapitäns. Während der Rasttage in Izansanak im Lande Akalan erfuhr Cortes durch einen oder zwei vornehme Indianer von einer Verschwörung, die Guatemozin, der Fürst von Takuba und etliche andere Edelleute wider den Feldherrn und seine Truppen verabredet haben sollten. Sofort ließ er die Schuldigen verhaften und vor ein Kriegsgericht stellen. Die beiden Fürsten leugneten eine förmliche Verschwörung, gaben aber unter Folterqualen zu, daß der Plan, die hispanischen Offiziere zu überfallen und alle Eroberer auszurotten, von etlichen ihrer Edelleute wohl einmal in ihrer Gegenwart vorgebracht worden wäre, indessen hätten sie ihn von vornherein entschieden zurückgewiesen. Ohne ihr Wissen und ohne ihre Zustimmung aber wäre solch ein Plan in keinem Falle je ausgeführt worden. Diese Beteuerung hatte keinen Erfolg. Die Angeklagten wurden allesamt zum Tode am Galgen verurteilt, und Cortes bestätigte das Urteil. Guatemozin, der Fürst von Takuba und fünf oder sechs Edelleute wurden am frühen Morgen am Aste eines alten Baumriesen aufgeknüpft. Beschuldigung, Kriegsgericht und Urteilsvollstreckung waren das Werk von zwölf Stunden. Dies geschah am 28. Februar 1525.

Dem Vorwurf, einen politischen Mord vollführt zu haben, ist Cortes nicht entgangen. Bernal Diaz, der einzige Augenzeuge, ist von der Unschuld Guatemozins überzeugt. Er sagt in seinen Denkwürdigketten ausdrücklich: »Sie starben unschuldig, und ihr Tod war in den Augen aller, die den Feldzug nach Honduras mitgemacht haben, eine Ungerechtigkeit. Ich glaube nicht, daß einer unter uns gewesen ist, der ihn nicht mißbilligt hätte.« Anderer Meinung ist naturgemäß Gomara, der Fürsprecher des Eroberers. (Vgl. seinen Bericht S. 457 ff.) Herrera übernimmt Gomaras Darstellung, Clavigero die des Bernal Diaz, beide ohne eigene Zutaten.

Torquemada fügt seiner Schilderung des Vorfalles die Worte hinzu: »So starben diese Fürsten, und Cortes war der Sorge ledig, die sie ihm machten. Guatemozin war ein tapferer Mann, der in allen Widerwärtigkeiten seinen königlichen Sinn bewahrte. Dieser wich auch nicht von ihm in der Stunde des Henkertodes. Fragt man mich nach dem Grunde der Hinrichtung, so muß ich sagen, er war kein anderer als der: es war eine große Last für Cortes, diese Fürsten immerdar bewachen zu müssen.«

Die späteren Geschichtschreiber streiten sich über die Schuld oder Unschuld des Fürsten. Die heutigen Mexikaner glauben aus Haß gegen die spanischen Eroberer fest an die Unschuld ihres Königs Quautemok, dem sie 1885 in Mexiko auf dem Paseo de la Reforma ein Denkmal gesetzt haben, das so recht den schlechten Geschmack der Amerikaner in Dingen der Kunst verrät. Der Sockel trägt übrigens noch die Namen von vier anderen Helden und Märtyrern des Landes: Kakama, Kuitlahuak, Tetlepanquetzal und Koanakoch.

Die Tat des Cortes war durchaus im Geiste seines Jahrhunderts. Es sei an eine Stelle in Machiavells Principe erinnert, wo es heißt: »Um nach der Eroberung eines bisher freien Staates ihn sicher zu beherrschen, genügt es, die Familie des früheren Herrschers auszurottenBei der mehrfachen Erwähnung des Macchiavell und seines Principe – erschienen zuerst 1532 in Rom bei Antonio Blado – sei auf die schöne deutsche Ausgabe des berühmten Buches hingewiesen, die 1912 in Jena, vereint mit Friedrichs des Großen Gegenschrift, erschienen ist. Die hier erwähnte Stelle findet man auf S. 5 dieser Übersetzung.

Am 12. Oktober 1524 hatte Cortes seinen Marsch nach Honduras begonnen. Erst am 25. April 1526 schiffte er sich daselbst, im Hafen von Truxillo, wieder ein, um nach Mexiko zurückzukehren. Nach kurzem Aufenthalt auf Kuba landete er Ende Mai 1526 gegenüber der Insel San Juan de Ulloa.

Er kam krank an und war kaum wiederzuerkennen. Während seiner langen Abwesenheit war so manches geschehen, was er nicht billigte. Überdies hatte man ihn bereits totgesagt, eine Gedächtnisfeier veranstaltet und sich seiner Güter bemächtigt. Seine Wiederkehr erweckte allgemeinen Jubel. Man hatte an allerlei aufwuchernden Mißständen erkannt, wie bei weitem gerechter, maßvoller und großmütiger er im Vergleich zu denen war, die sich zu seinen Nachfolgern aufschwingen wollten.

