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Die Erben Timurs

Richard Arnold Bermann: Die Erben Timurs - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Arnold Bermann
titleDie Erben Timurs
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
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VIII

Buchschmuck Die Achse des göttlichen Glaubens und der Gesetze, der Mittelpunkt des Kreises der Gerechtigkeit, der Vater des Sieges, der Tempel beider Weltsysteme, Shahabeddin Mohammed, der zweite Herr der glückbringenden Verbindung der Planeten, der Großherr Hindustans, Schah Dschehan, liegt auf seinem königlichen Lager.

Von der vergoldeten Decke schweben Kugeln aus Bergkristall, in denen bunte Lampen glimmen. Ein Riesenfächer schwingt auf und nieder. Es ist ganz still, nur selten hört man das leise Klingen einer Waffe aus der Vorhalle, in der die tatarischen Amazonen der Haremsgarde die Wache halten.

Der Schläfer liegt verkrümmt da. Auf dem Kopf hat sich der Turban etwas verschoben, läßt den glattrasierten Schädel erkennen. Das Gesicht, das der schneeweiße Bart einrahmt, ist grünlich fahl, mit großen blauen Adern auf der schönen Stirn. Da liegt er, in einem leichten, schmerzdurchwühlten Schlaf, ein Mann von sechsundfünfzig Jahren, in dieser Stunde aber älter, ein gequälter Greis. Seine Hände sind wunderbar schön; selbst im Schlaf preßt er sie oft unbewußt an sein Gesicht, atmet ihren Duft ein.

Ganz Hindustan weiß es: als die Frau, die er liebte, schwanger war, verlangte ihr nach frischen Äpfeln. Aber es war noch nicht die Apfelzeit in Bidschapur. Er hieß noch nicht Schah Dschehan, der Herr der Welt, und war es nicht, war Sultan Khurram nur, und im Kampf mit seinen Brüdern noch ohne Erfolg.

Da war Sultan Khurram betrübt, weil er der Geliebten keine Äpfel bringen konnte. Er ging in den Garten, sah die Apfelbäume an: ach, sie blühten erst! Aber es wird ferner berichtet, daß plötzlich ein sehr alter und heiliger Fakir unter dem Baum stand; und er hatte einen großen Apfel in jeder Hand. Die reichte er dem Prinzen. Und hochbeglückt konnte er die Geliebte trösten gehen.

Ganz Hindustan erzählt: als der wunderbare Fakir dem Prinzen die Äpfel gab, einen in jede Hand, sprach er: »O Khurram, Sohn Dschehangirs, des Königs! Solange deine beiden Hände nach den Äpfeln riechen werden, solange ist das Glück der Erdbewohner dein, Gesundheit, Manneskraft und das Reich Timurs. Wenn du eines Tages, den der Erbarmer abwende, diese Hände zu deinem Gesicht erhebst, und sie riechen nicht mehr nach frischen Äpfeln, dann, Khurram, Sohn Dschehangirs, sieh dich vor!«

In der letzten Zeit aber erzählen sie die Geschichte so: »Dann hüte dich!« – »Vor wem, o Vater der Weisheit?« – »Dann hüte dich vor deinem Sohne Aurangzeb!«

Vielleicht träumt der Schläfer davon. Er preßt die Handrücken an seine Nüstern, er saugt den Geruch seiner Hände gierig ein. Vielleicht ist er jetzt nicht Schah Dschehan, der Herr der Welt, und alt und gequält, sondern Sultan Khurram, und jung. Er rührt sich, wälzt sich auf seinem schwelgerischen Lager, seufzt laut auf, stöhnt aus seinem Schlaf einen Namen, einen Frauennamen: » Ardschumand

Nicht: »Mumtaz-i-Mahal«, »Krone des Harems«. Das war der offizielle Throntitel Ardschumands, er ist tot mit ihr, liegt in dem Perlensarge im Grabpalast Tadsch Mahal zu Agra. Jetzt aber, im Traum des Greises, lebt Ardschumand, die Geliebte seiner Jugend, die Mutter seiner Kinder. Sie lächelt. – – Oh, ein glühendes Schwert sinkt herab, in den zuckenden Leib des Schläfers – –