Anfang Juni 1526 zog Cortes feierlich in der Hauptstadt ein. Vier Wochen später kam ein Abgesandter der spanischen Regierung an, der Kaiserliche Rat Luis Ponce von Leon, ein Mann von Unparteilichkeit und Gemessenheit, der die von mannigfacher Seite wider Cortes erhobenen Anschuldigungen sachlich untersuchen und darüber entscheiden sollte. Er war mit weiter Vollmacht ausgestattet. Er überreichte dem Eroberer des Landes ein Handschreiben Karls V., in dem er ihm die Gründe seiner Maßnahme darlegte. Er wolle ihm Gelegenheit zu seiner Rechtfertigung geben. Cortes erhielt die Nachricht von der Ankunft des Ponce in der wohl während seiner Abwesenheit erbauten Arena, bei einem Stierkampfe. Die Anklage erstreckte sich in der Hauptsache auf folgende Punkte: Cortes habe vom beigetriebenen Golde ihm nicht Zukommendes zu seinem Nutzen verwandt; er habe den Schatz Montezumas heimlich beiseite gebracht; er habe in seinen Berichten und Abrechnungen falsche Angaben über das eroberte Land gemacht; er maße sich über die Spanier wie über die Indianer unumschränkte Gewalt an; er habe sich einen fürstlichen Palast gebaut und die Hauptstadt in einer Weise zur festen Stadt gemacht, die darauf hindeute, daß er danach strebe, sich und sein Gebiet unabhängig von der Krone Spaniens zu machen.

Cortes ritt dem Rat mit seiner gesamten Ritterschaft entgegen und empfing ihn mit erlesener Höflichkeit und Ehrerbietung. Es war ein Mißgeschick, auch für den Feldherrn, daß Ponce am Typhus erkrankte und nach wenigen Tagen starb, noch ehe er die begonnene Untersuchung zu Ende geführt hatte. Man war allgemein bestürzt. Sein Amtsnachfolger ward ein gewisser Estrada, der dem Verstorbenen als Schatzmeister zur Seite gestanden hatte, ein hitziger und parteiischer Mann, der offenbar nicht die Fähigkeiten besaß, eine derartige schwierige Angelegenheit zu einem ersprießlichen Ergebnis zu bringen.

Cortes zog sich zunächst nach seinem Lieblingsgute zu Kojohuakan zurück. Da aber die Ränke seiner Gegner am Hofe des Kaisers nicht ruhten, faßte er den Entschluß, sich in eigener Person nach Spanien zu begeben. Inzwischen war in der Heimat eine Königliche Audiencia zur unparteiischen Untersuchung der wider ihn erhobenen Anschuldigungen eingesetzt und ihm der Befehl erteilt worden, sich persönlich einzustellen. Sein fünfter Bericht, der um jene Zeit abgesandt sein mag, schließt mit der Erklärung, er habe das Vertrauen, der Kaiser werde mit der Zeit seine Verdienste anerkennen. Sollte dies zu seinem Unglück nicht der Fall sein, so werde die Nachwelt von seiner Rechtlichkeit überzeugt sein. Er selbst habe das Bewußtsein, seine Pflicht getan zu haben. Eine bessere Hinterlassenschaft begehre er für seine Kinder nicht.

Er zögerte keinen Augenblick, sich nunmehr schleunigst nach Spanien einzuschiffen. Jene Briefworte geben die tiefste Überzeugung des Feldherrn wieder. Die Behandlung, die ihm zuteil ward, empfand der stolze und selbstbewußte Mann als schwere und unverdiente Kränkung. Er war in der Tat ein treuer Diener seines Kaisers und konnte mit vollem Rechte von sich sagen, daß er für die Macht und den Waffenruhm seines Vaterlandes Vieles und Großes geleistet hatte.

Auf dem Wege zum Hafen, in Verakruz traf ihn die Nachricht vom Tode seines Vaters. Schmerzlich bewegt ging Cortes an Bord, begleitet von etlichen seiner Getreuesten, darunter Sandoval und Tapia. Auch waren ein Sohn Montezumas und mehrere mexikanische Edelleute in seinem Gefolge. Die Fahrt dauerte 41 Tage. Es war im Mai 1528, als Cortes in dem kleinen Hafen Palos ankam, übrigens dem nämlichen Orte, wo 35 Jahre vordem Kolumbus bei der Rückkehr von der Entdeckung der Neuen Welt gelandet war. Es wird berichtet, Cortes habe hier in Palos eine zufällige Begegnung mit Franz Pizarro gehabt, dem Eroberer von Peru, mit dem er durch seine Mutter verwandt war.

Nach der Landung verschlimmerte sich der Zustand des auf der Fahrt erkrankten Gonzalo von Sandoval. Er starb einige Tage darauf, erst 31 Jahre alt. Cortes war auf die Nachricht, daß es schlecht mit ihm stand, in seine armselige Herberge geeilt. Erschüttert drückte er seinem treuesten Kriegsgefährten ein letztes Mal die Hand. Der tote Held fand eine würdige Ruhestätte unter den Pinien des Friedhofes im Franziskanerkloster Maria La Rabida, berühmt durch den Aufenthalt des Kolumbus daselbst im Jahre 1491.

Bernal Diaz schildert den Empfang des Feldherrn am Hofe:

»Als Cortes im kaiserlichen Hoflager eintraf, gab Seine Majestät Befehl, ihm Quartier anzuweisen. Der Herzog von Bejar, der Graf von Aguilar und etliche ihnen verwandte hohe Herren zogen ihm entgegen und bereiteten ihm einen ehrenvollen Empfang. Am Tage darauf erlaubte der Kaiser, sich ihm zu Füßen zu werfen. Um ihn besonders auszuzeichnen, gaben ihm der Admiral von Kastilien, der Herzog von Bejar und der Großritter von Leon das Geleite zur Audienz. Nachdem Cortes von Seiner Majestät das Wort erhalten hatte, kniete er nieder; aber der Kaiser geruhte, ihn sofort aufzuheben, worauf Cortes in ausführlicher Weise seine vielen Dienste aufzählte, den beschwerlichen Feldzug nach Honduras schilderte und die Ränke darstellte, die man ihm während seiner Abwesenheit von Mexiko bereitet hatte. Er trug die ganze lange Rede frei vor und schloß mit den Worten: Um Eure Kaiserliche Majestät nicht länger zu ermüden, und dieweil es einem Untertanen wie mir nicht gebührt, vor dem größten Herrscher der Welt noch mehr zu reden, und da der Schmerz über das viele Unrecht, das ich Hab erdulden müssen, mich leicht zu einem unschicklichen Worte verleiten könnte, so hab ich alles, was ich zu sagen habe, in dieser Denkschrift aufgezeichnet.

»Zugleich überreichte er dem Kaiser die Schrift und ließ sich auf die Knie nieder, zum Danke für das ihm huldvoll geschenkte Gehör. Aber der Kaiser befahl ihm wiederum, sich zu erheben, worauf ihn der Admiral und der Herzog von Bejar zu einer ihn belohnenden Allerhöchsten Auszeichnung in Vorschlag brachten.

«Der Kaiser säumte nicht und erhob den Generalkapitän (in einer Urkunde vom 6. Juli 1529) zum Markgrafen vom Tale Oaxaka, verlieh ihm das Großkreuz des Sankt-Jakobs-Ordens und schenkte ihm Ländereien. Ferner ernannte er ihn zum Ober-General von Neu-Hispanien und der Südsee.

»In einer zweiten Audienz stattete Cortes dem Kaiser seinen Dank für die ihm zuteil gewordenen hohen Auszeichnungen ab. Abermals ward er auf das gnädigste empfangen.

»Während seines übrigens nur kurzen Aufenthalts in Toledo wurde Cortes so gefährlich krank, daß man an seinem Aufkommen zweifelte. Da baten der Herzog von Bejar und der Großritter von Leon den Kaiser, den Kranken vor seinem Tode für seine großen Dienste durch einen Besuch auszuzeichnen. Seine Majestät erfüllte die Bitte und geruhte, in Begleitung vieler Herzöge und Grafen vor dem Bette des Kranken zu erscheinen.«

Aus zwei weiteren Urkunden vom Juli 1529 geht hervor, daß dem neuen Markgrafen in der Landschaft Oazaka und an anderen Orten des Tales beträchtliches Gebiet und in der Stadt Mexiko ansehnliche Grundstücke zugewiesen worden sind. Er wurde dadurch Herr über 20 Ortschaften und über 23 000 Lehnsleute. Seine Einkünfte aus dieser fürstlichen Herrschaft sollen jährlich 60 000 Dukaten betragen haben.

Zweifellos waren ihm alle diese kaiserlichen Ehrungen in aufrichtigem Wohlwollen zuteil geworden. Die Staatsklugheit erforderte es aber, daß man einer Herrennatur wie ihm nicht die volle Gewalt in einer so fernen und reichen Kolonie auf die Dauer überließ. Das eigentliche Reich Mexiko war zu Frieden und Ruhe gebracht. Wenn Cortes nur noch im Besitz der militärischen Macht des neuen Staates verblieb, so ward damit sein Drang nach Taten auf die natürlichste Weise auf Entdeckungen und Eroberungen außerhalb von Mexiko hingewiesen. Man verlieh ihm das Herrscherrecht über alle in der Südsee fortan entdeckten Länder und gegründeten Ansiedelungen. Das Zwölftel jedweder Gebietserweiterung sollte sein persönliches Eigentum sein. Die Verwaltung des bereits eroberten Gebietes aber vertraute man ihm nicht weiterhin an. Die Legende der gern rührseligen Nachwelt hat dem Eroberer Verstimmung und Verbitterung von jener Zeit an bis zu seinem Tode angedichtet. Man geht jedoch kaum fehl, wenn man sich von der Vorstellung eines in Entsagung grollenden und nun dumpf dahinlebenden Mannes frei macht. Große Geister fügen sich, zumal wenn sie noch nicht am Alter leiden, im Augenblick jedweder Veränderung ihrer Lebenslage. Der damals 44 Jahre alle Cortes war nach wie vor ein zum höchsten Stolze berechtigter Machthaber, überdies ein reicher und unabhängiger Mensch. Es ist nicht anzunehmen, daß die Worte, die er 1535 nach Spanien schreibt, höfische Unwahrheit sind: »Die liebreiche Ausnahme, die ich bei meiner Heimkehr von Seiner Kaiserlichen Majestät erfahren habe, die gnädigen Worte und die großmütige Behandlung machen nicht nur alle meine Mühsale und Leiden vergessen, sondern erregen in mir sogar das Bedauern, daß es mir nicht vergönnt war, in Seiner Majestät Diensten noch größere zu erdulden.« Ein Geschichtschreiber jener Tage sagt ganz in dieser Auffassung: »Cortes hatte das Glück, den Kriegsruhm Alexanders des Großen und den Reichtum des Krassus beieinander zu besitzen.«

Der General tat das Beste, was er jetzt tun konnte. Er machte eine Eroberung auf ganz anderem Gebiete. Er verheiratete sich mit einer jungen schönen Edeldame, der Dona Juana von Zuniga, der Tochter des jüngeren Grafen von Aguilar, der Nichte seines Gönners, des Herzogs von Bejar. Eines der kostbaren Geschenke, die er ihr machte, erregte die Bewunderung und den Neid aller weiblichen Gemüter. Es waren dies zwei märchenhaft schöne große Smaragden, in Rosenform geschnitten. Es wird berichtet, sie seien 40 000 Dukaten wert gewesen. Der eine habe die Inschrift gehabt: Gelobt sei Dein Schöpfer!–, der andere in lateinischer Sprache: Über allen Frauen auf Erden stehst Du!