Schah Dschehan krümmt sich. Der Schmerz ist wieder da, seine heimliche Marter; der Traum verkleidet ihn in tausend Gestalten, jetzt in den Stoß des Schwertes, jetzt in den Biß einer Schlange, die Aurangzebs Augen hat; jetzt entrollt den Händen des Schläfers ein glühender Apfel, kollert über seinen Unterleib, daß das Fleisch aufzischt – –

Ardschumand ist da, neigt sich über die Qual des Geliebten, ihr Lächeln ist Balsam. Nein, es ist ja Dschehanara, nicht Ardschumand. Ardschumand und Dschehanara, es ist ja dieselbe. Jetzt streckt sie ihre kühle Hand aus, der Schmerz wird verschwinden, muß verschwinden, verschwindet schon, die Hand duftet nach reifen Äpfeln, jetzt ist sie ganz nahe, man fühlt schon ihre köstliche Kühle –

Ein tiefer Seufzer. Ein Zucken. Der Schmerz ist zurückgekehrt.

»Ardschumand, bleib'!«

Ach, sie entflieht. In ihr prunkendes Grab, unter der Marmorkuppel der Tadsch Mahal. Der Schläfer fährt empor.

Langsam führt er seine Hände an sein Gesicht. Riechen sie nicht doch ein wenig nach reifen Äpfeln?

Der Schmerz ist dumpf, bleiern. Preßt sich wie ein feuriger Kronring um die Königstirn, gürtet wie ein feuriger Gürtel den Königsleib. Und es ist außer dem leiblichen Schmerz noch etwas da, ein Gedanke, ein Zweifel, jetzt unklar, noch nicht im erwachenden Bewußtsein, aber irgendwo vorhanden, wie abwesend, nicht im Schlaf, nicht im halbwachen Dämmer – –

Jetzt fährt Schah Dschehan zusammen, richtet sich in seinen seidenen Kissen auf, die Augen werden wach, mustern mit erkennendem Blick, wieder Besitz ergreifend, diesen Raum, die goldfunkelnden Wölbungen der Decke, die vielfältig bunten Lampen, die Edelsteinblumen auf den Marmorwänden, den perlengestickten Baldachin, die unvergleichlich leuchtenden Seidenteppiche, die ganze schwüle Pracht.

Der Blick beeilt sich, verschlingt dieses Bild unbegrenzter Macht. Liebkosend ruht das Auge des Königs auf seinen Waffen, die wie immer zu Füßen seines Lagers liegen. Jeden Abend wird ein anderes von den dreißig Schwertern ins Schlafgemach gebracht. Jedes hat seinen Namen, und der Mogul kennt ein jedes.

»Alamgir« heißt das Schwert, das in dieser Nacht Wache hält, »der Welteroberer«. Da liegt es auf dem Schild »Mond der Welt«; die Edelsteine des Griffes funkeln. Akbar schon hat dieses Schwert getragen. Drei ungeheuere Rubine bescheinen mit Blutglanz die Klinge, auf der der Name Allahs geschrieben steht und ein Vers aus dem Koran.

Nun ein langer, ein frommer Blick zum Eingang des Gemachs. In zwei Nischen sind Schränke eingemauert. Der eine enthält Reliquien von ungemeiner Heiligkeit, Kleidungsstücke, die einst den Leib des gesegneten Propheten berührt haben, und Staub, auf seinem Grab gesammelt, der andere, große, die Zeichen und Banner des Mogulheeres. Schah Dschehan sieht sie durch den geschlossenen Schrank, die vergötterten: den Roßschweif, der vor Timur, Sohn Tharagais, einhergetragen wurde, als er aus der Steppe des Nordens geritten kam, seinem Hause die Welt zu gewinnen; den Drachen Azdaha, aus Silber gebildet, auf einer silbernen Stange; das grüne Mogulbanner mit dem Löwen, der an einer Sonne vorbeischreitet; die große Hand der Macht, himmelwärts gereckt, und die goldene Wage der Gerechtigkeit, heilige Symbole von tiefem Sinn. Tausende stürzen sich jauchzend ins Schlachtgewühl, wenn sie sie sehen. Da sind sie, in des alternden Mannes Schlafgemach sicher geborgen. Das Schwert Alamgir hält vor ihnen die Fahnenwacht, und Schah Dschehan ist noch Herr in Hindustan.

Er seufzt, sinkt zurück. Da liegt er, der Abkömmling des Propheten, Tamerlans Enkel, der Schatzreiche, der Städtebauer – – ein Mensch im Nachtgewand, ganz allein, mit einem wühlenden, gierigen Schmerz in seinem Leib, mit einem Angstgedanken tief in seinem Hirn, abgemagert, verkrümmt, vorzeitig greisenhaft.

Jetzt ist sein Bewußtsein völlig wach. Er denkt, jetzt nachts, in der Einsamkeit, nicht in der Sprache der Hinduherde, nicht in der glatten persischen Hofsprache, denkt in dem rauhen türkischen Idiom, das die Ahnen aus der tatarischen Steppe mitbrachten. Denkt den einen Gedanken, den immer gegenwärtigen:

Dschehangir, Sohn Akbars, hat sich gegen den alternden Vater aufgelehnt, daß das große Herz Akbars vor Schmerz brach. Khurram, Sohn Dschehangirs, derselbe nun zum Greis gewordene Mann, der jetzt hier liegt und Schah Dschehan heißt und ein Vater von Söhnen ist, hat sich gegen seinen Vater aufgelehnt – – wer kann denn, wenn er Tamerlans Blut in den Adern hat, der Lockung der unendlichen Macht widerstehen? – sein Diener Mahabet Khan hat den alten Kaiser gefangengenommen. Ein Gefangener im vergoldeten Palast, starb Dschehangir, Akbars Sohn.

Schah Dschehan windet sich auf seinem Lager, er muß an seine Brüder denken. An Schahriyar, den Dschehangirs Testament zum Erben des Reichs eingesetzt hatte, Schahriyar gefangen, geblendet, dann im Kerker umgebracht. Und Khusru, der in den Zelten Schah Dschehans starb. Und an seinen Neffen Bulaki, dem er den Thron und das Leben genommen hat. Es mußte sein, es muß immer sein. Brüder dürfen nicht leben, oder sie dürfen ihre Augen nicht behalten, oder man muß ihnen ihren Verstand nehmen durch Gifttränke. Es muß sein, es ist das innere Gesetz, erbarmungslos, ohne Ausweg. Nur einer hat Platz auf dem Thron, nur eine Hand kann das Schwert halten.

Es ist klar, es ist wahr, es muß sein, muß immer wieder sein – –

Schah Dschehan bäumt sich unter den Stichen des Schmerzes in seinem Unterleib. Oh, diese Qual, am Tage verheimlicht, unter den edelsteinstarrenden Gewändern mit ruhiger Würde getragen, damit niemand sie ahne, niemand sage: Schah Dschehan wird schwach, das Schwert zittert in seiner kranken Hand – –

Krampfhaft führt Schah Dschehan die Handrücken zum Gesicht. Riechen die Hände noch nach reifen Äpfeln? Ein wenig noch? Ist es Täuschung? Riechen sie nur noch nach Rosenwasser und nach Fieberschweiß?

– – Es mußte sein, es muß immer wieder sein!

Es muß jetzt wieder sein. Jetzt wie damals!

Der Schmerz wird unerträglich. Schah Dschehan setzt sich auf, wühlt mit beiden Händen hastig unter seinem Kissen, findet ein goldenes Büchschen, entnimmt ihm zitternd eine kleine graue Pille, das Mittel, das Linderung bringt. Er schluckt die Arznei, liegt lange mit geschlossenen Augen da, ohne Gedanken, nur dem Schmerz nachlauernd, der sich wehrt, bleiben will, dann langsam entschlummert, ein betäubter Lindwurm, noch immer da, niemals fort, doch gebändigt, in seine Höhle verkrochen.

Jetzt kann der Kaiser klar denken; sein Kopf ist ganz leicht, ganz frei.

Und wie ein metallener Hammer auf klingendes Erz schlägt in seinem Hirn immer wieder der Gedanke nieder:

» Es muß jetzt wieder sein, jetzt wie damals

Schah Dschehan schließt seine großen grauen Augen: da sehen sie ganz Hindustan. Sehen das Reich der Söhne Timurs: von den Himalajabergen bis zum Dekkhan, von Persien bis Assam, von Tibet bis Golkonda. Im Westen die Perser, unruhige und ehrgeizige Nachbarn, doch nicht gefährlich, wenn ein starker Mogul das Schwert Tamerlans in seinen Händen hält. Im Süden die Könige von Golkonda und Bidschapur, die letzten muselmanischen Fürsten der ungeheueren Halbinsel, die dem tatarischen Eroberer noch widerstehen, doch halb schon unterjocht; ihr Fall ist eine Frage der Zeit, und dann weht die grüne Sonnenfahne des Moguls von den Eisbergen bis zum Kap Komorin. Aber sie ist ein Zeichen fremder Herrschaft, kaum einer von hundert Menschen im Lande Hindustan bekennt Mohammeds Gesetz. Ein Fremder ist der Mogul im Land; und wäre sein Panzer noch so stark, noch so scharf sein Krummsäbel, noch so schnell sein turkmenisches Pferd, er herrscht doch nur, über Unwillige zwar, weil dieses fremde und feindselige, das erbeutete Land gegen ihn nicht einig ist, weil er so klug ist, es nicht einig werden zu lassen, weil er hart zu sein weiß und duldsam, grausam und milde, weil er sich die wägende Wage zum Symbol erwählt hat neben Keule und Schwert. Nicht ein uralt angestammter König ist Schah Dschehan wie die Radschahs der Götzendiener, die sich sklavisch vor ihm neigen, sie, deren Ahnen in diesem Land geherrscht haben seit dem Urbeginn der Zeiten.

Schah Dschehan sieht ganz Hindustan: das heiße, das schwarze, das üppige Land, durchwimmelt von Millionen und Millionen dunkelhäutiger Menschen: Kaste neben Kaste, stolze Krieger, ungebändigt noch, des Schwertes wohl kundig, und sanfte Ackerbauer, und listenreiche Priester – – und da liegt er auf diesem Prunkbett, er, Schah Dschehan, ein Mann mit einer weißen Haut, aus einem anderen Blut als diese Krieger, eines anderen Glaubens als diese Priester, und ist der Herr.

Herr sein heißt leben, Macht heißt für den Erben Tamerlans Dasein und Atemluft. Mit gewalttätiger Hand die Herrschaft erringen, sie dann festhalten bis zum Ende, das ist innerster Zwang.

Und deshalb – – –

Es muß jetzt wieder sein. Jetzt wie damals!

Wie die Macht errungen wurde, muß sie verteidigt werden. Mit kühner, mit rücksichtsloser Tat und mit kühler List.

Am Tage, wenn ihn das Geräusch seines Königtums umgibt, läßt sich Schah Dschehan manchmal täuschen. Seine Hände scheinen ihm noch nach reifen Äpfeln zu riechen, seine Zeit scheint noch lang zu sein, das Morgen fern, das Heute genußreich und gemächlich. Wenn er zur Stunde der Audienz auf dem Pfauenthron sitzt und Könige sich vor ihm beugen und Heere vorbeiziehen mit grüßenden Standarten, wie könnte er sich am Ende seiner Macht wähnen und am äußersten Klippenrand des Verderbens? Noch ist er der König der Könige, der furchtbare Gebieter. Wenn irgendwo an der Küste Hindustans ein Taucher eine große Perle findet, wem sonst sollte er sie bringen als dem Großherrn, Schah Dschehan? Ein Wink, und wer ihm mißfiel, lebt nicht mehr. Man steht zitternd vor ihm, mit gesenkten Augen. Er befiehlt, und neue Städte wachsen empor, Paläste, wie sie kein Traum noch ersehnt. Er weiß den Sinn des Lebens; unendliche Schönheit weiß er zu schaffen. Er ist ein großer, großer König, siegreich über seine Feinde, in einem friedlich atmenden Lande, angebetet in seinem Harem von den schönsten Frauen des Weltalls, ein Vater vieler und kraftvoller Kinder – – –

Aber jetzt, in der erbarmungslosen Stille der Nacht, weiß Schah Dschehan: Am Ende meiner Macht, am äußersten Klippenrand des Verderbens. Ich bin krank; wehe, wenn die Krankheit mich nur einen kurzen Augenblick überwältigt. Ich hätte das Schicksal eines Tierbändigers, der im Bestienzwinger ohnmächtig würde –

Ich bin krank, und der Erbe meines Throns, er, den ich liebe und der mich liebt – liebt er mich? liebt er mich? – wankt noch im Sattel, hält die Zügel der Macht noch nicht. Wenn morgen ein Gerücht anhebt in Mogulistan: der Padischah ist krank, sie würden in den Basaren flüstern: er ist tot, und man verheimlicht es – dann, an diesem selben Tage stürzen meine vier Söhne aufeinander los wie vier junge Stiere in einer Herde. Drei sind zu viel, drei müssen sterben. Wenn ich ein paar Wochen kraftlos daläge, im Fieber, und dann erwache ich wieder, und sehe, daß nicht Dara gesiegt hat, den ich liebe, und der mich liebt – aber liebt er mich? – dann erwache ich und finde goldene Fesseln um meine Königshände. Ich täusche mich nicht, ich, Khurram, der ich meinen Vater gefangen und meine Brüder getötet habe.