Cortes verstand sich also auf die Galanterie.

Im Frühjahre 1530 verließ Cortes Spanien, um nach Mexiko zurückzukehren. Seine junge Frau und seine alte Mutter begleiteten ihn. Zunächst war St. Domingo auf Haiti das Ziel der Reise. Hier wollte er abwarten, wie die kaiserliche Regierung die neue Verwaltung von Mexiko regelte.

Wie bereits gesagt, war im Jahre 1526 eine Königliche Audiencia eingesetzt worden. Da sie sich als unfähig erwies, ward jetzt eine neue ernannt. Im Gegensatz zu der früheren war sie bestrebt, dem General gegenüber dessen Verdienst und Range gemäß auszutreten und Gerechtigkeit walten zu lassen.

Beruhigt setzte Cortes nunmehr, am 15. Juli 1530, seine Heimreise nach Mexiko fort, wählte sich aber nicht die Hauptstadt, sondern das am anderen Seeufer gelegene Tezkuko zum Wohnsitze. Dort bildete sich um ihn ein fürstlicher Hofstaat. Später verlegte er seinen Aufenthalt nach Kuernavaka am Südhange der Kordilleren, wo er in der herrlichsten Landschaft einen hochgelegenen, heute verfallenen Palast besaß.

Hier in geliebter Einsiedelei betätigte sich Cortes mit der Verwaltung und Vervollkommnung seiner Landgüter. Er begann den Zuckerbau, wie er auf Kuba betrieben ward, züchtete Merinoschafe und anderes Vieh, pflanzte Maulbeerhaine an für die Seidenraupe, leitete allerlei Feldwirtschaft und beutete Gold- und Silbergruben aus.

Bei all dieser friedlichen Beschäftigung ruhte sein Entdeckerdrang keineswegs. In den Jahren 1532 und 1533 sandte Cortes zwei kleine Geschwader vom Hafen Tehuantepek nach dem Nordwesten aus. Sie erreichten die Halbinsel Kalifornien. Eines seiner Schiffe strandete an der Küste von Neu-Galicien, wo es von Nunez de Guzman, dem alten Feinde des Generals, geplündert und beschlagnahmt wurde. Cortes verklagte Guzman. Da sich der Gerichtshof aber zu kräftigen Maßregeln nicht entschloß, griff Cortes zur Selbsthilfe. Er unternahm persönlich einen Zug nach der Unglücksstelle, erhielt sein Schiff auch zurück, freilich nicht die weggeschleppte wertvolle Ladung. Aber seine Pläne, in Kalifornien eine Niederlassung zu gründen, blieben ohne Erfolg. Ein im Jahre 1539 unter Ulloa ausgesandtes Geschwader von drei Schiffen kehrte überhaupt nicht wieder. Alle diese Unternehmungen kosteten Cortes große Summen, 300000 Goldpesos, ohne daß sie ihm etwas einbrachten. Aus Mangel an barem Gelde war er einmal sogar genötigt, kostbare Juwelen seiner Frau zu verpfänden. Ein armer Mann aber, wie die Sage berichtet, ist der Markgraf trotzdem nie geworden.

Einen neuen Versuch, ein Unternehmen unter dem Oberbefehl seines Sohnes Ludwig nach dem Norden auszusenden, verhinderte der inzwischen eingesetzte erste Vizekönig von Neu- Hispanien, Don Antonio von Mendoza, der das Entdeckungsgebiet nach dieser Richtung für sich geltend machte. Diese und andere Streitigkeiten, insbesondere aber auch der Gedanke, beim Kaiser eine Entschädigung in Geld oder neuen Rechten für seine vielen Unternehmungen erreichen zu können, veranlaßten Cortes im Jahre 1540, abermals nach Spanien zu fahren.

Der Kaiser war damals nicht im Lande. Cortes wurde mit allen Ehren empfangen. Auch der Königliche Rat von Indien, an den er sich in seinen Angelegenheiten wandte, ließ es an Hochachtung und feierlichen Formen nicht fehlen. Greifbare Erfolge aber hatte der Feldherr nicht.

Im nächsten Jahre nahm Cortes an der unglücklichen Unternehmung des Kaisers gegen Algier teil, begleitet von seinem Sohne Martin und einem stattlichen Gefolge. Bei dem Sturme, der die Flotte heimsuchte und zum Teile vernichtete, scheiterte auch die Galeere, auf der Cortes fuhr. Mit knapper Not rettete er sich samt den Seinen.

Trotz seines hohen Kriegsruhmes spielte Cortes im Kaiserlichen Hauptquartier keine besondere Rolle. Er wurde nicht einmal zu den Sitzungen des Kriegsrates hinzugezogen, und sein Angebot, Algier mit den noch vorhandenen Truppen nehmen zu wollen, fand keine Würdigung.

Wieder in Spanien, zog sich Cortes von der Welt zurück. Alle seine weiteren Bemühungen scheiterten an der Gleichgültigkeit des Kaisers. Es ging Cortes ebenso wie dem Kolumbus. Nach drei Jahren vergeblichen Wartens entschloß er sich, in müder Entsagung, sein altes, ihm zu wenig dankbares Vaterland zu verlassen und seine andere Heimat über dem Weltmeere wieder aufzusuchenEinen letzten Brief des Cortes – gewöhnlich als ultima carla bezeichnet – druckt Prescott im Anhange seiner »Geschichte der Eroberung von Mexiko« ab. In der deutschen Ausgabe im Bd. II, 504 – 507. Er ist vom 3. Februar 1544. Die Urschrift liegt im Archivo de Indias..