Der alte Mann atmet hastig. Er sieht seine Kinder vor sich, alle, die geliebten, die ungeliebten, die gleichgültigen:

Da ist Dara. Er ist gut und heiter. Ja, vielleicht liebt er seinen Vater wirklich. Er wird ihn, wenn er seine Brüder überwinden kann, vielleicht nicht einsperren, nicht vom Thron stoßen. Liebes, schönes Gesicht! Schah Dschehan sieht ihn als Knaben, wie er sich an die Mutter schmiegte. Gütig und edelgesinnt, ob auch ein wenig leichtfertig. Es wäre furchtbar, ihn unterliegen zu sehen in dem blutigen Kampf, der kommt.

Dann Dschehanara, sie, die der über alles angebeteten Mutter so völlig gleicht. Auch in der treuen Liebe zu Schah Dschehan. Liebe, liebe Dschehanara! Dara und Dschehanara, es ist wohl nicht töricht, ihnen zu vertrauen. Dschehanara liebt Dara und beide sind, o Hoffnung, o Trost, ihrem Vater ergeben.

Schah Schudscha und Murad Bakhsch sind große dicke Knaben, tapfere Krieger, gewiß, doch kaum möglich auf dem Thron von Hindustan. Der ältere, Schah Schudscha, denkt nur an die lässigen Freuden des Harems. Er bekennt sich öffentlich, der Unvorsichtige, zur Ketzerei der Schiiten. Wie kann er siegreich sein, da er sich selbst überschätzt und alle seine Gegner gering achtet? Dabei ist er voll Unruhe, ehrgeizig, gefährlich. Ich würde mich nicht wundern, wenn er der erste wäre, der sich gegen mich empörte.

Murad Bakhsch, ein junger Löwe, mutig und stupid wie ein prachtvolles Raubtier. Spießt Wölfe mit seiner eigenen Hand und betrinkt sich nachher vor lauter Triumph, glaubt, daß er mit seinem eigenen Säbel die ganze Welt bezwingen kann; und ein kleines Kind könnte ihn betrügen.

Aurangzeb unterhandelt mit ihm. Dieser junge Narr bildet sich ein, daß Aurangzeb ihm dienen will und nicht seinem eigenen schrankenlosen Ehrgeiz. Das hat Roschanara ausgeheckt, sie ist das listigste von meinen Kindern. Aurangzeb wäre ohne ihre Klugheit nicht dorthin gekommen, wo er heute schon steht. Er ist groß geworden, Aurangzeb. Ich habe ihn die ganze Zeit durchschaut und gefürchtet; und doch habe ich ihn mehr wirkliche Macht gewinnen lassen als selbst Dara. Er wird sie gegen mich kehren, ich zweifle nicht daran. Er sitzt dort unten im Dekkhan, hat unter dem Vorwand des Kriegs gegen Golkonda ein großes Heer geworben; währenddessen wob in den Frauengemächern meines eigenen Palastes Roschanara ein Spinnennetz.

Dieser glatte und verräterische Perser, Emir Dschumla, ist Aurangzebs beste Stütze. Hat erst seinen Herrn und Wohltäter, den König von Golkonda, an mich verraten, und jetzt verrät er mich an Aurangzeb. Als ob ich nicht wüßte, weshalb er jetzt nach Schahdschehanabad gekommen ist! Wahrlich nicht nur, um mir einen großen Diamanten zu schenken – – –

Schah Dschehan kann nicht anders, er muß mit seinen Gedanken bei diesem märchenhaften Diamanten verweilen, den er morgen bekommen wird. Er liebt Edelsteine, sie sind ihm so greifbare Sinnbilder der schönen Macht, die seines Lebens Inhalt ist.

– – Der Verräter kommt im Auftrag Aurangzebs, um sich zu überzeugen, wie die Dinge am Hofe wirklich stehen, ob ich krank bin, wer von den Emiren mit Geld und Versprechungen verführt werden kann. Ich weiß wirklich nicht, wem ich noch trauen soll; Dara ist hochfahrend und leichtsinnig; mit seinen Narrenstreichen macht er sich lauter Feinde. Neulich hat er sogar Mahabet Khan beleidigt wegen einer Schlägerei, die zwei Soldaten miteinander hatten. Mit schwerer Mühe habe ich den alten Murrkopf besänftigt. Mahabet Khan ist sehr wichtig; ich allein weiß, wie wichtig er ist, er hat ja meinen Vater und Nurmahal gefangengenommen. Ich glaube nicht, daß Aurangzeb schon den Weg zu ihm gefunden hat, Mahabet Khan liebt den Fakir nicht. Aber Emir Dschumla wird sicherlich einen Versuch machen.

Diesem Emir Dschumla müßte man ein Betelblatt aus einer gewissen Büchse zu kauen geben. Oder ihn unter einem Vorwand verhaften, als Geisel. Die halbe Kraft Aurangzebs wäre dahin.

Blitzschnell müßte es geschehen. Morgen, in der Audienz. Oder übermorgen. Oder erst in einigen Wochen, daß man zugleich Schah Schudscha und Murad an den Hof locken könnte und festnehmen und nach Gwalior schicken? Die Fürstinnen aus dem Hause Timurs schickt man nicht ins Gefängnis nach Gwalior, aber es gibt schon andere Mittel, der Schlange, Roschanara, die Giftzähne auszuziehen. Dann ist Aurangzeb vereinsamt, er würde wohl losschlagen müssen, er hat keine Wahl mehr, aber dann hat er die ganze Macht des Reichs gegen sich. Vielleicht halte ich so lange aus, werde nicht vorher krank, dann kann ich selbst ins Feld ziehen, wenige würden dann wagen, sich offen zu empören.

Ja, es geht noch. Aber es ist höchste Zeit. Wenn ich jetzt plötzlich zuschlage, fürchterlich, blitzschnell, ohne Erbarmen, der alte Schah Dschehan, rette ich Dara. Ohne meine Hilfe, nach meinem Tode oder wenn ich krank läge, würde er niemals mit seinen drei Brüdern fertig werden. Aurangzeb und Roschanara sind viel stärker als er, obwohl Dschehanara auf seiner Seite ist – –

Die Kette ber Gedanken reißt ab. Mit weit aufgerissenen Augen liegt Schah Dschehan auf seinem Rücken, mit ausgebreiteten Armen, verkrampften Fingern. Auf einmal scheint es ihm, als hätte er sich immer in einem ungeheuerlichen Irrtum befunden, als wäre nicht Dara, sondern Aurangzeb sein bester Sohn, der echte Erbe des Reichs.

Aurangzeb und Roschanara, die Starken, die Listigen unter seinen Kindern. Dieser Dara – ein liebenswürdiger Knabe mit seinen vierzig Jahren. Er macht sich den Rechtgläubigen verdächtig durch seinen Verkehr mit all diesen Franken; schon erzählt man einander in den Basaren, daß er selbst ein Ungläubiger und Esser von Unrat geworden ist. Wie kann einer, der so weich ist, schwankend im Entschluß, in dem großen Kampf siegen, der kommt, und dann mit fester Hand dieses Land beherrschen, das störrisch ist wie ein zu alter und mürrisch gewordener Elefant? Freilich, Dschehanara ist da. Sie ist die Herrin-Königin, sie ist stolz und klug, wenn sie nur ein Mann wäre! Aber auch sie begeht Fehler. Das Spiel mit diesem niederen Sklaven Dulera geht zu weit. Viel ist den Töchtern Timurs gestattet, und die Mauern der Mahal sind hoch, niemand blickt darüber. Doch Dschehanara Begum gleicht Dara, dem Bruder, den sie liebt: sie achtet das Urteil der Rechtgläubigen nicht, wahrt ihr Antlitz nicht. Schon beginnen die Ulemas gegen sie zu predigen, ebenso wie gegen Dara. Roschanara ist viel vorsichtiger. Gegen sie predigt kein Ulema.

Aurangzeb und Roschanara, die Starken und Listigen! Müssen sie nicht siegen in dem Kampf, der kommt? Sie sind wie Gefäße aus rauhem Erz, und die anderen wie kostbare Gefäße aus chinesischer Erde. Mag auch Rosenwasser in den zarteren Gefäßen sein, wehe, wenn sie mit den ehernen zusammenstoßen!