Von seinem Sohne begleitet, kam er aber nur bis Sevilla, wo er an einer Art Ruhr erkrankte. Er war nicht mehr widerstandsfähig. Mit seinen Hoffnungen war auch seine Lebenskraft zerbrochen. Er ordnete seine irdischen Angelegenheiten, unterzeichnete am 11. Oktober 1547 seinen endgültigen Letzten Willen und starb am Freitag, den 2. Dezember 1547, in seinem 63. Lebensjahre, friedsam und gefaßt als echter Kriegsmann. Kurz vor seinem Tode war er aus der Stadt in das nahe ruhigere Dorf Castilleja de la Cuesta gezogen.

Sein Begräbnis war feierlich und ehrenvoll. Man bestattete ihn zunächst in der Familiengruft der Herzöge von Medina- Sidonia. Fünfzehn Jahre danach geleitete Martin Cortes die Asche des Vaters nach Neu-Spanien, wo sie im Franziskanerkloster zu Tezkuko an der Seite seiner Mutter beigesetzt wurde.

Ein halbes Jahrhundert später brachte man die Gebeine des Eroberers unter großem Gepränge nach der Hauptstadt Mexikos, wo sie, am 24. Februar 1629, in der Franziskanerkirche ihre Ruhestätte fanden, bis sie dann 1794 in das ehedem von Cortes gestiftete Krankenhaus Jesus Nazareno kamen. Dieses Grab schmückten ein schlichter Denkstein mit seinem Wappen und eine Bronzebüste von Tolsa. Aber auch hier verblieb der große Spanier nicht. Um die Asche vor der Vernichtung durch den Pöbel zu retten, mußte man sie 1823 heimlich entfernen. Sie gelangte schließlich nach Neapel in die Gruft der Herzöge von Terra-Nuova-Monteleone, der Nachkommen einer Urenkelin des Eroberers. Der in seinem Letzten Willen ausgesprochene Wunsch, in Kojohuakan (Koyoakan, 20 km südwestlich von Mexiko) eine ewige Ruhestätte zu finden, ist unerfüllt geblieben.

Das heutige Land Mexiko ehrt das Andenken des Ferdinand Cortes durch kein Denkmal. Nur im Krankenhaus der Purissima Concepcion ln der Hauptstadt finden wir ein Bildnis von ihm. Eine Nachbildung ist diesem Buche beigegeben. Seit Neu-Spanien das zweifelhafte Glück hat, eine Republik mit immer wieder wechselnden habgierigen Führern zu sein (seit 1822), tilgt man jedwede Erinnerung an die spanischen ErobererEin gründliches und gutgeschriebenes neueres Buch über das heutige Mexiko fehlt der europäischen und amerikanischen Literatur. Flüchtig unterrichtet: Mexiko. Das Land der blühenden Agave einst und jetzt. Geschildert von Josef Lauterer. Mit 117 Abbildungen. Leipzig 1908.

Von der älteren Literatur sei hier noch erwähnt:

Antonio de Solls y Rlbadeneira. Historia de la Conquista de Mejico. Madrid 1684; auch Barcelona 1691. Eine neuere Ausgabe: herausgegeben von I. de la Revilla, Paris, Baudry, 1844. Deutsch: Geschichte der Eroberung von Mexiko, Kopenhagen 1750 ff., 2 Bde.

Antonio de Solis, geboren 1610 in Spanien, gestorben 1686, Geheimschreiber der Witwe des Königs Philipp IV. seit 1661, war erst Bühnendichter, dann Priester. Seine Stücke sind 1681 erschienen. In seiner Geschichte von Mexiko ist er ein feinsinniger und schöngeistiger Darsteller, vielleicht mehr Dichter als Geschichtschreiber im gelehrten Sinne.

Nachbildungen der ältesten Karten von Amerika findet man in: Konrad Kretschmer. Die Entdeckung Amerikas in ihrer Bedeutung für die Geschichte des Weltbildes. Mit einem Atlas von 40 Tafeln in Farbendruck. Berlin 1892.

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Von Ferdinand Cortes – als Mensch, Feldherrn und Staatsmann – gewinnen wir aus den zeitgenössischen Schilderungen seiner Persönlichkeit und seiner Taten trotz des verschiedenartigen Lichtes, den diese Überlieferungen auf den Helden werfen, ein einheitliches Bildnis.

Man hat mit Recht gesagt, die Geschichte der Eroberung von Neu-Spanien sei die des Cortes selbst, der nicht allein die Seele, sondern auch der Körper der Unternehmung von Anfang bis Ende war. Er ist immer und überall persönlich anwesend: bei der Ausrüstung der Schiffe, bei ihrer Führung über die See, im Getümmel der Gefechte, beim Bau von Festungswerken, beim Nachtdienst der Nacht, bei der Erkundung des Landes, bei der Durchsicht der Geschütze und Waffen, bei der Wahl von Siedelungsplätzen und in jedweder anderen Sache. Unterhandlungen, Berichte, Briefe, alles macht er selber. Daneben hat er Zeit zu Liebeshändeln, und wie Julius Cäsar schreibt er inmitten all dieser Arbeit und Rastlosigkeit an seinem Tagebuche.

Sein Wesen birgt die größten Gegensätze, offenbar infolge von Eigenschaften, die miteinander unverträglich sind. Er war freigebig und doch habsüchtig, bis ins Ungeheuerliche kühn in seinen Plänen und doch vorsichtig und bedachtsam in ihrer Ausführung; bei aller Ritterlichkeit rücksichtslos; hochherzig und überaus listig; höflich und freundlich in seinem Benehmen und wiederum unerbittlich streng und hart; lässig in den Augen der Tugendbolde und dabei merkwürdig peinlich in der Ausübung frommer Äußerlichkeiten. Er war als Mensch geschmeidig, als Staatsmann verschlagen, als Feldherr erbarmungslos. Der große Zug in seiner Persönlichkeit liegt in seinem festen und beharrlichen Willen, den keine Gefahr, kein Hindernis, kein Mißerfolg ändert oder bricht.

Cortes war ein fahrender Ritter im eigentlichsten Sinne dieses Wortes. Im großen Troß der Abenteurer, die in Spaniens 16. Jahrhundert auf Entdeckungen und Eroberungen ausgezogen sind, ist er geradezu die Verkörperung des kriegerischen Geistes, der alle diese Männer erfüllt hat. Todesgefahren und schlimme Umstände sind seinem Fühlen und Denken das rechte Lebenselement. Sie sind ihm notwendig, um sich seiner Kräfte zu erfreuen und sie voll zu benutzen. Es reizt ihn, die Dinge an der schwierigsten Seite anzugreifen. Im Augenblick, wo er den Fuß auf die Erde von Neu-Hispanien setzt, denkt er nicht mehr daran, daß er hier im Auftrage eines Vorgesetzten langweilige Handelsgeschäfte machen soll. Er ist sich vielmehr feierlich bewußt, daß er ein neues Land betritt, das er bis zu den fernsten Grenzen erobern will. Das ist fortan sein heiliger Beruf, dem er unentwegt nachstrebt. Nichts vermag ihn davon abzuschrecken oder daran zu hindern: nicht die Erkenntnis der Machtfülle der Feinde, nicht Meuterei und Widerrede im eigenen Heere, nicht die Ränke seiner Widersacher auf der Insel Kuba und später am Kaiserhofe, nicht die Übermacht des gegen ihn anrückenden Narvaez, nicht einmal der grausige Schlag der Noche triste. Und kaum sind Land und Stadt Mexiko niedergerungen und friedlich gemacht, so schaut seine Tatenlust von neuem in die Fernen. Er beginnt seine Herrschaft nach allen Richtungen auszudehnen und versucht sein Glück in Honduras, in Kalifornien, in Panama und am Panuko. Nur die Ängstlichkeit und Engherzigkeit des Kaisers, dessen treuester Kriegsmann er zeitlebens mit Leib und Seele war, hemmt ihn, nach Peru und noch weiter ins Unbekannte vorzudringen. In seinem 5. Bericht an Karl V. schlägt er eine Unternehmung nach den Molukken und nach China vor.

Dieser Geist des fahrenden Ritters könnte uns verleiten, seine Fähigkeiten als Feldherr zu unterschätzen und ihn lediglich als glücklichen Abenteurer anzusehen. Doch das hieße ihm Unrecht antun; denn Cortes war ein großer Feldherr, wenn der einer ist, der aus einem Haufen zusammengelaufener Männer eine Kriegerschar macht, die mit ihm durch dick und dünn geht, der Tausende von Amerikanern zum blutigen Bruderkrieg zu begeistern und zu führen versteht, kurzum, der mit völlig unzureichenden Mitteln einen Kriegszug unternimmt und durchführt, der seinesgleichen in der Weltgeschichte nicht hat.

Was die Nachwelt an Alexander dem Großen bewundert, seinen wohlvorbereiteten Zug nach dem fernen Indien, Ländern, die noch kein Europäer betreten: der Zug des Ferdinand Cortes steht ihm in nichts nach. Und jene wunderbare Eigentümlichkeit des genialen Hannibal, das bunteste Gemisch von Landsleuten, Söldnern und Bundesgenossen mit einem Wort, einem Blick, einer Geste zu einer Einheit zu verschmelzen: wir finden sie in Cortes wieder. Keine der hohen Tugenden eines großen Heerführers ermangelt ihm. Willensstärke, Beharrlichkeit, Kühnheit, Ruhe in der Gefahr, seelische Überlegenheit, rasche Entschlußfähigkeit, Erfindungsgeist, innere Anschauungskraft, alles das offenbart sich in ihm immer von neuem.

Seine Macht über die Gemüter seiner Offiziere und Soldaten, der Masse wie dem einzelnen gegenüber, war nicht nur das natürliche Ergebnis ihres Vertrauens auf seine Führerfähigkelten. Etwas persönliches bindet alle diese Männer noch überdies an ihn. Er verstand es, ihnen allen als Kamerad und Freund zu begegnen, ohne von seiner Generalswürde das geringste einzubüßen. Auf andere Weise wäre es nicht möglich gewesen, eine Rotte von goldgierigen Abenteurern auf die Dauer zu bändigen und mit ihnen in schwierigen Lagen immer wieder Großes zu vollbringen. Bernal Diaz erzählt, daß ihn seine Veteranen einfach mit »Cortes« anreden durften, ohne Titel und sonstigen Zusatz. Bei alledem herrschte volle Zucht und Ordnung in seinem Heere. Er wußte im rechten Augenblick durchaus streng zu sein. Alles in allem aber handelte er nach dem schönen Grundsatze Friedrichs des Großen: Am Tage einer Schlacht sollen mich meine Soldaten mehr lieben denn fürchten!