Wenn Aurangzeb siegt? Das Reich Timurs wird einen Herrn haben, machtvoll im Krieg, ränkereich im Rat, ein gutes Schwert und ein vergifteter Leckerbissen für seine Feinde. Er wird keine gefährlichen Brüder am Leben lassen, er wird rechtzeitig seinen Söhnen mißtrauen. Er ist ein echter Mogul vom alten Stamm – –

Schah Dschehan liegt ganz reglos da, denkt kühl nach. Es gelingt ihm, die furchtbare Möglichkeit ruhig zu erwägen: wenn man den geliebten Sohn, Dara, dem gehaßten opferte, Aurangzeb. Wie die Dinge liegen, ist es nicht gewiß, ob man Dara zur Erbfolge verhelfen kann. Aurangzeb wäre des Erfolges sicher, unterstützte ihn der Vater. Ob dann dem Fakir zu trauen wäre, ob er seine Ungeduld zügeln könnte, bis der Lauf der Natur ihm diese Erbfolge verleiht?

Vielleicht. Auch eine giftige Schlange kann man sich um den Hals legen, wenn man sie richtig zu bändigen versteht. Aber es handelt sich ja nicht nur darum, selbst bis ans Ende des Lebens die Macht und die Herrlichkeit zu behalten. So klein denkt Schah Dschehan nicht von sich. Er ist der Erbe Timurs, Babers, Humayuns, Akbars, und das Erbe so großer Könige hat er, ein großer König, zu schützen und zu wahren. Und Aurangzeb ist der Mann nicht, das Reich zusammenzuhalten. Eher noch Dara, obgleich er zu milde ist und schwach.

Das eine haben sie alle verstanden, die Söhne Timurs, die im Lande Hind geherrscht haben: daß sie hier Fremde sind und die Söhne von Fremden. Sie herrschen, weil der Säbel scharf ist und die zahllose Menge der Dunkelhäutigen, der Götzendiener, uneinig. Man darf sie nicht einen durch gemeinsame Unterdrückung. Richtet das Minarett auf über Allahs Moschee und laßt es hoch über die Tempel der falschen Götzen ragen, aber duldet diese Tempel im Schatten der Moschee! Kein Mogul aus Tamerlans Haus hat einen Tempel Schiwas mit Kuhblut beschmieren lassen oder den Hindus eine Kopfsteuer auferlegt. So dienen sie dem Eroberer, die stolzen Krieger der Radschputen. Aurangzeb ist ein engstirniger Eiferer, die Hetzrede eines Mullahs gilt ihm mehr als Akbars Staatsweisheit. Würde er nicht, um einige Heidentempel zu zerstören, die Herrschaft des Islams gefährden, jeden Brahmanen von den Eisbergen bis zum Kap Komorin zum Todfeind des Mogulreiches machen, den ungeheueren schlafenden Leviathan wecken, auf dessen Rücken der Palast des Reiches gebaut ist?

Schah Dschehan schlägt mit unruhigen Fäusten auf sein Lager, ihm ist, als schwankte er plötzlich. Fluch diesem Fakir, dem Vater des Schmutzes! Er wird schimmeliges Brot und stinkende Zwiebeln essen in den Prunkhallen von Schahdschehanabad. Auf dem Pfauenthrone werden Läuse herumkriechen. Ihm stünde des Reichs Herrlichkeit an wie einem Schakal ein Perlenhalsband. Man salbt Ratten nicht mit Rosenöl. Dara, ja Dara hat mit dem Vater den Sinn für edles Leben und schöne Werke gemein. Auch ein Säbel, der Blut vergießt, muß kostbare Edelsteine am Griff haben und mit Gold verziert sein. Das Haus Allahs prächtig aufzubauen in Hindustan und den Palast des Großherrn, das geziemt dem Mogul. Denn nicht Herr zu sein, sondern der Herrschaft würdig, ist das Ziel königlichen Daseins.

Der alte Mann seufzt erleichtert: die überlegende Vernunft scheint im Einklang mit dem Wunsch des Herzens. Nein, Aurangzeb ist der Erbe nicht, den das Reich braucht. Er würde durch Unduldsamkeit zerstören, was Baber, Akbar, Schah Dschehan so weise aufgebaut haben; er würde die Hindus zum Abfall bringen und die goldene Wage der Gerechtigkeit zerbrechen, die das edelste Wahrzeichen des Moguls ist. Im Namen Allahs, des Barmherzigen, des Erbarmers, nie darf dieser Fakir mit dem Turban des Großherrn gekrönt werden.

Aber dann gilt es zu handeln. Gleich. Morgen. Emir Dschumla ist in der Stadt, er darf sie nicht verlassen, mit eingeheimstem Verrat in seinen Satteltaschen. Man muß ihn mit Gnadenbeweisen überhäufen und dann verderben.

Und die Prinzen müssen unschädlich gemacht werden, ohne Zaudern, ohne Gnade. Zu lange hat man gezaudert, hat die Gefahr wachsen lassen wie eine giftige Pflanze, die der Gärtner lange schont, weil ihre Blüten schön sind und von anmutigem Duft. Ausreißen – –!

Schah Dschehan tastet nach dem Schwerte Alamgir. Die Welt erobern mit dem Schwert! Und wenn es das Blut von Brüdern und Söhnen trinken müßte! Das ist das Gesetz der Kinder Tamerlans.

Jetzt hat der alte Mann das Schwert erfaßt. Er liegt da auf seinem Lager, krank, ausgemergelt, auf dem Rücken, und hebt das blanke Schwert hoch. Die drei Rubine gießen Blut auf seine Rechte.

Und nun wirft er plötzlich die Waffe von sich, als wäre ihr Griff glühend. Er hat seine Hand blutig gesehen, und er ist alt, krank, ganz allein mit sich selbst, und ihm graut vor dem Blut. Wieder beriecht er seine Hände; riechen sie nicht nach Blut? Diese Prinzen, die in Gwalior Mohnsaft trinken sollen, sind sie nicht seine Söhne, die Söhne seiner Ardschumand? Eben waren sie noch Knaben in dem Schoße der Mutter.

Schah Dschehan erschrickt, sieht ein Bild vor sich: zwei Knaben auf den Knien der Mutter. Der eine ist er selbst, der andere, der Kleine, Schöne, ist sein Bruder Schahriyar. Den er hat blenden lassen, dann töten. Es war nötig, es muß so sein, der König darf keine Brüder haben und keine gefährlichen Söhne. Dies ist das innerste Gesetz der Macht: eifersüchtig zu sein.

Aber in dieser nächtlichen Stunde ist es Schah Dschehan nun, als wäre alle Macht und Herrlichkeit das nicht wert, daß die Hände nach Blut riechen. Längs ihrer Heerstraßen haben seine tatarischen Ahnen Schädelpyramiden gebildet. Jetzt weiß er, warum es so hat kommen müssen, warum Aurangzeb an der Spitze eines Heeres im Dekkhan steht, statt geblendet in einem Kerker zu liegen. Schah Dschehan hat seinen Vater gefangengenommen und seinen Bruder ermorden lassen; und dann hat er ausgeruht, ein Leben lang, hat die Wage der Gerechtigkeit in Händen gehalten und herrliche Städte gebaut. Lange ausgeruht in Frieden, aber er hat immer gewußt: bis meine Söhne zu groß werden und gefährlich. Dann muß noch einmal der furchtbare Kampf geführt werden; erst seinen Vater zu morden, dann seine Söhne, ist das grauenhafte und erhabene Los des königlichen Tigers.

Jetzt ist der Augenblick da. Ihn versäumen, heißt unterliegen. Man darf nicht mehr zögern, keine einzige Stunde mehr.

Es muß jetzt wieder sein. Wie damals!

Er weiß es, er weiß es ganz klar. Er möchte seine Hand ausstrecken nach dem Schwert, das ihr entfallen ist. Nach Tamerlans erbarmungslosem Tatarenschwert. Aber seine Hand ist so schwer, und jener entsetzliche bleierne Schmerz schleicht wieder heran. Die Hand ausstrecken, die Finger fest um den Griff schließen, den blutigen Schein der Rubine über sie rieseln lassen – –

Schah Dschehan kann es nicht. Er hat ein Königsleben gelebt, die herrlichste der Frauen geliebt und begraben, die Paläste und Moscheen Agras gebaut und Schahdschehanabads, jetzt ist er müde. Müde. Müde. Und der Schmerz kriecht heran wie eine dicke Schlange. Müde. Der Kaiser schläft.

Buchschmuck
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