Bernal Diaz ist das beste Beispiel für die unauslöschliche Liebe und Anhänglichkeit, mit der das Heer an Cortes hing. Jener derbe Soldat kennt keine Schmeichelei. Im Gegenteil, er hat seine uns gerade darum wertvollen Denkwürdigkeiten niedergeschrieben, well er die Kriegstaten des von Gomara vergötterten Herrn und Meisters auf das Maß der Wirklichkeit zurückführen will. Sein Bildnis des Eroberers bringt auch die von Gomara sorglich übermalten Schwächen an den Tag. Eines jedoch ist rührend. So gern Diaz an Cortes und seinen Taten krittelt und zerrt, sobald es aber gilt, den Feldherrn gegen Beschuldigungen oder Herabsetzungen Dritter zu schützen, da gibt es nur einen Generalkapitän, nur einen Eroberer, nur einen Helden: Ferdinand Cortes. Das ist ganz so, wie es für die Offiziere und Soldaten der napoleonischen Heere immer wieder nur den Einen gab, den Kaiser.

Cortes war kein gewöhnlicher Eroberer. Ehrgeiz und Gewinnsucht waren durchaus nicht die Haupttriebfedern in ihm. Er hatte zweifellos einen höheren Drang in sich. Seinem Kaiser die ganze Welt erobern helfen, war sein unermüdlicher Gedanke. Der Beinamen »Der Eroberer«, mit dem ihn seine Zeitgenossen ehrten, war sein ganzer Stolz. Dabei hielt er die alte Wahrheit hoch, die der zielbewußte Preußenkönig ein Jahr vor dem Siebenjährigen Kriege in die Worte gefaßt hat: »Nur keine grands sentiments! Jeder Krieg, der nicht zu Eroberungen führt, schwächt den Sieger und entnervt den Staat.«

Ein Barbar war Cortes nicht. Selbst in der Zerstörung der eroberten Hauptstadt liegt keineswegs die wüste Sucht, alles zu vernichten. Diese Tat geschieht übrigens durchaus im Geiste jener Zeit. Machiavell, also einer der höchsten Kulturmenschen zu Beginn des Cinquecento, sagt in seinem Fürstenspiegel: eine eroberte, bisher freie und große Stadt müsse man unbedingt zerstören, und verweist auf das Beispiel der Römer, die Kapua, Karthago und Numantia zerstört, sich aber gerade deshalb in jenen Gebieten behauptet hätten.

Nach der Unterwerfung des Landes war Cortes auf den inneren Ausbau der Kolonie gar wohl bedacht, allerdings kaum zum Vorteile der Eingeborenen. Cortes war – wie auch Kolumbus – kein Gegner der sogenannten Repartimientos. Ein Indianer galt dem Spanier wenig, und Leute wie Las Casas waren in den Augen der meisten Ansiedler nur lächerliche oder wunderliche Schwärmer.

Gewiß war Cortes von Goldgier nicht frei. Beinahe keiner der Eroberer ist das gewesen. Aber er verwandte die zusammengerafften Reichtümer, solange er tatenlustig war und noch freie Hand hatte – später hinderte ihn Mendoza allzusehr –, immer wieder zur Ausrüstung und Durchführung neuer Entdeckungszüge. In Tehuantepek legte er einen Hafen aus eigenen Mitteln für seine Erkundungsfahrten entlang der Küste der Südsee an. Bisweilen hatten diese Unternehmungen überhaupt nicht den Zweck des Geldgewinnes. Jahrelang hegte er die stille Hoffnung, eine natürliche Durchfahrt vom Nord- zum Südmeere zu finden. Er sah die ungeheuere Wichtigkeit des Panama-Wasserweges für den Weltverkehr klar voraus.

War Cortes eine grausame, blutdürstige Natur? Man hat ihm in dieser Hinsicht große Vorwürfe gemacht, die gewiß ungerecht sind. Der Weg eines Eroberers ist notgedrungen mit Blut getränkt. Nur die blasse Furcht konnte die feindseligen Massen zügeln, durch die sein kleines Heer von 500 Europäern so kühn und verwegen vorwärts drang. Das Blutbad zu Cholula hat manch andere Stadt vom Widerstände abgeschreckt. Aus anderem, aber zwingendem Grunde erfolgte auf ein rasches Kriegsgericht hin die Hinrichtung des letzten Fürsten der Azteken Guatemozin. Es war eine staatsmännische Zwangsmaßregel, wie sie selbst in Europa zu damaliger Zeit gang und gäbe war. Die Engländer sind noch heutzutage Anhänger dieses urwüchsigen Verfahrens, mit dem sie weittragende Erfolge zu erzielen pflegen. Cortes beseitigte mit Guatemozin die ständige ihm und allen Spaniern drohende Gefahr einer Bartholomäusnacht. Grausam aus nutzloser Blutgier ist Cortes niemals gewesen.

Ein Zug am Wesen des Helden erscheint uns Kindern des 20. Jahrhunderts sehr sonderbar, seine Frömmelei, die uns eines großen Geistes unwürdig dünkt, wenn wir vergessen, daß der finstere Geist seiner Zeit ihm diese Komödie unerläßlich machte. Seit 1478 tobte in Spanien der Wahnsinn der Inquisition. Für Cortes war die strenge Treue am kirchlichen Kult nicht nur wie jedem Herrscher eine nützliche Klugheit, sondern vor allem ein Mittel der Selbsterhaltung gegenüber seinen zahlreichen Gegner nah und fern. Wie wenig hold er der höheren Geistlichkeit im Grunde seiner klaren Seele war, geht aus einem seiner Berichte an Kaiser Karl hervor, wo er schreibt: »Eure Majestät bitt ich, Klosterbrüder und keine Domherren nach Neu-Hispanien zu schicken, dieweil diese ein lästerlich und kostspielig Leben führen, ihren Bastarden große Reichtümer zuschieben und den bekehrten Eingeborenen allerlei Ärgernis bereiten.«

Die dumpfe Gläubigkeit, die Cortes zur Schau trägt, entbehrt aber nicht des Kernes echter Frömmigkeit. Inmitten des grenzenlosen Aberglaubens seiner Zeitgenossen ist jene Stelle in einem seiner Berichte (S. 96) umso erfrischender: »Ich vermeine, Gott stehe über der Natur.«

Prescott, der englische Lebensschilderer des Eroberers, sagt: »Wenn wir seine vom Blute der unglücklichen Indianer gerötete Hand erhoben sehen, den Segen des Himmels auf die ihm geweihte Sache zu erflehen, so überkommt uns dabei ein Widerwille und der Zweifel an der Aufrichtigkeit dieser Gebärde. Aber das ist ungerecht von uns. Jeder spanische Ritter, wie niedrig und eigennützig seine Beweggründe zur Teilnahme am Feldzuge auch sein mochten, fühlte sich doch als Ritter des heiligen Kreuzes. Manche von ihnen haben dafür ihr Leben gelassen, und viele andere hätten nicht gezögert, ihrem Beispiel zu folgen, wenn die Umstände es gefordert hätten. Cortes selbst wäre Zweifellos der erste gewesen, der sein Leben für den Glauben Spaniens eingesetzt hätte. Er hat sein Leben, sein Vermögen und den ganzen Erfolg seines Unternehmens mehr als einmal in die größte Gefahr gebracht, dadurch, daß er im Sinne seines frömmlerischen Kaisers die Bekehrung der Eingeborenen voreilig und in scharfer Weise erzwingen wollte.«

Man hat vermeint, jenes berühmte Charakterbild, das Titus Livius zu Anfang des 21. Buches seiner Römischen Geschichte von Hannibal entworfen hat, passe Satz für Satz auch auf Cortes. Livius stellt den unbestreitbar großen Eigenschaften Hannibals als Heerführer »unmenschliche Grausamkeit und mehr als punische Treulosigkeit« entgegen. Mag der Barkide im Kampfe zuweilen zu Grausamkeiten gezwungen gewesen sein, wie dies jedem Feldherrn zuzeiten ergeht, mag er als Staatsmann die herkömmliche punische Gerissenheit weitergepflogen haben: persönlich war Hannibal weder treulos noch unwahr noch gefühllosDie Stelle bei Livius (XXI, 4) lautet: Hannibal zeigte angesichts der Gefahren die höchste Kühnheit, während der Gefahr selbst die höchste Besonnenheit. Durch keine Beschwerde ward sein Körper erschöpft, sein Mut besiegt. Gegen Hitze wie Kälte war seine Ausdauer gleich. Das Maß seiner Speisen und Getränke wurde vom Bedürfnisse der Natur, nlcht vom Vergnügen bestimmt. Seine Zeit zum Wachen und Schlafen wurde nicht durch Tag und Nacht geschieden, was ihm die Geschäfte übrigließen, ward der Ruhe gegönnt. Aber auch sie wurde weder durch ein weiches Lager noch durch Stille herbeigerufen; vielmehr haben ihn viele liegen sehen inmitten seiner Truppen, nur mit einem Soldatenmantel zugedeckt. Seine Kleidung war nie hervorstechend vor seinesgleichen; nur seine Waffen und seine Pferde waren es. Er war bei weitem der beste Soldat und der beste Reiter. In das Gefecht ging er als Erster. Hatte es einmal begonnen, so verblieb er als der Letzte. Diesen so großen Tugenden des Mannes hielten übergroße Fehler das Gleichgewicht: eine unmenschliche Grausamkeit und mehr als punische Treue. Wahrheit war ihm fremd, nichts ihm heilig. Ihn band keine Furcht vor Gott, kein Eid, kein Gewissen.

(Zu S. 81 ff.) Die hier gegebene Verdeutschung des zweiten und dritten Berichts des Cortes an Kaiser Karl V. macht aus erzählerischen Gründen den Versuch, der ersten deutschen Ausgabe, gedruckt in Augsburg 1550 (vgl. Anm. 14), einen Anklang an die Sprache des 16. Jahrhunderts zu entnehmen.

. Ebensowenig war Cortes als Mann und Mensch irgendwie unritterlich und unedel.

Wenn man seine Berichte an den Kaiser mit anderen zeitgenössischen und zuverlässigen Quellen vergleicht, so findet man hier und da Abweichungen, die ohne Zweifel den Zweck haben, gewisse Vorgänge und Tatsachen zu verschleiern. Cortes war zu diesen Machiavellismen gezwungen, um seine Macht und sein begonnenes großes Werk aufrechtzuerhalten. Überdies ist er gerade an solchen Stellen ein unvergleichlich feiner Stilist. Lügen sagt er nie, aber er verschweigt so manches und hüllt die Dinge, wo es ihm erforderlich scheint, gern in ein doppelsinniges Halbdunkel.

In diesen reizvollen Schatten rückt Cortes aber auch zuweilen sein eigenes Verdienst. Daß es seine persönliche Tapferkeit war (vgl. Seite 348), durch die bei Otumba sein kleines Heer den Pyrrhussieg davontrug, verschweigt er in edler Bescheidenheit.

Was man auch einwenden mag gegen den Eroberer und seine Kriegstaten, eines bleibt bestehen: Ferdinand Cortes war ein ganzer Mann, und die Berichte, die er seinem Kaiser schickt, sind ein schönes Denkmal, dauernder als Erz, das er sich selber gesetzt hat.

Cambrai, am 26. April 1917.

Arthur Schurig

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